|
A. Lieder eines Lebendigen
Erster Teil
An den Verstorbenen
1841
O Ritter, toter Ritter, Leg' deine Lanze ein! Sie soll in tausend Splitter Von mir zertrümmert sein. Heran auf deinem Rappen, Du bist ein arger Schalk, Trotz Knappen und trotz Wappen, Trotz Falk und Katafalk!
Ich steh' nicht bei dem Trosse, Der räuchernd vor dir schweigt, Weil du ein Herz für Rosse Und fürs Kamel gezeigt; Baschkire oder Mandschu - Was schiert mich deine Welt? Ich schleudre meinen Handschuh Dir in dein ödes Zelt.
Dem Reich der Mamelucken Weissagst du Auferstehn, Und sähest ohne Zucken Dein Vaterland vergehn; Doch wiegtest unter Palmen Du dein Prophetenhaupt, Wenn nicht aus unsern Halmen Du erst dein Gold geraubt?
Du steuerst nun so lange Im Weltmeer aus und ein, Und ward es nie dir bange, Daß du so klein, so klein? Ist er dir nie erschienen, Der Fürst von Ithaka, Wenn deine Sündermienen In seinem Reich er sah?
Und sprach er nie mit Grollen:? "Fort aus dem freien Meer! Wirf nicht in seinen Schollen Dein Lügenkorn umher! Zieh heim an deine Pleiße, Zieh heim an deine Spree; Nicht jede Fürstenreise Ist eine Odyssee."
Wohl ist er unerreichbar Der göttliche Uliß, Doch du bist ihm vergleichbar Am wenigsten gewiß. Im Saus nicht und im Brause Hat er die Zeit verdehnt, Er hat sich stets nach Hause Zu Weib und Volk gesehnt.
Für deines Volkes Rechte Wie fochtest du so schlecht! Du standest im Gefechte - Ja, für das Türkenrecht; Du stirbst auch auf dem Schilde, Ja, auf dem Wappenschild; Klag' nicht, daß deine Gilde Fortan bei uns nichts gilt!
Den Marmor bringt Karrara Noch nicht für den hervor, An den der Niagara Den Donner selbst verlor, Der nur in alle Fernen Zu seiner Schmach gereist, Und noch vor Gottes Sternen Auf seine Sternchen weist.
O Ritter, schlechter Ritter, Leg' deine Lanze ein! Sie soll in tausend Splitter Von mir zertrümmert sein. Laß ab, laß ab und spähe Nicht nach der Wüste Sand! Ich setze in der Nähe Dich in dein Vaterland.
An Frau Karolina S. in Zürich
1841
Nur zagend lass' ich meinen Worten Vor andern Menschen ihren Lauf; Dir schließen sich die letzten Pforten Von meinem Herzen klingend auf; Mir ist, dir dürf' ich alles sagen, Die tiefste Seele wird mir flott; Wie ich mag in die Saiten schlagen, Um deine Lippen blitzt kein Spott.
Die Welt will, daß man sie betrüge Durch ein erheuchelt fromm Gefühl, Mit Anstand einen Frieden lüge, Wenn's in der Brust uns dumpf und schwül; Du hörest, seltenste der Frauen, Den kecken Schwärmer ohne Groll, Du weißt, man muß ihn selber bauen, Den Himmel, dran man glauben soll. -
Gleichwie am stillen Abend schmettert Durch heitre Luft Trompetenklang, Gleichwie's um Rosenbüsche wettert Ein blühendes Gestad' entlang, Gleichwie zum Sturme ruft die Glocke, Indes noch Beter am Altar, Wie neben eines Kindes Locke Ein graues, ernstes Greisenhaar, - -
So tönt zu meinem stillen Volke Mein zürnend, freiheitheischend Lied; Ich bin die schwere, schwarze Wolke, Der Gott den Donner nur beschied; Ich bin kein froher, freud'ger Buhle, Des Wappen Rose und Pokal, Ich sitz' als Gast auf Bankos Stuhle Bei jedem frechen Königsmahl.
O könnt' im finstern Rat der Alten Mein Lied ein zündend Feuer sein! Doch ach! die Nüchternen, die Kalten Verlangen abgelegnen Wein. Im Zorn oft drückt' ich auf die Flasche Den Kork - es öffnet sich dein Haus, Auf deinem Herde schlägt die Asche Zu neuen kühnen Flammen aus.
