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Guten Willens Ungeschick
Du scheuchst den frommen Freund von mir, Weil krank ich sei und sehr bewegt, Mein hell und blühend Lustrevier Hast du mit Dornen mir umhegt; Wohl weiß ich, daß der Wille rein, Daß eure Sorge immer wach, Doch was ihn labt, was hindert, ach, Ein jeder weiß es nur allein.
Ich denke, wie ich einstens saß An eines Hügels schroffem Rain, Und sah ein schönes Kind, das las Sich Schneckenhäuschen im Gestein; Dann glitt es aus, ich sprang hinzu, Es hatte sich am Strauch gedrückt; Ich griff es an gar ungeschickt, Und abwärts rollte es im Nu;
Auf hob ich es, das weinend lag, Und grimmig weinend um sich fuhr, Und freilich, was es stieß vom Hag, Mein schlimmes Helfen war es nur. - Und an der Klippe stand ich auch, Bei Vogelbrut mit Flaumenhaar, Und drüber pfiff wie ein Korsar Ein Weihe hoch im Nebelrauch.
Nun blitzte wie ein Strahl heran Und immer näher schoß der Weih, Ich schwang das Tuch, den Mantel dann, Die jungen Vögel duckten scheu; Und aufwärts funkelnd, angstgepreßt, Wie Marder pfiffen sie so klar; Da ward mir endlich offenbar, Dies sei des Weihen eignes Nest.
So hab' ich hundertmal gefühlt, Und tausendmal hab' ich gesehn, Daß nichts so hart am Herzen wühlt Wo seine tiefsten Adern gehn, Als - zürne nicht, die Lippen drück' Ich sühnend auf der Lippen Rand - Als eine liebe rasche Hand In guten Willens Ungeschick.
Der Traum
An Amalie H.
Jüngst hab' ich dich gesehn im Traum, So lieblich saßest du behütet, In einer Laube grünem Raum, Von duftendem Jasmin umblütet, Durch Zweige fiel das goldne Licht, Aus Vogelkehlen ward gesungen, Du saßest da, wie ein Gedicht Von einem Blumenkranz umschlungen.
Und deine liebe Rechte trug Das Antlitz mit so edlen Sitten, Im Sand das aufgeschlagne Buch Schien von dem Schoße dir geglitten; Dich lehnend an den frischen Hag Hauchtest du flüsternd leise Küsse, Im Auge eine Träne lag Wie Tau im Kelche der Narzisse.
Dich anzuschaun war meine Lust, Zu lauschen deiner Züge Regen, Und dennoch hätt' ich gern gewußt, Was dich so innig mocht' bewegen? Da bogst du sacht hinab den Zweig, Strichst lächelnd an der Spitzenhaube, An deine Schulter huscht' ich gleich, Sah einen Baum in schlichtem Laube:
Und auf dem Baume saß ein Fink, Der schleppte dürres Moos und Reisig, »Schau her, schau wieder!« zirpt' er flink Und förderte am Nestchen fleißig; Er sah so keck und fröhlich aus, Als trüg' er des Flamingo Kleider, So sorglich hüpft' er um sein Haus, Als fürcht' er bösen Blick und Neider.
Und wenn ein Reischen er gelegt, Dann rief er alle Welt zu Zeugen, Als müsse was der Garten hegt, Blum' und Gesträuch sich vor ihm neigen; Um deine Lippe flog ein Zug, Wie ich ihn oft an ihr gesehen, Und meinen Namen ließ im Flug Sie über ihre Spalte gehen.
Schon hob ich meine Hand hinauf Mit leisem Schlage dich zu strafen, Allein da wacht' ich plötzlich auf Und bin nicht wieder eingeschlafen; Nur deiner hab' ich fortgedacht, Säh' dich so gern am grünen Hage, Mich dünkt, so lieb wie in der Nacht Sah ich dich noch an keinem Tage.
Im Eise schlummern Blum' und Zweig, Dezemberwinde schneidend wehen, Der Garten steht im Wolkenreich, Wo tausend schönre Garten stehen; So golden ist kein Sonnenschein, Daß er wie der erträumte blinke; Doch du, bist du nicht wirklich mein? Und bin ich nicht dein dummer Finke?
Locke und Lied
Meine Lieder sandte ich dir, Meines Herzens strömende Quellen, Deine Locke sandtest du mir, Deines Hauptes ringelnde Wellen; Hauptes Welle und Herzens Flut Sie zogen einander vorüber, Haben sie nicht im Kusse geruht? Schoß nicht ein Leuchten darüber?
Und du klagest: verblichen sei Die Farbe der wandernden Zeichen; Scheiden tut weh, mein Liebchen, ei, Die Scheidenden dürfen erbleichen; Warst du blaß nicht, zitternd und kalt, Als ich von dir mich gerissen? Blicke sie an, du Milde, und bald, Bald werden den Herrn sie nicht missen.
Auch deine Locke hat sich gestreckt, Verdrossen, gleich schlafendem Kinde, Doch ich hab' sie mit Küssen geweckt, Hab' sie gestreichelt so linde, Ihr geflüstert von unserer Treu', Sie geschlungen um deine Kränze, Und nun ringelt sie sich aufs neu, Wie eine Rebe im Lenze.
Wenig Wochen, dann grünet der Stamm, Hat Sonnenschein sich ergossen, Und wir sitzen am rieselnden Damm, Die Händ' in einander geschlossen, Schaun in die Welle, und schaun in das Aug' Uns wieder und wieder und lachen, Und Bekanntschaft mögen dann auch Die Lock' und der Liederstrom machen.
An ***
Kein Wort, und wär' es scharf wie Stahles Klinge, Soll trennen, was in tausend Fäden eins, So mächtig kein Gedanke, daß er dringe Vergällend in den Becher reinen Weins; Das Leben ist so kurz, das Glück so selten, So großes Kleinod, einmal sein statt gelten!
Hat das Geschick uns, wie in frevlem Witze, Auf feindlich starre Pole gleich erhöht, So wisse, dort, dort auf der Scheidung Spitze Herrscht, König über alle, der Magnet, Nicht frägt er ob ihn Fels und Strom gefährde, Ein Strahl fährt mitten er durchs Herz der Erde.
Blick in mein Auge - ist es nicht das deine, Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich? Du lächelst - und dein Lächeln ist das meine, An gleicher Lust und gleichem Sinnen reich; Worüber alle Lippen freundlich scherzen, Wir fühlen heil'ger es im eignen Herzen.
