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Trennung
1
Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen, Wo wir zum letztenmal im Park beisammen? Kühl standen rings des Abendrotes Flammen, Ich scherzte wild - du lächeltest durch Tränen. So spielt der Wahnsinn lieblich mit den Schmerzen An jäher Schlüfte Rand, die nach ihm trachten; Er mag der lauernden Gefahr nicht achten; Er hat den Tod ja schon im öden Herzen.
Ob du die Mutter auch belogst, betrübtest, Was andre Leute drüber deuten, sagen - Sonst scheu - heut mochst du nichts nach allem fragen, Mir einzig zeigen nur, wie du mich liebtest. Und aus dem Hause heimlich so entwichen, Gabst du ins Feld mir schweigend das Geleite, Vor uns das Tal, das hoffnungsreiche, weite, Und hinter uns kam grau die Nacht geschlichen.
Du gehst nun fort, sprachst du, ich bleib alleine; Ach! dürft ich alles lassen, still und heiter Mit dir so ziehn hinab und immer weiter - Ich sah dich an - es spielten bleiche Scheine So wunderbar um Locken dir und Glieder; So ruhig, fremd warst du mir nie erschienen, Es war, als sagten die versteinten Mienen, Was du verschwiegst: Wir sehn uns niemals wieder!
2
Schon wird es draußen licht auf Berg und Talen; Aurora, stille Braut, ihr schönen Strahlen, Die farb'gen Rauch aus Fluß und Wäldern saugen, Euch grüßen neu die halbverschlafnen Augen. Verrätrisch, sagt man, sei des Zimmers Schwüle, Wo nachts ein Mädchen träumte vom Geliebten: So komm herein, du rote, frische Kühle, Fliegt in die blaue Luft, ihr schönen Träume! Ein furchtsam Kind, im stillen Haus erzogen, Konnt ich am Abendrot die Blicke weiden, Tiefatmend in die laue Luft vor Freuden. Er hat um diese Stille mich betrogen. Mit stolzen Augen, fremden schönen Worten Lockt er die Wünsche aus dem stillen Hafen, Wo sie bei Sternenglanze selig schlafen, Hinaus ins unbekannte Reich der Wogen; Da kommen Winde buhlend angeflogen, Die zarte Hand zwingt nicht die wilden Wellen, Du mußt, wohin die vollen Segel schwellen.
Da zog er heimlich fort. - Seit jenem Morgen Da hatt ich Not, hatt heimlich was zu sorgen. Wenn nächtlich unten lag die stille Runde, Einförmig Rauschen herkam von den Wäldern, Pfeifend der Wind strich durch die öden Felder Und hin und her in Dörfern bellten Hunde, Ach! wenn kein glücklich Herz auf Erden wacht, Begrüßten die verweinten Augen manche Nacht!
Wie oft, wenn wir im Garten ruhig waren, Sagte mein Bruder mir vor vielen Jahren: "Dem schönen Lenz gleicht recht die erste Liebe. Wann draußen neu geschmückt die Frühlingsbühne, Die Reiter blitzend unten ziehn durchs Grüne, In blauer Luft die Lerchen lustig schwirren, Läßt sie sich weit ins Land hinaus verführen, Fragt nicht, wohin, und mag sich gern verirren, Den Stimmen folgend, die sie wirrend führen. Da wendet auf den Feldern sich der Wind, Die Vögel hoch durch Nebel ziehn nach Haus; Es wird so still, das schöne Fest ist aus. Gar weit die Heimat liegt, das schöne Kind Findt nicht nach Hause mehr, nicht weiter fort - Hüt dich, such früh dir einen sichern Port!"
Glück
Wie jauchzt meine Seele Und singet in sich! Kaum, daß ich's verhehle So glücklich bin ich.
Rings Menschen sich drehen Und sprechen gescheut, Ich kann nichts verstehen, So fröhlich zerstreut. -
Zu eng wird das Zimmer, Wie glänzet das Feld, Die Täler voll Schimmer, Weit herrlich die Welt!
Gepreßt bricht die Freude Durch Riegel und Schloß, Fort über die Heide! Ach, hätt ich ein Roß! -
Und frag ich und sinn ich, Wie so mir geschehn?: - Mein Liebchen herzinnig, Das soll ich heut sehn!
