Goethe

Seite 23

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Biografie

Am Jüngsten Tag vor Gottes Thron
Stand endlich Held Napoleon.
Der Teufel hielt ein großes Register
Gegen denselben und seine Geschwister,
War ein wundersam verruchtes Wesen:
Satan fing an, es abzulesen.

Gott Vater oder Gott der Sohn,
Einer von beiden sprach vom Thron,
Wenn nicht etwa gar der Heilige Geist
Das Wort genommen allermeist:

"Wiederhol's nicht vor göttlichen Ohren!
Du sprichst wie die deutschen Professoren.
Wir wissen alles, mach es kurz!

Am Jüngsten Tag ist's nur ein....
Getraust du dich, ihn anzugreifen,
So magst du ihn nach der Hölle schleifen."


Ich kann mich nicht betören lassen,
Macht euren Gegner nur nicht klein:
Ein Kerl, den alle Menschen hassen,
Der muß was sein!


Wolltet ihr in Leipzigs Gauen
Denkmal in die Wolken richten,
Wandert, Männer all und Frauen,
Frommen Umgang zu verrichten!


Jeder werfe dann die Narrheit,
Die ihn selbst und andre quälet,
Zu des runden Haufens Starrheit,
Nicht ist unser Zweck verfehlet.


Ziehen Junker auch und Fräulen
Zu der Wallfahrt stillem Frieden,
Wie erhabne Riesensäulen
Wachsen unsre Pyramiden.


Die Sprachreiniger
Gott Dank! daß uns so wohl geschah:
Der Tyrann sitzt auf Helena!
Doch ließ sich nur der eine bannen,
Wir haben jetzo hundert Tyrannen.
Die schmieden, uns gar unbequem,
Ein neues Kontinentalsystem.
Teutschland soll rein sich isolieren,
Einen Pestkordon um die Grenze führen,
Daß nicht einschleiche fort und fort Kopf,
Körper und Schwanz von fremdem Wort.


An die T... und D...
Verfluchtes Volk! kaum bist du frei,
So brichst du dich in dir selbst entzwei.
War nicht der Not, des Glücks genug?
Deutsch oder teutsch, du wirst nicht klug.


Ein ewiges Kochen statt fröhlichem Schmaus!
Was soll denn das Zählen, das Wägen, das Grollen?
Bei allem dem kommt nichts heraus,
Als daß wir keine Hexameter machen sollen,
Und sollen uns patriotisch fügen,
An Knittelversen uns zu begnügen.


Sagst du "Gott", so sprichst du vom Ganzen;
Sagst du "Welt", so sprichst du von Schranzen.
Hofschranzen sind noch immer die besten -
* * * schranzen fürchte, die allerletzten.


Hatte sonst einer ein Unglück getragen,
So durft er es wohl dem andern klagen;
Mußte sich einer im Felde quälen,
Hatt er im Alter was zu erzählen.
Jetzt sind sie allgemein, die Plagen,
Der einzelne darf sich nicht beklagen;
Im Felde darf nun niemand fehlen -
Wer soll denn hören, wenn sie erzählen?


Die Deutschen sind recht gute Leut,
Sind sie einzeln, sie bringen's weit,
Nun sind ihnen auch die größten Taten
Zum ersten Mal im Ganzen geraten.
Ein jeder spreche amen darein,
Daß es nicht möge das letzte Mal sein.


Die Franzosen verstehn uns nicht;
Drum sagt man ihnen deutsch ins Gesicht,
Was ihnen wär verdrießlich gewesen,
Wenn sie es hätten franzö'sch gelesen.


Epimenides' Erwachen. Letzte Strophe
Verflucht sei, wer nach falschem Rat,
Mit überfrechem Mut,
Das, was der Korse-Franke tat,
Nun als ein Deutscher tut!
Er fühle spät, er fühle früh,
Es sei ein dauernd Recht;
Ihm geh es, trotz Gewalt und Müh,
Ihm und den Seinen schlecht!


Was haben wir nicht für Kränze gewunden!
Die Fürsten, sie sind nicht gekommen;
Die glücklichen Tage, die himmlischen Stunden,
Wir haben voraus sie genommen.
So geht es wahrscheinlich mit meinem Bemühn,
Den lyrischen Siebensachen;
Epimenides, denk ich, wird in Berlin
Zu spät, zu früh erwachen.
Ich war von reinem Gefühl durchdrungen;
Bald schein ich ein schmeichelnder Lober:
Ich habe der Deutschen Juni gesungen,
Das hält nicht bis in Oktober.