Pollux und Kastor, - wechselnd Glühn und Bleichen, Des einen Licht geraubt dem andern nur, Und doch der allerfrömmsten Treue Zeichen. - So reiche mir die Hand, mein Dioskur! Und mag erneuern sich die holde Mythe, Wo überm Helm die Zwillingsflamme glühte.
Poesie
Frägst du mich im Rätselspiele, Wer die zarte lichte Fei, Die sich drei Kleinoden gleiche Und ein Strahl doch selber sei? Ob ich's rate? Ob ich fehle? Liebchen, pfiffig war ich nie, Doch in meiner tiefsten Seele Hallt es: Das ist Poesie!
Jener Strahl der, Licht und Flamme, Keiner Farbe zugetan, Und doch, über alles gleitend Tausend Farben zündet an, Jedes Recht und keines Eigen. - Die Kleinode nenn' ich dir: Den Türkis, den Amethisten, Und der Perle edle Zier.
Poesie gleicht dem Türkise, Dessen frommes Auge bricht, Wenn verborgner Säure Brodem Nahte seinem reinen Licht; Dessen Ursprung keiner kündet, Der wie Himmelsgabe kam, Und des Himmels milde Bläue Sich zum milden Zeichen nahm.
Und sie gleicht dem Amethisten, Der sein veilchenblau Gewand Läßt zu schnödem Grau erblassen An des Ungetreuen Hand; Der, gemeinen Götzen frönend, Sinkt zu niedren Steines Art, Und nur einer Flamme dienend Seinen edlen Glanz bewahrt;
Gleicht der Perle auch, der zarten, Am Gesunden tauig klar, Aber saugend, was da Krankes In geheimsten Adern war; Sahst du niemals ihre Schimmer Grünlich, wie ein modernd Tuch? Eine Perle bleibt es immer, Aber die ein Siecher trug.
Und du lächelst meiner Lösung, Flüsterst wie ein Widerhall: Poesie gleicht dem Pokale Aus venedischem Kristall; Gift hinein - und schwirrend singt er Schwanenliedes Melodie, Dann in tausend Trümmer klirrend, Und hin ist die Poesie!
An ***
O frage nicht was mich so tief bewegt, Seh ich dein junges Blut so freudig wallen, Warum, an deine klare Stirn gelegt, Mir schwere Tropfen aus den Wimpern fallen.
Mich träumte einst, ich sei ein albern Kind, Sich emsig mühend an des Tisches Borden; Wie übermächtig die Vokabeln sind, Die wieder Hieroglyphen mir geworden!
Und als ich dann erwache, da weine' ich heiß, Daß mir so klar und nüchtern jetzt zu Mute, Daß ich so schrankenlos und überweis', So ohne Furcht vor Schelten und vor Rute.
So, wenn ich schaue in dein Antlitz mild, Wo tausend frische Lebenskeime walten, Da ist es mir, als ob Natur mein Bild Mir aus dem Zauberspiegel vorgehalten;
Und all mein Hoffen, meiner Seele Brand, Und meiner Liebessonne dämmernd Scheinen, Was noch entschwinden wird und was entschwand, Das muß ich alles dann in dir beweinen.
An Elise
Am 19. November 1843
Du weiße es lange wohl wie wert du mir, Was sollt' ich es nicht froh und offen tragen Ein Lieben, das so frischer Ranken Zier Um meinen kranken Lebensbaum geschlagen? Und manchen Abend hab' ich nachgedacht, In leiser Stunde träumerischem Sinnen, Wie deinen Morgen, meine nahnde Nacht Das Schicksal ließ aus einer Urne rinnen.
Zu alt zur Zwillingsschwester, möchte ich Mein Töchterchen dich nennen, meinen Sprossen, Mir ist, als ob mein fliehend Leben sich, Mein rinnend Blut in deine Brust ergossen. Wo flammt im Herzen mir ein Opferherd, Daß nicht der deine loderte daneben, Von gleichen Landes lieber Luft genährt, Von gleicher Freunde frommem Kreis umgeben?
Und heut, am Sankt Elisabethentag, Vereinend uns mit gleichen Namens Banden, Schlug ich bedächtig im Kalender nach, Welch' Heilige am Taufborn uns gestanden; Da fand ich eine königliche Frau, Die ihre milde Segenshand gebreitet, Und eine Patriarchin, ernst und grau, Nur wert um den, des Wege sie bereitet.
Fast war es mir, als ob dies Doppelbild Mit strengem Mahnen strebe uns zu trennen, Als woll' es dir die Fürstin zart und mild, Mir nur die ernste Hüterin vergönnen; Doch - lächle nicht - ich hab' mich abgekehrt, Bin fast verschämt zur Seite dir getreten; Nun wähle, Lieb, und die du dir beschert, Zu der will ich als meiner Heil'gen beten.
Ein Sommertagstraum
Im tiefen West der Schwaden grollte, Es stand die Luft, ein siedend Meer, An meines Fensters Vorhang rollte Die Sonnenkugel, glüh und schwer, Und wie ein Kranker, lang gestreckt, Lag ich auf grünen Sofakissen, Das Haupt von wüstem Schmerz zerrissen, Die Stirne fieberhaft gefleckt.
Um mich Geschenke, die man heute Zu meinem Wiegenfest gesandt, Denare, Schriften, Meeres Beute, Ich hab' mich schnöde abgewandt; Zum Tode matt und schlafberaubt Studiert ich der Gardine Bauschen, Und horchte auf des Blutes Rauschen Und Klingeln im betäubten Haupt.
Zuweilen dehnte sich ein Murren Den Horizont entlang, es schlich Am Hag ein Rieseln und ein Surren, Wie flatternder Libelle Strich; Betäubend zog Resedaduft Durch des Balkones offne Türen, In jeder Nerve war zu spüren Die schwefelnde Gewitterluft.
Da plötzlich schien sich aufzurichten Am Fensterrahm ein Schattenwall, Und mählich schob die dunklen Schichten Er näher an den glühen Ball. Durch der Gardine Spalten zog Ein frischer Hauch, ich schloß die Augen, Um tiefer, tiefer einzusaugen, Was leise spielend mich umflog.
Genau vernahm ich noch das Rucken Des flatternden Papiers, das Licht Der Stufe sah ich schmerzend zucken; Ob ich entschlief? mich dünkt es nicht. Doch schneller schien am Autograph Das dürre Züngelchen zu wehen, Ein glitzernd Aug' der Stein zu drehen, Die Muschel dehnte sich im Schlaf.
