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Ballade vom alten Mann
Armer alter Mann, Siehst mich immer an, Liebe trieft aus Lippe auf den schäbigen Rock. Blumig blüht dein Kropf. Einen Eberkopf Hängte Gott an deine Kette als Berlock.
In der Nacht so oft Schreckst du unverhofft Aus dem Traum und siehst ein Angesicht. Süsser Augenwind! Lächelnd nickt ein Kind, Aber ach, es ist das deine nicht.
Armer alter Mann, Kann Dich der Hund nicht trösten, dem du Semmel in die Suppe stiepst? Horch an seinem Fell, Wie sein Herz so hell Alle Stunden schlägt, die du es liebst.
Ballade vom toten Kind
Wie ward mein Überfluss so karg! Ich muss mich mein erbarmen. Ich halte auf den Armen Einen kleinen Sarg.
Es reichen sich die Hände Geschlechter ohne Ende - Wer endet? wer begann? Ich bin nun Sinn und Sitte, Und meine Hand ist Mittelshand, Ich bin der Erde Mitte Und bin der Mittelsmann.
Ich stehe an der Leiter, Die in die Grube führt. Und reich der Erde weiter Das Herz, das ihr gebührt.
Schon stürmt es in den Lüften, Der Frühling stürzt herein. Es knien alle Berge, Es brechen alle Särge, Und aus den Veilchengrüften
Wie Jesus Christus weiland Steigt schon der neue Heiland Und will dein Kindlein sein.
Auf ein Kaninchen
Für Marthe
Weisse Felle, die ich streicheln durfte: Vorhang vor dem Heiligtum. Im Getön der spitzen Ohren schlurfte Eine Reisigsammlerin: der Ruhm.
Sonne sass im Dschungel deiner Lende, Wiegte sich als goldne Möwe weit Auf den Meeren der gekalkten Wände, Wenn der Hund im Hellen schreit.
Stäbe stürzten: aus den Katakomben Deiner Höhlung, die das Grüne barg. Deine Augen, rote Rhomben, Schliefen in der Müdigkeiten Sarg.
Dich zertrat der grosse Bernhardiner, Aus dem Maule schwebte Kohl und Strunk. Als des Todes allezeit getreuer Diener Sprangst du pfeifend in die Dämmerung.
Der neue Mensch
Mensch, es strömen die Jahrtausende In dein offnes Herz. Der sausende Flügelschlag der Zeit bestürme dich! Halte fest der Promethiden Feuer, Und in ihrem heiligen Glanz erneuer Zart zu Faltern das Gewürme sich.
Gingest du nicht deinen Gott verkaufen Unter Lächeln, Liebeln, Huren, Saufen? War mit Gold gefüllt nicht Raum und Zeit? Lern an reiner Quelle wieder trinken, Lerne wieder liebend niedersinken In die Kniee vor der Ewigkeit.
Aus den Kratern schweben die Dämonen, Welche bei den schwarzen Engeln wohnen, Und es steigt die süd- und nordsche Flut, Schwing die Fackel deiner reinen Seele. Horch: schon zwitschert wieder Philomele, Und es schwirrt der Zukunft Adlerbrut.
Sollen Irre durch die Gassen taumeln? Sollen Schwangere am Galgen baumeln? Freiheit, welche mordet, ist nur Wahn. Stosst hinab in tiefste Höllentiefen, Wo noch immer nicht sie endlich schliefen, Nero, Robespierre und Dschingiskhan.
Die ihr lebend starbet in den Grüften Unsrer Städte: schwingt euch mit den Lüften Eines neuen Frühlings in die Welt. Liebe will sich liebend euch ergeben, Lachend werdet ihr das Leben leben, Wenn der morsche Tempel fällt!
Ballade vom Wort
Was wollen die grossen Worte? Sie rollen wie ein Kiesel klein Am Weg, an der Strassenborte In den Morgen ein.
Sie hängen an manchem Baume Wie Früchte halbgereift. Sie haben von manchem Traume Den zarten Puder gestreift.
Sie schmecken wie Galle so bitter. So spei sie aus dem Spiel! Sie sitzen im Fleisch wie Splitter. Ein Wort ist schon zuviel.
Ein Wort schon ist Mord schon am Himmel. So schweige und neig dich zum Herd. Stumm lenkt durch das Sternengewimmel Der Herr sein ewiges Gefährt.