Du bist des schwachen Samenkornes Getreue, stille Pflegerin, Den ganzen Frühling meines Zornes - Ich leg' ihn dir als Opfer hin. Wohl waren manche Perlen fertig, Doch noch der echten Taucherhand, Noch deiner lieben Hand gewärtig; Nimm sie - und wirf sie in den Sand!
Leicht Gepäck
1840
Ich bin ein freier Mann und singe Mich wohl in keine Fürstengruft, Und alles, was ich mir erringe, Ist Gottes liebe Himmelsluft. Ich habe keine stolze Feste, Von der man Länder übersieht, Ich wohn' ein Vogel nur im Neste, Mein ganzer Reichtum ist mein Lied.
Ich durfte nur, wie andre, wollen, Und wär' nicht leer davongeeilt, Wenn jährlich man im Staat die Rollen Den treuen Knechten ausgeteilt; Allein ich hab' nie zugegriffen, So oft man mich herbei beschied, Ich habe fort und fort gepfiffen, Mein ganzer Reichtum ist mein Lied.
Der Lord zapft Gold aus seiner Tonne, Und ich aus meiner höchstens Wein; Mein einzig Gold die Morgensonne, Mein Silber all der Mondenschein! Färbt sich mein Leben herbstlich gelber, Kein Erbe, der zum Tod mir riet; Denn meine Münzen prägt' ich selber; Mein ganzer Reichtum ist mein Lied.
Gern sing' ich abends zu dem Reigen, Vor Thronen spiel' ich niemals auf; Ich lernte Berge wohl ersteigen, Paläste komm' ich nicht hinauf; Indes aus Moder, Sturz und Wettern Sein golden Los sich mancher zieht, Spiel' ich mit leichten Rosenblättern; Mein ganzer Reichtum ist mein Lied.
Nach dir, nach dir steht mein Verlangen, O schönes Kind, o wärst du mein! Doch du willst Bänder, du willst Spangen, Und ich soll dienen gehen? Nein! Ich will die Freiheit nicht verkaufen, Und wie ich die Paläste mied, Lass' ich getrost die Liebe laufen; Mein ganzer Reichtum sei mein Lied.
Wer ist frei?
1841
Der ist allein ein freier Mann, Und seiner sei gedacht, Der sie sich selbst verdienen kann, Die Freiheit in der Schlacht, Der mit der eignen Klinge Sie holt herbei, Der Mann ist's, den ich singe, Der Mann ist frei!
O wehe, wer dem Franken traut! Und ihn zu froh begrüßt; Er bringt uns immer unsre Braut, Wenn er sie satt geküßt. Noch gibt's in unsern Reihen Pulver und Blei - Drum laßt uns selber freien, So sind wir frei!
Die Freiheit wohnt am Don und Belt, Sie trinkt aus unsrem Rhein, Die Freiheit schläft im Wüstenzelt Und glänzt im Sternenschein; Doch muß man um sie werben, Wo's immer sei, Doch muß man für sie sterben, Dann wird man frei!
Noch hat der Deutsche eine Hand Und eine starke Wehr, Gibt keinen Schritt vom Vaterland Selbst für die Freiheit her; Und die mit uns erheben Solch Feldgeschrei, Die sollen alle leben, Denn sie sind frei!
Viel tausend Funken, eine Glut, Viel Herzen und ein Schlag, So harren wir gar wohlgemut Bis an den Jüngsten Tag; Die Einheit muß verschlingen Die böse Zwei, Dann soll es donnernd klingen: Deutschland ist frei!
Arndts Wiedereinsetzung
1841
O Jubelbotschaft, die zu uns gekommen! O selten, selten Glück! Ihr hattet einen starken Mann genommen, Und gebt uns einen Greis zurück!
Als einst gehemmet ihr des Schwertes Blitze Bei diesem Sohne Teuts, Da in das Land stieß fluchend er die Spitze, Und kniete vor dem stumpfen Kreuz.
Des Lied man sich erfreut in Süd und Norden, Im Feld, am stillen Herd, Durch eure Ruten ist verwandelt worden Sein Pegasus zum Steckenpferd.
Und nun, da's Zeit, daß man sie wieder zücke, Die Flamberg' allzumal, Nun schickt ihr uns den Alten mit der Krücke, Alt - nicht bloß durch der Jahre Zahl.
