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Mahomets-Gesang
Seht den Felsenquell, Freudehell, Wie ein Sternenblick; Über Wolken Nährten seine Jugend Gute Geister Zwischen Klippen im Gebüsch.
Jünglingfrisch Tanzt er aus der Wolke Auf die Marmorfelsen nieder, Jauchzet wieder Nach dem Himmel.
Durch die Gipfelgänge Jagt er bunten Kieseln nach, Und mit frühem Führertritt Reißt er seine Bruderquellen Mit sich fort.
Drunten werden in dem Tal Unter seinem Fußtritt Blumen, Und die Wiese Lebt von seinem Hauch.
Doch ihn hält kein Schattental, Keine Blumen, Die ihm seine Knie umschlingen, Ihm mit Liebesaugen schmeicheln: Nach der Ebne dringt sein Lauf Schlangenwandelnd.
Bäche schmiegen Sich gesellig an. Nun tritt er In die Ebne silberprangend, Und die Ebne prangt mit ihm, Und die Flüsse von der Ebne Und die Bäche von den Bergen Jauchzen ihm und rufen: "Bruder! Bruder, nimm die Brüder mit, Mit zu deinem alten Vater, Zu dem ew'gen Ozean, Der mit ausgespannten Armen Unser wartet, Die sich, ach! vergebens öffnen, Seine Sehnenden zu fassen; Denn uns frißt in öder Wüste Gier'ger Sand; die Sonne droben Saugt an unserm Blut; ein Hügel Hemmet uns zum Teiche! Bruder, Nimm die Brüder von der Ebne, Nimm die Brüder von den Bergen Mit, zu deinem Vater mit!"
"Kommt ihr alle!" Und nun schwillt er Herrlicher; ein ganz Geschlechte Trägt den Fürsten hoch empor! Und im rollenden Triumphe Gibt er Ländern Namen, Städte Werden unter seinem Fuß.
Unaufhaltsam rauscht er weiter, Läßt der Türme Flammengipfel, Marmorhäuser, eine Schöpfung Seiner Fülle, hinter sich.
Zedernhäuser trägt der Atlas Auf den Riesenschultern: sausend Wehen über seinem Haupte Tausend Flaggen durch die Lüfte, Zeugen seiner Herrlichkeit.
Und so trägt er seine Brüder, Seine Schätze, seine Kinder Dem erwartenden Erzeuger Freudebrausend an das Herz.
Gesang der Geister über den Wassern
Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser: Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder Zur Erde muß es, Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen, Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann stäubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten Fels, Und leicht empfangen, Wallt er verschleiernd, Leisrauschend Zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen Dem Sturz entgegen, Schäumt er unmutig Stufenweise Zum Abgrund.
Im flachen Bette Schleicht er das Wiesental hin, Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz Alle Gestirne.
Wind ist der Welle Lieblicher Buhler; Wind mischt vom Grund aus Schäumende Wogen.
Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Wind!
Meine Göttin
Welcher Unsterblichen Soll der höchste Preis sein'? Mit niemand streit ich. Aber ich geb ihn Der ewig beweglichen, Immer neuen, Seltsamen Tochter Jovis, Seinem Schoßkinde, Der Phantasie.
Denn ihr hat er Alle Launen, Die er sonst nur allein Sich vorbehält, Zugestanden Und hat seine Freude An der Törin.
Sie mag rosenbekränzt Mit dem Lilienstengel Blumentäler betreten, Sommervögeln gebieten Und leichtnährenden Tau Mit Bienenlippen Von Blüten saugen,
Oder sie mag Mit fliegendem Haar Mit düsterm Blicke Im Winde sausen Um Felsenwände Und tausendfarbig, Wie Morgen und Abend, Immer wechselnd, Wie Mondesblicke, Den Sterblichen scheinen.
Laßt uns alle Den Vater preisen! Den alten, hohen, Der solch eine schöne Unverwelkliche Gattin Dem sterblichen Menschen Gesellen mögen!
Denn uns allein Hat er sie verbunden Mit Himmelsband Und ihr geboten, In Freud und Elend Als treue Gattin Nicht zu entweichen.
Alle die andern Armen Geschlechter Der kinderreichen Lebendigen Erde Wandeln und weiden In dunkelm Genuß Und trüben Schmerzen Des augenblicklichen, Beschränkten Lebens, Gebeugt vom Joche Der Notdurft.
