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Die drei Zigeuner
Drei Zigeuner fand ich einmal Liegen an einer Weide, Als mein Fuhrwerk mit müder Qual Schlich durch sandige Heide.
Hielt der eine für sich allein In den Händen die Fiedel, Spielte, umglüht vom Abendschein, Sich ein feuriges Liedel.
Hielt der zweite die Pfeif im Mund, Blickte nach seinem Rauche, Froh, als ob er vom Erdenrund Nichts zum Glücke mehr brauche.
Und der dritte behaglich schlief, Und sein Zimbal am Baum hing, Über die Saiten der Windhauch lief, Über sein Herz ein Traum ging.
An den Kleidern trugen die drei Löcher und bunte Flicken, Aber sie boten trotzig frei Spott den Erdengeschicken.
Dreifach haben sie mir gezeigt, Wenn das Leben uns nachtet, Wie mans verraucht, verschläft, vergeigt Und es dreimal verachtet.
Nach den Zigeunern lang noch schaun Mußt ich im Weiterfahren, Nach den Gesichtern dunkelbraun, Den schwarzlockigen Haaren.
Die nächtliche Fahrt
Zu öd und traurig selbst den Heidewinden Sind diese winterlichen Einsamkeiten, Nur Schnee und Schnee ringsaus in alle Weiten, Nur stiller, keuscher, kalter Tod zu finden.
Hier ists umsonst, nach frohem Ton zu lauschen, Singvögel sind geflohn von diesem Grabe, Der Schnabel in die Federn hüllt der Rabe, Und eingefroren ist der Bäche Rauschen.
Sieht man den Wald so tief in Tod versunken, Will mans nicht glauben, daß er jemals wieder Aufgrünt im Lenz, daß je hier seine Lieder Ein Vogel singt, vom Frühlingshauche trunken.
Es glänzt der Eichenwald in Eisesklammern; Jetzt Wölfe heulen am verschneiten Grunde, Wie Bettler, hungerwach, in nächtger Stunde Am Grabe eines milden Königs jammern.
Dort fährt ein Schlitten auf der blanken Wüste, Der Kutscher treibt die ausgestreckten Pferde, Als ob mit seinem Fuhrwerk er die Erde Vor Sonnenaufgang noch umrennen müßte.
Drei Hengste sinds, rasch wie des Nordens Lüfte, Ein jeder trägt das werte Probezeichen Der Schnelligkeit im rüstigen Entweichen, Die Narbe des Wolfsbisses an der Hüfte.
Ein Glöcklein trägt das Mittelroß der Gabel, Zum Glöcklein tanzend fliehn vorbei die Bäume Am Schlitten, trüb, wie schnellvergeßne Träume, Der Wald entflieht wie eine bleiche Fabel.
Die schnellen Renner sind mit Eis behangen, Das klirrend an den schwarzen Mähnen zittert, Der Rosse Rücken ist mit Reif umgittert: Der Tod will sie mit kaltem Netze fangen.
Gekauert sitzt, gehüllt vom Bärenkragen, Der Wojewod im Schlittenkorbgeflechte Still hinter seinem pelzverhüllten Knechte, Der manchmal pfeift, die Pferde anzujagen.
Dem Schlitten folgt in klarer Mondeshelle Ein zweiter nach, mit gleichgeschwinden Rennern, Befrachtet auch mit zwei verhüllten Männern, Und auf der Heide klingelt seine Schelle.
Die Nacht ist grimmig kalt; o Wandrer meide Den Schlaf; hörst du das Glöcklein nicht mehr schlagen, So wirds vom Rosse dir vorangetragen, Dein wandernd Sterbeglöcklein auf der Heide.
Der Bäume Leben floh zum Grund hinunter; Gib, Wandrer, acht, daß nicht auch deine Seele Zu ihrem Grunde sich hinunterstehle, Wenn du einnickest; Wandrer, halt dich munter!
Bist du ein Jäger, denke an ein Wildern; Hast du ein Lieb, denk an ihr süßes Lager; Wenn Haß dich wurmt, der scharfe Herzensnager, So halt dich wach und warm mit Rachebildern! -
Ha! Wölfe! seht, ein ganzes Rudel Tode! Sie folgen, eine nachgeschleifte Kette, Die Todesangst, der Hunger rennen Wette, Und ohne Furcht bleibt nur der Wojewode.
