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11 Die Wahlverlobten
Du weinst und siehst mich an, und meinst, Daß du ob meinem Elend weinst - Du weißt nicht, Weib! dir selber gilt Die Trän', die deinem Aug' entquillt.
Oh, sage mir, ob nicht vielleicht Zuweilen dein Gemüt beschleicht Die Ahnung, die dir offenbart, Daß Schicksalswille uns gepaart? Vereinigt, war uns Glück hienieden, Getrennt, nur Untergang beschieden.
Im großen Buche stand geschrieben, Wir sollten uns einander lieben. Dein Platz, er sollt an meiner Brust sein, Hier wär erwacht dein Selbstbewußtsein; Ich hätt dich aus dem Pflanzentume Erlöst, emporgeküßt, o Blume, Empor zu mir, zum höchsten Leben - Ich hätt dir eine Seel' gegeben.
Jetzt, wo gelöst die Rätsel sind, Der Sand im Stundenglas verrinnt - O weine nicht, es mußte sein - Ich scheide, und du welkst allein; Du welkst, bevor du noch geblüht, Erlöschest, eh' du noch geglüht; Du stirbst, dich hat der Tod erfaßt, Bevor du noch gelebet hast.
Ich weiß es jetzt. Bei Gott! du bist es, Die ich geliebt. Wie bitter ist es, Wenn im Momente des Erkennens Die Stunde schlägt des ew'gen Trennens! Der Willkomm ist zu gleicher Zeit Ein Lebewohl! Wir scheiden heut Auf immerdar. Kein Wiedersehn Gibt es für uns in Himmelshöhn. Die Schönheit ist dem Staub verfallen, Du wirst zerstieben, wirst verhallen. Viel anders ist es mit Poeten; Die kann der Tod nicht gänzlich töten. Uns trifft nicht weltliche Vernichtung, Wir leben fort im Land der Dichtung, In Avalun, dem Feenreiche - Leb wohl auf ewig, schöne Leiche!
12 Der Philanthrop
Das waren zwei liebe Geschwister, Die Schwester war arm, der Bruder war reich. Zum Reichen sprach die Arme: "Gib mir ein Stückchen Brot."
Zur Armen sprach der Reiche: "Laß mich nur heut in Ruh'. Heut geb ich mein jährliches Gastmahl Den Herren vom großen Rat.
Der eine liebt Schildkrötensuppe, Der andre Ananas, Der dritte ißt gern Fasanen Mit Trüffeln von Périgord.
Der vierte speist nur Seefisch, Der fünfte verzehrt auch Lachs, Der sechste, der frißt alles, Und trinkt noch mehr dazu."
Die arme, arme Schwester Ging hungrig wieder nach Haus; Sie warf sich auf den Strohsack Und seufzte tief und starb.
Wir müssen alle sterben! Des Todes Sense trifft Am End' den reichen Bruder, Wie er die Schwester traf.
Und als der reiche Bruder Sein Stündlein kommen sah, Da schickt' er zum Notare Und macht' sein Testament.
Beträchtliche Legate Bekam die Geistlichkeit, Die Schulanstalten, das große Museum für Zoologie.
Mit edlen Summen bedachte Der große Testator zumal Die Judenbekehrungsgesellschaft Und das Taubstummeninstitut.
Er schenkte eine Glocke Dem neuen Sankt-Stephans-Turm; Die wiegt fünfhundert Zentner Und ist vom besten Metall.
Das ist eine große Glocke Und läutet spat und früh; Sie läutet zum Lob und Ruhme Des unvergeßlichen Manns.
Sie meldet mit eherner Zunge, Wieviel er Gutes getan Der Stadt und seinen Mitbürgern Von jeglicher Konfession.
Du großer Wohltäter der Menschheit! Wie im Leben, soll auch im Tod Jedwede deiner Wohltaten Verkünden die große Glock'!
Das Leichenbegängnis wurde Gefeiert mit Prunk und Pracht; Es strömte herbei die Menge Und staunte ehrfurchtsvoll.
Auf einem schwarzen Wagen, Der gleich einem Baldachin Mit schwarzen Straußfederbüscheln Gezieret, ruhte der Sarg.