Mythen
Ibykos
Ich hasse das Weib. Sie hat die Erdkugel auseinandergerissen in zwei Brüste, Zwei Hälften, die kein Töpfer mehr zusammenkittet. Ihre Haare sind schlammiges Moos Aus dem Teiche der Trübsal. Ihr Ruf ist der Ruf der brünstigen Unke. Ihre Beine stahl sie der Gazelle, Ihren Schoss einer fleischfressenden Pflanze, Ihre Ohren der Spitzmaus. Ihre Augen dem Maulwurf, als er schlief. - Ibykos bin ich aus Rhegium, Wohl erfahren in sanftem und wildem Melos. Polykrates dem Tyrannen Sang ich die Liebe der delphischen Knaben, Und Samos lächelte meinem Gesang. Der Helden gedacht ich In chorischen Liedern, Enkomien sann ich Und Hyporchemen dem Apoll Und zur Kythara und Flöte Die heiligen Nomen. Eros Der Kypria hitziger Sohn Hat mein Herz verwundet. Es rinnt das Blut Und tränkt die Frühlingserde Und düngt die Sommererde, Dass reicher reife Der kydonische Apfelbaum, Um den die feldblumenduftenden Dryaden spielen Und die bocksgerüchigen Satyrn. O komm, Knabe, Dem der Flaum die Oberlippe noch nicht verunziert, Springe, Du thrakisches Füllen! Auf deiner nackten braunen Haut Spiegelt sich lüstern die Sonne. Der Wind wühlt in deinem Gelock. Dem matt ins Gras Sinkenden Öffnet die Erde den jungfräulichen Schoss. Du liebst sie. Dein Same befruchtet sie, Und eure Kinder werden die Welt beherrschen.
Antinoos
Du Memnonsäule, Singend im Licht! Wenn du die Arme hebst, An den Himmel gekreuzigt, Sehnt sich der Blitz, in dich zu fahren, Und der Donner grollt zärtlich um deine Locken. Wie bin ich voll deiner summenden Gedanken: Ein Bienenkorb, Und deine Süsse ist meine tägliche Speise. Als ich mich über dich bog in der Nacht, Sass ein Sperber auf deiner Brust, Den hatte Gott gesandt, Deinen Traum zu bewachen. Er sperrte den Schnabel gegen mich. Du Weide am Strom, In dem ich verfliesse! Halte mit deinen Zweigen, Mit deinen Armen den Freund, Der zu dir emporwallt Wie die Woge des Meeres Im heiligen Sturm.
Kyros
Man sagt, dass Kyros, der Perser, die Griechen bekriege, Weil er die Griechenknaben liebe. In silberne Fesseln schlägt er die Gefangenen. Ihrer hundert ziehen seinen Sichelwagen Nackt und nur geflügelte Sandalen an den Füssen Wie Hermes. Ihrer fünfzig bedienen den Herrn bei der Tafel, Ihrer dreissig spielen mit ihm Diskos. Vor ihrer zehn deklamiert er persische Oden. Die also beginnen: Griechenknaben, Göttersöhne ... Aber zur Nacht Lässt er die weissen Knaben mit jungen schwarzen Sklavinnen spielen. Sie spielen Hund und Hündin. Der König seufzt aus seinen Kissen Und zieht den schönsten der Knaben, Die schönste Sklavin An seine Seite, Entschläft in ihren Armen Liebend, geliebt.
Knabe und Satyr
Komm, Knabe, Wir wollen Brombeeren pflücken. Warum fürchtest du Meine Hörner - sie stossen dich nicht - Dich stösst ein anderes. Halte dich an meinem zottigen Bart. Mit meinen Bocksfüssen ich springe tanzend Dem Priapos zu Ehren. Auf der Syrinx Blase ich dir ein listiges Lied, Dass du den Heimweg vergissest Zu den erntenden Bauern. Sieh: die Sonne brennt heiss! Verweile, bis der Abendschatten naht. Wir kriechen hier unter das Gebüsch - Der stechenden Brennessel hab acht - Und spielen ein wenig Wie Pan mit den Nymphen spielt. Dann schläfst du Auf meiner zottigen Brust. Aber wenn du erwachst, Wollen wir eine Ziege jagen. Wir packen sie am gestrafften Euter Und trinken uns randvoll an süsser Milch. Wenn ich aber geil geworden an ihr, Bespringe ich sie gern Und du nach mir.