Wohl möcht' er stehn, wie wir noch, und nicht wanken Im heißen Pulverdampf, Doch rufen andre Fahnen und Gedanken Und andre Götter uns zum Kampf.
Die Kugel blieb dieselbe allerwegen Vom alten guten Blei, Doch trägt man ihr ein ander Haupt entgegen, Sie reißt ein stolzer Herz entzwei.
Vor einem Altar, dem der Freiheit, reichen Sich Völker nun die Hand, Und weiter, als die Lorbeern und die Eichen, Dehnt sich des Deutschen Vaterland.
Die Sterne blassen, wenn die Sonnen funkeln, Und Sonne ist er nicht; Es ist ein schöner Stern, laßt ihn im Dunkeln! Was reißt ihr ihn ans Morgenlicht?
Er ist ein Abendrot und mag noch feuchten Manch Auge, kummerschwer, Allein verzeiht, ihr hohen Herrn, erleuchten Kann er die junge Welt nicht mehr.
Es zieht durch sie ein frischer schaffend Wehen In ungehemmtem Lauf, Und mit des Frühlings neuen Blumen gehen Auch neue große Herzen auf!
Gebet
1841
Brause, Gott, mit Sturmesodem durch die fürchterliche Stille, Gib ein Trauerspiel der Freiheit für der Sklaverei Idylle; Laß das Herz doch wieder schlagen in der Brust der kalten Welt, Und erweck' ihr einen Rächer, und erweck' ihr einen Held!
Wenn sie in der eignen Heimat frei zu leben uns nicht gönnen, Schaff' uns eine grüne Insel, wo wir frei noch sterben können, Sterben können froh und freudig in der frischen frohen Luft, Und uns selbst die Rosen träufeln aus den Wunden auf die Gruft!
Aus dem Nachtmahlkelch der Freiheit laß uns wieder einmal schlürfen, Baue wieder einen Altar, drauf wir uns dir opfern dürfen, Breite vor uns einen Wahlplatz, einen Platz der Völkerwahl, Aus dem Kerker, aus der Scheide sehnt sich wieder unser Stahl!
Ach, um jenes Sturms Verheißung hat der Frieden uns betrogen, Und das goldne Schiff der Hoffnung, das als Wiege in die Wogen Unter Klang und Sang gesteuert und so reiche Schätze barg, Ruht gescheitert, schwarz bewimpelt, in dem Hafen jetzt, ein Sarg.
Will mein Volk nun ewig klagend dieses morsche Wrack umstehen? Soll in tatenlosen Seufzern seine beste Kraft verwehen? Donnert nie durch seinen Himmel der Entscheidung scharfer Ton? Wahrlich ein Despote zaudert nicht so lang am Rubikon!
Glaubet ihr, der Frieden werd' euch für des Hauses Freude bürgen? Nur vernichten kann der Krieg uns, solch ein Frieden wird uns würgen! In dem wilden Kampfgewühle mag es wohl ihr werden heiß, Aber straucheln muß die Freiheit auf des Russen starrem Eis!
So ihr nicht begießt die Pflanze, wird sie allgemach verkümmern, So ihr nicht gebraucht den Degen, wird ihn schnell der Rost zertrümmern: Eine Ader sich zu öffnen für die Freiheit, wäre gut, Sonsten zweifeln die Tyrannen an der Völker reinem Blut.
Aber wollen mich die Männer nicht verstehn, die schwerverirrten, O, so höret ihr mich, Frauen! Traget ihr ein Schwert in Myrten! Traget ihr ein Schwert in Myrten; denn mich dünket, Frau und frei, Nicht so fremd einander klingen diese Worte, diese zwei!
Der letzte Krieg
1841
Wer seine Hände falten kann, Bet' um ein gutes Schwert, Um einen Helden, einen Mann, Den Gottes Zorn bewehrt! Ein Kampf muß uns noch werden, Und drin der schönste Sieg, Der letzte Kampf auf Erden, Der letzte heilige Krieg!
Herbei, herbei, ihr Völker all, Um euer Schlachtpanier! Die Freiheit ist jetzt Feldmarschall, Und Vorwärts heißen wir. Der Zeiger weist die Stunde, O flieg, mein Polen, flieg, Mit jedem Stern im Bunde, Voran zum heiligen Krieg!
