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Arme Lieder
O dass er käme, jener Fürst der Liebe, Der von dem Haupt die goldne Krone legt Und, dass kein Herz verarmt und dürftig bliebe, Den goldnen Reif zu frommen Münzen prägt, Der seinen Purpurmantel voll Erbarmen Zu Windeln theilte für die Brut der Armen! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ein schöner Traum! Er wird sich nicht erfüllen, Doch blickt er schön aus rothem Dämmerlicht. Es taugt, die Noth der Erde zu verhüllen, Die Blumenpracht von hundert Lenzen nicht, Allein so lang noch ird'sche Lenze dauern, Wird der Poet mit dem Enterbten trauern. Alfred Meissner
1. Meine Nachbarschaft
Mein Fenster schaut auf einen düstern Hof, Auf schmutzge Dächer und auf russge Mauern, Doch wer wie ich ein Stückchen Philosoph, Lässt darum sich noch lange nicht bedauern. Ein wenig Luft, ein wenig Sonnenlicht Dringt schliesslich auch durch seine trüben Scheiben, Zu hungern und zu frieren brauch ich nicht Und all mein Thun ist nur ein wenig Schreiben.
Ein wenig Schreiben, wenn ich stundenlang Mich einlas in die Wunderwelt der Alten, Bis endlich, endlich es auch mir gelang, Was ich gefühlt, zum Wohllaut zu gestalten. Dann fliesst es um mich wie ein Heilgenschein, Und mir im Herzen bauen sich Altäre; So könnt ich glücklich und zufrieden sein, Wenn ach, nur meine Nachbarschaft nicht wäre!
Kein Schwärmer ist es, der die Flöte liebt Und auf ihr nur "des Sommers letzte Rose", Kein Tanzgenie, das ewig Stunden giebt, Auch kein klavierverrückter Virtuose: Ein armer Schuster nur, der nächtens flickt, Wenn längst aufs Dach herab die Sterne scheinen, Indess sein Weib daneben sitzt und strickt Und seine Kinderchen vor Hunger weinen!
O Gott, wie oft nicht schon hat dieser Laut Mich mitten aus dem tiefsten Schlaf gerüttelt! Und wenn ich halbwach dann mich umgeschaut, Hat wild es wie ein Fieber mich geschüttelt. Des Mädchens Schluchzen und des Knaben Schrei Und ganz zuletzt des Säuglings leises Wimmern - Mir war's, als hörte ich dann nebenbei Drei kleine, kleine schwarze Bettlein zimmern.
Mir war's, als rollte dumpf dann vor das Haus Der nur zu wohlbekannte Armenwagen Und jene Bettlein trugen sie hinaus Und luden sie in seinen düstern Schragen. Der Kutscher aber nahm noch einen Schluck Und peitschte fluchend seine magren Schinder Und übers Pflaster dann ging's Ruck auf Ruck, Doch ach, noch immer wimmerten die Kinder!
Und immer, immer noch klang's mir im Ohr, Wenn schon der Morgen durch das Fenster blickte, Und mir ums Auge hing einen Thränenflor, Wenn ich dann stumm mein Tagewerk beschickte. Was half mir nun mein "Stückchen Philosoph"? In Trümmer fiel, was ich so luftig baute! Doch that's das Haus nicht, nicht der düstre Hof, Nein, nur die abgebrochnen Kindeslaute! -
Die Armuth bettelt um ein Stückchen Brot, Doch herzlos lässt der Reichthum sie verhungern Millionen tritt die Goldgier in den Koth, Und Einen einzigen nur lässt sie lungern. In seidne Betten wühlt sie ihn hinein, Wenn er beim Sect sich endlich ausgeplappert, Indess beim flackernden Laternenschein Das bleiche Elend mit den Zähnen klappert.
O Gott, warum dies alles, o warum? Wie Centnerlast drückt mich die Frage nieder! In meinen Reimen geht sie heimlich um Und ächzt und stöhnt durch meine armen Lieder. Was bleibt mir noch auf diesem Erdenball? Denn auch die Kunst, längst stieg sie vom Kothurne! Einst schlug mein Herz wie eine Nachtigall, Doch ach, nun gleicht es einer Thränenurne!
2. Een Boot is noch buten!
"Ahoi! Klaas Nielsen und Peter Jehann! Kiekt nach, ob wi noch nich to Mus sind! Ji hewt doch gesehn dem Klabautermann? Gott Lob, dat wi wedder to Hus sind!" Die Fischer riefen's und stiessen ans Land Und zogen die Kiele bis hoch auf den Strand, Denn dumpf an rollten die Fluthen; Han Jochen aber rechnete nach Und schüttelte finster sein Haupt und sprach: "Een Boot is noch buten!"
Und ernster keuchte die braune Schaar Dem Dorf zu über die Dünen, Schon grüssten von fern mit zerwehtem Haar Die Frau'n an den Gräbern der Hünen. Und "Korl!" hiess es und "Leiw Marie!" "'T is doch man schön, dat ji wedder hie!" Dumpf an rollten die Fluthen - "Un Hinrich, min Hinrich? Wo is denn dee?!" Und Jochen wies in die brüllende See: "Een Boot is noch buten!"
Am Ufer dräute der Möwenstein, Drauf stand ein verrufnes Gemäuer, Dort schleppten sie Werg und Strandholz hinein Und gossen Oel in das Feuer. Das leuchtete weit in die Nacht hinaus Und sollte rufen: O komm nach Haus! Dumpf an rollen die Fluthen - Hier steht Dein Weib in Nacht und Wind Und jammert laut auf und küsst Dein Kind: "Een Boot is noch buten!"