Der strotzte von Silberblechen Und Silberstickerei'n; Es machte auf schwarzem Grunde Das Silber den schönsten Effekt.
Den Wagen zogen sechs Rosse, In schwarzen Decken vermummt; Die fielen gleich Trauermänteln Bis zu den Hufen hinab.
Dicht hinter dem Sarge gingen Bediente in schwarzer Livree, Schneeweiße Schnupftücher haltend Vor dem kummerroten Gesicht.
Sämtliche Honoratioren Der Stadt, ein langer Zug Von schwarzen Paradekutschen, Wackelte hintennach.
In diesem Leichenzuge, Versteht sich, befanden sich auch Die Herren vom hohen Rate, Doch waren sie nicht komplett.
Es fehlte jener, der gerne Fasanen mit Trüffeln aß; War kurz vorher gestorben An einer Indigestion.
13 Die Launen der Verliebten
Eine wahre Geschichte, nach älteren Dokumenten wiedererzählt und aufs neue in schöne deutsche Reime gebracht
Der Käfer saß auf dem Zaun, betrübt; Er hat sich in eine Fliege verliebt.
"Du bist, o Fliege meiner Seele, Die Gattin, die ich auserwähle.
Heirate mich und sei mir hold! Ich hab einen Bauch von eitel Gold.
Mein Rücken ist eine wahre Pracht; Da flammt der Rubin, da glänzt der Smaragd."
"O daß ich eine Närrin wär! Ein'n Käfer nehm ich nimmermehr.
Mich lockt nicht Gold, Rubin und Smaragd; Ich weiß, daß Reichtum nicht glücklich macht.
Nach Idealen schwärmt mein Sinn, Weil ich eine stolze Fliege bin." -
Der Käfer flog fort mit großem Grämen; Die Fliege ging, ein Bad zu nehmen.
"Wo ist denn meine Magd, die Biene, Daß sie beim Waschen mich bediene;
Daß sie mir streichle die feine Haut, Denn ich bin eines Käfers Braut.
Wahrhaftig, ich mach eine große Partie; Viel schöneren Käfer gab es nie.
Sein Rücken ist eine wahre Pracht; Da flammt der Rubin, da glänzt der Smaragd.
Sein Bauch ist gülden, hat noble Züge; Vor Neid wird bersten gar manche Schmeißfliege.
Spute dich, Bienchen, und frisier mich, Und schnüre die Taille und parfümier mich;
Reib mich mit Rosenessenzen, und gieße Lavendelöl auf meine Füße,
Damit ich gar nicht stinken tu, Wenn ich in des Bräut'gams Armen ruh.
Schon flirren heran die blauen Libellen, Und huldigen mir als Ehrenmamsellen.
Sie winden mir in den Jungfernkranz Die weiße Blüte der Pomeranz'.
Viel Musikanten sind eingeladen, Auch Sängerinnen, vornehme Zikaden.
Rohrdommel und Horniß, Bremse und Hummel, Sie sollen trompeten und schlagen die Trummel;
Sie sollen aufspielen zum Hochzeitfest - Schon kommen die buntbeflügelten Gäst',
Schon kommt die Familie, geputzt und munter; Gemeine Insekten sind viele darunter.
Heuschrecken und Wespen, Muhmen und Basen, Sie kommen heran - die Trompeten blasen.
Der Pastor Maulwurf im schwarzen Ornat, Da kommt er gleichfalls - es ist schon spat.
Die Glocken läuten, bim-bam, bim-bam - Wo bleibt mein liebster Bräutigam?" --
Bim-bam, bim-bam, klingt Glockengeläute, Der Bräutigam aber flog fort ins Weite.
Die Glocken läuten, bim-bam, bim-bam - "Wo bleibt mein liebster Bräutigam?"
Der Bräutigam hat unterdessen Auf einem fernen Misthaufen gesessen.
Dort blieb er sitzen sieben Jahr', Bis daß die Braut verfaulet war.
14 Mimi
"Bin kein sittsam Bürgerkätzchen, Nicht im frommen Stübchen spinn ich. Auf dem Dach, in freier Luft, Eine freie Katze bin ich.
