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Die Menge tut es
"Die Pfannekuchen, die ich gegeben bisher für drei Silbergroschen, ich geb sie nunmehr für zwei Silbergroschen; die Menge tue es."
Nie löscht, als wär sie gegossen in Bronze, Mir im Gedächtnis jene Annonce, Die einst ich las im Intelligenzblatt Der intelligenten Borussenhauptstadt.
Borussenhauptstadt, mein liebes Berlin, Dein Ruhm wird blühen ewig grihn Als wie die Beeme deiner Linden - Leiden sie immer noch an Winden? Wie geht's dem Tiergarten? Gibt's dort noch ein Tier, Das ruhig trinkt sein blondes Bier, Mit der blonden Gattin, in den Hütten, Wo kalte Schale und fromme Sitten?
Borussenhauptstadt, Berlin, was machst du? Ob welchem Eckensteher lachst du? Zu meiner Zeit gab's noch keinen Nante: Es haben damals nur gewitzelt Der Herr Wisotzki und der bekannte Kronprinz, der jetzt auf dem Throne sitzelt. Es ist ihm seitdem der Spaß vergangen, Und den Kopf mit der Krone läßt er hangen. Ich habe ein Faible für diesen König; Ich glaube, wir sind uns ähnlich ein wenig. Ein vornehmer Geist, hat viel Talent - Auch ich, ich wäre ein schlechter Regent. Wie mir, ist auch zuwider ihm Die Musik, das edle Ungetüm; Aus diesem Grund protegiert auch er Den Musikverderber, den Meyerbeer. Der König bekam von ihm kein Geld, Wie fälschlich behauptet die böse Welt. Man lügt soviel! Auch keinen Dreier Kostet der König dem Beerenmeyer. Derselbe dirigiert für ihn Die große Oper zu Berlin, Und doch auch er, der edle Mensch, Wird nur bezahlt en monnaie de singe, Mit Titel und Würden - Das ist gewiß, Er arbeitet dort für den Roi de Prusse.
Denk ich an Berlin, auch vor mir steht Sogleich die Universität. Dort reiten vorüber die roten Husaren, Mit klingendem Spiel, Trompetenfanfaren - Es dringen die soldatesken Töne Bis in die Aula der Musensöhne. Wie geht es dort den Professoren Mit mehr oder minder langen Ohren? Wie geht es dem elegant geleckten, Süßlichen Troubadour der Pandekten, Dem Savigny? Die holde Person, Vielleicht ist sie längst gestorben schon - Ich weiß es nicht - ihr dürft's mir entdecken, Ich werde nicht zu sehr erschrecken. Auch Lott' ist tot! Die Sterbestunde, Sie schlägt für Menschen wie für Hunde, Zumal für Hunde jener Zunft, Die immer angebellt die Vernunft Und gern zu einem römischen Knechte Den deutschen Freiling machen möchte. Und der Maßmann mit der platten Nas', Hat Maßmann noch nicht gebissen ins Gras? Ich will es nicht wissen, o sagt es mir nicht, Wenn er verreckt - ich würde weinen. O mag er noch lange im Lebenslicht Hintrippeln auf seinen kurzen Beinchen, Das Wurzelmännchen, das Alräunchen Mit dem Hängewanst! O diese Figur War meine Lieblingskreatur So lange Zeit - ich sehe sie noch - So klein sie war, sie soff wie ein Loch, Mit seinen Schülern, die bierentzügelt Den armen Turnmeister am Ende geprügelt. Und welche Prügel! Die jungen Helden, Sie wollten beweisen, daß rohe Kraft Und Flegeltum noch nicht erschlafft Beim Enkel von Hermann und Thusnelden! Die ungewaschnen germanischen Hände, Sie schlugen so gründlich, das nahm kein Ende, Zumal in den Steiß die vielen Fußtritte, Die das arme Luder geduldig litte. "Ich kann", rief ich, "dir nicht versagen All meine Bewundrung; wie kannst du ertragen So viele Prügel? du bist ein Brutus!" Doch Maßmann sprach: "Die Menge tut es."