Doch die Nacht verrann und die See ward still Und die Sonne schien in die Flammen, Da schluchzte die Aermste: "As Gott will!" Und bewusstlos brach sie zusammen! Sie trugen sie heim auf schmalem Brett, Dort liegt sie nun fiebernd im Krankenbett Und draussen plätschern die Fluthen; Dort spielt ihr Kind, ihr "lütting Jehann", Und lallt wie träumend dann und wann: "Een Boot is noch buten!" -
3. So Einer war auch Er!
Liegt ein Dörflein mitten im Walde, Ueberdeckt vom Sonnenschein, Und vor dem letzten Haus an der Halde Sitzt ein steinalt Mütterlein. Sie lässt den Faden gleiten Und Spinnrad Spinnrad sein Und denkt an die alten Zeiten Und nickt und schlummert ein.
Heimlich schleicht sich die Mittagsstille Durch das flimmernde, grüne Revier. Alles schläft; selbst Drossel und Grille Und vorm Pflug der müde Stier. Da plötzlich kommt es gezogen Blitzend den Wald entlang Und vor ihm hergeflogen Trommel und Pfeifenklang.
Und in das Lied vom alten Blücher Jauchzen die Dörfler: Sie sind da! Und die Mädels schwenken die Tücher Und die Jungens rufen: Hurrah! Gott schütze die goldnen Saaten, Dazu die weite Welt; Des Kaisers junge Soldaten Ziehn wieder ins grüne Feld!
Sieh, schon schwenken sie um die Halde, Wo das letzte der Häuschen lacht! Schon verschwinden die ersten im Walde Und das Mütterchen ist erwacht Versunken in tiefes Sinnen, Wird ihr das Herz so schwer Und ihre Thränen rinnen: "So Einer war auch Er!"
4. Ein Herz, das zersprungen
Den Menschen fernab In Sammt und in Trauer Liegt einsam ein Grab, Ein Grab an der Mauer.
Kein Marmorstein deckt Den sinkenden Hügel, Doch drüberhin reckt Ein Baum seine Flügel.
Ein Christuskreuz sieht Aus blühendem Flieder Und manchmal auch kniet Ein Weib davor nieder.
Und gestern, als sacht Ich vorübergegangen, Da gab ich drauf Acht, Was die Vögel dort sangen.
Ich lauschte und sieh, Da war es die alte, Die Schmerzmelodie, Die noch niemals verhallte:
Ein Baum, der verblüht, Ein Ton, der verklungen, Ein Stern, der verglüht, Ein Herz, das zersprungen!
5. Nachtstück
Längst fiel von den Bäumen Das letzte Blatt, In Schlaf und Träumen Liegt nun die Stadt; Die Fenster verdunkeln Sich Haus an Haus Und drüberhin funkeln Die Sterne sich aus; Kalt weht es vom Strom her, Der Eisgang kracht, Und drüben vom Dom her Dröhnt's Mitternacht. Ich aber schleppe mich zitternd nach Haus - Der Nordwind bläst die Laternen aus!
Was half's, dass ich klagend Die Gassen durchlief Und mitleidverzagend "Hier Rosen!" ausrief? "Hier Rosen, o Rosen! Wer kauft einen Strauss?" Doch die Herren Studiosen Lachten mich aus! Und keiner, keiner .... Dass Gott erbarm! O unsereiner Ist gar zu arm! Mir wanken die Kniee, mein Herzblut gerinnt - O Gott, mein Kind, mein armes Kind!
In stockdunkler Kammer, Verhungert, verthiert! Schon packt mich der Jammer: "Ach Muttchen, mich friert! Ach bitte, bitte Ein Stückchen Brot!" Mir ist es, als litte Ich gleich den Tod! Mir ist es, als müsste Ich schreien: "Fluch!" - O dass ich dich küsste Durchs Leichentuch! Dann wär es vorbei und sie scharrten dich ein Und ich trüg es allein, o Gott, allein .....
6. Weder Glück noch Stern!
Es war ein Narr! sprach mitleidslos die Welt, Ein Träumer! milderte die Nachbarschaft Und nur sein Herzfreund sprach: Er war ein Dichter!
Vor seinem Krankenlager aber sass Die bleiche Schwester der Barmherzigkeit Und blickte sinnend auf ein Blatt Papier, Das gestern erst der flinke Telegraph, Mit seinen krausen Zügen überdeckt, Und nur mit Mühe konnte sie entziffern: "Ihr erstes Stück! Ein Sensationserfolg! Berühmt mit einem Schlag! Wir gratuliren!" Er aber, dem dies kleine Blatt Papier Die heissersehnte Botschaft künden sollte: Glück auf, nun hast du nicht umsonst gelebt - Er schlief und sah es nicht, denn er war todt. Der dunkle Winterabend warf sein Licht Kalt durch die zugefrornen Fensterscheiben Und spielte zitternd um ein Frauenbild, Das auf die bleiche Stirn des todten Dulders Unsäglich schön und mitleidsvoll herabsah.
Darunter aber wand ein welker Kranz Sich grün um ein vergilbtes Atlasband; Drauf stand, voreinst von Freundeshand geschrieben, Das Sprüchlein: Lorbeerbaum und Bettelstab!
7. Ninon
Ninon heisst sie. Ihre Mutter Handelt nachts mit Apfelsinen An der Weidendammer Brücke. Doch sie selbst ist Kammerkätzchen.
Stöckelschühchen. Sehr kokett. Sehr kokett sitzt auch ihr Häubchen, Das auf ihrem krausen Köpfchen Weiss und niedlich balanciert.
Doch der kleine Marmorschlingel, Der dem Spiegel vis-a-vis Grad vor einem Makartstrauss hockt, Lässt sich dadurch nicht verblüffen.
