|
3
Nach der Schlacht bei Arabella Hat der große Alexander Land und Leute des Darius, Hof und Harem, Pferde, Weiber,
Elefanten und Dariken, Kron' und Zepter, goldnen Plunder, Eingesteckt in seine weiten Mazedon'schen Pluderhosen.
In dem Zelt des großen Königs, Der entflohn, um nicht höchstselbst Gleichfalls eingesteckt zu werden, Fand der junge Held ein Kästchen,
Eine kleine güldne Truhe, Mit Miniaturbildwerken Und mit inkrustierten Steinen Und Kameen reich geschmückt -
Dieses Kästchen, selbst ein Kleinod Unschätzbaren Wertes, diente Zur Bewahrung von Kleinodien, Des Monarchen Leibjuwelen.
Letztre schenkte Alexander An die Tapfern seines Heeres, Darob lächelnd, daß sich Männer Kindisch freun an bunten Steinchen.
Eine kostbar schönste Gemme Schickte er der lieben Mutter; War der Siegelring des Cyrus, Wurde jetzt zu einer Brosche.
Seinem alten Weltarschpauker Aristoteles, dem sandt er Einen Onyx für sein großes Naturalienkabinett.
In dem Kästchen waren Perlen, Eine wunderbare Schnur, Die der Königin Atossa Einst geschenkt der falsche Smerdis -
Doch die Perlen waren echt - Und der heitre Sieger gab sie Einer schönen Tänzerin Aus Korinth, mit Namen Thais.
Diese trug sie in den Haaren, Die bacchantisch aufgelöst, In der Brandnacht, als sie tanzte Zu Persepolis und frech
In die Königsburg geschleudert Ihre Fackel, daß laut prasselnd Bald die Flammenlohe aufschlug, Wie ein Feuerwerk zum Feste.
Nach dem Tod der schönen Thais, Die an einer babylon'schen Krankheit starb zu Babylon, Wurden ihre Perlen dort
Auf dem Börsensaal vergantert. Sie erstand ein Pfaff' aus Memphis, Der sie nach Ägypten brachte, Wo sie später auf dem Putztisch
Der Kleopatra erschienen, Die die schönste Perl' zerstampft Und mit Wein vermischt verschluckte, Um Antonius zu foppen.
Mit dem letzten Omayaden Kam die Perlenschnur nach Spanien, Und sie schlängelte am Turban Des Kalifen zu Corduba.
Abderam der Dritte trug sie Als Brustschleife beim Turnier, Wo er dreißig goldne Ringe Und das Herz Zuleimas stach.
Nach dem Fall der Mohrenherrschaft Gingen zu den Christen über Auch die Perlen, und gerieten In den Kronschatz von Kastilien.
Die kathol'schen Majestäten Span'scher Königinnen schmückten Sich damit bei Hoffestspielen, Stiergefechten, Prozessionen,
So wie auch Autodafés, Wo sie, auf Balkonen sitzend, Sich erquickten am Geruche Von gebratnen alten Juden.
Späterhin gab Mendizabel, Satansenkel, diese Perlen In Versatz, um der Finanzen Defizit damit zu decken.
An dem Hof der Tuilerien Kam die Schnur zuletzt zum Vorschein, Und sie schimmerte am Halse Der Baronin Salomon.
So erging's den schönen Perlen. Minder abenteuerlich Ging's dem Kästchen, dies behielt Alexander für sich selber.
Er verschloß darin die Lieder Des ambrosischen Homeros, Seines Lieblings, und zu Häupten Seines Bettes in der Nacht
Stand das Kästchen - Schlief der König, Stiegen draus hervor der Helden Lichte Bilder, und sie schlichen Gaukelnd sich in seine Träume.
Andre Zeiten, andre Vögel - Ich, ich liebte weiland gleichfalls Die Gesänge von den Taten Des Peliden, des Odysseus.
Damals war so sonnengoldig Und so purpurn mir zumute, Meine Stirn umkränzte Weinlaub, Und es tönten die Fanfaren -
Still davon - gebrochen liegt Jetzt mein stolzer Siegeswagen, Und die Panther, die ihn zogen, Sind verreckt, so wie die Weiber,
Die mit Pauk' und Zimbelklängen Mich umtanzten, und ich selbst Wälze mich am Boden elend, Krüppelelend - still davon -
Still davon - es ist die Rede Von dem Kästchen des Darius, Und ich dacht in meinem Sinne: Käm ich in Besitz des Kästchens,
Und mich zwänge nicht Finanznot, Gleich dasselbe zu versilbern, So verschlösse ich darin Die Gedichte unsres Rabbi -
Des Jehuda ben Halevy Festgesänge, Klagelieder, Die Ghaselen, Reisebilder Seiner Wallfahrt - alles ließ' ich
Von dem besten Zophar schreiben Auf der reinsten Pergamenthaut, Und ich legte diese Handschrift In das kleine goldne Kästchen.
