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Der Haideknabe
Der Knabe träumt, man schicke ihn fort Mit dreizig Thalern zum Haide-Ort, Er ward drum erschlagen am Wege Und war doch nicht langsam und träge.
Noch liegt er im Angstschweiß, da rüttelt ihn Sein Meister, und heißt ihm, sich anzuzieh'n Und legt ihm das Geld auf die Decke Und fragt ihn, warum er erschrecke.
"Ach Meister, mein Meister, sie schlagen mich todt, Die Sonne, sie ist ja wie Blut so roth!" Sie ist es für dich nicht alleine, Drum schnell, sonst mach' ich dir Beine!
"Ach Meister, mein Meister, so sprachst du schon, Das war das Gesicht, der Blick, der Ton, Gleich greifst du" - zum Stock, will er sagen, Es sagt's nicht, er wird schon geschlagen.
"Ach Meister, mein Meister, ich geh', ich geh', Bring meiner Frau Mutter das letzte Ade! Und sucht sie nach allen vier Winden, Am Weidenbaum bin ich zu finden!"
Hinaus aus der Stadt! Und da dehnt sie sich, Die Haide, nebelnd, gespenstiglich, Die Winde darüber sausend, "Ach, wär' hier Ein Schritt, wie tausend!"
Und Alles so still, und Alles so stumm, Man sieht sich umsonst nach Lebendigem um, Nur hungrige Vögel schießen Aus Wolken, um Würmer zu spießen.
Er kommt an's einsame Hirtenhaus, Der alte Hirt schaut eben heraus, Des Knaben Angst ist gestiegen, Am Wege bleibt er noch liegen.
"Ach Hirte, du bist ja von frommer Art, Vier gute Groschen hab' ich erspart, Gieb deinen Knecht mir zur Seite, Daß er bis zum Dorf mich begleite.
Ich will sie ihm geben, er trinke dafür Am nächsten Sonntag ein gutes Bier, Dies Geld hier, ich trag' es mit Beben, Man nahm mir im Traum drum das Leben!"
Der Hirt, der winkte dem langen Knecht, Er schnitt sich eben den Stecken zurecht, Jetzt trat er hervor - wie graute Dem Knaben, als er ihn schaute!
"Ach Meister Hirte, ach nein, ach nein, Es ist doch besser, ich geh' allein!" Der Lange spricht grinsend zum Alten: Er will die vier Groschen behalten.
"Da sind die vier Groschen!" Er wirft sie hin Und eilt hinweg mit verstörtem Sinn. Schon kann er die Weide erblicken, Da klopft ihn der Knecht in den Rücken.
Du hältst es nicht aus, du gehst zu geschwind, Ei, Eile mit Weile, du bist ja noch Kind, Auch muß das Geld dich beschweren, Wer kann dir das Ausruh'n verwehren!
Komm, setz' dich unter den Weidenbaum Und dort erzähl' mir den häßlichen Traum, Mir träumte - Gott soll mich verdammen, Trifft's nicht mit deinem zusammen!
Er faßt den Knaben wohl bei der Hand, Der leistet auch nimmermehr Widerstand, Die Blätter flüstern so schaurig, Das Wässerlein rieselt so traurig!
Nun sprich, du träumtest - "Es kam ein Mann -" War ich das? Sieh mich doch näher an, Ich denke, du hast mich gesehen! Nun weiter, wie ist es geschehen?
"Er zog ein Messer!" - War das, wie dieß? - "Ach ja, ach ja!" - Er zog's? - "Und stieß -" Er stieß dir's wohl so durch die Kehle? Was hilft es auch, daß ich dich quäle!
Und fragt ihr, wie's weiter gekommen sei? So fragt zwei Vögel, sie saßen dabei, Der Rabe verweilte gar heiter, Die Taube konnte nicht weiter!
Der Rabe erzählt, was der Böse noch that, Und auch, wie's der Henker gerochen hat, Die Taube erzählt, wie der Knabe Geweint und gebetet habe.
