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Reise-Empfindung
Ich sah in bleicher Silbertracht Die Birkenstämme prangen, Als wäre dran aus heller Nacht Das Mondlicht blieben hangen;
Und in dem zarten Birkenhain Sah ich ein Häuschen blinken, Das hob gleich an, zu sich hinein Holdfreundlich mich zu winken.
Wie da im roten Morgenstrahl Die Fensterlein erglänzten; Und wie so freudig Berg und Tal Mit Rosen sich bekränzten!
Die Rebe auf zum Fenster klomm Mit ihren goldnen Trauben; Die Unschuld saß im Dache fromm In stillen weißen Tauben.
Die Lerche sang und schwand dahin Auf morgenfrohen Schwingen, Daß mir der blaue Himmel schien Ins Tal herabzusingen.
Da meint ich schon, das Fenster soll Sich freundlich mir erschließen Und aus dem Rahmen liebevoll Mein Liebchen mich begrüßen.
Du seligste der Phantasein! Ach, wär es mir beschieden, Mit ihr zu leben hier allein Im süßen Waldesfrieden!
Mit ihr im linden Frühlingshauch Durch diesen Hain zu wallen, Zu lauschen hier im Blütenstrauch Dem Lied der Nachtigallen;
Mit ihr zu schaun im Herbsteswehn Die welken Blätter fliegen, Umrauscht vom schmerzlichen Vergehn, Mich traut an sie zu schmiegen.
Wenn dann in rauher Winterzeit Ein Lied mein Liebchen sänge Und aller Himmel Seligkeit Mir in die Stube dränge! -
Ich wagt es mich zu regen kaum In meinem stillen Sinnen, Besorgt, das Häuschen möcht, ein Traum, Vor meinem Blick zerrinnen.
Doch, sieh, da öffnet sich die Tür, Der Zauber war geschwunden, Es trat ein Jägersmann herfür Mit nachgesprengten Hunden.
Er grüßte mich mit raschem Blick Und streift' waldein gar heiter; Ich gab ihm seinen Gruß zurück, Und traurig ging ich weiter.
Nach Süden
Dort nach Süden zieht der Regen, Winde brausen südenwärts, Nach des Donners fernen Schlägen, Dort nach Süden will mein Herz.
Dort im fernen Ungarlande Freundlich schmuck ein Dörfchen steht, Rings umrauscht von Waldesrande, Mild von Segen rings umweht.
An des Dörfchens stillem Saume Ist ein Hüttlein hingestellt, Das in seinem schmalen Raume Wahret meine Herzenswelt.
Bäume, die dem Wald entsprungen, Sehnend nach dem Hüttlein sich, Halten Dach und Wand umschlungen Mit den Zweigen inniglich.
Aus dem Fenster blickt nun schweigend Lilla nach dem Wald hinaus, Ihr Gesichtchen traurig neigend, Blickt sie nach dem Laubgebraus.
Und sie siehts mit stillem Sinnen, Und sie sieht es bang gerührt, Wie die Wasser niederrinnen, Wie der Wind das Laub entführt.
Lauter wogt der Bach und trüber, Lauter wird der Lüfte Streit, Hörbar rauscht die Zeit vorüber An des Mädchens Einsamkeit.
Das Mondlicht
Dein gedenkend irr ich einsam Diesen Strom entlang; Könnten lauschen wir gemeinsam Seinem Wellenklang!
Könnten wir zusammen schauen In den Mond empor, Der da drüben aus den Auen Leise taucht hervor.
Freundlich streut er meinem Blicke Aus dem Silberschein Stromhinüber eine Brücke Bis zum stillen Hain. -
Wo des Stromes frohe Wellen Durch den Schimmer ziehn, Seh ich, wie hinab die schnellen Unaufhaltsam fliehn.
Aber wo im schimmerlosen Dunkel geht die Flut, Ist sie nur ein dumpfes Tosen, Das dem Auge ruht.
Daß doch mein Geschick mir brächte Einen Blick von dir! Süßes Mondlicht meiner Nächte, Mädchen, bist du mir!