Narkissos
Als Narkissos sich Im Teiche spiegelte, Erschrak er: Denn also schön schien ihm das Spiegelbild, Dass er in Liebe zu sich selbst Entzündet wurde. Er beugte sich hernieder Ins Ufergras Und küsste im Wasser Seine Lippen Und griff nach sich mit seinen Händen Und seufzte. Die Schönheit, Sann Narkissos, Wohnt auf dem Grund der Seen. Versunkene Städte müssen sein, In denen die Schönen wohnen Und mittags nur Im Sonnenlicht Werden sie sichtbar, Wird Schönheit Bild, Gesang und Lächeln Glanz und Kuss. Noch niemals sah ich nachts im Teich Den schönen Jüngling. Er schläft zur Dämmerung wohl Wie wir. Und ist ein Mensch Wie wir Nur Mensch der unteren Welt. Du Tiefer steig hinauf! Und werde Du! Wenn das Gymnasion du betrittst, Schweigt rings die Runde. Der Fechter lässt den Degen sinken, Der Ringer Blick und Arm, Und selbst die Greise und die Kinder Erschrecken süss vor deinem Angesicht.
Ganymed
Zeus sandte seinen Adler, Dass er den schönen Knaben Ganymed In seinen Fängen fange Und zu ihm trage. Der schoss aus dem Zenith Des Mittags Herab auf die Narzissenwiese, Wo Ganymed schlief, Der Gelockte, Und von dem Adler träumte, Der nach ihm stiess. Er schrie im Traum.
Der Adler mit dem gebogenen Horn des Schnabels Den Knaben am Gürtel griff, Am schön von der Mutter gestickten. Über Wolken und Winde und wehende Sterne Er flog mit ihm Und legte ihn Dem Gott zu Füssen.
Aber der Gott, Entzündet von der Anmut, Die er geschaffen, Er neigte sich und nahm den Knaben in seine Arme Und küsste seine Wangen Und küsste seine Wimpern Und küsste seine Brust Und küsste seine Kniee Und küsste seine Lippen Und küsste seinen Schoss.
Orest und Pylades
Strophis, König von Phokis, Erzog Orest und Pylades. Hand in Hand gingen die Knaben, Brust an Brust schliefen die Knaben, Mund an Mund sangen die Knaben. Sie warfen ihre Sehnsucht und den Diskos Gleich weit. Und stoben Im Viergespann als Sieger durch das Ziel.
Da wollte es Ananke, dass die Eumeniden Orest befielen und sein Hirn Wie Hunde fleischten.
Im Heiligtum zu Delphi Orestes lag ermattet. Um seine Stirne stürmten Die Göttinnen der Nacht. Die Fledermäuse kreischten Und die Erinnyen sangen: Die Mutter ist erschlagen, Die Mörderin des Vaters; Der Mord hat Mord geboren: Der Mörder sei gefällt!
Die Menschen flohn entsetzt. Nur Pylades Blieb bei dem Freund und liebte Den Mörder wie den Schöpfer er geliebt.
Und liebte seinen Wahnsinn, Die irre Tat, den staubbedeckten Leib, Wie er den Jüngling nicht geliebt, Den klug gestaltenden, Den schön gestalteten. Er schlief mit ihm wie je. Orest, der Irre, Erfüllte Bett und Raum Und Traum Mit Stank und Kot.
Patroklos
Antilochos flog in das Zelt, Wo der Pelide sass und mit den Schädeln Der toten Feinde Bocca spielte. Er warf die Schädel in die Ecke Und warf sich auf sein Lager Von Wirbelknochen Rippen Wie Heu und Streu vor ihn geschüttet. Antilochos erhob die Stimme Zu einem Schrei. Der brach in Scherben, Und die klirrten: Unseliger! Patroklos ist nicht mehr!
Und der Pelide stiess den Kopf Dem Geier gleich ins Licht, Und alles Blut und Fleisch
Schien draus gewichen. So sass er, Selber ein Skelett, Bis dass die schwesterliche Dämmerung kam Und auch der milde Bruder Mond. Da fiel er in den Staub Und schlug den Kiefer in die Erde wie der Eber, Der Trüffeln sucht. Dann stand er auf Und waffenlos Schritt er im Mond durch die trojansche Ebne.
Es wichen Entsetzt die Wächter, die die Bahre bargen. Er trat hinzu Und nahm den Leichnam Und trug ihn wie der Jäger Ein Kitz trägt, Warf ihn aufs Lager Schlief die Nacht mit ihm, Sein Haupt Von toter Locken schwarzer Flut getrieben.
Sarpedon
Zeus liebte seinen Sohn Den Sohn der Laodamia: Sarpedon: Wie ein Geliebter den Geliebten.