Was die Großen Gutes taten,
Sah ich oft in meinem Leben;
Was uns nun die Völker geben,
Deren auserwählte Weisen
Nun zusammen sich beraten,
Mögen unsre Enkel preisen,
Die's erleben.


Sonst, wie die Alten sungen,
So zwitscherten die Jungen;
Jetzt, wie die Jungen singen,
Soll's bei den Alten klingen.
Bei solchem Lied und Reigen
Das Beste - ruhn und schweigen.


Calan empfahl sich Alexandern,
Um jenen Rogus zu besteigen.
Der König fragte, so die andern
Des Heeres auch: "Was willst du zeigen?"
"Nichts zeigen will ich, aber zeigen,
Daß vor dem Könige, dem Heere,
Vor blinkend blitzendem Gewehre
Dem Weisen sich's geziemt zu schweigen."


"Warum denn aber bei unsern Sitzen
Bist du so selten gegenwärtig?"
Mag nicht für Langerweile schwitzen,
Der Mehrheit bin ich immer gewärtig.


Was doch die größte Gesellschaft beut?
Es ist die Mittelmäßigkeit.


Konstitutionell sind wir alle auf Erden;
Niemand soll besteuert werden,
Als wer repräsentiert ist.
Da dem also ist, Frag ich und werde kühner:
Wer repräsentiert denn die Diener?


Wie alles war in der Welt entzweit,
Fand jeder in Mauern gute Zeit:
Der Ritter duckte sich hinein,
Bauer in Not fand's auch gar fein.
Wo kam die schönste Bildung her,
Und wenn sie nicht vom Bürger wär?
Wenn aber sich Ritter und Bauern verbinden,
Da werden sie freilich die Bürger schinden.


Laßt euch mit dem Volk nur ein,
Popularischen! Entschied' es,
Wellington und Aristides
Werden bald beiseite sein.


Besonders, wenn die Liberalen
Die Pinsel fassen, kühnlich malen,
Man freut sich am Originalen;
Da zeigt sich nun ein jeder frei:
Er ist von Kindesbeinen tüchtig,
Sein Urteil ist ihm nur gewichtig,
Die Kunst ist selbst schon Tyrannei.


Ich bin so sehr geplagt
Und weiß nicht, was sie wollen,
Daß man die Menge fragt,
Was einer hätte tun sollen.


Mir ist das Volk zur Last,
Meint es doch dies und das:
Weil es die Fürsten haßt,
Denkt es, es wäre was.


"Sage mir, was das für Pracht ist?
Äußre Größe, leerer Schein!" -
O zum Henker! Wo die Macht ist,
Ist doch auch das Recht, zu sein.


Bürgerpflicht
Ein jeder kehre vor seiner Tür,
Und rein ist jedes Stadtquartier.
Ein jeder übe sein' Lektion,
So wird es gut im Rate stohn.


"Warum denn wie mit einem Besen
Wird so ein König hinausgekehrt?"
Wären's Könige gewesen,
Sie stünden alle noch unversehrt.


Geburt und Tod betrachtet ich
Und wollte das Leben vergessen;
Ich armer Teufel konnte mich
Mit einem König messen.


"Der alte, reiche Fürst
Blieb doch vom Zeitgeist weit,
Sehr weit!" -
Wer sich aufs Geld versteht,
Versteht sich auf die Zeit,
Sehr auf die Zeit!


"Geld und Gewalt, Gewalt und Geld,
Daran kann man sich freuen;
Gerecht- und Ungerechtigkeit,
Das sind nur Lumpereien."


Die gute Sache kommt mir vor
Als wie Saturn, der Sünder:
Kaum sind sie an das Licht gebracht,
So frißt er seine Kinder.


Daß du die gute Sache liebst,
Das ist nicht zu vermeiden;
Doch von der schlimmsten ist sie nicht
Bis jetzt zu unterscheiden.


Grabschrift, gesetzt von A. v. J.
Verstanden hat er vieles recht,
Doch sollt er anders wollen;
Warum blieb er ein Fürstenknecht?
Hätt unser Knecht sein sollen.

                      Nachlese

Propst Hee
Bald leuchtest du, o Graf, in engelheiterm Schimmer.

