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Der Abend
Versunken ist der Tag in Purpurrot, Der Strom schwimmt weiß in ungeheurer Glätte. Ein Segel kommt. Es hebt sich aus dem Boot Am Steuer groß des Schiffers Silhouette.
Auf allen Inseln steigt des Herbstes Wald Mit roten Häuptern in den Raum, den klaren. Und aus der Schluchten dunkler Tiefe hallt Der Waldung Ton, wie Rauschen der Kitharen.
Das Dunkel ist im Osten ausgegossen, Wie blauer Wein kommt aus gestürzter Urne. Und ferne steht, vom Mantel schwarz umflossen, Die hohe Nacht auf schattigem Kothurne.
Herbst
Die Faune treten aus den Wäldern alle Des Herbstes Chor. Ein ungeheurer Kranz. Die Hände haltend, springen sie zum Schalle Der Widderhörner froh zu Tal im Tanz.
Der Lenden Felle schüttern von dem Sturze, Die weiß und schwarz wie Ziegenvlies gefleckt. Der starke Nacken stößt empor das kurze Gehörn, das sich aus rotem Weinlaub streckt.
Die Hufe schallen, die vom Horne starken. Den Thyrsus haun sie auf die Felsen laut. Der Paian tönt in die besonnten Marken, Der Brustkorb bläht mit zottig schwarzer Haut
Des Waldes Tiere fliehen vor dem Lärme In Scharen flüchtig her und langem Sprung. Um ihre Stirnen fliegen Falterschwärme, Berauscht von ihrer Kränze Duft und Trunk.
Sie nahn dem Bache der von Schilf umzogen Durch Wiesen rauscht. Das Röhricht läßt sie ein. Sie springen mit den Hufen in die Wogen Und baden sich vom Schlamm der Wälder rein.
Das Schilfrohr tönt vom Munde der Dryaden, Die auf den Weiden wohnen im Geäst. Sie schaun herauf Ihr Rücken glänzt vom Baden Wie Leder braun und wie von Öl genäßt.
Sie brüllen wild und langen nach den Zweigen. Ihr Glied treibt auf, von ihrer Gier geschwellt. Die Elfen fliegen fort, wo noch das Schweigen Des Mittagstraums auf goldnen Höhen hält.
Der Tag
Palmyras Tempelstaub bläst auf der Wind, Der durch die Hallen säuselt in der Zeit Des leeren Mittags, wo die Sonne weit Im Blauen rast. Der goldene Atem spinnt,
Der goldene Staub des Mittags sich wie Rauch Im Glanz der Wüste, wie ein seidenes Zelt Der ungeheuren Fläche. Dach der Welt. Wie ferne Flöten tönt des Zephirs Hauch,
Und leise singt der Sand. Doch unverweilt Jagt hoch das Licht. Damaskus' Rosenduft Schlägt auf wie eine Woge in die Luft, Wie eine Flamme, die den Äther teilt.
Der weißen Stiere roter Blutsaft schäumt Auf Tempelhöfen, wo das Volk im Kranz Des Blutes Regen fühlt, und seinen Glanz, Der mit Rubinen ihre Togen säumt.
Ein Tänzer tanzt im blauen Mittagsrot Auf weißer Platte, der vom Strahle trank.- Das Licht entflieht. Der Libanon versank, Der Zedern Haus, das sich dem Gotte bot.
Und westwärts eilt der Tag. Mit tiefem Gold Ist weit des Westens Wölbung angefüllt: Des Gottes Rundschild, der die Schultern hüllt Des Flüchtigen. Sein blauer Helmbusch rollt
Darob im Sturme weit am Horizont, Am Meer, und seiner Inseln Perlenseil. Er eilt dahin, wo schon der Ida steil Mit Eichen tost und dröhnt der Hellespont.
Das Stromland fort, dem grünen Abend zu. Wie der Drommete Ton erschallt sein Gang An Ossas Echo. Troas Schilf entlang, In rote Wälder tritt sein Purpurschuh,
In Sammetwiesen weich. Dem Feuer nach, Das einst gen Argos flog, tritt machtvoll er Auf Chalkis hin. Darunter rauscht das Meer Hervor aus grüner Grotten Steingemach.
Sein Arm, den er auf Meer und Lande streckt, Ragt dunkel auf wie eine Feuersbrunst. Sein Atem füllt das Meer mit schwarzem Dunst, Des weißes Maul die roten Sohlen leckt.
Auf Marathon schleppt seines Mantels Saum, Ein violetter Streif, wo schon das Horn Der Muschel stimmt am Strand der Toten vorn Der Sturmgott laut aus weißer Brandung Schaum.
Des Rohres rote Fahnen rührt der Wind Von seines Fußes Fittich um am Strand Der fernen Elis, da der Nacht Trabant, Schildknappe Mond, den dunklen Pfad beginnt.
Der Blinde
Man setzt ihn hinter einen Gartenzaun. Da stört er nicht mit seinen Quälerein. »Sieh dir den Himmel an!« Er ist allein. Und seine Augen fangen an zu schaun.
Die toten Augen. »O, wo ist er, wie Ist den der Himmel? Und wo ist sein Blau? O Blau, was bist du? Stets nur weich und rauh Fühlt meine Hand, doch eine Farbe nie.
Nie Purpurrot der Meere. Nie das Gold Des Mittags auf den Feldern, nie den Schein Der Flamme, nie den Glanz im edlen Stein, Nie langes Haar, das durch die Kämme rollt.