Vater unser
Blitze lauern hinter Wolken, In den Eichen wühlt der Sturm; Dicker Wald; ein Nothgeläute Hallt schon dumpf von manchem Thurm.
Ruhig unter'm breiten Baume, Seine Pfeife in dem Mund, Liegt der alte Räuberhauptmann; Ihm zu Füßen schläft sein Hund.
Und ein Jüngling, bleich, wie Keiner, Streckt sich ihm zur Seite hin. "Schleif dein Messer!" spricht der Alte, Er gehorcht mit schwerem Sinn.
Roth und zischend zwischen Beide Springt ein Blitz, doch trifft er nicht. "Vater unser!" ruft der Jüngling, Doch der Alte flucht und spricht:
"Vater unser lass' ich gelten, Wenn man auf dem Richtstuhl sitzt, Wenn die Scheere in den Haaren Und das Beil im Nacken blitzt.
Jetzt verbiet' ich dir das Beten, Denn zum Herrn erkorst du mich, Und ich stell' den Mord noch heute Dunkel zwischen Gott und dich!
Ja, ich schwör's, du sollst den Ersten, Den du hier erblicken wirst, Tödten, daß du nicht noch einmal Dich von mir zu Gott verirrst.
Du erschrickst? Ich will's nicht schelten, Mir auch schien das einst gar viel, Und auch du erlebst die Zeiten, Wo du's treibst, wie ich, als Spiel.
Mir ist solch ein Muth gekommen, Seit ich, weil er zornig sprach Vom Gericht und andern Dingen, Meinen Vater niederstach."
Angstgeschüttelt ruft der Jüngling: "Nimmer, nimmer that'st du das!" Kräftig schmauchend spricht der Alte: "Ei, ich that's, und ist's denn was?"
"Wohl, da muß ich's freilich halten, Was du schwurst, und thu's mit Lust!" Ruft's, und stößt dem grausen Alten Fest sein Messer in die Brust.
Jener ballt die Hand, verröchelnd, Doch er sieht es ohne Graus, Betet, wie nach einem Opfer, Laut sein Vaterunser aus.
Die Polen sollen leben
(Neujahrsnacht 1835.)
Zu Hamburg in dem Saale, Voll Lichterglanz und Pracht, Sitzt mancher Gast beim Mahle In heil'ger Neujahrsnacht; Die Fremden sind's, sie wären gern Im Vaterland, doch das ist fern, Nun wird denn sein gedacht.
Erst haben sich die Gäste Kalt in's Gesicht geschaut, Doch werden sie bei'm Feste Bald froh und wohlvertraut. Nur Einer, welchen Niemand kennt, Blickt stumm in's Licht, wie's niederbrennt, Jung, aber schon ergraut.
Ihm dünken sie Gespenster In ihrer Lust zu sein; Er kehrt sich ab; in's Fenster Wirft hell der Mond den Schein. Er spricht: du überschaust die Welt, So sag', ob Polen steht, ob fällt! - Die Wolke hüllt ihn ein.
Sein Herz will zornig wallen, Da schwört er still sich zu: Magst steh'n, mein Volk, magst fallen, Ich steh' und fall', wie du! Gewiß der Erste, wär' ich dort, Der Letzte hier am fremden Ort, Mein Dolch bringt mich zur Ruh.
Der Glockenthurm thut eben Die zwölfte Stunde kund, Die Polen sollen leben! Ruft er mit lautem Mund. Ein Jeder greift, wie er, zum Glas, Sie All' erglüh'n, doch er sinkt blaß Zurück, ist todt zur Stund'.
Sie gießen, statt zu trinken, Den Wein jetzt in den Sand; Sie sah'n das Schicksal winken Und haben's wohl erkannt, Daß Polen bald dem Todten gleicht, Doch Keiner ahnt, wie bald vielleicht Die Welt dem Polenland.
Schön Hedwig
Im Kreise der Vasallen sitzt Der Ritter, jung und kühn; Sein dunkles Feuerauge blitzt, Als wollt' er zieh'n zum Kampfe, Und seine Wangen glüh'n.