Dieses stellt' ich auf den Tisch Neben meinem Bett, und kämen Dann die Freunde und erstaunten Ob der Pracht der kleinen Truhe,
Ob den seltnen Basreliefen, Die so winzig, doch vollendet Sind zugleich, und ob den großen Inkrustierten Edelsteinen -
Lächelnd würd ich ihnen sagen: Das ist nur die rohe Schale, Die den bessern Schatz verschließet - Hier in diesem Kästchen liegen
Diamanten, deren Lichter Abglanz, Widerschein des Himmels, Herzblutglühende Rubinen, Fleckenlose Turkoasen,
Auch Smaragde der Verheißung, Perlen, reiner noch als jene, Die der Königin Atossa Einst geschenkt der falschen Smerdis,
Und die späterhin geschmücket Alle Notabilitäten Dieser mondumkreisten Erde, Thais und Kleopatra,
Isispriester, Mohrenfürsten, Auch Hispaniens Königinnen. Und zuletzt die hochverehrte Frau Baronin Salomon -
Diese weltberühmten Perlen, Sie sind nur der bleiche Schleim Eines armen Austertiers, Das im Meergrund blöde kränkelt:
Doch die Perlen hier im Kästchen Sind entquollen einer schönen Menschenseele, die noch tiefer, Abgrundtiefer als das Weltmeer -
Denn es sind die Tränenperlen Des Jehuda ben Halevy, Die er ob dem Untergang Von Jerusalem geweinet -
Perlentränen, die, verbunden Durch des Reimes goldnen Faden, Aus der Dichtkunst güldnen Schmiede Als ein Lied hervorgegangen.
Dieses Perlentränenlied Ist die vielberühmte Klage, Die gesungen wird in allen Weltzerstreuten Zelten Jakobs
An dem neunten Tag des Monats, Der geheißen Ab, dem Jahrstag Von Jerusalems Zerstörung Durch den Titus Vespasianus.
Ja, das ist das Zionslied, Das Jehuda ben Halevy Sterbend auf den heil'gen Trümmern Von Jerusalem gesungen -
Barfuß und im Büßerkittel Saß er dorten auf dem Bruchstück Einer umgestürzten Säule; - Bis zur Brust herunter fiel
Wie ein greiser Wald sein Haupthaar, Abenteuerlich beschattend Das bekümmert bleiche Antlitz Mit den geisterhaften Augen -
Also saß er und er sang, Wie ein Seher aus der Vorzeit Anzuschaun - dem Grab entstiegen Schien Jeremias, der Alte -
Das Gevögel der Ruinen Zähmte schier der wilde Schmerzlaut Des Gesanges, und die Geier Nahten horchend, fast mitleidig -
Doch ein frecher Sarazene Kam desselben Wegs geritten, Hoch zu Roß, im Bug sich wiegend Und die blanke Lanze schwingend -
In die Brust des armen Sängers Stieß er diesen Todesspeer, Und er jagte rasch von dannen, Wie ein Schattenbild beflügelt.
Ruhig floß das Blut des Rabbi, Ruhig seinen Sang zu Ende Sang er, und sein sterbeletzter Seufzer war Jerusalem! --
Eine alte Sage meldet, Jener Sarazene sei Gar kein böser Mensch gewesen, Sondern ein verkappter Engel,
Der vom Himmel ward gesendet, Gottes Liebling zu entrücken Dieser Erde und zu fördern Ohne Qual ins Reich der Sel'gen.
Droben, heißt es, harrte seiner Ein Empfang, der schmeichelhaft Ganz besonders für den Dichter, Eine himmlische Surprise.
Festlich kam das Chor der Engel Ihm entgegen mit Musik, Und als Hymne grüßten ihn Seine eignen Verse, jenes
Synagogenhochzeitkarmen, Jene Sabbathymenäen, Mit den jauchzend wohlbekannten Melodien - welche Töne!
Englein bliesen auf Hoboen, Englein spielten Violine, Andre strichen auch die Bratsche Oder schlugen Pauk' und Zimbel.
Und das sang und klang so lieblich, Und so lieblich in den weiten Himmelsräumen widerhallt es: "Lecho Daudi Likras Kalle."
4
Meine Frau ist nicht zufrieden Mit dem vorigen Kapitel, Ganz besonders in bezug Auf das Kästchen des Darius.
