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Herrn Bibliothekar Adelb. v. Keller
bei verspäteter Zurücksendung einer Ausgabe des Catullus
Das Buch:
Da bin ich endlich! - Blicke nicht so streng, o Herr! Wie? oder wäre was verlautet wirklich wahr, Du wärst uns ernstlich böse? Nun, so höre mich: Zwar nahezu zwei Jährchen blieb ich aus; jedoch Nicht schmutziger, bei meiner Ehre, komm ich heim, Als ich, dem Zeugnis aller Grazien gemäß (Die mir gleichwohl bei jeder Zeile lächelten), Von jeher war. Auch hattest du mich eben nicht So groß vonnöten, wenn ich's redlich sagen darf, Denn über eine ganze Welt von Büchern ja Bist du Gebieter, der mit jeglichem vertraut In seiner eignen Sprache zu verkehren weiß. Dort in der Reihe steh ich dutzendfach bereit; Bald nackt, bald mit preiswürdigen Kommentarien, Worin sich meine Schlankheit wie im Reifrock bläht; Nur bin ich nirgend wie mich einst die Muse schuf. - Du warst die Zeit in meinem Vaterlande, heißt's; Hätt ich denn etwa mit gedurft? Ich zweifle fast. Du hast, Beneidenswerter, kaum einmal an mich Im schönen Rom und am Benacus-See gedacht, Wo jedes Wellchen, blinkend in des Morgens Hauch, Noch von den Scherzen meines Vaters fröhlich lebt. Darum vergib dem Manne, der so lang mich hielt, Und, hoch dich achtend, ungern dich beleidigt weiß. Indem er herzlich danken möchte und der Schein Des Undanks ihm das beste Wort verkümmern will, Hat er, o glaub's, den Fehler schon genug gebüßt
Herrn Hofrat Dr. Krauß
Bad Mergentheim, Sommer 1847
Der jüngsten in dem weitgepriesnen Schwesternchor Heilkräftger Nymphen unsres lieben Vaterlands, Die wundertätig im bescheidnen Tempel wohnt, Sich selber still weissagend einen herrlichern; In deren schon verlorne Gunst du leise mich An deiner priesterlichen Hand zurückgeführt: Heut in der frühsten Morgenstunde goß ich ihr Die Opfermilch, die reine, an der Schwelle aus, Und schenkte dankbar ein kristallen Weihgefäß. Sie aber, rauschend in der Tiefe, sprach dies Wort: »Bring meinem Diener, deinem Freunde, den Pokal, Mit jenes Gottes Feuergabe voll gefüllt, Der meinen Berg mit seinen heiligen Ranken schmückt, Obwohl er meine Lippen zu berühren scheut.«
An Eberhard Lempp
Nach angenommener Einladung zu einer Abendgesellschaft
Kennst du der Furien schlimmste, Freund? Ich hoffe, nein! Kein Dichter, nicht der alten, noch der neuen Zeit, Kein Mythograph hat sie zu nennen je gewagt; Ich selber, bange vor der leise hörenden, Tu es nur heimlich: Agrypnia heißet sie. Ach, als ich jung war, deuchte sie mir schön zu sein, Piërische Jungfrau, oder ihnen nah verwandt; Vielleicht auch ist sie's, aber weh dem, der sie ruft! Denn der Gesundheit Farbe saugt ihr heißer Blick Dem Jüngling von den Wangen, und verzehrt den Mann. An meinem Bette sitzt sie manche Mitternacht, Gleich einer Buhlerin, der man überdrüssig ist. Den Rücken ihr zukehrend blinz ich seufzend nur, Sooft die Glocke wieder schlägt, nach dem Gespenst, Ob es noch sitzt - es sitzet bis der Morgen graut!
Seit Wochen hatt ich Ruh vor ihr, bis gestern nacht; Da trat sie schadenfroher Miene vor mich hin, Unheilverkündend, und wohl weiß ich, was sie meint: Es ist das Wort, das ich dir auf der Straße jüngst Am lichten Tag gegeben, nicht entging es ihr - Gib eilig, Bester, mir's zurück, wenn du mich liebst!