Ja! vorwärts, bis der Morgen blinkt, Ja! vorwärts, frisch und froh! Vorwärts, bis hinter uns versinkt Die Brut des Pharao! Er wird auch für uns sprechen, Der Herr, der für uns schwieg, Und unsre Ketten brechen Im letzten heiligen Krieg.
O walle hin, du Opferbrand, Hin über Land und Meer, Und schling ein einig Feuerband Um alle Völker her; So wird er uns beschieden, Der große, große Sieg, Der ewige Völker-Frieden, - Frisch auf zum heiligen Krieg!
Der sterbende Trompeter
1840
Der Teufel, daß ich daniedersank! Wie werden die polnischen Lanzen, Wie werden die Schwerter bei anderem Klang Den Schlachtenreigen nun tanzen?
Wohl stand ich so oft, wohl stand ich so oft, Umbraust von grimmigen Wettern, Und habe gehofft, und habe gehofft, In befreiete Lüfte zu schmettern;
Ich habe gehofft, wenn der blutige Tod Auf sausenden Kugeln geflogen, Gehofft, wenn er donnernd um mich gedroht, Gehofft, und hab' mich betrogen.
Daß die Seele leichter von hinnen zieht, Kameraden, seid jetzo beschworen! Nehmt meine Trompete und blast mir das Lied: "Noch ist Polen nicht verloren!"
Und blast mir das Lied, sonst nichts, sonst nichts, Und laßt es mich sterbend noch hauchen! Dann gebt sie mir wieder; am Tag des Gerichts Werd' ich die Trompete ja brauchen.
Denn wenn Gott den Toten auf Erden ruft, Wenn er will aus den Gräbern sie schrecken, Da muß er zuerst aus ihrer Gruft Doch die Trompeter erwecken.
Das wird ein Tag der Freude, juchhei! Wie spreng' ich den drückenden Rasen, Um allen Völkern der Erde herbei Dann gegen die Russen zu blasen!
Reiterlied
1841
Die bange Nacht ist nun herum, Wir reiten still, wir reiten stumm, Und reiten ins Verderben. Wie weht so scharf der Morgenwind! Frau Wirtin, noch ein Glas geschwind Vorm Sterben, vorm Sterben.
Du junges Gras, was stehst so grün? Mußt bald wie lauter Röslein blühn, Mein Blut ja soll dich färben. Den ersten Schluck, ans Schwert die Hand, Den trink' ich, für das Vaterland Zu sterben, zu sterben.
Und schnell den zweiten hinterdrein, Und der soll für die Freiheit sein, Der zweite Schluck vom Herben! Dies Restchen - nun, wem bring' ich's gleich? Dies Restchen dir, o Römisch Reich, Zum Sterben, zum Sterben!
Dem Liebchen - doch das Glas ist leer, Die Kugel saust, es blitzt der Speer; Bringt meinem Kind die Scherben! Auf! in den Feind wie Wetterschlag! O Reiterlust, am frühen Tag Zu sterben, zu sterben!
Rheinweinlied
Okt. 1840
Wo solch ein Feuer noch gedeiht, Und solch ein Wein noch Flammen speit, Da lassen wir in Ewigkeit Uns nimmermehr vertreiben. Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein, Und wär's nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Herab die Büchsen von der Wand, Die alten Schläger in die Hand, Sobald der Feind dem welschen Land Den Rhein will einverleiben! Haut, Brüder, mutig drein! Der alte Vater Rhein, Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Das Recht' und Link, das Link' und Recht', Wie klingt es falsch, wie klingt es schlecht! Kein Tropfen soll, ein feiger Knecht, Des Franzmanns Mühle treiben. Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein, Und wär's nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Der ist sein Rebenblut nicht wert, Das deutsche Weib, den deutschen Herd, Der nicht auch freudig schwingt sein Schwert, Die Feinde aufzureiben. Frisch in die Schlacht hinein! Hinein für unsern Rhein! Der Rhein soll deutsch verbleiben.
O edler Saft, o lauter Gold, Du bist kein ekler Sklavensold! Und wenn ihr Franken kommen wollt, So laßt vorher euch schreiben: Hurra! Hurra! Der Rhein, Und wär's nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch verbleiben.
Das freie Wort
1841
Sie sollen alle singen Nach ihres Herzens Lust; Doch mir soll fürder klingen Ein Lied nur aus der Brust: Ein Lied, um dich zu preisen, Du Nibelungenhort, Du Brot und Stein der Weisen, Du freies Wort!
