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Die zwei Reigen
Ein Cherub schritt das Tal empor Und schlug das Volk mit Schwert und Pest, Hinsank der halbe Jugendflor - Die Schwalbe kehre und baue das Nest.
Brautführer will der Frühling sein, Und wer das Lieb verloren hat, Dem gibt mit einem blühnden Mai'n Er eines an des toten statt.
Er führt auf schwellend grünen Plan Den Rest der Jugend, neu gepaart, Und hebt ein mächtig Fiedeln an Von Liebesglück und Minnefahrt.
Die Paare fliegen rasch daher, Ein Lenzgesind, gejagt vom Wind, Dabei wird manches Herze schwer, Das an die alte Liebe sinnt.
Doch Leben hat das Leben gern, Und leicht gewöhnt sich Brust an Brust, Die Toten liegen tief und fern Und wissen nichts von unsrer Lust...
Die Sonne schwand. Hell scheint ins Land Der Mond und schwand den Silberglanz, Der Reigen dreht sich Hand in Hand Und Mund an Mund und Kranz an Kranz...
Da steigt es aus der Wiese leis Und beut sich auch die Hände sacht: Genuiner schwebt ein stiller Kreis Im blauen Duft der Lenzesnacht.
Es haucht ein sanfter Flötenlaut Und toter Jüngling, tote Maid Umschlingen sich im Reigen traut Und ohne Neid und ohne Leid.
Bacchus in Bünden
Wo stürzend aus rätischen Klüften der Rhein Um silberne Hüften sich gürtet den Wein, Ziehn paukende Masken mit Zimbelgeläut "Du Traube von Trimmis, dich wimmeln wir heut!"
Sie treten den Reigen, sie stampfen den Chor, Da dunkelt's und lodern die Fackeln empor: Ein Kranz in den Lüden! Ein wirbelndes Paar! Ein brennender Nacken! Ein purpurnes Haar!
Die Fackeln verlöschen. Es hebt sich der Glanz Des schimmernden Monds und verbiestert den Tanz Ein adliger Jüngling von fremder Gestalt Bemeistert den Reigen mit Herrschergewalt.
Er schwebt in der Mitte, bekränzt und allein, Mit leuchtenden Füßen in himmlischem Schein, Die Schulter umflattert getigertes Fell, Er trägt einen Szepter, der kühne Gesell.
Er neigt ihn vor Irma, der träumenden Maid: "In nachtdunkle Haare taugt blitzend Geschmeid!" Er greift in den Himmel mit mächtiger Hand, Er raubt aus den Sternen ein flimmerndes Band:
Schön Irma schwebt hin mit dem Krönlein von Licht' Als fesselte fürder die Erde sie nicht, Er schwingt ihr zu Häupten den Thyrsus, umrankt Mit üppigem Laube, von Trauben umschwankt...
Zwölf Schläge verkünden die Mitte der Nacht. Der Reigen ermüdet. Das Fest ist vollbracht! "Herunter die Masken! So will es der Brauch! Du Führer des Reigens, entlarve dich auch!
Wir sind unser zwanzig, und voll ist die Zahl! Wer bist du, der frech in die Gilde sich stahl! Ein Gaukler? Ein Zaubrer? Sprich, wie du dich nennst! Sonst fürcht unsre Messer, bist du kein Gespenst!"
Ein Mönchlein, ein zechend entschlafnes, wird reg: "Wer bist du? Der Satan? Dir weis ich den Weg!" Er zeichnet ein Kreuz. "Nun entmumme dich nur! Ich bin der gelehrte Pancrazi von Chur!"
Der Jüngling entlarvt ein von Eppich umlaubt, Ein hohes, ein mildes, ein gnädiges Haupt "Zu Füßen dem Herrscher, vermessen Gesind! Ich bin Dionysos, des Donnerers Kind!"
Er lächelt dem Mönch in das feiste Gesicht: "Slipons, Slipons, verleugne mich nicht! Mich hat Seine Gnaden, der Bischof, gebannt Und ist doch mein treuster Bekenner im Land.
Weinfröhliche Räter, etrurisch Geschlecht, Ihr habt schon am Reno2 gehörig gezecht, Doch hüben am Rhein, in germanischer Mark Bezecht ihr euch doppelt und dreimal so stark!"
Fiebernacht
"Berggeist, ich höre deine Ströme rauschen - Gib mir Gehör! Wir wollen Rede tauschen! Du von der Firn und aus der Gletscher Kühle, Ich aus der engen Krankenkammer Schwüle! Du weißt es, Geist, ich liege hier gefangen Und lasse den geknickten Flügel hangen, Ich ächz und stöhne, den gelähmten, wunden, Gebrochnen Arm dicht an den Leib gebunden. Zwei kurzer Wandertage süßes Träumen - Und dich verdroß ein Gast in deinen Räumen. Von deinem Tische stießest du den Zecher, Entrissest ihm den eisgewürzten Becher, Und rolltest ihn hohnlachend durch die Klüfte Hinunter in des Fieberlagers Grüfte. Verräter, schmählich hast du mich betrogen! Hast du mich leise rufend nicht gezogen? Warst du mir lange Jahre nicht gewogen? Und wann in deinem Reich ich mich verirrte, Schritt nicht, wie Zufall, mir voran ein Hirte Und ließ mich- ungerufen, ungebeten Bergab in seine sichern Stapfen treten? Du bist mir gram geworden? Laß dich fragen! Muß ich der führerlosen Fahrt entsagen? Des hohen Irreganges mich entwöhnen?" Mir gab Bescheid der Geist mit tiefen Tönen Im Flutensturz und in der Laue Dröhnen, Es klang wie Drohn und wieder klang's wie Höhnen: "Ein junger Wandrer kam zu mir gefahren Mit hast'gen Schritten und mit wehnden Haaren, Ein bleiches Bild! So ist er ohne Bangen Auf meinen schmalen Gräten umgegangen, Und über Klüften, schwindelnd abgrundtiefen, Aus welchen jubelnd ihn die Wogen riefen, Ist er gewandelt auf gestürzten Föhren Und schien in meine Wildnis zu gehören, Ein dumpfer Ton in meinen dumpfen Chören - Du warst's... und gingst an eines Abgrunds Saume, Unkundig der Gefahr, in wachem Traume! Doch mir gefiel der Kühne und der Blinde, Und Sorge trug ich dir als einem Kinde - Jetzt, lieber Herr, bist leidlich du vernünftig, Hast Weib und Hof, bist in der Gilde zünftig, Verlaß dich nicht auf meine Flügel künftig!"