L. Richters Kinder-Symphonie
als Hochzeitsgeschenk
für Marie Hocheisen, geb. v. Breitschwert
(Ein nicht genug bekanntes Kunstblatt des vorteffli chen Meisters; Lithographie mit leichter Färbung, Querfolio. - Eine Anzahl Kinder, mehr ländlich als städtisch, in Werktagskleidung, hat sich dicht bei der Stadt am halbverfallenen Zwinger versammelt, wo sie, ganz unter sich, Musik machen. Mit Ausnahme eines ältern Knaben, der eine wirkliche Geige spielt, hat jedes nur ein Kinderspielzeug, oder ein zufällig gefundenes Surrogat für das betreffende Instrument, einen Trichter, eine Gießkanne und dergleichen in Händen. Der Violinist und ein zweiter Knabe, sowie das älteste Mädchen, welches mit letzterem zusammen singt, haben den edelsten musikalischen Ausdruck auf dem Gesicht. Unmittelbar hinter der Versammlung ist Wäsche zum Trocknen aufgehängt und bildet eine Art von künstlerischer Draperie. - Die nicht genannte Stadt ist Biberach, woselbst der Vater des Bräutigams als erster Geistlicher lebt.)
Hier, Liebwerteste, seht ihr einen kleinen Dilettantenverein, ungleich an Kräften, Und teilweise versehn mit Tonwerkzeugen, Die dem Hörenden bange machen könnten.
Ein symphonisches Stück mit Singpartieen Gilt's, und zwar noch der ersten Proben eine. Vom andächtigen Klarinett herunter Bis zum Rätschchen und Vater Haydns Kuckuck Tut ein jedes nach seinem Kunstvermögen. Baßposaune, Trompete lasten sichtlich Auf der schmelzenden Bratsche; offenbar auch Kommt die Sängerin schon nicht mehr zum Worte; Doch nichts bringt den Direktor aus der Fassung.
Sagt, und wären euch denn die guten Kinder Völlig fremd? es entdeckte wirklich niemand Ein bekanntes Gesichtchen hier? - Nun also Wißt: Landsleute sind's unsres vielgeehrten Bräutigams! - wie ich näher gleich erkläre.
Denn ich selber, mit einem Dresdner Freunde, Der verwichenen Herbst sich gern, als Maler, Unser Schwaben einmal beschauen wollte, War zufälliger Zeuge dieser Szene, Als wir beide, von Friedrichshafen kommend, Vor dem Städtchen im Rißtal, das ihr kennet, In Erwartung des Vier-Uhr-Zuges müßig Hin und her um die alten Mauern strichen. Leider waren des Herrn Dekans Hochwürden Damals eben verreist, er hätte sonst wohl Uns im kühligen Haus bei sich ein Fäßlein Angestochen des edlen Kraftgebräudes, Das sein heimatlich Ulm ihm zollt alljährlich.
Nun, beim äußersten Häuschen an der hintern Grabenmauer ist gar ein stiller Winkel. Eine Witwe, des Kantors selig, wohnt dort Mit drei Kindern. Der eine Sohn ererbte Seines Vaters geliebte Geige, aber Alle dreie von seinen Gaben etwas.
Unvollständig noch, als wir kamen, lärmte, Sang und pfiff das Orchester durcheinander: Für die Fehlenden spielte die gesamte Junge Nachbarschaft mit, und nicht nach Noten. Doch verstummend auf unsern Wink mit einmal Wich das wirre Getös dem hellen Goldklang Einer himmlischen Mädchenstimme, wie wenn Nachts aus krausem Gewölk des Mondes Klarheit Tritt, ein Weilchen die reine Bahn behauptend. Aber nimmer beschreib ich dieser Kehle Herzgewinnenden Ton, noch jenes Lächeln, Das verschämt um die frischen Lippen schwebte, Noch den wonnigen Ernst, mit dem der Geiger Ihr zunächst sie begleitete, der Bruder; Neigend beide das Haupt nach einer Seite, Wie zwei Wipfel, geneigt von einem Hauche, Seelenvoll dem beseelten Zuge folgend. - Und was sang sie? Die Worte ließen unschwer Einen bräutlichen Festgesang erkennen. Doch mir fiel nicht von weitem ein zu fragen, Ob dergleichen denn wirklich wo im Werk sei? Und wir hatten auch nicht lang Zeit: denn während Wir in herzlicher Rührung horchend standen – Ludwig Richter und ich und ein vergnügter Ulmer Spatz, mit noch andern wackern Tierchen - Scholl die höllische Pfeife her vom Bahnhof. Rasch nur küßt ich das süße Kind (Freund Richter, Immer praktischer, zog den Beutel, das ich Traun im Taumel beinah vergessen hätte) - Und so rannten wir fort, und Stuttgart zu ging's.
