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Nacht und Morgen und wieder Nacht
Als die Sterne sanken, Als wir Nebel tranken, Morgen wölbte seine Hand - Unter seinem Segen Haben wir gelegen Wie ein aufgeblühtes Land.
Unsre Felder reiften. Unsre Jäger streiften Durch die taubeglänzte Pracht. Reh durchschritt die Ferne. Aber wie die Sterne Sanken wir in unsre eigne Nacht.
Blick ins Tal
Aroser Weisshorn; für Ernst L.
Lass, o lass mich niedersinken Wie ein Tropfen Tau im Hain. Berge blühen, Wipfel winken, Und ich bin nicht mehr allein.
Spukt im Mond, ihr halben Helden! Wind und Wolke lügen nicht. Keine Glockenstrophen melden, Wenn ein Enzianauge bricht.
Menschen hatten zarte Seelen, Schon ein Nadelstich traf Blut ... Am Gestein sollst du dich stählen, Und im Felsen werde gut!
Steinschlag soll das Tal entmannen, Und die Lau es überwehn - In Narzissen und in Tannen Wird es himmlisch auferstehn.
Die Graubündnerin
Die Wolke hängt sich müde in die Miene Des herbstlich schon ergrauten Tannenwalds. Der Wasserfall gleicht einer Mandoline. Ein roter Vogel zwitschert auf der Balz.
Vom Steinbruch tönt ein nagendes Gehämmer. Die Lore fährt mit Felsenfracht zu Tal. Durch dieses Nachmittages Waldesdämmer Gleitet ein papageienhafter Schal.
Es zucken matt im Anhauch rauher Winde Die schmalen Schultern der Graubündnerin. Um Hals und Nacken schlingt sich eine Binde Und stützt das fast entfallene Totenkinn.
Der Zephir
Er gehet beflügelt Und läutet am Hügel. Es streifen die Sohlen Die frauliche Au. Nun dürfen wir schlürfen Im Auge den Abend Und Erde und Herde Ertrinken im Tau. Ich wende die Hände Die feuchten ins Leuchten, Aufs Herz mir gezückt schon Des Mondes Stilett. Die zärtlichen Winde Umfangen den Enkel. Er gleitet beglückt schon. Sie führen ihn linde Ins ewige Bett.
Lied im Herbst
Wie Krieger in Zinnober Stehn Bäume auf der Wacht. Ich taumle durch Oktober Und Nacht.
Blut klebt an meinem Rocke. Mein Weg ist weit und lang. Des Tales dunkle Glocke Verklang.
Auf einem schwarzen Pferde Reit ich von Stern zu Stern. Die Sonne und die Erde Sind fern.
Ich bin von vielen Winden Zu Gott emporgereicht. Werd ich den Frühling finden? Vielleicht ...
Winteranfang
Alle Welt ist, voll Wind. Der Herbst fallt von den Bäumen. Wir sind In Träumen.
Der erste weisse Schnee ... Wer auf ihn tritt, tritt ihn zu Dreck. Ich sehe weg, Weil ich mein Herz seh.
Der erste Schnee
Der weisse Schnee beflügelt mein Gehirn. Die Tannen auch erscheinen schön besternt. So seien nun die Sonnen und die dürrn Oktoberzweige aus dem Blick entfernt.
Wenn dieses Glück uns auch nicht wärmer macht, Und wenn vielleicht der Nebel trunken trieft, Wir haben - selig! - eine weisse Nacht. O denkt, wie lang ihr nicht im Hellen schlieft ...
Schneeflocken
Wende ich den Kopf nach oben: Wie die weissen Flocken fliegen, Fühle ich mich selbst gehoben Und im Wirbeltanze wiegen.
Dicht und dichter das Gewimmel; Eine Flocke bin auch ich. - Wieviel Flocken braucht der Himmel, Eh die Erde langsam sich Weiss umhüllt.
Prometheus auf Skiern
Ists Schnee, der rosa unter meinen Skiern blüht? Ists Winterluft, die heiss um meine Schläfen zieht? Der Watzmann, der sich frierend früh in Schleiern barg, Liegt nackt und glänzend da, noch unverratzt vom Telemark ... Ich reisse Hemd und Sweater von der feuchten Haut und lass sie bronzen in der Sonne leuchten ... Nun über diesen Hang hinab ... das Tal Brandet noch grau in dumpfer Nebelqual ... Ich sause ... trage die Sonne auf meinem Rücken ... flammenbeschwingt ... Prometheus bin ich, der das Licht in Eure Tiefen bringt ...