Die Schärpe
Mein Schatz, das ist ein kluges Kind, Die spricht: "Willst du nicht fechten: Wir zwei geschiedne Leute sind; Erschlagen dich die Schlechten: Auch keins von beiden dran gewinnt." Mein Schatz, das ist ein kluges Kind Für die will ich leben und fechten!
Abschied und Wiedersehn
1
In süßen Spielen unter nun gegangen Sind Liebchens Augen, und sie atmet linde, Stillauschend sitz ich bei dem holden Kinde, Die Locken streichelnd ihr von Stirn und Wangen.
Ach! Lust und Mond und Sterne sind vergangen, Am Fenster mahnen schon die Morgenwinde: Daß ich vom Nacken leis die Arme winde, Die noch im Schlummer lieblich mich umfangen.
O öffne nicht der Augen süße Strahle! Nur einen Kuß noch - und zum letzten Male Geh ich von dir durchs stille Schloß hernieder.
Streng greift der eis'ge Morgen an die Glieder, Wie ist die Welt so klar und kalt und helle - Tiefschauernd tret ich von der lieben Schwelle.
2
Ein zart Geheimnis webt in stillen Räumen, Die Erde löst die diamantnen Schleifen, Und nach des Himmels süßen Strahlen greifen Die Blumen, die der Mutter Kleid besäumen.
Da rauscht's lebendig draußen in den Bäumen, Aus Osten langen purpurrote Streifen, Hoch Lerchenlieder durch das Zwielicht schweifen - Du hebst das blühnde Köpfchen hold aus Träumen.
Was sind's für Klänge, die ans Fenster flogen? So altbekannt verlocken diese Lieder, Ein Sänger steht im schwanken Dämmerschein.
Wach auf! Dein Liebster ist fernher gezogen, Und Frühling ist's auf Tal und Bergen wieder Wach auf, wach auf, nun bist du ewig mein!
Die Einsame
1
Wenn morgens das fröhliche Licht bricht ein, Tret ich zum offenen Fensterlein, Draußen gehn lau die Lüft auf den Auen, Singen die Lerchen schon hoch im Blauen, Rauschen am Fenster die Bäume gar munter, Ziehn die Brüder in den Wald hinunter; Und bei dem Sange und Hörnerklange Wird mir immer so bange, bange.
Wüßt ich nur immer, wo du jetzo bist, Würd mir schon wohler auf kurze Frist. Könntest du mich nur über die Berge sehen Dein gedenkend im Garten gehen: Dort rauschen die Brunnen jetzt alle so eigen, Die Blumen vor Trauern im Wind sich neigen. Ach! von den Vöglein über die Tale Sei mir gegrüßt vieltausend Male!
Du sagtest gar oft: "Wie süß und rein Sind deine blauen Äugelein!" Jetzo müssen sie immerfort weinen, Da sie nicht finden mehr, was sie meinen; Wird auch der rote Mund erblassen, Seit du mich, süßer Buhle, verlassen. Eh du wohl denkst, kann das Blatt sich wenden, Geht alles gar bald zu seinem Ende.
2
Die Welt ruht still im Hafen, Mein Liebchen, gute Nacht! Wann Wald und Berge schlafen, Treu' Liebe einsam wacht.
Ich bin so wach und lustig, Die Seele ist so licht, Und eh ich liebt, da wußt ich Von solcher Freude nicht.
Ich fühl mich so befreiet Von eitlem Trieb und Streit, Nichts mehr das Herz zerstreuet In seiner Fröhlichkeit.
Mir ist, als müßt ich singen So recht aus tiefster Lust Von wunderbaren Dingen, Was niemand sonst bewußt.
O könnt ich alles sagen! O wär ich recht geschickt! So muß ich still ertragen, Was mich so hoch beglückt.
3
Wär's dunkel, ich läg im Walde, Im Walde rauscht's so sacht, Mit ihrem Sternenmantel Bedecket mich da die Nacht, Da kommen die Bächlein gegangen: Ob ich schon schlafen tu? Ich schlaf nicht, ich hör noch lange Den Nachtigallen zu, Wenn die Wipfel über mir schwanken, Es klinget die ganze Nacht, Das sind im Herzen die Gedanken, Die singen, wenn niemand wacht.
4
Im beschränkten Kreis der Hügel, Auf des stillen Weihers Spiegel Scheue, fromme Silberschwäne - Fassend in des Rosses Mähne Mit dem Liebsten kühn im Bügel - Blöde Bande - mut'ge Flügel Sind getrennter Lieb Gedanken!
