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6
Ragend steht der blinde Führer Ziska dort auf seinem Wagen, Mit der Donnerstimme herrschend, Wie die heiße Schlacht zu schlagen.
Steht ein Hauptmann ihm zur Linken Und ein andrer ihm zur Rechten, Schildern ihm den Ort getreulich, Wo es gilt, den Kampf zu fechten.
Lager, Zahl und Zug der Feinde Melden sie, daß er befehle; Alles schaut er klar im Strahle Seiner lichten Feldherrnseele.
In den Tagen, eh der Pfeilschuß Ihm geraubt das Augenlicht, Blickt' er scharf dem Vaterlande Ins geliebte Angesicht;
All die Wälder, Ström und Buchten, Talgewind' und Bergesrücken Eilt' er damals, dem Gedächtnis Unauslöschlich einzudrücken.
Und der Genius der Rache Weiß im Finstern zu erspähen Jedes Grundstück, wo am besten Feindesleichen hinzusäen.
Dunkelt auch um Ziskas Körper Tiefe, schimmerlose Nacht, Gängelt er doch mit dem Geiste Leicht sein wildes Kind, die Schlacht.
Hüben lenkt die Nacht des Leibes, Drüben Geistesnacht die Krieger; Noch in keiner Schlacht bezwungen, Bleibt auch heute Ziska Sieger.
Ha! wie lauscht dem Kampf der Blinde! Er erkennt im Sturm der Luft Jede Waffe an der Stimme, Wie herbei den Tod sie ruft.
Wildharmonisch seinem Ohre Rauscht das Ringen zweier Heere, Waffen, Schlachtruf, Ziskas Leiblied, Und im Hinsturz Mann und Mähre.
Freudig hört er, wie die Knechte Sigismunds hinüberfahren, All die sächsischen Geschwader Samt den ungrischen Husaren.
Und dem wilden blinden Ziska Geht im Heldenrausch der Ohren Doch die klare Feldherrnruhe Seines Geistes nie verloren.
7
Durstig zieht die Karawane Durch die Wüste, sucht die Quelle; Horch! da rauscht auf grüner Matte Die ersehnte, frische, helle!
Nach dem süßen Brunnenklange Stürzen alle froh und eilig, Doch sie sollen hier nicht trinken, Denn es ist der Brunnen heilig.
Auserwählte Männer nahmen Die Oase sich zu eigen, Niemand sonst, wie heiß er schmachte, Darf zum Quell die Lippen neigen.
Wächter stehen vor der Quelle Reichen, gottvergoßnen Wonnen; Doch der Wüstendurst ist mächtig, Schwerter klirren um den Bronnen.
Und mit kampferhöhtem Durste Stürzen an den Quell die Sieger, Und sie trinken gierig, hastig, Wie das Blut der heiße Tiger.
Mancher, schon vom Schwert getroffen, Schlürft noch einen vollen Zug, Um die Seele zu erfrischen Auf den weiten Scheideflug.
Tigerhaft gereizten Durstes Schmachten Ziskas Kampfgenossen Nach dem Kelch des Abendmahles, Den die Priester streng verschlossen.
Furchtbar rufen sie den Priestern: "Habt ihr Christi Werk auf Erden, Uns das Sakrament verstümmelt, Sollt ihr selbst verstümmelt werden!"
Jauchzend schwingen sie die Kelche Nach der Schlacht auf offner Wiese, Mancher sterbend riecht im Weine Blumen schon vom Paradiese.
Mit dem Blut des Liebevollsten Will des Hasses Glut sich laben; Drüben aber werden Tote Von Verstümmelten begraben.
Wenn der lang und schwer Bedrückte Freiheit sucht, so haßt der Wilde Und zerbricht, wie andre Schranken, Auch das eignen Herzens Milde.
8
O wie ward der Tod ein andrer, Als die Griechen ihn geschildert! Aus dem milden Götterboten Ist zum Schreckbild er verwildert.