Kaum nach Hause gelangt vernahm ich staunend, O Marie, was sich mit dir begehen. Holde, liebliche Botschaft, deren Wohllaut Mir weissagend das Ohr voraus berührte! »Heil!« so klingt es aus Kindermund noch helle Mir im Sinn, und in ihrem Namen ruf ich Heil, o Freundliche, dir und deinem Liebsten! - Zwar sie hofften, so hör ich, hier im Saale Heut, sonntäglich geputzt, mit Bändern und mit Blumensträußen, geführt vom Herrn Provisor, Ihre Sache vor euch zu produzieren. Doch das sollte nicht sein, man fand den Einfall Doch am Ende zu kühn, die Fahrt kostspielig.
Laßt euch denn, als Ersatz aus Richters Mappe, Diese stille Musik hier auch gefallen - Eine Probe nur freilich, aber war nicht Stets den Liebenden selber ihres Glückes Vorbereitung so süß wie die Erfüllung?
Erzengel Michaels Feder
I
Weil schon vor vielen hundert Jahren, Da unsre Väter noch Heiden waren, Unser geliebtes Schwabenland So lustig wie ein Garten stand, So sah der Teufel auch einmal Vom Michelsberg ins Maiental Und auf das weit bebaute Feld. Er sprach: »Das ist ja wohlbestellt; Hier blüht, wie einst im Paradies, Der Apfelbaum und schmeckt so süß. Wir wollen dieses Gartens pflegen, Und soll sich erst kein Pfaff drein legen!« - Solch Frevelwort des Satans hört Der Herr im Himmel ungestört, War aber gar nicht sehr ergetzt, Daß sich der Bock zum Gärtner setzt. Er sandte Bonifazium Damals im deutschen Reich herum, Daß er, des heiligen Geistes voll, Den himmlischen Weinstock pflanzen soll; So rückt' er nun auch zum Michelsberg. Das kam dem Satan überzwerch, Tät ihm sogleich den Weg verrennen, Ließ den Boden wie Schwefel brennen, Hüllet' mit Dampf und Wetterschein Das ganze Revier höchst grausam ein, Ging selber auf den Heiligen los, Der stand aller irdischen Waffen bloß, Die Hände sein zum Himmel kehrt', Rief: »Starker Gott! leih mir ein Schwert!« Da zückt herab wie ein Donnerstreich Erzengel Michael sogleich. Sein Flügel und sein Fußtritt dämpft Das Feuer schnell, er ficht und kämpft, Und würgt den Schwarzen blau und grün, Der hätte schier nach Gott geschrien; Schmeißt ihn der Engel auch alsbald Kopfunter in den Höllenspalt; Schließt sich der Boden eilig zu, Da war's auf Erden wieder Ruh, Die Lüfte flossen leicht und rein, Der Engel sah wie Sonnenschein. Unser Heiliger bedankt sich sehr, Möcht aber noch ein Wörtlein mehr Mit dem Patronen gern verkehren; Des wollte jener sich erwehren, Sprach: »Jetzo hab ich keine Zeit.« Da ging Herr Bonifaz so weit, Daß er ihn faßt' an seiner Schwingen, Der Engel ließ sich doch nicht zwingen, War wie ein Morgenrauch entschlüpft. Der Mann Gottes stund sehr verblüfft. Ihm war, wie er mit dem Erzengel rang, Eine Feder, gülden, schön und lang, Aus dem Fittig in der Hand geblieben. Flugs tät er sie in Mantel schieben, Ging eine Strecke fort und sann: Was fang ich mit der Feder an?
