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An Silvien
Wenn die Zweige Wurzeln schlagen, Wachsen, grünen, Früchte tragen, Möchtest du dem Angedenken
Deines Freunds ein Lächeln schenken.
Derselben
Und wenn sie zuletzt erfrieren, Weil man sie nicht wohl verschanzet, Will sich's alsobald gebühren, Daß man hoffend neue pflanzet.
Einer hohen Reisenden
Wohin du trittst, wird uns verklärte Stunde, Dir leuchtet Klarheit frisch vom Angesicht, Vom Auge Gutheit, Lieblichkeit vom Munde, Aus Wolken dringt ein reines Himmelslicht. Der Ungeheuer Schwarm im Hintergrunde, Er drängt, er droht, jedoch er schreckt dich nicht, Wie du mit Freiheit unbefangen schreitest, Das Herz erhebst und jeden Geist erweitest.
So wandelst du, dein Ebenbild zu schauen, Das majestätisch uns von oben blickt, Der Mütter Urbild, Königin der Frauen, Ein Wunderpinsel hat sie ausgedrückt. Ihr beugt ein Mann, mit liebevollem Grauen, Ein Weib die Knie, in Demut still entzückt; Du aber kommst, ihr deine Hand zu reichen, Als wärest du zu Haus bei deinesgleichen.
Doch schreite weiter, was auch hier sich finde, Zum Lande hin, dem doch kein andres gleicht, Wo uns Natur befreit, wie Kunst auch binde, Der Geist sich stählt, wenn sich das Herz erweicht, Vor stillem Schaun so Zeit- als Volksgewinde Zum Abgrund wallt, zur Himmelshöhe steigt: Dorthin gehörst du, die du schaffend strebest, Die Trümmer herstellst, Totes neu belebest.
Führ uns indes durch blumenreiche Matten, Am breiten Fluß durchs wohlbekannte Tal, Wo Reben sich um Sonnenhügel gatten, Der Fels dich schützt vor mächt'gem Sonnenstrahl; Genieße froh der engen Laube Schatten, Der reinen Milch unschuldig würd'ges Mahl, Und hier und dort vergönn, an deinen Blicken, An deinem Wort uns ewig zu entzücken!
Jubiläum
am 2.Januar 1815
Hat der Tag sich kaum erneuet, Wo uns Winterfreude blühet, Jedermann sich wünschend freuet, Wenn er Freund und Gönner siehet.
Sagt, wie schon am zweiten Tage Sich ein zweites Fest entzündet? Hat vielleicht willkommne Sage Vaterland und Reich gegründet?
Haben sich die Allgewalten Endlich schöpferisch entschieden, Aufzuzeichnen, zu entfalten Allgemeinen, ew'gen Frieden?
Nein! - Dem Würdigen, dem Biedern Winden wir vollkommne Kränze, Und zu aller Art von Liedern Schlingen sich des Festes Tänze.
Selbst das Erz erweicht sich gerne, Wundersam ihn zu verehren; Aber ihr, auch aus der Ferne, Laßt zu seinem Preise hören!
Er, nach langer Jahre Sorgen, Wo der Boden oft gewidmet, Sieht nun Fürst und Volk geborgen, Dem er Geist und Kraft gewidmet.
Die Gemahlin, längst verbunden Ihm als treulichstes Geleite, Sieht er auch, der tausend Stunden Froh gedenk, an seiner Seite.
Leb er so, mit Jünglingskräften Immer herrlich und vermögsam, In den wichtigsten Geschäften Heiter klug und weise regsam
Und in seiner Trauten Kreise Sorgenfrei und unterhaltend, Eine Welt nach seiner Weise Nah und fern umher gestaltend.
Rätsel
Viel Männer sind hoch zu verehren, Wohltätige durch Werk und Lehren; Doch wer uns zu erstatten wagt, Was die Natur uns ganz versagt, Den darf ich wohl den größten nennen: Ich denke doch, ihr müßt ihn kennen?
Den Drillingsfreunden von Köln
mit einem Bildnisse
Der Abgebildete Vergleicht sich billig Heil'gem Dreikönige, Dieweil er willig Dem Stern, der ostenher Wahrhaft erschienen, Auf allen Wegen war Bereit zu dienen.
Der Bildner gleichenfalls Vergleicht sich eben Dem Reiter, der den Hals Darangegeben, Wie Hämmling auch getan, Ein Held geworden, Durch seine Manneskraft Ritter vom Orden.