Wenn nach dir ich oft vergebens In die Nacht gesehn, Scheint der dunkle Strom des Lebens Trauernd stillzustehn;
Wenn du über seinen Wogen Strahlest zauberhell, Seh ich sie dahingezogen, Ach! nur allzuschnell!
Bitte
Weil auf mir, du dunkles Auge, Übe deine ganze Macht, Ernste, milde, träumerische, Unergründlich süße Nacht!
Nimm mit deinem Zauberdunkel Diese Welt von hinnen mir, Daß du über meinem Leben Einsam schwebest für und für.
In der Wüste
Ists nicht eitel und vergebens, Lieben Freunde, saget an! Durch den Wüstensand des Lebens Sich zu wühlen eine Bahn?
Streut auch unser Fuß im Staube Spuren aus von seinem Lauf, Gleich, wie Geier nach dem Raube, Kommt ein Sturm und frißt sie auf.
Einsam und in Karawanen Treibt es nach dem Land der Ruh, Und es flattern tausend Fahnen Hier und dort der Ferne zu.
Wir auch wandern vielverbündet Nach der Rätselferne aus; Doch der Strahl der Wüste zündet Sehnsucht nach dem kühlen Haus;
Zündet heißer stets das Sehnen In die Gruft aus diesem Land, Wo, nie satt, nach unsern Tränen Lechzt herauf der dürre Sand.
Schilflieder
1
Drüben geht die Sonne scheiden, Und der müde Tag entschlief. Niederhangen hier die Weiden In den Teich, so still, so tief.
Und ich muß mein Liebstes meiden: Quill, o Träne, quill hervor! Traurig säuseln hier die Weiden, Und im Winde bebt das Rohr.
In mein stilles, tiefes Leiden Strahlst du, Ferne! hell und mild, Wie durch Binsen hier und Weiden Strahlt des Abendsternes Bild.
2
Trübe wirds, die Wolken jagen, Und der Regen niederbricht, Und die lauten Winde klagen: 'Teich, wo ist dein Sternenlicht?'
Suchen den erloschnen Schimmer Tief im aufgewühlten See. Deine Liebe lächelt nimmer Nieder in mein tiefes Weh!
3
Auf geheimem Waldespfade Schleich ich gern im Abendschein An das öde Schilfgestade, Mädchen, und gedenke dein!
Wenn sich dann der Busch verdüstert, Rauscht das Rohr geheimnisvoll, Und es klaget, und es flüstert, Daß ich weinen, weinen soll.
Und ich mein', ich höre wehen Leise deiner Stimme Klang Und im Weiher untergehen Deinen lieblichen Gesang
4
Sonnenuntergang; Schwarze Wolken ziehn, O wie schwül und bang Alle Winde fliehn!
Durch den Himmel wild Jagen Blitze, bleich; Ihr vergänglich Bild Wandelt durch den Teich.
Wie gewitterklar Mein' ich dich zu sehn Und dein langes Haar Frei im Sturme wehn!
5
Auf dem Teich, dem regungslosen, Weilt des Mondes holder Glanz, Flechtend seine bleichen Rosen In des Schilfes grünen Kranz.
Hirsche wandeln dort am Hügel, Blicken in die Nacht empor; Manchmal regt sich das Geflügel Träumerisch im tiefen Rohr.
Weinend muß mein Blick sich senken; Durch die tiefste Seele geht Mir ein süßes Deingedenken, Wie ein stilles Nachtgebet!
Winternacht
1
Vor Kälte ist die Luft erstarrt, Es kracht der Schnee von meinen Tritten, Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart; Nur fort, nur immer fortgeschritten!
Wie feierlich die Gegend schweigt! Der Mond bescheint die alten Fichten, Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt, Den Zweig zurück zur Erde richten.
Frost! friere mir ins Herz hinein, Tief in das heißbewegte, wilde! Daß einmal Ruh mag drinnen sein, Wie hier im nächtlichen Gefilde!
2
Dort heult im tiefen Waldesraum Ein Wolf; - wie's Kind aufweckt die Mutter, Schreit er die Nacht aus ihrem Traum Und heischt von ihr sein blutig Futter.
Nun brausen über Schnee und Eis Die Winde fort mit tollem Jagen, Als wollten sie sich rennen heiß: Wach auf, o Herz, zu wildem Klagen!
