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Das Korn auf dem Dache
Der Frühling ist gekommen, Doch war der Winter scharf Und hat mit weggenommen Den nöthigsten Bedarf; Die Pflüge bleiben stehen, Es fehlt ja an der Saat, Und muß auch was geschehen, So weiß doch Keiner Rath.
Da hinkt ein alter Jude In weißem Bart durch's Dorf, Der kroch aus seiner Bude Um etwas Sprock und Torf. Er weilt bei jedem Schober Und späht und bückt sich oft, Und voll ist ihm der Kober, Bevor er's noch gehofft.
Die Arbeit ward ihm sauer, Nun will er denn nach Haus, Da tritt ein müß'ger Bauer Aus seiner Thür heraus. Der ruft: Du hast dir Feu'rung Gesammelt aus dem Mist, So sag' auch, ob der Theurung Nicht noch zu wehren ist.
Der Alte hebt die Blicke, Doch bis zum Himmel nicht, Dann tickt er mit der Krücke Auf's Hüttendach, und spricht: "War das nicht eine Aehre, Was ich im Stroh dort sah? Wenn's nicht die einz'ge wäre, So ist die Hülfe nah'!"
Der Bauer geht zur Leiter Und deckt die Hütte ab, Er drischt sein Stroh noch weiter, Im lust'gen Klipp und Klapp, Und als die Körner springen, Da folgt ihm Mann für Mann, Und das wird so viel bringen, Daß Jeder säen kann.
Husaren-Werbung
Dem Fürsten Friedrich zu Schwarzenberg freundschaftlichst zugeeignet
Der Kaiserliche Officier, Der wirbt im Dorf Husaren, Und laut aus seinem Standquartier Ertönt's, wie von Fanfaren.
Denn, bleibt der Vogel nur am Leim, Der Fisch am Wurm nur hangen, So wird der Pußtensohn daheim Nur mit Musik gefangen.
Drum setzt man um den Werbetisch In Ungarn stets Zigeuner, Die geigen oder blasen frisch Und werden stündlich bräuner.
Erst halten sich die Bursche fern Und fluchen den Verleitern, Doch ihre Mädchen kommen gern Und tanzen mit den Reitern.
Allmälig folgt wohl Einer nach, Von Eifersucht getrieben, Und neigt zum Ende sich der Tag, Ist Keiner ausgeblieben.
Und ist, was er erspart, verzecht, So denkt ein Jeder eben: Des Kaisers Rock ist auch nicht schlecht! Und läßt sich Handgeld geben.
Noch ist es völlig leer im Saal, Und nur die Reiter lärmen; Der Hauptmann setzt sich zum Pocal, Sich innerlich zu wärmen.
Da sprengt auf schaumbedecktem Roß Ein Jüngling vor die Schenke; Der Hauptmann ruft: der schlankste Sproß Des Landes, seit ich denke!
So mag, mit seinem Thier vereint, Nur ein Centaur noch sitzen, Und in den blanken Locken scheint Das Auge fortzublitzen.
Er wirft dem Wirth die Zügel hin, Und, statt sich zu verschnaufen, Spricht er: nun bleib' ich, wo ich bin; Wer will den Rappen kaufen?
Der Wirth besieht das edle Pferd Zu wiederholten Malen. "Rasch, rasch, mein Freund, was ist es werth? Nur mußt du baar bezahlen!"
Der Wirth, der bietet, wie zum Spiel, Doch schüchtern nur und bange. "Es ist genug, es ist zu viel! Sonst währt der Rausch zu lange."
Der Wirth, der zählt die Münzen auf, Die sind gar hell erklungen. "Nun gilt es noch den zweiten Kauf, Der erste wär' gelungen!"
"Herr Hauptmann, schaut mich näher an, Mir wird's am Maaß nicht mangeln, Drum reiht mich ein als Reitersmann, Da braucht ihr nicht zu angeln."