Darum zusammen sie Euch nun verehren, Die zum Vergangenen Mutig sich kehren, Stein, Heil'ge, Samt und Gold - Männiglich strebend Und altem Tage hold - Fröhlich belebend.
An Uranius
"Himmel, ach!" so ruft man aus, Wenn's uns schlecht geworden. Himmel will verdienen sich Pfaff und Ritterorden.
Ihren Himmel finden viel' In dem Weltgetümmel; Jugend unter Tanz und Spiel Meint, sie sei im Himmel.
Doch von dem Klaviere tönt Ganz ein andrer Himmel; Alle Morgen grüß ich ihn, Nickt er mir vom Schimmel.
An Tischbein
Erst ein Deutscher, dann ein Schweizer, Dann ein Berg- und Taldurchkreuzer, Römer, dann Napolitaner, Philosoph und doch kein Aner, Dichter, fruchtbar aller Orten Bald mit Zeichen, bald mit Worten, Immer bleibest du derselbe Von der Tiber bis zur Elbe! Glück und Heil! so wie du strebest, Leben! so wie du belebest, So genieße! laß genießen! Bis die Nymphen dich begrüßen, Die sich in der Ilme baden Und aufs freundlichste dich laden.
An denselben
Alles, was du denkst und sinnest, Was du der Natur und Kunst Mit Empfindung abgewinnest, Druckst du aus durch Musengunst. Farbe her! Dein Meisterwille Schafft ein sichtliches Gedicht; Doch, bescheiden in der Fülle, Du verschmähst die Worte nicht.
An denselben
Für das Gute, für das Schöne, Das du uns so reichlich sendest, Möge jegliche Kamöne Freude spenden, wie du spendest! Möge dir im nord'schen Trüben Aller Guten, aller Lieben Reine Neigung so bereiten, Überall dich zu begleiten Mit des Umgangs trauter Wonne, Wie im heitern Land der Sonne!
An denselben
Statt den Menschen in den Tieren Zu verlieren, Findest du ihn klar darin Und belebst, als wahrer Dichter, Schaf- und säuisches Gelichter Mit Gesinnung wie mit Sinn.
Auch der Esel kommt zu Ehren Und yaht uns weise Lehren. Das, was Buffon nur begonnen, Kommt durch Tischbein an die Sonnen.
Stammbuchsweihe
Muntre Gärten lieb ich mir, Viele Blumen drinne, Und du hast so einen hier, Merk ich wohl, im Sinne.
Mögen Wünsche für dein Glück Tausendfach erscheinen; Grüße sie mit heitrem Blick, Und voran die meinen.
Der Liebenden, Vergesslichen zum Geburtstage
Dem schönen Tag sei es geschrieben ! Oft glänze dir sein heitres Licht. Uns hörest du nicht auf zu lieben, Doch bitten wir: Vergiß uns nicht!
Mit Wahrheit und Dichtung
Ein alter Freund erscheint maskiert, Und das, was er im Schilde führt, Gesteht er wohl nicht allen; Doch du entdeckst sogleich den Reim Und sprichst ihn aus ganz insgeheim: Er wünscht dir zu . . . . . .
Angebinde zur Rückkehr
Die Freundin war hinausgegangen, Um in der Welt sich umzutun; Nun wird sie bald nach Haus gelangen Und auf gewohnte Weise ruhn. Und neigt sie dann das art'ge Köpfchen, Umwunden reich von Zopf und Zöpfchen, Nach einem kissenweichen Sitzchen, So bietet freundlich ihr das Mützchen.
Kunst
Bilde, Künstler! Rede nicht! Nur ein Hauch sei dein Gedicht.
Die Nektartropfen
Als Minerva, jenen Liebling, Den Prometheus, zu begünst'gen, Eine volle Nektarschale Von dem Himmel niederbrachte, Seine Menschen zu beglücken Und den Trieb zu holden Künsten Ihrem Busen einzuflößen, Eilte sie mit schnellen Füßen, Daß sie Jupiter nicht sähe; Und die goldne Schale schwankte, Und es fielen wenig Tropfen Auf den grünen Boden nieder.
Emsig waren drauf die Bienen Hinterher und saugten fleißig; Kam der Schmetterling geschäftig, Auch ein Tröpfchen zu erhaschen; Selbst die ungestalte Spinne Kroch herbei und sog gewaltig.