Niemals die Sterne. Wälder nie, nie Lenz Und seine Rosen. Stets durch Grabesnacht Und rote Dunkelheit werd ich gebracht In grauenvollem Fasten und Karenz.«
Sein bleicher Kopf steigt wie ein Lilienschaft Aus magrem Hals. Auf seinem dürren Schlund Rollt wie ein Ball des Adamsapfels Rund. Die Augen quellen aus der engen Haft,
Ein Paar von weißen Knöpfen. Denn der Strahl Des weißen Mittags schreckt die Toten nicht. Der Himmel taucht in das erloschene Licht Und spiegelt in dem bleiernen Opal.
Der Tod der Liebenden
Durch hohe Tore wird das Meer gezogen Und goldne Wolkensäulen, wo noch säumt Der späte Tag am hellen Himmelsbogen Und fern hinab des Meeres Weite träumt.
»Vergiß der Traurigkeit, die sich verlor Ins ferne Spiel der Wasser, und der Zeit Versunkner Tage. Singt der Wind ins Ohr Dir seine Schwermut, höre nicht sein Leid.
Laß ab von Weinen. Bei den Toten unten Im Schattenlande werden bald wir wohnen Und ewig schlafen in den Tiefen drunten, In den verborgenen Städten der Dämonen.
Dort wird uns Einsamkeit die Lider schließen. Wir hören nichts in unserer Hallen Räumen, Die Fische nur, die durch die Fenster schießen, Und leisen Wind in den Korallenbäumen.
Wir werden immer beieinander bleiben Im schattenhaften Walde auf dem Grunde. Die gleiche Woge wird uns dunkel treiben. Und gleiche Träume trinkt der Kuß vom Munde.
Der Tod ist sanft. Und die uns niemand gab, Er gibt uns Heimat. Und er trägt uns weich In seinem Mantel in das dunkle Grab, Wo viele schlafen schon im stillen Reich.«
Des Meeres Seele singt am leeren Kahn. Er treibt davon, ein Spiel den tauben Winden In Meeres Einsamkeit. Der Ozean Türmt fern sich auf zu schwarzer Nacht, der Blinden.
In hohen Wogen schweift ein Kormoran Mit grünen Fittichs dunkler Träumerei. Darunter ziehn die Toten ihre Bahn. Wie blasse Blumen treiben sie vorbei.
Sie sinken tief Das Meer schließt seinen Mund Und schillert weiß. Der Horizont nur bebt Wie eines Adlers Flug, der von dem Sund Ins Abendmeer die blaue Schwinge hebt.
Die Professoren
Zu vieren sitzen sie am grünen Tische, Verschanzt in seines Daches hohe Kanten. Kahlköpfig hocken sie in den Folianten, Wie auf dem Aas die alten Tintenfische.
Manchmal erscheinen Hände, die bedreckten Mit Tintenschwärze. Ihre Lippen fliegen Oft lautlos auf. Und ihre Zungen wiegen Wie rote Rüssel über den Pandekten.
Sie scheinen manchmal ferne zu verschwimmen, Wie Schatten in der weißgetünchten Wand. Dann klingen wie von weitem ihre Stimmen.
Doch plötzlich wächst ihr Maul. Ein weißer Sturm Von Geifer. Stille dann. Und auf dem Rand Wiegt sich der Paragraph, ein grüner Wurm.
Der Hunger
Er fuhr in einen Hund, dem groß er sperrt Das rote Maul. Die blaue Zunge wirft Sich lang heraus. Er wälzt im Staub. Er schlürft Verwelktes Gras, das er dem Sand entzerrt.
Sein leerer Schlund ist wie ein großes Tor, Drin Feuer sickert, langsam, tropfenweis, Das ihm den Bauch verbrennt. Dann wäscht mit Eis Ihm eine Hand das heiße Speiserohr.
Er wankt durch Dampf Die Sonne ist ein Fleck, Ein rotes Ofentor. Ein grüner Halbmond führt Vor seinen Augen Tänze. Er ist weg.
Ein schwarzes Loch gähnt, draus die Kälte stiert. Er fällt hinab, und fühlt noch, wie der Schreck Mit Eisenfäusten seine Gurgel schnürt.
Ophelia
I
Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten, Und die beringten Hände auf der Flut Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.
Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt, Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein. Warum sie starb; Warum sie so allein Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?
Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht Wie eine Hand die Fledermäuse auf. Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,
Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
II
Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß. Der Felder gelbe Winde schlafen still. Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will. Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.
Die blauen Lider schatten sanft herab. Und bei der Sensen blanken Melodien Träumt sie von eines Kusses Karmoisin Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.
Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt Mit weitem Echo. Wo herunter tönt
Hall voller Straßen. Glocken und Geläut. Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht In blinde Scheiben dumpfes Abendrot, In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,
Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann, Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien. Last schwerer Brücken, die darüber ziehn Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.
Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit. Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm, Der schattet über beide Ufer breit.
Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht Der westlich hohe Tag des Sommers spät, Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht Des fernen Abends zarte Müdigkeit.
Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht, Durch manchen Winters trauervollen Port. Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort, Davon der Horizont wie Feuer raucht.
Der Winter
Der blaue Schnee liegt auf dem ebenen Land, Das Winter dehnt. Und die Wegweiser zeigen Einander mit der ausgestreckten Hand Der Horizonte violettes Schweigen.
Hier treffen sich auf ihrem Weg ins Leere Vier Straßen an. Die niedren Bäume stehen Wie Bettler kahl. Das Rot der Vogelbeere Glänzt wie ihr Auge trübe. Die Chausseen
Verweilen kurz und sprechen aus den Ästen. Dann ziehn sie weiter in die Einsamkeit Gen Nord und Süden und nach Ost und Westen, Wo bleicht der niedere Tag der Winterzeit.
Ein hoher Korb mit rissigem Geflecht Blieb von der Ernte noch im Ackerfeld. Weißbärtig, ein Soldat, der nach Gefecht Und heißem Tag der Toten Wache hält.