Es kracht der Schnee, schnell sind die grauen Horden, Doch schneller sind, gottlob! die braven Hengste, Die Rappen sind im Drang der Todesängste Plötzlich wie junge Raben flügg geworden.
So fliehn sie weite Strecken, angstgetrieben; Die Männer schießen schreckend die Gewehre Vom Schlittenborde nach dem grausen Heere, Bis nach und nach es ist zurückgeblieben.
Nun halten sie; die Pferde dampfend schwitzen Und schnauben aus den Nüstern sich das Bangen; Drei treten in die Schenke und verlangen 'nen Becher Wein, doch bleibt der Woiwod sitzen.
Da springt der Wirt, ein Jude, an den Schlitten Und macht dem Gaste tiefe Reverenzen: "Darf ich, Herr Wojewod, Euch nicht kredenzen Wein, Brot und einen feinen Bratenschnitten?"
Und mit Gelächter ruft der Kutscher drinnen: "Dem schmeckt kein Braten und kein Gläschen Roter, Der ißt nicht, trinkt nicht, friert nicht, ist ein Toter, An dem, Hebräer, wirst du nichts gewinnen!
Im Zweikampf ist der gute Herr geblieben, Sein Erzfeind, Russe, hat ihn totgeschossen; Ich fahre meinen schweigenden Genossen Heim in die Gruft vorausgegangner Lieben.
Bald aber hätt ich ihm die Treu zerrissen, Denn wären uns die Wölfe näher kommen, So hätt ich ihn nicht weiter mitgenommen, Ich hätt ihn, uns zu retten, hingeschmissen.
Ich meine immer noch sein Blut zu schauen, Wies rauchend in den weißen Schnee gequollen, Wie sichs nicht bergen konnte in den Schollen; Das Bluteis darf im Frühling erst zertauen!"
Sie fahren weiter mit verhängtem Zügel Fort über Brücken, Zäune, Teich' und Bäche, Denn alles hat der Schnee gefüllt zur Fläche Und gleichgefegt der Wind mit seinem Flügel.
Nur manchmal blickt der Kutscher nach dem Toten; Noch sitzt er da, das Haupt vorunterneigend, Wie er gesessen, unbekümmert, schweigend, Als hinterher die grimmen Wölfe drohten.
Das Mordblei, das den Wojewoden fällte Und stecken blieb in seinem Eingeweide; Der Schnee, der rings bedeckt Podoliens Heide; Sein Herz - sind alle drei von gleicher Kälte.
Der Wind erwacht und rasselt an der Föhre, Das Glöcklein schallt, es dunkelt vor den Rossen, Am Himmel zieht der bleiche Mond verdrossen Den Wolkenmantel zu, als ob er fröre. -
Das mahnt uns an die Träume eines Zaren, Der gerne möcht in winternächtgen Stunden, Das Ruhmesglöcklein an sein Roß gebunden, Das tote Polen durch die Heide fahren.
Der Urwald
Es ist ein Land voll träumerischem Trug, Auf das die Freiheit im Vorüberflug Bezaubernd ihren Schatten fallen läßt, Und das ihn hält in tausend Bildern fest; Wohin das Unglück flüchtet ferneher Und das Verbrechen zittert übers Meer; Das Land, bei dessen lockendem Verheißen Die Hoffnung oft vom Sterbelager sprang Und ihr Panier durch alle Stürme schwang, Um es am fremden Strande zu zerreißen Und dort den zwiefach bittern Tod zu haben; Die Heimat hätte weicher sie begraben! - In jenem Lande bin ich einst geritten Den Weg, der einen finstern Wald durchschnitten; Die Sonne war geneigt im Untergang, Nur leise strich der Wind, kein Vogel sang. Da stieg ich ab, mein Roß am Quell zu tränken, Mich in den Blick der Wildnis zu versenken. Vermildernd schien das helle Abendrot Auf dieses Urwalds grauenvolle Stätte, Wo ungestört das Leben mit dem Tod Jahrtausendlang gekämpft die ernste Wette. Umsonst das Leben hier zu grünen sucht, Erdrücket von des Todes Überwucht, Denn endlich hat der Tod, der starke Zwinger, Die Faust geballt, das Leben eingeschlossen, Es sucht umsonst, hier, dort hervorzusprossen Durch Moderstämme, dürre