Heimlich zuweilen In der Gestalt einer Schlange Lag er bei ihm.
Eines Tags begegneten einander Sarpedon und Hyakinthos, Schöne Hirten. Zwischen sie trat Aphrodite Lüstern beider. In den Händen ihre Brüste tragend wie zwei Teller Voll von Früchten.
Da stiessen die Jünglinge gegeneinander Wie Geier Mit ihren Lanzen und strohenen Schilden.
Auf seinem gläsernen Stuhl Schloss Zeus die Augen, Und eine Träne tropfte aus den Wimpern. Denn keine Macht er hatte über Ananke, Das Schicksal Und den Tod.
Die Träne tropfte Sarpedon ins Auge Und machte ihn blind, Dass er der Deckung vergass. Da traf ihn der wütige Feind Ins Zwerchfell,
Dass er stürzte Wie eine Fichte am Bergbach. Rot floss der Bach.
Tief auf seufzte Zeus, Dass die Erde bebte Und die Sonnenscheibe wie ein Zinnteller Klirrte.
Hyakinthos aber umarmte über der Leiche Die girrende Göttin.
Am Abend flog Apollon hernieder Und schlug den Leichnam in seinen flatternden Mantel. Er trug ihn an die Gestade des Meeres Und wusch ihn rein von Blut und Staub Und salbte ihn mit Ambrosia.
Da nahten flügelrauschend zwei Tauben Schwarz und weiss. Die schwarze Taube setzte sich auf die Schulter de Toten, Die weisse auf den Helm des schimmernden Gottes, Der auf Wolken zum Olympos stieg.
Adonis
Als Phöbos Apollon dich sah, Adonis, Ergriff seine Seele ein seliger Schmerz. Nicht freute ihn der Gesang der Mysten Und nicht das Opfer im ragenden Heiligtum.
Er trat als Bettler staubig vor die Sibylle, Die weissagende, Und sprach: Sage mir das Geschick des Knaben Adonis!
Die heiligen Nebel wallten, Die süssen Düfte strömten, Die Pythia sprach: Der Knabe Adonis wird sterben An Liebe, die zu heftig liebt.
Da ging der Gott und ging durch die seufzenden Fluren Und schritt in seinen Tempel Unerkannt Und setzte sich auf die steinernen Stufen Und weinte Das bärtige Gesicht wie ein Igel Im Strauchwerk der Hände versteckt. Als er das Antlitz hob, Waren seine Hände Voller Perlen.
Hephästos reihte sie Zu einer Kette. Die brachte Hermes dem Knaben, Als er die Ziegen weidete am Taygetos, Und hing sie ihm um den Hals, Die Tränen des Gottes.
Der Tod des Adonis
Sieben Wochen schon schreit Kypris, Denn Adonis starb, Der schönste der Menschen. Die Sterne weinen nachts Sternschnuppen, Und salzig von Tränen ist Das Gewässer der Flüsse. An den Quellen sitzen die Nymphen Und schluchzen, Und jammernd durch Feld und Hain Streifen Eroten. Ihr Klagegeschrei Ai ai ai Durchhallt die Schluchten und schreckt Den einsamen Wanderer.
Unseligen Tod Starb der Geliebte. Denn als er wandelt Durch den Wald, Begegnet ihm ein wilder Eber,
Der alsogleich entbrennt wider den Schönen In Liebe. Liebkosend er gegen ihn sprang. Aber so rauh war seine Zärtlichkeit, Dass mit den Hauern er Dem schönen Knaben Die Brust zerriss.
Unbeerdigt lag er im Moose Unverwest. Kein Wurm ihn benagte Und keine Krähe ihn hackte. Der Mond hielt mit bleicher Fackel Die Totenwacht. Die Geister der untern Welt, Sie kamen Schleichend und schillernd Herauf Und sassen am weissen Strom seines Leibes Wie an den Ufern des heiligen Flusses.
Und Charon nahm Am siebenten Tage Den leuchtenden Leichnam Auf seine Schulter wie ein totes Reh, Das der Jäger nach Hause trägt Zu den Seinen.
Der Leichnam blinkte In den Grotten der Unterwelt
Wie eine weisse Ampel. Von allen Seiten Die toten Seelen Wie nächtliche Falter zum Lichte flogen, Bis sie ihn deckten Bedeckten Und er Unter den schwarzen Flügelschlägen Erlosch.
Elpenor
An den Okeanos kam Odysseus, Der viel wandernde, Viel bewanderte. Ewige Nacht herrschte Über dem Volk der trotzigen Kimmerier.