Und apropos: wie sind geraten In diesem Jahr die Teltower Rüben Und sauren Gurken in meiner lieben Borussenstadt? Und die Literaten, Befinden sie sich noch frisch und munter? Und ist immer noch kein Genie darunter? Jedoch, wozu ein Genie? wir laben Uns besser an frommen, bescheidnen Gaben, Auch sittliche Menschen haben ihr Gutes - Zwölf machen ein Dutzend - die Menge tut es.
Und wie geht's in Berlin den Leutenants Der Garde? Haben sie noch ihre Arroganz Und ihre enggeschnürte Taille? Schwadronieren sie noch von Kanaille? Ich rate euch, nehmt euch in acht, Es bricht noch nicht, jedoch es kracht; Und es ist das Brandenburger Tor Noch immer so groß und so weit wie zuvor, Und man könnt euch auf einmal zum Tor hinausschmeißen, Euch alle, mitsamt dem Prinzen von Preußen -
Die Menge tut es.
1649-1793-????
Die Briten zeigten sich sehr rüde Und ungeschliffen als Regizide. Schlaflos hat König Karl verbracht In Whitehall seine letzte Nacht. Vor seinem Fenster sang der Spott Und ward gehämmert an seinem Schafott.
Viel höflicher nicht die Franzosen waren. In einem Fiaker haben diese Den Ludwig Capet zum Richtplatz gefahren; Sie gaben ihm keine Calèche de Remise, Wie nach der alten Etikette Der Majestät gebühret hätte.
Noch schlimmer erging's der Marie Antoinette, Denn sie bekam nur eine Charrette; Statt Chambellan und Dame d'Atour Ein Sansculotte mit ihr fuhr. Die Witwe Capet hob höhnisch und schnippe Die dicke habsburgische Unterlippe.
Franzosen und Briten sind von Natur Ganz ohne Gemüt; Gemüt hat nur Der Deutsche, er wird gemütlich bleiben Sogar im terroristischen Treiben. Der Deutsche wird die Majestät Behandeln stets mit Pietät.
In einer sechsspännigen Hofkarosse, Schwarz panaschiert und beflort die Rosse, Hoch auf dem Bock mit der Trauerpeitsche Der weinende Kutscher - so wird der deutsche Monarch einst nach dem Richtplatz kutschiert Und untertänigst guillotiniert.
Diesseits und jenseits des Rheins
Sanftes Rasen, wildes Kosen, Tändeln mit den glühnden Rosen, Holde Lüge, süßer Dunst, Die Veredlung roher Brunst, Kurz, der Liebe heitre Kunst - Da seid Meister ihr, Franzosen!
Aber wir verstehn uns baß, Wir Germanen, auf den Haß. Aus Gemütes Tiefen quillt er, Deutscher Haß! Doch riesig schwillt er, Und mit seinem Gifte füllt er Schier das Heidelberger Faß.
Die Wanderratten
Es gibt zwei Sorten Ratten: Die hungrigen und satten. Die satten bleiben vergnügt zu Haus, Die hungrigen aber wandern aus.
Sie wandern viel tausend Meilen, Ganz ohne Rasten und Weilen, Gradaus in ihrem grimmigen Lauf, Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.
Sie klimmen wohl über die Höhen, Sie schwimmen wohl durch die Seen; Gar manche ersäuft oder bricht das Genick, Die lebenden lassen die toten zurück.
Es haben diese Käuze Gar fürchterliche Schnäuze; Sie tragen die Köpfe geschoren egal, Ganz radikal, ganz rattenkahl.
Die radikale Rotte Weiß nichts von einem Gotte. Sie lassen nicht taufen ihre Brut, Die Weiber sind Gemeindegut.