An die Entfernte
1
Denk ich, du Stille, an dein ruhig Walten, An jenes letzten Abends rote Kühle, Wo ich die teure Hand noch durfte halten: Steh ich oft sinnend stille im Gewühle, Und, wie den Schweizer heim'sche Alphornslieder Auf fremden Bergen, fern den Freunden allen, Oft unverhofft befallen, Kommt tiefe Sehnsucht plötzlich auf mich nieder.
Ich hab es oft in deiner Brust gelesen: Nie hast du recht mich in mir selbst gefunden, Fremd blieb, zu keck und treibend dir mein Wesen, Und so bin ich im Strome dir verschwunden. O nenn drum nicht die schöne Jugend wilde, Die mit dem Leben und mit seinen Schmerzen Mag unbekümmert scherzen, Weil sie die Brust reich fühlt und ernst und milde!
Getrennt ist längst schon unsres Lebens Reise, Es trieb mein Herz durch licht' und dunkle Stunden. Dem festern Blick erweitern sich die Kreise, In Duft ist jenes erste Reich verschwunden - Doch, wie die Pfade einsam sich verwildern, Was ich seitdem, von Lust und Leid bezwungen, Geliebt, geirrt, gesungen: Ich knie vor dir in all den tausend Bildern.
2
Als noch Lieb mit mir im Bunde, Hatt ich Ruhe keine Stunde; Wenn im Schloß noch alle schliefen, War's, als ob süß' Stimmen riefen, Tönend bis zum Herzensgrunde: "Auf! schon goldne Strahlen dringen, Heiter funkeln Wald und Garten, Neu erquickt die Vögel singen, Läßt du so dein Liebchen warten?" Und vom Lager mußt ich springen.
Doch kein Licht noch sah ich grauen, Draußen durch die nächtlich lauen Räume nur die Wolken flogen, Daß die Seele, mitgezogen, Gern versank im tiefen Schauen - Unten dann die weite Runde, Schlösser glänzend fern erhoben, Nachtigallen aus dem Grunde, Alles wie im Traum verwoben, Miteinander still im Bunde.
Wach blieb ich am Fenster stehen, Kühler schon die Lüfte wehen, Rot schon rings des Himmels Säume, Regten frischer sich die Bäume, Stimmen hört ich fernab gehen: Und durch Türen, öde Bogen, Zürnend, daß die Riegel klungen, Bin ich heimlich ausgezogen, Bis befreit aufs Roß geschwungen, Morgenwinde mich umflogen.
Läßt der Morgen von den Höhen Weit die roten Fahnen wehen, Widerhall in allen Lüften, Losgerissen aus den Klüften Silberner die Ströme gehen: Spürt der Mann die frischen Geister, Draußen auf dem Feld, zu Pferde Alle Ängste keck zerreißt er, Dampfend unter ihm die Erde, Fühlt er hier sich Herr und Meister.
Und so öffnet ich die schwüle Brust aufatmend in der Kühle! Locken fort aus Stirn und Wange, Daß der Strom mich ganz umfange, Frei das blaue Meer umspüle, Mit den Wolken, eilig fliehend, Mit der Ströme lichtem Grüßen Die Gedanken fröhlich ziehend, Weit voraus vor Wolken, Flüssen - Ach! ich fühlte, daß ich blühend!
Und im schönen Garten droben, Wie aus Träumen erst gehoben, Sah ich still mein Mädchen stehen, Über Fluß und Wälder gehen Von der heitern Warte oben Ihre Augen licht und helle, Wann der Liebste kommen werde. - Ja! da kam die Sonne schnelle, Und weit um die ganze Erde War es morgenschön und helle!
Das Flügelroß
Ich hab nicht viel hienieden, Ich hab nicht Geld noch Gut; Was vielen nicht beschieden, Ist mein; - der frische Mut.
Was andre mag ergötzen, Das kümmert wenig mich, Sie leben in den Schätzen, In Freuden lebe ich.
Ich hab ein Roß mit Flügeln Getreu in Lust und Not, Das wiehernd spannt die Flügel Bei jedem Morgenrot.
Mein Liebchen! wie so öde Wird's oft in Stadt und Schloß Frisch auf und sei nicht blöde, Besteig mit mir mein Roß!