Und, nächt'ger Mücke zu vergleichen, Umsäuselte mich halber Klang, Am Teppich schien es sacht zu streichen, Und lief des Polsters Saum entlang, Wie wenn im zitternden Papier Der Fliege zarte Füßchen irren; Und heller feiner aus dem Schwirren Drang es wie Wortes Hauch zu mir:
Das Autograph
Pst! - St! - ja, ja, Das mocht' eine Pracht noch heißen, Als ich am Ärmel sah Die goldenen Tressen gleißen! Wie waren die Hände weiß und weich, Wie funkelten die Demanten! Wie schwammen drüber, so duftig, reich, Die breiten Brüsseler Kanten!
Das waren Bilder und Lockenpracht, Wie mähnige Leun in Rahmen! Das Vasen! wo in der Galatracht Spazierten schäfernde Damen! Und, o, das war eine Blumensee, Ein farbiges Blütengewimmel! Das eine berauschende Äthernäh' Von heißem südlichen Himmel!
Pst! - St! - ich duckt' in meinem Fach, Pst! - still - wie Vögel im Nest, Und ward am Gitter die Brise wach, Dann ruschelt' ich mit dem West. O, o! der war auch ein Vagabund: Von Bogen flog er zu Bogen, Hat aus der Siegel Granatenmund Säuselnde Küsse gesogen.
Pst! - drunten, hart an meiner Klaus' Ein Tisch auf güldenen Krallen; Und wispelte ich zu weit hinaus, Ich wär auf den Amor gefallen; Der stand, einen Köcher in jeder Hand, Wie sinnend auf lustige Finte, Das Haupt gewendet vom stäubenden Sand, Und spiegelte sich in der Dinte.
Sieh! drüben der Türen Paneele, breit, Geschmückt mit schimmernden Leisten! Wie hab' ich geflattert und mich gefreut, Wenn leise knarrend sie gleißten! Dann kam das Ding - ein Mann - ein Greis? - Nie konnte ich satt mich schauen, Daß seine Lockenkaskaden so weiß, So glänzend schwarz seine Brauen!
Schrieb, schrieb, daß die Feder knirrt' und bog, Lang lange schlängelnde Kette, Und sachte über den Marmor zog Und schleifte sich die Manschette. Das summt' und säuselte mir wie Traum, Wie surrender Bienen Lesen, Als sei ich einst ein seidener Schaum, Eine Spitzenmanschette gewesen.
Pst! - stille, - sieh, ein andrer! - sieh! Wie schütteln des Schreibers Locken! Er beugt und schlenkert sich bis ans Knie, Schlürft und schleicht wie auf Socken. Ha! es zupft mich, - ich falle, ich falle! - Da liege ich hülflos gebreitet, Und über mich die dintige Galle Wie Würmer krimmelt und gleitet Licht! Leben! durch die Fasern gießt Gleich Ichor sich der Menschengeist; Wie's droben tönt, die Spalte fließt, Gedankenwelle schwillt und kreist. »Viva!« - ein König wird gegrüßt, - Es fault im Mark, die Rinde gleißt. - Und Schiffe, schwer von Proviant, Ziehn übers Meer vom Nordenstrand.
Ich zittre, zittre, jenes Fremden Auge, Lichtblau und klar, ist über mich gebeugt; Ob es den Geist mir aus den Fasern sauge? Ich weiß es nicht, sein Blinzen sinkt und steigt, Ein Auge scharf wie Scheidewassers Lauge! - Er streicht die Brauen, faßt die Feder leicht, - Nun schlängelt er, - nun drunten steht es da: »Theodor' il primo, re di Corsica.« Pst! still! - der König spricht, Denar, halt Ruh! Was schaukelst dich, was klimperst du?
Der Denar
O! über deinen König! ganz dir gleich, Du glattgeschlagner Lumpen, o, sein Reich Das Inselchen, des kärglichen Tribut Lukull in eine Silberschüssel lud, Gebannt in eine Perle Cäsars Hand In der Ägypterfürstin Locken wand. Du, zitternd vor Satrapenblicke, fahl Wärst du zerstäubt vor seiner Augen Strahl, Wenn langsam übers Forum, im Triumph Das Viergespann ihn rollte; hörst du dumpf, Wie halberwachten Donner oder Spülen Der Brandung, Pöbelwoge ziehn und wühlen, Um die Quadriga summend, wie im Nahn Prüft seine Stimme murrend der Orkan? »Heil, Cäsar, Heil!« um seine kahle Stirn Ragt Lorbeer, wie die Ficht' um Klippenfirn; Er lächelt, und aus seinem Lächeln fließet Ein leise schläfernd Gift, o Roma, dir, Sein halbgeschloß'nes Auge Fäden schießet, Ein unzerreißbar Netz. - Gebückt und stier, Zerzausten Haares, vor den Rossen klirrt Endloser Gallierzug, die Fesseln schleifen, Und aus der Pöbelwelle gellt und schwirrt Gezisch, Gejubel, Zymbelklang und Pfeifen. Denare fliegen aus des Siegers Hand, Ha, wie es krabbelt im Arenasand! - Der Imperator nickt und klingelt fort. Noch lieg' ich unberührt im Byssusbeutel, - Was steigt so schwarz am Kapitole dort? Es dunkelt, dunkelt; - über Cäsars Scheitel Ein Riesenaar mit Flügelrauschen steigt, Die Sonne schwindet, - doch ein Leuchten streicht Um der Liktoren Beile, - wieder itzt - Sie zucken, schwenken sich - es blitzt! - es blitzt!
Die Erzstufe
Ja, Blitze, Blitze! der Schwaden drängt Giftiges Gas am Risse hinaus, Auf einem Blitze bin ich gesprengt Aus meinem funkelnden Kellerhaus. O, wie war ich zerbrochen und krank, Wie rieselt's mir über die blanke Haut, Wenn langsam schwellend der Tropfen sank, Des Zuges Schneide mich angegraut!
Kennst du den Bergmönch, den braunen Schelm, Dem auf der Schulter das Antlitz kreist? Schwan und rauh wie ein rostiger Helm, Wie die Grubenlampe sein Auge gleißt. O, er ist böse, tückisch und schlimm! Mit dem Gezähe hackt er am Spalt, Bis das schwefelnde Wetter im Grimm Gegen die weichende Rinde schwallt.