Uns aber hat er Seine gewandteste, Verzärtelte Tochter, Freut euch! gegönnt. Begegnet ihr lieblich, Wie einer Geliebten! Laßt ihr die Würde Der Frauen im Haus!
Und daß die alte Schwiegermutter Weisheit Das zarte Seelchen Ja nicht beleid'ge!
Doch kenn ich ihre Schwester, Die ältere, gesetztere, Meine stille Freundin: O daß die erst Mit dem Lichte des Lebens Sich von mir wende, Die edle Treiberin, Trösterin Hoffnung!
Harzreise im Winter
Dem Geier gleich, Der auf schweren Morgenwolken Mit sanftem Fittich ruhend Nach Beute schaut, Schwebe mein Lied.
Denn ein Gott hat Jedem seine Bahn Vorgezeichnet, Die der Glückliche Rasch zum freudigen Ziele rennt; Wem aber Unglück Das Herz zusammenzog, Er sträubt vergebens Sich gegen die Schranken Des ehernen Fadens, Den die doch bittre Schere Nur einmal löst.
In Dickichtsschauer Drängt sich das rauhe Wild, Und mit den Sperlingen Haben längst die Reichen In ihre Sümpfe sich gesenkt.
Leicht ist's, folgen dem Wagen, Den Fortuna führt, Wie der gemächliche Troß Auf gebesserten Wegen Hinter des Fürsten Einzug.
Aber abseits wer ist's? Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, Hinter ihm schlagen Die Sträuche zusammen, Das Gras steht wieder auf, Die Ode verschlingt ihn.
Ach, wer heilet die Schmerzen Des, dem Balsam zu Gift ward? Der sich Menschenhaß Aus der Fülle der Liebe trank? Erst verachtet, nun ein Verächter, Zehrt er heimlich auf Seinen eignen Wert In ungnügender Selbstsucht.
Ist auf deinem Psalter, Vater der Liebe, ein Ton Seinem Ohre vernehmlich, So erquicke sein Herz! Öffne den umwölkten Blick Über die tausend Quellen Neben dem Durstenden In der Wüste!
Der du der Freuden viel schaffst, Jedem ein überfließend Maß, Segne die Brüder der Jagd Auf der Fährte des Wilds Mit jugendlichem Übermut Fröhlicher Mordsucht, Späte Rächer des Unbills, Dem schon Jahre vergeblich Wehrt mit Knütteln der Bauer.
Aber den Einsamen hüll In deine Goldwolken! Umgib mit Wintergrün, Bis die Rose wieder heranreift, Die feuchten Haare, O Liebe, deines Dichters!
Mit der dämmernden Fackel Leuchtest du ihm Durch die Furten bei Nacht, Über grundlose Wege Auf öden Gefilden; Mit dem tausendfarbigen Morgen Lachst du ins Herz ihm; Mit dem beizenden Sturm Trägst du ihn hoch empor; Winterströme stürzen vom Felsen In seine Psalmen, Und Altar des lieblichsten Danks Wird ihm des gefürchteten Gipfels Schneebehangner Scheitel, Den mit Geisterreihen Kränzten ahnende Völker.
Du stehst mit unerforschtem Busen Geheimnisvoll offenbar Über der erstaunten Welt Und schaust aus Wolken Auf ihre Reiche und Herrlichkeit, Die du aus den Adern deiner Brüder Neben dir wässerst.
An Schwager Kronos
Spude dich, Kronos! Fort den rasselnden Trott! Bergab gleitet der Weg; Ekles Schwindeln zögert Mir vor die Stirne dein Zaudern. Frisch, holpert es gleich, Über Stock und Steine den Trott Rasch ins Leben hinein!
Nun schon wieder Den eratmenden Schritt Mühsam Berg hinauf! Auf denn, nicht träge denn, Strebend und hoffend hinan!
Weit, hoch, herrlich der Blick Rings ins Leben hinein; Vom Gebirg zum Gebirg Schwebet der ewige Geist, Ewigen Lebens ahndevoll.
Seitwärts des Überdachs Schatten Zieht dich an Und ein Frischung verheißender Blick Auf der Schwelle des Mädchens da. Labe dich! - Mir auch, Mädchen, Diesen schäumenden Trank, Diesen frischen Gesundheitsblick!