Davoser Bar
In den lederbraunen Baren Sitzen sie bei Drink und Vermouth. Die da werden, die da waren, Und der Smoking deutet Schwermut.
Manche mit entfleischten Rippen Speien Eiter in die Gläser, Während ihre Finger tippen Takt dem goldnen Tangobläser.
Was sie denken, schallt entfernter Als die müde Kirchturmschelle. Seht: der Himmel scheint besternter Und die Erde dreht sich schnelle.
Im entlaubten Fruktidore Wölbt sich Brust zur Frucht gewaltsam. Unsre atmenden Motore Sausen nachtwärts unaufhaltsam.
Fünfuhrtee in der Halle
Der Kellner stellt die goldne Heizung an. Ich friere sehr und wärme mich bemüht An einem Zeitungsblatt, das geistig glüht. Der Kellner stellt die goldne Heizung an.
Von Stock zu Stock jagt Jüngling der Chasseur. Bald fängt er einen Brief. Bald einen Blick. Bald trägt er ein Paket. Bald ein Geschick. Auf Treppen hüpft ein Eichhorn: der Chasseur.
Ein Frauenfuss tanzt unter einem Tisch. Die Robe bauscht sich über seinem Samt. Ich sinne, wem der schöne Fuss entstammt. Madame erhebt sich, schön verschwenderisch.
Sie wirft das Antlitz aus dem Schleier und Entbietet lächelnd Gruss und Aug und Mund. Madame entbietet Gruss und Aug und Mund.
Der Gentleman
Nun ist Ihr Schritt aus diesem Haus entschwunden, Die Ledersessel stehen leer und stumm. Ich rufe nach den gelben Rosenstunden Und nach des Ragtimes zartem Unikum.
Mir ist, als ob ich immer jenen Lord seh, Der einst vor meiner Eifersucht sich barg. Sie schweben schon im Dampfer auf der Nordsee, Und aus den Masten steigt der Hydepark.
Ein Pastor predigt Sonntags früh den Frommen Und warnt sie vor des Whiskytrinkers Los. Whitechapel lächelt heiter und verkommen. Der Mond beträufelt Neger und Matros.
Und während unsere Brüder sich zerfleischen: Das U-Boot zischt, auf London sinkt der Zepp - Zerfliessen wir in geigenden Geräuschen Und wippen leicht im Brasilianerstep.
Mich warf die Leidenschaft an Ihre Küste. Wär ich Barbar! so wagte ich mich ganz! O neigen Sie die Aprikosenbrüste Im Angesicht des doch geliebten Manns.
Ich blute vor den Fliegerpfeilen Ihrer Entbrannten Augen, braune Marjorie. Einst siege ich - vielleicht ... im Rennbootvierer Im Glanz der ewigen Kameraderie ...
Einsamkeit im nächtlichen Hotel
Auf dem Korridor Hüpft der rote Mohr, Welcher einer Dame Schokolade bringt. Meine Einsamkeit Ist Zerrissenheit Bergs, aus dem ein Giessbach springt.
Ach, es lockt mich fast, Mensch zu sein: ich tast Ueberm Bette nach dem Lichtsignal. Ruf die Kleine ich - Weine ich Und verfliesse in des Bettes Tal.
Im Hotelgemach, Als ich stöhnend lag, Hat ein Löwe meine Brust beschwert - Niemand war mir gut. Nur mein weicher Hut Hat sich brüderlich mir zugekehrt.
Ohne Körper er Schwebte leicht daher Neigte sich und sass mir auf dem Haupt. Er behütete, Als man wütete, Meinen Schlaf, den er dem Tod geraubt.
Abend in Locarno
Auf schwarzem Hut die rötliche Kokarde Mein wildes Mädchen flattert zu Revolten. Um ihre Lippen stürmt der Duft der Narde. Die Füsse stampften und die Brüste rollten.