Laß deine Toten auferstehn Und deiner Qualen dunkle Horden! Und laß sie mit den Stürmen gehn, Dem rauhen Spielgesind aus Norden!
Das tote Glück
Leis umrauscht von Himmelsquellen, Süße Sehnsucht in der Brust, Saß ich einst die mondeshellen Nächte da in stiller Lust.
Jene Zeit wird nicht mehr kommen; Himmelsquellen sind versiegt, Und die Sehnsucht ist verglommen, Und mein Glück im Grabe liegt.
Weib, du riefst in böser Stunde Mit dem zauberischen Blick, Mit dem wonnereichen Munde Schmeichelnd hin zu dir mein Glück.
Und es kam, ein Kind, und schmiegte Flehend sich in deinen Arm, Der es mild umschlang und wiegte, Als ein weicher Mutterarm.
Nun das Kind in Traumeswonnen, Hingeschlummert, sich verlor, Nahmst du still und kaltbesonnen Deinen Todesdolch hervor.
Scharf geschliffen am Gesteine Deines Herzens war der Stahl, Und das Kind, um das ich weine, Atmete zum letztenmal.
Und du stießest leicht und munter, Wie ein Steinchen in den Bach, In das Grab mein Glück hinunter, Sahst ihm ruhig, lächelnd nach.
Unmut
Die Hoffnung, eine arge Dirne, Verbuhlte mir den Augenblick, Bestahl mit frecher Lügenstirne Mein junges Leben um sein Glück.
Nun ists vorüber; in den Tagen, Als ihr Betrug ins Herz mir schnitt, Hab ich das süße Kind erschlagen, Und mit dem Leben bin ich quitt.
Nicht mehr zum Lustschloß umgelogen, Scheint mir die Erde, was sie ist: Ein schwankes Zelt, das wir bezogen - Tod, habe Dank! - auf kurze Frist.
Vergangenheit
Hesperus, der blasse Funken, Blinkt und winkt uns traurig zu. Wieder ist ein Tag gesunken In die stille Todesruh;
Leichte Abendwölkchen schweben Hin im sanften Mondenglanz, Und aus bleichen Rosen weben Sie dem toten Tag den Kranz.
Friedhof der entschlafnen Tage, Schweigende Vergangenheit! Du begräbst des Herzens Klage, Ach, und seine Seligkeit!
Nebel
Du, trüber Nebel, hüllest mir Das Tal mit seinem Fluß, Den Berg mit seinem Waldrevier Und jeden Sonnengruß.
Nimm fort in deine graue Nacht Die Erde weit und breit! Nimm fort, was mich so traurig macht, Auch die Vergangenheit!
Liebesfeier
An ihren bunten Liedern klettert Die Lerche selig in die Luft; Ein Jubelchor von Sängern schmettert Im Walde, voller Blüt und Duft.
Da sind, so weit die Blicke gleiten, Altäre festlich aufgebaut, Und all die tausend Herzen läuten Zur Liebesfeier dringend laut.
Der Lenz hat Rosen angezündet An Leuchtern von Smaragd im Dom; Und jede Seele schwillt und mündet Hinüber in den Opferstrom.
Frühlings Tod
Warum, o Lüfte, flüstert ihr so bang? Durch alle Haine weht die Trauerkunde, Und störrisch klagt der trüben Welle Gang: Das ist des holden Frühlings Todesstunde!
Der Himmel, finster und gewitterschwül, Umhüllt sich tief, daß er sein Leid verhehle, Und an des Lenzes grünem Sterbepfühl Weint noch sein Kind, sein liebstes, Philomele.
Wenn so der Lenz frohlocket, schmerzlich ahnt Das Herz sein Paradies, das uns verloren, Und weil er uns zu laut daran gemahnt, Mußt ihn der heiße Sonnenpfeil durchbohren.
Der Himmel blitzt, und Donnerwolken fliehn, Die lauten Stürme durch die Haine tosen; Doch lächelnd stirbt der holde Lenz dahin, Sein Herzblut still verströmend, seine Rosen.
Herbstgefühl
Mürrisch braust der Eichenwald, Aller Himmel ist umzogen, Und dem Wandrer, rauh und kalt, Kommt der Herbstwind nachgeflogen.