Immer, wenn ihr Pfauenwedel Ihn frühmorgens abstäubt, lacht er. Ja, die Stutzuhr kann sogar Deutlich hören, was er sagt:
"Thu mir den Gefallen, Kind, und Kokettiere nicht so viel! Ninon nennt die gnädge Frau dich? Geh, du heisst ja gar nicht so!
Martha heisst du. Dein Papa War der gnädge Herr von Dingsda. Vor drei Wochen in New-York Starb er als Conditorlehrling.
Deine Mutter lebt. Sie schielt, Hinkt und schnupft. Im Uebrigen Handelt sie mit Apfelsinen An der Weidendammer Brücke."
8. Im Volkston
Das Scheiden, ach das Scheiden, Wer hat das nur erdacht Und ein so schweres Leiden Mir übers Herz gebracht? Und wär's ein Kräutelein, Ich nähm mein Messerlein Und wollte flink zerschneiden Die bösen Würzelein.
Ich hörte von den Weiben Herzliebe und Herzleid, Wo Herzelieb mag bleiben, Ist Herzeleid nicht weit. Herzliebe war uns hold Und fluchs kam angetrollt, Die Schwester zu vertreiben, Herzleide, die ihr grollt.
Aus Thor und Thurm und Mauern Zieh ich hinab das Thal Und blicke noch in Trauern Zurück zum letzten Mal. Horch, wie die Winde gehn, Schau, wie die Blätter wehn - Ach Gott, wie lang wird's dauern, Bis wir uns wiedersehn!
Der Teufelsteich
Thörichte Freunde des todten Alten, Fahrend in ausgeleierten Gleisen, Tanzend nach verklungenen Weisen, Möge dies Mährlein euch unterhalten. Lenau
Die Leute nennen ihn den Teutelsteich. Die alte Müllersch, die mit Krücken wirft, Die Hurenlieder singt und Kräuter trocknet, Und die der Pfundwirth immer Hexe schimpft - Wahrscheinlich weil die Kathi schwanger geht, Weil morgen Markt ist und sein Bier nichts taugt - Die alte Müllersch hat's nicht weit von ihm. Ihr wisst, auf Christenleute Worte werfen, Die um ihr Renommee wie Kletten baumeln, Sie Höllenunflad, Fegefeuerzangen Und Teufelsfricassee betituliren, Ist nicht mein Amt. Ich bin kein Leutepriester. Ich bin nur sozusagen Philosoph. Ich züchte Bienen, schneide Haselruthen Und bläu den Jungens meine Fibel ein. Doch diese Müllersch ... wie? Ihr kennt sie nicht? Ei, was Ihr sagt! 'S ist ja dasselbe Weibsbild, Das neulich über diesen Zaun geschielt, Grad als der Toni sich den Fuss verstauchte Und meine Mietze sieben Junge warf! Zum Kukuk, Herr, entsinnt Ihr Euch denn nicht? Ach, geht! Ihr sasst ja grad auf dieser Bank Und suchtet Euer weisses Taschentuch. Nicht wahr? Ein Schluckanfall! Nun ja, ich sag's ja! Hm? Und mein Altchen? Ach, die gute Seele! Hat sie nicht dreimal Euch ins Kreuz gestukt? Glaubt mir, ich hab's Euch immer schon gesagt, Sie hat Euch lieb; weit lieber noch als mich; So lieb, wie ihr Kanarienvögelchen. Und als ihr Mittelchen nicht gleich verschlug? Lief sie nicht händeringend nach dem Brunnen Und stolperte dann über diesen Pflock, Den ich erst Ostern so hübsch rund geschnitzt Und jetzt zu Pfingsten grün bemalen wollte? Und ging mir selber, da ich still dabei stand Und blaue Ringel in den Flieder blies, Ging mir nicht einszweidrei das Pfeifchen aus? Die Hexe aber, die es ausgeblasen, Die mir mein Altchen beinah lahm geschielt Und Euch den Schluckauf in den Hals gewünscht, That unschuldsvoll wie ein Marienbildchen, Griff dreimal an ihr gelbes Kopftuch, nieste, Sah blinzelnd in die Sonne und verschwand Dann endlich hinkend hinter jenem Kirschbaum. Mag Lux, der Glöckner auf den Melibocus, Ihr mal gelegentlich um Mitternacht Mit seinem Kuhschwanz das Genick abdrehn! Der neue Amtmann wird sie hoffentlich, Wenn unser Herrgott nichts dagegen hat Und Pfarrers Köchin nicht dahinter kommt, - Wie ich mir denke, noch so vor Johanni - An irgend ein Spital verauktioniren. Wenn's der Gemeinde, der das rothe Schulhaus Schon unverschämt viel Geld gekostet hat, Nur nicht das Futter aus dem Säckel reisst! Das Jahr fünf Thaler wird's ihr freilich kosten. Dass doch ein Weibsbild so verflucht schwer stirbt! Na, gut, dass wenigstens das alte Rauchloch, Drin sie seit Jahren schon herumspelunkt, Von unserm Dörflein so hübsch abseits liegt! Die Kühe milchen so wie so schon schlecht. Wer weiss, wenn sie die Alte grünlich anspuckt, Ob sie nicht Frösche mit fünf Beinen kalben?
Doch von der Müllersch, die mit Krücken wirft, Die Hurenlieder singt und Kräuter trocknet, Und die der Pfundwirth immer Hexe schimpft, -Sein Schwager Forstwart will sogar drauf wetten, Dass sie nach Kümmel stinkt und Taback kaut - Von dieser Müllersch wollt ihr ja nichts hören. Ihr wollt nur wissen, was die Ofenbank Am Abend, wenn das Feuer auf den Dielen Sich blassroth zwischen Kalmusblättern malt Und weiss der Winter durch die Scheiben lugt, Was dann die Ofenbank sich plappermäulig, Indess die Mädels ihre Spindeln drehn, Vom Teufelsteich zu colportiren weiss. Nun gut. So hört denn zu.