Glücklich haben sie gekostet, Sie und andre zarte Tierchen! Denn sie teilen mit dem Menschen Nun das schönste Glück, die Kunst.
Der Wandrer
Wandrer Und den säugenden Knaben An deiner Brust! Laß mich an der Felsenwand hier In des Ulmbaums Schatten Meine Bürde werfen, Neben dir ausruhn.
Frau Welch Gewerbe treibt dich Durch des Tages Hitze Den staubigen Pfad her? Bringst du Waren aus der Stadt Im Land herum? Lächelst, Fremdling, Über meine Frage?
Wandrer Keine Waren bring ich aus der Stadt. Kühl wird nun der Abend. Zeige mir den Brunnen, Draus du trinkest, Liebes junges Weib!
Frau Hier den Felsenpfad hinauf. Geh voran! Durchs Gebüsche Geht der Pfad nach der Hütte, Drin ich wohne, Zu dem Brunnen, Den ich trinke.
Wandrer Spuren ordnender Menschenhand Zwischen dem Gesträuch! Diese Steine hast du nicht gefügt, Reichhinstreuende Natur!
Frau Weiter hinauf!
Wandrer Von dem Moos gedeckt ein Architrav! Ich erkenne dich, bildender Geist! Hast dein Siegel in den Stein geprägt.
Frau Weiter, Fremdling!
Wandrer Eine Inschrift, über die ich trete! Nicht zu lesen! Weggewandelt seid ihr, Tiefgegrabne Worte, Die ihr eures Meisters Andacht Tausend Enkeln zeigen solltet.
Frau Staunest, Fremdling, Diese Stein' an? Droben sind der Steine viel Um meine Hütte.
Wandrer Droben?
Frau Gleich zur Linken Durchs Gebüsch hinan; Hier.
Wandrer Ihr Musen und Grazien!
Frau Das ist meine Hütte.
Wandrer Eines Tempels Trümmer!
Frau Hier zur Seit hinab Quillt der Brunnen, Den ich trinke.
Wandrer Glühend webst du Über deinem Grabe, Genius! Über dir Ist zusammengestürzt Dein Meisterstück, O du Unsterblicher!
Frau Wart, ich hole das Gefäß Dir zum Trinken.
Wandrer Efeu hat deine schlanke Götterbildung umkleidet. Wie du emporstrebst Aus dem Schutte, Säulenpaar! Und du, einsame Schwester dort! Wie ihr, Düstres Moos auf dem heiligen Haupt, Majestätisch trauernd herabschaut Auf die zertrümmerten Zu euern Füßen, Eure Geschwister! In des Brombeergesträuches Schatten Deckt sie Schutt und Erde, Und hohes Gras wankt drüber hin. Schätzest du so, Natur, Deines Meisterstücks Meisterstück? Unempfindlich zertrümmerst du Dein Heiligtum? Säest Disteln drein?
Frau Wie der Knabe schläft! Willst du in der Hütte ruhn, Fremdling? Willst du hier Lieber in dem Freien bleiben? Es ist kühl! Nimm den Knaben, Daß ich Wasser schöpfen gehe. Schlafe, Lieber! schlaf!
Wandrer Süß ist deine Ruh! Wie's, in himmlischer Gesundheit Schwimmend, ruhig atmet! Du, geboren über Resten Heiliger Vergangenheit, Ruh ihr Geist auf dir! Welchen der umschwebt, Wird in Götterselbstgefühl Jedes Tags genießen. Voller Keim, blüh auf, Des glänzenden Frühlings Herrlicher Schmuck, Und leuchte vor deinen Gesellen! Und welkt die Blütenhülle weg, Dann steig aus deinem Busen Die volle Frucht Und reife der Sonn entgegen
Frau Gesegne's Gott! - Und schläft er noch? Ich habe nichts zum frischen Trunk Als ein Stück Brot, das ich dir bieten kann.
Wandrer Ich danke dir. Wie herrlich alles blüht umher Und grünt!
Frau Mein Mann wird bald Nach Hause sein Vom Feld. O bleibe, bleibe, Mann! Und iß mit uns das Abendbrot.
Wandrer Ihr wohnet hier?
Frau Da, zwischen dem Gemäuer her. Die Hütte baute noch mein Vater Aus Ziegeln und des Schuttes Steinen. Hier wohnen wir. Er gab mich einem Ackersmann Und starb in unsern Armen. - Hast du geschlafen, liebes Herz? Wie er munter ist und spielen will! Du Schelm!