Noch einmal
Noch einmal ein flüchtiger Wandergesell - Wie jagen die schäumenden Bäche so hell, Wie leuchtet der Schnee an den Wänden so grell!
Hier oben mischet der himmlische Schenk Aus Norden und Süden der Lüfte Getränk, Ich schlürf es und werde der Jugend gedenk.
O Atem der Berge, beglückender Hauch! Ihr blutigen Rosen am hangenden Strauch, Ihr Hütten mit bläulich gekräuseltem Rauch -
Den eben noch schleiernder Nebel verwebt, Der Himmel, er öffnet sich innig und lebt, Wie ruhig der Aar in dem strahlenden schwebt!
Und mein Herz, das er trägt in befiederter Brust, Es wird sich der göttlichen Nähe bewußt, Es freut sich des Himmels und zittert vor Lust -
Ich sehe dich, Jäger, ich seh dich genau, Den Felsen umschleichest du grau auf dem Grau, Jetzt richtest empor du das Rohr in das Blau -
Zu Tale zu steigen, das wäre mir Schmerz - Entsende, du Schütze, entsende das Erz! Jetzt bin ich ein Seliger! Triff mich ins Herz!
Burg "Fragmirnichtnach"
Wo weiß die Landquart durch die Tannen schäumt, Irrt unbekümmert ich um Weg und Zeit, Da stand ein grauer Turm, wie hingeträumt In ungebrochne Waldeseinsamkeit. Ich sah mich um und frug: "Wie heißt das Schloß?" Ein bucklig Mütterlein, das Kräuter brach; Da murrte sie, die jedes Wort verdroß: "Fragmirnichtnach."
Ich schritt hinan; ich Hof ein Brünnlein scholl, Durch den verwachsnen Torweg drang ich ein, Ein dünnes kühles Rieseln überquoll Auf einer Gruft den schwarzbemoosten Stein. Ich beugte mich nach des Verschollnen Spur, Entziffernd, was des Steines Inschrift sprach, Nicht Zahl, nicht Namen - ein Begehren nur: Frag mir nicht nach!
Gespenster
Am Horizonte glomm des Abends Feuer; Ich stieg, indes die Purpurglut verblich, Zum Römerturm empor und lehnte mich Randüber auf das dunkelnde Gemäuer -
Und sah, wie sich am Hange, scheu und scheuer, Die Beerenleserin vorüberschlich. Das arme Weibchen drückt, und duckte sich Und schlug ein Kreuz: ihr war es nicht geheuer...
Mich flog ein Lächeln an. Im Eppich neben Der Brüstung flüstert's: "Freund, in deinem Leben Ist auch ein Ort, wo die Gespenster schweben!
Führt dich Erinnerung dem zerstörten Ort Vorbei, du huschst noch geschwinder fort, Als das von Grauen gepackte Weibchen dort."
Alte Schrift
Jüngst verlockt, es mich im Abendglimmen Zum Lombardenturm emporzuklimmen, Dem verschollnen Herrscher hier im Gaue, Der die Ferne noch beherrscht, die blaue.
In den Mauern bin ich lang geblieben: Alte Namen standen rings geschrieben Hoch im Raume, wo die Luken schimmern, Doch die Wendeltreppe lag in Trümmern.
Die den Blick ins Weite dort gerichtet, Ihre Wanderstäbe sind vernichtet, Ihre leichten Mäntel sind verstoben, Ihre Sprüche blieben aufgehoben.
Einer dichtet anno fünfzehnhundert: "Gott hab ich in der Natur bewundert!" "Gaudeamus!" gräbt ein flotter Zecher Um den keck entworfnen Riesenbecher.
Dort ein Herz von einem Pfeil durchschnitten: "Hedewig" steht auf des Bolzes Mitten; Dicht daneben schrieb ein Fahrtgenosse Gut lateinisch eine derbe Posse -
Dann in des Kastelles tiefem Schatten Warfen sich die Schüler auf die Matten Leerten einen Humpen und von dannen Pilgerten sie singend durch die Tannen.