Ab denn, rascher hinab! Sieh, die Sonne sinkt! Eh sie sinkt, eh mich Greisen Ergreift im Moore Nebelduft, Entzahnte Kiefer schnattern Und das schlotternde Gebein -
Trunknen vom letzten Strahl Reiß mich, ein Feuermeer Mir im schäumenden Aug, Mich geblendeten Taumelnden In der Hölle nächtliches Tor.
Töne, Schwager, ins Horn, Raßle den schallenden Trab, Daß der Orkus vernehme: wir kommen, Daß gleich an der Türe Der Wirt uns freundlich empfange.
Wandrers Sturmlied
Wen du nicht verlässest, Genius, Nicht der Regen, nicht der Sturm Haucht ihm Schauer übers Herz. Wen du nicht verlässest, Genius, Wird dem Regengewölk, Wird dem Schloßensturm Entgegensingen, Wie die Lerche, Du da droben.
Den du nicht verlässest, Genius, Wirst ihn heben übern Schlammpfad Mit den Feuerflügeln; Wandeln wird er Wie mit Blumenfüßen Über Deukalions Flutschlamm, Python tötend, leicht, groß, Pythius Apollo.
Den du nicht verlässest, Genius, Wirst die wollnen Flügel unterspreiten, Wenn er auf dem Felsen schläft, Wirst mit Hüterfittichen ihn decken In des Haines Mitternacht.
Wen du nicht verlässest, Genius, Wirst im Schneegestöber Wärmumhüllen; Nach der Wärme ziehn sich Musen, Nach der Wärme Charitinnen.
Umschwebet mich, ihr Musen, Ihr Charitinnen! Das ist Wasser, das ist Erde Und der Sohn des Wassers und der Erde, Über den ich wandle Göttergleich.
Ihr seid rein wie das Herz der Wasser, Ihr seid rein wie das Mark der Erde, Ihr umschwebt mich, und ich schwebe Über Wasser, über Erde, Göttergleich.
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Soll der zurückkehren, Der kleine, schwarze, feurige Bauer? Soll der zurückkehren, erwartend Nur deine Gaben, Vater Bromius, Und helleuchtend, umwärmend Feuer? Der kehren mutig?
Und ich, den ihr begleitet, Musen und Charitinnen alle, Den alles erwartet, was ihr, Musen und Charitinnen, Umkränzende Seligkeit Rings ums Leben verherrlicht habt, Soll mutlos kehren?
Vater Bromius! Du bist Genius, Jahrhunderts Genius, Bist, was innre Glut Pindarn war, Was der Welt Phöbus Apoll ist.
Weh! Weh! Innre Wärme, Seelenwärme, Mittelpunkt! Glüh entgegen Phöb' Apollen; Kalt wird sonst Sein Fürstenblick Über dich vorübergleiten, Neidgetroffen Auf der Zeder Kraft verweilen, Die zu grünen Sein nicht harrt.
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Warum nennt mein Lied dich zuletzt? Dich, von dem es begann, Dich, in dem es endet, Dich, aus dem es quillt, Jupiter Pluvius! Dich, dich strömt mein Lied, Und kastalischer Quell Rinnt ein Nebenbach, Rinnet Müßigen, Sterblich Glücklichen Abseits von dir, Der du mich fassend deckst, Jupiter Pluvius!
Nicht am Ulmenbaum Hast du ihn besucht, Mit dem Taubenpaar In dem zärtlichen Arm, Mit der freundlichen Ros umkränzt, Tändelnden ihn, blumenglücklichen Anakreon, Sturmatmende Gottheit!
Nicht im Pappelwald An des Sybaris Strand, An des Gebirgs Sonnebeglänzter Stirn nicht Faßtest du ihn, Den blumensingenden, Honiglallenden, Freundlich winkenden Theokrit.
Wenn die Räder rasselten Rad an Rad rasch ums Ziel weg, Hoch flog Siegdurchglühter Jünglinge Peitschenknall Und sich Staub wälzt' Wie vom Gebirg herab Kieselwetter ins Tal, Glühte deine Seel Gefahren, Pindar, Mut. - Glühte? - Armes Herz! Dort auf dem Hügel, Himmlische Macht! Nur so viel Glut, Dort meine Hütte, Dorthin zu waten!
Seefahrt
Lange Tag' und Nächte stand mein Schiff befrachtet; Günst'ger Winde harrend, saß mit treuen Freunden, Mir Geduld und guten Mut erzechend, Ich im Hafen.