Todesfinger. Wohin, o Tod, wirst du das Pflanzenleben In deiner starken Faust und meines heben? Wirst du sie öffnen? wird sie ewig schließen? So frug ich bange zweifelnd und empfand Im Wind das Fächeln schon der Todeshand Und fühlt es kühler schon im Herzen fließen. Und lange lag ich auf des Waldes Grund, Das Haupt gedrückt ins alte, tiefe Laub, Und starrte, trauriger Gedanken Raub, Dem Weltgeheimnis in den finstern Schlund. Wo sind die Blüten, die den Wald umschlangen, Wo sind die Vögel, die hier lustig sangen? Nun ist der Wald verlassen und verdorrt, Längst sind die Blüten und die Vögel fort. So sind vielleicht gar bald auch mir verblüht Die schönen Ahndungsblumen im Gemüt; Und ist der Wuchs des Lebens mir verdorrt, Sind auch die Vögel, meine Lieder, fort; Dann bin ich still und tot, wie dieser Baum, Der Seele Frühling war, wie seiner - Traum. Als einst der Baum, der nun in Staub verwittert, So sehnsuchtsvoll empor zum Lichte drang Und seine Arme ihm entgegen rang, Als nach dem Himmel jedes Blatt gezittert, Und als er seinen süßen Frühlingsduft Beseelend strömte weithin in die Luft - Schien nicht sein schönes Leben wert der Dauer, Und starb es hin, ists minder wert der Trauer, Als mein Gedanke, der sich ewig wähnt? Als meine Sehnsucht, die nach Gott sich sehnt? - So lag ich auf dem Grunde schwer beklommen, Dem Tode nah, wie nie zuvor, gekommen; Bis ich die dürren Blätter rauschen hörte Und mich der Huftritt meines Rosses störte; Es schritt heran zu mir, als wollt es mahnen Mich an die Dämmerung und unsre Bahnen; Ich aber rief: "Ists auch der Mühe wert, Noch einmal zu beschreiten dich, mein Pferd?" Es blickt' mich an mit stiller Lebenslust, Die wärmend mir gedrungen in die Brust, Und ruhebringend wie mit Zaubermacht. Und auf den tief einsamen Waldeswegen Ritt ich getrost der nächsten Nacht entgegen, Und der geheimnisvollen Todesnacht.
Verschiedene Deutung
1
Sieh, wie des Niagara Wellen Im Donnerfall zu Staub zerschellen, Und wie sie, sprühend nun zerflogen, Empfangen goldne Sonnenstrahlen Und auf den Abgrund lieblich malen Den farbenreichen Regenbogen. O Freund, auch wir sind trübe Wellen, Und unser Ich, es muß zerschellen, Nur stäubend in die Luft zergangen, Wird es das Irislicht empfangen.
2
"Trüb, farblos waren diese Fluten, Solang sie noch im Strome wallten; Sie mußten vielfach sich zerspalten, Daß sie aufblühn in Farbengluten. Nun fliegt ein jeder Tropfen einsam, Ein armes Ich, doch strahlen sie Im hellen Himmelslicht gemeinsam Des Bogens Farbenharmonie."
Niagara
Klar und wie die Jugend heiter, Und wie murmelnd süßen Traum, Zieht der Niagara weiter An des Urwalds grünem Saum;
Zieht dahin im sanften Flusse, Daß er noch des Waldes Pracht Widerstrahlt mit froher Muße Und die Sterne stiller Nacht.
Also sanft die Wellen gleiten, Daß der Wandrer ungestört Und erstaunt die meilenweiten Katarakte rauschen hört.
Wo des Niagara Bahnen Näher ziehn dem Katarakt, Hat den Strom ein wildes Ahnen Plötzlich seines Falls gepackt.
Erd und Himmels unbekümmert Eilt er jetzt im tollen Zug, Hat ihr schönes Bild zertrümmert, Das er erst so freundlich trug.
Die Stromschnellen stürzen, schießen, Donnern fort im wilden Drang, Wie von Sehnsucht hingerissen Nach dem großen Untergang.
Den der Wandrer fern vernommen, Niagaras tiefen Fall Hört er nicht, herangekommen, Weil zu laut der Wogenschall.
Und so mag vergebens lauschen, Wer dem Sturze näher geht; Doch die Zukunft hörte rauschen In der Ferne der Prophet.