Wenn ich sommernächtlich schwärme, Auf dem Dache, in der Kühle, Schnurrt und knurrt in mir Musik, Und ich singe, was ich fühle."
Also spricht sie. Aus dem Busen Wilde Brautgesänge quellen, Und der Wohllaut lockt herbei Alle Katerjunggesellen.
Alle Katerjunggesellen, Schnurrend, knurrend, alle kommen, Mit Mimi zu musizieren, Liebelechzend, lustentglommen.
Das sind keine Virtuosen, Die entweiht jemals für Lohngunst Die Musik, sie blieben stets Die Apostel heil'ger Tonkunst.
Brauchen keine Instrumente, Sie sind selber Bratsch' und Flöte; Eine Pauke ist ihr Bauch, Ihre Nasen sind Trompeten.
Sie erheben ihre Stimmen Zum Konzert gemeinsam jetzo; Das sind Fugen, wie von Bach Oder Guido von Arezzo.
Das sind tolle Symphonien, Wie Kapricen von Beethoven Oder Berlioz, der wird Schnurrend, knurrend übertroffen.
Wunderbare Macht der Töne! Zauberklänge sondergleichen! Sie erschüttern selbst den Himmel, Und die Sterne dort erbleichen.
Wenn sie hört die Zauberklänge, Wenn sie hört die Wundertöne, So verhüllt ihr Angesicht Mit dem Wolkenflor Selene.
Nur das Lästermaul, die alte Primadonna Philomele Rümpft die Nase, schnupft und schmäht Mimis Singen - kalte Seele!
Doch gleichviel! Das musizieret, Trotz dem Neide der Signora, Bis am Horizont erscheint Rosig lächelnd Fee Aurora.
15 Guter Rat
Laß dein Grämen und dein Schämen! Werbe keck und fordre laut, Und man wird sich dir bequemen, Und du führest heim die Braut.
Wirf dein Geld den Musikanten, Denn die Fiedel macht das Fest; Küsse deine Schwiegertanten, Denkst du gleich: ›Hol' euch die Pest!‹
Rede gut von einem Fürsten, Und nicht schlecht von einer Frau; Knickre nicht mit deinen Würsten, Wenn du schlachtest eine Sau.
Ist die Kirche dir verhaßt, Tor, Desto öfter geh hinein; Zieh den Hut ab vor dem Pastor Schick ihm auch ein Fläschchen Wein.
Fühlst du irgendwo ein Jücken, Kratze dich als Ehrenmann; Wenn dich deine Schuhe drücken, Nun, so zieh Pantoffeln an.
Hat versalzen dir die Suppe Deine Frau, bezähm die Wut, Sag ihr lächelnd: "Süße Puppe, Alles, was du kochst, ist gut."
Trägt nach einem Schal Verlangen Deine Frau, so kauf ihr zwei; Kauf ihr Spitzen, goldne Spangen Und Juwelen noch dabei.
Wirst du diesen Rat erproben, Dann, mein Freund! genießest du Einst das Himmelreich dort oben, Und du hast auf Erden Ruh'.
16 Erinnerung an Hammonia
Waisenkinder, zwei und zwei, Wallen fromm und froh vorbei, Tragen alle blaue Röckchen, Haben alle rote Bäckchen - Oh, die hübschen Waisenkinder!
Jeder sieht sie an gerührt, Und die Büchse klingeliert; Von geheimen Vaterhänden Fließen ihnen reiche Spenden - Oh, die hübschen Waisenkinder!
Frauen, die gefühlvoll sind, Küssen manchem armen Kind Sein Rotznäschen und sein Schnütchen, Schenken ihm ein Zuckerdütchen - Oh, die hübschen Waisenkinder!
Schmuhlchen wirft verschämten Blicks Einen Taler in die Büchs' - Denn er hat ein Herz - und heiter Schleppt er seinen Zwerchsack weiter. Oh, die hübschen Waisenkinder!
Einen goldnen Louisdor Gibt ein frommer Herr; zuvor Guckt er in die Himmelshöhe, Ob der liebe Gott ihn sähe? Oh, die hübschen Waisenkinder!