Der sinnliche Rattenhaufen, Er will nur fressen und saufen, Er denkt nicht, während er säuft und frißt, Daß unsre Seele unsterblich ist.
So eine wilde Ratze, Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze; Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.
Die Wanderratten, o wehe! Sie sind schon in der Nähe. Sie rücken heran, ich höre schon Ihr Pfeifen - die Zahl ist Legion.
O wehe! wir sind verloren, Sie sind schon vor den Toren! Der Bürgermeister und Senat, Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.
Die Bürgerschaft greift zu den Waffen, Die Glocken läuten die Pfaffen. Gefährdet ist das Palladium Des sittlichen Staats, das Eigentum.
Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete, Nicht hochwohlweise Senatsdekrete, Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder, Sie helfen euch heute, ihr lieben Kinder!
Heut helfen euch nicht die Wortgespinste Der abgelebten Redekünste. Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen, Sie springen über die feinsten Sophismen.
Im hungrigen Magen Eingang finden Nur Suppenlogik mit Knödelgründen, Nur Argumente von Rinderbraten, Begleitet mit Göttinger Wurstzitaten.
Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten, Behaget den radikalen Rotten Viel besser als ein Mirabeau Und alle Redner seit Cicero.
Testament
Ich mache jetzt mein Testament, Es geht nun bald mit mir zu End'. Nur wundre ich mich, daß nicht schon längstens Mein Herz gebrochen vor Gram und Ängsten.
Du aller Frauen Huld und Zier, Luise! ich vermache dir Zwölf alte Hemde und hundert Flöhe Und dreimalhunderttausend Flüche.
Dem guten Freund, der mit gutem Rat Mir immer riet und nie was tat, Jetzt, als Vermächtnis, rat ich ihm selber: Nimm eine Kuh und zeuge Kälber.
Wem geb ich meine Religion, Den Glauben an Vater, Geist und Sohn? Der Kaiser von China, der Rabbi von Posen, Sie sollen beide darum losen.
Den deutschen Freiheits- und Gleichheitstraum, Die Seifenblasen vom besten Schaum, Vermach ich dem Zensor der Stadt Krähwinkel; Nahrhafter freilich ist Pumpernickel.
Die Taten, die ich noch nicht getan, Den ganzen Vaterlandsrettungsplan, Nebst einem Rezept gegen Katzenjammer, Vermach ich den Helden der badischen Kammer.
Und eine Schlafmütz', weiß wie Kreid', Vermach ich dem Vetter, der zur Zeit Für die Heidschnuckenrechte so kühn geredet; Jetzt schweigt er wie ein echter Römer.
Und ich vermache dem Sittenwart Und Glaubensvogt zu Stuttegard Ein Paar Pistolen (doch nicht geladen), Kann seiner Frau damit Furcht einjagen.
Ein treues Abbild von meinem Steiß, Vermach ich der schwäbischen Schule; ich weiß, Ihr wolltet mein Gesicht nicht haben, Nun könnt ihr am Gegenteil euch laben.
Zwölf Krüge Seidlitzer Wasser vermach Ich dem edlen Dichtergemüt, das, ach! Seit Jahren leidet an Sangesverstopfung; Ihn tröstete Liebe, Glaube und Hoffnung.
Und dieses ist ein Kodizill: Für den Fall, daß keiner annehmen will Die erwähnten Legate, so sollen sie alle Der römisch-katholischen Kirche verfallen.
Verschiedene
Ahnung
Oben, wo die Sterne glühen, Müssen uns die Freuden blühen, Die uns unten sind versagt;
In des Todes kalten Armen Kann das Leben erst erwarmen, Und das Licht der Nacht enttagt.
Traum und Leben
Es glühte der Tag, es glühte mein Herz, Still trug ich mit mir herum den Schmerz. Und als die Nacht kam, schlich ich fort Zur blühenden Rose am stillen Ort.