Fast mit Bitterkeit bemerkt sie: Daß ein Ehemann, der wahrhaft Religiöse sei, das Kästchen Gleich zu Gelde machen würde,
Um damit für seine arme Legitime Ehegattin Einen Kaschemir zu kaufen, Dessen sie so sehr bedürfe.
Der Jehuda ben Halevy, Meinte sie, der sei hinlänglich Ehrenvoll bewahrt in einem Schönen Futteral von Pappe
Mit chinesisch eleganten Arabesken, wie die hübschen Bonbonnieren von Marquis Im Passage-Panorama.
"Sonderbar!" - setzt sie hinzu - "Daß ich niemals nennen hörte Diesen großen Dichternamen, Den Jehuda ben Halevy."
Liebstes Kind, gab ich zur Antwort, Solche holde Ignoranz, Sie bekundet die Lakunen Der französischen Erziehung,
Der Pariser Pensionate, Wo die Mädchen, diese künft'gen Mütter eines freien Volkes, Ihren Unterricht genießen -
Alte Mumien, ausgestopfte Pharaonen von Ägypten, Merowinger Schattenkön'ge, Ungepuderte Perücken,
Auch die Zopfmonarchen Chinas, Porzellanpagodenkaiser - Alle lernen sie auswendig, Kluge Mädchen, aber Himmel -
Fragt man sie nach großen Namen Aus dem großen Goldzeitalter Der arabisch-althispanisch Jüdischen Poetenschule,
Fragt man nach dem Dreigestirn, Nach Jehuda ben Halevy, Nach dem Salomon Gabirol Und dem Moses Iben Esra -
Fragt man nach dergleichen Namen, Dann mit großen Augen schaun Uns die Kleinen an - alsdann Stehn am Berge die Ochsinnen.
Raten möcht ich dir, Geliebte, Nachzuholen das Versäumte Und Hebräisch zu erlernen - Laß Theater und Konzerte,
Widme ein'ge Jahre solchem Studium, du kannst alsdann Im Originale lesen Iben Esra und Gabirol
Und versteht sich den Halevy, Das Triumvirat der Dichtkunst, Das dem Saitenspiel Davidis Einst entlockt die schönsten Laute.
Alcharisi - der, ich wette, Dir nicht minder unbekannt ist, Ob er gleich, französ'scher Witzbold, Den Hariri überwitzelt
Im Gebiete der Makame, Und ein Voltairianer war Schon sechshundert Jahr' vor Voltair' - Jener Alcharisi sagte:
"Durch Gedanken glänzt Gabirol Und gefällt zumeist dem Denker, Iben Esra glänzt durch Kunst Und behagt weit mehr dem Künstler -
Aber beider Eigenschaften Hat Jehuda ben Halevy, Und er ist ein großer Dichter Und ein Liebling aller Menschen."
Iben Esra war ein Freund Und, ich glaube, auch ein Vetter Des Jehuda ben Halevy, Der in seinem Wanderbuche
Schmerzlich klagt, wie er vergebens In Granada aufgesucht hat Seinen Freund, und nur den Bruder Dorten fand, den Medikus,
Rabbi Meyer, auch ein Dichter Und der Vater jener Schönen, Die mit hoffnungsloser Flamme Iben Esras Herz entzunden -
Um das Mühmchen zu vergessen, Griff er nach dem Wanderstabe, Wie so mancher der Kollegen; Lebte unstet, heimatlos.
Pilgernd nach Jerusalem, Überfielen ihn Tartaren, Die an einen Gaul gebunden Ihn nach ihren Steppen schleppten.
Mußte Dienste dort verrichten, Die nicht würdig eines Rabbi Und noch wen'ger eines Dichters, Mußte nämlich Kühe melken.
Einstens, als er unterm Bauche Einer Kuh gekauert saß, Ihre Euter hastig fingernd, Daß die Milch floß in den Zuber -
Eine Position, unwürdig Eines Rabbis, eines Dichters - Da befiel ihn tiefe Wehmut, Und er fing zu singen an,
Und er sang so schön und lieblich, Daß der Khan, der Fürst der Horde, Der vorbeiging, ward gerühret Und die Freiheit gab dem Sklaven.
Auch Geschenke gab er ihm, Einen Fuchspelz, eine lange Sarazenenmandoline Und das Zehrgeld für die Heimkehr.
Dichterschicksal! böser Unstern, Der die Söhne des Apollo Tödlich nergelt, und sogar Ihren Vater nicht verschont hat,
Als er, hinter Daphnen laufend, Statt des weißen Nymphenleibes Nur den Lorbeerbaum erfaßte, Er, der göttliche Schlemihl!