Der Schnee wird bleicher, und der Tag vergeht. Der Sonne Atem dampft am Firmament, Davon das Eis, das in den Lachen steht Hinab die Straße rot wie Feuer brennt.
Marengo
Schwarzblau der Alpen, und der kahlen Flur, Die Südsturm drohn. Mit Wolken tief verhangen Ist grau das Feld. Ein ungeheures Bangen Beengt den Tag. Den Atem der Natur
Stopft eine Faust. Hinab die Lombardei Ist Totenstille. Und kein Gras, kein Baum. Das Röhricht regt kein Wind im leeren Raum. Kein Vogel streift in niedrer Luft vorbei.
Fern sieht man Wagen, wo sich langsam neigt Ein Brückenpaar. Man hört den dumpfen Fall Am Wasser fort. Und wieder droht und schweigt
Verhängnis dieses Tags. Ein weißer Ball, Die erste der Granaten. Und es steigt Der Sturm herauf des zweiten Prairial.
Das Fieberspital
I
Die bleiche Leinwand in den vielen Betten Verschwimmt in kahler Wand im Krankensaal. Die Krankheiten alle, dünne Marionetten, Spazieren in den Gängen. Eine Zahl
Hat jeder Kranke. Und mit weißer Kreide Sind seine Qualen sauber aufnotiert. Das Fieber donnert. Ihre Eingeweide Brennen wie Berge. Und ihr Auge stiert
Zur Decke auf, wo ein paar große Spinnen Aus ihrem Bauche lange Fäden ziehn. Sie sitzen auf in ihrem kalten Linnen Und ihrem Schweiß mit hochgezognen Knien.
Sie beißen auf die Nägel ihrer Hand. Die Falten ihrer Stirn, die rötlich glüht, Sind wie ein graugefurchtes Ackerland, Auf dem des Todes großes Frührot blüht.
Sie strecken ihre weißen Arme vor, Vor Kälte zitternd und vor Grauen stumm. Schon wälzt ihr Hirn sich schwarz von Ohr zu Ohr In ungeheurem Wirbel schnell herum.
Dann gähnt in ihrem Rücken schwarz ein Spalt, Und aus der weißgetünchten Mauerwand Streckt sich ein Arm. Um ihre Kehle ballt Sich langsam eine harte Knochenhand.
II
Des Abends Trauer sinkt. Sie hocken stumpf In ihrer Kissen Schatten. Und herein Kriecht Wassernebel kalt. Sie hören dumpf Durch ihren Saal der Qualen Litanein.
Das Fieber kriecht in ihren Lagern um, Langsam, ein großer, gelblicher Polyp. Sie schaun ihm zu, von dem Entsetzen stumm. Und ihre Augen werden weiß und trüb.
Die Sonne quält sich auf dem Rand der Nacht. Sie blähn die Nasen. Es wird furchtbar heiß. Ein großes Feuer hat sie angefacht, Wie eine Blase schwankt ihr roter Kreis.
Auf ihrem Dache sitzt ein Mann im Stuhl Und droht den Kranken mit dem Eisenstab. Darunter schaufeln in dem heißen Pfuhl Die Nigger schon ihr tiefes, weißes Grab.
Die Leichenträger gehen durch die Reihen Und reißen schnell die Toten aus dem Bett. Die andern drehn sich nach der Wand mit Schreien Der Angst, der Toten gräßlichem Valet.
Moskitos summen. Und die Luft beginnt Vor Glut zu schmelzen. Wie ein roter Kropf Schwillt auf ihr Hals, darinnen Lava rinnt. Und wie ein Ball von Feuer dröhnt ihr Kopf.
Sie machen sich von ihren Hemden los Und ihren Decken, die sie naß umziehn. Ihr magrer Leib, bis auf den Nabel bloß, Wiegt hin und her im Takt der Phantasien.
Das Floß des Todes steuert durch die Nacht Heran durch Meere Schlamms und dunkles Moor. Sie hören bang, wie seine Stange kracht Lauthallend unten am Barackentor.
Zu einem Bette kommt das Sakrament. Der Priester salbt dem Kranken Stirn und Mund. Der Gaumen, der wie rotes Feuer brennt, Würgt mühsam die Oblate in den Schlund.
Die Kranken horchen auf der Lagerstatt Wie Kröten, von dem Lichte rot gefleckt. Die Betten sind wie eine große Stadt, Die eines schwarzen Himmels Rätsel deckt.
Der Priester singt. In grauser Parodie Krähn sie die Worte nach in dem Gebet. Sie lachen laut, die Freude schüttelt sie. Sie halten sich den Bauch, den Lachen bläht.
Der Priester kniet sich an der Bettstatt Rand. In das Brevier taucht er die Schultern ein. Der Kranke setzt sich auf. In seiner Hand Dreht er im Kreise einen spitzen Stein.
Er schwingt ihn hoch, haut zu. Ein breiter Riß Klafft auf des Priesters Kopf, der rückwärts fällt. Und es erfriert sein Schrei auf dem Gebiß, Das er im Tode weit noch offen hält.
Die Schläfer
Jakob van Hoddis gewidmet
Es schattet dunkler noch des Wassers Schoß, Tief unten brennt ein Licht, ein rotes Mal Am schwarzen Leib der Nacht, wo bodenlos Die Tiefe sinkt. Und auf dem dunklen Tal,
Mit grünem Fittich auf der dunklen Flut Flattert der Schlaf, der Schnabel dunkelrot, Drin eine Lilie welkt, der Nacht Salut, Den Kopf von einem Greise gelb und tot.
Er schüttelt seine Federn wie ein Pfau. Die Träume wandern wie ein lila Hauch Um seine Schwinge, wie ein blasser Tau. In ihre Wolke taucht er, in den Rauch.