Und sie waren doppelt ungeduldig: "Gerne gönnen wir die schnellste Reise, Gern die hohe Fahrt dir; Güterfülle Wartet drüben in den Welten deiner, Wird Rückkehrendem in unsern Armen Lieb und Preis dir."
Und am frühen Morgen ward's Getümmel, Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose, Alles wimmelt, alles lebet, webet, Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen.
Und die Segel blühen in dem Hauche, Und die Sonne lockt mit Feuerliebe; Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken, Jauchzen an dem Ufer alle Freunde Hoffnungslieder nach, im Freudetaumel Reisefreuden wähnend wie des Einschiffmorgens, Wie der ersten hohen Sternennächte.
Aber gottgesandte Wechselwinde treiben Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab, Und er scheint sich ihnen hinzugeben, Strebet leise sie zu überlisten, Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege.
Aber aus der dumpfen, grauen Ferne Kündet leisewandelnd sich der Sturm an, Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer, Druckt der Menschen schwellend Herz darnieder, Und er kommt. Vor seinem starren Wüten Streckt der Schiffer klug die Segel nieder, Mit dem angsterfüllten Balle spielen Wind und Wellen.
Und an jenem Ufer drüben stehen Freund' und Lieben, beben auf dem Festen: "Ach, warum ist er nicht hier geblieben! Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke! Soll der Gute so zugrunde gehen? Ach, er sollte, ach, er könnte! Götter!"
Doch er stehet männlich an dem Steuer; Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen; Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen: Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe Und vertrauet, scheiternd oder landend, Seinen Göttern.
Adler und Taube
Ein Adlersjüngling hob die Flügel Nach Raub aus; Ihn traf des Jägers Pfeil und schnitt Der rechten Schwinge Sennkraft ab. Er stürzt' hinab in einen Myrtenhain, Fraß seinen Schmerz drei Tage lang Und zuckt' an Qual Drei lange, lange Nächte lang. Zuletzt heilt ihn Allgegenwärt'ger Balsam Allheilender Natur. Er schleicht aus dem Gebüsch hervor Und reckt die Flügel - ach! Die Schwingkraft weggeschnitten - Hebt sich mühsam kaum Am Boden weg Unwürd'gem Raubbedürfnis nach, Und ruht tieftrauernd Auf dem niedern Fels am Bach; Er blickt zur Eich hinauf, Hinauf zum Himmel, Und eine Träne füllt sein hohes Aug. Da kommt mutwillig durch die Myrtenäste Dahergerauscht ein Taubenpaar, Läßt sich herab und wandelt nickend Über goldnen Sand am Bach Und ruckt einander an; Ihr rötlich Auge buhlt umher, Erblickt den Innigtrauernden. Der Tauber schwingt neugiergesellig sich Zum nahen Busch und blickt Mit Selbstgefälligkeit ihn freundlich an. "Du trauerst", liebelt er, "Sei guten Mutes, Freund! Hast du zur ruhigen Glückseligkeit Nicht alles hier? Kannst du dich nicht des goldnen Zweiges freun, Der vor des Tages Glut dich schützt? Kannst du der Abendsonne Schein Auf weichem Moos am Bache nicht Die Brust entgegenheben? Du wandelst durch der Blumen frischen Tau, Pflückst aus dem Überfluß Des Waldgebüsches dir Gelegne Speise, letzest Den leichten Durst am Silberquell O Freund, das wahre Glück Ist die Genügsamkeit, Und die Genügsamkeit Hat überall genug." "O Weise!" sprach der Adler, und tief ernst Versinkt er tiefer in sich selbst, "O Weisheit ! Du redst wie eine Taube!"
Prometheus
Bedecke deinen Himmel, Zeus, Mit Wolkendunst, Und übe, dem Knaben gleich, Der Disteln köpft, An Eichen dich und Bergeshöhn; Mußt mir meine Erde Doch lassen stehn Und meine Hütte, die du nicht gebaut, Und meinen Herd, Um dessen Glut Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres Unter der Sonn als euch, Götter! Ihr nähret kümmerlich Von Opfersteuern Und Gebetshauch Eure Majestät Und darbtet, wären Nicht Kinder und Bettler Hoffnungsvolle Toren.
Da ich ein Kind war, Nicht wußte, wo aus noch ein, Kehrt ich mein verirrtes Auge Zur Sonne, als wenn drüber wär Ein Ohr, zu hören meine Klage, Ein Herz wie meins, Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir Wider der Titanen Übermut? Wer rettete vom Tode mich, Von Sklaverei? Hast du nicht alles selbst vollendet, Heilig glühend Herz? Und glühtest jung und gut, Betrogen, Rettungsdank Dem Schlafenden da droben?