Ja, der hohe Delphier ist Ein Schlemihl, und gar der Lorbeer, Der so stolz die Stirne krönet, Ist ein Zeichen des Schlemihltums.
Was das Wort Schlemihl bedeutet, Wissen wir. Hat doch Chamisso Ihm das Bürgerrecht in Deutschland Längst verschafft, dem Worte nämlich.
Aber unbekannt geblieben, Wie des heil'gen Niles Quellen, Ist sein Ursprung; hab darüber Nachgegrübelt manche Nacht.
Zu Berlin vor vielen Jahren Wandt ich mich deshalb an unsern Freund Chamisso, suchte Auskunft Beim Dekane der Schlemihle.
Doch er konnt mich nicht befried'gen Und verwies mich drob an Hitzig, Der ihm den Familiennamen Seines schattenlosen Peters
Einst verraten. Alsbald nahm ich Eine Droschke, und ich rollte Zu dem Kriminalrat Hitzig, Welcher eh'mals Itzig hieß -
Als er noch ein Itzig war, Träumte ihm, er säh geschrieben An dem Himmel seinen Namen Und davor den Buchstab' H.
"Was bedeutet dieses H?" Frug er sich - "etwa Herr Itzig Oder Heil'ger Itzig? Heil'ger Ist ein schöner Titel - aber
In Berlin nicht passend" - Endlich Grübelnsmüd', nannt er sich Hitzig, Und nur die Getreuen wußten: In dem Hitzig steckt ein Heil'ger.
"Heil'ger Hitzig!" sprach ich also, Als ich zu ihm kam, "Sie sollen Mir die Etymologie Von dem Wort Schlemihl erklären."
Viel Umschweife nahm der Heil'ge, Konnte sich nicht recht erinnern, Eine Ausflucht nach der andern, Immer christlich - bis mir endlich,
Endlich alle Knöpfe rissen An der Hose der Geduld, Und ich anfing so zu fluchen, So gottlästerlich zu fluchen,
Daß der fromme Pietist, Leichenblaß und beineschlotternd, Unverzüglich mir willfahrte Und mir folgendes erzählte:
"In der Bibel ist zu lesen, Als zur Zeit der Wüstenwandrung Israel sich oft erlustigt Mit den Töchtern Kanaans,
Da geschah es, daß der Pinhas Sahe, wie der edle Simri Buhlschaft trieb mit einem Weibsbild Aus dem Stamm der Kananiter,
Und alsbald ergriff er zornig Seinen Speer und hat den Simri Auf der Stelle totgestochen - Also heißt es in der Bibel.
Aber mündlich überliefert Hat im Volke sich die Sage, Daß es nicht der Simri war, Den des Pinhas Speer getroffen,
Sondern daß der Blinderzürnte, Statt des Sünders, unversehens Einen ganz Unschuld'gen traf, Den Schlemihl ben Zuri Schadday." -
Dieser nun, Schlemihl I., Ist der Ahnherr des Geschlechtes Derer von Schlemihl. Wir stammen Von Schlemihl ben Zuri Schadday.
Freilich keine Heldentaten Meldet man von ihm, wir kennen Nur den Namen und wir wissen, Daß er ein Schlemihl gewesen.
Doch geschätzet wird ein Stammbaum Nicht ob seinen guten Früchten, Sondern nur ob seinem Alter - Drei Jahrtausend' zählt der unsre!
Jahre kommen und vergehen - Drei Jahrtausende verflossen, Seit gestorben unser Ahnherr, Herr Schlemihl ben Zuri Schadday.
Längst ist auch der Pinhas tot - Doch sein Speer hat sich erhalten, Und wir hören ihn beständig Über unsre Häupter schwirren.
Und die besten Herzen trifft er - Wie Jehuda ben Halevy, Traf er Moses Iben Esra, Und er traf auch den Gabirol -
Den Gabirol, diesen treuen Gottgeweihten Minnesänger, Diese fromme Nachtigall, Deren Rose Gott gewesen -
Diese Nachtigall, die zärtlich Ihre Liebeslieder sang In der Dunkelheit der gotisch Mittelalterlichen Nacht!
Unerschrocken, unbekümmert Ob den Fratzen und Gespenstern, Ob dem Wust von Tod und Wahnsinn, Die gespukt in jener Nacht -
Sie, die Nachtigall, sie dachte Nur an ihren göttlich Liebsten Dem sie ihre Liebe schluchzte, Den ihr Lobgesang verherrlicht! -
Dreißig Lenze sah Gabirol Hier auf Erden, aber Fama Ausposaunte seines Namens Herrlichkeit durch alle Lande.