Vom Teufelsteich Mag's bis zur Kathe von der alten Müllersch, So ungefähr drei Vaterunser weit sein. Ihr wisst, die Haide fängt schon früher an. Um seine Ufer, die von Scherben starren, Von Stiefelsohlen und Papier umkränzt, Dehnt sie sich nackt und dürr wie ein Gerippe. Sand, nichts als Sand und immer wieder Sand, Soweit die Raben ihre Flügel blähn! Drei alte Silberpappeln rauschen nur Gespenstisch in den dunklen Abendhimmel, Und blutroth drunterhin schwankt eine Blume. Die einzige, die hier zu blühen wagt. Denn niemals singt ein Vogel ihr ein Lied, Ihr Duft erstickt in der verfaulten Luft Und in den Wassern darf sie sich nicht spiegeln. Denn die sind kohlschwarz wie das Herz des Teufels. Das Boot, das ruderlos im Schilf verfault, Hat längst der Sumpfpilz wie ein böser Aussatz Mit grossen, grünen Buckeln übertupft Und um die Kette, die durchs Wasser schleift, Klebt Schlamm und Entengrütze fingerdick. Die Planken, die verspaakt, zurechtzubasteln, Hat sich bisher noch niemand träumen lassen. Wozu auch? Karpfen giebt's dort nicht zu angeln Und Krötensuppe mag der Pfarrer nicht. Klaus Tom, der Fischer, hat sein graues Netz Nur noch zum Staat vor seiner Thür zu hängen! Punkt fünf Uhr morgens steht der Racker auf, Probirt sein Süpplein, gähnt, schlurft in sein Gärtchen, Stäubt dort das morsche Bretterbänklein ab, Stopft sich gemüthlich seinen Türkenkopf, Schlägt dann das rechte übers linke Bein, Pafft wie ein Schornstein, zählt die Sommerwolken Und merkt daneben, was die Fliegen summen. Zu Frühstück schickt ihm dann der alte Matthies, Der neulich erst den schwarzen Stern gepachtet, Ein Kümmelchen mit Pommeranzen rüber. Ein Kümmelchen! Das heisst wohl mehr ein Kümmel. Man lutscht bequem ein Viertelstündchen dran. Natürlich ist man dann zu Mittag hungrig! Dreimal die Woche Häring, einmal Fleisch Und Samstag Abend ein Gebacknes extra! Na, mir kann's recht sein! Seit der Geizhalssepp Ihm erst um Lichtmess den Gefallen that Und sich zum Vesperbrod auf seinem Strohsack Mit einem Hühnerbein die Gurgel einstiess, Darf sich sein Päthling schon sein Süpplein schmälzeln! Fünf alte Strümpfe, wie ein Weib sie trägt, Mit Doppelkronen aus der Schwedenzeit, Sind auch für unsereins kein Katzendreck. Nur Schade, dass das Blech der Armenbüchs, Noch niemals, wenn der Protz dran rumgeschielt, "Schöndank" geklimpert! Doch - was schwatz ich da! Klaus Tom, der Fischer, der sein graues Netz Nur noch zum Staat vor seine Thür gehangen, Der seinen Türkenkopf mit Gold beschlug Und Kümmel nur mit Pommeranzen trinkt, Klaus Tom, der Glückspilz, geht bei Licht besehn Euch ja noch wenger als die Müllersch an. Die alte Müllersch, die mit Krücken wirft, Und die der Pfundwirth immer Hexe schimpft!
Nicht wahr, Ihr wolltet doch nur wissen, Herr, Was sich die alten Weiberzungen hier Um Mitternacht, wenn Hans das Gruseln lernt Und Grete näher an den Ofen rückt, Was dann die alten Weiberzungen hier Vom Teufelsteich sich in die Ohren zischeln? Nun gut. So hört denn zu. Mein Grossohm Pankraz, Der's selbst mit angesehn, hat's mir verbürgt.
Denkt Euch die Haide, die sich meilenweit Nackt, braun und baumlos, dass das Herz Euch weh thut, Wenn Ihr ans Waldgrün Eurer Heimath denkt, Bis fernhin in den Horizont verliert. Weiss durch die Silberpappeln um den Teich Segelt ein Sommerfaden. Es ist Abend. Schwarz liegt das Wasser da, schwarz wie die Sünde, Und drüber, wie ein blutender Rubin, Neigt sich die zauberhafte Blume ... Der Nebel, der phantastisch sie umwindet, Rollt sich jetzt auf und ringelt wie ein Wurm Sich weiss und langsam bis ins Dorf hinein. Jetzt knarrt die Kirchhofsthür, ein Schlüssel dreht sich Und auf die Christuskreuze tropft der Thau. Der fahle Schwefelstreif im Westen stirbt, Vom Wald her brüllt verirrt noch eine Kuh, Und durch den dunkelblauen Himmel tropfen Ihr Licht die Sterne. Alles still ... Nur dass der Nachtwind, der im Schlafe träumt, Mal ab und zu mit seinen Flügeln schlägt, Und dass die Unkenmuhme tief im Teich Bisweilen ihre dumpfen Glocken läutet. Da - plötzlich! schreit die alte Thurmuhr Zwölf Und mitten aus dem schwarzen Rachen reckt Sich weiss und lautlos in die dunkle Nacht Ein nackter Frauenarm ... Das Wasser, das wie Mondlicht ihn umfliesst, Ballt sich zu grossen, runden Tropfen, glitzert Und rollt dann wieder langsam in die Fluth.
