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Am Himmelstor
Ich träumte mich auf einem bangen Weg, auf einem hohen, schwindelschmalen Steg, der führte mich bis an das Himmelstor. Da stand ich lange, ohne Mut, davor.
Und zitternd griff ich nach dem rost'gen Ring, das Himmelsglöcklein an zu läuten fing; mein Herz erschrak vor seinem hellen Klang, ein armer Sünder auf dem letzten Gang.
Dann rasselte ein großer Schlüsselbund, ein Knarren, bis der Himmel offen stund; doch hascht' ich nur von seiner Herrlichkeit mit scheuem Blinzeln einen Streifen breit,
ein Wiesengrün und einen Engelsfuß. Sankt Peter barg mir jeden weitern Gruß mit breitem Rücken und erschreckte mich mit barschen Fragen: »Freund, wer schickte dich?«
»Mich schickte keiner.« »Und was suchst du hier?« »Nach Erdennot ein ruhiges Quartier, ein Flügelpaar und himmlisches Gewand, ein Tröpfchen Tau aus Gottes hohler Hand.«
»Hast du zu solchen Dingen auch ein Recht, warst du auf Erden ein getreuer Knecht?« »Ich war Poet.« »Und kommst zu Fuß hier an? Wo hast du deine Flügel hingetan?«
»Ich schämte mich, weil sie so sehr beschmutzt und ihre schönsten Federn arg gestutzt, weil durch das Fliegen nach dem Flitterkranz des Menschenruhmes dunkel ward ihr Glanz.«
»Und deinen Kranz?« »Ich hab' ihn abgelegt, daß man mit andern ihn zum Kehricht fegt, und komm' nun nackt und ohne Glorienschein.« Da sprach der Pförtner gütig: »Komm, tritt ein.«
Das Birkenbäumchen
Ich weiß den Tag, es war wie heute, ein erste Maitag, weich und mild, und die erwachten Augen freute das übersonnte Morgenbild.
Der frohe Blick lief hin und wieder, wie sammelt er die Schätze bloß? So pflückt ein Kind im auf und nieder sich seine Blumen in den Schoß.
Da sah ich dicht am Wegesaume ein Birkenbäumchen einsam stehn, rührend im ersten Frühlingsflaume. Konnt' nicht daran vorübergehn.
In seinem Schatten stand ich lange, hielt seinen schlanken Stamm umfaßt und legte leise meine Wange an seinen kühlen Silberbast.
Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte im zarten Laub wie Schmeichelhand. Ein Zittern lief herab, als fühlte das Bäumchen, daß es Liebe fand.
Und war vorher die Sehnsucht rege, hier war sie still, in sich erfüllt; es war, als hätte hier am Wege sich eine Seele mir enthüllt.
Das Wunder
Das Gräflein saß auf seinem Schloß so recht in vollem Fett, nur eins blieb ihm versagt: Ein Sproß aus ehelichem Bett. Es tat, was man in solchem Fall mit Inbrunst pflegt zu tun, doch lassen Heilige überall die Hände einmal ruhn.
An hundert Messen, all umsunst und Kerzen ohne Zahl – da wird Vertrauen schwere Kunst und Hoffen schwere Qual. »Herr Bischof, sagt, was bleibt mir noch? Wißt Ihr noch einen Rat? Der Himmel zürnt, wiewohl ich doch die frömmsten Werke tat?«
Der Bischof lächelt fein und still und streicht den blonden Bart: »Mich dünkt, Herr Graf, der Himmel will, daß Ihr zum Kreuze fahrt. Das war noch immer letztes Heil aus aller Not heraus, fahrt hin, Herr Graf, ich bin derweil ein Hirte Eurem Haus.«
Der Ritter rüstet Roß und Troß zum letzten, was ihm blieb: »Herr Bischof, hütet Frau und Schloß mit Eurer frommen Lieb. Find ich im heiligen Land die Gnad, ein Kirchlein will ich baun mit einem Türmlein schlank und grad, für unsre liebe Fraun.«
Des Bischofs Segen nahm er mit, des Weibes letzten Kuß, und ritt betrübt davon, im Schritt, denn Scheiden schafft Verdruß. Zwei Jahre gehn gewiß darauf, und ob die Reise nützt? Sein Herz doch stärkt sich mählich auf, einfältig Glauben stützt.