Als ein Genius, der die Reise Sterblichen verkünden soll, Seine Hand zur Wange haltend Stand der Tod gedankenvoll;
Oder zeigte, mildsymbolisch, Daß die Erdenlust zu Ende, Löschend die gestürzte Fackel, Kreuzt' er drüber seine Hände.
Leise trat sein Fuß die Psyche; Wie der Freund dem Freund ein Zeichen Leise gibt, vom Festgelage Ohne Störung fortzuschleichen.
Schlaf und Tod als Zwillingsbrüder Standen oft auf einem Bilde; Beiden, ach, so weit Verschiednen Gleiche Bildung gab die Milde.
Zweifelhaft erschien der Genius, Fragen sollte der Beschauer: Ists der Schlaf und die Erholung? Ists das Sterben und die Trauer?
Nur zuweilen ward gesondert, Und das herbre Bildnis trug, Daß der Blick den Tod erkenne, Falter, Kranz und Aschenkrug.
Dort den Charos sieht der Grieche Noch in späten, rauhern Zeiten Mit der dunkeln Schar der Seinen Über das Gebirge reiten;
Ihm voraus die Jungen wandern, Alte kommen nachgeschlichen; Und gereiht am Sattel sitzen Zarte Kinder, frühverblichen. -
Heiter kam er noch als Fiedler, Sein Gesinde trat den Reigen, Und zu Lust und Tanz von hinnen Rief sein Pfeifen, helles Geigen. - -
Thanatos, ach, ward ein Krieger, Auf die Opfer Speere schwingend; Ein Athlet, auf glattem Boden Jeden Helden niederringend;
Thanatos, der edle Genius, Ist zum Sensenmann verbauert, Mäht den Menschen, einen Grashalm, Der zur Erde niederschauert.
Fischer, mit dem leisen Köder, Angelt er im Meer der Luft; Legt uns Schlingen als ein Vogler, Der mit falschen Stimmen ruft.
Nur noch feindlich naht der Wilde, Drohend, ins Verderben lockend, Auch dem Menschen wie ein Kobold, Irrwisch auf dem Halse hockend.
Gräßlich naht uns mit der Sense, Schreck- und Vorbild, das Gerippe; Für ein mildes Lächeln hat es Keine Wange, keine Lippe. -
So in wechselnden Gestalten Macht der Tod die Erdenrunde; Heute aber geht im Heere Sigismunds die Schreckenskunde:
"Weil den Ziska, schlachtermüdet, Leichter Schlummer überkommen, Hat der Tod, ihn zu ersetzen, Seine Rüstung umgenommen;
Denn unwiderstehlich jeden, Der ihm naht im Schlachtgebraus, Winkt der schwarze Helmbusch Ziskas In die ewge Nacht hinaus."
9
Finster sitzt, abseit vom Heere, Ein Hussit im Walde dort, Einsam in des Baches Rauschen Murmelt er sein Trauerwort.
Waschend in der Flut die Waffen, Ruft er: "Heule, Bächlein, heule! Ziska liegt im Zelte sterbend, Schwingt nicht Lanze mehr, noch Keule!
Ziska liegt in seinem Zelte, Sterbend liegt er auf dem Grunde; Doch es ist kein Weibgeborner, Der ihm schlug die Todeswunde.
Ha! wie kamen sie geritten, Einen Kampf mit ihm zu wagen, Hoch auf schwarzen, weißen Rossen; Alle hat er sie erschlagen.
Ja, der Tod, der andre Männer Niederschmettert und zerschellt, Hat dem Ziska, dem Gewaltgen, Feig und tückisch nachgestellt.
Heule, Bächlein, heult ihr Wälder, Aller Welt den Schmerz zu melden, Böhmen und der ganze Erdkreis Sind verwaist des größten Helden." -
Ziska tröstet die Betrübten, Die an seinem Lager trauern: "Brüder, heute werd ich sterben; Doch die Taten werden dauern.