Er opferte ein schwarzes Schaf, Das dunkle Blut floss in die Opfergrube.
Da nun der Duft des Blutes zu Lüften stieg, Wehte aus dem Felsentor, Dem Eingang zur Unterwelt Der Schatten Elpenors, Des liebsten und lieblichsten Freundes.
Odysseus hob die Arme wie blühende Pfirsichzweige: Mein Freund, dass ich dich sehe Einmal noch, Danach mich so verlangte Wie einen Widder in der Wüste nach Regen oder Quell. Gib mir deine Hände, dass ich sie halte und nimmer lasse, Gib mir dein Herz, Nimm meines dafür!
Der Schatten wehte Und seufzte: Lass mich das dunkle Blut trinken, Odysseus, Lass mich ins Leben wieder gehn! Ach, dass einmal noch ich schritte Unter den tönenden Gestirnen, Dem Oleander Zauberisch duftend, Dass einmal noch ein Mädchen ich hielte bei den zierlichen Brüsten, Und ihre Armreife klirrten, Wenn ich sie liebte, Die an der Mauer leicht gelehnte, Und meine Küsse bald ihre Lippen bald den Efeu träfen. Dass ein Freund mich noch einmal schlösse In die gewaltigen Arme: Odysseus! Besser eine Ratte im stinkenden Loch Oder ein Schakal
Sich nährend von Aas, Als selber Aas sein Stinkend Tot Den Würmern Speise und dem lieben Licht ein Greuel.
Der Schatten neigte sich und trank das schwarze Blut, Das schon gerann Und wehte auf Ein schwarzer Schmetterling Mit blutbetupften Schwingen Und schwirrte um die Stirne des Odysseus Und schwebte, windgetrieben, über den Okeanos Dahin, dahin ...
Herbst
Schon hebt die tanzende Charite Die selige Syrinx, Und dem gelösten Haar entfällt Ein Büschel Mohn.
Im Wasser spiegelt sich erstaunt Der heilige Frosch. Die letzte Schwalbe Verweht nach Süden.
Ins brechende Blumenauge Blickt der verwunderte Jüngling,
Unwissend, dass er die Blume brach am Taumorgen, Da er die Freundin streichelte.
Er schreitet, Der marmorne Henker, Nackt In die stygische Nacht.
Phaëthon
Phaëthon, Der Mundschenk der Götter, Mischte den Göttern Schlaf in den Wein. Sie tranken, Sie sanken In Traum und in Schlaf.
An seinen Sonnenwagen gelehnt Schlief Helios. Die Zügel schleiften Auf Wolken.
Da trat der Knabe Phaëthon herzu, Sprang auf das Brett, Ergriff die Geissel Und liess sie über die Rosse sausen, Die goldenen.
Sie wieherten jauchzend Unter der jungen Hand Und jagten durch den Äther, Verliessen die alteingefahrne Bahn. Die goldenen Locken des Knaben, Die goldenen Mähnen der Rosse Stoben im Sternensturm.
Als er am Abend lenkte Das goldne Gefährt In den himmlischen Stall, Da waren die Götter erwacht.
Helios jammerte, Zeus grollte.
Schneeweiss war des Göttervaters Haar geworden, Schnee lag auf dem Götterberg. Denn allzuweit hatte der Knabe sich von ihm entfernt Mit dem Sonnenwagen.
Zu nah war er der Erde gekommen, Denn tausend Steppen standen in Flammen Und Wälder bluteten rot.
Das grosse Feuer kam Wie einst das grosse Wasser war gekommen. Die Lava rollte schwarz. Die heilige Zeder Brannte.
Aus den verkohlten Wurzeln stiegen Gewürm und Engerling ans Licht.
Und Kypris, die die Nacht wie stets Auf Erden zugebracht, Riss ihren Knaben Eros Hinter sich auf das geflügelte Pferd. Das galoppierte über den wandernden Insekten Auf den Leibern der Dämonen Und hob sich wie ein Adler dann Und galoppierte auf den Wolken - Und kam zum Götterberg.
Eiszapfen hingen von dem Ritt durch die Äonen Dem Pferde in den Mähnen. Kypris mondblondes Haar war weiss beschneit, Und Eros Schlug die erstarrten Finger aneinander Wie Glockenklöppel.
Ich friere, sagte Helios. Was tatest du, Vorwitziger Knabe, Phaëthon? Die Götter frieren, Und der Menschen viele sind verbrannt Wie Kälber am Spiess.