Wandrer Natur! du ewig keimende, Schaffst jeden zum Genuß des Lebens, Hast deine Kinder alle mütterlich Mit Erbteil ausgestattet, einer Hütte. Hoch baut die Schwalb an das Gesims, Unfühlend, welchen Zierat Sie verklebt; Die Raup umspinnt den goldnen Zweig Zum Winterhaus für ihre Brut; Und du flickst zwischen der Vergangenheit Erhabne Trümmer Für deine Bedürfniss' Eine Hütte, o Mensch, Genießest über Gräbern! - Leb wohl, du glücklich Weib!
Frau Du willst nicht bleiben?
Wandrer Gott erhalt euch, Segn' euern Knaben!
Frau Glück auf den Weg!
Wandrer Wohin führt mich der Pfad Dort übern Berg?
Frau Nach Cuma.
Wandrer Wie weit ist's hin?
Frau Drei Meilen gut.
Wandrer Leb wohl! O leite meinen Gang, Natur! Den Fremdlings-Reisetritt, Den über Gräber Heiliger Vergangenheit Ich wandle. Leit ihn zum Schutzort, Vorm Nord gedeckt, Und wo dem Mittagsstrahl Ein Pappelwäldchen wehrt. Und kehr ich dann Am Abend heim Zur Hütte, Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl, Laß mich empfangen solch ein Weib, Den Knaben auf dem Arm!
Künstlers Morgenlied
Der Tempel ist euch aufgebaut, Ihr hohen Musen all, Und hier in meinem Herzen ist Das Allerheiligste.
Wenn morgens mich die Sonne weckt, Warm, froh ich schau umher, Steht rings ihr Ewiglebenden Im heil'gen Morgenglanz.
Ich bet hinan, und Lobgesang Ist lauter mein Gebet, Und freudeklingend Saitenspiel Begleitet mein Gebet.
Ich trete vor den Altar hin Und lese, wie sich's ziemt, Andacht liturg'scher Lektion Im heiligen Homer.
Und wenn er ins Getümmel mich Von Löwenkriegern reißt Und Göttersöhn auf Wagen hoch Rachglühend stürmen an
Und Roß dann vor dem Wagen stürzt Und drunter und drüber sich Freund', Feinde wälzen in Todesblut - Er sengte sie dahin
Mit Flammenschwert, der Heldensohn, Zehntausend auf einmal, Bis dann auch er, gebändiget Von einer Götterhand,
Ab auf den Rogus niederstürzt, Den er sich selbst gehäuft, Und Feinde nun den schönen Leib Verschändend tasten an:
Da greif ich mutig auf, es wird Die Kohle zum Gewehr, Und jene meine hohe Wand In Schlachtfeldwogen braust.
Hinan! Hinan! Es heulet laut Gebrüll der Feindeswut, Und Schild an Schild, und Schwert auf Helm, Und um den Toten Tod.
Ich dränge mich hinan, hinan, Da kämpfen sie um ihn, Die tapfern Freunde, tapferer In ihrer Tränenwut.
Ach, rettet! Kämpfet! Rettet ihn! Ins Lager tragt ihn fort, Und Balsam gießt dem Toten auf Und Tränen Totenehr!
Und find ich mich zurück hierher, Empfängst du, Liebe, mich, Mein Mädchen, ach, im Bilde nur Und so im Bilde warm!
Ach, wie du ruhtest neben mir Und schmachtetest mich an, Und mir's vom Aug durchs Herz hindurch Zum Griffel schmachtete!
Wie ich an Aug und Wange mich Und Mund mich weidete, Und mir's im Busen jung und frisch, Wie einer Gottheit, war !
O kehre doch und bleibe dann In meinen Armen fest, Und keine, keine Schlachten mehr, Nut dich in meinem Arm!
Und sollst mir, meine Liebe, sein Alldeutend Ideal, Madonna sein, ein Erstlingskind, Ein heiligs, an der Brust;
Und haschen will ich, Nymphe, dich Im tiefen Waldgebüsch; O fliehe nicht die rauhe Brust, Mein aufgerecktes Ohr!
Und liegen will ich Mars zu dir, Du Liebesgöttin stark, Und ziehn ein Netz um uns herum Und rufen dem Olymp,
Wer von den Göttern kommen will, Beneiden unser Glück, Und soll's die Fratze Eifersucht, Am Bettfuß angebannt.