Denn es wird in späten Tagen Unsern Leid- und Kampfgenossen Stärkend aus Hussitengräbern Trost und grüner Mut entsprossen.
Darum sollt ihr meinem Tode Stark, nicht trüb und weich erscheinen; Habt ihr nicht gelernt von Ziska, Keinen Toten zu beweinen?
Seid gehorsam, wackre Brüder, Meinem letzten Tagsbefehle: Nehmt mein Sterben, nehmt mein Scheiden Hin mit heitrer Kriegerseele.
Hochzeit ist in diesem Zelte, Mit der Pest bin ich getraut; Furchtbar war Johannes Ziska, Furchtbar auch ist seine Braut.
Mit der Rache heißen Träumen Hat kein Weib mein Bett geteilt, Sie allein, von deren Kusse Nimmer wird mein Herz geheilt.
Daß ein Teil von mir noch immer In der Schlacht den Mut euch wecke, Spannet lustig auf die Trommel meines Leibes kalte Decke.
Ha! schon hör ich Schlachten brausen; Fliehend geben sie die Sporen, Da den Feinden mein Vermächtnis Schrecken trommelt in die Ohren."
Also sprach er, wieder sinkt er In den Traum der Fieberhitze, Tummelt mitten in der Feldschlacht Seine Keul und Lanzenspitze.
Alle, die sein Arm getötet, Tötet er im neuen Strauß, Alle, die schon längst im Grabe, Müssen noch einmal heraus.
Ja! heraus! heraus! Husaren! Panzerdicke deutsche Reiter! Ziska kolbt euch eure Tage Kürzer und die Köpfe breiter.
Reichen Schnee zur Erde nieder Ließ der Himmel Böhmens fallen, Daß der Feinde Blut in grellem Abstich möge drüber wallen.
Ziska bohrt die Lanzenspitze Tief den Feinden ins Gedärme, Daß vom Frost des harten Winters Sich das Eisen gütlich wärme.
Der beglückte Wahn des Traumes Gab ihm seine Augen wieder, All die Pfaffen, Fürstenknechte Schaut er klar und haut sie nieder.
Also träumt er, also kämpft er, Bis die letzte Kraft geschwunden, In der Schlacht ein Held verscheidend, Unversehrt, unüberwunden.
Waldlieder
1
Am Kirchhof dort bin ich gestanden, Wo unten still das Rätsel modert Und auf den Grabesrosen lodert; Es blüht die Welt in Todesbanden.
Dort lächelt auf die Gräber nieder Mit himmlisch duldender Gebärde Vom Kreuz das höchste Bild der Erde; Ein Vogel drauf, sang seine Lieder.
Doch kaum daß sie geklungen hatten, Flog scheu zum Wald zurück der Wilde; Ich sang, wie er, ein Lied dem Bilde Und kehrte heim in meine Schatten.
Natur! will dir ans Herz mich legen! Verzeih, daß ich dich konnte meiden, Daß Heilung ich gesucht für Leiden, Die du mir gabst zum herben Segen.
In deinen Waldesfinsternissen Hab ich von mancher tiefen Ritze, Durch die mir leuchten deine Blitze, Den trüglichen Verband gerissen.
2
Die Vögel fliehn geschwind Zum Nest im Wetterhauche, Doch schleudert sie der Wind Weitab von ihrem Strauche.
Das Wild mit banger Hast Ist ins Gebüsch verkrochen; Manch grünend frischer Ast Stürzt nieder, sturmgebrochen.
Das Heer der Wolken schweift Mit roten Blitzesfahnen, Aufspielend wirbelt, pfeift Die Bande von Orkanen.
Das Bächlein, sonst so mild, Ist außer sich geraten, Springt auf an Bäumen wild, Verwüstend in die Saaten.
Der Donner bricht herein, Es kracht die Welt in Wettern, Als wollt am Felsgestein Der Himmel sich zerschmettern.