Die großen Bäume wandern durch die Nacht Mit langem Schatten, der hinüber läuft Ins weiße Herz der Schläfer, die bewacht Der kalte Mond, der seine Gifte träuft
Wie ein erfahrner Arzt tief in ihr Blut. Sie liegen fremd einander, stumm, im Haß Der dunklen Träume, in verborgner Wut. Und ihre Stirn wird von den Giften blaß.
Der Baum von Schatten klammert um ihr Herz Und senkt die Wurzeln ein. Er steigt empor Und saugt sie aus. Sie stöhnen auf vor Schmerz. Er ragt herauf, am Turm der Nacht, am Tor
Der blinden Stille. In die Zweige fliegt Der Schlaf. Und seine kalte Schwinge streift Die schwere Nacht, die auf den Schläfern liegt Und ihre Stirn mit Qualen weiß bereift.
Er singt. Ein Ton von krankem Violett Stößt an den Raum. Der Tod geht. Manches Haar Streicht er zurück. Ein Kreuz, Asche und Fett, So malt er seine Frucht im welken Jahr.
Die Dämonen der Städte
Sie wandern durch die Nacht der Städte hin, Die schwarz sich ducken unter ihrem Fuß. Wie Schifferbärte stehen um ihr Kinn Die Wolken schwarz vom Rauch und Kohlenruß.
Ihr langer Schatten schwankt im Häusermeer Und löscht der Straßen Lichterreihen aus. Er kriecht wie Nebel auf dem Pflaster schwer Und tastet langsam vorwärts Haus für Haus.
Den einen Fuß auf einen Platz gestellt, Den anderen gekniet auf einen Turm, Ragen sie auf, wo schwarz der Regen fällt, Panspfeifen blasend in den Wolkensturm.
Um ihre Füße kreist das Ritornell Des Städtemeers mit trauriger Musik, Ein großes Sterbelied. Bald dumpf, bald grell Wechselt der Ton, der in das Dunkel stieg.
Sie wandern an dem Strom, der schwarz und breit Wie ein Reptil, den Rücken gelb gefleckt Von den Laternen, in die Dunkelheit Sich traurig wälzt, die schwarz den Himmel deckt.
Sie lehnen schwer auf einer Brückenwand Und stecken ihre Hände in den Schwarm Der Menschen aus, wie Faune, die am Rand Der Sümpfe bohren in den Schlamm den Arm.
Einer steht auf. Dem weißen Monde hängt Er eine schwarze Larve vor. Die Nacht, Die sich wie Blei vom finstern Himmel senkt, Drückt tief die Häuser in des Dunkels Schacht.
Der Städte Schultern knacken. Und es birst Ein Dach, daraus ein rotes Feuer schwemmt. Breitbeinig sitzen sie auf seinem First Und schrein wie Katzen auf zum Firmament.
In einer Stube voll von Finsternissen Schreit eine Wöchnerin in ihren Wehn. Ihr starker Leib ragt riesig aus den Kissen, Um den herum die großen Teufel stehn.
Sie hält sich zitternd an der Wehebank. Das Zimmer schwankt um sie von ihrem Schrei, Da kommt die Frucht. Ihr Schoß klafft rot und lang Und blutend reißt er von der Frucht entzwei.
Der Teufel Hälse wachsen wie Giraffen. Das Kind hat keinen Kopf. Die Mutter hält Es vor sich hin. In ihrem Rücken klaffen Des Schrecks Froschfinger, wenn sie rückwärts fällt.
Doch die Dämonen wachsen riesengroß. Ihr Schläfenhorn zerreißt den Himmel rot. Erdbeben donnert durch der Städte Schoß Um ihren Huf, den Feuer überloht.
Berlin VIII
Schornsteine stehn in großem Zwischenraum Im Wintertag, und tragen seine Last, Des schwarzen Himmels dunkelnden Palast. Wie goldne Stufe brennt sein niedrer Saum.
Fern zwischen kahlen Bäumen, manchem Haus, Zäunen und Schuppen, wo die Weltstadt ebbt, Und auf vereisten Schienen mühsam schleppt Ein langer Güterzug sich schwer hinaus.
Ein Armenkirchhof ragt, schwarz, Stein an Stein, Die Toten schaun den roten Untergang Aus ihrem Loch. Er schmeckt wie starker Wein.
Sie sitzen strickend an der Wand entlang, Mützen aus Ruß dem nackten Schläfenbein, Zur Marseillaise, dem alten Sturmgesang.
Die Züge
Rauchwolken, rosa, wie ein Frühlingstag, Die schnell der Züge schwarze Lunge stößt, Ziehn auf dem Strom hinab, der riesig flößt Eisschollen breit mit Stoß und lautem Schlag.
Der weite Wintertag der Niederung Glänzt fern wie Feuer rot und Gold-Kristall Auf Schnee und Ebenen, wo der Feuerball Der Sonne sinkt auf Wald und Dämmerung.
Die Züge donnern auf dem Meilendamme, Der in die Wälder rennt, des Tages Schweif. Ihr Rauch steigt auf wie eine Feuerflamme,
Die hoch im Licht des Ostwinds Schnabel zaust, Der, goldgefiedert, wie ein starker Greif, Mit breiter Brust hinab gen Abend braust.
Der Gott der Stadt
Auf einem Häuserblocke sitzt er breit. Die Winde lagern schwarz um seine Stirn. Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit Die letzten Häuser in das Land verirrn.
Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal, Die großen Städte knien um ihn her. Der Kirchenglocken ungeheure Zahl Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.
Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik Der Millionen durch die Straßen laut. Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.
Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen. Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt. Die Stürme flattern, die wie Geier schauen Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.
Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust. Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.