Steiger bete! du armer Knapp', Dem in der Hütte das Kindlein zart, Betet! betet! eh ihr hinab, Eh zum letzten Male vor Ort ihr fahrt. Sieben Nächte hab' ich gesehn Wie eine Walze rollen den Nacken, Und die Augen funkeln und drehn, Und das Gezähe schürfen und hacken.
Dort, dort hinter dem reichen Gang Lauert der giftige Brodem; da Wo der Kobold den Hammer schwang, Wo ich am Bruche ihn schnuppern sah. Gleich dem Molche von Dunste trunken Schwoll und wackelt' der Gnom am Grund, Und des Gases knisternde Funken Zogen in seinen saugenden Schlund.
Bete, Steiger, den Morgenpsalm Einmal noch, und dein »Walt's Gott«, Deinen Segen gen Wetters Qualm, Gäh' Verscheiden und Teufelsrott'. Schau noch einmal ins Angesicht Deinem Töchterchen, deinem Weib, Und dann zünde das Grubenlicht. »Gott die Seele, dem Schacht der Leib!«
Sie sind vor Ort, die Lämpchen rund Wie Irrwischflämmchen aufgestellt. Die Winde keucht, es rollt der Hund, Der Hammer pickt, die Stufe fällt, An Bleigewürfel, Glimmerspat Zerrinnend, malt der kleine Strahl In seiner Glorie schwimmend Rad Sich Regenbogen und Opal.
Die Winde keucht, es rollt der Hund. - Hörst du des Schwadens Sausen nicht? Wie Hagel bröckelt es zum Grund - Der Hammer pickt, die Stufe bricht; - Weh, weh! es zündet, flammt hinein!
Hinweg! es schmettert aus der Höh'! Felsblöcke, zuckendes Gebein! Wo bin ich? bin ich? - auf der See? Und welch Geriesel - immer immerzu, Wie Regentropfen, regnet's?
Die Muschel
Su, susu, O, schlaf im schimmernden Bade, Hörst du sie plätschern und rauschen, Meine hüpfende blanke Najade? Ihres Haares seidenen Tang Über der Schultern Perlenschaum; Horch! sie singt den Wellengesang, Süß wie Vögelein, zart wie Traum:
»Webe, woge, Welle, wie Westes Säuselmelodie, Wie die Schwalbe übers Meer Zwitschernd streicht von Süden her, Wie des Himmels Wolken tauen Segen auf des Eilands Auen, Wie die Muschel knirrt am Strand, Von der Düne rieselt Sand.
Woge, Welle, sachte, sacht, Daß der Triton nicht erwacht. In der Hand das plumpe Horn Schlummert er, am Strudelborn. In der Muschelhalle liegt er, Seine grünen Zöpfe wiegt er; Riesle, Woge, Sand und Kies, In des Bartes zottig Vlies.
Leise, leise, Wellenkreis, Wie des Liebsten Ruder leis Streift dein leuchtend Glas entlang Zu dem nächtlich süßen Gang; Wenn das Boot, im Strauch geborgen, Tändelt, schaukelt, bis zum Morgen. In der Kammer flimmert Licht; Ruhig, Kiesel, knistert nicht!«
Das Lied verhaucht, wie Echo am Gestade, Und leiser, leiser wiegt sich die Najade, Beginnt ihr strömend Flockenhaar zu breiten, Läßt vom Korallenkamm die Tropfen gleiten, Und sachte strehlend schwimmt sie, wie ein Hauch, Im Strahl der dämmert durch den Nebelrauch; Wie glänzt ihr Regenbogenschleier! - o, Die Sonne steigt, - das Meer beginnt zu zittern, - Ein Silbernetz von Myriaden Flittern! Mein Auge zündet sich - wo bin ich? - wo?
Tief atmend saß ich auf, aus Westen Bohrte der schräge Sonnenstrahl, Es tropft' und rieselt' von den Ästen, Die Lerche stieg im Äthersaal; Vom blanken Erzgewürfel traf Mein Aug' ein Leuchten, schmerzlich flirrend, Und in des Zuges Hauche schwirrend Am Boden lag das Autograph.
So hab' ich Donner, Blitz und Regenschauer Verträumt, in einer Sommerstunde Dauer.
Die junge Mutter
Im grün verhangnen duftigen Gemach, Auf weißen Kissen liegt die junge Mutter; Wie brennt die Stirn! Sie hebt das Auge schwach Zum Bauer, wo die Nachtigall das Futter Den nackten Jungen reicht: »Mein armes Tier«, So flüstert sie, »und bist du auch gefangen Gleich mir, wenn draußen Lenz und Sonne prangen, So hast du deine Kleinen doch bei dir.«
Den Vorhang hebt die graue Wärterin, Und legt den Finger mahnend auf die Lippen; Die Kranke dreht das schwere Auge hin, Gefällig will sie von dem Tranke nippen; Er mundet schon, und ihre bleiche Hand Faßt fester den Kristall, - o milde Labe! - »Elisabeth, was macht mein kleiner Knabe?« »Er schläft«, versetzt die Alte abgewandt.
Wie mag er zierlich liegen! - Kleines Ding! - Und selig lächelnd sinkt sie in die Kissen; Ob man den Schleier um die Wiege hing, Den Schleier der am Erntefest zerrissen? Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett, Daß alle Frauen höchlich es gepriesen, Und eine Ranke ließ sie drüber sprießen. »Was läutet man im Dom, Elisabeth?«
»Madame, wir haben heut Mariatag.« So hoch im Mond? sie kann sich nicht besinnen. - Wie war es nur? - doch ihr Gehirn ist schwach. Und leise suchend zieht sie aus den Linnen Ein Häubchen, in dem Strahle kümmerlich Läßt sie den Faden in die Nadel gleiten; So ganz verborgen will sie es bereiten, Und leise, leise zieht sie Stich um Stich.
Da öffnet knarrend sich die Kammertür, Vorsicht'ge Schritte übern Teppich schleichen. »Ich schlafe nicht, Rainer, komm her, komm hier! Wann wird man endlich mir den Knaben reichen?« Der Gatte blickt verstohlen himmelwärts, Küßt wie ein Hauch die kleinen heißen Hände: »Geduld, Geduld, mein Liebchen, bis zum Ende! Du bist noch gar zu leidend, gutes Herz.«
»Du duftest Weihrauch, Mann.« - »Ich war im Dom; Schlaf, Kind«; und wieder gleitet er von dannen. Sie aber näht, und liebliches Phantom Spielt um ihr Aug' von Auen, Blumen, Tannen. - Ach, wenn du wieder siehst die grüne Au, Siehst über einem kleinen Hügel schwanken Den Tannenzweig und Blumen drüber ranken, Dann tröste Gott dich, arme junge Frau!