Amor als Landschaftsmaler
Saß ich früh auf einer Felsenspitze, Sah mit starren Augen in den Nebel; Wie ein grau grundiertes Tuch gespannet, Deckt' er alles in die Breit und Höhe.
Stellt' ein Knabe sich mir an die Seite, Sagte: "Lieber Freund, wie magst du starrend Auf das leere Tuch gelassen schauen? Hast du denn zum Malen und zum Bilden Alle Lust auf ewig wohl verloren?"
Sah ich an das Kind und dachte heimlich: Will das Bübchen doch den Meister machen! "Willst du immer trüb und müßig bleiben", Sprach der Knabe, "kann nichts Kluges werden: Sieh, ich will dir gleich ein Bildchen malen, Dich ein hübsches Bildchen malen lehren."
Und er richtete den Zeigefinger, Der so rötlich war wie eine Rose, Nach dem weiten, ausgespannten Teppich, Fing mit seinem Finger an zu zeichnen:
Oben malt' er eine schöne Sonne, Die mir in die Augen mächtig glänzte, Und den Saum der Wolken macht' er golden, Ließ die Strahlen durch die Wolken dringen; Malte dann die zarten, leichten Wipfel Frisch erquickter Bäume, zog die Hügel, Einen nach dem andern, frei dahinter; Unten ließ er's nicht an Wasser fehlen, Zeichnete den Fluß so ganz natürlich, Daß er schien im Sonnenstrahl zu glitzern, Daß er schien am hohen Rand zu rauschen.
Ach, da standen Blumen an dem Flusse, Und da waren Farben auf der Wiese, Gold und Schmelz und Purpur und ein Grünes, Alles wie Smaragd und wie Karfunkel! Hell und rein lasiert' er drauf den Himmel Und die blauen Berge fern und ferner, Daß ich ganz entzückt und neu geboren Bald den Maler, bald das Bild beschaute.
"Hab ich doch", so sagt' er, "dir bewiesen, Daß ich dieses Handwerk gut verstehe; Doch es ist das Schwerste noch zurücke." Zeichnete darnach mit spitzem Finger Und mit großer Sorgfalt an dem Wäldchen, Grad ans Ende, wo die Sonne kräftig Von dem hellen Boden widerglänzte, Zeichnete das allerliebste Mädchen, Wohlgebildet, zierlich angekleidet, Frische Wangen unter braunen Haaren, Und die Wangen waren von der Farbe Wie das Fingerchen, das sie gebildet.
"O du Knabe!" rief ich, "welch ein Meister Hat in seine Schule dich genommen, Daß du so geschwind und so natürlich Alles klug beginnst und gut vollendest?"
Da ich noch so rede, sieh, da rühret Sich ein Windchen und bewegt die Gipfel, Kräuselt alle Wellen auf dem Flusse, Füllt den Schleier des vollkommnen Mädchens, Und was mich Erstaunten mehr erstaunte, Fängt das Mädchen an, den Fuß zu rühren, Geht zu kommen, nähert sich dem Orte, Wo ich mit dem losen Lehrer sitze.
Da nun alles, alles sich bewegte, Bäume, Fluß und Blumen und der Schleier Und der zarte Fuß der Allerschönsten: Glaubt ihr wohl, ich sei auf meinem Felsen Wie ein Felsen still und fest geblieben?
Künstlers Abendlied
Ach, daß die innre Schöpfungskraft Durch meinen Sinn erschölle! Daß eine Bildung voller Saft Aus meinen Fingern quölle!
Ich zittre nur, ich stottre nur Und kann es doch nicht lassen; Ich fühl, ich kenne dich, Natur, Und so muß ich dich fassen.
Bedenk ich dann, wie manches Jahr Sich schon mein Sinn erschließet, Wie er, wo dürre Heide war, Nun Freudenquell genießet,
Wie sehn ich mich, Natur, nach dir, Dich treu und lieb zu fühlen! Ein lust'ger Springbrunn, wirst du mir Aus tausend Röhren spielen.
Wirst alle meine Kräfte mir In meinem Sinn erheitern Und dieses enge Dasein hier Zur Ewigkeit erweitern.
Kenner und Künstler
Kenner Gut! Brav, mein Herr! Allein Die linke Seite Nicht ganz gleich der rechten; Hier scheint es mir zu lang Und hier zu breit; Hier zuckt's ein wenig, Und die Lippe Nicht ganz Natur, So tot noch alles!