Litzenbrüder, Arbeitsleut', Hausknecht', Küper feiern heut; Werden manche Flasche leeren Auf das Wohlsein dieser Gören - Oh, die hübschen Waisenkinder!
Schutzgöttin Hammonia Folgt dem Zug inkognita, Stolz bewegt sie die enormen Massen ihrer hintern Formen - Oh, die hübschen Waisenkinder!
Vor dem Tor, auf grünem Feld, Rauscht Musik im hohen Zelt, Das bewimpelt und beflittert; Dorten werden abgefüttert Diese hübschen Waisenkinder.
Sitzen dort in langer Reih', Schmausen gütlich süßen Brei, Torten, Kuchen, leckre Speischen, Und sie knuspern wie die Mäuschen, Diese hübschen Waisenkinder.
Leider kommt mir in den Sinn Jetzt ein Waisenhaus, worin Kein so fröhliches Gastieren; Gar elendig lamentieren Dort Millionen Waisenkinder.
Die Montur ist nicht egal, Manchem fehlt das Mittagsmahl; Keiner geht dort mit dem andern, Einsam, kummervoll dort wandern Viel Millionen Waisenkinder.
17 Schnapphahn und Schnapphenne
Derweilen auf dem Lotterbette Mich Lauras Arm umschlang - der Fuchs, Ihr Herr Gemahl, aus meiner Buchs' Stibitzt er mir die Bankbillette.
Da steh ich nun mit leeren Taschen! War Lauras Kuß gleichfalls nur Lug? Ach! Was ist Wahrheit? Also frug Pilat und tät die Händ' sich waschen.
Die böse Welt, die so verdorben, Verlaß ich bald, die böse Welt. Ich merke: hat der Mensch kein Geld, So ist der Mensch schon halb gestorben.
Nach euch, ihr ehrlich reinen Seelen, Die ihr bewohnt das Reich des Lichts, Sehnt sich mein Herz. Dort braucht ihr nichts, Und braucht deshalb auch nicht zu stehlen.
18 Jung-Katerverein für Poesiemusik
Der philharmonische Katerverein War auf dem Dache versammelt Heut nacht - doch nicht aus Sinnenbrunst; Da ward nicht gebuhlt und gerammelt. Es paßt kein Sommernachthochzeitstraum, Es passen nicht Lieder der Minne Zur Winterjahrzeit, zu Frost und Schnee; Gefroren war jede Rinne.
Auch hat überhaupt ein neuer Geist Der Katzenschaf sich bemeistert; Die Jugend zumal, der Jung - Kater ist Für höheren Ernst begeistert.
Die alte frivole Generation Verröchelt; ein neues Bestreben, Ein Katzenfrühling der Poesie Regt sich in Kunst und Leben.
Der philharmonische Katerverein, Er kehrt zur primitiven Kunstlosen Tonkunst jetzt zurück, Zum schnauzenwüchsig Naiven.
Er will die Poesiemusik, Rouladen ohne Triller, Die Instrumental - und Vokalpoesie, Die keine Musik ist, will er.
Er will die Herrschaft des Genies, Das freilich manchmal stümpert, Doch in der Kunst oft unbewußt Die höchste Staffel erklimpert.
Er huldigt dem Genie, das sich Nicht von der Natur entfernt hat, Sich nicht mit Gelehrsamkeit brüsten will Und wirklich auch nichts gelernt hat.
Dies ist das Programm des Katervereins, Und voll von diesem Streben Hat er sein erstes Winterkonzert Heut nacht auf dem Dache gegeben.
Doch schrecklich war die Exekution Der großen Idee, der pompösen - Häng dich, mein teurer Berlioz, Daß du nicht dabeigewesen!
Das war ein Charivari, als ob Einen Kuhschwanzhopsaschleifer Plötzlich aufspielten, branntweinberauscht, Drei Dutzend Dudelsackpfeifer.
Das war ein Tauhu-Wauhu, als ob In der Arche Noäh anfingen, Sämtliche Tiere unisono Die Sündflut zu besingen.