Wie der Wind zu Herbsteszeit Mordend hinsaust in den Wäldern, Weht mir die Vergangenheit Von des Glückes Stoppelfeldern.
An den Bäumen, welk und matt, Schwebt des Laubes letzte Neige, Niedertaumelt Blatt auf Blatt Und verhüllt die Waldessteige;
Immer dichter fällt es, will Mir den Reisepfad verderben, Daß ich lieber halte still, Gleich am Orte hier zu sterben.
Herbstklage
Holder Lenz, du bist dahin! Nirgends, nirgends darfst du bleiben! Wo ich sah dein frohes Blühn, Braust des Herbstes banges Treiben.
Wie der Wind so traurig fuhr Durch den Strauch, als ob er weine; Sterbeseufzer der Natur Schauern durch die welken Haine.
Wieder ist, wie bald! wie bald! Mir ein Jahr dahingeschwunden. Fragend rauscht es aus dem Wald: 'Hat dein Herz sein Glück gefunden?'
Waldesrauschen, wunderbar Hast du mir das Herz getroffen! Treulich bringt ein jedes Jahr Welkes Laub und welkes Hoffen.
Die Wurmlinger Kapelle
Luftig, wie ein leichter Kahn, Auf des Hügels grüner Welle Schwebt sie lächelnd himmelan, Dort die friedliche Kapelle.
Einst bei Sonnenuntergang Schritt ich durch die öden Räume, Priesterwort und Festgesang Säuselten um mich wie Träume.
Und Marias schönes Bild Schien vom Altar sich zu senken, Schien in Trauer, heilig mild, Alter Tage zu gedenken.
Rötlich kommt der Morgenschein, Und es kehrt der Abendschimmer Treulich bei dem Bilde ein; Doch die Menschen kommen nimmer.
Leise werd ich hier umweht Von geheimen, frohen Schauern, Gleich als hätt ein fromm Gebet Sich verspätet in den Mauern.
Scheidend grüßet hell und klar Noch die Sonn in die Kapelle, Und der Gräber stille Schar Liegt so traulich vor der Schwelle.
Freundlich schmiegt des Herbstes Ruh Sich an die verlaßnen Grüfte; Dort, dem fernen Süden zu, Wandern Vögel durch die Lüfte.
Alles schlummert, alles schweigt, Mancher Hügel ist versunken, Und die Kreuze stehn geneigt Auf den Gräbern - schlafestrunken.
Und der Baum im Abendwind Läßt sein Laub zu Boden wallen, Wie ein schlafergriffnes Kind Läßt sein buntes Spielzeug fallen. -
Hier ist all mein Erdenleid Wie ein trüber Duft zerflossen; Süße Todesmüdigkeit Hält die Seele hier umschlossen.
Herbst
Nun ist es Herbst, die Blätter fallen, Den Wald durchbraust des Scheidens Weh; Den Lenz und seine Nachtigallen Versäumt ich auf der wüsten See.
Der Himmel schien so mild, so helle, Verloren ging sein warmes Licht; Es blühte nicht die Meereswelle, Die rohen Winde sangen nicht.
Und mir verging die Jugend traurig, Des Frühlings Wonne blieb versäumt; Der Herbst durchweht mich trennungschaurig, Mein Herz dem Tod entgegenträumt.
Herbstentschluß
Trübe Wolken, Herbstesluft, Einsam wandl ich meine Straßen, Welkes Laub, kein Vogel ruft - Ach, wie stille! wie verlassen!
Todeskühl der Winter naht; Wo sind, Wälder, eure Wonnen? Fluren, eurer vollen Saat Goldne Wellen sind verronnen!
Es ist worden kühl und spät, Nebel auf der Wiese weidet, Durch die öden Haine weht Heimweh; - alles flieht und scheidet.
Herz, vernimmst du diesen Klang von den felsentstürzten Bächen? Zeit gewesen wär es lang, Daß wir ernsthaft uns besprächen!
Herz, du hast dir selber oft Wehgetan und hast es andern, Weil du hast geliebt, gehofft; Nun ists aus, wir müssen wandern!