Zu Corduba, wo er wohnte, War ein Mohr sein nächster Nachbar, Welcher gleichfalls Verse machte Und des Dichters Ruhm beneidet'.
Hörte er den Dichter singen, Schwoll dem Mohren gleich die Galle, Und der Lieder Süße wurde Bittrer Wermut für den Neidhart.
Er verlockte den Verhaßten Nächtlich in sein Haus, erschlug ihn Dorten und vergrub den Leichnam Hinterm Hause in dem Garten.
Aber siehe! aus dem Boden, Wo die Leiche eingescharrt war, Wuchs hervor ein Feigenbaum Von der wunderbarsten Schönheit.
Seine Frucht war seltsam länglich Und von seltsam würz'ger Süße; Wer davon genoß, versank In ein träumerisch Entzücken.
In dem Volke ging darüber Viel Gerede und Gemunkel, Das am End' zu den erlauchten Ohren des Kalifen kam.
Dieser prüfte eigenzüngig Jenes Feigenphänomen, Und ernannte eine strenge Untersuchungskommission.
Man verfuhr summarisch. Sechzig Bambushiebe auf die Sohlen Gab man gleich dem Herrn des Baumes, Welcher eingestand die Untat.
Darauf riß man auch den Baum Mit den Wurzeln aus dem Boden, Und zum Vorschein kam die Leiche Des erschlagenen Gabirol.
Diese ward mit Pomp bestattet Und betrauert von den Brüdern; An demselben Tage henkte Man den Mohren zu Corduba. Fragment
Disputation
In der Aula zu Toledo Klingen schmetternd die Fanfaren; Zu dem geistlichen Turnei Wallt das Volk in bunten Scharen.
Das ist nicht ein weltlich Stechen, Keine Eisenwaffe blitzet - Eine Lanze ist das Wort, Das scholastisch scharf gespitzet.
Nicht galante Paladins Fechten hier, nicht Damendiener - Dieses Kampfes Ritter sind Kapuziner und Rabbiner.
Statt des Helmes tragen sie Schabbesdeckel und Kapuzen; Skapulier und Arbekanfeß Sind der Harnisch, drob sie trutzen.
Welches ist der wahre Gott? Ist es der Hebräer starrer Großer Eingott, dessen Kämpe Rabbi Juda' der Navarrer?
Oder ist es der dreifalt'ge Liebegott der Christianer, Dessen Kämpe Frater Jose, Gardian der Franziskaner?
Durch die Macht der Argumente, Durch der Logik Kettenschlüsse Und Zitate von Autoren, Die man anerkennen müsse,
Will ein jeder Kämpe seinen Gegner ad absurdum führen Und die wahre Göttlichkeit Seines Gottes demonstrieren.
Festgestellt ist: daß derjen'ge, Der im Streit ward überwunden, Seines Gegners Religion Anzunehmen sei verbunden,
Daß der Jude sich der Taufe Heil'gem Sakramente füge, Und im Gegenteil der Christ Der Beschneidung unterliege.
Jedem von den beiden Kämpen Beigesellt sind elf Genossen, Die zu teilen sein Geschick Sind in Freud und Leid entschlossen.
Glaubenssicher sind die Mönche Von des Gardians Geleitschaft, Halten schon Weihwasserkübel Für die Taufe in Bereitschaft,
Schwingen schon die Sprengelbesen Und die blanken Räucherfässer - Ihre Gegner unterdessen Wetzen die Beschneidungsmesser.
Beide Rotten stehn schlagfertig Vor den Schranken in dem Saale, Und das Volk mit Ungeduld Harret drängend der Signale.
Unterm güldnen Baldachin Und umrauscht vom Hofgesinde Sitzt der König und die Kön'gin; Diese gleichet einem Kinde.
Ein französisch stumpfes Näschen, Schalkheit kichert in den Mienen, Doch bezaubernd sind des Mundes Immer lächelnde Rubinen.
Schöne, flatterhafte Blume - Daß sich ihrer Gott erbarme - Von dem heitern Seineufer Wurde sie verpflanzt, die arme,
Hierher in den steifen Boden Der hispanischen Grandezza; Weiland hieß sie Blanch' de Bourbon, Doña Blanka heißt sie jetzo.
Pedro wird genannt der König Mit dem Zusatz der Grausame; Aber heute, milden Sinnes, Ist er besser als sein Name.
Unterhält sich gut gelaunt Mit des Hofes Edelleuten; Auch den Juden und den Mohren Sagt er viele Artigkeiten.
Diese Ritter ohne Vorhaut Sind des Königs Lieblingsschranzen, Sie befehl'gen seine Heere, Sie verwalten die Finanzen.