Ein zartes Mägdlein tritt heran Und füllt ihm den Pocal. Zurück mit Lächeln tritt sie dann, Da fällt auf ihre Stirne Der klarste Morgenstral.
Der Ritter aber faßt sie schnell Bei ihrer weißen Hand. Ihr blaues Auge, frisch und hell, Sie schlägt es erst zu Boden, Dann hebt sie's unverwandt.
"Schön Hedwig, die du vor mir stehst, Drei Dinge sag' mir frei: Woher du kommst, wohin du gehst, Warum du stets mir folgest; Das sind der Dinge drei!"
Woher ich komm'? Ich komm' von Gott, So hat man mir gesagt, Als ich, verfolgt von Hohn und Spott, Nach Vater und nach Mutter Mit Thränen einst gefragt.
Wohin ich geh'? Nichts treibt mich fort, Die Welt ist gar zu weit. Was tauscht' ich eitel Ort um Ort? Sie ist ja allenthalben Voll Lust und Herrlichkeit.
Warum ich folg', wohin du winkst? Ei, sprich, wie könnt' ich ruh'n? Ich schenk' den Wein dir, den du trinkst, Ich bat dich drum auf Knieen Und mögt' es ewig thun!
"So frage ich, du blondes Kind, Noch um ein Viertes dich; Dies Letzte sag' mir an geschwind, Dann frag' ich dich Nichts weiter, Sag', Mägdlein, liebst du mich?"
Im Anfang steht sie starr und stumm, Dann schaut sie langsam sich Im Kreis der ernsten Gäste um, Und faltet ihre Hände Und spricht: Ich liebe dich!
Nun aber weiß ich auch, wohin Ich gehen muß von hier; Wohl ist's mir klar in meinem Sinn: Nachdem ich dieß gestanden, Ziemt nur der Schleier mir?
"Und wenn du sagst, du kommst von Gott, So fühl' ich, das ist wahr. Drum führ' ich auch, trotz Hohn und Spott, Als seine liebste Tochter Noch heut' dich zum Altar.
Ihr edlen Herrn, ich lud verblümt Zu einem Fest euch ein; Ihr Ritter, stolz und hoch gerühmt, So folgt mir zur Kapelle, Es soll mein schönstes sein!"
's ist Mitternacht
's ist Mitternacht! Der Eine schläft, der And're wacht. Er schaut bei'm blauen Mondenlicht Dem Schläfer still in's Angesicht; D'rin thut ein böser Traum sich kund Wie seltsam zuckt er mit dem Mund! 's ist Mitternacht, Der Eine schläft, der And're wacht.
's ist Mitternacht! Der Eine schläft, der And're wacht! "So sah der Freund noch immer aus, Er greift zum Dolch, es macht mir Graus, Er stößt, er lacht - du triffst ja mich! Erwache doch! Ich rüttle dich!" 's ist Mitternacht! Der And're ist nur halb erwacht.
's ist Mitternacht! Der And're ist nur halb erwacht! Er stiert, er ruft: so lebst du noch, Verruchter, und ich traf dich doch? So nimm noch den! Hei! der war gut! Warm spritzt mir in's Gesicht dein Blut! 's ist Mitternacht! Nun schlafen Beide, Keiner wacht.
's ist Mitternacht! Sie schlafen Beide, Keiner wacht! Du wüste Eul' im Eibenbaum, Du krächztest ihn in diesen Traum, Nun fängt die häm'sche Dohle an, Ob sie ihn nicht erwecken kann. 's ist Mitternacht, Gott gebe, daß er nie erwacht!
Der Maler
Ein Maler trat heran zu mir: "Ich male dir ihr Bild!" Ich führt' ihn alsobald zu ihr, Sie litt es freundlich-mild.
Er malte unter Spiel und Scherz Das süße Angesicht, Sie fühlte seltsamlichen Schmerz, Doch sagte sie es nicht.
Er malte ihrer Wangen Roth, Des Auges Glanz zugleich, Da ward ihr Auge blind und todt Und ihre Wange bleich.