Zwei Jahre gingen drauf, trotzdem er keine Zeit verlor. Er kniete in Jerusalem und trug sein Wünschen vor. Und als er lag am heiligen Grab, war's ihm, als sei's gewährt. Noch fragt sich: Mädel oder Knab? Ich nehm, was mir beschert.
Gestärkten Glaubens zog er heim, sein liebes Weib im Sinn, summt einen alten Wiegenreim im Sattel vor sich hin. Sein Schildknapp knurrte in den Bart und hielt die Hand ans Ohr: »Das ist mir schöne Ritterart, der tut's der Amm zuvor.«
Der Graf doch sang noch manchesmal verträumt die süße Weis, bis daß im Abendsonnenstrahl zu Ende ging die Reis. Und, frommer Schrecken, rotumglüht, was grüßt ihn weit ins Land? »Hat sich der Herr so bald bemüht, noch eh ich heimwärts fand?«
»Herr Bischof, ja, ich hab's erprobt, Ihr ratet keinem schlecht. Das Kirchlein, das ich ausgelobt, es steht schon, seh ich recht.« Weit riß der Graf die Augen auf, kein Blendwerk war dabei: Das Kirchlein stand, und obendrauf der schlanken Türmlein zwei.
De Stormflot
Wat brüllt de Storm? De Minsch is'n Worm! Wat brüllt de See? 'n Dreck is he!
De Wind de weiht, up springt de Flot, Und sett up den Strand ern natten Fot, Reckt sick höger und leggt up't Land, Patsch, ere grote, natte Hand.
De lütte Diek, dat lütte Dorp, De Flot is daraewer mit eenem Worp. Dar is keen Hus, dat nicht wankt und bevt, Dar wahnt keen Minsch, de morgen noch levt.
Wat brüllt de Storm? De Minsch is'n Worm! Wat brüllt de See? 'n Dreck is he!
Der törichte Jäger
Er zog hinaus, das Glück zu fangen, und jagte mit erhitzten Wangen bis in den späten Abendschein. Umsonst, es war ein schlimmes Jagen, er kehrte müde und zerschlagen in seine warme Hütte ein.
Da saß in schlichtem Werkelkleide, dem wilden Jäger schier zuleide, am Herde eine stille Magd. Sie reichte ihm den Trunk, den Bissen und ging zu Hand ihm, dienstbeflissen, wie es dem müden Mann behagt.
Sie hatte still sich eingefunden und ungefragt, vor Jahr und Stunden, und ihre Treue nahm er hin. Heut saß sie blaß zu seinen Füßen; er ließ sie seinen Unmut büßen, das flücht'ge Wild lag ihm im Sinn.
»Und muß ich mich zu Tode hetzen, es soll mein heißes Herz ergetzen,« rief er und rief sein letztes Wort und kehrte grollend ihr den Rücken und setzte über Traumesbrücken die Jagd nach seinem Wilde fort.
Am Morgen, eh' die Vögel girrten, erwacht' er. Seine Blicke irrten schlaftrunken über Bett und Wand und hin zum Herd. Da stand im Scheine des Feuers, bleich am weißen Steine, die Magd, ihr Bündel in der Hand.
»Wohin? Was treibt dich?« - »Laß mich wandern, mein Dienst gehört jetzt einem andern, leb wohl, ich kehre nicht zurück.« Schon stand sie draußen an der Pforte, er hört nur noch die Abschiedsworte: »Vergiß mich nicht, ich war das Glück.«
Die Gedenktafel
Meinem Bruder
Du wolltest, jung und hohen Sinns, Paläste bau'n und Tempel und sehntest dich, ein Haus zu sehn mit deines Geistes Stempel. Was dir der Gott an Schönheit gab, das liegt nun all im dunklen Grab. Der Tod, der Neidgeselle, nahm dir zu früh die Kelle, das Richtmaß und den Zirkel ab.