Künstler O ratet! Helft mir, Daß ich mich vollende! Wo ist der Urquell der Natur, Daraus ich schöpfend Himmel fühl und Leben In die Fingerspitzen hervor? Daß ich mit Göttersinn Und Menschenhand Vermöge zu bilden, Was bei meinem Weib Ich animalisch kann und muß.
Kenner Da sehen Sie zu.
Künstler So!
Kenner und Enthusiast
Ich fahrt einen Freund zum Maidel jung, Wollt ihm zu genießen geben, Was alles es hätt, gar Freud genung, Frisch junges, warmes Leben. Wir fanden sie sitzen an ihrem Bett, Tät sich auf ihr Händlein stützen. Der Herr, der macht' ihr ein Kompliment, Tät gegen ihr über sitzen. Er spitzt die Nase, er sturt sie an, Betracht' sie herüber, hinüber: Und um mich war's gar bald getan, Die Sinnen gingen mir über.
Der liebe Herr für allen Dank Führt mich drauf in eine Ecken Und sagt, sie wär doch allzu schlank Und hätt auch Sommerflecken. Da nahm ich von meinem Kind Adieu, Und scheidend sah ich in die Höh: "Ach Herre Gott, ach Herre Gott, Erbarm dich doch des Herren!"
Da führt ich ihn in die Galerie Voll Menschenglut und Geistes; Mir wird's da gleich, ich weiß nicht wie, Mein ganzes Herz zerreißt es. "O Maler! Maler!" rief ich laut, "Belohn dir Gott dein Malen! Und nur die allerschönste Braut Kann dich für uns bezahlen."
Und sieh, da ging mein Herr herum Und stochert' sich die Zähne, Registriert' in Katalogum Mir meine Göttersöhne. Mein Busen war so voll und bang, Von hundert Welten trächtig; Ihm war bald was zu kurz, zu lang, Wägt' alles gar bedächtig.
Da warf ich in ein Eckchen mich, Die Eingeweide brannten. Um ihn versammelten Männer sich, Die ihn einen Kenner nannten.
Monolog des Liebhabers
Was nutzt die glühende Natur Vor deinen Augen dir, Was nutzt dir das Gebildete Der Kunst rings um dich her, Wenn liebevolle Schöpfungskraft Nicht deine Seele füllt Und in den Fingerspitzen dir Nicht wieder bildend wird?
Guter Rat
Geschieht wohl, daß man einen Tag Weder sich noch andre leiden mag, Will nichts dir nach dem Herzen ein; Sollt's in der Kunst wohl anders sein? Drum hetze dich nicht zur schlimmen Zeit, Denn Füll und Kraft sind nimmer weit: Hast in der bösen Stund geruht, Ist dir die gute doppelt gut.
Sendschreiben
Mein altes Evangelium Bring ich dir hier schon wieder; Doch ist mir's wohl um mich herum, Darum schreib ich dir's nieder.
Ich holte Gold, ich holte Wein, Stellt alles da zusammen. Da, dacht ich, da wird Wärme sein, Geht mein Gemäld in Flammen!
Auch tät ich bei der Schätze Flor Viel Glut und Reichtum schwärmen; Doch Menschenfleisch geht allem vor, Um sich daran zu wärmen.
Und wer nicht richtet, sondern fleißig ist, Wie ich bin und wie du bist, Den belohnt auch die Arbeit mit Genuß; Nichts wird auf der Welt ihm Überdruß. Denn er blecket nicht mit stumpfem Zahn Lang Gesottnes und Gebratnes an, Das er, wenn er noch so sittlich kaut, Endlich doch nicht sonderlich verdaut; Sondern faßt ein tüchtig Schinkenbein, Haut da gut taglöhnermäßig drein, Füllt bis oben gierig den Pokal, Trinkt, und wischt das Maul wohl nicht einmal.
Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig, Unverstanden, doch nicht unverständlich: Denn dein Herz hat viel und groß Begehr, Was wohl in der Welt für Freude wär, Allen Sonnenschein und alle Bäume, Alles Meergestad und alle Träume In dein Herz zu sammeln miteinander, Wie die Welt durchwühlend Banks, Solander.