Und als sie ganz vollendet stand, Die liebliche Gestalt, Da griff ich nach des Mädchens Hand, Doch die war feucht und kalt.
Der Maler sah mir schweigend zu, Dann rief er spöttisch drein: "Ich wünsch' der Jungfrau gute Ruh, Sie wird gestorben sein."
Die Spanierin
"Flasche, wunderbar versiegelt, Deinen Glutwein trink' ich jetzt, Daß er meinen Geist, beflügelt, Nach Hispania versetzt!
Daß ich jenen Hügel schaue, D'rauf er wuchs und Feuer sog, Und das Felsenhaupt, das graue, Das sich auf ihn niederbog.
Und das Mädchen, das ihn streifte Mit des Flammenauges Stral, Daß er doppelt schneller reifte, Wenn sie kam aus ihrem Thal.
Das sich oft in seinem Schatten An den Reben still entzückt, Und zuletzt die feuersatten Für ein Festmahl ausgedrückt."
Wie aus einer Ader, schäumend In den Becher rinnt der Wein, Hastig trinkt der Jüngling, träumend Blickt er dann in's Glas hinein.
Eine dunkle Rebenlaube Sieht er vor sich, heimlich, dicht, Traube drängt sich d'rin an Traube, Doch das Mädchen sieht er nicht.
"Trinke mehr!" Er ruft's beklommen, In die Wangen tritt sein Blut, "Trinke Alles! Sie soll kommen, Ob sie auch im Grabe ruht!"
Eben schlägt die zwölfte Stunde, Und er leert das letzte Glas. Da, wie aus des Bechers Grunde, Steigt ein Mädchen, ernst und blaß.
"Könnt' ich weinen - spricht sie - Armer, Noch als Geist beweint' ich dich, Denn du Blühend-Lebenswarmer Bist nun bald so kalt, wie ich.
Diese Laube, diese Reben Siehst du, auch den kleinsten Sproß, Aber nicht das süße Leben, Das sie dämmernd einst umschloß.
Nicht, wie ich mich schlafend stellte, Als ich ihn von fern geseh'n, Nicht, wie es das Herz mir schwellte, Als er sprach: Hier bleib' ich steh'n!
Nicht, wie bald ich seinem Sehnen Meine höchste Huld erwies, Auch nicht meine starren Thränen, Als er endlich mich verließ.
Alle diese Reben blühten, Als er mich zuerst umfing, Und die reifen Trauben glühten, Als er treulos von mir ging.
Da, im rachedurst'gen Muthe, Preß't ich sie, den Zauberspruch Murmelnd, und von meinem Blute Mischt' ich d'rein und sprach den Fluch.
Nun, ein letztes Angebinde, Schickt' ich ihm den dunklen Trank, Dann, daß er mich nie mehr finde, Stach ich mich in's Herz und sank.
Doch, mein Werk blieb unvollendet, Meinen Wein, der ihn bedräut, Hat er über's Meer gesendet, Und du Armer trankst ihn heut'.
Weh', nun wirst du dich verzehren, Wie es ihm beschieden war, Wirst des Mädchens noch begehren, Das schon Staub seit manchem Jahr;
Wirst auf Erden Nichts erwerben, Als die Glut, d'rin du erstickst, Wirst, ach wirst nicht einmal sterben, Ehe du mein Grab erblickst!
Willst du mir zur Seite schlafen? In Sevilla!" - Sie entschwebt, Und der Jüngling geht zum Hafen, Ob ein Schiff den Anker hebt.
Virgo et Mater
Der Jungfrau Bild, Im Arm das Kind, Blickt sanft und mild Durch Nacht und Wind. Ein armes Mägdlein knie't davor, Sie schaut nur dann und wann empor, Doch, wenn das Lämpchen Funken sprüht, So sieht man, wie sie glüht.
Die Lampe geht Auf einmal aus; Ihr Athem steht, Sie schwankt nach Haus. Die Jungfrau kann ihr nicht verzeih'n, Die Mutter wird sie benedei'n, Stellt sie der Heil'gen über's Jahr Mit ihrem Kind sich dar.