Oh, welch ein Krächzen und Heulen und Knurr'n, Welch ein Miau'n und Gegröle! Die alten Schornsteine stimmten ein Und schnauften Kirchenchoräle.
Zumeist vernehmbar war eine Stimm', Die kreischend zugleich und matte Wie einst die Stimme der Sontag war, Als sie keine Stimme mehr hatte.
Das tolle Konzert! Ich glaube, es ward Ein großes Tedeum gesungen, Zur Feier des Siegs, den über Vernunft Der frechste Wahnsinn errungen.
Vielleicht auch ward vom Katerverein Die große Oper probieret, Die Ungarns größer Pianist Für Charenton komponieret.
Es hat bei Tagesanbruch erst Der Sabbat ein Ende genommen; Eine schwangere Köchin ist dadurch Zu früh in die Wochen gekommen.
Die sinnebetörte Wöchnerin Hat ganz das Gedächtnis verloren; Sie weiß nicht mehr, wer der Vater ist Des Kindes, das sie geboren.
"War es der Peter? War es der Paul? Sag, Liese, wer ist der Vater?" Die Liese lächelt verklärt und spricht: "Oh, Liszt! du himmlischer Kater!"
19 Hans ohne Land
"Leb wohl, mein Weib", sprach Hans ohne Land. "Mich rufen hohe Zwecke; Ein andres Weidwerk harret mein, Ich schieße jetzt andre Böcke.
Ich laß dir mein Jagdhorn zurück, du kannst Mit Tuten, wenn ich entfernet, Die Zeit vertreiben; du hast ja zu Haus Das Posthorn blasen gelernet.
Ich laß dir auch meinen Hund zurück, Daß er die Burg behüte; Mich selbst bewache mein deutsches Volk Mit pudeltreuem Gemüte.
Sie bieten mir an die Kaiserkron', Die Liebe ist kaum zu begreifen; Sie tragen mein Bild in ihrer Brust Und auf den Tabakspfeifen.
Ihr Deutschen seid ein großes Volk, So simpel und doch so begabet! Man sieht euch wahrhaftig nicht an, daß ihr Das Pulver erfunden habet.
Nicht Kaiser, Vater will ich euch sein, Ich werde euch glücklich machen - O schöner Gedanke! er macht mich so stolz, Als wär ich die Mutter der Gracchen.
Nicht mit dem Verstand, nein, mit dem Gemüt Will ich mein Volk regieren; Ich bin kein Diplomatikus Und kann nicht politisieren.
Ich bin ein Jäger, ein Mensch der Natur, Im Walde aufgewachsen Mit Gemesn und Schnepfen, mit Rehbock und Sau, Ich mache nicht Worte, nicht Faxen.
Ich ködre durch keine Proklamation, Durch keinen gedruckten Lockwisch; Ich sage: Mein Volk, es fehlt der Lachs, Begnüge dich heut mit dem Stockfisch.
Gefall ich dir nicht als Kaiser, so nimm Den ersten besten Lausangel; Ich habe zu essen auch ohne dich, Ich litt in Tirol nicht Mangel.
So red ich; doch jetzt, mein Weib, leb wohl! Ich kann nicht länger weilen; Des Schwiegervaters Postillion Erwartet mich schon mit den Gäulen.
Reich mir geschwind die Reisemütz' Mit dem schwarzrotgoldnen Bande - Bald siehst du mich mit dem Diadem Im alten Kaisergewande.
Bald schaust du mich in dem Pluvial, Dem Purpurtalar, dem schönen, Den weiland dem Kaiser Otto geschenkt Der Sultan der Sarazenen.
Darunter trag ich die Dalmatika, Worin gestickt mit Juwelen Ein Zug von fabelhaftem Getier, Von Löwen und Kamelen.
Ich trage die Stola auf der Brust, Die ist gezieret bedeutsam Mit schwarzen Adlern im gelben Grund; Die Tracht ist äußerst kleidsam.
Leb wohl! Die Nachwelt wird sagen, daß ich Verdiente, die Krone zu tragen - Wer weiß? Die Nachwelt wird vielleicht Halt gar nichts von mir sagen."