Die Gefangenen II
Den harten Weg entlang im kurzen Trab Zieht sich der Sträflingstrupp, der heim marschiert Durch kahle Felder in das große Grab, Das wie ein Schlächterblock ins Graue stiert.
Sturm singt. Wind pfeift. Vor ihnen weht und irrt Ein Haufe alter Blätter kunterbunt. Die Wächter schließen ihren Zug. Es klirrt An ihrem Rock das große Schlüsselbund.
Das breite Tor geht auf im Riesenbau Und wieder zu. Des Tages roter Rost Bedeckt den Westen. Trübe in dem Blau Zittert ein Stern im bittern Winterfrost.
Und ein paar Bäume stehn den Weg entlang Im halben Licht verkrüppelt und beleibt. Wie schwarz aus einer Stirn gekrümmt und krank Ein starkes Horn steht und nach oben treibt.
Der fliegende Holländer
I
Wie Feuerregen füllt den Ozean Der schwarze Gram. Die großen Wogen türmt Der Südwind auf, der in die Segel stürmt, Die schwarz und riesig flattern im Orkan.
Ein Vogel fliegt voraus. Sein langes Haar Sträubt von den Winden um das Haupt ihm groß. Der Wasser Dunkelheit, die meilenlos, Umarmt er riesig mit dem Schwingenpaar.
Vorbei an China, wo das gelbe Meer Die Drachendschunken vor den Städten wiegt, Wo Feuerwerk die Himmel überfliegt Und Trommeln schlagen um die Tempel her.
Der Regen jagt, der spärlich niedertropft Auf seinen Mantel, der im Sturme bläht. Im Mast, der hinter seinem Rücken steht, Hört er die Totenuhr, die ruhlos klopft.
Die Larve einer toten Ewigkeit Hat sein Gesicht mit Leere übereist. Dürr, wie ein Wald, durch den ein Feuer reist. Wie trüber Staub umflackert es die Zeit.
Die Jahre graben sich der Stirne ein, Die wie ein alter Baum die Borke trägt. Sein weißes Haar, das Wintersturmwind fegt, Steht wie ein Feuer um der Schläfen Stein.
Die Schiffer an den Rudern sind verdorrt, Als Mumien schlafen sie auf ihrer Bank. Und ihre Hände sind wie Wurzeln lang Hereingewachsen in den morschen Bord.
Ihr Schifferzopf wand sich wie ein Barett Um ihren Kopf herum, der schwankt im Wind. Und auf den Hälsen, die wie Röhren sind, Hängt jedem noch ein großes Amulett.
Er ruft sie an, sie hören nimmermehr. Der Herbst hat Moos in ihrem Ohr gepflanzt, Das grünlich hängt und in dem Winde tanzt Um ihre welken Backen hin und her.
II
Dich grüßt der Dichter, düsteres Phantom, Den durch die Nacht der Liebe Schatten führt, Im unterirdisch ungeheuern Dom, Wo schwarzer Sturm die Kirchenlampe schürt,
Die lautlos flackert, ein zerstörtes Herz, Von Qual durchlöchert, und die Trauer krankt Im Tode noch in seinem schwarzen Erz. An langen Ketten zittert es und schwankt.
Sein roter Schein flammt über Gräber hin. An dem Altare kniet ein Ministrant, Zwei Dolche in der offnen Brust. Darin Noch schwelt und steigt trostloser Liebe Brand.
Durch schwarze Stollen flattert das Gespenst. Er folgt ihm blind, wo schwarze Schatten fliehn, Den Mond an seiner Stirn, der trübe glänzt, Und Stimmen hört er, die vorüberziehn
Im hohlen Grund, der von den Qualen schwillt, Mit dumpfem Laut. Ein ferner Wasserfall Pocht an der Wand, und bittre Trauer füllt Wie ein Orkan der langen Treppen Fall.
Fern kommt ein Zug von Fackeln durch ein Tor, Ein Sarg, der auf der Träger Schultern bebt Und langsam durch den langen Korridor In trauriger Musik vorüberschwebt.
Wer ruht darin? Wer starb? Der matte Ton Der Flöten wandert durch die Gänge fort. Ein dunkles Echo ruft er noch, wo schon Die Stille hockt an dem versunknen Ort.
Das Grau der Mitternacht wird kaum bedeckt Von einer gelben Kerze, und es saust Der Wind die Gänge fort, der bellend schreckt Den Staub der Grüfte auf, der unten haust.
Maßlose Traurigkeit. In Nacht allein Verirrt der Wandrer durch den hohen Flur, Wo oben in der dunklen Wölbung Stein Gestirne fliehn in magischer Figur.
Die Heimat der Toten
I
Der Wintermorgen dämmert spät herauf. Sein gelber Turban hebt sich auf den Rand Durch dünne Pappeln, die im schnellen Lauf Vor seinem Haupte ziehn ein schwarzes Band.
Das Rohr der Seen saust. Der Winde Pfad Durchwühlt es mit dem ersten Lichte grell. Der Nordsturm steht im Feld wie ein Soldat Und wirbelt laut auf seinem Trommelfell.
Ein Knochenarm schwingt eine Glocke laut. Die Straße kommt der Tod, der Schifferknecht. Um seine gelben Pferdezähne staut Des weißen Bartes spärliches Geflecht.
Ein altes totes Weib mit starkem Bauch, Das einen kleinen Kinderleichnam trägt. Er zieht die Brust wie einen Gummischlauch, Die ohne Milch und welk herunterschlägt.
Ein paar Geköpfte, die vom kalten Stein Im Dunkel er aus ihren Ketten las. Den Kopf im Arm. Im Eis den Morgenschein, Das ihren Hals befror mit rotem Glas.
Durch klaren Morgen und den Wintertag Mit seiner Bläue, wo wie Rosenduft Von gelben Rosen, über Feld und Hag Die Sonne wiegt in träumerischer Luft.