Ich nahte mich leise und stumm wie das Grab; Nur Tränen rollten die Wangen hinab; Ich schaut in den Kelch der Rose hinein - Da glomm's hervor, wie ein glühender Schein. -
Und freudig entschlief ich beim Rosenbaum; Da trieb sein Spiel ein neckender Traum: Ich sah ein rosiges Mädchenbild, Den Busen ein rosiges Mieder umhüllt.
Sie gab mir was Hübsches, recht goldig und weich; Ich trug's in ein goldenes Häuschen sogleich. Im Häuschen, da geht es gar wunderlich bunt, Da dreht sich ein Völkchen in zierlicher Rund'.
Da tanzen zwölf Tänzer, ohn' Ruh' und Rast, Sie haben sich fest bei den Händen gefaßt; Und wenn ein Tanz zu enden begann, So fängt ein andrer von vorne an.
Und es summt mir ins Ohr die Tanzmusik: "Die schönste der Stunden kehrt nimmer zurück, Dein ganzes Leben war nur ein Traum, Und diese Stunde ein Traum im Traum." -
Der Traum war aus, der Morgen graut, Mein Auge schnell nach der Rose schaut - O weh! statt des glühenden Fünkleins steckt Im Kelche der Rose ein kaltes Insekt.
Du sollst mich liebend umschließen ...
Du sollst mich liebend umschließen, Geliebtes, schönes Weib! Umschling mich mit Armen und Füßen, Und mit dem geschmeidigen Leib. * Gewaltig hat umfangen, Umwunden, umschlungen schon Die allerschönste der Schlangen Den glücklichsten Laokoon.
Blamier mich nicht, mein schönes Kind ...
Blamier mich nicht, mein schönes Kind, Und grüß mich nicht unter den Linden; Wenn wir nachher zu Hause sind, Wird sich schon alles finden.
In den Küssen welche Lüge ...
In den Küssen welche Lüge! Welche Wonne in dem Schein! Ach, wie süß ist das Betrügen, Süßer das Betrogensein!
Liebchen, wie du dich auch wehrest, Weiß ich doch, was du erlaubst; Glauben will ich, was du schwörest, Schwören will ich, was du glaubst.
Das Hohelied
Des Weibes Leib ist ein Gedicht, Das Gott der Herr geschrieben Ins große Stammbuch der Natur, Als ihn der Geist getrieben.
Ja, günstig war die Stunde ihm, Der Gott war hochbegeistert; Er hat den spröden, rebellischen Stoff Ganz künstlerisch bemeistert.
Fürwahr, der Leib des Weibes ist Das Hohelied der Lieder; Gar wunderbare Strophen sind Die schlanken, weißen Glieder.
O welche göttliche Idee Ist dieser Hals, der blanke, Worauf sich wiegt der kleine Kopf, Der lockige Hauptgedanke!
Der Brüstchen Rosenknospen sind Epigrammatisch gefeilet; Unsäglich entzückend ist die Zäsur, Die streng den Busen teilet.
Den plastischen Schöpfer offenbart Der Hüften Parallele; Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt Ist auch eine schöne Stelle.
Das ist kein abstraktes Begriffspoem! Das Lied hat Fleisch und Rippen, Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt Mit schöngereimten Lippen.
Hier atmet wahre Poesie! Anmut in jeder Wendung! Und auf der Stirne trägt das Lied Den Stempel der Vollendung.
Lobsingen will ich dir, o Herr, Und dich im Staub anbeten! Wir sind nur Stümper gegen dich, Den himmlischen Poeten.
Versenken will ich mich, o Herr, In deines Liedes Prächten; Ich widme seinem Studium Den Tag mitsamt den Nächten.
Ja, Tag und Nacht studier ich dran, Will keine Zeit verlieren; Die Beine werden mir so dünn - Das kommt vom vielen Studieren.