Das Blockhaus
Müdgeritten auf langer Tagesreise Durch die hohen Wälder der Republik, Führte zu einem Gastwirt mein Geschick; Der empfing mich kalt, auf freundliche Weise, Sprach gelassen, mit ungekrümmtem Rücken: "Guten Abend!" und bot mir seine Hand, Gleichsam guten Empfangs ein leblos Pfand, Denn er rührte sie nicht, die meine zu drücken. Lesen konnt ich in seinen festen Zügen Seinen lang und treu bewahrten Entschluß: Auch mit keinem Fingerdrucke zu lügen; Sicher und wohl ward mir bei seinem Gruß. Wenig eilte der Mann, mich zu bedienen, Doch nicht fand ich die Kost so dürr und mager Wie sein Wort, ich sollte bei ihm ein Lager Finden weicher und wärmer als seine Mienen. Winter wars, ich starrte vom Urwaldfroste; Als ich eintrat in die geheizte Stube, Sprang mit Fragen heran des Farmers Bube, Was von meinem Gepäck dies, jenes koste? Emsig am Tisch sah ich die Weiber schalten; Und es wurde die Mahlzeit rasch gehalten. Später schwatzten die männlichen Hausgenossen Am Kamin, die scharfe Zigarr im Munde, Von Geschäft und Betrieb, bis eine Stunde Mir in traulicher Langweil hingeflossen. Hörbar vor allen sprach des Hauses Vater, Als ein vielerfahrner Lenker und Rater, Wechselnd raucht' er und sprach, und aller Augen Hingen an seinen Lippen, der Alte schien Aus dem Zigarrenstumpf Erfindung zu saugen; Schweigend ließ ich die Reden vorüberziehn. Endlich gewann der Schlaf den stillen Sieg, Und sie gingen zu Bett; ich blieb allein, Trank noch eine Flasche vom lieben Rhein, Als das englische Talergelispel schwieg. Und zur weit gewanderten deutschen Flasche Holt ich den Uhland aus meiner Satteltasche. Ferne der Heimat, tiefst im fremden Wald, Las ich mir laut den herrlichen 'Held Harald'. Eichenstämme warf ich ins lustige Feuer, Mir die Stube zu hellen und zu wärmen, Denn die Elfen Haralds sind nicht geheuer, Lockend hörte ich sie schon im Walde schwärmen. Aber mit einmal war die Freude geschwunden, Und mir wollte der Rheinwein nicht mehr munden. 'Uhland! wie stehts mit der Freiheit daheim?' die Sandt ich über Wälder und Meer ihm zu. [Frage Plötzlich erwachte der Sturm aus stiller Ruh, Und im Walde hört ich die Antwortklage: Krachend stürzten draußen die nacktgeschälten Eichen nieder zu Boden, die frühentseelten, Und im Sturme, immer lauter und bänger, Hört ich grollen der Freiheit herrlichen Sänger: "Wie sich der Sturm bricht heulend am festen Gebäude, Bricht sich Völkerschmerz an Despotenfreude, Sucht umsonst zu rütteln die festverstockte, Die aus Freiheitsbäumen zusammengeblockte!" Traurig war mir da und finster zumut, Scheiter und Scheiter warf ich in die Glut; Mir erschien die bewegte Menscbengeschichte In des Kummers zweifelflackerndem Lichte. "Diese Stämme verbrennen hier am Herde, Auf ein kurzes Stündlein mich warm zu halten, Der ich bald doch werde müssen erkalten, Der ich selber zu Asche sinken werde. Gibt es vielleicht gar keine Einsamkeit? Bin ich selber nur ein verbrennend Scheit? Und wie ich mich wärme am Eichenstamme, Wärmt sich vielleicht ein unsichtbarer Gast Heimlich an meiner zehrenden Lebensflamme, Schürend und fachend meine Gedankenhast?" Also führt ich mit mir ein wirres Plaudern; (Hoffnungsloser Kummer ist ein Phantast,) Und ich blickte mich um - und mußte schaudern.
Herbstgefühl
Der Buchenwald ist herbstlich schon gerötet, So wie ein Kranker, der sich neigt zum Sterben, Wenn flüchtig noch sich seine Wangen färben, Doch Rosen sinds, wobei kein Lied mehr flötet.
Das Bächlein zieht und rieselt, kaum zu hören, Das Tal hinab, und seine Wellen gleiten, Wie durch das Sterbgemach die Freunde schreiten, Den letzten Traum des Lebens nicht zu stören.
Ein trüber Wandrer findet hier Genossen, Es ist Natur, der auch die Freuden schwanden, Mit seiner ganzen Schwermut einverstanden, Es ist in ihre Klagen eingeschlossen.
Ein Herbstabend
Es weht der Wind so kühl, entlaubend rings die Äste, Er ruft zum Wald hinein: Gut Nacht, ihr Erdengäste!