Der Hauptmann drauf: das thu' ich gleich, Du taugst in allen Stücken! Hier hast du Geld und hier den Zweig, Um dir den Hut zu schmücken.
Doch kaum nur steckt der grüne Strauß, So schallen Rosseshufen, Und: gebt den Pferdedieb heraus! Hört man von fern schon rufen.
Ein Bauer ist's, zu Schanden fast Hat er den Gaul geritten. "Bist du es, Herr? So sei mein Gast! Und laßt euch Alle bitten!"
Der Bauer ist vor Ingrimm stumm Und will den Spötter packen; Da schwingt ihn der im Tanz herum, Daß ihm die Rippen knacken.
"Treu dient' ich dir, doch wollt' ich Lohn, So galt es, zuzugreifen!" Nun rasen aus dem wild'sten Ton Die Geigen und die Pfeifen.
Der Hauptmann aber lacht und spricht: Du scheinst mir schlecht berathen! Pack' auf! Denn Diebe giebt's hier nicht, Hier giebt's nur noch Soldaten.
C. Vermischte Gedichte
Aus der Kindheit
"Ja, das Kätzchen hat gestohlen, Und das Kätzchen wird ertränkt. Nachbars Peter sollst du holen, Daß er es im Teich versenkt!"
Nachbars Peter hat's vernommen, Ungerufen kommt er schon; "Ist die Diebin zu bekommen, Gebe ich ihr gern den Lohn!"
Mutter, nein, er will sie quälen, Gestern warf er schon nach ihr, Bleibt nichts And'res mehr zu wählen, So ertränk' ich selbst das Thier.
Sieh, das Kätzchen kommt gesprungen, Wie es glänzt im Morgenstral! Lustig hüpft's dem kleinen Jungen Auf den Arm zu seiner Qual.
Mutter, laß das Kätzchen leben, Jedes Mal, wenn's dich bestiehlt, Sollst du mir kein Frühstück geben, Sieh nur, wie es artig spielt!
"Nein, der Vater hat's geboten, Hundert Mal ist ihr verzieh'n!" Hat sie doch vier weiße Pfoten! "Einerlei! Ihr Tag erschien!"
"Nachbarin, ich folg' ihm leise, Ob er es auch wirklich thut!" Peter spricht es häm'scher Weise, Und der Knabe hört's mit Wuth.
Unterwegs auf manchem Platze Bietet er sein Liebchen aus, Aber Keiner will die Katze, Jeder hat sie längst im Haus.
Ach, da ist er schon am Teiche, Und sein Blick, sein scheuer, schweift, Ob ihn Peter noch umschleiche - Ja, er steht von fern und pfeift.
Nun, wir Alle müssen sterben, Großmama ging dir vorauf, Und du wirst den Himmel erben, Kratze nur, sie macht dir auf!
Jetzt, um sie recht tief zu betten, Wirft er sie mit aller Macht, Doch zugleich, um sie zu retten, Springt er nach, als er's vollbracht.
Eilte Peter nicht, der lange, Gleich im Augenblick herzu, Fände er, es ist mir bange, Hier im Teich die ew'ge Ruh.
In das Haus zurückgetragen, Hört er auf die Mutter nicht, Schweigt auf alle ihre Fragen, Schließt die Augen trotzig-dicht.
Von dem Zucker, den sie brachte, Nimmt er zwar zerstreut ein Stück, Doch den Thee, den sie ihm machte, Weis't er ungestüm zurück.
Welch ein Ton! Er dreht sich stutzend, Und auf einer Fensterbank, Spinnend und sich emsig putzend, Sitzt sein Kätzchen blink und blank.
"Lebt sie, Mutter?" Dem Verderben Warst du näher, Kind, als sie! "Und sie soll auch nicht mehr sterben?" Trinke nur, so soll sie's nie!