Rationalistische Exegese
Nicht von Raben, nein mit Raben Wurde Elias ernähret - Also ohne Wunder haben Wir die Stelle uns erkläret.
Ja, anstatt gebratner Tauben, Gab man ihm gebratne Raben, Wie wir deren selbst mit Glauben Zu Berlin gespeiset haben.
Stoßseufzer
Unbequemer neuer Glauben! Wenn sie uns den Herrgott rauben, Hat das Fluchen auch ein End' - Himmel-Herrgott-Sakrament!
Wir entbehren leicht das Beten, Doch das Fluchen ist vonnöten, Wenn man gegen Feinde rennt - Himmel-Herrgott-Sakrament!
Nicht zum Lieben, nein, zum Hassen Sollt ihr uns den Herrgott lassen, Weil man sonst nicht fluchen könnt - Himmel-Herrgott-Sakrament!
Wo?
Wo wird einst des Wandermüden Letzte Ruhestätte sein? Unter Palmen in dem Süden? Unter Linden an dem Rhein?
Werd ich wo in einer Wüste Eingescharrt von fremder Hand? Oder ruh ich an der Küste Eines Meeres in dem Sand?
Immerhin! Mich wird umgeben Gotteshimmel, dort wie hier, Und als Totenlampen schweben Nachts die Sterne über mir.
Orpheisch
Es gab den Dolch in deine Hand Ein böser Dämon in der bösen Stunde - Ich weiß nicht, wie der Dämon hieß - Ich weiß nur, daß vergiftet war die Wunde.
In stillen Nächten denk ich oft, Du solltest mal dem Schattenreich entsteigen Und lösen alle Rätsel mir Und mich von deiner Unschuld überzeugen.
Ich harre dein - o komme bald! Und kommst du nicht, so steig ich selbst zur Hölle, Daß ich alldort vor Satanas Und allen Teufeln dich zur Rede stelle.
Ich komme, und wie Orpheus einst Trotz ich der Unterwelt mit ihren Schrecken - Ich finde dich, und wolltest du Im tiefsten Höllenpfuhle dich verstecken.
Hinunter jetzt ins Land der Qual, Wo Händeringen nur und Zähneklappen - Ich reiße dir die Larve ab, Der angeprahlten Großmut Purpurlappen -
Jetzt weiß ich, was ich wissen wollt, Und gern, mein Mörder, will ich dir verzeihen; Doch hindern kann ich nicht, daß jetzt Schmachvoll die Teufel dir ins Antlitz speien.
Ganz entsetzlich ungesund ...
Ganz entsetzlich ungesund Ist die Erde, und zugrund', Ja, zugrund' muß alles gehn, Was hienieden groß und schön.
Sind es alten Wahns Phantasmen, Die dem Boden als Miasmen Stumm entsteigen und die Lüfte Schwängern mit dem argen Gifte?
Holde Frauenblumen, welche Kaum erschlossen ihre Kelche Den geliebten Sonnenküssen, Hat der Tod schon fortgerissen.
Helden, trabend hoch zu Roß, Trifft unsichtbar das Geschoß; Und die Kröten sich beeifern, Ihren Lorbeer zu begeifern.
Was noch gestern stolz gelodert, Das ist heute schon vermodert; Seine Leier mit Verdruß Bricht entzwei der Genius.
O wie klug sind doch die Sterne! Halten sich in sichrer Ferne Von dem bösen Erdenrund, Das so tödlich ungesund.
Kluge Sterne wollen nicht Leben, Ruhe, Himmelslicht Hier einbüßen, hier auf Erden, Und mit uns elendig werden -
Wollen nicht mit uns versinken In den Twieten, welche stinken, In dem Mist, wo Würmer kriechen, Welche auch nicht lieblich riechen -
Wollen immer ferne bleiben Vom fatalen Erdentreiben, Von dem Klüngel und Geruddel, Von dem Erdenkuddelmuddel.