Aber plötzlich Paukenschläge, Und es melden die Trompeten, Daß begonnen hat der Maulkampf, Der Disput der zwei Athleten.
Der Gardian der Franziskaner Bricht hervor mit frommem Grimme; Polternd roh und widrig greinend Ist abwechselnd seine Stimme.
In des Vaters und des Sohnes Und des Heil'gen Geistes Namen Exorzieret er den Rabbi, Jakobs maledeiten Samen.
Denn bei solchen Kontroversen Sind oft Teufelchen verborgen In dem Juden, die mit Scharfsinn, Witz und Gründen ihn versorgen.
Nun die Teufel ausgetrieben Durch die Macht des Exorzismus, Kommt der Mönch auch zur Dogmatik, Kugelt ab den Katechismus.
Er erzählt, daß in der Gottheit Drei Personen sind enthalten, Die jedoch zu einer einz'gen, Wenn es passend, sich gestalten -
Ein Mysterium, das nur Von demjen'gen wird verstanden, Der entsprungen ist dem Kerker Der Vernunft und ihren Banden.
Er erzählt: wie Gott der Herr Ward zu Bethlehem geboren Von der Jungfrau, welche niemals Ihre Jungferschaft verloren;
Wie der Herr der Welt gelegen In der Krippe, und ein Kühlein Und ein Öchslein bei ihm stunden, Schier andächtig, zwei Rindviehlein.
Er erzählte: wie der Herr Vor den Schergen des Herodes Nach Ägypten floh, und später Litt die herbe Pein des Todes
Unter Pontio Pilato, Der das Urteil unterschrieben, Von den harten Pharisäern, Von den Juden angetrieben.
Er erzählte: wie der Herr, Der entstiegen seinem Grabe Schon am dritten Tag, gen Himmel Seinen Flug genommen habe;
Wie er aber, wenn es Zeit ist, Wiederkehren auf die Erde Und zu Josaphat die Toten Und Lebend'gen richten werde.
"Zittert, Juden!" rief der Mönch, "Vor dem Gott, den ihr mit Hieben Und mit Dornen habt gemartert, Den ihr in den Tod getrieben.
Seine Mörder, Volk der Rachsucht, Juden, das seid ihr gewesen - Immer meuchelt ihr den Heiland, Welcher kommt, euch zu erlösen.
Judenvolk, du bist ein Aas, Worin hausen die Dämonen; Eure Leiber sind Kasernen Für des Teufels Legionen.
Thomas von Aquino sagt es, Den man nennt den großen Ochsen Der Gelehrsamkeit, er ist Licht und Lust der Orthodoxen.
Judenvolk, ihr seid Hyänen, Wölfe, Schakals, die in Gräbern Wühlen, um der Toten Leichnam' Blutfraßgierig aufzustöbern.
Juden, Juden, ihr seid Säue, Paviane, Nashorntiere, Die man nennt Rhinozerosse, Krokodile und Vampire.
Ihr seid Raben, Eulen, Uhus, Fledermäuse, Wiedehöpfe, Leichenhühner, Basilisken, Galgenvögel, Nachtgeschöpfe.
Ihr seid Vipern und Blindschleichen, Klapperschlangen, gift'ge Kröten, Ottern, Nattern - Christus wird Eu'r verfluchtes Haupt zertreten.
Oder wollt ihr, Maledeiten, Eure armen Seelen retten? Aus der Bosheit Synagoge Flüchtet nach den frommen Stätten,
Nach der Liebe lichtem Dome, Wo im benedeiten Becken Euch der Quell der Gnade sprudelt - Drin sollt ihr die Köpfe stecken -
Wascht dort ab den alten Adam Und die Laster, die ihn schwärzen; Des verjährten Grolles Schimmel, Wascht ihn ab von euren Herzen!
Hört ihr nicht des Heilands Stimme? Euren neuen Namen rief er - Lauset euch an Christi Brust Von der Sünde Ungeziefer!
Unser Gott, der ist die Liebe, Und er gleichet einem Lamme; Um zu sühnen unsre Schuld, Starb er an des Kreuzes Stamme.
Unser Gott, der ist die Liebe, Jesus Christus ist sein Name; Seine Duldsamkeit und Demut Suchen wir stets nachzuahmen.
Deshalb sind wir auch so sanft, So leutselig, ruhig, milde, Hadern niemals, nach des Lammes, Des Versöhners, Musterbilde.
Einst im Himmel werden wir Ganz verklärt zu frommen Englein, Und wir wandeln dort gottselig, In den Händen Lilienstenglein.
Statt der groben Kutten tragen Wir die reinlichsten Gewänder Von Muss'lin, Brokat und Seide, Goldne Troddeln, bunte Bänder.