Indessen wächst der Arm und wächst und wächst.
Das Griechenweib, das einst Homer besang, Und das noch heut als Vampyr durch die Nacht irrt, Verkriechen müsst es sich vor seiner Schönheit, Wenn er nicht - Krallen statt der Nägel hätte!
Indessen wächst der Arm und wächst und wächst.
Doch kaum, dass ihn die Sterne droben sehn, So fängt ihr Licht auch schon zu flackern an, Als ob sie's eiskalt, wie ein Fieber packte, Und mehr als einer zittert wie ein Kind, Das nachts durch eine dunkle Stube gehn soll.
Indessen wächst der Arm und wächst und wächst.
Er wächst und wächst, bis seine Klaue schliesslich Sich jäh und rund um den Orion klaftert, Ihn knisternd aus dem blauen Himmel gräbt Und mitleidslos den angstvoll Zitternden Hinunter in die schwarze Tiefe krallt! Dann reckt er wieder langsam sich empor, Pflückt die Plejaden, löscht den Uranus Mit einem Tupf drauf wie ein Windlicht aus, Bringt den Saturn erst, dann die Venus um Und ruht nicht eh'r von seinem grausen Handwerk, Als bis er sich die lieben, goldnen Dinger, Alle, Bis auf den letzten! in den Sumpf gekrallt. Doch der schreit auf, wie ihn das Unheil packt, Die Morgennebel, die ums Schilf sich winden, Umschleiern rosenroth den Sonnenaufgang Und links vom Dorf herüber krähn die Hähne. Nackt, braun und baumlos dehnt die Heide jetzt Sich wieder fern bis in den Horizont Und rund aus seinem Scherbengürtel gähnt Der alte Tümpel, schwarz wie immer ... Doch wenn ein Sonntagskind vorüber geht, Sieht's roth und tellergross in seiner Mitte Wie Blut durchs todte Wasser blitzen, Und mitten wieder durch den Blutfleck schwimmen, Die fleckigen Kadaver gelb gedunsen, Drei todte Kröten ...
Wenn sie mein Grossohm nicht, der alte Pankraz, Mit seinen eignen Augen selbst gesehn, Ich würde meine Dose hier drauf wetten, Dass dieses Märlein nur ein Märlein ist! Doch giebt's ja manches, Herr, auf dieser Welt, Was in den Katechismus schlecht hineinpasst. Wozu soll also dies Histörchen hier Durchaus erstunken und erlogen sein? Die alte Müllersch beispielsweise hat, Wenn sie betrunken Abends durch das Dorf trollt, Schon manches vor sich in den Wind geschwatzt. Was unsereinem sehr zu denken giebt.
Man munkelt so von einer Enkelin, Die sie in alter, längstverschollner Zeit, Als noch die Möbel krumm verschnörkelt waren Und die Soldaten hinten Zöpfe trugen, An unserm König seinen Ohm verschachert. Demselben der - ich glaube, bei Kollin war's - Sich die Blessur links in den Arm geholt, Als er mit seinen ungrischen Schwadronen Die zwölfte Batterie zusammenritt. Ihr kennt ihn, Herr, gewiss aus Euern Büchern Den Prinzen Theodor! Gott hab ihn selig.
Der Schnurrbart hing ihm unter seiner Nase Zu beiden Seiten wie ein schwarzer Pechdraht. O, er sah forsch aus! Der Husarendolman, Der roth um seine Schultern flatterte, Wird Euch noch heut im alten Residenzschloss Für einen Gulden vom Portier gezeigt. Das dumme Mädel aber war zu jung, Ich mein, zu jung, um nicht verrückt zu sein, Warf ihm den golden Krimskrams vor die Füsse, Spieh nachts wie toll ihm mitten ins Gesicht, Riss sich den seidnen Plunder frech vom Leib Und lief bei Nacht und Nebel auf die Haide. Der Wenzel aber, den sie lieb gehabt, Vor dem sie weinend auf den Knieen lag, Der Wenzel lachte auf, wie ein Besessner, Biss sich in die geballte Faust, schrie: Hure! Und stiess den armen Klumpen Weib dann schliesslich Mit seinem Fuss wie eine Hündin fort.
Drei Tage drauf fand Barthel Franz, der Wildrer, Der grade Holz für seine Weiber stahl, Den rothen Prinzen unter einem Ahorn. Die Kugel war von einem Kreuz geritzt Und ihm gerade durch die Brust gegangen. Der Mussjöh Feldscheer, der mit seinem Wäglein Ein Stündlein drauf aus Schöppstedt ankutschirt kam, Hat nur die Achseln dazu zucken können. Ja, wo der tolle Wenzel einmal zuschoss, Da hat kein Pflästerchen mehr hacken wollen! Das Blutgeld aber, das dann die Justiz Noch selbgen Tags, auf seinen Kopf gesetzt, Hat sich kein Christenmensch verdienen wollen. Am Aschermittwoch war die Residenz Vom Kärntnerthor bis an den Elsterplatz Schwarz ausdrapirt wie ein Paradesarg, Und am Charfreitag schwamm der Wenzel schon Als Leichtmatrose nach Amerika. Postmeisters Günter, den sein Corporal So krumm genommen, bis er desertirt war, Sah ihn in Boston dann als Seifensieder. So Stücker zehn bis fünfzehn Jahre freilich Mocht's her sein, dass er ausgekniffen war! Das arme Mädel, die Sabine aber War unterdess in unsern Teich gesprungen. -
Doch lassen wir den alten Schnickschnack, Herr! Das Kirchhofsgras, das über ihn gewachsen, Wird, wenn es Zeit, auch über uns sich biegen. Was? Teufel! Zeigt die Sonnenuhr schon Sieben? ... Pst! Still doch! Hört Ihr? Unser Altchen ruft schon! Wenn wir noch länger diesen Zaun hier schief stehn, Sperrt uns der Amtmann noch ins Spritzenhaus. Vergesst auch dort nicht Euer Taschenbuch! Und dieser Bleistift? Eurer? Na, denn kommt! Doch lasst den Bauch Euch nicht zu heftig knurren: 'S giebt heut nicht viel. Nur ein Kartoffelsüpplein!