Graf Brandt
Mein lieber Pastor, desto schlimmer.


Die Herren blendt gar oft zu vieles Licht,
Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht.


Sind Könige je zusammengekommen,
So hat man immer nur Unheil vernommen.


Bedenkt, man will euch hören;
So seid nicht redefaul;
Und wollt ihr euch erklären,
So nehmt nicht Brei ins Maul.


Bist zu schwach geschäftet,
Kannst dich selbst nicht tragen,
Erst ans Kreuz geheltet,
Dann aufs Rad geschlagen.


Denn mit dem himmlischen Küchenzettel
Ist's immer wieder der alte Bettel.


Wer Bedingung früh erfährt,
Gelangt bequem zur Freiheit.
Wem Bedingung sich spät aufdringt,
Gewinnt nur bittre Freiheit.


Ich habe die Tage
Der Freiheit gekannt,
Ich hab sie die Tage
Der Leiden genannt.


Es hange eben nicht zusammen,
Nicht mit Wartburgs Bücherflammen,
Nicht mit Verruf [?] von Geor[gia?];
Das stehe alles nur einzeln da,
Und müsse jedermann sich schämen,
Die Sache gar für ernst zu nehmen.


Ein abgestumpft Gesicht:
Zeig doch den Bloßen!
Wer ohne Nase spricht,
Hat die Franzosen.


Wie magst du ruhig fort erfahren,
Daß sie dich schelten? -
Ich rede zu! In funfzig Jahren
Wird es schon gelten.


Was einer denn wüßte? was wissen man kann?
Darob verwirrt sich, überwirft sich der Mann.
"Was einer wissen konnte, und was er nun weiß,
Er selber wiß es! Nichts macht ihm dann heiß."


O bleibe ruhigen Bezirken
Treu, deiner Lampe Nachtrevier.
Auf Menschen ist nicht leicht zu wirken,
Doch auf das willige Papier.


Und so im Wandlen eigentlichst belehrt:
Unschätzbar ist, was niemals wiederkehrt.


Und hätt er's auch gesehn, der höchste Blick
Kehrt nur ins Herz zur Herrlichkeit zurück.


Und wie der Mensch dem Menschen Weg' bereitet,
Dem Menschen ist's der Mensch, der sie bestreitet.


Es ist nicht hübsch, wenn man den Hof so sehr zum besten hat
Behüte Gott den Hof! Es gibt auch Land und Stadt.


Willst du wirksam sein,
Bediene dich deiner Kraft,
Jung in Gesellschaft,
Alt allein.


Wenn euch vor unsrem Namen graut,
Gleichgültig ist's, wie er heißt.
Wir haben die Natur mit einem Blick beschaut,
Der Lust und Lieb Sophias beweist.


Kirschkerne wird niemand kauen,
Man kann sie verschlucken, doch nicht verdauen.


Zu wünschen hab ich nichts, mich fördert alles,
Doch denk ich jetzt des ganz besondern Falles.


Doch kann sich einer pfiffiger erweisen,
Mein guter Freund, so will auch das nichts heißen.


Du hast so vielen schon den Hals gebrochen,
Und keiner hat so viel für dich getan.


So willst du, Teufel, doch einmal uneigen -
Uneigennützig dich, der Teufel! zeigen.


Ich wünschte wohl, dich anders zu staffieren,
Doch weil du's bist, so laß ich dich passieren.


Man weiß nicht wie, man tue nur das Rechte,
Am Ende fällt, am Ende dient der Schlechte.


Das Haus ist wohl gegründet,
In dem sich ein Knab oder Mägdlein findet,
Das weiß mit redlichem Bemühn
Der Eltern Feh[ler] zurechtzuziehn.


Besonders Eulen, die verdrießt,
Daß etwas Tag in die Ritzen fließt.


Wir sollen auf unsern Lorbeern ruhn,
Nichts weiter denken, als was wir tun.


Den offnen Mann beschämt ein Fehler nicht;
Der schäme sich, der heuchlend immer fehlt.


Was muß man doch im Alter nicht
An gutem Ruf verlieren:
Herr Spicker spickt gar mein [?] Gesicht
Am Festtag mit Geschwüren.


In Jena weiß man viele Sachen,
Nur nicht aus Essig Wein zu machen.


Catalani tat, was auch andre taten;
Große Talente sind schlecht beraten.