Am Hügel strahlt der Mond, die grauen Wolken jagen Schnell übers Tal hinaus, wo alle Wälder klagen.
Das Bächlein schleicht hinab, von abgestorbnen Hainen Trägt es die Blätter fort mit halbersticktem Weinen.
Nie hört ich einen Quell so leise traurig klingend, Die Weid am Ufer steht, die weichen Äste ringend.
Und eines toten Freunds gedenkend lausch ich nieder Zum Quell, der murmelt stets: wir sehen uns nicht wieder!
Horch! plötzlich in der Luft ein schnatterndes Geplauder: Wildgänse auf der Flucht vor winterlichem Schauder.
Sie jagen hinter sich den Herbst mit raschen Flügeln, Sie lassen scheu zurück das Sterben auf den Hügeln.
Wo sind sie? ha! wie schnell sie dort vorüberstreichen Am hellen Mond und jetzt unsichtbar schon entweichen;
Ihr ahnungsvoller Laut läßt sich noch immer hören, Dem Wandrer in der Brust die Wehmut aufzustören.
Südwärts die Vögel ziehn mit eiligem Geschwätze; Doch auch den Süden deckt der Tod mit seinem Netze.
Natur das Ewge schaut in unruhvollen Träumen, Fährt auf und will entfliehn den todverfallnen Räumen.
Der abgerißne Ruf, womit Zugvögel schweben, Ist Aufschrei wirren Traums von einem ewgen Leben.
Ich höre sie nicht mehr, schon sind sie weit von hinnen; Die Zweifel in der Brust den Nachtgesang beginnen:
Ists Erdenleben Schein? - ist es die umgekehrte Fata Morgana nur, des Ewgen Spiegelfährte?
Warum denn aber wird dem Erdenleben bange, Wenn es ein Schein nur ist, vor seinem Untergange?
Ist solche Bängnis nur von dem, was wird bestehen, Ein Widerglanz, daß auch sein Bild nicht will vergehen?
Dies Bangen auch nur Schein? - so schwärmen die Gedanken, Wie dort durchs öde Tal die Herbstesnebel schwanken.
Der schwere Abend
Die dunklen Wolken hingen Herab so bang und schwer, Wir beide traurig gingen Im Garten hin und her.
So heiß und stumm, so trübe Und sternlos war die Nacht, So ganz wie unsre Liebe Zu Tränen nur gemacht.
Und als ich mußte scheiden Und gute Nacht dir bot, Wünscht ich bekümmert beiden Im Herzen uns den Tod.
Einsamkeit
Wild verwachsne dunkle Fichten, Leise klagt die Quelle fort; Herz, das ist der rechte Ort Für dein schmerzliches Verzichten!
Grauer Vogel in den Zweigen! Einsam deine Klage singt, Und auf deine Frage bringt Antwort nicht des Waldes Schweigen.
Wenns auch immer schweigen bliebe, Klage, klage fort; es weht, Der dich höret und versteht, Stille hier der Geist der Liebe.
Nicht verloren hier im Moose, Herz, dein heimlich Weinen geht, Deine Liebe Gott versteht, Deine tiefe, hoffnungslose!
Wunsch
Urwald, in deinem Brausen Und ernsten Dämmerschein Mit der Geliebten hausen Möcht ich allein - allein!
Von deinen schlanksten Bäumen Baut ich ein Hüttlein traut Mir aus zu Himmelsräumen; O komm, du schöne Braut!
Ich legte Moosgebreite Weich unter ihren Schritt, Und meine Liebe streute Ich unter ihren Tritt.
Für sie das Wild erjagen, Aus tiefster Schlucht empört! Für sie den Feind erschlagen, Der unsern Frieden stört!
Ich würd in Mondesnächten, Beim stillen Sternentanz, Von wilden Liedern flechten Um meine Braut den Kranz;
Und in den Abendgluten Am Fels hier oben stehn, Mit ihr die Donnerfluten Zum Abgrund stürzen sehn;
Und weit hinunter blicken Ließ' sie mein starker Arm; Wie würd ich sie dann drücken Ans Herz so fest und warm!
An die Entfernte
1
Diese Rose pflück ich hier, In der fremden Ferne; Liebes Mädchen, dir, ach dir Brächt ich sie so gerne!
Doch bis ich zu dir mag ziehn Viele weite Meilen, Ist die Rose längst dahin, Denn die Rosen eilen.