Der Regen braust; nun schwand Das Tal in seiner Dichte; Verpfählt hat er das Land Vor meinem Augenlichte.
Doch mir im Herzensgrund Ist Heiterkeit und Stille; Mir wächst in solcher Stund Und härtet sich der Wille.
3
Durch den Hain mit bangem Stoße Die Gewitterlüfte streichen; Tropfen sinken, schwere, große, Auf die Blätter dieser Eichen.
An ein banges Herzensklopfen Mahnt mich dieser Bäume Schwanken, Mahnt mich an Gewittertropfen, Die aus lieben Augen sanken.
Muß ein großer Schmerz in Zähren Sich entlasten unaufhaltsam, Stürzen ihm die großen, schweren Tropfen plötzlich und gewaltsam.
War die Träne noch zu fassen, Kam sie nicht hervorgebrochen, Denn der Schmerz will sie nicht lassen, Will sie heißer, herber kochen.
O! es waren heiße, herbe, Die aus ihren Augen quollen; Und ich werde, bis ich sterbe, Sehen diese Tränen rollen.
4
Bist fremd du eingedrungen, So fürcht Erinnerungen, Sie stürzen auf Waldwegen Wie Räuber dir entgegen.
Willst du im Walde weilen, Um deine Brust zu heilen, So muß dein Herz verstehen Die Stimmen, die dort wehen.
In froher Kinder Kreise Verjüngen sich die Greise, Und Grambeladne werden Noch einmal froh auf Erden.
Verjüngender doch wirken In heimlichen Bezirken, Im Schoß der Waldesnächte Natur und ihre Mächte.
Hier quillt die träumerische, Urjugendliche Frische, In ahndungsvoller Hülle Die ganze Lebensfülle.
Es rauschet wie ein Träumen Von Liedern in den Bäumen, Und mit den Wellen ziehen Verhüllte Melodien.
Im Herzen wird es helle, Und heim zum ewgen Quelle Der Jugend darfst du sinken, Dich frisch und selig trinken.
Sehnsüchtig zieht entgegen Natur auf allen Wegen, Als schöne Braut im Schleier, Dem Geiste, ihrem Freier.
Tautropfen auf den Spitzen Der dunklen Halme blitzen Wie helle Liebeszähren, Ein süß nach Ihm Begehren.
Sie schweigt in Sehnsucht lauschend, Dann plötzlich, freudig rauchend, Scheint selig sie zu spüren, Daß er sie heim wird führen.
All ihre Pulse beben, In ihm, in ihm zu leben, Von ihm dahinzusinken, Den Todeskuß zu trinken.
So lauscht und rauscht die Seele, Daß Gott sich ihr vermähle, Fühlt schon den Odem wehen, In dem sie wird vergehen.
5
Wie Merlin Möcht ich durch die Wälder ziehn; Was die Stürme wehen, Was die Donner rollen Und die Blitze wollen, Was die Bäume sprechen, Wenn sie brechen, Möcht ich wie Merlin verstehen.
Voll Gewitterlust Wirft im Sturme hin Sein Gewand Merlin, Daß die Lüfte kühlen, Blitze ihm bespülen Seine nackte Brust.
Wurzelfäden streckt Eiche in den Grund, Unten saugt versteckt Tausendfach ihr Mund Leben aus geheimen Quellen, Die den Stamm gen Himmel schwellen.
Flattern läßt sein Haar Merlin In der Sturmnacht her und hin, Und es sprühn die feurig falben Blitze, ihm das Haupt zu salben; Die Natur, die offenbare, Traulich sich mit ihm verschwisternd, Tränkt sein Herz, wenn Blitze knisternd Küssen seine schwarzen Haare. - -
Das Gewitter ist vollbracht, Stille ward die Nacht; Heiter in die tiefsten Gründe Ist der Himmel nach dem Streite; Wer die Waldesruh verstünde Wie Merlin, der Eingeweihte!