Wir segeln durch die Räume Ich zeig dir Meer und Land, Wie wunderbare Träume Tief unten ausgespannt.
Hellblinkend zu den Füßen Unzähl'ger Ströme Lauf - Es steigt ein Frühlingsgrüßen Verhallend zu uns auf.
Und bunt und immer wilder In Liebe, Haß und Lust Verwirren sich die Bilder - Was schwindelt dir die Brust?
So fröhlich tief im Herzen, Zieh ich all' himmelwärts, Es kommen selbst die Schmerzen Melodisch an das Herz.
Der Sänger zwingt mit Klängen Was störrig, dumpf und wild, Es spiegelt in Gesängen Die Welt sich göttlich mild.
Und unten nun verbrauset Des breiten Lebens Strom, Der Adler einsam hauset Im stillen Himmelsdom. -
Und sehn wir dann den Abend Verhallen und verblühn, Im Meere, kohle labend, Die heil'gen Sterne glühn:
So lenken wir hernieder Zu Waldes grünem Haus, Und ruhn vom Schwung der Lieder Auf blühndem Moose aus.
O sterndurchwebtes Düstern, O heimlich stiller Grund! O süßes Liebesflüstern So innig Mund an Mund!
Die Nachtigallen locken, Mein Liebchen atmet lind, Mit Schleier zart und Locken Spielt buhlerisch der Wind.
Und schlaf denn bis zum Morgen So sanft gelehnt an mich! Süß sind der Liebe Sorgen, Dein Liebster wacht für dich.
Ich halt die blühnden Glieder, Vor süßen Schauern bang, Ich laß dich ja nicht wieder Mein ganzes Leben lang! -
Aurora will sich heben, Du schlägst die Augen auf, O wonniges Erbeben, O schöner Lebenslauf! -
Glückwunsch
Brech der lustige Sonnenschein Mit der Tür euch ins Haus hinein, Daß alle Stuben so frühlingshelle; Ein Engel auf des Hauses Schwelle Mit seinem Glanze säume Hof, Garten, Feld und Bäume, Und geht die Sonne abends aus, Führ er die Müden mild nach Haus!
Der junge Ehemann
Hier unter dieser Linde Saß ich vieltausendmal Und schaut nach meinem Kinde Hinunter in das Tal, Bis daß die Sterne standen Hell über ihrem Haus, Und weit in den stillen Landen Alle Lichter löschten aus.
Jetzt neben meinem Liebchen Sitz ich im Schatten kühl, Sie wiegt ein muntres Bübchen, Die Täler schimmern schwül, Und unten im leisen Winde Regt sich das Kornfeld kaum, Und über uns säuselt die Linde - Es ist mir noch wie ein Traum.
Im Abendrot
Wir sind durch Not und Freude Gegangen Hand in Hand, Vom Wandern ruhn wir beide Nun überm stillen Land.
Rings sich die Täler neigen, Es dunkelt schon die Luft, Zwei Lerchen nur noch steigen Nachträumend in den Duft.
Tritt her, und laß sie schwirren, Bald ist es Schlafenszeit, Daß wir uns nicht verirren In dieser Einsamkeit.
O weiter, stiller Friede! So tief im Abendrot Wie sind wir wandermüde - Ist das etwa der Tod?
Nachklänge
1
Lust'ge Vögel in dem Wald, Singt, solang es grün, Ach wer weiß, wie bald, wie bald Alles muß verblühn!
Sah ich's doch vom Berge einst Glänzen überall, Wußte kaum, warum du weinst, Fromme Nachtigall.
Und kaum ging ich über Land, Frisch durch Lust und Not Wandelt' alles, und ich stand Müd im Abendrot.
Und die Lüfte wehen kalt, Übers falbe Grün, Vöglein, euer Abschied hallt - Könnt ich mit euch ziehn!
2
O Herbst, in linden Tagen Wie hast du rings dein Reich Phantastisch aufgeschlagen, So bunt und doch so bleich!
Wie öde, ohne Brüder, Mein Tal so weit und breit, Ich kenne dich kaum wieder In dieser Einsamkeit.
So wunderbare Weise Singt nun dein bleicher Mund, Es ist, als öffnet' leise Sich unter mir der Grund.
Und ich ruht' überwoben, Du sängest immerzu, Die Linde schüttelt' oben Ihr Laub und deckt' mich zu.