Ich dich ehren? Wofür? Hast du die Schmerzen gelindert Je des Beladenen? Hast du die Tränen gestillet Je des Geängsteten? Hat nicht mich zum Manne geschmiedet Die allmächtige Zeit Und das ewige Schicksal, Meine Herrn und deine?
Wähntest du etwa, Ich sollte das Leben hassen, In Wüsten fliehen, Weil nicht alle Blütenträume reiften?
Hier sitz ich, forme Menschen Nach meinem Bilde, Ein Geschlecht, das mir gleich sei, Zu leiden, zu weinen, Zu genießen und zu freuen sich, Und dein nicht zu achten, Wie ich!
Ganymed
Wie im Morgenglanze Du rings mich anglühst, Frühling, Geliebter! Mit tausendfacher Liebeswonne Sich an mein Herz drängt Deiner ewigen Wärme Heilig Gefühl, Unendliche Schöne!
Daß ich dich fassen möcht In diesen Arm!
Ach, an deinem Busen Lieg ich, schmachte, Und deine Blumen, dein Gras Drängen sich an mein Herz. Du kühlst den brennenden Durst meines Busens, Lieblicher Morgenwind! Ruft drein die Nachtigall Liebend nach mir aus dem Nebeltal.
Ich komm, ich komme! Wohin? Ach, wohin?
Hinauf! Hinauf strebt's. Es schweben die Wolken Abwärts, die Wolken Neigen sich der sehnenden Liebe. Mir! Mir! In euerm Schoße Aufwärts! Umfangend umfangen! Aufwärts an deinen Busen, Alliebender Vater!
Grenzen der Menschheit
Wenn der uralte Heilige Vater Mit gelassener Hand Aus rollenden Wolken Segnende Blitze Über die Erde sät, Küß ich den letzten Saum seines Kleides, Kindliche Schauer Treu in der Brust.
Denn mit Göttern Soll sich nicht messen Irgendein Mensch Hebt er sich aufwärts Und berührt Mit dem Scheitel die Sterne, Nirgends haften dann Die unsichern Sohlen, Und mit ihm spielen Wolken und Winde.
Steht er mit festen, Markigen Knochen Auf der wohlgegründeten, Dauernden Erde, Reicht er nicht auf, Nur mit der Eiche Oder der Rebe Sich zu vergleichen.
Was unterscheidet Götter von Menschen? Daß viele Wellen Vor jenen wandeln, Ein ewiger Strom: Uns hebt die Welle, Verschlingt die Welle, Und wir versinken.
Ein kleiner Ring Begrenzt unser Leben, Und viele Geschlechter Reihen sich dauernd An ihres Daseins Unendliche Kette.
Das Göttliche
Edel sei der Mensch, Hülfreich und gut! Denn das allein Unterscheidet ihn Von allen Wesen, Die wir kennen.
Heil den unbekannten Höhern Wesen, Die wir ahnen! Ihnen gleiche der Mensch; Sein Beispiel lehr uns Jene glauben.
Denn unfühlend Ist die Natur: Es leuchtet die Sonne Über Bös' und Gute, Und dem Verbrecher Glänzen wie dem Besten Der Mond und die Sterne.
Wind und Ströme, Donner und Hagel Rauschen ihren Weg Und ergreifen, Vorübereilend, Einen um den andern.
Auch so das Glück Tappt unter die Menge, Faßt bald des Knaben Lockige Unschuld, Bald auch den kahlen, Schuldigen Scheitel.
Nach ewigen, ehrnen, Großen Gesetzen Müssen wir alle Unseres Daseins Kreise vollenden.
Nur allein der Mensch Vermag das Unmögliche: Er unterscheidet, Wählet und richtet; Er kann dem Augenblick Dauer verleihen.
Er allein darf Den Guten lohnen, Den Bösen strafen, Heilen und retten, Alles Irrende, Schweifende Nützlich verbinden.
Und wir verehren Die Unsterblichen, Als wären sie Menschen, Täten im Großen, Was der Beste im Kleinen Tut oder möchte.
Der edle Mensch Sei hülfreich und gut! Unermüdet schaff er Das Nützliche, Rechte, Sei uns ein Vorbild Jener geahneten Wesen!