Sie fühlt's, und spricht: Du reine Magd, Dir gleich' ich nicht, Doch unverzagt! Dir, Mutter, die der Sohn erkannt, Die unter'm Kreuz noch bei ihm stand, Dir will ich gleichen für und für, Und dann vergiebst du mir!
Die junge Mutter
Sie hat ein Kind geboren, Zu höchster Lust in tiefstem Leid, Und ist nun ganz verloren In seine stumme Lieblichkeit.
Es blüht zwei kurze Tage, So daß sie's eben küssen mag, Und ohne Laut und Klage Neigt es sein Haupt am dritten Tag.
Und wie es still erblaßte, So trägt sie still den heil'gen Schmerz, Und eh' sie's ganz noch faßte, Daß es dahin ist, bricht ihr Herz.
Der mit dem Lilienstengel Sonst tritt aus einem finstern Thor, Er ging, der Todes-Engel, Aus ihrem eig'nen Schooß hervor.
Das Kind am Brunnen
Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht! Doch die liegt ruhig im Schlafe. Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht, Am Hügel weiden die Schafe.
Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf, Es wagt sich weiter und weiter! Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf, Da stehen Blumen und Kräuter.
Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief! Sie schläft, als läge sie d'rinnen! Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief, Die Blumen locken's von hinnen.
Nun steht es am Brunnen, nun ist es am Ziel, Nun pflückt es die Blumen sich munter, Doch bald ermüdet das reizende Spiel, Da schaut's in die Tiefe hinunter.
Und unten erblickt es ein holdes Gesicht, Mit Augen, so hell und so süße. Es ist sein eig'nes, das weiß es noch nicht, Viel stumme, freundliche Grüße!
Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind Winkt aus der Tiefe ihm wieder. Herauf! Herauf! So meint's das Kind: Der Schatten: Hernieder! Hernieder!
Schon beugt es sich über den Brunnenrand, Frau Amme, du schläfst noch immer! Da fallen die Blumen ihm aus der Hand, Und trüben den lockenden Schimmer.
Verschwunden ist sie, die süße Gestalt, Verschluckt von der hüpfenden Welle, Das Kind durchschauert's fremd und kalt, Und schnell enteilt es der Stelle.
Das Bettelmädchen
Das Bettelmädchen lauscht am Thor, Es friert sie gar zu sehr; Der junge Ritter tritt hervor, Er wirft ihr hin den Mantel Und spricht: was willst du mehr?
Das Mädchen sagt kein einzig Wort, Es friert sie gar zu sehr; Dann geht sie stolz und glühend fort, Und läßt den Mantel liegen Und spricht: ich will Nichts mehr!
Die heilige Drei
In erster Morgenfrühe Naht Herzog Heinrich schon, Sich für des Tages Mühe Zu weihen, Gottes Thron. Die alternde Kapelle Verschwimmt noch halb im Duft, Doch ist er gleich zur Stelle, Er sucht nur eine Gruft.
Und als er sie gefunden, Knie't er in Demuth hin; Ein Mensch mit tausend Wunden, Sein Heil'ger, schläft darin. Dem Thor, in Erz getrieben, Sind treu durch Bildners Hand Die Kämpfe eingeschrieben, Die er im Fleisch bestand.
Der Herzog betet lange, Von Gottes Geist umschwebt, Doch wird's ihm seltsam bange, Als er sich dann erhebt. Denn in gespenst'gem Lichte Tritt plötzlich auf dem Thor Vor seinem Angesichte Die heil'ge Drei hervor.
Da denkt der edle Ringer: Vorbei sind Lust und Qual! Die hat kein ird'scher Finger Gezeichnet, diese Zahl; Die sagt mir, wie viel Tage Noch mein sind bis zum Tod; Doch ziemt mir keine Klage, Wie streng auch das Gebot.
Mit Fasten und mit Beten Macht er sich nun bereit, Um vor den Herrn zu treten Im weißen Feierkleid: Er könnte Frist erbitten, Weil er noch nicht so viel Gestritten, ja gelitten, Als er sich wünscht am Ziel.