Daß die Bibelgesellschaft
Das wunderliche Buch in die Welt schafft,
Das kann ich gar nicht überwinden,
Wenn es auch vielen Leuten gefällt;
Nur die Krämer in aller Welt
Werden sich freuen, Christen zu finden,
Denen sie denn einen Rosenkranz
Verkaufen mögen oder andern Tanz.
Wenn du nicht hättest gut reimen wollen,
Andern Tand hättest du sagen sollen.


Dreieinigkeit hab ich auch gesehn
Lebendig durcheinanderwehn!
Der Heilige Geist fuhr hin und her,
Als wenn er flatternde Taube wär.


Gott der Sohn gab sein Wort dazu,
Der Vater blieb in ewiger Ruh,
Denn er wußte schon ungefähr,
Was an der ganzen Sache wär.


Christus ein Gott vom Himmel kam,
Ein Mensch auf Erden wundersam;
Als Gott und Mensch, als Mensch und Gott
Anbetung ward ihm, Schand und Spott;
Zuletzt zu unserer Seligkeit
Ging er durchs Grab zur Herrlichkeit.


Glücklich, wenn nach außen ich die Augen wende,
Nur die Krätzigen besehen ihre eignen Hände.


Thema
"Für den Kammerdiener
Gibt's keinen Helden!"

Ausführung
Held ist kein Kammerdiener,
Das muß ich melden.
Der Diener aber beweist
Sich nur gegen den Helden,
Wenn dieser pißt und scheißt.
Will doch auch was gelten.
Da sagt sodann der Knecht
Zu lausigen Leuten:
"Mein Herr ist mir eben recht,
Hat nichts zu bedeuten."
Seid mir willkommen, süße Buhlerinnen,
Denn ihr allein verschönt uns doch die Welt;
Ihr lasset uns im Augenblick gewinnen,
Was Prüderie uns jahrelang verhält.
Was sie nicht fühlt, sie weiß es zu ersinnen,
Wie selbstgefällig froh sie sich verstellt;
Von Eva her geschaffen zum Betrügen,
Sie kleidet nichts so gut, als wenn sie lügen.


An Venus Medicis ruht es in Frieden
Und am Apoll von Belveder desgleichen;
Doch beide sind entschieden so geschieden,
Daß sie sich möchten gar zu gern erreichen.
So wird für Gott und Göttin, Mann und Weib
Die allerhöchste Pflicht ein Zeitvertreib.
Doch wo das Gleiche mit dem Gleichen wechselt,
An einem Körper wunderlich zu schauen,
Eins in das andre so hineingedrechselt,
Da überfällt mich Angst und quälend Grauen.

Und also, ein für allemal,
Der Lingam ist mir ganz fatal!


Es hat ein hübsches Maidel
Nur allzuviel zu tun,
Der Bursche trinkt manch Seidel
Und kann hernach nicht ruhn.
Und wenn sie dann sich trafen,
Wer kann dann was dafür?
Er hat den Rausch verschlafen,
Der Rausch, er schläft mit ihr.

Was gibst du dir mit Lieb und Ehre
Und andern Dingen so viele Pein!
Wenn ein tüchtiger S... nur wäre,
Die Weiber würden sämtlich zufrieden sein.


Und was bleibt denn an dem Leben,
Wenn es alles ging zu Funken,
Wenn die Ehre mit dem Streben
Alles ist im Quark versunken.


Und doch kann dich nichts vernichten,
Wenn, Vergänglichem zum Trotze,
Willst dein Sehnen ewig richten
Erst zur Flasche, dann zur...


Was uns gefällt und scheinet fein,
Muß erst mit Müh erworben sein.


Was der Mensch als Gott verehrt,
Ist sein eigenstes Innere herausgekehrt.


Gleichnisse dürft ihr mir nicht verwehren,
Ich wüßte mich sonst nicht zu erklären.


Denkt nicht, ich geh euch dummem Volk zu Leibe;
Ich weiß recht gut, für wen ich schreibe.


So wie ich weiß,
Hieß es Granit-Gneis.
Jetzt heißt[s] Gneis-Granit;
Das ist ein wichtiger Schritt!
Als wenn ich sagte: Seel und Leib,
Mann und Weib!
Weib und Mann, Leib und Seele:
Gott gebe, daß es am Besten nicht fehle!