Meine Sträuße
Sooft mir ward eine liebe Stund' Unterm blauen Himmel im Freien, Da habe ich, zu des Gedenkens Bund, Mir Zeichen geflochten mit Treuen, Einen schlichten Kranz, einen wilden Strauß, Ließ drüber die Seele wallen; Nun stehe ich einsam im stillen Haus, Und sehe die Blätter zerfallen.
Vergißmeinnicht mit dem Rosaband - Das waren dämmrige Tage, Als euch entwandte der Freundin Hand Dem Weiher drüben am Hage; Wir schwärmten in wirrer Gefühle Flut, In sechzehnjährigen Schmerzen; Nun schläft sie lange. - Sie war doch gut, Ich liebte sie recht von Herzen!
Gar weite Wege hast du gemacht, Kamelia, staubige Schöne, In deinem Kelche die Flöte wacht, Trompeten und Zymbelgetöne; Wie zitterten durch das grüne Revier Buntfarbige Lampen und Schleier! Da brach der zierliche Gärtner mir Den Strauß beim bengalischen Feuer.
Dies Alpenröschen nährte mit Schnee Ein eisgrau starrender Riese; Und diese Tange entfischt' ich der See Aus Muschelgescherbe und Kiese; Es war ein volles, gesegnetes Jahr, Die Trauben hingen gleich Pfunden, Als aus der Rebe flatterndem Haar Ich diesen Kranz mir gewunden.
Und ihr, meine Sträuße von wildem Heid', Mit lockerm Halme geschlungen, O süße Sonne, o Einsamkeit, Die uns redet mit heimischen Zungen! Ich hab' sie gepflückt an Tagen so lind, Wenn die goldenen Käferchen spielen, Dann fühlte ich mich meines Landes Kind, Und die fremden Schlacken zerfielen.
Und wenn ich grüble an meinem Teich, Im duftigen Moose gestrecket, Wenn aus dem Spiegel mein Antlitz bleich Mit rieselndem Schauer mich necket, Dann lang' ich sachte, sachte hinab, Und fische die träufelnden Schmelen; Dort hängen sie, drüben am Fensterstab, Wie arme vertrocknete Seelen.
So mochte ich still und heimlich mir Eine Zauberhalle bereiten, Wenn es dämmert dort, und drüben, und hier, Von den Wänden seh ich es gleiten; Eine Fei entschleicht der Kamelia sich, Liebesseufzer stöhnet die Rose, Und wie Blutes Adern umschlingen mich Meine Wasserfaden und Moose.
Das Liebhabertheater
Meinst du, wir hätten jetzt Dezemberschnee? Noch eben stand ich vor dem schönsten Hain, So grün und kräftig sah ich keinen je. Die Windsbraut fuhr, der Donner knallte drein, Und seine Zweige trotzten wie gegossen, Gleich an des Parkes Tor ein Häuschen stand, Mit Kränzen war geschmückt die schlichte Wand, Die haben nicht gezittert vor den Schlossen, Das nenn' ich Kränze doch und einen Hain!
Und denkst du wohl, wir hätten finstre Nacht? Des Morgens Gluten wallten eben noch, Rotglühend, wie des Lavastromes Macht Hernieder knistert von Vesuves Joch; Nie sah so prächtig man Auroren ziehen! An unsre Augen schlugen wir die Hand, Und dachten schier, der Felsen steh' in Brand, Die Hirten sahn wir wie Dämone glühen; Das nenn' ich einen Sonnenaufgang doch!
Und sprichst du unsres Landes Nymphen Hohn? Noch eben schlüpfte durch des Forstes Hau Ein Mädchen, voll und sinnig wie der Mohn, Gewiß, sie war die allerschönste Frau! Ihr weißes Händchen hielt den blanken Spaten, Der kleine Fuß, in Zwickelstrumpf und Schuh, Hob sich so schwebend, trat so zierlich zu, Und hör, ich will es dir nur gleich verraten, Der schönen Clara glich sie ganz genau.
Und sagst du, diese habe mein gelacht? O hättest du sie heute nur gesehn, Wie schlau sie meine Blicke hat bewacht, Wie zärtlich konnte ihre Augen drehn, Und welche süße Worte ihr entquollen! Recht wo ich stand, dorthin hat sie geweint: »Mein teures Herz, mein Leben, einz'ger Freund!« Das schien ihr von den Lippen nur zu rollen. War das nicht richtig angebracht, und schön?
Doch eins nur, eines noch verhehlt' ich dir, Und fürchte sehr, es trage wenig ein; Der Wald war brettern und der Kranz Papier, Das Morgenrot Bengalens Feuerschein, Und als sie ließ so süße Worte wandern, Ach, ob sie gleich dabei mich angeblickt, Der dicht an das Orchester war gerückt, Doch furcht' ich fast, sie galten einem andern! Was meinst du, sollte das wohl möglich sein?
Die Taxuswand
Ich stehe gern vor dir, Du Fläche schwarz und rauh, Du schartiges Visier Vor meines Liebsten Brau, Gern mag ich vor dir stehen, Wie vor grundiertem Tuch, Und drüber gleiten sehen Den bleichen Krönungszug;
Als mein die Krone hier, Von Händen die nun kalt; Als man gesungen mir In Weisen die nun alt; Vorhang am Heiligtume, Mein Paradiesestor, Dahinter alles Blume, Und alles Dorn davor.
Denn jenseits weiß ich sie, Die grüne Gartenbank, Wo ich das Leben früh Mit glühen Lippen trank. Als mich mein Haar umwallte Noch golden wie ein Strahl, Als noch mein Ruf erschallte, Ein Hornstoß, durch das Tal.
Das zarte Efeureis, So Liebe pflegte dort, Sechs Schritte, - und ich weiß, Ich weiß dann, daß es fort. So will ich immer schleichen Nur an dein dunkles Tuch, Und achtzehn Jahre streichen Aus meinem Lebensbuch
Du starrtest damals schon So düster treu wie heut, Du, unsrer Liebe Thron Und Wächter manche Zeit; Man sagt daß Schlaf, ein schlimmer, Dir aus den Nadeln raucht, - Ach, wacher war ich nimmer, Als rings von dir umhaucht!