Drei Tage flieh'n in Eile, Doch ruft der Tod ihn nicht; So wandl' ich mir zum Heile Drei Monde noch im Licht? Die sind mir für die Armen, Und nicht für mich geschenkt, Damit sie mein Erbarmen Noch einmal recht bedenkt.
Nun läßt er Steine führen, Und rasch ersteht ein Bau Mit hundert offnen Thüren Und winkt durch Thal und Au. Er sorgt, daß kein Begehren Hier je vergebens klopft, Und hat der Armuth Zähren Auf ewig so verstopft.
Drei Monde sind zu Ende, Der Tod spricht noch nicht ein; Da faltet er die Hände: Dann sind drei Jahre mein! So darf ich nicht von hinnen, Eh' ich das Werk vollbracht, Dem galt mein tiefstes Sinnen Bei Tage und bei Nacht.
Nun werden greise Männer Um seinen Thron gestellt, Die Schöffen sind's, die Kenner Des Rechts, aus aller Welt; Sie waren sonst die Hüter Von Leben, Gut und Blut; Jetzt giebt er diese Güter In des Gesetzes Hut.
Es kann ein Mensch vergessen, Doch nie vergißt ein Buch Und richtig wird gemessen Der Krone, wie dem Pflug; Sein Recht soll Jedem werden, Wie's Gott, der Herr, verhieß, Denn so ersteht auf Erden Das zweite Paradies.
Drei Jahre sind verflossen, Der letzte Tag ist da; Er hat sein Werk beschlossen, Doch auch der Tod ist nah'! Und seine Wangen färben Nur röther sich dabei, Als ob für ihn das Sterben Der Lohn des Lebens sei.
Er hüllt sich, nicht mehr zaudernd, Stumm in sein Leichenhemd, Das Volk erblickt es schaudernd, Er wird ihm todtenfremd. Der Sarg ist längst gezimmert. In dem er ruhen will, Und eine Kerze schimmert Ihm schon zu Häupten still.
Man reicht am heil'gen Orte Ihm dann den Leib des Herrn; Dem Altar ist die Pforte Der Ahnengruft nicht fern, Und mit des Priesters Segen Tritt er hinein voll Ruh, Und geht, sich selbst zu legen, Dem Sarg gemessen zu.
Die Treuen knie'n im Kreise Herum und trauern sehr, Der Beicht'ger flüstert leise: Bald thront ein Heil'ger mehr! Sein Odem wird nicht stocken, Sein Herz nicht stille steh'n, So müssen alle Glocken Der Welt von selber geh'n!
Es schlägt die letzte Stunde! Da tönt Trompetenschall, Das schmettert in die Runde, Man jubelt überall. Mit Fahnen, schwarz-gold-rothen, Kommt dann ein Zug sogleich, Aus Frankfurt sind's die Boten Vom heil'gen röm'schen Reich.
Die Krone Karls des Großen Trägt man auf Sammt voran; Den Degen auch, den bloßen, Der ihm die Welt gewann; Den Apfel, der verkündet, Daß sie uns noch gehört; Das Kreuz, ihm fromm verbündet, Auf das der Kaiser schwört.
Wo weilt der edle Bayer, Ruft Nürnbergs Burggraf aus, Wir bringen seltne Feier In sein erlauchtes Haus! Doch, fröhlich um sich schauend, Bricht er auf einmal ab, Und Alle starren grauend Hinein in's offne Grab.
Der Herzog, rasch gewendet, Ruft aus dem düstern Schlund: Euch hat das Reich gesendet, Was thut das Reich mir kund? Wir haben dich zum Kaiser Des Deutschen Volks erwählt! Längst trägst du Palmenreiser, Der Lorbeer aber fehlt!
Er blickt beschämt nach oben: Verstand ich dich so schlecht? Doch sei mein Wahn erhoben, Er weihte mich erst recht! Ihm dank' ich einen Frieden, Der selbst dem Tod nicht weicht, Und was du mir beschieden, Jetzt nehm' ich's doppelt leicht.