Königlich Gebet
Ha, ich bin Herr der Welt! mich lieben Die Edlen, die mir dienen. Ha, ich bin Herr der Welt! ich liebe Die Edlen, denen ich gebiete. O gib mir, Gott im Himmel! daß ich mich Der Höh und Lieb nicht überhebe
Menschengefühl
Ach, ihr Götter! große Götter In dem weiten Himmel droben! Gäbet ihr uns auf der Erde Festen Sinn und guten Mut, O wir ließen euch, ihr Guten, Euren weiten Himmel droben!
Lilis Park
Ist doch keine Menagerie So bunt als meiner Lili ihre! Sie hat darin die wunderbarsten Tiere Und kriegt sie 'rein, weiß selbst nicht wie. O wie sie hüpfen, laufen, trappeln, Mit abgestumpften Flügeln zappeln, Die armen Prinzen allzumal, In nie gelöschter Liebesqual!
"Wie hieß die Fee? Lili?" - Fragt nicht nach ihr! Kennt ihr sie nicht, so danket Gott dafür.
Welch ein Geräusch, welch ein Gegacker, Wenn sie sich in die Türe stellt Und in der Hand das Futterkörbchen hält! Welch ein Gequiek, welch ein Gequacker! Alle Bäume, alle Büsche Scheinen lebendig zu werden: So stürzen sich ganze Herden Zu ihren Füßen; sogar im Bassin die Fische Patschen ungeduldig mit den Köpfen heraus. Und sie streut dann das Futter aus Mit einem Blick - Götter zu entzücken, Geschweige die Bestien. Da geht's an ein Picken, An ein Schlürfen, an ein Hacken; Sie stürzen einander über die Nacken, Schieben sich, drängen sich, reißen sich, Jagen sich, ängsten sich, beißen sich, Und das all um ein Stückchen Brot, Das, trocken, aus den schönen Händen schmeckt, Als hätt es in Ambrosia gesteckt.
Aber der Blick auch! der Ton, Wenn sie ruft: "Pipi! Pipi!", Zöge den Adler Jupiters vom Thron; Der Venus Taubenpaar, Ja der eitle Pfau sogar, Ich schwöre, sie kämen, Wenn sie den Ton von weitem nur vernähmen.
Denn so hat sie aus des Waldes Nacht Einen Bären, ungeleckt und ungezogen, Unter ihren Beschluß herein betrogen, Unter die zahme Kompanie gebracht Und mit den andern zahm gemacht: Bis auf einen gewissen Punkt, versteht sich! Wie schön und ach! wie gut Schien sie zu sein! Ich hätte mein Blut Gegeben, um ihre Blumen zu begießen.
"Ihr sagtet: ich! Wie? Wer?" Gut denn, ihr Herrn, gradaus: Ich bin der Bär; In einem Filetschurz gefangen, An einem Seidenfaden ihr zu Füßen. Doch wie das alles zugegangen, Erzähl ich euch zur andern Zeit; Dazu bin ich zu wütig heut.
Denn ha! steh ich so an der Ecke Und hör von weitem das Geschnatter, Seh das Geflitter, das Geflatter, Kehr ich mich um Und brumm, Und renne rückwärts eine Strecke, Und seh mich um Und brumm, Und laufe wieder eine Strecke, Und kehr doch endlich wieder um.
Dann fängt's auf einmal an zu rasen, Ein mächt'ger Geist schnaubt aus der Nasen, Es wildzt die innere Natur. Was, du ein Tor, ein Häschen nur! So ein Pipi! Eichhörnchen, Nuß zu knacken; Ich sträube meinen borst'gen Nacken, Zu dienen ungewöhnt. Ein jedes aufgestutzte Bäumchen höhnt Mich an! Ich flieh vom Bowlinggreen, Vom niedlich glatt gemähten Grase; Der Buchsbaum zieht mir eine Nase, Ich flieh ins dunkelste Gebüsche hin, Durchs Gehege zu dringen, Über die Planken zu springen! Mir versagt Klettern und Sprung, Ein Zauber bleit mich nieder, Ein Zauber häkelt mich wider, Ich arbeite mich ab, und bin ich matt genung, Dann lieg ich an gekünstelten Kaskaden Und kau und wein und wälze halb mich tot, Und ach! es hören meine Not Nur porzellanene Oreaden.
Auf einmal! Ach, es dringt Ein seliges Gefühl durch alle meine Glieder!