Nun aber auf des Berges Rand Ein kleiner Heidentempel stand, Noch in der letzten Römerzeit Luna, der Mondsgöttin, geweiht, Von Trephon, dem Feldhauptmann. Da nahm Bonifaz ein Ärgernis dran, Ließ also das Bethaus gleich fegen und lichten, Zur christlichen Kapell herrichten, Und weihte sie auch auf der Stell Dem teuren Erzengel Michael. Sein Bild, übern Altar gestellt, Mit der rechten Hand die Feder hält, Die dann bei mancher Pilgerfahrt, Noch bis heute, hoch verehret ward.
Zu guter Letzt ich melden will: Da bei dem Berg liegt auch Tripstrill, Wo, wie ihr ohne Zweifel wißt, Die berühmte Pelzmühl ist.
II
Es war ein Kaufherr zu Heilbronn, Fürwahr ein halber Salomon; Mit seinen Talern hätt man mögen Den Markt wohl zwiefach pflästern und legen; Zwar seines Glaubens nur ein Jüd, Jedoch ein echt und fromm Gemüt, Machte manchen Christenbettler satt. Er hatte drei Häuser in der Stadt, Indes er selbst das ganze Jahr, Oft über Meer, verreiset war. Weil aber in guter Christen Mitte, Sein Volk damals viel Tort erlitte, Ließ Herr Aaron seiner Frauen Auf dem Land ein Schlößlein bauen, Ringsum mit Wiesen, See und Wald, Zur Sommerzeit ein Aufenthalt. Zu alldem sah sein jung Gemahl Nur wie das Klagweib im Hochzeitssaal, Ging weder fischen, weder jagen, Ließ sich auch nicht vom Maultier tragen Durch Berg und Wald, das Dorf entlang, Wollte kein Saitenspiel, noch Gesang: Denn ihr einzig Kind, ein Mägdlein zart, Wie ein Fürstenblut so schön von Art, War leider taub und stumm geboren, Auch Kunst und Hoffnung ganz verloren.
Als nun das Mägdlein endlich groß, Einer Lilie gleich aufschoß, Ging es und ritte manches Mal Ohne Diener durchs Wiesental. Dann sprachen die Leute insgemein: »Seht da, des Sultans Töchterlein!« War weiß von Haut und schwarz von Haar, Mit Ringeln deckt's den Nacken gar. Ihr Auge, hell und lauter ganz, Sah munter drein beim Schäfertanz; Ihr roter Mund zwar red'te nicht, Konnt aber lachen inniglich.
Einsmals schön Rahel saß allein Beim Birkenwald am grünen Rain, Dacht einem Traumgesichte nach, Darin ihr Gott der Herr versprach, Treu und wahrhaft, durch Engelsmund: Sie sollte werden ganz gesund, Wenn sie ihm täte dies und das - Sie wußte leider nicht mehr was. Hätt sie's gewußt, sie könnt's nicht sagen Das fiel ihr nun aufs Herz so schwer, Daß sie seufzet laut und weinet sehr. Nun kam den Pfad ein Büblein her, Dem war die Rahel wohlgesinnt, Es war des Juden Pächters Kind, Kam von der Synagoge warm, Hatt Buch und Täflein unterm Arm. Sie macht ihm Platz an ihrer Rechten, Lehrt ihm ein lustig Kränzlein flechten, Am Bach da hatt's der Blumen viel. Der Tag war aber gar zu schwül: Der Knabe nickt, dann schläft er ein, Schön-Rahel sitzt für sich allein.