Ich aber lebe noch im Licht und bau' auf meine Weise und bau' an einem Tempel fromm, darin ich bet' und preise. Aus Liedern soll ein Haus erstehn, draus meine Augen fröhlich sehn, darin vor allen Wänden in stillen Opferbränden der Schönheit ewige Flammen wehn.
Und eine Tafel bring' ich an, davor zwei Kerzen ragen, die soll auf ihrem hellen Grund nur deinen Namen tragen und soll mich mahnen früh und spät, je herrlicher mein Haus gerät, wie oft ein hohes Streben sich bitterlich muß geben und all in einer Nacht vergeht.
Die Kinder schlummern
Die Kinder schlummern in den Kissen, Weich, weichen Atems, nebenan, Ein Traum vom heutigen Tag, und wissen Nicht was mit diesem Tag verrann.
Wir aber fühlen jede Stunde, Die uns mit leisem Flügel streift Und wissen, daß im Dämmergrunde Der Zeit uns schon die letzte reift.
Wir sitzen enggeschmiegt im Dunkeln. So träumt sich's gut. Und keines spricht. Durchs Fenster fällt ein Sternenfunkeln, Vom Ofen her ein Streifchen Licht.
Einmal, im Schlaf, lacht eines der Kleinen Ganz leis. Was es wohl haben mag? Springt es mit seinen kurzen Beinen Noch einmal fröhlich durch den Tag?
Ein Mäuschen knabbert wo am Schragen, Knisternd verkohlt ein letztes Scheit, Die alte Uhr hebt an zu schlagen - Da sprichst du leis: "Komm, es ist Zeit!"
Die Morgenpredigt
Die Felder lagen still und schwer, der Sommer brachte Segen. Wir gingen kreuz und gingen quer und kamen von den Wegen.
Es stand ein roter Mohn im Korn und eine weiße Winde, es hing ein kleines Nest im Dorn, aus Halmen und aus Rinde.
Ein Sonntag war's, das Dorf versteckt in Andacht und in Frieden, und wir, von Wall und Busch umheckt, von allen abgeschieden.
Dort fiel nun wohl vom Kanzelbord in die erbaute Menge gar manches gute Liebeswort und manches Wort der Strenge.
Hier ward uns eine Predigt rings aus Sonne und aus Stille, das Leuchten eines Schmetterlings, das Zirpen einer Grille.
Und hier und da ein Liebeswort so abseits von den Wegen. Die Ähren wogten leise fort, der Sommer brachte Segen.
Die Räuber
Ich war, ein Knabe, in den Wald gegangen mit meinen Brüdern. Wie die wilden Rangen den Ferienmorgen durch die Büsche trieben, daß er entfloh, als hätt' er Hasenläufe. Und selber jagten sie sich umeinander, hierhin, dorthin, wie steuerlose Brander. Und wirklich wär bald nichts vom Wald geblieben, als funkenüberstreute Aschenhäufe.
Ein rechter Räuber, seines Werts durchdrungen, und sei er auch der Schule just entsprungen, kann nicht der Bürger glatte Wege wandeln, wo Förster und Magister ihm begegnen. Er braucht das Dickicht, wo kein Hund ihn wittert, braucht finstre Höhlen, buschwerkübergittert, wo kein Gesetz ihm lähmt das kühne Handeln und keine Prügel in sein Handwerk regnen.
O Freiheit, deine roten Flammen schlugen so stürmisch nie, und keine Hände trugen so hochgemut die lodernden Fanale; wir waren Räuber und dazu Indianer, zum »Großen Adler« wurde Hänschen Meier, und Müllers Fritzchen zum »Gefleckten Geier«, die Friedenspfeife ging zum dritten Male von Hand zu Hand, und blaß saß der Quartaner.
Und schweigend qualmten um die dürren Reiser die tapfern Krieger, jeder Held ein Weiser, im großen Rat: und durch die Buchenrunde zog sacht der Rauch des Feuers und der Pfeifen. Dann ging die Flasche mit dem Himbeersafte, die der verwegene Häuptling sich verschaffte, »Der große Büffel«, still von Mund zu Munde. Ein Pfiff! Und nach dem Kriegsbeil galt's zu greifen.