Nun aber bin ich matt, Und möcht' an deinem Saum Vergleiten, wie ein Blatt Geweht vom nächsten Baum; Du lockst mich wie ein Hafen, Wo alle Stürme stumm, O, schlafen möcht' ich, schlafen, Bis meine Zeit herum!
Nach fünfzehn Jahren
Wie hab' ich doch so manche Sommernacht, Du düstrer Saal, in deinem Raum verwacht! Und du, Balkon, auf dich bin ich getreten, Um leise für ein teures Haupt zu beten, Wenn hinter mir aus des Gemaches Tiefen Wie Hülfewimmern bange Seufzer riefen, Die Odemzüge aus geliebtem Mund; Ja, bitter weint' ich - o Erinnerung! - Doch trug ich mutig es, denn ich war jung, War jung noch und gesund.
Du Bett mit seidnem Franzenhang geziert, Wie hab' ich deine Falten oft berührt, Mit leiser leiser Hand gehemmt ihr Rauschen, Wenn ich mich beugte durch den Spalt zu lauschen, Mein Haupt so müde daß es schwamm wie trunken, So matt mein Knie daß es zum Grund gesunken! Mechanisch löste ich der Zöpfe Bund Und sucht' im frischen Trunk Erleichterung; Ach, alles trägt man leicht, ist man nur jung, Nur jung noch und gesund!
Und als die Rose, die am Stock erblich, Sich wieder auf die kranke Wange schlich, Wie hab' ich an dem Pfeilertische drüben Dem Töchterchen geringelt seine lieben Goldbraunen Löckchen! wie ich mich beflissen, Eh ich es führte an der Mutter Kissen! Und gute Sitte flüstert' ich ihm ein, Gelobte ihm die Fabel von dem Schaf Und sieben Zicklein, wenn es wolle brav, Recht brav und sittig sein.
Und dort die Hütte in der Tannenschlucht, Da naschten sie und ich der Rebe Frucht, Da fühlten wir das Blut so keimend treiben, Als müss' es immer frisch und schäumend bleiben; Des Überstandnen lachten wir im Hafen: Wie ich geschwankt, wie stehend ich geschlafen; Und wandelten am Rasenstreifen fort, Und musterten der Stämmchen schlanke Reihn, Und schwärmten, wie es müsse reizend sein Nach fünfzehn Jahren dort!
O fünfzehn Jahre, lange öde Zeit! Wie sind die Bäume jetzt so starr und breit! Der Hütte Tür vermocht' ich kaum zu regen, Da schoß mir Staub und wüst Gerüll entgegen, Und an dem blanken Gartensaale drüben Da steht 'ne schlanke Maid mit ihrem Lieben, Die schaun sich lächelnd in der Seele Grund, In ihren braunen Locken rollt der Wind; Gott segne dich, du bist geliebt, mein Kind, Bist fröhlich und gesund!
Sie aber die vor Lustern dich gebar, Wie du so schön, so frisch und jugendklar, Sie steht mit einer an des Parkes Ende Und drückt zum Scheiden ihr die bleichen Hände, Mit einer, wie du nimmer möchtest denken, So könne deiner Jugend Flut sich senken; Sie schaun sich an, du nennst vielleicht es kalt, Zwei starre Stämme, aber sonder Wank Und sonder Tränenquell, denn sie sind krank, Ach, beide krank und alt!
Der kranke Aar
Am dürren Baum, im fetten Wiesengras Ein Stier behaglich wiederkäut' den Fraß; Auf niederm Ast ein wunder Adler saß, Ein kranker Aar mit gebrochnen Schwingen.
»Steig auf, mein Vogel, in die blaue Luft, Ich schau dir nach aus meinem Kräuterduft.« - »Weh, weh, umsonst die Sonne ruft Den kranken Aar mit gebrochnen Schwingen!« -
»O Vogel warst so stolz und freventlich Und wolltest keine Fessel ewiglich!« - »Weh, weh, zu viele über mich, Und Adler all, - brachen mir die Schwingen!«
»So flattre in dein Nest, vom Aste fort, Dein Ächzen schier die Kräuter mir verdorrt.« »Weh, weh, kein Nest hab' ich hinfort, Verbannter Aar mit gebrochnen Schwingen!«
»O Vogel, wärst du eine Henne doch, Dein Nestchen hättest du, im Ofenloch.« »Weh, weh, viel lieber ein Adler noch, Viel lieber ein Aar mit gebrochnen Schwingen!«
Sit illi terra levis!
So sonder Arg hast du in diesem Leben Mich deinen allerbesten Freund genannt, Hast mir so oft gereicht die hagre Hand, - Hab' ich gelächelt, mag mir Gott vergeben. Die Schlange wacht in jedes Menschen Brust, Was ich dir bot, es war doch treue Gabe, Und hier bekenn' ich es, an deinem Grabe, Du warst mir lieber als ich es gewußt.
Ob ich auch nie zu jenen mich gesellte, Die lachend deine Einfalt angeschaut; Des Hauptes, das in Ehren war ergraut, Verhöhnung immer mir die Adern schwellte; Doch erst wo aller Menschen Witz versiegt, Ein armer Tropfen in Egyptens Sande, Hier erst erkenn' ich, an der Seelen Brande, Wie schwer des Auges warme Träne wiegt.
Sah ich sie nicht an deine Wimper steigen, Wenn du dem fremden Leide dich geeint? Hast du nicht meinen Toten nachgeweint, So heiß wie deines eignen Blutes Zweigen? O! wenn ich in der Freude des vergaß, Mit bitterm Herzen muß ich es beklagen, Denn von des Schicksals harter Hand geschlagen, Wie gern ich dann in deinem Auge las!
Noch seh ich dich im Hauch des Winterbrodems Herstapfen, wie den irren Heidegeist, Wenn Tropf' an Tropfen deiner Stirn entfleußt, Hör noch das Keuchen deines armen Odems. Es waren schlimme Wege, rauh und weit, Die du gewandelt manche Winterwende, Um des Altares heil'ge Gnadenspende Zu tragen mir in meine Einsamkeit.