Habt ihr es nicht gelesen: Das Wort war vor dem Rhein? Im Anfang ist's gewesen, Und soll drum ewig sein. Und eh' ihr einen Schläger Erhebt zum Völkermord, Sucht unsern Bannerträger, Das freie Wort!
Ihr habet zugeschworen So treu dem Vaterland, Doch ihr seid all verloren Und haltet nimmer stand, Solang in West und Osten, Solang in Süd und Nord Das beste Schwert muß rosten, Das freie Wort!
Ach! es will finster werden, Wohl finster überall, Doch ist die Nacht auf Erden Ja für die Nachtigall. Heraus denn aus der Wolke, Die, Sänger, euch umflort; Erst predigt eurem Volke Das freie Wort!
Laßt eure Adler fliegen, Ihr Fürsten, in die Welt, Und sie nicht müßig liegen Auf eurem Wappenfeld! O jagt einmal die Raben Aus unsern Landen fort, Und sprecht: Ihr sollt es haben, Das freie Wort!
Der beste Berg
1841
Es ist ein Berg auf Erden, Der Gutenberg genannt, Der soll besungen werden Wohl auf und ab im Land.
Er heget keine Feste, Er pfleget keinen Wein, Und wird doch stets der beste Von allen Bergen sein.
Es ist ein Berg auf Erden, Der steht zu Mainz am Rhein, Mit trutzigen Gebärden Schaut er ins Land hinein.
Da schaut er, was wir treiben, Vom Rheine bis ans Meer, Da liest er, was wir schreiben Im weiten Land umher.
Zu lang war dem Kyffhäuser Des Rotbarts Todesnacht, Da ist für seinen Kaiser Der gute Berg erwacht.
Zuschanden heißt er werden Der Raben schwarzes Werk, Der beste Berg auf Erden, Das ist der Gutenberg.
Drei Gutenbergslieder
Juni 1840.
I.
Die Sonne, der wir lang geharrt, Ist endlich aufgegangen; Wir schauen ihre Himmelfahrt Voll Sehnen und Verlangen. Wo ist ein Herz, das ruhig schlägt, Wenn solch ein Tag die Schwingen regt? Ihr Völker, wachet auf!
Die Ketten brach der Lenz entzwei Mit seinen Rosendüften, Und unsre Seelen rauschen frei, Wie Adler in den Lüften. Die Toten drückt der Tod heut nicht; Horcht! unser Meister lebt und spricht: Ihr Völker, wachet auf!
Ihr Völker, wachet auf und seht Den Himmel selbst in Flammen! Ihr Völker, wachet auf und steht Ein einig Heer zusammen! Voran, voran, im Sturm voran! Der Gutenberg trägt uns die Fahn'! Ihr Völker, wachet auf!
Verheißend schaut sein selig Haupt! Aus Wolken zu der Erden; Ob man die Blüten uns geraubt, Die Frucht soll uns doch werden; Was solch ein guter Geist ersann, Das tut kein Teufel in den Bann. Ihr Völker, wachet auf!
II.
Seht ihr den Geist der Freiheit schreiten Auf Blumensohlen durch das Land? Zum stillen Segen liebend breiten Die schwertgewohnte Götterhand?
Auf hohem Berg, im tiefsten Tale, So freudig rauscht's, so wundersam; Die Freiheit weint zum vierten Male, Zum vierten Male nicht aus Gram.
Denn Völker knieen am Altare Den ihrem Sohn man auferbaut, Das Opfer sind vierhundert Jahre, Die Ewigkeit ist seine Braut.
Vierhundert Jahre sind erschlagen, Vierhundert Feinde liegen tot, Bald wird er frei die Waffen tragen, Die ihm die freie Mutter bot.
Bald wird er schleudern frei die Blitze In des Verbrechens düstres Haus, Und dann auf ihrem Lottersitze Des Volkes Feinde spähen aus.
III.