3
Schon kehren die Vögel wieder ein, Es schallen die alten Lieder, Ach, die fröhliche Jugend mein Kommt sie wohl auch noch wieder?
Ich weiß nicht, was ich so töricht bin! Wolken im Herbstwind jagen, Die Vögel ziehn über die Wälder hin, Das klang wie in Frühlingstagen.
Dort auf dem Berge da steht ein Baum, Drin jubeln die Wandergäste, Er aber, müde, rührt wie im Traum Noch einmal Wipfel und Äste.
4
Mir träumt', ich ruhte wieder Vor meines Vaters Haus Und schaute fröhlich nieder Ins alte Tal hinaus, Die Luft mit lindem Spielen Ging durch das Frühlingslaub, Und Blütenflocken fielen Mir über Brust und Haupt.
Als ich erwacht, da schimmert Der Mond vom Waldesrand, Im falben Scheine flimmert Um mich ein fremdes Land, Und wie ich ringsher sehe: Die Flocken waren Eis, Die Gegend war vom Schnee, Mein Haar vom Alter weiß.
5
Es schauert der Wald vor Lust, Die Sterne nun versanken, Und wandeln durch die Brust Als himmlische Gedanken.
6
An meinen Bruder
Gedenkst du noch des Gartens Und Schlosses überm Wald, Des träumenden Erwartens: Ob's denn nicht Frühling bald?
Der Spielmann war gekommen, Der jeden Lenz singt aus, Er hat uns mitgenommen Ins blühnde Land hinaus.
Wie sind wir doch im Wandern Seitdem so weit zerstreut! Frägt einer nach dem andern, Doch niemand gibt Bescheid.
Nun steht das Schloß versunken Im Abendrote tief Als ob dort traumestrunken Der alte Spielmann schlief'.
Gestorben sind die Lieben, Das ist schon lange her, Die wen'gen, die geblieben, Sie kennen uns nicht mehr.
Und fremde Leute gehen Im Garten vor dem Haus - Doch übern Garten sehen Nach uns die Wipfel aus.
Doch rauscht der Wald im Grunde Fort durch die Einsamkeit Und gibt noch immer Kunde Von unsrer Jugendzeit.
Bald mächt'ger und bald leise In jeder guten Stund Geht diese Waldesweise Mir durch der Seele Grund.
Und stamml ich auch nur bange, Ich sing es, weil ich muß, Du hörst doch in dem Klange Den alten Heimatsgruß.
V. Totenopfer
Gewalt'ges Morgenrot, Weit unermeßlich - du verzehrst die Erde! Und in dem Schweigen nur der Flug der Seelen, Die säuselnd heimziehn durch die stille Luft. -
Wehmut
Ich irr in Tal und Hainen Bei kühler Abendstund, Ach, weinen möcht ich, weinen So recht aus Herzensgrund.
Und alter Zeiten Grüßen Kam da, im Tal erwacht, Gleich wie von fernen Flüssen Das Rauschen durch die Nacht.
Die Sonne ging hinunter, Da säuselt' kaum die Welt, Ich blieb noch lange munter Allein im stillen Feld.
Sonette
1
Es qualmt' der eitle Markt in Staub und Schwüle, So klanglos öde wallend auf und nieder, Wie dacht ich da an meine Berge wieder, An frischen Sang, Felsquell und Waldeskühle!
Doch steht ein Turm dort über dem Gewühle, Der andre Zeiten sah und beßre Brüder, Das Kreuz treu halten seine Riesenglieder, Wie auch der Menschlein Flut den Fels umspüle.
Das war mein Hafen auf der weiten Wüste, Oft kniet ich betend in des Domes Mitte, Dort hab ich dich, mein liebes Kind, gefunden;
Ein Himmelsbote wohl, der so mich grüßte: "Verzweifle nicht! die Schönheit und die Sitte Sie sind noch von der Erde nicht verschwunden."
2
Ein alt Gemach voll sinn'ger Seltsamkeiten, Still' Blumen aufgestellt am Fensterbogen, Gebirg' und Länder draußen blau gezogen, Wo Ströme gehn und Ritter ferne reiten.
Ein Mädchen, schlicht und fromm wie jene Zeiten, Das, von den Abendscheinen angeflogen, Versenkt in solcher Stille tiefe Wogen - Das mocht auf Bildern oft das Herz mir weiten.