Ein alter Schädel flattert aus der Gruft, Mit einem feuerroten Haar beschwingt, Das um sein Kinn, hoch oben in der Luft, Der Wind zu feuriger Krawatte schlingt.
Die leere Grube lacht aus schwarzem Mund Sie freundlich an. Die Leichen fallen um Und stürzen in den aufgerissenen Schlund. Des Grabes Platte überschließt sie stumm.
II
Die Lider übereist, das Ohr verstopft Vom Staub der Jahre, ruht ihr eure Zeit. Nur manchmal ruft euch noch ein Traum, der klopft Von fern an eure tote Ewigkeit,
In einem Himmel, der wie Schnee so fahl Und von dem Zug der Jahre schon versteint. Auf eurem eingefallenen Totenmal Wird eine Lilie stehn, die euch beweint.
Der Märznacht Sturm wird euren Schlaf betaun. Der große Mond, der in dem Osten dampft, Wird tief in eure leeren Augen schaun, Darin ein großer, weißer Wurm sich krampft.
So schlaft ihr fort, vom Flötenspiel gewiegt Der Einsamkeit, im späten Weltentod, Da über euch ein großer Vogel fliegt Mit schwarzem Flug ins gelbe Abendrot.
Des goldenen Tages Brücke spannt sich weit Und tönt wie einer großen Leier Ton. Die Pappeln rauschen mit dem Trauerkleid Die Straße fort, wo weit der Abend schon
Mit Silberbächen überschwemmt das Land, Und grenzenlos die ferne Weite brennt. Die Dämmerung steigt wie ein dunkler Brand Den Zug entlang, der in die Himmel rennt.
Ein Totenhain, und Lorbeer, Baum an Baum, Wie grüne Flammen, die der Wind bewegt. Sie flackern riesig in den Himmelsraum, Wo schon ein blasser Stern die Flügel schlägt.
Wie große Gänse auf dem Säulenschaft Sitzt der Vampire Volk und friert im Frost. Sie prüfen ihrer Eisenkrallen Kraft Und ihre Schnäbel an der Kreuze Rost.
Der Efeu grüßt die Toten an dem Tor, Die bunten Kränze winken von der Wand. Der Tod schließt auf. Sie treten schüchtern vor, Verlegen drehend die Köpfe in der Hand.
Der Tod tritt an ein Grab und bläst hinein. Da fliegen Schädel aus der Erde Schoß Wie große Wolken aus dem Leichenschrein, Die Bärte tragen rund von grünem Moos.
Schwarze Visionen
An eine imaginäre Geliebte
I
Du ruhst im Dunkel trauriger Askesen In deinem weißen Tuch, ein Eremit, Und deine Locken, die in Nacht verwesen, Bedecken tief dein eingesunknes Lid.
Auf deinen Lippen gruben sich die Male Der toten Küsse schon in Trichtern ein. Die ersten Würmer tanzen um das fahle Vom Grubenwasser bleiche Schläfenbein.
Wie Ärzte stechen lang sie die Pinzette Der Rüssel, die im Fleische Wurzel schlägt. Du jagst sie nicht von deinem Totenbette, Du bist verflucht, zu leiden unbewegt.
Des schwarzen Himmels große Grabesglocke Dreht trüb sich rund um deine Winterzeit. Und es erstickt der Schneefall, dicke Flocke, Was unten in den Gräbern weint und schreit.
II
Der großen Städte nächtliche Emporen Stehn rings am Rand, wie gelbe Brände weit. Und mit der Fackel scheucht aus ihren Toren Der Tod die Toten in die Dunkelheit.
Sie fahren aus wie großer Rauch und schwirren Mit leisen Klagen durch das Distelfeld. Am Kreuzweg hocken sie zuhauf und irren Den Heimatlosen gleich in schwarzer Welt.
Sie schaun zurück von einem kahlen Baume, Auf den der Wind sie warf. Doch ihre Stadt Ist zu für sie. Und in dem leeren Raume Treibt Sturm sie um den Baum, wie Vögel matt.
Wo ist die Totenstadt? Sie wollen schlafen. Da tut sich auf im ernsten Abendrot Die Unterwelt, der stillen Städte Hafen, Wo schwarze Segel ziehen, Boot an Boot.
Und schwarze Fahnen wehn die langen Gassen Der ausgestorbnen Städte, die verstummt Im Fluch von weißen Himmeln und verlassen, Wo ewig eine stumpfe Glocke brummt.
Die schwarzen Brücken werfen ungeheuer Die Abendschatten auf den dunklen Strom. Und riesiger Lagunen rotes Feuer Verbrennt die Luft mit purpurnem Arom.
Kanäle alle, die die Stadt durchschwimmen, Sind von den Lilienwäldern sanft umsäumt. Am Bug der Kähne, wo die Lampen glimmen, Stehn groß die Schiffer, und der Abend träumt
Wie zarte goldene Kronen um die Stirnen. Der tiefen Augen dunkler Edelstein Umschließt des hohen Himmels blasse Firnen, Wo weidet schon der Mond im grünen Schein.
Die Toten schaun aus ihrem Winterbaume Den Schläfern zu in ihrem sanften Reich. Und das Verlangen faßt sie nach dem Saume Des roten Himmels und dem Abend weich.
Da stürzt sie Hermes, der die Nacht erschüttert Mit starkem Flug, ein bläulicher Komet, Den Grund herab, der meilentief erzittert, Da singend ihn der Toten Zug durchweht.
Sie nahn den Städten, da sie wohnen sollen, Draus goldne Winde gehn im Abendflug. Der Tore Amethyst im tiefen Stollen Küßt ihrer Reiherschwingen langer Zug.