Keine Glatze mehr! Goldlocken Flattern dort um unsre Köpfe; Allerliebste Jungfraun flechten Uns das Haar in hübsche Zöpfe.
Weinpokale wird es droben Von viel weiterm Umfang geben, Als die Becher sind hier unten, Worin schäumt der Saft der Reben.
Doch im Gegenteil viel enger Als ein Weibermund hienieden, Wird das Frauenmündchen sein, Das dort oben uns beschieden.
Trinkend, küssend, lachend wollen Wir die Ewigkeit verbringen, Und verzückt Halleluja, Kyrie eleison singen."
Also schloß der Christ. Die Mönchlein Glaubten schon, Erleuchtung träte In die Herzen, und sie schleppten Flink herbei das Taufgeräte.
Doch die wasserscheuen Juden Schütteln sich und grinsen schnöde. Rabbi Juda, der Navarrer, Hub jetzt an die Gegenrede:
"Um für deine Saat zu düngen Meines Geistes dürren Acker, Mit Mistkarren voll Schimpfwörter Hast du mich beschmissen wacker.
So folgt jeder der Methode, Dran er nun einmal gewöhnet, Und anstatt dich drob zu schelten, Sag ich Dank dir, wohlversöhnet.
Die Dreieinigkeitsdoktrin Kann für unsre Leut' nicht passen, Die mit Regula-de-tri Sich von Jugend auf befassen.
Daß in deinem Gotte drei, Drei Personen sind enthalten, Ist bescheiden noch, sechstausend Götter gab es bei den Alten.
Unbekannt ist mir der Gott, Den ihr Christum pflegt zu nennen; Seine Jungfer Mutter gleichfalls Hab ich nicht die Ehr' zu kennen.
Ich bedaure, daß er einst, Vor etwa zwölfhundert Jahren, Ein'ge Unannehmlichkeiten Zu Jerusalem erfahren.
Ob die Juden ihn getötet, Das ist schwer jetzt zu erkunden, Da ja das Corpus delicti Schon am dritten Tag verschwunden.
Daß er ein Verwandter sei Unsres Gottes, ist nicht minder Zweifelhaft; soviel wir wissen, Hat der letztre keine Kinder.
Unser Gott ist nicht gestorben Als ein armes Lämmerschwänzchen Für die Menschheit, ist kein süßes Philantröpfchen, Faselhänschen.
Unser Gott ist nicht die Liebe; Schnäbeln ist nicht seine Sache, Denn er ist ein Donnergott Und er ist ein Gott der Rache.
Seines Zornes Blitze treffen Unerbittlich jeden Sünder, Und des Vaters Schulden büßen Oft die späten Enkelkinder.
Unser Gott, der ist lebendig, Und in seiner Himmelshalle Existieret er drauflos Durch die Ewigkeiten alle.
Unser Gott, und der ist auch Ein gesunder Gott, kein Mythos Bleich und dünne wie Oblaten Oder Schatten am Cocytos.
Unser Gott ist stark. In Händen Trägt er Sonne, Mond, Gestirne; Throne brechen, Völker schwinden, Wenn er runzelt seine Stirne.
Und er ist ein großer Gott. David singt: Ermessen ließe Sich die Größe nicht, die Erde Sei der Schemel seiner Füße.
Unser Gott liebt die Musik, Saitenspiel und Festgesänge; Doch wie Ferkelgrunzen sind Ihm zuwider Glockenklänge.
Leviathan heißt der Fisch, Welcher hause im Meeresgrunde; Mit ihm spielet Gott der Herr Alle Tage eine Stunde -
Ausgenommen an dem neunten Tag des Monats Ab, wo nämlich Eingeäschert ward sein Tempel; An dem Tag ist er zu grämlich.
Des Leviathans Länge ist Hundert Meilen, hat Floßfedern Groß wie König Ok von Basan, Und sein Schwanz ist wie ein Zedern.
Doch sein Fleisch ist delikat, Delikater als Schildkröten, Und am Tag der Auferstehung Wird der Herr zu Tische beten
Alle frommen Auserwählten, Die Gerechten und die Weisen - Unsres Herrgotts Lieblingsfisch Werden sie alsdann verspeisen,
Teils mit weißer Knoblauchbrühe, Teils auch braun in Wein gesotten, Mit Gewürzen und Rosinen, Ungefähr wie Mateloten.
In der weißen Knoblauchbrühe Schwimmen kleine Schäbchen Rettich - So bereitet, Frater Jose, Mundet dir das Fischlein, wett ich!
Auch die braune ist so lecker, Nämlich die Rosinensauce, Sie wird himmlisch wohl behagen Deinem Bäuchlein, Frater Jose.