Und nun wollt wirklich sich das Bild bewegen, Das Mädchen atmet' auf, reicht aus dem Schweigen Die Hand mir, daß sie ewig meine bliebe.
Da sah ich draußen auch das Land sich regen, Die Wälder rauschen und Aurora steigen - Die alten Zeiten all weckt mir die Liebe.
3
Wenn zwei geschieden sind von Herz und Munde, Da ziehn Gedanken über Berg' und Schlüfte Wie Tauben säuselnd durch die blauen Lüfte, Und tragen hin und wider süße Kunde.
Ich schweif umsonst, so weit der Erde Runde, Und stieg ich hoch auch über alle Klüfte, Dein Haus ist höher noch als diese Lüfte, Da reicht kein Laut hin, noch zurück zum Grunde.
Ja, seit du tot - mit seinen blühnden Borden Wich ringsumher das Leben mir zurücke, Ein weites Meer, wo keine Bahn zu finden.
Doch ist dein Bild zum Sterne mir geworden, Der nach der Heimat weist mit stillem Blicke, Daß fromm der Schiffer streite mit den Winden.
Treue
Wie dem Wanderer in Träumen, Daß er still im Schlafe weint, Zwischen goldnen Wolkensäumen Seine Heimat wohl erscheint:
So durch dieses Frühlings Blühen Über Berg' und Täler tief Sah ich oft dein Bild noch ziehen, Als ob's mich von hinnen rief;
Und mit wunderbaren Wellen Wie im Traume, halbbewußt, Gehen ew'ge Liederquellen Mir verwirrend durch die Brust.
Gute Nacht
Die Höhn und Wälder schon steigen Immer tiefer ins Abendgold, Ein Vöglein frägt in den Zweigen: Ob es Liebchen grüßen sollt?
O Vöglein, du hast dich betrogen, Sie wohnet nicht mehr im Tal, Schwing auf dich zum Himmelsbogen, Grüß sie droben zum letztenmal!
Am Strom
Der Fluß glitt einsam hin und rauschte, Wie sonst, noch immer, immerfort, Ich stand am Strand gelehnt und lauschte, Ach, was ich liebt, war lange fort! Kein Laut, kein Windeshauch, kein Singen Ging durch den weiten Mittag schwül, Verträumt die stillen Weiden hingen Hinab bis in die Wellen kühl.
Die waren alle wie Sirenen Mit feuchtem, langem, grünem Haar, Und von der alten Zeit voll Sehnen Sie sangen leis und wunderbar. Sing Weide, singe, grüne Weide! Wie Stimmen aus der Liebsten Grab Zieht mich dein heimlich Lied voll Leide Zum Strom von Wehmut mit hinab.
Nachruf an meinen Bruder
Ach, daß auch wir schliefen! Die blühenden Tiefen, Die Ströme, die Auen So heimlich aufschauen, Als ob sie all riefen: "Dein Bruder ist tot! Unter Rosen rot Ach, daß wir auch schliefen!"
"Hast doch keine Schwingen, Durch Wolken zu dringen! Mußt immerfort schauen Die Ströme, die Auen - Die werden dir singen Von ihm Tag und Nacht, Mit Wahnsinnesmacht Die Seele umschlingen."
So singt, wie Sirenen, Von hellblauen, schönen Vergangenen Zeiten, Der Abend vom weiten Versinkt dann im Tönen, Erst Busen, dann Mund, Im blühenden Grund. O schweiget Sirenen!
O wecket nicht wieder! Denn zaubrische Lieder Gebunden hier träumen Auf Feldern und Bäumen, Und ziehen mich nieder So müde vor Weh Zu tiefstillem See - O weckt nicht die Lieder!
Du kanntest die Wellen Des Sees, sie schwellen In magischen Ringen. Ein wehmütig Singen Tief unter den Quellen Im Schlummer dort hält Verzaubert die Welt. Wohl kennst du die Wellen.
Kühl wird's auf den Gängen, Vor alten Gesängen Möcht's Herz mir zerspringen. So will ich denn singen! Schmerz fliegt ja auf Klängen Zu himmlischer Lust, Und still wird die Brust Auf kühl grünen Gängen.
Laß fahren die Träume! Der Mond scheint durch Bäume, Die Wälder nur rauschen, Die Täler still lauschen, Wie einsam die Räume! Ach, niemand ist mein! Herz, wie so allein! Laß fahren die Träume!