Die Silberstädte, die im Monde glühen, Umarmen sie mit ihres Sommers Pracht, Wo schon im Ost wie große Rosen blühen Die Morgenröten in die Mitternacht.
III
Sie grüßen dich in deinem schwarzen Sarge Und flattern über dich wie Frühlingswind. Wie Nachtigallen rühren sie das karge, Wachsbleiche Haupt mit ihren Klagen lind.
Mit Sammethänden wollen sie dich grüßen Von meiner Qual. Und wie ein Weinblatt rot, So taumeln ihre Küsse dir zu Füßen, Und ziehn wie Tauben sanft um deinen Tod.
Sie schwingen über dir die Fackelbrände, Die furchtbar wecken auf die schwarze Nacht. Sie geben dir in deine weißen Hände Tränen von Stein, die ich dir dargebracht.
Sie laden Düfte aus den Duft-Amphoren Und überschütten dich mit Ambra ganz. Dein schwarzes Haar steht auf, an Himmels Toren, Wie eines Sterngewölkes dünner Glanz.
Sie werden große Pyramiden bauen, Darauf sie türmen deinen schwarzen Schrein. Dann wirst du in die wilde Sonne schauen, Die in dein Blut stürzt wie ein dunkler Wein.
IV
Die Sonne, die mit Blumen sich beleuchtet, Stößt wie ein Aar zu deinen Häupten weit, Und ihrer Purpurlippen Traum befeuchtet Mit Tränentau dein weißes Totenkleid.
Dann nimmst dein Herz du aus den weißen Brüsten Und zeigst es rings dem stillen Heiligtum. Und deine stolze Flamme rührt die Küsten Des Himmels an, die werfen deinen Ruhm
Ins Meer der Toten aus wie starke Wellen. Die großen Schiffe schwimmen um dich her, Um deinen Turm, und ihre Lieder schwellen Wie Abendwolken sanft vom großen Meer.
Und was ich dir in meinen Träumen sage, Das schrein die Priester aus mit Tuba-Ton. Der Meere dunkle Buchten füllt die Klage Um dich wie Schilfrohr sanft und schwarzer Mohn.
V
Getrübt bescheint der Mond die stumme Fläche, Wie ein Korund, der tief im Grunde glüht. In deiner Locken dunkle Flammenbäche Verliebt, verweilt er auf den Städten müd.
Dann kommen alle Toten aus den Grüften Und ziehn um dich in langer Prozession. Von rosa Glase flattern in den Lüften Die Schatten, die von innern Flammen lohn.
VI
Du zogst voraus nach dem geheimen Reiche. Ich folge dir dereinst, du Trauerbild, Und halte ewig deine Hand, die bleiche, Die meiner Küsse blasse Lilie füllt.
Dann überschwemmen lange Ewigkeiten Der Himmel Mauern und das tote Land, Die, große Schatten, in den Westen schreiten, Wo ehern ruht der Horizonte Wand.
Columbus
12. Oktober 1492
Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere, Drauf Winde stürmen hin mit schwarzem Schall. Nicht mehr der großen Horizonte Leere, Draus langsam kroch des runden Mondes Ball.
Schon fliegen große Vögel auf den Wassern Mit wunderbarem Fittich blau beschwingt. Und weiße Riesenschwäne mit dem blassern Gefieder sanft, das süß wie Harfen klingt.
Schon tauchen andre Sterne auf in Chören, Die stumm wie Fische an dem Himmel ziehn. Die müden Schiffer schlafen, die betören Die Winde, schwer von brennendem Jasmin.
Am Bugspriet vorne träumt der Genueser In Nacht hinaus, wo ihm zu Fußen blähn Im grünen Wasser Blumen, dünn wie Gläser, Und tief im Grund die weißen Orchideen.
Im Nachtgewölke spiegeln große Städte, Fern, weit, in goldnen Himmeln wolkenlos, Und wie ein Traum versunkner Abendröte Die goldnen Tempeldächer Mexikos.
Das Wolkenspiel versinkt im Meer. Doch ferne Zittert ein Licht im Wasser weiß empor. Ein kleines Feuer, zart gleich einem Sterne. Dort schlummert noch in Frieden Salvador.
Verfluchung der Städte V
Ihr seid verflucht. Doch eure Süße blüht Wie eines herben Kusses dunkle Frucht, Wenn Abend warm um eure Türme sprüht, Und weit hinab der langen Gassen Flucht.
Dann zittern alle Glocken allzumal In ihrem Dach, wie Sonnenblumen welk. Und weit wie Kreuze wächst in goldner Qual Der hohen Galgen düsteres Gebälk.
Die Toten schaukeln zu den Glockenklängen Im Wind, der ihre schwarzen Leichen schwenkt, Wie Fledermäuse, die im Baume hängen, Die Toten, die der Abend übersengt.
Und wie ein Meer von Flammen ragt die Stadt Wo noch der West wie rotes Eisen glänzt, In den die Sonne, wie ein Stierhaupt glatt, Die Hörner streckt, [die dunkles] Blut bekränzt.
Die blinden Frauen
Die Blinden gehn mit ihren Wärterinnen, Schwarze Kolosse, Moloche aus Ton, Die Sklaven vorwärts ziehn. Und sie beginnen Ein Blindenlied mit lang gezogenem Ton.
Sie ziehn wie Chöre auf mit starkem Schritte, Im Eisenhimmel, der sie kalt umspannt. Der Wind türmt auf der großen Schädel Mitte Ihr graues Haar wie einen Aschenbrand.
Sie tasten sich an ihrem großen Stabe Die lange Straße auf zu ihrem Kamm. Auf ihrer ungeheuren Stirnen Grabe Brennt eines dunklen Gottes Pentagramm.