Ihr Knabenspiele unter Sommerbuchen, wo soll ich köstlichere Freuden suchen, als die aus eurem tollen Treiben sprossen, wie helle Rosen aus den wilden Ranken. Doch Dornen hatten, weh! auch diese Rosen, und sie zerrissen nicht allein die Hosen, auch rotes Blut ist jämmerlich geflossen, und dann, zu Haus, der Räubermutter Zanken.
Und einmal mußten wir die Häuptlingsrücken, o Schmach für Helden, untern Stecken bücken. Den großen Büffel nahm man fest beim Horne, der große Adler mußte Federn lassen denn aus der Asche unsrer Höhlenscheite erstand ein Kläger, der in alle Weite die Klage rief. Die ward zum Todesdorne für unsern Mut und ließ uns feig erblassen.
Der Wald in Flammen! Weh, die Schrecksekunde! Wir zitterten. Nun ist die letzte Stunde für euch gekommen, und die Messer blitzten, kreisrund den Skalp von eurem Haupt zu trennen. Der Wald in Flammen! Förster, Polizisten, Kerker, Schafott, ringsum die Stadtgardisten - doch nein, man wird euch schon die Haut nicht ritzen. Mut, großer Büffel! Nur die Weiber flennen.
Die Zähne fest! Und Hiebe gab es, Hiebe! Und ist die Züchtigung ein Wort der Liebe, kein Vater liebte heißer seine Knaben und mehr als sie verdienten, wie ich meine: Zwei junge Buchen waren draufgegangen, und unsres Wigwams rauchgeschwärzte Stangen schrien unsre Schandtat in das Ohr des Raben, der Krumen las an unserm Opfersteine.
Die Schnitterin
War einst ein Knecht, einer Witwe Sohn, Der hatte sich schwer vergangen. Da sprach sein Herr: "Du bekommst deinen Lohn, Morgen musst du hangen."
Als das seiner Mutter kund getan, Auf die Erde fiel sie mit Schreien: "O, lieber Herr Graf, und hört mich an, Er ist der letzte von dreien.
Den ersten schluckte die schwarze See, Seinen Vater schon musste sie haben, Dem andern haben in Schonens Schnee Eure schwedischen Feinde begraben.
Und lasst ihr mir den letzten nicht Und hat er sich vergangen, Lasst meines Alters Trost und Licht Nicht schmählich am Galgen hangen!"
Die Sonne hell im Mittag stand, Der Graf sass hoch zu Pferde, Das jammernde Weib hielt sein Gewand Und schrie vor ihm auf der Erde.
Da rief er: "Gut, eh die Sonne geht, Kannst du drei Aecker mir schneiden, Drei Aecker Gerste, dein Sohn besteht, Den Tod soll er nicht leiden."
So trieb er Spott, hart gelaunt, Und ist seines Weges geritten. Am Abend aber, der Strenge staunt, Drei Aecker waren geschnitten.
Was stolz im Halm stand über Tag, Sank hin, er musst es schon glauben. Und dort, was war's, was am Feldrain lag? Sein Schimmel stieg mit Schnauben.
Drei Aecker Gerste, ums Abendrot, Lagen in breiten Schwaden, Daneben die Mutter, und die war tot. So kam der Knecht zu Gnaden.
Die Sorglichen
Im Frühling, als der Märzwind ging, als jeder Zweig voll Knospen hing, da fragten sie mit Zagen: Was wird der Sommer sagen?
Und als das Korn in Fülle stand, in lauter Sonne briet das Land, da seufzten sie und schwiegen: Bald wird der Herbstwind fliegen.
Der Herbstwind blies die Bäume an und ließ auch nicht ein Blatt daran. Sie sahn sich an: Dahinter kommt nun der böse Winter.
Das war nicht eben falsch gedacht, der Winter kam auch über Nacht. Die armen, armen Leute, was sorgen sie nur heute?
Sie sitzen hinterm Ofen still und warten, ob's nicht tauen will, und bangen sich und sorgen um morgen.
Die Zierliche
Du Zierliche, Leichte, Wenn ich dich erreichte Du feine Zarte, Warte nur, warte, Wenn ich dich fing? Solche zierliche Dinger Faßt man mit Daumen und Mittelfinger Wie der Knabe den Schmetterling.