20 Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen
Wir, Bürgermeister und Senat, Wir haben folgendes Mandat Stadtväterlichst an alle Klassen Der treuen Bürgerschaft erlassen.
"Ausländer, Fremde, sind es meist, Die unter uns gesät den Geist Der Rebellion. Dergleichen Sünder, Gottlob! sind selten Landeskinder.
Auch Gottesleugner sind es meist; Wer sich von seinem Gotte reißt, Wird endlich auch abtrünnig werden Von seinen irdischen Behörden.
Der Obrigkeit gehorchen, ist Die erste Pflicht für Jud' und Christ. Es schließe jeder seine Bude, Sobald es dunkelt, Christ und Jude.
Wo ihrer drei beisammenstehn, Da soll man auseinandergehn. Des Nachts soll niemand auf den Gassen Sich ohne Leuchte sehen lassen.
Es liefre seine Waffen aus Ein jeder in dem Gildenhaus; Auch Munition von jeder Sorte Wird deponiert am selben Orte.
Wer auf der Straße räsoniert, Wird unverzüglich füsiliert; Das Räsonieren durch Gebärden Soll gleichfalls hart bestrafet werden.
Vertrauet eurem Magistrat, Der fromm und liebend schützt den Staat Durch huldreich hochwohlweises Walten; Euch ziemt es, stets das Maul zu halten."
21 Die Audienz
Eine alte Fabel
"Ich laß nicht die Kindlein, wie Pharao, Ersäufen im Nilstromwasser; Ich bin auch kein Herodestyrann, Kein Kinderabschlachtenlasser.
Ich will, wie einst mein Heiland tat, Am Anblick der Kinder mich laben; Laß zu mir kommen die Kindlein, zumal Das große Kind aus Schwaben."
So sprach der König; der Kämmerer lief, Und kam zurück und brachte Herein das große Schwabenkind, Das seinen Diener machte.
Der König sprach: "Du bist wohl ein Schwab'? Das ist just keine Schande." "Geraten!" erwidert der Schwab', "ich bin Geboren im Schwabenlande."
"Stammst du von den Sieben Schwaben ab?" Frug jener. "Ich tu abstammen Nur von einem einz'gen", erwidert der Schwab', "Doch nicht von allen zusammen."
Der König frug ferner: "Sind dieses Jahr Die Knödel in Schwaben geraten?" "Ich danke der Nachfrag'", antwortet der Schwab', "Sie sind sehr gut geraten."
"Habt ihr noch große Männer?" frug Der König. "Im Augenblicke Fehlt es an großen", erwidert der Schwab', "Wir haben jetzt nur dicke."
"Hat Menzel", frug weiter der König, "seitdem Noch viel Maulschellen erhalten?" "Ich danke der Nachfrag'", erwidert der Schwab', "Er hat noch genug an den alten."
Der König sprach: "Du bist nicht so dumm, Als wie du aussiehst, mein Holder." "Das kommt", erwidert der Schwab', "weil mich In der Wiege vertauscht die Kobolder."
Der König sprach: "Es pflegt der Schwab' Sein Vaterland zu lieben - Nun sage mir, was hat dich fort Aus deiner Heimat getrieben?"
Der Schwabe antwortet: "Tagtäglich gab's Nur Sauerkraut und Rüben; Hätt meine Mutter Fleisch gekocht, So wär ich dort geblieben."
"Erbitte dir eine Gnade", sprach Der König. Da kniete nieder Der Schwabe und rief: "O geben Sie, Sire, Dem Volke die Freiheit wieder!
Der Mensch ist frei, es hat die Natur Ihn nicht geboren zum Knechte - O geben Sie, Sire, dem deutschen Volk Zurück seine Menschenrechte!"
Der König stand erschüttert tief - Es war eine schöne Szene; - Mit seinem Rockärmel wischte sich Der Schwab' aus dem Auge die Träne.
Der König sprach endlich: "Ein schöner Traum! - Leb wohl, und werde gescheiter; Und da du ein Somnambülericht, So geb ich dir zwei Begleiter,
Zwei sichre Gendarmen, die sollen dich Bis an die Grenze führen - Leb wohl! Ich muß zur Parade gehn, Schon hör ich die Trommel rühren."