Das Gemälde
Trüb brennt der Schenke Kerzenlicht, Der Wirtin junges Angesicht, Ermüdet, schlummertrunken, Nicht auf die Brust gesunken, Denn schon ist Mitternacht vorbei. Am Schiefertische spielen zwei, Die weißen Würfel schallen, Schlecht ist der Wurf gefallen - Ein junges wildes Augenpaar Droht aus verworrnem Lockenhaar: "Das war mein letztes Silberstück Doch wenden muß sich jetzt das Glück! Du, Alter, mußt mir borgen! Wir spielen bis zum Morgen!" Mit grünen Katzenaugen blitzt Der andre, der im Dunkel sitze: "Laß dich zu Bette legen, Die Mutter spricht den Segen!" Des Jungen Faust zerdrückt das Glas Mit einem Fluch - "Kind, weißt du was? ›Ein Schlößlein steht auf grünem Plan‹ So fängt ein altes Märchen an. Ich meine das im Walde, Hier oben an der Halde. Verschlossen sind die Fenster, Drin hausen nur Gespenster Für den, der an Gespenster glaubt Sobald das Jahr den Wald entlaube, Macht sich der Herr von hinnen Von diesen luft'gen Zinnen Schwelgt in der Stadt im Marmorsaal Und spielt bei lust'gem Kerzenstrahl. Kling, kling! Ich hör es klingen, Wie goldne Füchse springen... Dein Vater - ward mir recht gesagt? - War Pächter und ist ausgejagt... Da weißt du droben ein und aus, Du kennst den Hund, du kennst das Haus - Ich borgte mir mein Spielgeld frisch Von dieses reiften Mannes Tisch! Nimm, was da liegt, nimm, was da steht: Ein Prunkgeschirr, ein Goldgerät, Mir darfst du's gleich verhandeln, Ich kann's in Münze wandeln. Von selber öffnet sich der Schrein, Du müßtest nicht ein Schlosser sein..." Der Bursche lauscht mit dumpfem Hirn Dem höllischen Gemunkel, Ein Schatten steht auf seiner Stirn, Ein Schatten tief und dunkel: Und wieder lies und lüstern Beginnt das Grimm Flüstern: "Kurt, sieh den Lauf der Welt dir an!" Was wohl gelingt, ist wohl getan! Betrachte dir die Taten Der großen Diplomaten, Die klugen Herrn verstehen den Pfiff, Ein leiser Schritt, ein sichrer Griff! Dann spielt man hübsch Verstecken Und läßt sich nicht entdecken - Du blickst so wild, als wolltst du mich Erstechen, Kurt, besinne dich! Wo suchst du deine Schlüssel, Kurt? Du trägst den ganzen Bund am Gurt!... Er stürzt hinaus, empört, betört, Die Wirtin, die ihn schreiten hört, Lallt halb im Traum, sie weiß nicht wie: "Wie geht's der Mutter? Grüße sie!" Er taumelt in die Nacht hinaus, Um seine Stirn fliegt ein Gebraus Betrunkener Gedanken Und seine Schritte wanken. Er stürmt empor die Strecke Zum Schloß auf Schneees Decke, Das Gitter übersteigt er leis Und knisternd bricht das Tannenreis, Er schleicht und nach der Leiter langt Er, die am Dach der Scheune hangt. Er steht am Herrenhause schon, Er klettert über den Balkon, Sein Herz, er hört es pochen... Und hat die Tür erbrochen. Rasch ist ein Wachslicht angebrannt, Laut kracht es in der Täfelwand, Ihm steigt das Haar, hin starrt er wild Und sieht ein farbenlieblich Bild, Von lichtem Reif umgeben, Sich aus dem Düster heben: Den Schlummer eines Knaben sieht Er, neben dem die Mutter kniet, Die blauen Augen strahlen licht Von einer guten Zuversicht. Nicht kann den Blick er wenden Von diesen flehnden Händen... Da muß mit Tränenbächen Die harte Rinde brechen Dumpf klirrend fällt der Schlüsselbund. Die Mutter dankt mit frohem Mund. Er flüchtet über den Balkon, Die Leiter trägt er schnell davon, Als wandelt, er auf Gluten Und wendet sich zum Guten.
Die Rehe
Fern von dem fürstlichen keuschen Gemahl Jubelt ein blühender Jüngling im Saal: "Hebet die Becher und ruft, daß es schallt: Freiheit, sie lebe! Die Freiheit im Wald!" All die Genossen der weidlichen Lust Bringen das Hoch aus erglühender Brust: "Lebe die Jugend und Bacchus' Gewalt! Freiheit, sie lebe! Die Freiheit im Wald!"
Schmetternde Hörner! Dann flüstern sie sacht, Scherzen und locken die Elfen der Nacht Aus ihren Waldesverstecken hervor Ängstliche Schläge bestürmen das Tor "Setz dich ans Feuer, du herziges Kind!" Lärmt im erleuchteten Hof das Gesind. "Fürstlich bewirten mit Kuchen dich wir! Drinnen was suchst du? Bescheide dich hier!"
Rasch in den Saal, in den fürstlichen, tritt Eine Gescheuchte mit hastigem Schritt, Über den Busen, vorn Laufe bewegt, Kreuzweis die flehenden Arme gelegt Blätter am Röcklein, herbströtlich und falb! Krausdunkle Haare, noch flattern sie halb, Süßbraune Augen und schmerzlich dabei, Blutende Füße - nicht die einer Fei!
"Sage, wer bist du, krauslockiges Haupt, Schimmernd von purpurnen Blättern umlaubt?" - "Rehe, die Rehe, so heiß ich im Land Von meinem braunen Gelock und Gewand -" "Mein ist die Rehe! Des Herrn ist die Jagd!" Jubelt der Jüngling, es sträubt sich die Magd... "Halali!" hetzt es und tobt es und hallt. Ringend entwindet sie sich der Gewalt.
Lodernde Augen, wie Blitze der Nacht Doch sie besinnt sich. Dann redet sie sacht: "Rehe, die Rehe, so heiß ich im Land, Wilpert der Schütz, ist der Vater genannt Auf eine Jagd, die dem Herrn nur gebührt, Hat ihn ein äsendes Rudel verführt. Siehe, da kniet er, da zielt er und knallt Heut hat der Vater gefrevelt im Wald! Doch deine Förster ergriffen ihn, weh, Ihn und das sündlich erbeutete Reh.