Aus Hütten einzig kommt das Heil der Welt, Im härnen Mantel predigt der Prophete - So ward auch Blei, und nicht das Gold, bestellt, Daß tausendzüngig jede Wahrheit rede. Ein böser Geist der Tiefe haust im Gold, Es ist ein Knecht und gibt sich gern in Sold; Wie Porzia, faßt das Beste man in Blei, Und reimt man drauf, so reimt man immer: Frei! Das schwere Blei wird in des Meisters Hand Der Elfengeister lustiges Gewand; Er läßt es nicht als Todeskugel fliegen, Er führet es als Wort von Sieg zu Siegen, Und wo die beste Waffe fehlt von Erz, Da trifft ein Wort des rechten Mannes Herz; Er zittert nicht vor des Tyrannen Miene - Was will die Flocke gegen die Lawine? Kein Zensor fällt der Wahrheit in die Zügel, Er hat nur Federn, doch die Wahrheit Flügel.
Protest
1841
Solang ich noch ein Protestant, Will ich auch protestieren, Und jeder deutsche Musikant Soll's weiter musizieren! Singt alle Welt: Der freie Rhein! So sing' doch ich: Ihr Herren, nein! Der Rhein, der Rhein könnt' freier sein - So will ich protestieren.
Kaum war die Taufe abgetan, Ich kroch noch auf den Vieren, Da fing ich schon voll Glaubens an, Mit Macht zu protestieren, Und protestiere fort und fort, O Wort, o Wind, o Wind, o Wort, O selig sind, die hier und dort, Die ewig protestieren.
Nur eins ist not, dran halt' ich fest Und will es nit verlieren, Das ist mein christlicher Protest, Mein christlich Protestieren. Was geht mich all das Wasser an Vom Rheine bis zum Ozean? Sind keine freien Männer dran, So will ich protestieren.
Von nun an bis in Ewigkeit Soll euch der Name zieren: Solang ihr Protestanten seid, Müßt ihr auch protestieren. Und singt die Welt: Der freie Rhein! So singet: Ach! Ihr Herren, nein! Der Rhein, der Rhein könnt' freier sein, Wir müssen protestieren.
Die Jungen und die Alten
1840
"Du bist jung, du sollst nicht sprechen! Du bist jung, wir sind die Alten! Laß die Wogen erst sich brechen Und die Gluten erst erkalten!
Du bist jung, dein Tun ist eitel! Du bist jung und unerfahren! Du bist jung, kränz' deinen Scheitel Erst mit unsern weißen Haaren!
Lern', mein Lieber, erst entsagen, Laß die Flammen erst verrauchen, Laß dich erst in Ketten schlagen, Dann vielleicht kann man dich brauchen!"
Kluge Herren! Die Gefangnen Möchten ihresgleichen schauen; Doch, ihr Hüter des Vergangnen, Wer soll denn die Zukunft bauen?
Sprecht, was sind euch denn verblieben, Außer uns, für wackre Stützen? Wer soll eure Töchter lieben? Wer soll eure Häuser schützen?
Schmäht mir nicht die blonden Locken, Nicht die stürmische Gebärde! Schön sind eure Silberflocken, Doch dem Gold gehört die Erde.
Schmähet, schmäht mir nicht die Jugend, Wie sie auch sich laut verkündigt! O wie oft hat eure Tugend An der Menschheit still gesündigt!
Aufruf
1841
Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeihn. Laßt, o laßt das Verseschweißen! Auf den Amboß legt das Eisen! Heiland soll das Eisen sein.
Eure Tannen, eure Eichen - Habt die grünen Fragezeichen Deutscher Freiheit ihr gewahrt? Nein, sie soll nicht untergehen! Doch ihr fröhlich Auferstehen Kostet eine Höllenfahrt.
Deutsche, glaubet euren Sehern, Unsre Tage werden ehern, Unsre Zukunft klirrt in Erz; Schwarzer Tod ist unser Sold nur, Unser Gold ein Abendgold nur, Unser Rot ein blutend Herz!
Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeihn. Hört er unsre Feuer brausen Und sein heilig Eisen sausen, Spricht er wohl den Segen drein.
Vor der Freiheit sei kein Frieden, Sei dem Mann kein Weib beschieden Und kein golden Korn dem Feld; Vor der Freiheit, vor dem Siege Seh' kein Säugling aus der Wiege Frohen Blickes in die Welt!
In den Städten sei nur Trauern, Bis die Freiheit von den Mauern Schwingt die Fahnen in das Land; Bis du, Rhein, durch freie Bogen Donnerst, laß die letzten Wogen Fluchend knirschen in den Sand.
Reißt die Kreuze aus der Erde! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird's verzeihn. Gen Tyrannen und Philister! Auch das Schwert hat seine Priester, Und wir wollen Priester sein!