Sie kriegt des Knaben Buch zur Hand, Davon sie leider nichts verstand, Sie nimmt das Täflein auf den Schoß, Da wurden ihr die Tränen los. Mit Händen deckt sie ihr Gesicht, Sie bet't im stillen und weiß es nicht. Und wie sie wieder aufgeblickt, Ein frisches Aug ins Blaue schickt - Vom Michelsberg was blinkt so hell, Als wie das Kreuz auf der Kapell? Streicht es nicht durch die Luft daher? Kommt es nicht nah und immer mehr? Ein Vogel, ei! ein Schwälblein hold! Im Schnabel hat's ein klares Gold. Der Jungfrau legt's, o Wunder, sieh! Eine güldne Feder auf ihr Knie, Fliegt auf den nächsten Erlenbaum: Der Jungfrau ist es als ein Traum. Wie wird es ihr im Geist so licht! Sie weiß ihr ganzes Traumgesicht! Ihr klinget, was der Engel sprach, Hell, wie Gesang, im Herzen nach. Im Taumelsinn, in seliger Hast, Hat sie den güldnen Kiel gefaßt: Er lebt und schreibt, kaum hält sie ihn, So rasch geht's übers Täflein hin, Mit goldiger Hebräerschrift (Wohl feiner denn mit Schieferstift!): »Schön-Rahel! Friede sei mit dir! Der ewig Vater grüßt dich hier, Will lösen deiner Zunge Band, Auftun dein Ohr mit seiner Hand, So du mit Vater und Mutter dein Dem Heiland willt zu eigen sein.«
Die Feder ruht; das Schwälblein keck Fliegt ab dem Baum und nimmt sie weg, Und auf und fort in einem Nu, Dem Michelsberg da wieder zu. Indessen war der Knab erwacht, Nahm auch das Wunder wohl in acht. Die Jungfrau winket ihm aufzustehn, Alle beide still nach Hause gehn. Wie sie noch wenig Schritt vom Hofe, Entgegen rennet schon die Zofe, Bedeutend, daß der Vater kommen. Von tausend Freuden übernommen Jetzt eilet das glückselig Kind Ins Haus noch zehnmal so geschwind. Herr Aaron stund just in der Tür, Faßt sie in Arm, sie zittert schier, Sie dringet ihm das Täflein auf, Dann eilet sie in einem Lauf, Holt ihre Mutter in den Saal, Herzet und küßt sie tausendmal, Winket des Pächters Kind herbei, Das sagt, was all geschehen, frei. Der Alte liest und staunt und schweigt, Seiner Frauen dar das Wunder reicht, Und murmelt für sich unbewußt; Schlägt dann laut an seine Brust, Und ruft: »Dein Knecht, Herr, ist nicht wert, Daß ihm so Großes widerfährt! Ich seufzet' oft in Nächten tief Nach deines Sohnes Heil und rief, Doch Zweifels Angst und Spott der Welt Hat mir so teures Licht verstellt; Ich war verstocket, taub und blind: Muß mich noch retten mein armes Kind! Dafür sei Preis und Ehre dein! Laß mich jetzt auch der erste sein, So brünstig dir, Herr Jesu Christ, Weh! die durchgrabnen Füße küßt! Und wie, zu deinem Stern gewandt, Drei Könige aus Morgenland Dir brachten Myrrhen, Weihrauch, Gold: Vergönne, daß dein Knecht dir zollt, Was alles du seit so viel Jahren Durch ihn der Kirche wollen sparen! - O du, an deines Sohnes Seite, Vertritt uns, Mutter, benedeite!« So sprach Herr Aaron jenen Tag; Hört an, was weiter werden mag. Zu Pfingsten, früh vor Tage schon, Zieht, groß und lang, eine Prozession Mit hellen Kerzen ohne Zahl Langsam dahin durchs grüne Tal, Söhne und Töchter Israel, Zum Berg des Engels Michael.
Zuvorderst tät Herr Aaron gehn Mit seiner Frauen und Rahel schön; Kam hierauf seine Dienerschaft, Lobpreisend Gottes Wunderkraft, Aber zuletzt, in langen Reihn, An die zweihundert seiner Gemein: Die kamen nicht, zu sehn und zu gaffen, Sondern geschlagen von Gottes Waffen, Wollten sich alle taufen lassen. Das Kirchlein nicht ein Drittel faßt Der Meng, so an den Pforten paßt.