Der Schmetterling
Ein Jugendbild
Ein Räuplein saß auf kleinem Blatt, Es saß nicht hoch, doch aß es satt Und war auch wohl geborgen; Da ward das kleine Raupending Zum Schmetterling, An einem schönen Morgen Zum bunten Schmetterling.
Der Schmetterling blickt um sich her, Es wogt um ihn ein goldnes Meer Von Farben und von Düften; Er regt entzückt die Flügelein: Muß bei euch sein, Ihr Blumen auf den Triften, Muß ewig bei euch sein!
Er schwingt sich auf, ihn trägt die Luft So leicht empor, er schwelgt in Duft, O Freude, Freude, Freude! Da saus't ein scharfer Wind vorbei, Reißt ihm entzwei Die Flügel alle beide, Der Wind reißt sie entzwei.
Er taumelt, ach! so matt, so matt, Zurück nun auf das kleine Blatt, Das ihn ernährt als Raupe. O weh', o weh', du armes Ding! Ein Schmetterling, Der nährt sich nicht vom Laube - Du armer Schmetterling!
Ihm ist das Blatt jetzt eine Gruft, Ihn letzt nur Blumensaft und Duft, Die kann er nicht erlangen, Und eh' noch kommt das Abendroth, Sieht man ihn todt An seinem Blättlein hangen, Ach kalt, erstarrt und todt!
Bubensonntag
Wenn ich einst, ein kleiner Bube, Sonntags früh' im Bette lag, Und die helle Kirchenglocke All das Schweigen unterbrach:
O, wie schlüpft' ich dann so hurtig Aus dem Bett in's Kleid hinein, Und wie gern ließ ich das Frühstück, Um zuerst bei Gott zu sein!
Ein Gesangbuch unter'm Arme, Eh' ich's Lesen noch verstand, Ging ich fort, gebeugten Hauptes, Fromm verschränkend Hand in Hand.
Kam mein Hündchen froh gesprungen, Schalt ich: komm mir nicht zu nah'! Kaum, daß ich, zur Seite schielend, Nach der Vogelfalle sah.
Fiel die Kirchenthür nun knarrend Hinter meinem Rücken zu, Sprach ich furchtsam-zuversichtlich: Jetzt allein sind Gott und du!
Längst mit ganzem, vollem Herzen Hing ich ja an meinem Gott, Doch, daß Niemand ihn erblicke, Hielt ich stets für eitel Spott.
Und so hofft' ich jeden Morgen, Endlich einmal ihn zu seh'n; War's denn Nichts in meinen Jahren, Stets um Fünfe aufzusteh'n?
Auf dem hohen Thurm die Glocke War schon lange wieder stumm, Der Altar warf düstre Schatten, Gräber lagen rings herum.
Drang ein Schall zu mir herüber, Dacht' ich: jetzt wirst du ihn schau'n! Aber meine Augen schlossen Sich zugleich vor Angst und Grau'n.
Und dies Zittern, dies Erbangen, Und mein kalter Todesschweiß - Daß der Herr vorbei gewandelt, Galt mir Alles für Beweis.
Still und träumend dann zu Hause Schlich ich mich in süßer Qual, Und mein klopfend Herz gelobte Sich mehr Muth für's nächste Mal.
Ein frühes Liebesleben
1. Die Jungfrau
O süßes, süßes Jungfraunbild! In Engelfrieden hingegossen! Noch Kind, und doch so göttlich angeschlossen! Demüthig, sicher, stolz und mild!
O Jungfraunbild, dich mögt' ich nicht - Es wär' mir, wie ein Raub - umfangen, Ich mögte vor dir niederknie'n und hangen An deinem Himmelsangesicht.
Dann läg' ich stumm in heil'ger Scheu, Du aber würdest fromm erglühen, Und still und kindlich bei mir niederknieen Und sinnen, wo die Heil'ge sei.