Mitleidsvoll aus ihrer Höhe Schaun sie oft auf unser Wehe; Eine goldne Träne fällt Dann herab auf diese Welt.
Die Söhne des Glückes beneid ich nicht ...
Die Söhne des Glückes beneid ich nicht Ob ihrem Leben, beneiden Will ich sie nur ob ihrem Tod, Dem schmerzlos raschen Verscheiden.
Im Prachtgewand, das Haupt bekränzt, Und Lachen auf der Lippe, Sitzen sie froh beim Lebensbankett - Da trifft sie jählings die Hippe.
Im Festkleid und mit Rosen geschmückt, Die noch wie lebend blühten, Gelangen in das Schattenreich Fortunas Favoriten.
Nie hatte Siechtum sie entstellt, Sind Tote von guter Miene, Und huldreich empfängt sie an ihrem Hof Zarewna Proserpine.
Wie sehr muß ich beneiden ihr Los! Schon sieben Jahre mit herben, Qualvollen Gebresten wälz ich mich Am Boden, und kann nicht sterben!
O Gott, verkürze meine Qual, Damit man mich bald begrabe; Du weißt ja, daß ich kein Talent Zum Martyrtume habe.
Ob deiner Inkonsequenz, o Herr, Erlaube, daß ich staune: Du schufest den fröhlichsten Dichter, und raubst Ihm jetzt seine gute Laune.
Der Schmerz verdampft den heitern Sinn Und macht mich melancholisch; Nimmt nicht der traurige Spaß ein End', So werd ich am Ende katholisch.
Ich heule dir dann die Ohren voll, Wie andre gute Christen - O Miserere! Verloren geht Der beste der Humoristen!
Morphine
Groß ist die Ähnlichkeit der beiden schönen Jünglingsgestalten, ob der eine gleich Viel blässer als der andre, auch viel strenger, Fast möcht ich sagen: viel vornehmer aussieht Als jener andre, welcher mich vertraulich In seine Arme schloß - Wie lieblich sanft War dann sein Lächeln, und sein Blick wie selig! Dann mocht es wohl geschehn, daß seines Hauptes Mohnblumenkranz auch meine Stirn berührte Und seltsam duftend allen Schmerz verscheuchte Aus meiner Seel' - Doch solche Linderung, Sie dauert kurze Zeit; genesen gänzlich Kann ich nur dann, wenn seine Fackel senkt Der andre Bruder' der so ernst und bleich. - Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser - freilich Das beste wäre, nie geboren sein.
Der Scheidende
Erstorben ist in meiner Brust Jedwede weltlich eitle Lust, Schier ist mir auch erstorben drin Der Haß des Schlechten, sogar der Sinn Für eigne wie für fremde Not - Und in mir lebt nur noch der Tod!
Der Vorhang fällt, das Stück ist aus, Und gähnend wandelt jetzt nach Haus Mein liebes deutsches Publikum, Die guten Leutchen sind nicht dumm; Das speist jetzt ganz vergnügt zu Nacht, Und trinkt sein Schöppchen, singt und lacht - Er hatte recht, der edle Heros, Der weiland sprach im Buch Homeros': Der kleinste lebendige Philister Zu Stukkert am Neckar, viel glücklicher ist er, Als ich, der Pelide, der tote Held, Der Schattenfürst in der Unterwelt.
Lebewohl
Hatte wie ein Pelikan Dich mit eignem Blut getränket, Und du hast mir jetzt zum Dank Gall' und Wermut eingeschenket.
Böse war es nicht gemeint, Und so heiter blieb die Stirne; Leider mit Vergeßlichkeit Angefüllt ist dein Gehirne.
Nun leb wohl - du merkst es kaum, Daß ich weinend von dir scheide. Gott erhalte, Törin, dir Flattersinn und Lebensfreude!