Neujahr
1841
Herr, o Herr, soll größer noch Deine Kette werden? Reicht sie von dem Himmel doch Längst herab zur Erden! Wieder, weil ein Jahr verging, Sprudelt man Sonette, Singt von einem neuen Ring An der alten Kette.
Kette, o du klirrend Bild, Schreckwort aller Zungen, Welch ein Gott hat grausam wild Dich ums All geschlungen? Daß er seine Sterne wohl Vor dem Falle rette, Muß der Ewigkeit Symbol Bleiben eine Kette?
Kann der Jahre Trauerschar, Herr, dir nicht genügen? Wirst du immer, immerdar Ring zum Ringe fügen? Endigt nie der Menschheit Qual? Hebt sie nie ihr Bette? Wächst sie nie, der Freien Zahl? Wächst nur deine Kette?
Fragend schaut' ich manche Nacht Auf zu deinen Hallen; Endlich, hab' ich oft gedacht, Muß die Kette fallen. Ach! mein Hoffen trieb im Sturm Auf dem letzten Brette, Und ward, ein getretner Wurm, Auch ein Ring der Kette.
Herr, o spare deinen Grimm Fürder den Tyrannen, Einmal mit dem Jahre nimm Einen Ring von dannen! Gib uns, was wir heiß gesucht, Trüg's auch Dorn und Klette, Mindre nur die schwere Wucht Deiner goldnen Kette!
Nimm, die sie so lang umfing, Nimm sie von der Erden; Laß der Kette letzten Ring Freiheitsbrautring werden! Höre unser banges Schrein: Herr, o Herr, errette, Und den Teufel laß allein Ewig an der Kette!
Ja! du wirst. Schon seh' ich, traun! Neue Sterne ziehen, Neue Tempel seh' ich baun, Neue Völker knieen; Donnerklang und Harfenton Rufen in die Mette - Still! die Engel opfern schon Einen Ring der Kette.
Frühlingslied
1841
Noch ein Lied dem deutschen Bürger, Noch ein echtes Maienlied! Frühling sei es keinem Würger, Der sein Volk zum Staube zieht; Frühling jedem bis zum Tod, Frühling nie für den Despot! Selbst der Himmel, warm und rein, Der des Freien Brust erweitert, Eine Klippe, dran er scheitert, Mög' er jedem Wütrich sein.
Alle Blumen sollen flüstern: "Seht ihr, seht ihr den Tyrann? Bleib in deinem Reich, dem düstern, In der Hölle, finstrer Mann! Willst du noch des Weihrauchs mehr? Unser Kelch ist für dich leer, Fort! Du taugst nicht an das Licht! Weiche ferne, du Verräter, Du verstehst den freien Äther Und die Frühlingsfreiheit nicht!"
Jede Biene dünk' Tarantel, Jeder Rose Purpurkleid Ihm ein Karbonarimantel, Drin ein Dolch für ihn bereit! Jeglich Säuseln, das er hört, Ihm sein Volk, das sich empört; Keine Freude und kein Scherz, Keine Wonne soll ihm blühen, Und von keiner Sonne glühen Je ihm sein sibirisch Herz!
Nächtlich mit Entsetzen dreh' er Sich im sternenlosen Nichts, Und von allen Engeln seh' er Nur den Engel des Gerichts; Jeder Schlag der Nachtigall Kling' ihm wie Posaunenschall, Der ihn vor den Ew'gen ruft; Und der Lerche jubelnd Schmettern, Wie der Blitz von tausend Wettern Treff' es ihn aus blauer Luft.
Jeder Blütenbaum am Wege Streu' aufs Haupt ihm Silberschnee, Einen eis'gen Panzer lege Um sein Schiff ihm jeder See; Wo er immer landen mag, Flieh' erschreckt der goldne Tag; In der öden, kahlen Flur Soll sich seine Seele spiegeln, Ihm ein Buch mit tausend Siegeln Sei im Lenze die Natur.
Ja, o Lenz, sei für die Dichter, Für die Völker Lenz allein! Für Tyrannen sollst du Richter, Für Tyrannen Rächer sein. Schreib auf jedes grüne Blatt; Ich bin eurer herzlich satt, Eurer schnöden Tyrannei! Frei sind meiner Blumen Düfte, Meine Wolken, meine Lüfte, Auch die Menschen seien frei!
|