Wirf deiner Arme mondenen Sichellasso Um meinen Nacken, dass ich stiergleich falle, Morddurstige Madonna du del Sasso, Und löse deines Gürtels Felsenschnalle.
Die Wolken steigen, tulpenrote Putten, Auf grünen Leitern in die blauen Schwaden, Indess die Menschen: Mönche braun in Kutten: Sich in die Särge deiner Seufzer laden.
Der südliche Herbst
Für Anny
I
Es ist so sanft, durch diesen Herbst zu eilen Und dieses Blau des Himmels zu betrachten, Bei spielerischen Kindern zu verweilen Und auf den guten Gang des Greises achten.
Ein Adler glitzert auf der Zitadelle. Ein Leoparde raschelt Bellinzona. Auf seinem gelben und gefleckten Felle Reitet die schönste Frau der Welt: Ilona.
Sie lächelt. Und ich hebe meine Hände. Sie winkt. Ich sinke seufzend vor ihr nieder. Es scheint das ausgebreitete Gelände Um ihre Brust gespannt als goldnes Mieder.
O lass die Landschaft von der Hüfte fallen! Entferne doch den Himmel aus den Blicken! Und sei ein Mensch! Die Abendglocken schallen. Du darfst beglückt sein, Mensch, und darfst beglücken.
II
Noch sind voll grünem Laube die Platanen. Die Reben hängen an den Stöcken schwer. Die Menschen frieren in den Eisenbahnen Voll Ahnung frühen Winters allzusehr.
Ja: morgen ist die letzte Traubenlesung; Dann gibt der Winter uns den milden Wein Und schenkt uns Wehmut und Verzweiflung ein. Ich rieche dich im Laube der Verwesung ...
III
Und so will ich, was ich werde; Immer grösser grüsst der Mond. Palmenbaum und dunkle Erde Werden zarter sich gewohnt.
Silbersee zieht ohne Barke Stromgleich durch verlassnes Laub. Und des Winzers goldne Harke Sank beseligt in den Staub.
Dass sich Brust an Brüsten dehne! Gib den Winden ihren Lauf! Einer Flöte Kantilene Spielt zum Tanz der Motten auf.
Rote Rose, Winter witternd, Kranke Frau im weissen Thron - Heute starb, ich ahn es zitternd, Meiner Küsse schönster Sohn.
IV
Der Mondschein glänzt wie deine Haut, Dein schwarzes Haar ist weinbetaut.
Wer will den Wein? wer schuf die Hand? Land wurde Leib, Leib wurde Land.
In braunen Augen wächst der Wald Mit Reh und Baum zur Herbstgestalt.
Die Fliegen auch auf deiner Stirn Im Flug der Liebe sich verirrn.
Ein jedes Gute findet leicht In deinem Lächeln sich erreicht.
Ein jedes Elend fliesst als Blut Aus deinem Schoss. Wird Kind. Wird gut.
Venedig
Im Norden Frieren die Götter. Hier Strahlt jeder Gauner: ein heisser Gott.
Seines Tempels Stufen Steigen aus dem Canale grande. Er opfert Sein südliches Herz sich selbst.
Die Sbirren schleichen Zur Dämmerung. Am Himmel segelt Eine Gondel.
Die Adria Brandet an meine Brust. Der Markusplatz Tönt wie eine Harfe.
An vergitterten Fenstern, An freigelassenen Menschen vorbei: Auf einer weissen Piazza Entfaltet sich wie eine rote Mantille dein Lächeln.
Ists Tag? So ist die Sonne, Ists Nacht? So ist der Mond Am Herzen Aufgegangen.
An der Ponte Viganello
An der Ponte Viganello Sind Magnolien schon entzündet. An der Ponte Viganello Stimmt der März die Mandoline.
An der Ponte Viganello Seufzt der Veilchenstrom des Flusses. An der Ponte Viganello Hab ich oft auf dich gewartet.
An der Ponte Viganello Fliegen Möven, brennen Sonnen. An der Ponte Viganello Hingen Arm in Arm wir liebend.
An der Ponte Viganello Steht ein Mädchen, äugt ins Wasser. An der Ponte Viganello Weiss das Wasser keine Antwort.