Frühlingsnacht! kein Lüftchen weht, Nicht die schwanksten Halme nicken, Jedes Blatt, von Mondesblicken Wie bezaubert, stille steht.
Still die Götter zu beschleichen Und die ewigen Gesetze, In den Schatten hoher Eichen Wacht der Zaubrer, einsam sinnend, Zwischen ihre Zweige spinnend Heimliche Gedankennetze.
Stimmen, die den andern schweigen, Jenseits ihrer Hörbarkeiten, Hört Merlin vorübergleiten, Alles rauscht im vollen Reigen Denn die Königin der Elfen Oder eine kluge Norn Hält, dem Sinne nachzuhelfen, Ihm ans Ohr ein Zauberhorn. Rieseln hört er, springend schäumen Lebensfluten in den Bäumen; Vögel schlummern auf den Ästen Nach des Tages Liebesfesten, Doch ihr Schlaf ist auch beglückt; Lauschend hört Merlin entzückt Unter ihrem Brustgefieder Träumen ihre künftgen Lieder. Klingend strömt des Mondes Licht Auf die Eich und Hagerose, Und im Kelch der feinsten Moose Tönt das ewige Gedicht.
6
Der Nachtwind hat in den Bäumen Sein Rauschen eingestellt, Die Vögel sitzen und träumen Am Aste traut gesellt.
Die ferne schmächtige Quelle, Weil alles andre ruht, Läßt hörbar nun Welle auf Welle Hinflüstern ihre Flut.
Und wenn die Nähe verklungen, Dann kommen an die Reih Die leisen Erinnerungen Und weinen fern vorbei.
Daß alles vorübersterbe, Ist alt und allbekannt; Doch diese Wehmut, die herbe, Hat niemand noch gebannt.
7
Schläfrig hangen die sonnenmüden Blätter, Alles schweigt im Walde, nur eine Biene Summt dort an der Blüte mit mattem Eifer; Sie auch ließ vom sommerlichen Getöne, Eingeschlafen vielleicht im Schoß der Blume. Hier, noch Frühlings, rauschte die muntre Quelle; Still versiegend ist in die Luft zergangen All ihr frisches Geplauder, helles Schimmern. Traurig kahlt die Stätte, wo einst ein Quell floß; Horchen muß ich noch dem gewohnten Rauschen, Ich vermisse den Bach, wie liebe Grüße, Die sonst fernher kamen, nun ausgeblieben. Alles still, einschläfernd, des dichten Mooses Sanft nachgiebige Schwellung ist so ruhlich; Möge hier mich holder Schlummer beschleichen, Mir die Schlüssel zu meinen Schätzen stehlen Und die Waffen entwenden meines Zornes, Daß die Seele, rings nach außen vergessend, Sich in ihre Tiefen hinein erinnre. Preisen will ich den Schlummer, bis er leise Naht in diesem Dunkel und mir das Aug schließt. Schlaf, du kindlicher Gott, du Gott der Kindheit! Du Verjünger der Welt, die, dein entbehrend, Rasch in wenig Stunden wäre gealtert. Wundertätiger Freund, Erlöser des Herzens! Rings umstellt und bewacht am hellen Tage Ist das Herz in der Brust und unzugänglich Für die leiseren Genien des Lebens, Denn ihm wandeln voran auf allen Wegen Die Gedanken, bewaffnet, als Liktoren, Schreckend und verscheuchend lieblichen Zauber. Aber in der Stille der Nacht, des Schlummers, Wacht die Seele heimlich und lauscht wie Hero, Bis verborgen ihr Gott ihr naht, herüber Schwimmend durch das wallende Meer der Träume.
Eine Flöte klang mir im Schlaf zuweilen, Wie ein Gesang der Urwelt, Sehnsucht weckend, Daß ich süß erschüttert erwacht' in Tränen Und noch lange hörte den Ruf der Heimat; Bliebe davon ein Hauch in meinen Liedern!
Schlaf, melodischer Freund, woher die Flöte? Ist sie ein Ast des Walds, durchhaucht vom Gotte, Hört ich im Traum des heiligen Pan Syringe?