Nie soll weiter sich ins Land Lieb von Liebe wagen, Als sich blühend in der Hand Läßt die Rose tragen;
Oder als die Nachtigall Halme bringt zum Neste, Oder als ihr süßer Schall Wandert mit dem Weste.
2
Rosen fliehen nicht allein Und die Lenzgesänge, Auch dein Wangenrosenschein, Deine süßen Klänge.
O, daß ich, ein Tor, ein Tor, Meinen Himmel räumte! Daß ich einen Blick verlor, Einen Hauch versäumte!
Rosen wecken Sehnsucht hier, Dort die Nachtigallen, Mädchen, und ich möchte dir In die Arme fallen!
Meine Rose
Dem holden Lenzgeschmeide, Der Rose, meiner Freude, Die schon gebeugt und blasser Vom heißen Strahl der Sonnen, Reich' ich den Becher Wasser Aus tiefem Bronnen. Du Rose meines Herzens! Vom stillen Strahl des Schmerzens Bist du gebeugt und blasser; Ich möchte dir zu Füßen, Wie dieser Blume Wasser, Still meine Seele gießen! Könnt ich dann auch nicht sehen Dich auferstehen.
Frage
Bist du noch nie beim Morgenschein erwacht Mit schwerem Herzen, traurig und beklommen, Und wußtest nicht, wie du auch nachgedacht, Woher ins Herz der Gram dir war gekommen?
Du fühltest nur: ein Traum wars in der Nacht; Des Traumes Bilder waren dir verschwommen, Doch hat nachwirkend ihre dunkle Macht Dich, daß du weinen mußtest, übernommen.
Hast du dich einst der Erdennacht entschwungen, Und werden, wie du meinst, am hellen Tage Verloren sein des Traums Erinnerungen:
Wer weiß, ob nicht so deine Schuld hienieden Nachwirken wird als eine dunkle Klage Und dort der Seele stören ihren Frieden?
Jugend und Liebe
Die Jugend folgt, ein Rosenblatt, den Winden; Wenn, jung getrennt, sich wiedersehn die Alten, Sie meinen doch, in ihren ernsten Falten Den Strahl der süßen Jugend noch zu finden.
Des Dauerns Wahn, wer läßt ihn gerne schwinden? Mag auch ein Herz, das uns geliebt, erkalten, Wir suchen immer noch den Traum zu halten, Nur stiller sei geworden sein Empfinden.
Die Jugend folgt, ein Rosenblatt, den Lüften; Noch leichter als die Jugend flieht die Liebe, Die nur des Blattes wonnereiches Düften.
Und dennoch an den herben Tod des Schönen, Im treuen Wahn, als ob es ihm noch bliebe, Kann sich das Herz auch sterbend nicht gewöhnen.
Der Salzburger Kirchhof
O schöner Ort, den Toten auserkoren Zur Ruhestätte für die müden Glieder! Hier singt der Frühling Auferstehungslieder, Vom treuen Sonnenblick zurückbeschworen.
Wenn alle Schmerzen auch ein Herz durchbohren, Dem man sein Liebstes senkt zur Grube nieder, Doch glaubt es leichter hier: wir sehn uns wieder, Es sind die Toten uns nicht ganz verloren.
Der fremde Wandrer, kommend aus der Ferne, Dem hier kein Glück vermodert, weilt doch gerne Hier, wo die Schönheit Hüterin der Toten.
Sie schlafen tief und sanft in ihren Armen, Worin zu neuem Leben sie erwarmen; Die Blumen winkens, ihre stillen Boten.
Die Asketen
O spottet nicht der traurigen Asketen, Daß sie den Leib mit scharfen Leiden plagen, Die süßen Erdenfreuden sich versagen, Die flüchtigen, nur allzuschnell verwehten!
Nebst solchen, die das Futter gierig mähten, Seit des verlornen Paradieses Tagen, Hat eine Schar von Herzen stets geschlagen, Die, abgewandt, die Weide hier verschmähten.
Ein schüchternes Gefühl: 'Wir sind gefallen!' Hält sie vom lauten Freudenmarkt zurück, Heißt sie den Pfad einsamer Dornen wallen.
Es wächst ihr Ernst, wenn sie vorüberstreifen An einem unverdienten Erdenglück; Die Scham verbietet, keck darnach zu greifen.
Der Seelenkranke
Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde Und will sie stumm bis an mein Ende tragen; Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen, Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde.