An der Ponte Viganello Liegt der Friedhof Sankt Antonio. An der Ponte Viganello Hängt ein Gott, ans Kreuz geschlagen.
Passauer Distichen
Als ins fallende Laub vor zwanzig säuselnden Jahren Herbst dich bettete bunt, rief er die Göttinnen all: Seht von der letzten Libelle umschwärmt das schmächtige Menschlein! Eine Göttin wie ihr - nur noch schleierverhüllt.
Und sie traten herzu und sahn die blonde Beseelung Unter den Schleiern, die herbstlich die Spinne gewebt. Eine nur senkte den Blick und hob die Hand und zerriss das Leichte Gewebe: es war Venus. Sie segnete dich.
* * *
Dass wir einander in seliger Ruhe geniessen durften, Dankten wir himmlisch erfreut nur dem christlichen Gott. Fromm und feierlich wir schritten von Kirche zu Kirche, Und im dämmrigen Gang fand sich Lippe zu Mund. Und im Beichtstuhle fand sich Brust zu bebenden Brüsten, Und im Herzschlag schlug dröhnend die Glocke vom Turm.
* * *
Unter blühenden Kirschen im mächtig sprossenden Grase Liegen die Liebste und ich. Schatten breitet der Baum Über das grüne Bett mit weissen Blüten durchmustert. Blüten mit leichter Hand schüttelt der Frühling herab. Doch von des Mädchens Lippe pflück ich die süssesten Früchte, Fällt ihr ein Blatt auf den Mund, küss ich es zärtlich hinweg. Also ein gütig Geschick uns Herbst und Frühling vereinte: Schwebt die Blüte vom Baum, reift auf dem Mund sie zur Frucht.
* * *
Wo der Flüsse drei sich ineinander ergiessen, Standen wir liebend gelehnt, sahn in die jagende Flut. Drei ward eins. Ich fasste fester die Hand dir und dachte: Du und ich - und das Kind. Also dreieinig auch wir.
Fiete
I
Scheint das Licht noch In dem Schlachtgrau? Bleibe Pflicht doch Meine Nachtfrau!
Wenn der Wind weht Und der Baum rauscht, Unser Kind geht Und dem Traum lauscht.
II
Alle sind besser Als ich. Lilie gegen Messer, Kuss gegen Stich.
Lächeln gegen Zähne, Herz gegen Stein. Ach ich sehne Mich all-ein.
III
Begegnung in Hamburg
Dunkel ging ich durch die dunkle Twiete, Sann, wo man mir meine Mahlzeit briete.
Draussen ... war vielleicht der Himmel blau? Innen roch es sehr nach Kabeljau.
Um die Ecke schielt ein rotes Licht, Welches einen guten Grog verspricht.
Dunkel kam ich aus der dunklen Twiete -
Da - ein heller Glanz - ich stoppte stumm: War es Sonne? Wars Petroleum?
Nein, dein braunes Auge war es, Fiete ...
Weib
Wie du Wind vergebens Alle Lüfte regst, Hab ich Sinn des Lebens, Weib, wenn du mich trägst.
Bin ich dir im Tiefen Immer Tier und Sohn: Die dich Göttin riefen, Riefen Hündin schon.
Lieg ich dir im Schosse Gramzerkrampft: Fühl ich, wie die grosse Welt sich selbst zerstampft.
Winkelried
Wie es dich zum Kampfe zieht! Und du stürmst in goldner Wehre - Wenn sie lächelnd dir ins Auge sieht: Wo ist Trotz und Dolch und Ehre? - Drückst du dir wie Winkelried Tief ins eigne Blut der Feindin Speere ...
Musik! Musik!
Musik! Musik! Zusammensein Mit tausend Tönen, das mich nicht verlässt. Ich schwinge mich im angesagten Fest Und bin zu vielen und nicht mehr zu zwein.
Ich bin erlöst von meinem Blondverlangen. Und Sybil ist mir wie ein ferner Wald, Aus dem, bevölkert mit den schönen Schlangen, Der herbstlich rote Schrei des Hirsches schallt.
Nicht mehr im Ruch der faulen Gossen sein. Ein Eherner zur Sternparade schreiten. Unter dem blauen Brückenbogen gleiten. O ganz im süssen See verflossen sein!