Ich, von der Angst und dem Jammer gejagt, Lief in den Wald, eine hilflose Magd. Da schier das Herz mir im Busen zersprang, Sah ich die Kerzen und hörte den Klang Glaubte die gütige Herzogin hier, Und nun erzittr ich und steh ich vor dir. Gib mir den Vater und gib mir ihn bald, Daß ich getröstet verlasse den Wald! Gnade!" Der Herzog gesteht sich verwirrt, Daß man sich leichtlich im Walde verirrt, Und er bekennt, vom Gewissen gerührt, Daß eine Rehe vom Wege verführt. Murmelnd verlangt er ein Blatt, einen Stift, Schreibt eine Zeile mit schwankender Schrift: "Wilpert dem Schützen gewähr ich Pardon!" Und sie bedankt sich und fort ist sie schon. Er tritt ans Fenster und öffnet es sacht: Leuchtende Sterne der ruhigen Nacht.. Dort eine flüchtige dunkle Gestalt! Und eine Rehe verschwindet im Wald.
Die Zwingburg
Ringsum ergrünt sein Mauerring, Der Eppich schwankt im Fenster, Versunken in der Erde Schoß Tief unter das besonnte Moos Sind Ritter und Gespenster.
Wo durch das tiefgewölbte Tor Die zorn'ge Fehde schritt hervor Und ließ die Hörner schmettern, Da hat sich, duftig eingeengt, Ein Zicklein ans Gesträuch gehängt Und nascht von jungen Blättern.
Wo wildverträumt Frau Minne stund, Zerrann auf blauem Himmelsgrund Der kecke Bau des Erkers; Wo im Verlies der Haß gegrollt, Ist in das weiche Gras gerollt Ein Quaderstein des Kerkers.
Und wo den Teich vom Hügelhang Herab die trotz'ge Feste zwang Ein finster Bild zu spiegeln, Da rudert, von der Flut benetzt, Der Burg, zerstörtes Wappen jetzt: Ein Schwan mit Silberflügeln.
IV
Reise
"Tag, schein herein! und, Leben, flieh hinaus!"
Tag, schein herein! Die Kammer steht dir offen! Holdsel'ger Lenzesmorgen, schein herein! Schon glitzert, von der Sonne Strahl getroffen, Das Tintenfaß, der eichne Bücherschrein. Vogt Winter muß dem Lenze Rechnung geben, Dem schönen Erben, über Hof und Haus - Auch mir zugut geschrieben ist ein Leben - Tag, schein herein! und, Leben, flieh hinaus!
Ich war von einem schweren Bann gebunden. Ich lebte nicht. Ich lag im Traum erstarrt. Von vielen tausend unverbrauchten Stunden Schwillt ungestüm mir nun die Gegenwart. Aus dunklem Grunde grüne Saat zu wecken Bedarf es Sonnenstrahles nur und Taus, Ich fühle, wie sich tausend Keime strecken. Tag, schein herein! und, Leben, flieh hinaus!
Ein Segel zieht auf wunderkühlen Pfaden, In Flutendunkel spiegelt sich der Tag. Was hat die Barke dort für mich geladen? Vielleicht ist's etwas, das mich freuen mag! Entgegen ihr! Was wird die Barke bringen Durch blauer Wellen freudiges Gebraus? Entgegen ihr! Mit weitgestreckten Schwingen! Tag, schein herein! und, Leben, flieh hinaus!
La Röse
Als der Bernina Felsentor Durchdonnerte der Wagen Und wir im Süden sahn empor Die Muschelberge ragen, Blies schmetternd auf dem Rößlein vorn Der in der Lederhose - "Wen grüßest du mit deinem Horn?" "Die Rose, Herr, die Rose!"
Mit flachem Dach ein Säulenhaus, Das erste welsche Bildnis, Schaut Röse, weinumwunden, aus Erstarrter Felsenwildnis - Es ist, als ob das Wasser da In weichern Lauten tose, Hinunter nach Italia Blickt der Balkon der Rose.
Nun, Herz, beginnt die Wonnezeit Auf Wegen und auf Stegen! Mir strömt ein Hauch von Üppigkeit Und ew'gem Lenz entgegen - Es suchen sich um meine Stirn Zwei Falter mit Gekose - Den Wein bringt eine Junge Dirn Mit einer jungen Rose.
Noch einmal darf in südlich Land Ich Nordgeborner wallen, Vertauschen meine Felsenwand Mit weißen Marmorhallen. Gegrüßt, Italia, Licht und Lust! Ich preise meine Lose! Du bist an unsrer Erde Brust Die Rose, ja die Rose!
Die Schlacht der Bäume
Hier am Sarazenenturme, Der die Straße hielt geschlossen, Ist in manchem wilden Sturme Deutsch und welsches Blut geflossen.
Nun sich in des Tales Räumen Länger nicht die Völker morden, Ringen noch mit ihren Bäumen Hier der Süden und der Norden.
Arvbaum ist der deutschen Bande Bannerherr, der düsterkühne, Üppig Volk der Sonnenlande, Rebe führt's, die sonniggrüne.
Ohne Schild- und Schwertgeklirre, Ohne der Drommete Schmettern Kämpfen in der Felsenirre Hier die Nadeln mit den Blättern.
Der Triumphbogen
Ein leuchtend blauer Tag. Ein wogend Ährenfeld Daraus ein wetterschwarzer Mauerbogen steigt. In seinem kurzen Schatten schläft das Schnittervolk. Allein emporgerichtet sitzt die schönste Maid, Des Landes Kind, doch welchen Lands? Italiens! Ein strenggeschnittnes, musenhaftes Angesicht, Am halbzerstörten Sims des Bogens hangt der Blick Als müht, er zu enträtseln dort die Inschrift sich. (Wenn nicht des Auges Dunkel von dem Liebsten träumt!) Sie hebt die erste sich, erweckt die Schnitterschar, Ergreift die blanke Sichel, die im Schatten lag, Und schreitet herrlich durch das Goldgewog des Korns, Umblaut vom Himmel, als ein göttliches Gebild 's ist Klio, die das Altertum enträtselnde, Vergilbten Pergaments und der Archive müd, Gelockt vom Rauschen einer überreifen Saat, Wird sie zur starken Schnitterin. Die Sichel klingt.