Auf die Reise will ich fest Ein dich schließen und verwahren, Draußen mag ein linder West Oder Sturm vorüberfahren;
Daß wir unsern letzten Gang Schweigsam wandeln und alleine, Daß auf unsern Grabeshang Niemand als der Regen weine!
Die Zweifler
Zwei Freunde traten schweigend ein In einen blütenvollen Hain. Die Sonne ließ den Strahl im Neigen Erzittern auf den Erlenzweigen, Und Leben, Lieben überall Schien schwellend sich hervorzudrängen. Aus Büschen ruft die Nachtigall Hervor in schmerzlich süßen Klängen, Als ob die Sängerin aus Eden Den Tod sanft möchte überreden Mit ihrem Liede zaubervoll, Daß er den Lenz nicht rauben soll. Die Freunde schwiegen, nur der Bach In das Geflöte murmelnd sprach; Viel Blumen standen bunt herum Und wiegten ihre Häupter stumm, In das geschwätzig muntre Rauschen Des Baches froh hinabzulauschen, Wie Kinder lauschen, frohgespannt, Dem Wandrer, der von fernem Land, Von schönen Wundern viel erzählt Auf seiner Irrfahrt durch die Welt. - O Nachtigall! du rufst vergebens Um Dauer dieses Wonnelebens! Bald glüht dein letztes Abendrot, In seinem Durste wird der Tod Hinweg dein süßes Lied auch trinken, Du wirst vom stillen Aste sinken! Ihr lieben Blümlein! trauet nicht Dem Märchen, das der Wandrer spricht; Seht, seht, schon schwillt er brausend an, Im Walde schon die Stürme nahn; Der Donner kommt, und voller schwillt Der Bach, der immer lauter brüllt; Er faßt euch an, er reißt euch los Aus eurer Mutter grünem Schoß! Wie dort die Rosenstaude bebt, Nun sich zu ihr der Wilde hebt! Sie schwankt in ihrem Blütenkleid, Da sie der Strom frohlockend wiegt: So wiegt der Bursche seine Maid, Bevor mit ihr zum Tanz er fliegt. -
Der eine von den Freunden sann Hinunter in den Wogendrang, Und seine Stimme nun begann Zu tönen, ernst, wie Grabgesang: Vergänglichkeit! wie rauschen deine Wellen Dahin durchs Lebenslabyrinth so laut! In deine Wirbel flüchten alle Quellen, Kein Damm, kein Schutz sich dir entgegenbaut! Es wächst dein Strom mit jeglicher Minute, Stets lauter klagt der dumpfe Wellenschlag; Doch wie die Flut auch unaufhaltsam flute, Ist mancher doch, der sie nicht hören mag. Wenn auch die Wellen ihre Ufer fressen Und du zum Meer hinwucherst, unermessen, Doch stehn an deinem Ufer frohe Toren, In ihren Traum 'Unsterblichkeit' verloren. Am Ufer? - nein! es ist von deinem Bronnen Tiefinnerst jede Kreatur durchronnen; Es braust in meines Herzens wildem Takt, Vergänglichkeit, dein lauter Katarakt! Wenn ich dem Strome zu entfliehen meine, Aufblickend zu der Sterne hellem Scheine, Aufsehnend mich mit zitterndem Verlangen, Daß rettend meinen Geist sie einst empfangen: Ich habe mich getäuscht! ich seh erbleichen Die Sterne selbst und zitternd rückwärts weichen; Sie hören, wie die Woge braust, sie ahnen, Daß sie nicht sicher sind auf ihren Bahnen; Sie schauen, wie es wächst, das grause Meer, Und fürchten wohl: - mir sagts ihr zitternd Blinken - Einst wird vom raschen Flug ihr strahlend Heer, Ein müdes Schwalbenvolk, heruntersinken. Dann brütet auf dem Ozean die Nacht, Dann ist des Todes großes Werk vollbracht; Dann stockt und starrt zu Eis die grause Flut, Worin der Wunsch des finstern Gottes ruht; Er wandelt auf der Fläche und ermißt, Wie alles nun so still, so dunkel ist; Er lächelt dann voll selbstzufriedner Freude In seine Welt, in seine Nacht hinein, Und es erglänzt des Eises stille Heide Nur noch von seines Lächelns Widerschein! -
Der andre sprach: mir gilt es gleich, Ob Leben - Tod - im Schattenreich! Strahlt jenseits auch ein mildes Licht, So fehlt gewiß der Donner nicht, Der, was das Licht in Liebe hegt, Mit seinem Zorne niederschlägt. Denn glauben kann ich nimmermehr, Es habe sich das ganze Heer Von Qualen, die gebar Natur, Gelagert auf die Erde nur; Daß sie von dieser Welt nicht wandern Mit uns hinüber in die andern, Die doch in unsrer Brust voll Wunden So traute Herberg stets gefunden. - Solang dies Herz auf Erden schlug, Hab ich erlebt genug, genug, Um ein Vergehen, ein Verschwinden - Ein Los der Sehnsucht wert zu finden. Und schlaf ich einst im Grab so tief, Und tiefer, denn als Kind ich schlief, So mag der Tod sich immerhin Davor als Wächter stellen hin: Er steht am stillen Grabverlies, Ein Engel vor dem Paradies. - Doch ist es anders mir beschlossen, Soll drüben neu mein Leben sprossen: Werd ich gelassen, ohne Zagen, Auch meine Ewigkeit ertragen.