8
Abend ists, die Wipfel wallen, Zitternd schon im Purpurscheine, Hier im lenzergriffnen Haine Hör ich noch die Liebe schallen.
Kosend schlüpfen durch die Äste Muntre Vöglein, andre singen, Rings des Frühlings Schwüre klingen, Daß die Liebe ist das beste.
Wo die frischen Wellen fließen, Trinken Vöglein aus der Quelle, Keins will unerquickt zur Stelle Seinen Tagesflug beschließen.
Wie ins dunkle Dickicht schweben Vöglein nach dem Frühlingstage, Süß befriedigt, ohne Klage, Möcht ich scheiden aus dem Leben;
Einmal nur, bevor mirs nachtet, An den Quell der Liebe sinken, Einmal nur die Wonne trinken, Der die Seele zugeschmachtet,
Wie vor Nacht zur Flut sich neigen Dort des Waldes durstge Sänger; Gern dann schlaf ich, tiefer, länger, Als die Vöglein in den Zweigen.
9
Rings ein Verstummen, ein Entfärben; Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln, Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln; Ich liebe dieses milde Sterben.
Von hinnen geht die stille Reise, Die Zeit der Liebe ist verklungen, Die Vögel haben ausgesungen, Und dürre Blätter sinken leise.
Die Vögel zogen nach dem Süden Aus dem Verfall des Laubes tauchen Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen, Die Blätter fallen stets, die müden.
In dieses Waldes leisem Rauschen Ist mir, als hör ich Kunde wehen, Daß alles Sterben und Vergehen Nur heimlichstill vergnügtes Tauschen.
An einen Tyrannen
Tyrann! des Blutes, welches in Schlachten du Vergossen kalt, das rauchte vom Henkerbeil, Das, deinen Qualen zu entrinnen, Strömte dein Sklave mit eigner Hand hin:
Des Blutes soll ein jeglicher Tropfen einst Vor deinem Aug in streifender Ewigkeit Aufschäumen, schwellen zum Vulkane, Der von den Seligen streng dich scheidet!
Erwacht dann Sehnsucht heiß in der Seele dir Hinüber in die Täler Elysiums, Willst überklimmen du die Höhn, dann Schleudern sie dich in die Tiefe donnernd!
Entgegen gleiße deinem entsetzten Blick Ein Schneegebirg von Menschengebeinen, hoch; Darüber bleich und unbeweglich Starre des Mondes bekümmert Antlitz.
Dann stocke, schweige jenes Gebirg des Bluts, Herüberklinge deinem verlaßnen Ohr Das Wonnelied der Auserwählten, Säuselnd, unendliche Sehnsucht weckend.
Doch plötzlich störe Kettengerassel dich, Und Sterbgewinsel, das durch die Lüfte klagt, Und heulend rolle dir die Windsbraut Schädellawinen vor deine Füße!
Bettlers Klage
Bin einsam, schwach und alt, Mich hüllen Lumpen ein, Wie bläst der Wind so kalt, Geht mir durch Mark und Bein.
Ich bettle vor der Tür, Und hab ich lang gefleht, So tönt es oft herfür: "In Gottes Namen geht!"
Da fährt durchs hohe Tor Ein Herr, - der Rosse Huf Verstampfet seinem Ohr Des Bettelmannes Ruf.
Die Dame wendt den Blick Voll Ekel von mir; ach, Mein schreckliches Geschick Fühl ich dann siebenfach!
Protest
Wenn ich verachte heimliches Verschwören, Und wenn ich hasse Meuchelmörderhand, Wenn in des Volkserretters Ruhmgewand Verhüllte Schufte meinen Groll empören,
Reih ich das Königstum den Himmelsgaben, Verlaßner Völker Vaterhaus und Hort. O glaubet nicht, ich liebe drum sofort, Was jetzt und hier an Königen wir haben.