Für die Mouche
Es träumte mir von einer Sommernacht, Wo bleich, verwittert, in des Mondes Glanze Bauwerke lagen, Reste alter Pracht, Ruinen aus der Zeit der Renaissance.
Nur hie und da, mit dorisch ernstem Knauf, Hebt aus dem Schutt sich einzeln eine Säule, Und schaut ins hohe Firmament hinauf, Als ob sie spotte seiner Donnerkeile.
Gebrochen auf dem Boden liegen rings Portale, Giebeldächer mit Skulpturen, Wo Mensch und Tier vermischt, Zentaur und Sphinx, Satyr, Chimäre - Fabelzeitfiguren.
Auch manches Frauenbild von Stein liegt hier, Unkrautumwuchert in dem hohen Grase; Die Zeit, die schlimmste Syphilis, hat ihr Geraubt ein Stück der edlen Nymphennase.
Es steht ein offner Marmorsarkophag Ganz unverstümmelt unter den Ruinen, Und gleichfalls unversehrt im Sarge lag Ein toter Mann mit leidend sanften Mienen.
Karyatiden mit gerecktem Hals, Sie scheinen mühsam ihn emporzuhalten. An beiden Seiten sieht man ebenfalls Viel basrelief gemeißelte Gestalten.
Hier sieht man des Olympos Herrlichkeit Mit seinen lüderlichen Heidengöttern, Adam und Eva stehn dabei, sind beid' Versehn mit keuschem Schurz von Feigenblättern
Hier sieht man Trojas Untergang und Brand, Paris und Helena, auch Hektor sah man; Moses und Aaron gleich daneben stand, Auch Esther, Judith, Holofern und Haman.
Desgleichen war zu sehn der Gott Amur, Phöbus Apoll, Vulkanus und Frau Venus, Pluto, Neptun, Diana und Merkur, Gott Bacchus und Priapus und Silenus.
Daneben stand der Esel Balaams Der Esel war zum Sprechen gut getroffen - Dort sah man auch die Prüfung Abrahams Und Lot, der mit den Töchtern sich besoffen.
Hier war zu schaun der Tanz Herodias', Das Haupt des Täufers trägt man auf der Schüssel, Die Hölle sah man hier und Satanas, Und Petrus mit dem großen Himmelsschlüssel.
Abwechselnd wieder sah man hier skulpiert Des geilen Jovis Brunst und Freveltaten, Wie er als Schwan die Leda hat verführt, Die Danae als Regen von Dukaten.
Hier war zu sehn Dianas Wilde Jagd, Ihr folgen hochgeschürzte Nymphen, Doggen, Hier sah man Herkules in Frauentracht, Die Spindel drehend, hält sein Arm den Rocken.
Daneben ist der Sinai zu sehn, Am Berg steht Israel mit seinen Ochsen, Man schaut den Herrn als Kind im Tempel stehn Und disputieren mit den Orthodoxen.
Die Gegensätze sind hier grell gepaart, Des Griechen Lustsinn und der Gottgedanke Judäas! Und in Arabeskenart Um beide schlingt der Efeu seine Ranke.
Doch, wunderbar! Derweilen solcherlei Bildwerke träumend ich betrachtet habe, Wird plötzlich mir zu Sinn, ich selber sei Der tote Mann im schönen Marmorgrabe.
Zu Häupten aber meiner Ruhestätt' Stand eine Blume, rätselhaft gestaltet, Die Blätter schwefelgelb und violett, Doch wilder Liebreiz in der Blume waltet.
Das Volk nennt sie die Blume der Passion Und sagt, sie sei dem Schädelberg entsprossen, Als man gekreuzigt hat den Gottessohn, Und dort sein welterlösend Blut geflossen.
Blutzeugnis, heißt es, gebe diese Blum', Und alle Marterinstrumente, welche Dem Henker dienten bei dem Märtyrtum, Sie trüge sie abkonterfeit im Kelche.