Der Herr wird dich führen. Tief kann ich ja spüren Der Sterne still Walten. Der Erde Gestalten Kaum hörbar sich rühren. Durch Nacht und durch Graus Gen Morgen, nach Haus - Ja, Gott wird mich führen.
Auf meines Kindes Tod
1
Das Kindlein spielt' draußen im Frühlingsschein, Und freut' sich und hatte so viel zu sehen, Wie die Felder schimmern und die Ströme gehen - Da sah der Abend durch die Bäume herein, Der alle die schönen Bilder verwirrt. Und wie es nun ringsum so stille wird, Beginnt aus den Tälern ein heimlich Singen, Als wollt's mit Wehmut die Welt umschlingen, Die Farben vergehn und die Erde wird blaß. Voll Staunen fragt 's Kindlein: "Ach, was ist das?" Und legt sich träumend ins säuselnde Gras; Da rühren die Blumen ihm kühle ans Herz Und lächelnd fühlt es so süßen Schmerz, Und die Erde, die Mutter, so schön und bleich, Küßt das Kindlein und läßt's nicht los, Zieht es herzinnig in ihren Schoß Und bettet es drunten gar warm und weich, Still unter Blumen und Moos. -
"Und was weint ihr, Vater und Mutter, um mich? In einem viel schöneren Garten bin ich, Der ist so groß und weit und wunderbar, Viel Blumen stehn dort von Golde klar, Und schöne Kindlein mit Flügeln schwingen Auf und nieder sich drauf und singen. - Die kenn ich gar wohl aus der Frühlingszeit, Wie sie zogen über Berge und Täler weit Und mancher mich da aus dem Himmelblau rief, Wenn ich drunten im Garten schlief. - Und mitten zwischen den Blumen und Scheinen Steht die schönste von allen Frauen, Ein glänzend Kindlein an ihrer Brust. - Ich kann nicht sprechen und auch nicht weinen, Nur singen immer und wieder dann schauen Still vor großer, seliger Lust."
2
Als ich nun zum ersten Male Wieder durch den Garten ging, Busch und Bächlein in dem Tale Lustig an zu plaudern fing.
Blumen halbverstohlen blickten Neckend aus dem Gras heraus, Bunte Schmetterlinge schickten Sie sogleich auf Kundschaft aus.
Auch der Kuckuck in den Zweigen Fand sich bald zum Spielen ein, Endlich brach der Baum das Schweigen: "Warum kommst du heut allein?"
Da ich aber schwieg, da rührt' er Wunderbar sein dunkles Haupt, Und ein Flüstern konnt ich spüren Zwischen Vöglein, Blüt und Laub.
Tränen in dem Grase hingen, Durch die abendstille Rund Klagend nun die Quellen gingen, Und ich weint aus Herzensgrund.
3
Was ist mir denn so wehe? Es liegt ja wie im Traum Der Grund schon, wo ich stehe, Die Wälder säuseln kaum Noch von der dunklen Höhe. Es komme wie es will, Was ist mir denn so wehe - Wie bald wird alles still.
4
Das ist's, was mich ganz verstöret: Daß die Nacht nicht Ruhe hält, Wenn zu atmen aufgehöret Lange schon die müde Welt.
Daß die Glocken, die da schlagen, Und im Wald der leise Wind Jede Nacht von neuem klagen Um mein liebes, süßes Kind.
Daß mein Herz nicht konnte brechen Bei dem letzten Todeskuß, Daß ich wie im Wahnsinn sprechen Nun in irren Liedern muß.
5
Freuden wollt ich dir bereiten, Zwischen Kämpfen, Lust und Schmerz Wollt ich treulich dich geleiten Durch das Leben himmelwärts.
Doch du hast's allein gefunden Wo kein Vater führen kann, Durch die ernste, dunkle Stunde Gingst du schuldlos mir voran.
Wie das Säuseln leiser Schwingen Draußen über Tal und Kluft Ging zur selben Stund ein Singen Ferne durch die stille Luft.
Und so fröhlich glänzt' der Morgen, 's war als ob das Singen sprach: Jetzo lasset alle Sorgen, Liebt ihr mich, so folgt mir nach!
6
Ich führt dich oft spazieren In Wintereinsamkeit, Kein Laut ließ sich da spüren, Du schöne, stille Zeit!
Lenz ist's nun, Lerchen singen Im Blauen über mir, Ich weine still - sie bringen Mir einen Gruß von dir.