Emanuel Geibel
Und eine Krone ist gefallen von dem Haupte eines Königs! Und ein Schwert ist gebrochen in der Hand eines Feldherrn! Und ein hoher Priester ist gestorben! Ludwig Börne
1.
Dir ward das Köstlichste verliehen In dieser Tage Sturm und Drang: Ein Sinn für ewge Harmonieen Und eine Seele voll Gesang. Dem Jüngling lauscht, es lauscht dem Greise Das deutsche Volk allüberall, Und lieblich klingt die süsse Weise: Dein Herz ist seine Nachtigall!
Denn wer verstand wie Du das Wesen Der deutschen Sehnsucht und ihr Leid? Zu ihrem Herold auserlesen, Warst Du das Echo Deiner Zeit! In dämmerschwülen Tagen sangst Du Dein: Wache auf! dem deutschen Reich Und nach dem Sieg von Sedan schlangst Du Das Oelblatt in den Lorbeerzweig.
Doch nicht der Zeit nur und ihr Wüthen Hat Dir das Harfenspiel bewegt, Die duftigsten der Liederblüthen Dein eignes Herz hat sie gehegt. Doch was es immer auch erfahren, Stets blieb Dir heilig Deine Kunst, Und eingedenk des Ewig-Wahren, Verschmähtest Du des Pöbels Gunst!
Dem Herrn befahlst Du Deine Wege Und übtest fromm Dein frommes Amt, Dem Lenz gleich, der das Dorngehege Mit rothen Rosen überflammt. Denn alles, was mit seiner Schöne Das Herz erquickt in Wald und Flur, Du gabst ihm Worte, gabst ihm Töne, Ein Hoherpriester der Natur!
Und jetzt in einer Zeit der Gährung, Der schon das Blut zu Eis gerinnt, Weil sie in eitler Selbstverklärung Den Thurmbau Babels neu beginnt: Wer schickt sie aus, die Friedenstaube, Wer bricht das Brot und trinkt den Wein? Du bist es, Du, Du und Dein Glaube, Dein Glaube an ein Gottessein!
Wohl tanzt noch immer die Verblendung Wie ehmals um das goldne Kalb, Doch naht die Zeit schon der Vollendung Und weichen wird von uns der Alp. Denn nicht umsonst hast Du gerungen, Wie Du gekämpft, hast Du gesiegt: Von Sphärenharmonie umklungen, Ein Aar, der in die Sonne fliegt.
Schon steht die Kunst nicht mehr am Pranger, Schon winkt aufs Neu ihr Bahn auf Bahn, Und unsre Zeit sieht zukunftsschwanger Das kommende Jahrhundert nahn. Drin werden tausend Blüthen blinken In neuer Glorie neuem Schein, Und mag die Frucht auch andern winken, Die Saat, die goldne Saat ist Dein!
O alte Zeit, o altes Lieben, Euch schleift kein Stahl, kein Diamant! Was so vor Jahren ich geschrieben, Heut nahm ich's wiederum zur Hand. Und wieder sprang mit jedem Schlage Mein Herzblut an zu schnellerm Lauf, Und eingedenk verschollner Tage, Schlug ich die Juniuslieder auf.
Ferndraussen schwebte durch die Lüfte, Der erste Sonntag im April, Durchs Zimmer flog's wie Veilchendüfte Und heimlich war's und kirchenstill. Vom Thurm nur läuteten die Glocken Den Winter in sein Wittwerbett, Und frühverwehte Blüthenflocken Warf mir der Lenz aufs Fensterbrett.
Ich aber sass und las sie wieder - O Gott, mir war das Herz so schwer! Ich las die alten, goldnen Lieder: Das Heimweh und die Nacht am Meer. Im Mondschein schritt ich weltvergessen Hinunter und hinauf den Strand, Und sacht umrauschten die Cypressen Das Inselmeer von Griechenland.
Des Südens Sterne sah ich scheinen, Doch fühlt ich nicht des Südens Lust, Der Liebe langverhaltnes Weinen Rang schluchzend sich aus meiner Brust. Als müsst es wonnig sich verbluten, Vor Sehnsucht ward das Herz mir weit, Und durch mein Sinnen liess ich fluthen Das Heimweh nach der Ewigkeit.
Und wieder dacht ich dann begeistert Des Sängers, der dies Lied einst sang, Der eine Welt mit ihm bemeistert Und Zeit und Raum mit ihm bezwang. Sass er jetzt auch in sich versunken, Ein Liederbuch auf seinen Knien, Und lauschte lenz- und wohllauttrunken Dem Glockenspiel von St. Marien?
Er, der Brunhilde, die Walkyre, Aus Island rief an unsern Rhein ... Da horch, ein Klopfen an der Thüre Und laut erschallte mein Herein! Und eilvoll trat zu mir ins Zimmer Mein Freund, der mir die Rechte bot; Schon seines Auges feuchter Schimmer Sprach, eh's sein Mund sprach: Er ist todt!