Venedigs erster Tag
Eine glückgefüllte Gondel gleitet auf dem Canal grande, An Giorgione lehnt die Blonde mit dem roten Samtgewande. "Giorgio, deiner Laute Saiten hör ich leise, leise klingen -" "Julia Vendramin, Erlauchte, was befiehlst du mir zu singen?"
"Nichts von schönen Augen, Giorgio! Solches Thema sollst du lassen! Singe, wie dem Meer entstiegen diese wunderbaren Gassen! Feßle kränzend keine Locken, die sich ringeln los und ledig! Giorgio, singe mir von meinem unvergleichlichen Venedig!"
"Meine süße Muse will es! Es geschieht!" Er präludierte. "Weiland, eh des heil'gen Markus Flagge dieses Meer regierte, Drüben dort, wo duftverschleiert Istriens schöne Berge blauen, Sank vor ungezählten Jahren eine Dämmrung voller Grauen.
Durch das Dunkel huschen Larven, angstgeschreckte Hunde winseln, Schreie gellen, Stimmen warnen: ›Löst die Böte! Nach den Inseln!‹ In den Lüften haucht ein Odem, wie es in den Gräbern modert - Schaurig tagen Meer und Himmel! Aquileja brennt und lodert!
Von der Stätte, wo die stillen, ungezähmten Flammen wogen, Kommt ein dumpfes Menschenbrausen nach dem freien Strand gezogen: Attila, die Gottesgeißel, jagt auf blutbesprengten Pfaden Krieger mit zerbrochnen Schwertern, Fraun mit Schätzen schwer beladen.
Wie zum Hades Schatten wandern, ziehn zum Meere die Gescheuchten, Das die purpurrot gefärbten Wolken weit hinaus beleuchten, Witwen, Waisen schreiten jammernd, schweigend stürzen wunde Männer, Mitten im Gewühle bäumen Wagen sich und scheue Renner.
Kniee wanken, Füße gleiten, Kästchen brechen, draus die hellen Goldnen Reife rollend springen und die weißen Perlen quellen. Nackte Küstenkinder starren gierig auf das rings zerstreute Gold, und doch betastet's keines - Etzels ist die ganze Beute!
Schiffer rüsten dunkle Nachen, drüber Wogen schäumend schlagen, Durch die weiße Brandung werden bleiche Fraun an Bord getragen - Mit der Rechten an die phryg'sche Mütze langt der Meerplebejer, Beut zum Sprung ins Boot die Linke dem behelmten Aquilejer.
Schon entflieht ein Schiff mit wehnden Segeln, flatternden Gewanden, Drin sich weitgetrennte Lose sonder Wahl zusammenfanden, Unbekannte Hände drücken sich in angstbeklommnem Traume, Aquilejas Überbleibsel schmiegen sich in engem Raume.
Letzte Scheideblicke wendend, sehn sie noch den Himmel bluten, Aber tiefer stets und ferner brennen die gesunknen Gluten. Still verglimmt der Heimat müde Todesfackel. Auf die Ruder Beugt sich Unglück neben Unglück, Bruder seufzend neben Bruder.
Eine Fürstin küßt ein Knäblein, ein dem Edelblute fremdes, Eine Sklavin wärmt ein fürstlich Kind im Schoß des Wollenhemdes - Unter ihnen eine Tiefe, über ihnen eine Wolke- Liebe taut vom Himmel, Liebe wächst in diesem neuen Volke.
Über eines Mantels Flattern, sturmverwehten greisen Haaren Will das Schweben einer Glorie einen Heil'gen offenbaren, Dieses ist der heil'ge Markus, rüstig rudernd wie ein andrer - Nach den nahenden Lagunen lenkt die Fahrt der sel'ge Wandrer.
Neben ihm der Jugendschlanke schlägt die Wellen, daß sie schallen, Wirren Locken sind die Kränze schwelgerischer Lust entfallen. Der Bacchant wird zum Äneas. Niederbrannte Trojas Feuer. Mit den rudernden Genossen sucht er edles Abenteuer.
Mählich lichtet sich der Osten. In der ersten Helle schauen Kecke Männer tief ins Antlitz morgenbleicher schöner Frauen - Lieblich Haupt, das blonde Flechten wie mit lichtem Ring umwinden, Bald an einem tapfern Herzen wirst du deine Heimat finden!
Scharfgezeichnet neigt sich eines Helden narb'ge Stirne denkend, In das göttliche Geheimnis ew'gen Werdens sich versenkend; Rings in Stücke sprang zerschmettert Romas rost'ge Riesenkette, Neue Weltgeschicke gönnen junger Freiheit eine Stätte...
Wie geworfen aus dem Himmel, heiter spielend, von Auroren, Schwimmt ein lichter Kranz von Inseln in die blaue Flut verloren, Durch die Brandung gehn die Kähne mit beseelten Ruderschlägen, Fischer stehen, schaumgebadet, und sie rufen sich entgegen:
›Fleh'nde kommen wir, Veneter! Drüben flammt ein weit Verderben! Unsre Seelen sind entronnen einem ungeheuern Sterben!‹ ›Freuet euch! Ihr lebt und atmet! Hier ist euch Asyl gegeben! Friede sei mit euren Toten! Freude denen, die da leben!‹
Machtvoll, Schwert und Ruder tragend, wallen Genien vor den Böten; Auch ein Schwarm von Liebesgöttern flügelt durch die jungen Röten - Über das Gestein der Inseln geht ein Hauch von Lust und Wonne, Ahnungsvollem Meer entsteigend, prangt Venedigs erste Sonne.
Blonde Julia, deiner Heimat Ursprung hab ich dir verkündet, Liebe hat die Stadt Venedig, Liebe hat die Welt gegründet Deiner Augen strahlend blauer Himmel würde bleichen ohne Liebesfeuer und verstummen, wie die Laute des Giorgione."