Die feinen Ohren
Meiner Mutter
Du warst allein, ich sah durchs Schlüsselloch den matten Schein der späten Lampe noch.
Was stand ich nur und trat nicht ein? Und brannte doch, und war mir doch, es müßte sein, daß ich noch einmal deine Stirne strich und zärtlich flüsterte: Wie lieb' ich dich.
Die alte böse Scheu, dir ganz mein Herz zu zeigen, sie quält mich immer neu. Nun lieg' ich durch die lange Nacht und horche in das Schweigen - ob wohl ein weißes Haupt noch wacht?
Und einmal hab' ich leis gelacht: Was sorgst du noch, sie weiß es doch, sie hat gar feine Ohren, ihr geht von deines Herzens Schlag, obwohl die Lippe schweigen mag, auch nicht ein leiser Ton verloren.
Ein Tageslauf
Sitz' ich sinnend, Haupt in Hand gestützt: Schöner Tag, hab' ich dich recht genützt?
Einen Kuß auf meines Weibes Mund, Liebesgruß in früher Morgenstund'.
Sorg' ums Brot in treuer Tätigkeit, offnes Wort in scharfem Männerstreit.
Einen guten Becher froh geleert, kräftig einem argen Wunsch gewehrt.
Leuchtend kommt aus ewigem Sternenraum noch zuletzt ein seliger Dichtertraum.
Sinnend sitz' ich, Haupt in Hand gestützt: Schöner Tag, ich hab' dich ausgenützt.
Feierabend
Über reifen Ähren liegt Stiller, goldner Abendschein. Eine junge Mutter wiegt Sacht ihr Kind und singt es ein.
Letzter heller Sensenklang Zittert übers Feld hinaus, Und der Schnitter ruht am Hang Feiernd bei den Seinen aus.
Sein gebräuntes Angesicht Leuchtet über seinem Sohn; Doch er stört den Schläfer nicht, Und die Hütte wartet schon.
Leichter Herdrauch steigt und weht Über Wipfel her. Nicht fern Winkt das Dach. Und drüber steht Friedefromm der Abendstern.
Fromm
Der Mond scheint auf mein Lager. ich schlafe nicht, meine gefalteten Hände ruhen in seinem Licht.
Meine Seele ist still, sie kehrte von Gott zurück, und mein Herz hat nur einen Gedanken: dich und dein Glück.
Gebet
Herr, laß mich hungern dann und wann, satt sein macht stumpf und träge, und schick' mir Feinde, Mann um Mann, Kampf hält die Kräfte rege.
Gib leichten Fuß zu Spiel und Tanz, Flugkraft in goldne Ferne, und häng' den Kranz, den vollen Kranz, mir höher in die Sterne.
Gestorben
Der Himmel senkte seine grauen Fahnen tief auf des Parks umflorte Sommerwipfel, und durch die stillen Schattengänge schwebten der Schwermut dunkle Falter leisen Fluges. Die hohen Ulmen weinten und die Birken, die ernsten Koniferen und die Rosen, und durch den feuchten Schleier sah das Haus mit seinen dichtverhängten Fenstern wie ein müdes, bleiches Menschenangesicht, dem Gram die heißen, kranken Lider schloß.
Des Gartens offnes Gitter lockte mich, und ich trat ein. Die dunklen Ulmen leerten wie fassungslos des Kummers Schalen aus, und auf den Beeten weinten alle Blumen, und von den Rasen neigten sich die Gräser auf meinen Fuß und netzten ihn mit Tränen.
Die erzgegossene Sphinx nur an der Treppe sah kalt und unbewegt in diesen Jammer mit großen, leeren Augen, daß mir grauste. Und doch war über ihren schwarzen Leib ein ganzer Zweig voll schwerer gelber Rosen, wie aufgelöst in lauter Leid, gesunken und schüttelte der Schmerzen heiligen Tau aus seinen goldenen Kelchen auf sie nieder.