Er starb, noch eh die Morgenröthe, Eh sich die Nacht ins Auge sahn; Mit Uhland, Schiller und mit Goethe Wallt nun auch Geibel seine Bahn. Die Stirn vom Lorbeer sanft umfächelt, Mit seinem Herrn ist er vereint; Sein bleiches Antlitz liegt und lächelt, Die ewge Liebe aber weint. -
O wehmuthweiche Trauerkunde, Wie schlugst du schmerzlich an mein Ohr; Mir war's, als ob ich jäh zur Stunde Ein Stück von meinem Selbst verlor! Der Tod, der bleiche Allvernichter, Blies mir ins Herz die Melodie: O, nun ist todt der letzte Dichter Und mit ihm auch die Poesie!
Kein armes Wörtchen könnt ich stammeln, Ein Schauer war's, der mich beschlich, Erst mählich wusst ich mich zu sammeln, Der Bann, der mich umfangen, wich. Der Muse Flügel hört ich schlagen Und all mein Wesen war entflammt: Halt ein, rief ich, mein Freund, mit Klagen, Nun feiern wir sein Todtenamt!
Und sacht hiess ich ihn niedersitzen, Ich aber wandte mich geschwind, Der blanken Lederbände Blitzen Zog magisch mich ans Bücherspind. Durchs Fenster fielen Sonnenstäubchen Und bauten einen goldnen Steig Und draussen wiegte sich ein Täubchen Auf windbewegtem Fliederzweig.
Ich aber las schnell längs den Brettern Die bunten Titel Band für Band, Bis endlich mit vergilbten Lettern Ich ein verstaubtes Büchlein fand. Gepresst lag eine Schlehdornblüthe Drin als ein Pfand verjährter Lust; Ich schlug es auf, mein Antlitz glühte, Und klangvoll brach's aus meiner Brust:
"Es ist ein hoher Baum gefallen, Ein Baum im deutschen Dichterwald, Ein Sänger schied, getreu vor allen, Von denen deutsches Lied erschallt. Wie stand mit seinem keuschen Psalter Im jüngern Schwarm er stolz und schlicht; Ein Meister und ein Held wie Walther Und rein sein Schild, wie sein Gedicht!"
Ein gluthgeborstner Feuerofen, In lohen Flammen stand mein Herz; Rollt doch ein Klang durch diese Strophen, Ein Klang wie von korinthisch Erz! Und weiter, immer weiter las ich Des todten Dichters eignes Lied; Dass er's einst Uhland sang, vergass ich Und wusste Eins nur noch: Er schied!
"Er schied, es bleibt sein Mund geschlossen Im Wort so karg, im Lied so klar: Der Mund, draus nie ein Wort geflossen, Das seines Volks nicht würdig war Er schied: doch waltet sein Gedächtniss Unsterblich fruchtend um uns her, Das ist an uns sein gross Vermächtniss: So treu und deutsch zu sein, wie er!"
Ich schwieg, der Lenz hielt draussen Feier Und unsre Herzen schlugen drein, Und leuchtend über Wald und Weiher Sein Goldnetz wob der Sonnenschein. Verwehte Frühlingsdüfte kamen Von fernher über Fluss und Ried, Und wie ein feierliches Amen Klang hoch im Blau ein Lerchenlied.
2.
Und wieder hieb, Taub für den Wahnwunsch, Den tausendfältigen Ihres Geschlechts, Unbarmherzig Mit eherner Schneide Die Zeit in ihr Kerbholz: Wieder ein Tag! Und wieder nun wandelt, Fröhlich wie immer, Singend der Abend Durch das Goldthor des Westens Den hängenden Gärten Der sinkenden Sonne zu Und leis verhauchen, Vor Wehmuth zitternd, Ihr tönendes Leben Ins Spätroth die Glocken, Die Trauerglocken Zu Lübeck, der Stadt. Und immer stiller Wird es und stiller - Und immer dunkler!
Längst ist zerstoben In alle vier Winde Des todten Dichters Letztes Geleit. Nur hie und da noch Am Brunn auf dem Marktplatz, Oder im Winkel Der dämmrigen Gasse, Mit verschränkten Armen Gelehnt an die Hausthür, Erzählt vertraulich Der Nachbar dem Nachbarn, Aus braunem Meerschaum Bläuliche Wölkchen Ins Zwielicht blasend: Wie auch er, Schon am frühen Morgen, Den wuchtigen Hammer Bei Seite gelegt Und staubüberdeckt Den blauen Werkeltagskittel Vertauscht mit dem schwarzen, Wohlgebürsteten Sonntagsrock. Wie er, begleitet Von seinem Vetter, Dem Fabrikanten, Drauf gravitätisch In modischem Aufputz Dem Zuge gefolgt sei; Und wie auch er dann Von seinem Gönner, Dem Herrn Senator, Die Gunst sich erwirkt Und dem grossen Todten, Dem Ehrenbürger Der freien Vaterstadt, Feuchten Blicks Eine Hand voll Erde Ins Grab geworfen.
Und immer dunkler Wird es und dunkler - Und immer stiller!