Sie ist's, die dort in ihrer Laube singt! Ich höre die liebe, liebe Stimme wieder, Die ganze Luft ist warm, ist blütevoll. Ach, singt sie wohl, daß ich sie hören soll? Ich dringe zu, tret alle Sträuche nieder, Die Büsche fliehn, die Bäume weichen mir, Und so - zu ihren Füßen liegt das Tier.
Sie sieht es an: "Ein Ungeheuer! doch drollig! Für einen Bären zu mild, Für einen Pudel zu wild, So zottig, täpsig, knollig!" Sie streicht ihm mit dem Füßchen übern Rücken; Er denkt im Paradiese zu sein. Wie ihn alle sieben Sinne jücken! Und sie - sieht ganz gelassen drein. Ich küß ihre Schuhe, kau an den Sohlen, So sittig, als ein Bär nur mag; Ganz sachte heb ich mich und schwinge mich verstohlen Leis an ihr Knie - am günst'gen Tag Läßt sie's geschehn und kraut mir um die Ohren Und patscht mich mit mutwillig derbem Schlag; Ich knurr, in Wonne neu geboren; Dann fordert sie mit süßem, eitlem Spotte: "Allons tout doux! eh la menotte! Et faites serviteur Comme un joli seigneur." So treibt sie's fort mit Spiel und Lachen! Es hofft der oft betrogne Tor; Doch will er sich ein bißchen unnütz machen, Hält sie ihn kurz als wie zuvor.
Doch hat sie auch ein Fläschchen Balsamfeuers, Dem keiner Erde Honig gleicht, Wovon sie wohl einmal, von Lieb und Treu erweicht, Um die verlechzten Lippen ihres Ungeheuers Ein Tröpfchen mit der Fingerspitze streicht Und wieder flieht und mich mir überläßt, Und ich dann, losgebunden, fest Gebannt bin, immer nach ihr ziehe, Sie suche, schaudre, wieder fliehe - So läßt sie den zerstörten Armen gehn, Ist seiner Lust, ist seinen Schmerzen still; Ha! manchmal läßt sie mir die Tür halb offen stehn, Seitblickt mich spottend an, ob ich nicht fliehen will.
Und ich! - Götter, ist's in euren Händen, Dieses dumpfe Zauberwerk zu enden, Wie dank ich, wenn ihr mir die Freiheit schafft! Doch sendet ihr mir keine Hülfe nieder - Nicht ganz umsonst reck ich so meine Glieder: Ich fühl's! Ich schwör's! Noch hab ich Kraft!
Liebebedürfnis
Wer vernimmt mich? ach, wem soll ich's klagen? Wer's vernähme, würd er mich bedauern? Ach, die Lippe, die so manche Freude Sonst genossen hat und sonst gegeben, Ist gespalten, und sie schmerzt erbärmlich. Und sie ist nicht etwa wund geworden, Weil die Liebste mich zu wild ergriffen, Hold mich angebissen, daß sie, fester Sich des Freunds versichernd, ihn genösse: Nein, das zarte Lippchen ist gesprungen, Weil nun über Reif und Frost die Winde Spitz und scharf und lieblos mir begegnen.
Und nun soll mir Saft der edlen Traube, Mit dem Saft der Bienen bei dem Feuer Meines Herds vereinigt, Lindrung schaffen. Ach, was will das helfen, mischt die Liebe Nicht ein Tröpfchen ihres Balsams drunter?
Süße Sorgen
Weichet, Sorgen, von mir! - Doch ach! den sterblichen Menschen Lässet die Sorge nicht los, eh ihn das Leben verläßt. Soll es einmal denn sein, so kommt ihr, Sorgen der Liebe, Treibt die Geschwister hinaus, nehmt und behauptet mein Herz!
Anliegen
O schönes Mädchen du, Du mit dem schwarzen Haar, Die du ans Fenster trittst, Auf dem Balkone stehst! Und stehst du wohl umsonst? O stündest du für mich Und zögst die Klinke los, Wie glücklich wär ich da! Wie schnell spräng ich hinauf!
An seine Spröde
Siebst du die Pomeranze? Noch hängt sie an dem Baume; Schon ist der März verflossen, Und neue Blüten kommen. Ich trete zu dem Baume Und sage: "Pomeranze, Du reife Pomeranze, Du süße Pomeranze, Ich schüttle, fühl, ich schüttle, O fall in meinen Schoß!"
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