2. Kampf
Oft, wenn sie still an mir vorüberschwebt Und lächelnd beut des holden Grußes Segen Und mild und treu den frommen Blick erhebt, Da träume ich, beseligt und verwegen, Die Liebe sei's, die Gruß und Blick durchwebt, Und auch die kühnste Hoffnung will sich regen.
Doch bange Zweifel kehren bald zurück, Und zu mir selber sprech' ich dann mit Reue: Wie wär' nicht mild und treu ihr Gruß und Blick? Sie ist ja selbst die Milde und die Treue! Und schneller, als es kam, verweht mein Glück, Und alle Wunden bluten mir auf's Neue.
3. Sieg
Zum ersten Male ist sie heut' gegangen Als junge Christin zum Altar des Herrn; Die dunklen Worte, die vorher erklangen, Sie hielten ihr die ganze Erde fern; Ein Todesschauer bleichte ihre Wangen Und fast verglimmte ihres Auges Stern, Denn, wer nicht würdig ißt und trinkt, so spricht Gott selbst, der ißt und trinkt sich das Gericht.
Und dennoch hat sie heut' sich mir ergeben, Wo jegliche Empfindung ihr's verbot; Sie wagte einmal, ihren Blick zu heben, Da sah sie mich und wurde wieder roth; Nun nahte sie sich dem Altar mit Beben Und nahm nur noch mit Angst das heil'ge Brot, Und als sie auch verschüttete den Wein, Da jauchzte ich: sie ist auf ewig mein!
4. Glück
Wie man das Heilige berührt: Man will ihm selbst nicht geben, Es ist genug, daß man es spürt, So küßt' ich sie mit Beben, Und that der Mund Nicht Alles kund, So brachte sie's zu Ende In frommen Sinn Zum Vollgewinn Durch einen Druck der Hände!
5. Der Tod
Die Glocken hast du noch gepflückt, Die uns den Lenz verkünden, Doch nicht, vom schweren Schnee' gedrückt, In Farben sich entzünden.
Auch hast du dir zum Sonntagsstrauß Die Veilchen noch gewunden Und ihren Duft im Gotteshaus So süß, wie nie, gefunden.
Ein frischer Maienblumenkranz War dir in's Haar geflochten, Als dir in deinem letzten Tanz Die zarten Schläfe pochten.
Die Rosen treffen dich schon bleich Im Kreise deiner Schwestern: Der weißen bist du heute gleich, Der rothen glichst du gestern.
Doch kommen sie zur rechten Frist, Um deinen Sarg zu decken, Und was du warst und was du bist, Noch einmal zu erwecken!
Die Nelken blühen mir allein Und können mich nur freuen, Um sie bei hellem Mondenschein Dir auf das Grab zu streuen.
6. Spuk
Ich blicke hinab in die Gasse; Dort drüben hat sie gewohnt! Das öde, verlassene Fenster, Wie hell bescheint's der Mond.
Es giebt so viel zu beleuchten; O holde Stralen des Lichts, Was webt ihr denn gespenstisch Um jene Stätte des Nichts.
7. Nachruf
O du, die ungern mir voran gegangen, Wirst du wohl noch des Erdentraums gedenken? Und fühlst du wohl, den Flug zurück zu lenken, Zuweilen noch ein flüchtiges Verlangen?
Gewiß! Du kennst ja meiner Seele Bangen, Wirst einen letzten Gruß ihr gerne schenken, Dann aber wirst du auf dein Grab dich senken, Denn dieß, du weißt es, hält mich stets gefangen.
Doch wenn du nun in nächtlich-heil'ger Stille Hernieder schwebst, ein Lüftchen deine Hülle, Was wird mir deine Gegenwart verkünden?
Ach, dieses, daß sich Gram und Wehmuth legen, Daß Funken sich von neuer Wonne regen, Denn deine Nähe nur kann sie entzünden.
8. Süße Täuschung
Oft, wenn ich bei der Sterne Schein Zum Kirchhof meine Schritte lenke, Und mich so tief, so ganz hinein In jene sel'ge Zeit versenke, Wie wir zusammen Hand in Hand Hier wandelten in stillem Wehe, Da ist es mir, als ob das Band Noch immer heiter fortbestehe.