O manchem Spötter gabst du ernst Gedenken, Wenn höhnend deine kleine Hab er pries, Für schlechtes Ding dir Tausende verhieß, Und du nur glücklich warst ihn zu beschenken! So wert war dir kein Gut, so ehrenreich, Daß du es nicht mit Freuden hingegeben, Dann sah man deine Lippen freundlich beben, Und zucken wie das Dämmerlicht im Teich.
An deinem Kleide, schwarz und fadenscheinend, War jeder Fleck ein heimlich Ehrenmal, Du frommer Dieb am Eignen! ohne Wahl Das Schlechteste dir noch genugsam meinend. Mann ohne Falsch und mit der offnen Hand, Drin wie Demant der Witwe Heller blinken, Sanft soll der Tau auf deinen Hügel sinken, Und leicht, leicht sei dir das geweihte Land!
Schlaf sanft, schlaf still in deinem grünen Bette, Dir überm Haupt des Glaubens fromm Simbol, Die Welt vergißt, der Himmel kennt dich wohl, Ein Engel wacht an dieser schlichten Stätte. Auch eine Träne wird dir nachgeweint, Und wahrlich keine falsche: »Ach sie haben, Sie haben einen guten Mann begraben, Und mir, mir war er mehr« - mein wärmster Freund.
Die Unbesungenen
's gibt Gräber wo die Klage schweigt, Und nur das Herz von innen blutet, Kein Tropfen in die Wimper steigt, Und doch die Lava drinnen flutet; 's gibt Gräber, die wie Wetternacht An unserm Horizonte stehn Und alles Leben niederhalten, Und doch, wenn Abendrot erwacht, Mit ihren goldnen Flügeln wehn Wie milde Seraphimgestalten.
Zu heilig sind sie für das Lied, Und mächtge Redner doch vor allen, Sie nennen dir was nimmer schied, Was nie und nimmer kann zerfallen; O, wenn dich Zweifel drückt herab, Und möchtest atmen Ätherluft, Und möchtest schauen Seraphsflügel, Dann tritt an deines Vaters Grab! Dann tritt an deines Bruders Gruft! Dann tritt an deines Kindes Hügel!
Das Spiegelbild
Schaust du mich an aus dem Kristall, Mit deiner Augen Nebelball, Kometen gleich die im Verbleichen; Mit Zügen, worin wunderlich Zwei Seelen wie Spione sich Umschleichen, ja, dann flüstre ich: Phantom, du bist nicht meinesgleichen!
Bist nur entschlüpft der Träume Hut, Zu eisen mir das warme Blut, Die dunkle Locke mir zu blassen; Und dennoch, dämmerndes Gesicht, Drin seltsam spielt ein Doppellicht, Trätest du vor, ich weiß es nicht, Würd' ich dich lieben oder hassen?
Zu deiner Stirne Herrscherthron, Wo die Gedanken leisten Fron Wie Knechte, würd' ich schüchtern blicken; Doch von des Auges kaltem Glast, Voll toten Lichts, gebrochen fast, Gespenstig, würd', ein scheuer Gast, Weit, weit ich meinen Schemel rücken.
Und was den Mund umspielt so lind, So weich und hülflos wie ein Kind, Das möcht' in treue Hut ich bergen; Und wieder, wenn er höhnend spielt, Wie von gespanntem Bogen zielt, Wenn leis' es durch die Züge wühlt, Dann macht' ich fliehen wie vor Schergen.
Es ist gewiß, du bist nicht ich, Ein fremdes Dasein, dem ich mich Wie Moses nahe, unbeschuhet, Voll Kräfte die mir nicht bewußt, Voll fremden Leides, fremder Lust; Gnade mir Gott, wenn in der Brust Mir schlummernd deine Seele ruhet!
Und dennoch fühl' ich, wie verwandt, Zu deinen Schauern mich gebannt, Und Liebe muß der Furcht sich einen. Ja, trätest aus Kristalles Rund, Phantom, du lebend auf den Grund, Nur leise zittern würd' ich, und Mich dünkt - ich würde um dich weinen!
Neujahrsnacht
Im grauen Schneegestöber blassen Die Formen, es zerfließt der Raum, Laternen schwimmen durch die Gassen, Und leise knistert es im Flaum; Schon naht des Jahres letzte Stunde, Und drüben, wo der matte Schein Haucht aus den Fenstern der Rotunde, Dort ziehn die frommen Beter ein.
Wie zu dem Richter der Bedrängte, Ob dessen Haupt die Waage neigt, Noch einmal schleicht eh der verhängte, Der schwere Tag im Osten steigt, Noch einmal faltet seine Hände Um milden Spruch, so knien sie dort, Still gläubig, daß ihr Flehen wende Des Jahres ernstes Losungswort.
Ich sehe unter meinem Fenster Sie gleiten durch den Nebelrauch, Verhüllt und lautlos wie Gespenster, Vor ihrer Lippe flirrt der Hauch; Ein blasser Kreis zu ihren Füßen Zieht über den verschneiten Grund, Lichtfunken blitzen auf und schießen Um der Laterne dunstig Rund.
Was mögen sie im Herzen tragen, Wie manche Hoffnung, still bewacht! Wie mag es unterm Vließe schlagen So heiß in dieser kalten Nacht! Fort keuchen sie, als möge fallen Der Hammer, eh sie sich gebeugt, Bevor sie an des Thrones Hallen Die letzte Bittschrift eingereicht.
Dort hör' ich eine Angel rauschen, Vernehmlich wird des Kindes Schrein, Und die Gestalt - sie scheint zu lauschen, Dann fürder schwimmt der Lampe Schein; Noch einmal steigt sie, läßt die Schimmer Verzittern an des Fensters Rand, Gewiß, sie trägt ein Frauenzimmer, Und einer Mutter fromme Hand!
Nun stampft es rüstig durch die Gasse, Die Decke kracht vom schweren Tritt, Der Krämer schleppt die Sündenmasse Der bösen Zahler keuchend mit; Und hinter ihm wie eine Docke Ein armes Kind im Flitterstaat, Mit seidnem Fähnchen, seidner Locke, Huscht frierend durch den engen Pfad.
Ha, Schellenklingeln längs der Stiege! Glutaugen richtend in die Höh', 'ne kolossale Feuerfliege, Rauscht die Karosse durch den Schnee; Und Dämpfe qualmen auf und schlagen Zurück vom Wirbel des Gespanns; Ja, schwere Bürde trägt der Wagen, Die Wünsche eines reichen Manns!