Und wie muß dir's werden, wenn du fühlest, Daß du alles in dir selbst erzielest, Freude hast an deiner Frau und Hunden, Als noch keiner in Elysium gefunden, Als er da mit Schatten lieblich schweifte Und an goldne Gottgestalten streifte. Nicht in Rom, in Magna Graecia, Dir im Herzen ist die Wonne da! Wer mit seiner Mutter, der Natur, sich hält, Findt im Stengelglas wohl eine Welt.
Künstlers Fug und Recht
Ein frommer Maler mit vielem Fleiß Hatte manchmal gewonnen den Preis, Und manchmal ließ er's auch geschehn, Daß er einem bessern nach mußt stehn; Hatte seine Tafeln fortgemalt, Wie man sie lobt, wie man sie bezahlt. Da kamen einige gut hinaus; Man baut' ihn' sogar ein Heiligenhaus.
Nun fand er Gelegenheit einmal, Zu malen eine Wand im Saal; Mit emsigen Zügen er staffiert', Was öfters in der Welt passiert; Zog seinen Umriß leicht und klar, Man konnte sehn, was gemeint da war.
Mit wenig Farben er koloriert', Doch so, daß er das Aug frappiert. Er glaubt' es für den Platz gerecht Und nicht zu gut und nicht zu schlecht, Daß es versammelte Herrn und Fraun Möchten einmal mit Lust beschaun; Zugleich er auch noch wünscht' und wollt, Daß man dabei was denken sollt.
Als nun die Arbeit fertig war, Da trat herein manch Freundespaar, Das unsers Künstlers Werke liebt Und darum desto mehr betrübt, Daß an der losen, leidigen Wand Nicht auch ein Götterbildnis stand. Die setzten ihn sogleich zur Red, Warum er so was malen tät, Da doch der Saal und seine Wänd Gehörten nur für Narrenhänd; Er sollte sich nicht lassen verführen Und nun auch Bänk und Tische beschmieren; Er sollte bei seinen Tafeln bleiben Und hübsch mit seinem Pinsel schreiben; Und sagten ihm von dieser Art Noch viel Verbindlichs in den Bart.
Er sprach darauf bescheidentlich: "Eure gute Meinung beschämet mich. Es freut mich mehr nichts auf der Welt, Als wenn euch je mein Werk gefällt. Da aber aus eigenem Beruf Gott der Herr allerlei Tier' erschuf, Daß auch sogar das wüste Schwein, Kröten und Schlangen vom Herren sein, Und er auch manches nur ebauchiert Und gerade nicht alles ausgeführt (Wie man den Menschen denn selbst nicht scharf Und nur en gros betrachten darf): So hab ich als ein armer Knecht Vom sündlich menschlichen Geschlecht Von Jugend auf allerlei Lust gespürt Und mich in allerlei exerziert, Und so durch Übung und durch Glück Gelang mir, sagt ihr, manches Stück. Nun dächt ich, nach vielem Rennen und Laufen Dürft einer auch einmal verschnaufen, Ohne daß jeder gleich, der wohl ihm wollt, Ihn 'nen faulen Bengel heißen sollt.
Drum ist mein Wort zu dieser Frist, Wie's allezeit gewesen ist: Mit keiner Arbeit hab ich geprahlt, Und was ich gemalt hab, hab ich gemalt."
Groß ist die Diana der Epheser
Apostelgeschichte 19, 39
Zu Ephesus ein Goldschmied saß In seiner Werkstatt, pochte, So gut er konnt, ohn Unterlaß, So zierlich er's vermochte. Als Knab und Jüngling kniet' er schon Im Tempel vor der Göttin Thron Und hatte den Gürtel unter den Brüsten, Worin so manche Tiere nisten, Zu Hause treulich nachgefeilt, Wie's ihm der Vater zugeteilt; Und leitete sein kunstreich Streben In frommer Wirkung durch das Leben.
Da hört er denn auf einmal laut Eines Gassenvolkes Windesbraut, Als gäb's einen Gott so im Gehirn, Da, hinter des Menschen alberner Stirn, Der sei viel herrlicher als das Wesen, An dem wir die Breite der Gottheit lesen.
Der alte Künstler horcht nur auf, Läßt seinen Knaben auf den Markt den Lauf, Feilt immer fort an Hirschen und Tieren, Die seiner Gottheit Kniee zieren; Und hofft, es könnte das Glück ihm walten, Ihr Angesicht würdig zu gestalten.
Will's aber einer anders halten, So mag er nach Belieben schalten; Nur soll er nicht das Handwerk schänden; Sonst wird er schlecht und schmählich enden.
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