Venedig
Venedig, einen Winter lebt ich dort Paläste, Brücken, der Lagune Duft! Doch hier im harten Licht der Gegenwart Verdämmet mehlig mir die Märchenwelt. Vielleicht vergaß ich einen Tizian. Ein Frevel! Jenen doch vergaß ich nicht, Wo über einem Sturm von Armen sich Die Jungfrau feurig in die Himmel hebt, So wenig als den andern Tizian - Doch kein gemalter war's - die Wirklichkeit: Am Quai, dem nächt'gen, der Slavonen war's. Im Dunkel stand ich. Fenster schimmerten. Zwei dürft'ge Frauen kamen hergerannt. Hart an die Scheibe preßt' das junge Weib Die bleiche Stirn. Was drinnen sie erblickt, Das sie erstarren machte, weiß ich nicht. (Vielleicht den Herzgeliebten, welcher sie An eines andern Weibes Brust verriet.) Ich aber sah den feinsten Mädchenkopf Vom Tod entfärbt! Ein Antlitz voller Tod! Die Mutter führte weg die Schwankende... Die beiden Tiziane blieben mir Stets gegenwärtig; löschen sie, so lischt Die Göttin vor dem armen Menschenkind.
Auf dem Canal grande
Auf dem Canal grande betten Tief sich ein die Abendschatten, Hundert dunkle Gondeln gleiten Als ein flüsterndes Geheimnis.
Aber zwischen zwei Palästen Glüht herein die Abendsonne, Flammend wirft sie einen grellen Breiten Streifen auf die Gondeln.
In dem purpurroten Lichte Laute Stimmen, hell Gelächter, Überredende Gebärden Und das frevle Spiel der Augen.
Eine kurze, kleine Strecke Treibt das Leben leidenschaftlich Und erlischt im Schatten drüben Als ein unverständlich Murmeln.
Die Narde
Nach einem venezianischen Bilde
Die brave Marthe tat, was sie vermocht' Sie rupfte, spickte, briet und sott und kocht'. Sie schob dem Herrn die braunsten Kuchen zu, Und: "Diesen", sagt, sie, "Herr, versuche du!"
Maria nahte, die den schlanken Krug, Gefüllt mit einer seltnen Narde, trug. Sie neigt, das Knie, den Krug. Die Narde floß. Sie neigt, das Herz, das strömend sich ergoß.
In der beseelten Hand Mariens ruht, Der edle Fuß. Drauf quoll der Narde Flut. Ihn abzutrocknen, löste sie des Haars Geschlungnen Knoten. Blond und seiden war's.
Ein spitz Geflüster regte sich am Tisch, Wie der getretnen Viper scharf Gezisch: "Das duftet! Tausend oder mehr Denar Verduften mit! Ich wollt, wir hätten's bar!
Bei Levi legten wir's auf Zins geschwind Und draus erzögen wir ein Waisenkind -" "Still", sagt, der Göttliche, "laß unentweiht, Judas! Wer liebt, verschwendet allezeit."
Nach einem Niederländer
Der Meister malt ein kleines zartes Bild, Zurückgelehnt, beschaut er's liebevoll. Es pocht. "Herein." Ein flämischer Junker ist's. Mit einer drallen, aufgedonnerten Dirn, Der vor Gesundheit fast die Wange birst. Sie rauscht von Seide, flimmert von Geschmeid. "Wir haben's eilig, lieber Meister. Wißt, Ein wackrer Schelm stiehlt mir das Töchterlein. Morgen ist Hochzeit. Mahlte mir mein Kind!" "Zur Stunde, Herr! Nur noch den Pinselstrich!" Sie treten lustig vor die Staffelei: Auf einem blanken Kissen schlummernd liegt Ein feiner Mädchenkopf. Der Meister setzt Des Blumenkranzes tiefste Knospe noch Auf die verblichne Stirn mit leichter Hand. - "Nach der Natur?" - "Nach der Natur. Mein Kind. Gestern beerdigt. Herr, ich bin zu Dienst."
Ja
Nach einer alten Skizze
Als der Herr mit mächt'ger Schwinge Durch die neue Schöpfung fuhr, Folgten in gedrängtem Ringe Geister seiner Flamenspur.
Seine schönsten Engel wallten Ihm zu Häupten selig leis, Riesenhafte Nachtgestalten Schlossen unterhalb den Kreis.
"Eh ich euern Reigen löse", Sprach der Allgewalt'ge nun, "Schwöret, Gute, schwöret, Böse, Meinen Willen nur zu tun!"
Freudig jubelten die Lichten: "Dir zu dienen, sind wir da!" Die zerstören, die vernichten, Die Dämonen, knirschten: "Ja."
Die Kapelle der unschuldigen Kindlein
Aus Henkerfäusten flogen zum Himmel sie empor, Sie treten zwei und zweie hinein ins sel'ge Tor, Einand' am Händchen haltend und singend wohlgemut, Sie tragen in den Locken ein leuchtend Mal von Blut.
"Wir kommen in den Himmel - und solches ist uns lieb - Weil das gelobte Kindlein statt unser unten blieb! Wir litten für das Büblein den herben Todeskuß, Den es am bittern Kreuze statt unser leiden muß!"
Die Engel alle kommen heran in hellem Flug, Sie bringen schönes Spielzeug und Blumenlust genug. Jetzt führen sie den Reigen mit Fiedel und Schalmei... Es klagt aus ferner Tiefe der Mütter Wehgeschrei.