Nur eine weiß ich, der ich meine Kunde Vertrauen möchte und ihr alles sagen; Könnt ich an ihrem Halse schluchzen, klagen! Die eine aber liegt verscharrt im Grunde.
O Mutter, komm, laß dich mein Flehn bewegen! Wenn deine Liebe noch im Tode wacht, Und wenn du darfst, wie einst, dein Kind noch pflegen,
So laß mich bald aus diesem Leben scheiden. Ich sehne mich nach einer stillen Nacht, O hilf dem Schmerz, dein müdes Kind entkleiden.
Stimme des Windes
In Schlummer ist der dunkle Wald gesunken, Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen, Den Blütenduft zu tragen, und es schweigen Im Laub die Vögel und im Teich die Unken.
Leuchtkäfer nur, wie stille Traumesfunken Den Schlaf durchgaukelnd, schimmern in den Zweigen, Und süßer Träume ungestörtem Reigen Ergibt sich meine Seele, schweigenstrunken.
Horch! überraschend saust es in den Bäumen Und ruft mich ab von meinen lieben Träumen, Ich höre plötzlich ernste Stimme sprechen;
Die aufgeschreckte Seele lauscht dem Winde Wie Worten ihres Vaters, der dem Kinde Zuruft, vom Spiele heimwärts aufzubrechen.
Stimme des Regens
Die Lüfte rasten auf der weiten Heide, Die Disteln sind so regungslos zu schauen, So starr, als wären sie aus Stein gehauen, Bis sie der Wandrer streift mit seinem Kleide.
Und Erd und Himmel haben keine Scheide, In eins gefallen sind die nebelgrauen, Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen, Und Mein und Dein vergessen traurig beide.
Nun plötzlich wankt die Distel hin und wider, Und heftig rauschend bricht der Regen nieder, Wie laute Antwort auf ein stummes Fragen.
Der Wandrer hört den Regen niederbrausen, Er hört die windgepeitschte Distel sausen, Und eine Wehmut fühlt er, nicht zu sagen.
Stimme der Glocken
Den glatten See kein Windeshauch verknittert, Das Hochgebirg, die Tannen, Klippen, Buchten, Die Gletscher, die von Wolken nur besuchten, Sie spiegeln sich im Wasser unzersplittert.
Das dürre Blatt vom Baume hörbar zittert, Und hörbar rieselt nieder in die Schluchten Das kleinste Steinchen, das auf ihren Fluchten Die Gemse schnellt, wenn sie den Jäger wittert.
Horch! Glocken in der weiten Ferne tönend, Den Gram mir weckend und zugleich versöhnend, Dort auf der Wiese weiden Alpenkühe.
Das Läuten mahnt mich leise an den Frieden, Der von der Erd auf immer ist geschieden Schon in der ersten Paradiesesfrühe.
Stimme des Kindes
Ein schlafend Kind! o still! in diesen Zügen Könnt ihr das Paradies zurückbeschwören; Es lächelt süß, als lauscht es Engelchören, Den Mund umsäuselt himmlisches Vergnügen.
O schweige, Welt, mit deinen lauten Lügen, Die Wahrheit dieses Traumes nicht zu stören! Laß mich das Kind im Traume sprechen hören Und mich, vergessend, in die Unschuld fügen!
Das Kind, nicht ahnend mein bewegtes Lauschen, Mit dunklen Leuten hat mein Herz gesegnet, Mehr als im stillen Wald des Baumes Rauschen;
Ein tiefres Heimweh hat mich überfallen, Als wenn es auf die stille Heide regnet, Wenn im Gebirg die fernen Glocken hallen.
Doppelheimweh
Zwiefaches Heimweh hält das Herz befangen, Wenn wir am Rand des steilen Abgrunds stehn Und in die Grabesnacht hinuntersehn, Mit trüben Augen, todeshohlen Wangen.
Das Erdenheimweh läßt uns trauern, bangen, Daß Lust und Leid der Erde muß vergehn; Das Himmelsheimweh fühlts herüberwehn Wie Morgenluft, daß wir uns fortverlangen.
Dies Doppelheimweh tönt im Lied der Schwäne, Zusammenfließt in unsre letzte Träne Ein leichtes Meiden und ein schweres Scheiden.
Vielleicht ist unser unerforschtes Ich Vor scharfen Augen nur ein dunkler Strich, In dem sich wunderbar zwei Welten schneiden.