Zeus weint zum erstenmal seit Ewigkeiten, Und Kypris floh die Erde.
Der Knabe aber Schnalzte mit der Zunge Und zog die Stirne kraus - Und lächelte Und schwieg.
Gedichte
Die Plejaden
1917
I
Der Totenkopf
Es wird nie wieder Friede sein. Der Kopf Des Todes grinst auf allen Vertikos. In Bronze. Gips. Als Bierkrug. Suppentopf. Er birgt sich liebend in des Mädchens Schoss.
Er schwankt auf einem dürren Trunkenbold. Man nimmt ihn untern Arm. Als Springbrunn speit Er Blut in eine Blütenwelt. Er rollt Als Kegelkugel durch die grosse Zeit.
II
Gott der Kindheit, darf man dir noch glauben? Ach ich kenne dich nicht mehr. Wo sind deiner Herrschaft milde Tauben Und des Weines goldgegorne Trauben Und des Frühlings frohe Wiederkehr?
Falten trage ich und rauhe Runzeln, Und mein Schädel ist mit Moos gestopft. Bei der Kerze abendrotem Funzeln Denk ich lächelnd an mein Beet Rapunzeln, Über dem der Juniregen tropft.
III
Ich ging übers Feld und suchte einen Menschen. Ich traf sieben tote Engländer. Ich begab mich in das Dorf. Wollte ein Weib. Liebte eine Ziege.
Erhob den Blick und suchte die Sonne. Sie war von Granatennebel umdunkelt. Ich fiel zur Erde. Meine Knie Stiessen auf Eisen und Beton.
Gänse schnattern. Zum Teufel: dreht ihnen die Hälse ab! Laternen leuchten. Auslöschen! Mädchen lächeln von unten herauf. Begattet sie Mit Messern oder sonst einem Tod.
Den Fliegen reisse man einzeln die Flügel aus. Blende den Hasen und jage ihn ins Feld. Menschen ohne Beine mögen laufen, Wohin immer es ihnen gefällt.
Leben wird unerträglich dem Sterbenden. Sonne: ich spei dir in dein goldnes Gesicht Die Eiterfetzen meiner Lunge. Mutter - Warum immer gebärst du Tod!
IV
Kleine Französin, weine nicht, Starb Mann den Kindes-, Kind den Mannestod. Die Schnörkel der Kathedrale Umschlingen uns Irrende.
Suche den Weg nicht Aus dem Steingestrüpp. Bleibe Pilaster ...
V
Abschied
Ich stopfe dir mein Taschentuch in die Wunde Oder was einmal Taschentuch gewesen. Gott schlägt die elfte Stunde. Soll ich dir aus der Bergpredigt vorlesen?
Liebet euch untereinander. Ich hab nie gewagt Jemand zu lieben: wie ich liebe jetzt dich, halbtoter Freund. Und du bist doch nur ein Hund, der auf fremden Feldern streunt Und (wie nach Kaninchen) nach letzter Liebe jagt.
Räudiger Hund. Wir sind alle von Ungeziefer zerzaust. Ehe wir uns in den Himmel bequemen, Müssen wir ein (russisches) Dampfbad nehmen, Und Gottvater selber ists, der uns laust.
VI
Für S.S.
Es halten deine blumenhaften Hände Der Erde Achse, die sich leise dreht. Und selbst des Krieges blutendes Gerät Wird Erntesichel überm Herbstgelände.
Es rauschen hinter deinem Felsenhaupt Die violetten Ströme in den Adern. Und deine blauen Blicke blondbelaubt Entketten sich zu seligen Fluggeschwadern.
Ich sehe wohl die leuchtenden Maschinen, Allein ich bin im Fernen irgendwo, In Grönland und als Eskimo, Um dort dem Walfisch und dem Tran zu dienen.
VII
Schlimm ist es, in der Heimat Frauen haben Und Kinder, deren Zukunft man bedenkt. Man möchte sie vergessen und begraben, Wenn man sich selber in den Himmel hängt.
Man greiftzum Strick. Man schlingt ihn um den Mond Man schlenkert klirrend in der leeren Luft. Man gräbt sich in den Wolken seine Gruft, Ein toter Stern, der Erde ungewohnt.
VIII
Im Schützengraben
Bruder: vielleicht Bist du es, Bruder, dem ich den Kolben gab? Jetzt schläft du todmüde in einem Massengrab Und ich liege im Schützengraben: aufgeweicht.