Das bleiche Antlitz Von Schleiern umhangen, Von Haus zu Haus Wandelt die Nacht. In Erkern und Giebeln Blitzt es von Lichtern auf Und leuchtende Streifen Fallen wie Gold Durch die Scheiben der Fenster Weit auf die Gasse. Kaum, dass ein Wandrer, Der nachtverspätet Den Heimweg sucht, Sie quer durchschneidet. Aber droben im traulichen Zimmer Am warmen Kamin, Umringt von den Kindern, Sitzt die Hausfrau; Und auf den Schooss Hebt sie ihr jüngstes, Blondes Töchterchen, Die kleine Ada; Und hochaufhorchend Vernehmen die Mäuschen, Dass der alte Mann Mit dem weissen Schneebart, Den sie erst gestern noch, Umduftet von bunten, Zaubrischen Blumen, In einem schmalen, Glasüberdeckten, Schwarzen Kasten Bleich und reglos Liegen gesehn, Ein König gewesen, Dessen Reich So schrecklich gross war, Dass drin die Sonne Nie untergegangen. Und wie die Mutter Den kauernden Kindern Dann weiter erzählt, Dass der todte König Auch noch ein Zaubrer war, Der die Sprache der Vögel verstand Und das Duften der Blumen, Das Wehen der Winde, Das Funkeln der Sterne, Das Rauschen der Wälder, Ja, selbst den Herzschlag der Menschen, In wunderselige, Geheimnisssüsse Zauberlieder zu bannen gewusst: Da nickt auch der Vater, Der seitab im Lehnstuhl Ueber die Zeitung gebückt Mit halbem Ohr Der Erzählerin lauscht, Und still überdenkt er Das Leben des Dichters, Des todten Dichters, Und siehe auch ihm, Dem Skeptiker, däucht's nun Fast wie ein Märchen!
Und weiter draussen Immer weiter, Von Haus zu Haus, Wandelt die Nacht. Immer stiller Wird's auf den Gassen, Immer dunkler Werden die Fenster Und ein Licht lischt nach dem andern aus.
Wo aber einsam, Die schlaflosen Züge Vom Goldlicht der Lampe Sanft überhaucht, Noch ein Menschenkind wacht, Da wühlt es sich nicht mehr In düstre Probleme, Da fragt es sich nicht mehr Um Sein oder Nichtsein, Wie weiland Hamlet Oder Faust: Ein kleines Büchlein Mit blankem Goldschnitt Hält es entzückt In seiner Hand, Und golden träufelt Aus jedem Liede, Das lustberauscht Sein bebendes Lippenpaar Klangvoll ausströmt, Bezaubernder Wohllaut Ihm ins Ohr. Er aber, er, Der einst vor Jahren, Vor langen Jahren, Mit seinem warmen, Rothen Herzblut Die Blätter beschrieben, Dass nach Jahrhunderten noch Der spätgeborene Enkel - Zieht er sie prüfend Aus seinem Erbschrein Wieder ans Licht - Von ihrer Räthselkraft Magisch durchzuckt wird Und die Blätter, Die unscheinbaren Blätter, Nicht hergeben will, Nicht um Gold und Gesteine: Er schlummert die Nacht nun, Die erste Nacht auf dem Friedhof! Silbern stiehlt sich der Mond Durch das grüne Gezweig Und spiegelt sich wieder In den tausend blanken Blättern, Die trauernd der Lorbeer Seinem Liebling Aufs Grab gestreut; Und weinend breitet Die ewige Liebe Ihre schirmenden Fittige Drüber aus.
Noch hat der Lenz Aus seinem Füllhorn Die schönsten Blumen, Die lieblichsten Düfte Nicht über die Erde gestreut, Denn noch weilt die Nachtigall "Fern im Süd" Und klang- und duftlos nur Grünt der Flieder. Aber die Liebe, Die Allurewige, Glaubend und hoffend Hebt sie ihr Antlitz, Ihr thränenumflortes, Hoch empor Zu den ewigen Sternen; Und mitleidsvoll Leiht der Allgütige Ihrer Klage sein Ohr. Mit dunklen Schleiern Die Gräber um sie Rings überdeckend, Zeigt er der Lächelnden Ein farbenschillerndes Bild der Zukunft. Da wird es licht um sie, Ihr von den Augen Fällt es wie Schuppen Und durch ihr Sinnen Zuckt's wie ein Traumgesicht: Hochauf recken Die Thürme von Lübeck, Die sieben Thürme, Die vielbesungnen, Sich blitzend ins Morgenroth Und aus den Gärten, Den vollerblühten, Am Ufer der Trave, Schluchzt nun die Nachtigall Ihr erstes Lied! Aber durchs Stadtthor Auf staubiger Strasse Am schwarzen Gitter Des Friedhofs vorbei Ziehen zwei Bursche, Zwei junge Bursche Mit Ränzel und Knotenstock, In die weitweite Welt, Und jubelnd ringt sich Aus ihren Kehlen, Aus ihren Herzen Das alte Lied: Der Mai ist gekommen!
Der Mai ist gekommen! Nicht sie allein nur Sind's, die es singen: Ein ganzes Volk, Eine ganze Welt singt's! Und auch er selber, Der Schwan von Lübeck, Freudig nun stimmt er Mit in sein Lied ein; Ist doch auch ihm nur Nach irdischem Winterleid Himmlische Lenzlust Herrlich erblüht. Auf schönerem Stern Der dunklen Schatten Der dunklen Erde Eingedenk, Webt eine Glorie Ihm um das Haupt nun Das kleine Wörtchen: Unsterblichkeit!
Also sinnend Und in das Göttliche Tief sich versenkend, Vergisst die Liebe, Die ewige Liebe, Rund um sich her Tod und Verwesung Und durch das Herz ihr Zittert das Echo, Das wundertröstliche: "Hoffe du nur!" Aber die Stunden, Die lachenden Dirnen, Goldsohlig wandeln sie Ueber das Grab. Und wie allmählich Korn auf Korn Durch die Sanduhr rinnt, Blitzt es röthlich Am Horizont auf. Flammend entsteigt Die junge Sonne, Die Morgensonne Des ersten Ostertags, Dem wogenden Fluthmeer Der blauen Ostsee Und lächelnd grüsst sie, Mit tausend goldnen, Flackernden Lichtern Es blitzend umspielend, Zum ersten Mal - Das Grab ihres Dichters.
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