Und hinter ihm ein Licht so schwankend, Der Träger tritt so sachte auf, Nun lehnt er an der Mauer, wankend, Sein hohler Husten schallt hinauf; Er öffnet der Laterne Reifen, Es zupfen Finger lang und fahl Am Dochte, Odemzüge pfeifen, - Du, Armer, kniest zum letztenmal.
Dann Licht an Lichtern längs der Mauer, Wie Meteore irr geschart, Ein krankes Weib, in tiefer Trauer, Husaren mit bereiftem Bart, In Filz und Kittel stämm'ge Bauern, Den Rosenkranz in starrer Faust, Und Mädchen die wie Falken lauern, Von Mantels Fittigen umsaust.
Wie oft hab' ich als Kind im Spiele Gelauscht den Funken im Papier, Der Sternchen zitterndem Gewühle, Und: »Kirchengänger!« sagten wir; So seh ich's wimmeln um die Wette Und löschen, wo der Pfad sich eint, Nachzügler noch, dann grau die Stätte, Nur einsam die Rotunde scheint.
Und mählich schwellen Orgelklänge Wie Heroldsrufe an mein Ohr: Knie nieder, Lässiger, und dränge Auch deines Herzens Wunsch hervor! »Du, dem Jahrtausende verrollen Sekundengleich, erhalte mir Ein mutig Herz, ein redlich Wollen, Und Fassung an des Grabes Tür.«
Da, horch! - es summt durch Wind und Schlossen, Gott gnade uns, hin ist das Jahr! Im Schneegestäub' wie Schnee zerflossen, Zukünftiges wird offenbar; Von allen Türmen um die Wette Der Hämmer Schläge, daß es schallt, Und mit dem letzten ist die Stätte Gelichtet für den neuen Wald.
Der Todesengel
's gibt eine Sage, daß wenn plötzlich matt Unheimlich Schaudern einen übergleite, Daß dann ob seiner künft'gen Grabesstatt Der Todesengel schreite.
Ich hörte sie, und malte mir ein Bild Mit Trauerlocken, mondbeglänzter Stirne, So schaurig schön, wie's wohl zuweilen quillt Im schwimmenden Gehirne.
In seiner Hand sah ich den Ebenstab Mit leisem Strich des Bettes Lage messen, - So weit das Haupt - so weit der Fuß - hinab! Verschüttet und vergessen!
Mich graute, doch ich sprach dem Grauen Hohn, Ich hielt das Bild in Reimes Netz gefangen, Und frevelnd wagt' ich aus der Totenkron' Ein Lorbeerblatt zu langen.
O, manche Stunde denk' ich jetzt daran, Fühl' ich mein Blut so matt und stockend schleichen, Schaut aus dem Spiegel mich ein Antlitz an - Ich mag es nicht vergleichen; -
Als ich zuerst dich auf dem Friedhof fand, Tiefsinnig um die Monumente streifend, Den schwarzen Ebenstab in deiner Hand Entlang die Hügel schleifend;
Als du das Auge hobst, so scharf und nah, Ein leises Schaudern plötzlich mich befangen, O wohl, wohl ist der Todesengel da Über mein Grab gegangen!
Abschied von der Jugend
Wie der zitternde Verbannte Steht an seiner Heimat Grenzen, Rückwärts er das Antlitz wendet, Rückwärts seine Augen glänzen, Winde die hinüberstreichen, Vögel in der Luft beneidet, Schaudernd vor der kleinen Scholle, Die das Land vom Lande scheidet;
Wie die Gräber seiner Toten, Seine Lebenden, die süßen, Alle stehn am Horizonte, Und er muß sie weinend grüßen; Alle kleinen Liebesschätze, Unerkannt und unempfunden, Alle ihn wie Sünden brennen Und wie ewig offne Wunden;
So an seiner Jugend Scheide Steht ein Herz voll stolzer Träume, Blickt in ihre Paradiese Und der Zukunft öde Räume, Seine Neigungen, verkümmert, Seine Hoffnungen, begraben, Alle stehn am Horizonte, Wollen ihre Träne haben.
Und die Jahre die sich langsam, Tückisch reihten aus Minuten, Alle brechen auf im Herzen, Alle nun wie Wunden bluten; Mit der armen kargen Habe, Aus so reichem Schacht erbeutet, Mutlos, ein gebrochner Wandrer, In das fremde Land er schreitet.
Und doch ist des Sommers Garbe Nicht geringer als die Blüten, Und nur in der feuchten Scholle Kann der frische Keim sich hüten; Über Fels und öde Flächen Muß der Strom, daß er sich breite, Und es segnet Gottes Rechte Übermorgen so wie heute.
Was bleibt
Seh ich ein Kind zur Weihnachtsfrist, Ein rosig Kind mit Taubenaugen, Die Kunde von dem kleinen Christ Begierig aus den Lippen saugen, Aufhorchen, wenn es rauscht im Tann, Ob draußen schon sein Pferdchen schnaube: »O Unschuld, Unschuld«, denk' ich dann, Du zarte, scheue, flücht'ge Taube!
Und als die Wolke kaum verzog, Studenten klirrten durch die Straßen, Und: »Vivat Bona!« donnert's hoch, So keck und fröhlich sonder Maßen; Sie scharten sich wie eine Macht, Die gegen den Koloß sich bäume: »O Hoffnung«, hab' ich da gedacht, »Wie bald zerrinnen Träum' und Schäume!«
Und ihnen nach ein Reiter stampft, Geschmückt mit Kreuz und Epaulette, Den Tschako lüftet er, es dampft Wie Öfen seines Scheitels Glätte; Kühn war der Blick, der Arm noch stramm, Doch droben schwebt' der Zeitenrabe: Da schien mir Kraft ein Meeresdamm, Den jeder Pulsschlag untergrabe.
Und wieder durch die Gasse zog Studentenhauf, und vor dem Hause Des Rektors dreimal »Hurra hoch!« Und wieder »Hoch!« - aus seiner Klause, In Zipfelmütze und Flanell, Ein Schemen nickt am Fensterbogen. »Ha«, dacht ich, »Ruhm, du Mordgesell, Kömmst nur als Leichenhuhn geflogen!«
An meine Wange haucht' es dicht, Und wie das Haupt ich seitwärts regte, Da sah ich in das Angesicht Der Frau, die meine Kindheit pflegte, Dies Antlitz wo Erinnerung Und werte Gegenwart sich paaren: »O Liebe«, dacht ich, »ewig jung, Und ewig frisch bei grauen Haaren!«
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