Die Kartäuser
Ich sehe sie auf Sackes süßem Bilde Beschreiten ihrer toten Brüder Grüfte, Gegürtet mit dem Knotenstrick die Hüfte, In weißen Kleidern, festlich, göttlich milde - Manch einer schleppte sich mit Schwert und Schilde, Gepanzert saust' zu Roß er durch die Lüfte, Bevor er suchte die verlornen Klüfte Und weltentsagend trat in diese Gilde. Sie alle wollen hier in öder Wildnis Vergessen ein verführerisches Bildnis, Sie alle wollen hier ein Stündlein büßen, Um mit den Reinen rein sich zu begrüßen, Sie alle wollen hier ein Stündlein beten, Bevor sie vor den strengen Richter treten.
Der römische Brunnen
Aufsteigt der Strahl und fallend Er voll der Marmorschale Rund, Die, sich verschleiernd, überfließt In einer zweiten Schale Grund; Die zweite gibt, sie wird zu reich, Der dritten wallend ihre Flut, Und jede nimmt und gibt zugleich Und strömt und ruht.
Tarpeja
Am Brunnen überflutet im Dämmerlicht Der volle Krug und die Mägde merken's nicht, Denn Nina plaudert: "Freundinnen, wißt ihr wohl, Daß eine sitzt im Gestein am Kapitol?
Mein Schatz, der Beppo, hat sie unlängst gesehn Vor ihrem runden Silberspiegel stehn, Die sich zu Haupt das güldene Krönlein hub - Mein Schatz, der Beppo, da er nach Münzen grub.
Er schlüpfte durch einen schmalen Felsengang, Er tappte sich einen finstern Pfad entlang - Sie glomm in Höllenlicht! Er rief: ›Wie schön!‹ Die Treppe brach mit donnerndem Getön.
Sie war des römischen Kastellanes Kind Und sie verriet die Burg und das Burggesind! Mit Fingerdeut bedang sich die schlaue Maid Des Feindes Helmgekrön und Schildgeschmeid!
Die Krönlein all und die Stein, und goldnen Ring, Beäugelt, sie, die in Feindes Lager ging! Sie öffnet, ihm ein Tor mit sünd'gem Mut Und sah des Vaters Haupt, es schwamm in Blut.
Doch da am Feinde sie die Löhnung sucht', Ward sie mit Hohn erdrückt und mit Schildeswucht, Sie stürzte, von ihrem eigenen Hort entseelt, Ersticht vom Lohne, den sie selbst gewählt.
Dann grub die Zeit sie tief und tiefer ein, Sie sank hinunter, hinab ins Felsgestein, Hinab, hinunter viel hundert Klafter tief Mit ihrem gleißenden Hort, darin sie schlief.
Da sitzt die arme Seele nun in Pein Und putzt, die eitle, sich mutterseelenallein Tarpeja, gib heraus der Kettlein drei! Wir tragen's den Knaben zu Lust in Lüften frei!
Tarpeja, gleite durch den Felsenspalt Drei Kettlein und drei goldene Ringlein bald! Tarpeja lieb! Wir sind zufrieden, gibst Du nur, was du verächtlich beiseite schiebst.
Der Beppo sagt: ›Weil du begingst Verrat, Bist du verdammt für deine Missetat! Behüt mich Gott! In Ewigkeit verdammt! Weil dir nach rotem Gold das Herz geflammt.
Man hört es oft‹ - so sagt er - ›wie du lachst, Wann du dich schön vor deinem Spiegel machst! Man hört es oft‹ - so sagt er - ›wie du weinst Weil nicht du kommst in den schönen Himmel einst!‹
Tarpeja lieb, entsage der bösen Lust! Tarpeja, gib die Kettlein um Hals und Brust! Wir beten, Arge, für dich den Rosenkranz, Du steigst empor, empor in den Himmelsglanz.!"
Die gegeißelte Psyche
Wo von alter Schönheit Trümmern Marmorhell die Säle schimmern, Windet blaß und lieblich eine Psyche sich im Marmelsteine.
Unsichtbarem Geißelhiebe Beugt sie sich in Qual und Liebe, Auf den zarten Knieen liegend, Enge sich zusammenschmiegend.
Flehend halb, und halb geduldig, Trägt sie Schmach und weiß sich schuldig Ihre Schmerzensblicke fragen: Liebst du mich? und kannst mich schlagen?
Soll dich der Olymp begrüßen, Arme Psyche, mußt du büßen! Eros, der dich sucht und peinigt, Will dich selig und gereinigt.
Der tote Achill
Im Vatikan vor dem vergilbten Marmorsarg, Dem ringsum bildgeschmückten, träumt ich heute lang, Betrachtend seines feinen Zierats üpp'gen Kranz: Thetis entführt den Sohn, den Rufer in der Schlacht, Den Renner, dem die Knie erschlafften, welchem schwer Die Lider sanken - von Delphinen rings umtanzt, Im Muschelwagen durch des Meers erregte Flut. Tritonen, bis zum Schuppengurt umbrandete, Bärt'ge Gesellen, schilfbekränztes, stumpfes Volk, Gebärden sich als Pferdelenker. Es bedarf Der mut'gen Rosse Paar, das, Haupt an kühnem Haupt, Die weite Flut durchrudert mit dem Schlag des Hufs, Des Zügels nicht! In des Peliden Waffen hat Sich schäkernd ein leichtsinniges Gesind geteilt: Die Nereiden. Eine hebt das Schwert und zieht's Und lacht und haut und sticht und wundet Licht und Luft. Ein schlankes Mädchen zielt mit rückgebognem Arm, In schwachgeballter Faust den unbesiegten Speer, Der auf und nieder, wie der Waage Balken, schwankt. Die dritte schiebt der blanken Schulter einen Bug Dem Erzschild unter, ganz als zöge sie zu Feld, Dann deckt damit den sanften Busen gaukelnd sie, Als schirmt, das Eisen eines Kriegers tapfre Brust. Die vierte - Held, du zürntest, schlummertest du nicht! - Setzt jubelnd sich den Helm, den wildumflatterten Auf das gedankenlose Haupt und nickt damit. Scherzt Kinder! Nur mit dir ein Wort, Vollendeter! (Denn mit der Mutter, die dein schlummerschweres Haupt Im Schoß gebettet hält, der dir das Leben gab, Der schmerzversunknen Mutter, plaudert es sich nicht.) Pelide, sprich! Was ist der Tod? Wohin die Fahrt? Wozu die Waffen? Zu erneutem Lauf und Kampf? Zu deines Grabes Schmuck und düstern Ehren nur? Was blitzt auf deinem Schwerte? Deine letzte Tat, Verglimmend, wie der Abend eines heißen Schlachtentags? Die Morgensonnen eines neuen Kampfgefilds? Bedarfst du deines Schwertes noch, du Schlummernder? Wohin der Lauf? Zum Hades? Nein, es lügt Homer! Den Odem neiden einem kleinen Ackerknecht Sieht nicht dir ähnlich, Heros! Eher fährst Du einer Geisterinsel bleichem Frieden zu, Und trägst den Myrtenkranz, beseligt und gestillt, Mit den Geweihten. Doch auch solches ziemt dir nicht! Was einzig dir geziemt, ist Kampf und Kampfespreis Pelide! ein Erwachen schwebt vor deinem Boot Und schimmert unter deinem mächt'gen Augenlid! Du lebst, Achill? Gib Antwort! Wohin wanderst du? Er schweigt! Er schweigt. Der Wagen rollt. Ein Triton bläst Sein Muschelhorn, daß leis und dumpf der Marmor tönt.