So hat die rührende Audienz Ein rührendes Ende genommen. Doch ließ der König seitdem nicht mehr Die Kindlein zu sich kommen.
22 Kobes I.
Im Jahre achtundvierzig hielt, Zur Zeit der großen Erhitzung, Das Parlament des deutschen Volks Zu Frankfurt seine Sitzung.
Damals ließ auch auf dem Römer dort Sich sehen die weiße Dame, Das unheilkündende Gespenst; Die Schaffnerin ist sein Name.
Man sagt, sie lasse sich jedesmal Des Nachts auf dem Römer sehen, Sooft einen großen Narrenstreich Die lieben Deutschen begehen.
Dort sah ich sie selbst um jene Zeit Durchwandeln die nächtliche Stille Der öden Gemächer, wo aufgehäuft Des Mittelalters Gerülle.
Die Lampe und ein Schlüsselbund Hielt sie in den bleichen Händen; Sie schloß die großen Truhen auf Und die Schränke an den Wänden.
Da liegen die Kaiserinsignia, Da liegt die Goldne Bulle, Der Zepter, die Krone, der Apfel des Reichs Und manche ähnliche Schrulle.
Da liegt das alte Kaiserornat, Verblichen purpurner Plunder, Die Garderobe des deutschen Reichs, Verrostet, vermodert jetzunder.
Die Schaffnerin schüttelt wehmütig das Haupt Bei diesem Anblick, doch plötzlich Mit Widerwillen ruft sie aus: "Das alles stinkt entsetzlich!
Das alles stinkt nach Mäusedreck, Das ist verfault und verschimmelt, Und in dem stolzen Lumpenkram Das Ungeziefer wimmelt.
Wahrhaftig, auf diesem Hermelin, Dem Krönungsmantel, dem alten, Haben die Katzen des Römerquartiers Ihr Wochenbett gehalten.
Da hilft kein Ausklopfen! Daß Gott sich erbarm' Des künftigen Kaisers! Mit Flöhen Wird ihn der Krönungsmantel gewiß Auf Lebenszeit versehen.
Und wisset, wenn es den Kaiser juckt, So müssen die Völker sich kratzen - O Deutsche! Ich fürchte, die fürstlichen Flöh', Die kosten euch manchen Batzen.
Jedoch wozu noch Kaiser und Flöh'? Verrostet ist und vermodert Das alte Kostüm - Die neue Zeit Auch neue Röcke fodert.
Mit Recht sprach auch der deutsche Poet Zum Rotbart im Kyffhäuser: ›Betracht ich die Sache ganz genau, So brauchen wir gar keinen Kaiser!‹
Doch wollt ihr durchaus ein Kaisertum, Wollt ihr einen Kaiser küren, Ihr lieben Deutschen! laßt euch nicht Von Geist und Ruhm verführen.
Erwählet kein Patrizierkind, Erwählet einen vom Plebse, Erwählt nicht den Fuchs und nicht den Leu, Erwählt den dümmsten der Schöpse.
Erwählt den Sohn Colonias, Den dummen Kobes von Köllen; Der ist in der Dummheit fast ein Genie, Er wird sein Volk nicht prellen.
Ein Klotz ist immer der beste Monarch, Das zeigt Äsop in der Fabel; Er frißt uns armen Frösche nicht, Wie der Storch mit dem langen Schnabel.
Seid sicher, der Kobes wird kein Tyrann, Kein Nero, kein Holofernes; Er hat kein grausam antikes Herz, Er hat ein weiches, modernes.
Der Krämerstolz verschmähte dies Herz, Doch an die Brust des Heloten Der Werkstatt warf der Gekränkte sich Und ward die Blume der Knoten.
Die Brüder der Handwerksburschenschaft Erwählten zum Sprecher den Kobes; Er teilte mit ihnen ihr letztes Stück Brot, Sie waren voll seines Lobes.
Sie rühmten, daß er nie studiert Auf Universitäten Und Bücher schrieb aus sich selbst heraus, Ganz ohne Fakultäten.