So führt mich denn zum Throne, Da Gott ihn mir beschert, Und schmückt mich mit der Krone Und stärkt mich durch das Schwert! Den Streit der Welt zu schlichten, Trag' ich des Purpurs Pracht, Doch um mich selbst zu richten, Das Todtenkleid bei Nacht!
Die treuen Brüder
Es sind zwei treue Brüder, Die zieh'n in den Streit hinaus, Noch reden sie hin und wieder, Da schmettert's den Einen darnieder, Der And're sieht's mit Graus.
Der Bruder in seinem Blute Erregt ihm bittern Schmerz; Daß ihn der Tod ereilte, Bevor er den Kampf noch theilte, Zerreißt ihm ganz das Herz.
Der Sterbende blickt freundlich Noch einmal auf zu ihm, Dann greift er, als wär' er der Alte, Zur Büchse, die noch nicht knallte, Drückt ab mit Ungestüm.
Nun bricht er wieder zusammen Und lächelt, und ist todt. - Der And're, als er sich wandte, Sah einen Feind im Sande, Deß Kugel ihm gedroht.
Die Odaliske
Es harrt auf weichem Purpursammt Die jüngste Sclavin ihres Herrn, Und unter dunkler Braue flammt Ihr Auge, wie ein irrer Stern.
Sei stammt aus jenem Lande nicht, Wo ehrbar-blond der Weizen reift, Und stachligt-keuch die Gerste sticht, Wenn man sie noch so leise streift.
Sie ist der Feuerzone Kind, Wo jede Frucht von selber fällt, Weil sie der Baum, der zu geschwind Die zweite zeitigt, gar nicht hält.
Sie hat von dem Johannisstrauch Die karge Beere nie gepflückt, Die, ohne Kraft und ohne Hauch, Zur Abwehr gar den Dorn noch zückt.
Doch ward sie oft vom Wein bespritzt, Weil himmelan die Rebe drang Und dann, vom Sonnenstral zerschlitzt, Die Traube in der Luft zersprang.
Drum sitzt sie auch nicht seufzend da, Nun ihre eig'ne Stunde naht, Sie denkt der Rosen, fern und nah', Die sie schon selbst gebrochen hat.
Und sieh, der Pascha tritt herein, Zwar ernst und düster, doch nicht alt, Und vor ihm her den Becher Wein Trägt eines Mohren Nachtgestalt.
Er sieht das Mägdlein lange an, Mißt Zug für Zug, und nickt nur still, Zum goldnen Becher greift er dann Und fragt, ob sie nicht trinken will.
Ihr aber schwillt schon jetzt das Blut Bis an der Adern letzten Rand, Drum fürchtet sie des Weines Glut, Und stößt ihn weg mit ihrer Hand.
Nun weis't er stumm den Mohren fort, Dem wild das Auge glüht vor Lust, Und setzt sich an den weichsten Ort Und küßt ihr langsam Mund und Brust.
Doch plötzlich dringt ein jäher Schrei Von außen ihr in's bange Ohr; Sie ruft verstört, was das denn sei? Und er versetzt: es starb der Mohr!
Er trank den Wein, den ich dir bot, Und wird der Sünde nimmer froh, Denn beigemischt war ihm der Tod! - Ich prüfe jede Sclavin so!
Das Kind
Die Mutter lag im Todtenschrein, Zum letzten Mal geschmückt; Da spielt das kleine Kind herein, Das staunend sie erblickt.
Die Blumenkron' im blonden Haar Gefällt ihm gar zu sehr, Die Busenblumen, bunt und klar, Zum Strauß gereiht, noch mehr.
Und sanft und schmeichelnd ruft es aus: Du liebe Mutter, gieb Mir eine Blum' aus deinem Strauß, Ich hab' dich auch so lieb!
Und als die Mutter es nicht thut, Da denkt das Kind für sich: Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht, So thut sie's sicherlich.
Schleicht fort, so leis' es immer kann, Und schließt die Thüre sacht Und lauscht von Zeit zu Zeit daran, Ob Mutter noch nicht wacht.
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