Einsamkeit
1
Hast du schon je dich ganz allein gefunden, Lieblos und ohne Gott auf einer Heide, Die Wunden schnöden Mißgeschicks verbunden Mit stolzer Stille, zornig dumpfem Leide?
War jede frohe Hoffnung dir entschwunden, Wie einem Jäger an der Bergesscheide Stirbt das Gebell von den verlornen Hunden, Wie's Vöglein zieht, daß es den Winter meide?
Warst du auf einer Heide so allein, So weißt du auch, wie's einen dann bezwingt, Daß er umarmend stürzt an einen Stein;
Daß er, von seiner Einsamkeit erschreckt, Entsetzt empor vom starren Felsen springt Und bang dem Winde nach die Arme streckt.
2
Der Wind ist fremd, du kannst ihn nicht umfassen, Der Stein ist tot, du wirst beim kalten, derben Umsonst um eine Trosteskunde werben, So fühlst du auch bei Rosen dich verlassen;
Bald siehst du sie, dein ungewahr, erblassen, Beschäftigt nur mit ihrem eignen Sterben. Geh weiter: überall grüßt dich Verderben In der Geschöpfe langen dunklen Gassen;
Siehst hier und dort sie aus den Hütten schauen, Dann schlagen sie vor dir die Fenster zu, Die Hütten stürzen, und du fühlst ein Grauen.
Lieblos und ohne Gott! der Weg ist schaurig, Der Zugwind in den Gassen kalt; und du? - Die ganze Welt ist zum Verzweifeln traurig.
Kruzifix
Hält der Mensch die Blicke himmelwärts Und die Arme liebend ausgebreitet, Um die Welt zu drücken an sein Herz, Hat er sich zur Kreuzigung bereitet.
Solche Lieb ist selten auf der Erde; Daß ihr Bild die Welt nicht ganz verläßt, Hielt am Kreuz die Menschheit eilig fest, Jesus, deine liebende Gebärde!
Heimatklang
Als sie vom Paradiese ward gezwungen, Kam jeder Seele eine Melodie Zum Lebewohl süß schmerzlich nachgeklungen, Darauf umschloß die Erdenhülle sie. Noch ist dies Lied nicht völlig uns verdrungen, Doch tönt es leiser stets auf Erden hie. Gib acht, o Herz, daß in den Schütterungen Dir nicht des Liedes letzter Hauch entflieh! Ein Nachhall dieses Liedes ist entsprungen Des Morgenlandes süße Poesie, Von Jugendträumen wirds manchmal gesungen, Doch dunkel, unbewußt woher? und wie? Wem aber einmal klar und voll geklungen Die wunderbare Heimatmelodie, Der wird von bangem Heimweh tief durchdrungen, Und er genest von seiner Sehnsucht nie.
Täuschung
Das Käuzlein traurig ruft in öder Felsenritze Und grüßt mit seinem Lied des Himmels wilde Blitze.
Als wie ein schwarzer Aar, des Flügel Feuer fingen, So schlägt die schwarze Nacht die feuervollen Schwingen.
Es glänzt die Regenflut, der finstern Nacht entsunken, Manchmal im Wetterschein wie diamantne Funken.
So kann in banger Nacht ein Strom von heißen Zähren Im hellen Wetterschein des Unglücks sich verklären.
Verfangen in der Schlucht, die lauten Winde rasen, Die zu der Wolkenschlacht die Riesentuba blasen.
Mit Stimmen mannigfalt hör ich den Gießbach klingen, Wie Donner, Kauz und Wind scheint er zugleich zu singen. -
Doch nein! mich täuscht mein Sinn, als ob zum Wettergrimme Mit kläglichem Geschrei das Felsenkäuzlein stimme;
Daß Wolkenschlachtmusik die lauten Winde keuchten, Und daß der Blitz geflammt, den Regen zu beleuchten;
Und daß der Felsenbach den Wetterstimmen allen Antworten will zugleich in dumpfen Widerhallen.
Einsame Klagen sinds, weiß keine von der andern, Wenn sie zusammen auch im wilden Chore wandern.
Drum ist die Erde ja ums Paradies betrogen, Daß ihre Luft ertönt von dunklen Monologen.
Wenn alle Klagen einst in diesen Erdengründen, Was jede heimlich meint, einander sich verstünden:
Dann wäre ja zurück das Paradies gewonnen, In einen Freudenschrei das Klaggewirr zerronnen. -
Trotz allem Freundeswort, und Mitgefühlsgebärden, Bleibt jeder tiefe Schmerz ein Eremit auf Erden.
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