Ja, alle Requisiten der Passion Sähe man hier, die ganze Folterkammer, Zum Beispiel: Geißel, Stricke, Dornenkron', Das Kreuz, den Kelch, die Nägel und den Hammer.
Solch eine Blum' an meinem Grabe stand, Und über meinen Leichnam niederbeugend, Wie Frauentrauer, küßt sie mir die Hand, Küßt Stirne mir und Augen, trostlos schweigend.
Doch, Zauberei des Traumes! Seltsamlich, Die Blum' der Passion, die schwefelgelbe, Verwandelt in ein Frauenbildnis sich, Und das ist sie - die Liebste, ja, dieselbe!
Du warst die Blume, du geliebtes Kind, An deinen Küssen mußt ich dich erkennen. So zärtlich keine Blumenlippen sind, So feurig keine Blumentränen brennen!
Geschlossen war mein Aug', doch angeblickt Hat meine Seel'beständig dein Gesichte, Du sahst mich an, beseligt und verzückt, Und geisterhaft beglänzt vom Mondenlichte!
Wir sprachen nicht, jedoch mein Herz vernahm, Was du verschwiegen dachtest im Gemüte - Das ausgesprochne Wort ist ohne Scham, Das Schweigen ist der Liebe keusche Blüte.
Und wie beredsam dieses Schweigen ist! Man sagt sich alles ohne Metaphoren, Ganz ohne Feigenblatt, ganz ohne List Des Silbenfalls, des Wohllauts der Rhetoren.
Lautloses Zwiegespräch! man glaubt es kaum, Wie bei dem stummen, zärtlichen Geplauder So schnell die Zeit verstreicht im schönen Traum Der Sommernacht, gewebt aus Lust und Schauder.
Was wir gesprochen, frag es niemals, ach! Den Glühwurm frag, was er dem Grase glimmert, Die Welle frage, was sie rauscht im Bach, Den Westwind frage, was er weht und wimmert.
Frag, was er strahlet, den Karfunkelstein, Frag, was sie duften, Nachtviol' und Rosen - Doch frage nie, wovon im Mondenschein Die Marterblume und ihr Toter kosen!
Ich weiß es nicht, wie lange ich genoß In meiner schlummerkühlen Marmortruhe Den schönen Freudentraum. Ach, es zerfloß Die Wonne meiner ungestörten Ruhe!
O Tod! mit deiner Grabesstille, du, Nur du kannst uns die beste Wollust geben; Den Krampf der Leidenschaft, Lust ohne Ruh', Gibt uns für Glück das albern rohe Leben!
Doch wehe mir! es schwand die Seligkeit, Als draußen plötzlich sich ein Lärm erhoben; Es war ein scheltend, stampfend wüster Streit, Ach, meine Blum' verscheuchte dieses Toben!
Ja, draußen sich erhob mit wildem Grimm Ein Zanken, ein Gekeife, ein Gekläffe, Ich glaubte zu erkennen manche Stimm' - Es waren meines Grabmals Basreliefe.
Spukt in dem Stein der alte Glaubenswahn? Und disputieren diese Marmorschemen? Der Schreckensruf des wilden Waldgotts Pan Wetteifernd wild mit Mosis Anathemen!
Oh, dieser Streit wird enden nimmermehr, Stets wird die Wahrheit hadern mit dem Schönen, Stets wird geschieden sein der Menschheit Heer In zwei Partei'n: Barbaren und Hellenen.
Das fluchte, schimpfte! gar kein Ende nahm's Mit dieser Kontroverse, der langweil'gen, Da war zumal der Esel Balaams, Der überschrie die Götter und die Heil'gen!
Mit diesem I-A, I-A, dem Gewieh'r, Dem schluchzend ekelhaften Mißlaut, brachte Mich zur Verzweiflung schier das dumme Tier, Ich selbst zuletzt schrie auf - und ich erwachte.
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