Heidebilder
Himmelstrauer
Am Himmelsantlitz wandelt ein Gedanke, Die düstre Wolke dort, so bang, so schwer; Wie auf dem Lager sich der Seelenkranke, Wirft sich der Strauch im Winde hin und her.
Vom Himmel tönt ein schwermutmattes Grollen, Die dunkle Wimper blinzet manches Mal, - So blinzen Augen, wenn sie weinen wollen, - Und aus der Wimper zuckt ein schwacher Strahl. -
Nun schleichen aus dem Moore kühle Schauer Und leise Nebel übers Heideland; Der Himmel ließ, nachsinnend seiner Trauer, Die Sonne lässig fallen aus der Hand.
Robert und der Invalide
ROBERT. Siehst unser Hüttlein du im Abend schimmern? - Es lacht hinaus ins öde Heideland, Als wohnt' in ihm das Glück, das uns entschwand, Und nicht ein finstres Paar von Menschentrümmern. Aus einer andern Zeit, der guten alten, Als noch das Glück geruht in Hüttleins Schoß Und reicher Segen das Gefild umfloß, Hat es die heitre Miene sich erhalten. Hier sah man einst in schönen Sommertagen Die frommen Lämmer auf der Weide springen, Hier hörte man die Hirtenflöte klingen Und im Getreide hell die Wachtel schlagen. Hier zog der Pfad durch frische Wiesengründe, Daß abends er dem fröhlichen Gesellen Den schnellsten Weg zu seinem Liebchen künde. Nun wiegt kein Saatfeld seine goldnen Wellen, Und alles schläft in tiefer Heideruh; Der Pfad hat nichts der Liebe mehr zu künden, Schloß trauernd seine grünen Lippen zu; Und ringsumher Vergessen und Verschwinden. Das Hüttlein nur mit seinem Lindenbaume Ist nicht erwacht aus seinem holden Traume. - Ihm gleicht die Erde jenseits unsrer Heide; Ob längst das Glück aus ihren Armen floh, Die Erde tut, wie einst, noch immer froh Und schmückt sich gerne mit dem Blütenkleide; Getreu der alten, schon gedankenlosen Gewohnheit, trägt sie jährlich ihre Rosen. - Hab meine Lust, im Hüttlein dort zu hausen, Es ist so leicht gezimmert, leicht bedacht; Da hören recht wirs, wenn die Winde brausen, Wenn unser Schätzel kommt, die Wetternacht. Bin gerne dort in heitern Abendstunden, Wenn schon der letzte Sonnenstrahl geschwunden; Wenn hell zu Sternen Sterne sich gesellen Und unsre Hunde auf zum Monde bellen, Weil sich der stille, blasse schleicht heran, Als wollt er diebisch unsrer Hütte nahn Und uns mit seinen leisen Silberhänden Den leichten Schlaf durchs Fensterlein entwenden. - Freund! höre doch! wo wandert deine Seele, Derweil ich hier von Hütt und Mond erzähle?