Wir tanzen in französischen Blusen. Paul spielt Harmonika. Applaus. Der dicke Unteroffizier hat beinah einen Busen. Der gefangene Hochländer sieht wie eine junge Dame aus.
Seufzer einem wie Küsse vom Munde stieben. Man sehnt sich nach einer Ziege oder einem Pferd. Wo sind die Mädchen geblieben? Die Ehe mit einer betagten Witwe ohne Vermögen erscheint plötzlich erstrebenswert.
IX
Im Lazarett
Ein Bauchschuss befindet sich auf dem Wege der Besserung. Ein (alkoholischer) Magenkatarrh beschwert sich über Verwässerung Des Magensaftes durch dünne Medizinen. Zwei Schwestern sind beflissen, einem Ohnebein zu dienen.
Ein Herzschuss möchte zum Schluss noch etwas Sekt. Eine Ruhr hat schon wieder das Bett verdreckt. Eine Schenkeleiterung muss Liebesbriefe schmieren. Ein Streifschuss geht (draussen) in der Sonne spazieren.
X
Es schwillt die Flut. Es stürzt der Damm. Wer ist noch gut? Wer stemmt sich: Stamm? Wo schmerzt dein Herz? Es weht im Wind. Dein Hirn? Aus Erz. Dein Blut? Es rinnt.
Und wer da hebt die stille Hand, Dem schlägt ein Schwert sie in den Sand. Und wer da lächelt irr im Blick, Spürt schon um seinen Hals den Strick.
Es geht zu End, Gebete send, Die Herde flennt, die Erde brennt. Wohl dem, der starr und unbewegt Die Steinstirn durch die Flammen trägt.
XI
Es fällt ein Blatt. Es stürzt ein Baum. Es steht der Mond. Es weht die Nacht. Und über allem Traum und Raum Ist eine Hoffnung sacht erwacht.
Sie sucht nach Rast. Ein Falter fast. Sie stäubt dahin, sie glänzt dahin. Und wer die Erde noch gehasst, Betäubt geht und bekränzt er hin.
Du, dem das Blut zum Halse stieg, Und der die goldne Sense schwang: Die Stirne neig! Die Kniee bieg! Der Gott geht seinen Donnergang!
XII
Der Dichter im Winter
Die Stadt in Schnee und kühlem Mondlicht liegt. Die Schlitten schweben und der Nordwind schweift. Soldaten gehen glitzernd und bereift, Und Frauen sind in Pelze eingeschmiegt.
Wo winkt ein Fasching, dass du dich entlarvst? Bewahr dein heisses Herz zu eigener Tat Und hoffe, dass ein holder Frühling naht, Wo du es wieder allen zeigen darfst ...
Der Friede
Der Friede stürzt ins Land Gleich einem Schaf, von Wölfen angerissen. Er trägt ein grau Gewand, Zerflattert und zersplissen.
Sein Antlitz ist zerfressen, Sein Auge ohne Glanz. Er hat vergessen Den eignen Namen ganz.
Gleich einem alten Kind (Gealtert früh in Harmen) Steht er im Abendwind Und bettelt um Erbarmen
Es glänzt sein blondes Haar, Der Sonne doch ein Teilchen. Er bietet lächelnd dar Ein welkes Herz und welke Veilchen.
Verse aus dem Gefängnis
Militärgefängnis Nürnberg, April 1919
I
Zuerst rannte ich mit dem Kopf gegen die Wand Und rüttelte an den Stäben. Ich verfluchte Tod und Leben Und steckte mit meinem feurigen Blick das ganze Gefängnis in Brand. Das vergitterte Fenster oben war blind und klein. Ich wusste nie, ob die Sonne schien oder Regen. Ich hungerte und hatte tausend Mägen, Und ich wollte so gerne mein eigener Enkel sein. Dann warf ich mich auf die Pritsche hin. Eine Schale Suppe ist durch die Tür geschwebt. Ich habe wie ein hungriger Menagerielöwe gebebt. Einmal ging ein Frauenschritt auf dem Gang vorüber. Der Schritt einer Königin. Schliesslich bin ich davon überzeugt, dass ich ein Verbrecher sei, Und dass ich mit vollem Recht unschädlich gemacht bin. Ich dulde es, dass ich vom Wärter verlacht bin, Und ich fühle, dass er so etwas wie ein Cherubim mit Flammenschwert und meiner Taten Rächer sei. Einmal wird die Tür sich öffnen und wie eine Gnade Wird mir die edle Freiheit wieder von Gott gewährt. Ich stürze sofort in ein erstklassiges Hotel und bade Und gehe in die Reitschule und besteige mein Lieblingspferd. Ich glaube, es hiess Mimi, wie das zarte Mädchen in dem bekannten Bohème-Romane, Und ich jage durch den englischen Garten und reite durch Felder von Korn und Mohn, Und ich rase und schwinge der Sonne rote Fahne Und ich reite voran der himmlischen Revolution.