Wir gehen fort und immer fort Und schau'n die Gräber in der Runde, Du hast für jegliches ein Wort Und sprichst es aus mit sanftem Munde, Du sprichst vom frühen Schlafengeh'n Und von der Eitelkeit der Erde Und von dem großen Wiederseh'n, Das Gott uns nicht versagen werde.
Und kommt zuletzt dein eigen Grab, So rufst du aus: wir müssen scheiden! Der Vater ruft die Tochter ab, Wir wußten's längst, und wollen's leiden! Und ruhig wandle ich hinaus, Wie einst aus deines Vaters Garten, Wenn er dich heimrief in das Haus, Du aber sprachst, ich solle warten.
9. Nachts
Die dunkle Nacht hüllt Berg und Thal, Ringsum die tiefste Stille; Die Sterne zittern allzumal In ihrer Wolkenhülle; Der Mond mit seinem rothen Schein Blickt in den finstern Bach hinein, Der sich durch Binsen windet.
Ich schreite in die Nacht hinaus, Entgegen jenem Schimmer, Der aus dem forstverlornen Haus Sich stiehlt mit schwachem Flimmer. Jetzt lischt's mit einmal aus, das Licht, Ich seh' es, doch mich kümmert's nicht; Je dunkler, um so besser.
Du glaubst, zum Liebchen schleich' ich mich? Die könnt' ich näher haben: Nach jenem Kirchhof weis' ich dich, Dort liegt sie längst begraben. Dieß aber ist das kleine Haus, Da ging sie ehmals ein und aus In seligen süßen Stunden.
Nun thut's mir wohl, den Weg zu geh'n, Wo ich mich oft entzückte, Das kleine Fenster anzuseh'n, Wo ich sie sonst erblickte; Die Bank zu grüßen, wo sie saß, Den Busch, von dem sie Beeren las, Die Blumen, die sie noch pflanzte.
10. Offenbarung
Auf deinem Grabe saß ich stumm In lauer Sommernacht; Die Blumen blühten rings herum, Die schon dein Grab gebracht. Und still und märchenhaft umfing Ihr Duft mich, süß und warm, Bis ich in sanftem Weh verging, Wie einst in deinem Arm.
Und meine Augen schlossen sich, Vom Schlummer leicht begrüßt; Mir war, als würden sie durch dich Mir leise zugeküßt. Still auf den Rasen sank ich hin, Der deinen Staub bedeckt, Doch ward zugleich der inn're Sinn Mir wunderbar geweckt.
Was ich geträumt, ich weiß es nicht, Ich ahn' es nur noch kaum, Daß du, ein himmlisches Gesicht, Mir nahe warst im Traum. Doch, was dies flücht'ge Wiederseh'n In meiner Brust geschafft, Das kann die Seele wohl versteh'n, Die glüht in neuer Kraft.
Du hast der Dinge Ziel und Grund An Gottes Thron durchschaut, Und thatest kühn mir wieder kund, Was dir der Tod vertraut. Und wenn das große Lösungswort Auch mit dem Traum entschwand, So wirkt es doch im Tiefsten fort, Gewaltig, unerkannt!
11. Nachklang
Ach, zauberische Huldgestalt, Die nie vergessen läßt! Du hältst mit ewiger Gewalt Mich noch im Tode fest! Du spielst, ein sanftes Abendroth, In meine Brust hinein, Und bist du allenthalben todt, Dort wirst du's nimmer sein.
Auf eine Unbekannte
Die Dämmerung war längst herein gebrochen, Ich hatt' dich nie geseh'n, du tratst heran, Da hat dein Mund manch mildes Wort gesprochen In heil'gem Ernst, der dir mein Herz gewann. Still, wie du nahtest, hast du dich erhoben Und sanft uns Allen gute Nacht gesagt, Dein Bild war tief von Finsterniß umwoben, Nach deinem Namen hab' ich nicht gefragt.