Ja, seine ganze Ignoranz Hat er sich selbst erworben; Nicht fremde Bildung und Wissenschaft Hat je sein Gemüt verdorben.
Gleichfalls sein Geist, sein Denken blieb Ganz frei vom Einfluß abstrakter Philosophie - Er blieb Er selbst! Der Kobes ist ein Charakter.
In seinem schönen, Auge glänzt Die Träne, die stereotype; Und eine dicke Dummheit liegt Beständig auf seiner Lippe.
Er schwätzt und flennt und flennt und schwätzt, Worte mit langen Ohren! Eine schwangere Frau, die ihn reden gehört, Hat einen Esel geboren.
Mit Bücherschreiben und Stricken vertreibt Er seine müßigen Stunden; Es haben die Strümpfe, die er gestrickt, Sehr großen Beifall gefunden.
Apoll und die Musen muntern ihn auf, Sich ganz zu widmen dem Stricken - Sie erschrecken, sooft sie in seiner Hand Einen Gänsekiel erblicken.
Das Stricken mahnt an die alte Zeit Der Funken. Auf ihren Wachtposten Standen sie strickend - die Helden von Köln, Sie ließen die Eisen nicht rosten.
Wird Kobes Kaiser, so ruft er gewiß Die Funken wieder ins Leben. Die tapfere Schar wird seinen Thron Als Kaisergarde umgeben.
Wohl möcht ihn gelüsten, an ihrer Spitz' In Frankreich einzudringen, Elsaß, Burgund und Lothringerland An Deutschland zurückzubringen.
Doch fürchtet nichts, er bleibt zu Haus; Hier fesselt ihn friedliche Sendung, Die Ausführung einer hohen Idee, Des Kölner Doms Vollendung.
Ist aber der Dom zu Ende gebaut, Dann wird sich der Kobes erbosen Und mit dem Schwerte in der Hand Zur Rechenschaft ziehn die Franzosen.
Er nimmt ihnen Elsaß und Lothringen ab, Das sie dem Reiche entwendet, Er zieht auch siegreich nach Burgund - Sobald der Dom vollendet.
Ihr Deutsche! bleibt ihr bei eurem Sinn, Wollt ihr durchaus einen Kaiser, So sei es ein Karnevalskaiser von Köln, Und Kobes der Erste heißt er!
Die Gecken des Kölner Faschingvereins, Mit klingelnden Schellenkappen, Die sollen seine Minister sein; Er trage den Strickstrumpf im Wappen.
Der Drickes sei Kanzler, und nenne sich Graf Drickes von Drickeshausen; Die Staatsmätresse Marizzebill, Die soll den Kaiser lausen.
In seiner guten, heil'gen Stadt Köln Wird Kobes residieren - Und hören die Kölner die frohe Mär, Sie werden illuminieren.
Die Glocken, die eisernen Hunde der Luft, Erheben ein Freudengebelle, Und die Heil'gen Drei Kön'ge aus Morgenland Erwachen in ihrer Kapelle.
Sie treten hervor mit dem Klappergebein, Sie tänzeln vor Wonne und springen. Halleluja und Kyrie Eleison hör ich sie singen." --
So sprach das weiße Nachtgespenst, Und lachte aus voller Kehle; Das Echo scholl so schauerlich Durch alle die hallenden Säle.
23 Epilog
Unser Grab erwärmt der Ruhm. Torenworte! Narrentum! Eine beßre Wärme gibt Eine Kuhmagd, die verliebt Uns mit dicken Lippen küßt Und beträchtlich riecht nach Mist. Gleichfalls eine beßre Wärme Wärmt dem Menschen die Gedärme, Wenn er Glühwein trinkt und Punsch Oder Grog nach Herzenswunsch In den niedrigsten Spelunken, Unter Dieben und Halunken, Die dem Galgen sind entlaufen, Aber leben, atmen, schnaufen, Und beneidenswerter sind Als der Thetis großes Kind - Der Pelide sprach mit Recht: "Leben wie der ärmste Knecht In der Oberwelt ist besser, Als am stygischen Gewässer Schattenführer sein, ein Heros, Den besungen selbst Homeros."
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