Was Gott kocht, ist gut gekocht! Mönchlein, nimm jetzt meinen Rat an, Opfre hin die alte Vorhaut Und erquick dich am Leviathan."
Also lockend sprach der Rabbi, Lockend, ködernd, heimlich schmunzelnd, Und die Juden schwangen schon Ihre Messer wonnegrunzelnd,
Um als Sieger zu skalpieren Die verfallenen Vorhäute, Wahre spolia opima In dem wunderlichen Streite.
Doch die Mönche hielten fest An dem väterlichen Glauben Und an ihrer Vorhaut, ließen Sich derselben nicht berauben.
Nach dem Juden sprach aufs neue Der katholische Bekehrer; Wieder schimpft er, jedes Wort Ist ein Nachttopf, und kein leerer.
Darauf repliziert der Rabbi Mit zurückgehaltnem Eifer; Wie sein Herz auch überkocht, Doch verschluckt er seinen Geifer.
Er beruft sich auf die Mischna, Kommentare und Traktate; Bringt auch aus dem Tausves-Jontof Viel beweisende Zitate.
Aber welche Blasphemie Mußt er von dem Mönche hören! Dieser sprach: der Tausves-Jontof Möge sich zum Teufel scheren.
"Da hört alles auf, o Gott!" Kreischt der Rabbi jetzt entsetzlich; Und es reißt ihm die Geduld, Rappelköpfig wird er plötzlich.
"Gilt nichts mehr der Tausves-Jontof, Was soll gelten? Zeter! Zeter! Räche, Herr, die Missetat, Strafe, Herr, den Übeltäter!
Denn der Tausves-Jontof, Gott, Das bist du! Und an dem frechen Tausves-Jontof- Leugner mußt du Deines Namens Ehre rächen.
Laß den Abgrund ihn verschlingen, Wie des Korah böse Rotte, Die sich wider dich empört Durch Emeute und Komplotte.
Donnre deinen besten Donner! Strafe, o mein Gott, den Frevel - Hattest du doch zu Sodoma Und Gomorrha Pech und Schwefel!
Treffe, Herr, die Kapuziner, Wie du Pharaon getroffen, Der uns nachgesetzt, als wir Wohlbepackt davongeloffen.
Hunderttausend Ritter folgten Diesem König von Mizrayim, Stahlbepanzert, blanke Schwerter In den schrecklichen Jadayim.
Gott! da hast du ausgestreckt Deine Jad, und samt dem Heere Ward ertränkt, wie junge Katzen, Pharao im Roten Meere.
Treffe, Herr, die Kapuziner, Zeige den infamen Schuften, Daß die Blitze deines Zorns Nicht verrauchten und verpufften.
Deines Sieges Ruhm und Preis Will ich singen dann und sagen, Und dabei, wie Mirjam tat, Tanzen und die Pauke schlagen."
In die Rede grimmig fiel Jetzt der Mönch dem Zornentflammten: "Mag dich selbst der Herr verderben, Dich Verfluchten und Verdammten!
Trotzen kann ich deinen Teufeln, Deinem schmutz'gen Fliegengotte, Luzifer und Beelzebube, Belial und Astarothe.
Trotzen kann ich deinen Geistern, Deinen dunkeln Höllenpossen, Denn in mir ist Jesus Christus, Habe seinen Leib genossen.
Christus ist mein Leibgericht, Schmeckt viel besser als Leviathan Mit der weißen Knoblauchsauce, Die vielleicht gekocht der Satan.
Ach! anstatt zu disputieren, Lieber möcht ich schmoren, braten Auf dem wärmsten Scheiterhaufen Dich und deine Kameraden."
Also tost in Schimpf und Ernst Das Turnei für Gott und Glauben, Doch die Kämpen ganz vergeblich Kreischen, schelten, wüten, schnauben.
Schon zwölf Stunden währt der Kampf, Dem kein End' ist abzuschauen; Müde wird das Publikum, Und es schwitzen stark die Frauen.
Auch der Hof wird ungeduldig, Manche Zofe gähnt ein wenig. Zu der schönen Königin Wendet fragend sich der König:
"Sagt mir, was ist Eure Meinung? Wer hat recht von diesen beiden? Wollt Ihr für den Rabbi Euch Oder für den Mönch entscheiden?"
Doña Blanka schaut ihn an, Und wie sinnend ihre Hände Mit verschränkten Fingern drückt sie An die Stirn und spricht am Ende:
"Welcher recht hat, weiß ich nicht - Doch es will mich schier bedünken, Daß der Rabbi und der Mönch, Daß sie alle beide stinken."
|