Thea
Seh ich jene petrefakte Hügelkuppe blondgeschmückt: Scheint sie eine schöne nackte Frau, die sich nach vorne bückt.
Wie ihr Rücken rund sich ründet. Und es regt sich plötzlich zwischen Meinen Schenkeln und ich stoss, Erde, mich mit dir zu mischen, Meinen Thyrsusstab entzündet Tief in deinen waldigen Schoss.
Musette
Wenn dein Mund liegt An meiner Scham, Und meine Sehnsucht wund wiegt, Als ob ein grosser Vogel mich auf seine Flügel nahm:
Dann meine Lippen rasen In der entflammten Nacht. Aufsteigt ein Wasen, Der mich von Sinn und Seelen macht.
Mir wird in seinem Ruch So süsser Träume schwer. Genug Weiss ich dann von der Welt und will nichts wissen mehr. -
Mimi
I
Als ich bei dir lag Auf dem Wiesenhag, Und der Neckar flutete so mild: Fähre führte Vieh, Hügel bog sich wie Eine Mutter, die ihr Kindlein stillt.
Berg und Brust ist eins, Schoss und Erd ist eins, Augen, Augen blinken wie von Tau. Welche Kühle ach Wind, ich fühle ach Plötzlich eine andre Frau.
O begegne doch Frau und segne doch Deine Schwester, die sich vor dir neigt. Die auf Leiter von Zartem Stricke schon Aufwärts zu den Wolken steigt.
II
Was ich dir hier singe, Ist nur für dich gemacht. Die violette Syringe, Der Mond und das Ding der Dinge Ist nur für dich gemacht.
Die heimliche Lust der Lüste Ist nur für dich gemacht, O gib mir deine Brüste. Ebbe und Flut unsrer Küste Sind nur für dich gemacht.
Das breite Bett, ich dächte Es ist für dich gemacht. Komm, löse deine Flechte, Denn diese Nacht der Nächte, Sie ist für uns gemacht.
III
Trinklied
Wirt, schlag aus dem Fass den Banzen, Wir wollen saufen und tanzen: Mimi und ich. Lahmer, du spielst Harmonika, Und die zahme Elster schreit krakra. Die Amseln flöten.
War das ein Tag! Wird das eine Nacht! Auf den Neckarhügeln sind Sonnwendfeuer entfacht: Unsre Herzen. Mädchen, du lachst verschwenderisch! Du bist atemlos! Komm ins Gebüsch! Ich will dich umarmen!
Der feiste Wirt zapft an seinem Fass. Der Lahme singt mit rostigem Bass. Die Elster schreit. Mädchen, ich spüre deinen Schoss Als läge die Sonne vor mir bloss, Die Nacht leuchtet.
Ich streiche dir das Haar zurecht. Der Wirt offeriert gebratenen Hecht Und goldenen Mosel. Öffne das Auge! Jetzt bist du sanft Wie der Mond überm Wiesenranft, Holde Dryade!
Fannerl
Hab dich doch lieb, Fannerl, Wenn die Sterne fallen, Wenn die Sonne steigt.
Du duftest wie das Ried. Du bist frisch wie ein Taumorgen. Deine Hände betten mich an deine Brust, Als wäre ich dein Enkelkind.
Unten im Gries Fliesst die Isar. Wollen wir Floss fahren Bis ins Meer?
Tags ist es kühl bei dir Wie im Schatten der Leutaschklamm. Aber nachts Brennst du wie der Mittag auf den Karwendelsteinen.
Wenn der Herbst kommt, Wenn ich weiter muss - Weine nicht, Fannerl.
Grete G.
So lauf ich mit dem Winde um die Wette Und borge von den Sternen meinen Schein. Die Erde ist mein Bette Und soll mein Himmel sein.
Komm: Mädchen, Jüngling - beides mir. Noch fühl ich unter deiner Brüste Früchten Das Herz sich wie ein scheues Tier Ins Dickicht deines Leibes flüchten.
Ach wenn ich wie der Pelikan Die Brüste beide dir zerreissen dürfte Das Blut aus deinem Herzen schlürfte! Wie wär ich selig dran!