Und aus der Villa trat ein dürres Männchen, ein alter Herr mit einer Aktenmappe, mit Brille, Regenschirm und Florzylinder. Er sah mich fragend an: »Was suchst du hier?« Und zögernd kam es von den schmalen Lippen: »Sie wissen doch? die Poesie ist tot.«
Wie Dolchstich traf das Wort, und ich erschrak. Und wie ein Schluchzen ging es durch die Bäume, stieg aus den Wurzeln bis in alle Kronen. Die Birken weinten und die hohen Ulmen, die Koniferen und die dunklen Rosen, und wie ein Schüttelfrost durchlief es jäh den gramgebeugten gelben Rosenstrauch, der um den Hals der strengen, starren Sphinx die schlanken Arme warf: Fühlst du denn nichts? Fühlst du denn nichts? Die Poesie ist tot.
Heimweh
Wo die Wälder Wache halten um dein weißes Haus, daß nicht wilde Sturmgewalten toben ein und aus,
kommt auf weichen, schnellen Schwingen öfter wohl ein Wehn, darin ist ein süßes Klingen und ein Glockengehn.
Heimatlieder, liebe, traute, o, wie das doch singt, Heimatglocken, tiefe Laute, o, wie das doch klingt!
Über deine dunklen, dichten Wälder wandert still deine Sehnsucht, die zur lichten fernen Heimat will.
Thies und Ose
In Wenningstedt bei Karten und Korn erschlug einst ein Bauer in jähem Zorn seinen Gast. Thies Thießen war stark, und der Hansen ein Stänker um jeden Quark.
Nun lag er bleich und im Blut auf dem Stroh. Aber wo war Thies Thießen? Wo? Sie suchten ihn und fanden ihn nicht, und der Galgen machte ein langes Gesicht.
Ose, des Mörders Weib, kam in Not. Vier Kinder wollten von ihr Brot. Ihr Kram ging zurück. Stück für Stück ward verkauft, und sie suchte bei Fremden ihr Glück.
Doch stand sie in Ehren bei jedermann und tat ihnen leid. Die Zeit verrann, und Thies Thießen war und blieb weg, als wäre die Welt ein Sieb.
So wurden es Jahre. Auf einmal fing's zu tuscheln an, bis nach Rantum ging's: Habt ihr gesehn? Schon lange. Nanu! Meint ihr? Und sie nickten sich zu.
Sie war doch sonst ein ehrlich Weib, nun schreit ihre Schande das Kind im Leib. Mit wem sie's wohl hält? Das Mannsvolk ist toll! – Das war ein Geschwätz, alle Stuben voll.
Die fromme Ose ertrug es in Scham, kein Wort über ihre Lippen kam. Nur einem fraß es am Herzen und fraß, bis ihm der Schmerz in den Fäusten saß.
Und eh sich's die Lästermäuler versahn, stand er auf: Ich hab's getan! Und standen alle und glotzten sehr: Thies Thießen? Gott sei bei uns! Woher?
Nicht verrat ich das Dünenloch, und ihr findet es nimmer. Sie aber fand's doch. Und geht's um den Hals, das Kind ist mein. Und verdammt, wer's nicht glaubt. Ich bläu's ihm ein.
Und er sah elend aus und schwach, und er hielt sie wie ein Gespenst in Schach, bis ihnen allen allmählich klar, daß der da wirklich Thies Thießen war. –
Der Hansen war tot, von keinem vermißt, ein Säufer war er und schlechter Christ. Aber der Thießen, ein Kerl ist er doch! Und die Ose, gibt's eine Bravere noch?
Alle die Jahre in Elend und Not teilte sie ihr Hungerbrot treulich ihm mit. Und jetzt weinte sie da an seinem Hals. Es ging allen nah.
Sie kauten und spuckten und sahen sich an und schoben sich sacht an Thießen heran und brummten und schüttelten ihm die Hand. Das war ihr Gericht. Und so blieb er im Land.
Wenn ich sterbe
Legt rote Rosen mir um meine Stirne, im Festgewande will ich von euch gehn, und stoßt die Fenster auf, daß die Gestirne mit heiterm Lächeln auf mein Lager sehn.
Und dann Musik! Und während Lieder schallen, von Hand zu Hand der Abschiedsbecher blinkt, mag mählich über mich der Vorhang fallen, wie Sommernacht auf reife Felder sinkt.
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