Nun wird mein Auge nimmer dich erkennen, Wenn du auch einst vorüber gehst an mir, Und hör' ich dich von fremder Lippe nennen, So sagt dein Name selbst mir Nichts von dir. Und dennoch wirst du ewig in mir leben, Gleichwie ein Ton lebt in der stillen Luft, Und kann ich Form dir und Gestalt nicht geben, So reißt auch keine Form dich in die Gruft.
Das Leben hat geheimnißvolle Stunden, D'rin thut, selbst herrschend, die Natur sich kund; Da bluten wir und fühlen keine Wunden, Da freu'n wir uns und freu'n uns ohne Grund. Vielleicht wird dann zu flüchtigstem Vereine Verwandtes dem Verwandten nah' gerückt, Vielleicht, ich schaudre, jauchze oder weine, Ist's dein Empfinden, welches mich durchzückt!
Auf ein altes Mädchen
Dein Auge glüht nicht mehr, wie einst, Und deine Wang' ist nicht mehr roth, Und wenn du jetzt vor Sehnsucht weinst, So gilt es Keinem, als dem Tod. Nichts bist du, als ein Monument, Das, halb verwittert und gering, Nur kaum noch einen Namen nennt, Mit dem ein Leben unterging.
Doch, wie hervor die Todten geh'n Aus ihrer Gruft in mancher Nacht, Darfst du zuweilen aufersteh'n Zu altem Glanz und alter Pracht, Wenn tief dich ein Gefühl ergreift, Wie es vielleicht dich einst bewegt, Und dir den Schnee vom Herzen streift, Der längst sich schon darauf gelegt.
Da bist du wieder, wie zuvor, Und was die Mutter einst entzückt, Wodurch du der Gespielen Chor Einst anspruchlos und still beglückt, Das Alles ist noch einmal dein, Von einem Wunderstral erhellt, Gleichwie vom späten Mondenschein Die rings in Schlaf begrabne Welt.
Mir aber wird es trüb zu Muth, Mir sagt ein unbekannter Schmerz, Daß tief in dir verschlossen ruht, Was Gott bestimmt hat für mein Herz, Und will's dann hin zu dir mich zieh'n, Ach, mit allmächtiger Gewalt, So muß ich stumm und blutend flieh'n, Denn du bist wieder todt und kalt.
An Hedwig
(Eine Holsteinische junge Schauspielerin.)
Es war in schöner Frühlingszeit, Als ich dich fand bei Spiel und Scherz, Da drängte all' die Lieblichkeit Sind lind, wie nie noch, an mein Herz.
Du selber warst dem Frühling gleich, Der nur verspricht, doch nicht gewährt, Drum ward ich nicht vor Sehnsucht bleich Und von Entzücken nicht verklärt.
Es war der Morgen vor dem Fest, An dem man nur noch Träume tauscht, Das Weh, das keinen Stachel läßt, Die Freude, welche nicht berauscht.
Wie nur noch grün der Rosenstrauch, Doch auch schon grün die Nessel war, So glichen sich die Stunden auch, Die uns beglückten, wunderbar.
Nach manchem Tag kam dann der Tag, Der uns, vielleicht auf ewig, schied; Ich trug es, wie man's tragen mag, Wenn man den Frühling scheiden sieht.
Nur selten stieg dein holdes Bild Mir auf in der erstarrten Brust, Doch, ward ich einmal weich und mild, So war ich gleich mir dein bewußt.
Und dieses fühl' ich: blick' ich einst Von meinem Sterbebett zurück, So ist, daß du mir noch erscheinst, Mein letzter Wunsch, mein letztes Glück.
Du warst mein Lebensengel, sei Denn du mein Todesengel auch, Dann mischt noch in den Herbst der Mai Den überquellend-vollen Hauch.