Julie
Ich war so hungrig nach deinem Leibe, Süsse Seele. Ich brannte. Nun, da ich sanft verschwele: Du hast mich satt gemacht. Nun will ich gehn. Ich treibe Wie eine Barke durch die Nacht. Es lächelt mein Blut. Alles ist gut. Alles ist schön. Ich fühle, Wie aus dem Sterngewühle Zwei ewige Augen auf mich niedersehn.
Die Seiltänzerin
Alles weinet, wenn du es besiehst, Denn es scheint zu schön in deinem Blicke. Weile, Flutende! O du entfliehst Und entbindest dich der zarten Stricke.
So wie wenn auf hohem Seil der Tanz Eines Kindes uns erschreckt bezaubert: Bist du Spiel: ein dunkler Mann ersanns - Und zur Erde stürzt entflammt der Tauber.
Weile, Glutende, o du entfliehst! Schon erheben dich die Felsenfirne Und gleich einem hohen Sternbild ziehst Du im ewigen Kreis auf meiner Stirne.
Im Auto
Ich bin gut und fahr im Glück. Von den nassen Scheiben Klatschen Blicke dumpf zurück, Die wie Vögel treiben.
Alles rollt an mir vorbei. Über die Kanäle Irr ich wie ein böser Schrei, Den ich mir verhehle.
Plötzlich bin ich nicht mehr da. Motor platzt im Dunkeln. Und ich sehe sausend nah, Tod, dein Auge funkeln.
Die Pfeife zwischen den Zähnen
Liegst du auf der Ottomane, Und die Pfeife in den Zähnen: Darfst du schaukelnd dich im Kahne Auf dem Meer des Nicht-mehr wähnen.
Silbern steigt der Rauch nach oben. Mit den leisen weisen Kreisen Fühlst du selber dich gehoben Und im Wolkenreigen reisen.
Erde, Mond und Sonne sangen. Alles geht in Rauch und Luft auf. Alles geht in Hauch und Duft auf. Du vergehst. Und bist vergangen.
Der letzte Trunk
Nach Baudelaire
Tod, alter Fährmann! Es ist Zeit! Anker gelichtet! Weisse Winde flattern wie Möwen. Segel gehisst! Ob Meer und Himmel sich wie schwarze Tinte dichtet, Du weisst es, dass mein Herz voll goldner Strahlen ist.
Giess ein den letzten Trunk des roten Blutes! Wie Feuer brennts im Schlund. Mich trägt die Welle Bis auf des Unbekannten tiefsten Grund. Was tut es, Ob Himmel mich das Neue lehrt, ob Hölle?
Das Notabene
Nach Bellmann
Holt mir Wein in vollen Krügen! (Notabene: Wein vom Sundgau) Und ein Weib soll bei mir liegen! (Notabene: eine Jungfrau) Ewig hängt sie mir am Munde. (Notabene: eine Stunde ...)
Ach, das Leben lebt sich lyrisch (Notabene: wenn man jung ist), Und es duftet so verführisch (Notabene: wenns kein Dung ist), Ach, wie leicht wird hier erreicht doch (Notabene: ein Vielleicht noch ...).
Lass die Erde heiss sich drehen! (Notabene: bis sie kalt ist) Deine Liebste sollst du sehen (Notabene: wenn sie alt ist ...) Lache, saufe, hure, trabe - (Notabene: bis zum Grabe).
Der Selbstmörder
Niemand weiss, dass ich gestorben bin. Alle sehen freundlich zu mir hin. Manche meinen mit verglastem Lächeln Trost und Heiterkeit mir zuzufächeln.
Manche fragen, wie es mir erginge? Ob wie sonst ich singe oder springe? Oder ob mein Flötenmund verstummt sei? Und warum so dunkel ich vermummt sei?
Ärzte diagnostizieren edel. Jemand klopft erstaunt an meinen Schädel. Und das klingt, als ob an einer Türe Einlass heischend wer die Finger rühre.
Lassen Sie mich, bitte, meine Damen, Die zuweilen zart zur Liebe kamen. Keine Freundin schläft mir künftig bei Als die Wasser- oder Wiesenfei.
Ihre Haare sind aus Tang und Moose, Und ihr Schoss ist eine Wasserrose. Ihre Hände sind so feucht wie Frösche, Und mich deucht, dass ich schon sanft verlösche.