O glaubet nicht, ich führe keinen Zunder Im Herzen für des Zornes edle Glut, Tritt wo ein Fürst sein Volk im Übermut, Noch daß ich ehren kann gekrönten Plunder.
Nie wird mein Flügelroß zum Schindergaule Für meine Ehre, und mich strafe Gott, Sing ich ein Fürstenlied, daß mir, zum Spott, Die Hand vom Saitenspiel herunterfaule.
An einen Tadler
Wenn gegen falschen Schmerz du dich ereiferst Und Tränenkünstelei, so hast du recht; Doch hast du was von einem Henkersknecht, Wenn du mit Spott den wahren Schmerz begeiferst.
Verfolge rüstig, wo du kannst, die Lügen; Die Wahrheit ehre; ist dir wohl zumut, So sollst du zügeln dein vergnügtes Blut Und zur Gesundheit nicht die Roheit fügen.
Auch Freuden gibt es, die nur Freuden scheinen, Und mehr vielleicht als Schmerzen, die nicht wahr; Wem Lust blüht, lache; traure, wem sie gar; Und ists ein Dichter, mag sein Lied auch weinen.
Des Teufels Lied vom Aristokraten
Ich lobe den Aristokraten; Hat er des Adels rechte Völle, Ist er vorweg schon halb geraten Und zugerichtet für die Hölle.
Wer besser schon sich dünkt und echter, Bloß weil er lebt, als ganze Scharen, Der wird gewiß zur Grube schlechter Als all die Tausend niederfahren.
Was schützen mag die Niedern, Rohen Vor meiner Finger scharfen Griffen: Natur und Liebe - wird dem Hohen Schon in der Kindheit abgeschliffen.
Geschieden von der schlechten Rotte Des Volkes sitzt der Edelreine In seiner lieben Ahnengrotte So kühl, erhaben und alleine.
Vorüber braust an seinem Saale Das Volk mit Not- und Dampfgewerben, Sie schwingen ihm die Festpokale, Man lebt - und eilt, für ihn zu sterben.
Doch Ruh ist in des Edlen Kammer, Daß er die Lebensmüh nicht spüre, Und jeden Seufzer muß der Jammer Verschlucken still vor seiner Türe.
O köstlich ist die stille Schonung, Denn deutlich hörts der Mann der Gnaden, Wenn süß ertönt um seine Wohnung Die Luft von meinen Serenaden.
Er setzt in Noten sich mein Ständchen, Bewundernd singen es die Schranzen, Und morgen muß allwärts im Ländchen Das Volk nach meinem Liede tanzen.
Eitel nichts!
's ist eitel nichts, wohin mein Aug ich hefte! Das Leben ist ein vielbesagtes Wandern, Ein wüstes Jagen ists von dem zum andern, Und unterwegs verlieren wir die Kräfte. Ja, könnte man zum letzten Erdenziele Noch als derselbe frische Bursche kommen, Wie man den ersten Anlauf hat genommen, So möchte man noch lachen zu dem Spiele. Doch trägt uns eine Macht von Stund zu Stund, Wie's Krüglein, das am Brunnenstein zersprang, Und dessen Inhalt sickert auf den Grund, So weit es ging, den ganzen Weg entlang. Nun ist es leer; wer mag daraus noch trinken? Und zu den andern Scherben muß es sinken.
Blick in den Strom
Sahst du ein Glück vorübergehn, Das nie sich wiederfindet, Ists gut in einen Strom zu sehn, Wo alles wogt und schwindet.
O! starre nur hinein, hinein, Du wirst es leichter missen, Was dir, und solls dein Liebstes sein, Vom Herzen ward gerissen.
Blick unverwandt hinab zum Fluß, Bis deine Tränen fallen, Und sieh durch ihren warmen Guß Die Flut hinunterwallen.
Hinträumend wird Vergessenheit Des Herzens Wunde schließen; Die Seele sieht mit ihrem Leid Sich selbst vorüberfließen.
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