Am Morgen, wo der Mensch ersteht Für seinen schweren Tageslauf, Und Abends, wenn er schlafen geht, Da schaut er gern zum Himmel auf!
Liebesprobe
Laß den Jüngling, der dich liebt, Eine Lilje pflücken, Eh' dein Herz sich ihm ergiebt, Um ihn zu beglücken.
Wird kein Tropfe von dem Thau Dann durch ihn vergossen, Der sie tränkte auf der Au, Sei der Bund geschlossen.
Wer so zart die Blume bricht, Daß sie nicht entwallen, Sorgt auch, daß die Thränen nicht Deinem Aug' entfallen.
Auf die Genesung eines schönen Mädchens
Wenn der Tod in neidischem Verlangen Auch schon an dein keusches Bette trat, Ist er doch zurückgegangen, Als er dich gesehen hat.
Seine thränenlosen Augen hingen, Wie erstaunt, an deinem Angesicht; Daß die Rosen drauf vergingen, Weil er's that, gewahrt' er nicht.
Endlich sah er's; mit beschämten Blicken Hat er nun sich von dir abgewandt; Auch die Liljen noch zu knicken, Zitterte selbst ihm die Hand.
Tändelei
Ich schaute dir in's Auge schnell, Du blicktest gar zu mild, Und lieblich sah ich, klar und hell, Darin mein eig'nes Bild.
In eine wunderbare Flut Von Farben war's getaucht, Von Licht und Glanz die Zauberglut Darüber hingehaucht.
Da wurde dir das Auge feucht, Und perlenklar und rein Trat eine Thräne, schnell erzeugt, Licht in das Licht hinein.
Mein Bild, als wär's mit Flut und Wind, Es kämpfte frei und frank Mit deiner Thräne, bis es lind In ihrem Schooß versank.
So dir im Auge, wundersam Sah ich mich selbst entsteh'n, Und, als die stille Thräne kam, Noch schöner mich vergeh'n.
Einziges Geschiedensein
Schlummernd im schwellenden Grün Liegst du, wo Lüfte dich fächeln! Mädchen, was spiegelt dies Lächeln, Spiegelt dies zarte Erglüh'n?
Ach, wie beschleicht es mit Schmerz Kalt mir den innersten Frieden! Gänzlich, wie nie noch, geschieden Fühlt sich von deinem mein Herz.
Was, wie ein göttlicher Hauch, Jetzt dich durchzittert, das Leben, Eh' du erwachst, wird's entschweben, Nimmer erfreut es mich auch.
Neue Liebe
O Blitz, der aus dem Tiefsten springt Und mir durch jede Faser zuckt, Der mich mit neuer Glut durchdringt, Die sonst mein Inn'res still verschluckt; Ich grüße dich viel tausend Mal Und frag' nicht: bringst du mir Genuß? Denn du befrei'st mich von der Qual, Daß ich mich selber lieben muß.
Sie seh'n sich nicht wieder
Von dunkelnden Wogen Hinunter gezogen, Zwei schimmernde Schwäne, sie schiffen daher, Die Winde, sie schwellen Allmälig die Wellen, Die Nebel, sie senken sich finster und schwer.
Die Schwäne, sie meiden Einander und leiden, Nun thun sie es nicht mehr, sie können die Glut Nicht länger verschließen, Sie wollen genießen, Verhüllt von den Nebeln, gewiegt von der Flut.
Sie schmeicheln, sie kosen, Sie trotzen dem Tosen Der Wellen, die Zweie in Eines verschränkt, Wie die sich auch bäumen, Sie glühen und träumen, In Liebe und Wonne zum Sterben versenkt.
Nach innigem Gatten Ein süßes Ermatten, Da trennt sie die Woge, bevor sie's gedacht. Laßt ruh'n das Gefieder! Ihr seht euch nicht wieder, Der Tag ist vorüber, es dämmert die Nacht.
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