Der Torso
Für Modrow
Es beugt sich eine Statue, behängt Mit einem Schleier schamentblösster Blicke. Ein Knabenantlitz, das sich Sonnen fängt. Ein Mädchenlächeln, zahm wie eine Ricke.
Hier eine Unvollendete: sie hofft Noch feucht im Ton Lebendiges zu wagen. An diesen schönen Brüsten ruhet oft Der Meister, wenn der Marmor ihn erschlagen.
Der Mandrill
Ich spielte auf der Lotoswiese Und wusste nichts von Licht und Leid, Da wehte eine stete Bise Mich an das Eiland dieser Zeit.
Ich war ein Staub der Algenblüte, Der aufwärts in die Erde will. Und bald in meinen Adern glühte Die Urwaldsehnsucht des Mandrill.
Als schnaubend einst ich die Genossen Sah durch die Schachtelhalme fliehn: Lag plötzlich vor mir ausgegossen Ein Wesen, das mir lieblich schien.
Um ihre Glieder sich zu ranken: Welch Übermass an Seligkeit! Und herrisch griffen meine Pranken Nach ihr, zu jeder Lust bereit.
Sie schlug die Augen auf. Der Himmel War ganz in den Opal gebrannt. Es hat sein Bann mich dem Gewimmel Der Brüder wieder zugewandt.
Nun such ich stets das zarte Wesen Als Mensch, als Blüte oder Tier. Denn mir nur ist sie auserlesen, Ihr Nichtsein selbst gehört noch mir.
Der Schnapphans
I
Ich bin ein armer Kauz Und hab nicht Haus noch Stall. Der Wald, der ist mein Haus, Die Luft ist mein Gemahl.
Ein altes Hemd mein Fell, Der Wind pfeift mir durchs Bein. Hilf, dass ich in der Höll Nicht auch muss Schnapphans sein ...
II
Woher? Vom Meer. Wohin? Zum Sinn. Wozu? Zur Ruh. Warum? Bin stumm.
III
Tag und Nacht
Die Nacht ist wie ein Mönch, Sie trägt ein braun Gewand. Der Tag ist wie ein Mensch, Hat Lilien in der Hand.
Die Nacht ist dunkel ganz Und stummer als ein Grab. Der Tag: Gefunkel ganz, Gelächter, Klang und Tanz.
Prolog zu einem Schauspiel
Ich neige mich vor aller Bühnen Auditorien: Es ist so schwer, ein Mensch zu sein. Selbst in der Heiligkeit ersehnter Glorien Fühlt schmerzlich sich der Einzelne allein.
Die Einsamkeit beschattet seine Seele; Sie lässt erzittern seines Herzens Schlag. Und selbst der Sang der süssen Philomele Verdunkelt nur den überwölkten Tag.
Da hebt am Abend leicht vor einem jeden Der Vorhang sich zu einer innern Welt. Es gleitet puppenspielerisch an Fäden Der Hass, der Hohn, die Liebe und das Geld.
Gestaltung wird die lächelnde Gebärde, Zur Totenbahre neigt sich die Monstranz. Und die gelobte, die geliebte Erde Bevölkert sich mit Rausch und Traum und Tanz.
Wie dunkler Wein ist Wahrheit zu geniessen; Die Wirklichkeit ist leerer Winde Schall. Die Tränen, die aus unsern Augen fliessen, Empfangt sie in des Herzens Blutkristall!
Das Lachen, das in eure Ohren töne, Es fiel vom Himmel; ein metallner Stern. Und es verkläre klingend, es verschöne Die edlen Damen und die stolzen Herrn.
So klug ist keiner, dass ihn Liebe schände. So schön ist niemand, dass ihn Schmerz entehrt. Es zeigt der Bühne buntestes Gelände Den Götterjüngling mit dem Rosenschwert.
Es hebe seinen Stab nun der Ephebe Und rühre euer Herz zum frommen Schaun. Ein jeder ahne freundlich, dass er lebe, Und ihn beglücke Nymphe, Gott und Faun.
Es sinken eines trüben Tages Dünste, Wie eine Blume blüht Gemeinsamkeit, Umarmt euch angesichts der goldnen Künste Und fühlt beseligt, dass ihr Brüder seid.
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