Der Abend hängt wie eine Feuertonne Am Horizont auf einem Pappelbaum. Der Blinden Arme stechen in die Sonne Wie Kreuze schwarz am frohen Himmelssaum.
Das infernalische Abendmahl
I
Ihr, denen ward das Blut vor Trauer bleich, Ihr, die der Sturm der Qualen stets durchrast, Ihr, deren Stirn der Lasten weites Reich, Ihr, deren Auge Kummer schon verglast,
Ihr, denen auf der jungen Schläfe brennt Wie Aussatz schon das große Totenmal, Tretet heran, empfangt das Sakrament Verfluchter Hostien in dem Haus der Qual.
Besteigt die Brücke auf dem schwarzen Fluß, Darüber wallet der Verfluchten Schar. Und dunkel grüßt euch groß der Portikus, Durch den in Dämmrung glänzt der Hochaltar,
Den tausend Kerzen schmücken, die von Blut Und Fett der Ungebornen sind gedreht. Wo Knochen hängen, und der rote Sud Teuflischen Weihrauchs euch entgegenweht.
Wo Priester in der höllischen Soutane In Reihen knien, zu hellem Meßgeläut, Wo von den Kanzeln Fahne über Fahne Wie rote Höllenflamme euch bedräut.
Ein nackter Abt bläht vor dem Götterbild Den feisten Bauch, da er die Messe singt. Er greift den Kelch, mit rotem Blut gefüllt, Den hoch er auf das Haupt der Menge schwingt.
»Trinket mein Blut.« Er trinkt den Becher leer, Der in sein Herz wie rote Lava quillt. Sein Gaumen leuchtet wie ein rotes Meer, Der von dem Glanz des Götterblutes schwillt.
Auf euren Schläfen, wo der Horst der Qual, Die schwarze Bastion der Hölle droht, Springt eine Flamme auf, die spitz und schmal Wie der Skorpione schwarze Zunge loht.
Nachtschwarze Wolken drängen in den Dom Voll Sturm und Blitzen durch das große Tor. Ein Wetter tost. Im schwarzen Regenstrom Versinkt der Orgel Ton im fernen Chor.
Die Gräber springen auf. Der Toten Hand Streckt weiß und kalt die Knochenfinger aus. Sie winken euch aus ihrem dunklen Land. Und ihr Geschrei erfüllt das Riesenhaus.
Die Fliesen brechen auf. Und Lethe braust Tief unten über einen Wasserfall. Der Abgrund schwindelt Meilen tief und saust Voll ungeheurer Stürme weitem Hall.
Die Höllensöhne fahren ihn herab Mit schwarzem Takelwerk durch den Typhon. Sie schauen singend in das weite Grab Vom Totenkopfe ihrer Schiffs-Galion.
II
Hoch wo das Dunkel seine Schatten türmt Durch Ewigkeiten fern vom Grund der Qual, Hoch oben, wo im Dom der Regen stürmt, Erscheint des Gottes Haupt, wie Morgen fahl.
Die weiten Kirchen füllt der Sphären Traum Voll Schweigen, das wie leise Harfen klingt, Da, wie der Mond vom großen Himmelsraum, Des Gottes weißes Haupt heruntersinkt.
Tretet heran. Sein Mund ist süß wie Frucht, Sein Blut ist, wie der Wein, langsam und schwer. Auf seiner Lippen dunkelroter Bucht Wiegt blaue Glut von fernem Sommermeer.
Tretet heran. Wie Flaum von Faltern zart, Wie eines jungen Sternes goldne Nacht, Zittert sein Mund, in seinem goldnen Bart, Wie Chrysolith in einem tiefen Schacht.
Tretet heran. Wie einer Schlange Haut So kühl ist er, weich wie ein Purpurkleid, Wie Abendrot so sanft, das übergraut Brennender Liebe wildes Herzeleid.
Der Gram gefallner Engel ruht, ein Traum, Auf seiner Stirn, der Qualen weißem Thron, Wie Schläfer traurig, denen floh zum Saum Des blassen Morgens ihre Vision.
Tiefer als tausend leere Himmel tief Ist seine Schwermut, wie die Hölle schön, Wo in den roten Abgrund sich verlief Ein bleicher Sonnenstrahl aus Mittagshöhn.
Sein Leid ist wie ein Leuchter in der Nacht, Schauet die Flamme, die sein Haupt umloht, Und doppelhörnig in der düstren Pracht Aus seinem Lockenwald ins Dunkel droht.
Sein Leid ist wie ein Teppich, drauf die Schrift Der Kabbalisten brennt durch Dunkelheit, Ein Eiland, dem ‹vorbei› ein Segler schifft, Wenn in den Bergen fern das Einhorn schreit.
Sein Leib trägt eines Schattenwaldes Duft, Wo großer Sümpfe Trauervögel ziehn, Ein König, der durch seiner Ahnen Gruft Nachdenklich geht in weißem Hermelin.
Tretet heran, entflammt von seinem Gram. Trinkt seinen Atem, der so kühl wie Eis, Der über tausend Paradiese kam, Voll Duft, der jeden Kummer weiß.
Er lächelt, seht. Und eurer Seele Bild Wird wie ein Weiher, der im Schilfe schweigt, Wo leis des Hirtengottes Flöte schwillt, Der durch die Lorbeerschlucht heruntersteigt.
Schlaft ein. Die Nacht, die schwarz im Dome hängt, Verlöscht die Lampen an dem Hochaltar. Der große Adler seines Schweigens senkt Auf eure Stirn sein dunkles Schwingenpaar.
Schlaft, schlaft. Des Gottes dunkler Mund, er streift Euch herbstlich kühl, wie kalter Gräber Wind, Darauf des falschen Kusses Blume reift, Wie Mehltau giftig, gelb wie Hyazinth.
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