Der Musensaal
Jüngst trug ein Traum auf dunkler Schwinge mich Nach Rom, der ew'gen Stadt. Den Vatikan Betrat ich. Ich betrat den Musensaal Verwundert, denn er war ein andrer heut, Als ich geschaut mit jungen Augen ihn, Da Pio Nono höchster Priester war. Verschwunden aus dem edeln Oktogon, Dem kuppelhellen, war der Musaget, Apollo, der die Zither zierlich schlug, Voranzugehn dem Chor tanzmeisterlich. Die Neune saßen oder standen nicht, Umher verteilt, in schönen Stellungen In wilder Gruppe schritten eilig sie, Wie Schnitterinnen, die auf blachem Feld Ein flammendes Gewitter überrascht! Voran die blutige Melpomene, Die an den Söhnen rächt der Väter Schuld. Sie trägt das Schwert und auch den Kranz von Wein. Wer schreitet, schlicht gewandet, neben ihr? Kalliope, die keusch und kindlich blickt Die den erblindeten Homer geführt, Die tapfre Helden liebt und Schildgetos Und Roßgestampf und dann abseits der Schlacht Im jugendzarten Busen Lose wägt. Weithallend redet dort ein mächtig Paar, Terpsichore und Polyhymnia: "Der Tag ist fern und er erfüllt sich doch: Die Völker schreiten einen Reigen einst, Sich an den Händen haltend, freigesellt, Vieltausendstimmig dröhnt der Chorgesang!" -"Dann weicht das Leid! Nicht alles, aber doch Das meiste Leid!" Euterpe flötet es, Das liebliche Geschöpf, die Schmeichlerin! "Dann füllt", Erato lacht's mit blühndem Mund, Die schöne Schelmin, die das Liebeslied, Das Zechlied für allein unsterblich hält, "Dann füllt ein jeder seine Schale sich Mit duft'gem Wein und schlürft und keiner darbt!" - "Törinnen!" gellt ein scharfgeschnittner Mund, "Verspotte sie, mein Aristophanes!... Doch eure Kampfgesellin bin ich auch! Ich morde lachend, was nicht sterben kann, In trunkner Lust, wie die Bacchante jach Ein Zicklein oder Reh in Stücke reißt. Mordlust'ger bin ich noch und tragischer Als du, mein Schwesterchen Melpomene, Denn du erhellest unter Zähren dich, Doch mein Gelächter, Tränen schluchzen drin!" Thalia rief's und unterm Efeukranz Verlarvte mit der Satyrmaske sie Die wehmutvoll ergriffnen Züge sich Und hob mit nerv'gem Arm das Tympanum. Die letzte wandelt noch Urania, Die Gläubige, mit dem gehobnen Blick. Die andern nennen sie die Schwärmerin, Doch trennt sie sich von den Geschwistern nicht. Sie sieht den Sturm der Erdendinge ruhn In friedevollen Händen immerdar... Aufflattert das Gewand! Die Locken wehn! Die Kuppel weicht! In leuchtend tiefem Blau Entfesselt schwebt der Musenchor einher.
Alte Schweizer
Sie kommen mit dröhnenden Schritten entlang Den von Raffaels Fresken verherrlichten Gang In der puffigen alten geschichtlichen Tracht, Als riefe das Horn sie zur Murtener Schlacht:
"Herr Heiliger Vater, der Gläubigen Hort, So kann es nicht gehn und so geht es nicht fort! Du sparst an den Kohlen, du knickerst am Licht - An deinen Helvetiern knausre du nicht!
Wann den Himmel ein Heiliger Vater gewann, Ergibt es elf Taler für jeglichen Mann! So galt's und so gilt's von Geschlecht zu Geschlecht, Wir pochen auf unser historisches Recht!
Herr Heiliger Vater, du weißt, wer wir sind! Bescheidene Leute von Ahne zu Kind! Doch werden wir an den Moneten gekürzt, Wir kommen wie brüllende Löwen gestürzt!
Herr Heiliger Vater, die Taler heraus! Sonst räumen wir Kisten und Kasten im Haus... Potz Donner und Hagel und höllischer Pfuhl! Wir versteigern dir den apostolischen Stuhl!"
Der Heilige Vater bekreuzt sich entsetzt Und zaudert und langt in die Tasche zuletzt - Da werden die Löwen zu Lämmern im Nu: "Herr Heiliger Vater, jetzt segne uns du!"
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