7
Die Welt treibt fort ihr Wesen, Die Leute kommen und gehn, Als wärst du nie gewesen, Als wäre nichts geschehn.
Wie sehn ich mich aufs neue Hinaus in Wald und Flur! Ob ich mich gräm, mich freue, Du bleibst mir treu, Natur.
Da klagt vor tiefem Sehnen Schluchzend die Nachtigall, Es schimmern rings von Tränen Die Blumen überall.
Und über alle Gipfel Und Blütentäler zieht Durch stillen Waldes Wipfel Ein heimlich Klagelied.
Da spür ich's recht im Herzen, Daß du's, Herr, draußen bist - Du weißt's, wie mir von Schmerzen Mein Herz zerrissen ist!
8
Von fern die Uhren schlagen, Es ist schon tiefe Nacht, Die Lampe brennt so düster, Dein Bettlein ist gemacht.
Die Winde nur noch gehen Wehklagend um das Haus, Wir sitzen einsam drinne Und lauschen oft hinaus.
Es ist, als müßtest leise Du klopfen an die Tür, Du hättst dich nur verirret, Und kämst nun müd zurück.
Wir armen, armen Toren! Wir irren ja im Graus Des Dunkels noch verloren - Du fandst dich längst nach Haus.
9
Dort ist so tiefer Schatten, Du schläfst in guter Ruh, Es deckt mit grünen Matten Der liebe Gott dich zu.
Die alten Weiden neigen Sich auf dein Bett herein, Die Vöglein in den Zweigen Sie singen treu dich ein.
Und wie in goldnen Träumen Geht linder Frühlingswind Rings in den stillen Bäumen - Schlaf wohl mein süßes Kind!
10
Mein liebes Kind, ade! Ich konnt ade nicht sagen Als sie dich fortgetragen, Vor tiefem, tiefem Weh.
Jetzt auf lichtgrünem Plan Stehst du im Myrtenkranze, Und lächelst aus dem Glanze Mich still voll Mitleid an.
Und Jahre nahn und gehn, Wie bald bin ich verstoben - O bitt für mich da droben, Daß wir uns wiedersehn!
An einen Offizier, der als Bräutigam starb
Frisch flogst du durch die Felder Und faßtest ihre Hand, Ringsum der Kreis der Wälder In Morgenflammen stand.
O falsches Rot! Verblühen Mußt dieses Blütenmeer, Wer dachte, daß dies Glühen Das Abendrot schon wär!
Nun dunkeln schon die Fernen, Du wirst so still und bleich, Wie ist da weit von Sternen Der Himmelsgrund so reich!
Trompeten hört ich laden Fern durch die stille Luft, Als zögen Kameraden - Der alte Feldherr ruft.
Es sinken schon die Brücken, Heut dir und morgen mir. Du müßt hinüberrücken, Kamrad, mach uns Quartier!
Treu' Lieb ist unverloren, Empfängst - wie bald ist's hin! - Einst an den Himmelstoren Die müde Pilgerin.
Angedenken
Berg' und Täler wieder fingen Ringsumher zu blühen an, Aus dem Walde hört ich singen Einen lust'gen Jägersmann.
Und die Tränen drangen leise: So einst blüht' es weit und breit, Als mein Lieb dieselbe Weise Mich gelehrt vor langer Zeit.
Ach, ein solches Angedenken, 's ist nur eitel Klang und Luft, Und kann schimmernd doch versenken Rings in Tränen Tal und Kluft!
In der Fremde
Aus der Heimat hinter den Blitzen rot Da kommen die Wolken her, Aber Vater und Mutter sind lange tot, Es kennt mich dort keiner mehr. Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit, Da ruhe ich auch, und über mir Rauschet die schöne Waldeinsamkeit Und keiner mehr kennt mich auch hier.
Vesper
Die Abendglocken klangen Schon durch das stille Tal, Da saßen wir zusammen Da droben wohl hundertmal.
Und unten war's so stille Im Lande weit und breit, Nur über uns die Linde Rauscht' durch die Einsamkeit.
Was gehn die Glocken heute Als ob ich weinen müßt? Die Glocken, die bedeuten, Daß meine Lieb gestorben ist!
Ich wollt, ich läg begraben, Und über mir rauschte weit Die Linde jeden Abend Von der alten, schönen Zeit!
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