II
Kann ich denn noch Verse singen, Wo ich hinter Stäben sitze? Donner donnre, Blitze blitze, Und die Wand will nicht zerspringen. Ginge doch die Tür und käme Eine frauliche Gestalt, Die mich bei den Händen nähme, Sie sei Mädchen oder alt. Wenn der Tisch sich doch belebte, Wenn mein Mantel mich umfinge! Dieses Kissen an mir hinge, Dieses Bildnis - wenn es lebte!
III
Drausseu singt ein Vogel in der Welt. Draussen blüht ein blaues Frühlingsfeld, Draussen geht ein Mädchen Arm in Arm Österlich geputzt mit dem Gendarm. Draussen sitzen satt im Restaurant Bürger bei Musik und Gabelklang. Auf der Burg von Nürnberg spielt ein Kind Mit den Wolken und dem Himmelswind. Und der Untersuchungsrichter streicht Seiner Frau das blonde Haar vielleicht. Draussen lächeln sie einander an: Greis und Säugling, Mädchen oder Mann. Draussen lieben sie einander sehr: Reh und Wiese, Sonnenschein und Meer.
IV
Nun wird es wieder dunkel. Kein Stern tritt mit Gefunkel In meine Zelle ein. Die Wände schier erblassen, Und grüne Hände fassen Nach mir wie zum Gespensterreihn.
Wie wird es morgen werden? Kein Himmel hier auf Erden. Die Nacht so sanfte Wellen schlägt. Ich sinke wie verloren, Umhüllt von schwarzen Floren, In einen Fluss, der mich von dannen trägt.
V
Und heut in der Nacht / da bin ich erwacht, Es schrieb eine Hand an der Wand. Und die Schrift war rot / wie Blut so rot, Und wie Wachs so weiss war die Hand.
Und ich sahs und vergass / meine Ängste und las, Was die Hand, die silberne, schrieb. Bedarfst du mein? / Du bist nicht allein Und ich hab dich ewig lieb.
Vergiss nicht die Fei / und die heilige Drei Und den Schrei und den endlosen Kuss. Der Kerker zerbricht / es naht das Gericht, Und zur Quelle empor fliesst der Fluss.
Die Nacht und der Tag / der Mond und der Hag, Wir lieben uns immer neu. Du küsst meine Stirn / wie Sonne den Firn Und als Bettler hüllt uns die Streu.
Bleibe du, bleibe ich / so singe, so sprich, Sprach ich recht, sprach ich dich, sprach ich du? Ich ergriff an der Wand / die silberne Hand, Und sie zog mich den Sternen zu.
VI
Wie der Schneefuchs der Polarnacht Streif ich einsam durch das Leben, Keinem künftig hingegeben, Weil die Einsamkeit nur wahr macht. Fälschte nicht des Bruders Tritt ich? Wünscht zum Ziel er meinen Rat sich? Jeder suche seinen Pfad sich, Und schon schwirrt des Geiers Fittich.
Ja: verzeiht dem armen Toren, Dass er focht für seine Brüder. Hier, die Waffen legt er nieder, Denn ihr habt ihn nicht erkoren. Blasser starrt der Mond und gelber, Felsen folgen seinem Scheine. Und vergebt mir, dass ich weine, Denn nichts wollt ich für mich selber.
VII
Sonett auf Nürnberg
Du deutsche Stadt, du deutscheste der Städte, Mich Wankenden beschützen deine Mauern. Zart bist du zu dem Zarten, rauh zum Rauhern. Ich bete deine steinernen Gebete.
O Zeit, da gut und fromm selbst das Geräte! Ich fühle mich bewegt von edlen Schauern. Gott, welcher Bild und Giebel ward, wird dauern, Wenn wir längst Dünger nur für Friedhofbeete.
Sind diese Gräben für den Krieg geschaffen? Um Scharten blüht der Ginster und der Flieder. Der Goldschmied, nahm er Gold, um zu erraffen?
Die Zeit war ewig. Lerchen ihre Lieder. Lass unsere Seelen sich zur Einfalt straffen Und gib uns Dürer, gib Hans Sachs uns wieder!
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