DER INVALIDE. Es bellen - sagtest du - zum Mondenschein Die Hunde; - ja - den Hunden hätt ich sollen, Als einst der laute Ruf zur Schlacht erschollen, Zum Futter werfen lieber vor mein Bein, Als daß ichs im berauschten Sturmesflug Zum blutgetränkten Opferherde trug. Zum Opferherde trug ichs? - Herd der Küche War jenes Leipzigfeld voll Flamm und Rauch! Zerrißne Glieder, Leichen, Donnerflüche, Gebrochne Waisen-, Mutterherzen auch, Das Schlachtgeflügel auch, - vom bösen Wetter Napoleon gejagt aus Frankreichs Auen: - Das alles ward vom Chor der Freiheitsretter In ein Gericht zusammen dort gehauen, Woran das Glück nun der Aristokraten Sich schwelgend mästet, da zu ihrer Schmach Im Lande ziehn verstümmelte Soldaten Und betteln müssen um ein mildes Dach. Man hat ein Glied vom Leibe mir gerissen, Den schlechten Rest dem Hunger vorgeschmissen. Das sind die Menschen ohne Dank nicht wert, Daß ich für sie gezogen einst mein Schwert, Daß ich, ein Bettelkrüppel, auf der Heide Umhinke, deinen Bissen trag im Magen Und decke meinen Leib mit deinem Kleide, Bis diese dumpfe Trommel ausgeschlagen Den Trauermarsch: das Herz da - stille steht Und den vergeßnen Staub der Wind verweht! -
ROBERT. Dich trösten wollen mag ein bittrer Spötter! Was einmal tief und wahrhaft dich gekränkt, Das bleibt auf ewig dir ins Mark gesenkt; Hier steht das Unglück höher als die Götter! Der Himmel mag vor deinen Gram sich lagern, All seine Götterkräfte laß erglühn, Daß er die Seele dir von ihren Nagern Rein schaffe und sie wieder mache blühn: Wird er den Seelenwurm hinausbeschwören, Will er nicht Seel und Wurm zugleich zerstören?! - Daß einen treuen Freund an mir du hast, Bis sie mir einst im Dorfe drüben läuten, Wenn sie mich tragen zur ersehnten Rast, Das ist wohl wahr, doch hier kanns nichts bedeuten. - Die Sonn ist unter; - wie die Nebel flattern, Vom Herbstwind aufgejagt aus dunklem Moor! - So war der Abend, als mir Laura schwor! Hörst du die Wildgans in den Lüften schnattern? Das kündet Frost, mein Freund, und trübe Zeit! - Schon wieder gaukelt da die böse Sippe Von Nachtgestalten der Vergangenheit. Nun mag ich fliehn durch Gräser und Gestrüppe, Sie folgt mir stets, sie spottet stets mir nach: "Du Tor, mit deinem fabelhaften Sehnen! Hast du's noch nicht ersäuft mit deinen Tränen?" Und alle meine Wunden werden wach. Wie Buben einen Narren durch die Straßen Nicht ungeneckt hingehn und träumen lassen, So folgt es höhnend mir durch diese Heide Und läßt nicht rasten mich von meinem Leide.
An die Wolke
Zieh nicht so schnell vorüber An dieser stillen Heide, Zieh nicht so scheu vorüber An meinem tiefen Leide, Du Wolke in der Höh, Steh still bei meinem Weh!
O nimm auf deine Schwingen Und trag zu ihr die Kunde, Wie Schmerz und Groll noch ringen Und bluten aus der Wunde, Die mir mit ihrem Trug Die Ungetreue schlug.
Und kommst auf deinen Wegen Du an vor ihrem Hause, So stürze dich als Regen Herunter mit Gebrause, Daß sie bei dunkler Nacht Aus ihrem Traum erwacht.
Schlag an die Fensterscheibe Und schlag an ihre Türe Und sei dem falschen Weibe Ein Mahner an die Schwüre, Die sie mir weinend sprach, Und die sie lächelnd brach.
Und will sie das nicht hören, So magst von deinem Sitze Du, Donner, dich empören, Dann rüttelt, all ihr Blitze, Wenn ihr vorüberzieht, An ihrem Augenlid!
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