Jetzo die Orgel hell erklingt, Man freudig Hallelujah singt. Dann, voller Demut, holder Sitte, Schön-Rahel vor den Taufstein schritte. Ihr Haupt gebeuget und ihr Knie, Empfänger Bad und Segen sie. Und als der Priester feierlich Sprach: »Gotteskind, ich taufe dich, So jetzo Dorothea heißt Auf Vater, Sohn und Heiligen Geist - Glaubst du an des Dreieinigen Namen?« Schön Dorothe' sprach: »Ja und Amen.«
An Gretchen
Jüngst, als unsere Mädchen, zur Fastnacht beide verkleidet, Im Halbdunkel sich scheu erst an der Türe gezeigt, Dann sich die Blonde als Schäferin dir, mir aber die kleine Mohrin mit Lachen zumal warf in den offenen Arm, Und du, Liebste, von fern mein Gefühl nicht ahnend, ins Ohr mir (Der ich verblüfft dasaß) flüstertest »lobe sie doch« - -: O wie gedacht ich der Zeit, da diese nicht waren, und wir uns Beide noch fremd, ja du selber noch hießest ein Kind. Einst und jetzt im Wechsel - ein fliegender Blitz der Gedanken Machte mich stumm, und hoch wallte vor Freuden mein Herz.
Hermippus
An Karl Wolff, Rektor des Katharinenstifts
Stuttgart 1860
Seltsames wird von Hermippus, dem römischen Weisen, dem Pfleger Weiblicher Jugend, erzählt, Glaubliches doch, wie mir deucht. Hundertundfünfzehn Jahre, so liest man, vom stärkenden Anhauch Kindlicher Lippen genährt, lebte der treffliche Greis. Dort in geschlossener Halle, die er zur Schule den Mädchen Selber gegründet, auch wohl öfter im Gärtchen am Haus Sah man ihn Tag für Tag, vom Morgen zum Abende tätig, Bei dem bescheidenen Brot seiner Minerva vergnügt. Rundum zu Füßen ihm saß, in pergamentenen Rollen Lesend ein Teil, ein Teil still mit dem Griffel bemüht. Aber der kleineren eins hielt er in holder Umarmung Allzeit selbst auf dem Schloß (immer das ärmste zuerst). Goldene Sprüche der Alten und liebliche Rhythmen der Dichter, Die es gelernt, hört' er, leis ihm der Reihe nach ab. Und vom Munde des Mädchens den Hauch, wie Frühlingsatem Herzerfrischend, empfing er in die welkende Brust. Also fristet' Asklepios ihm die gesegneten Tage. Aber der Parze zuletzt weicht auch der Himmlischen Rat. -- Als er nun tot im Portikus saß in dem steinernen Sessel, Noch vom Mantel, den er gestern getragen, umhüllt, Kamen aus jedem Quartiere der Stadt unmündige Kinder, Jungfraun, Mütter, in Eil, edle Matronen, herbei, Ihren Hermippus noch einmal zu sehn, den Geweihtender Götter, Kamen und standen von fern, sonder Entsetzen, um ihn, Ehrend so heiligen Schlaf mit Schweigen. Und einige kränzten Mit Hyazinthen sein Haupt, Veilchen auch deckten den Schoß Lieblicher war nicht Homerus geschmückt von den Fingern der Musen, Milderes Have war keinem hinuntergefolgt.
Aber wozu dir dies, mein Lykos? - Bester, versteh mich: Lang ist die Kunst, und lang messe dein Leben der Gott! Zwar noch ist es nicht eben an dem gar, daß du der Künste Unseres Römers bedarfst, aber sie kommt dir, die Zeit, Laß mich's hoffen! - gewiß. Dann, wenn die Locke dir schneeweiß Hängt und der Bart, wer ist besser geborgen als du? Doch ich seh es im Geist, du wirst an Würden und Ehren Reich, vor den Neunzigen schon heiterer Ruhe dich freun. Still im eigenen Haus hast du, im eigenen Gärtlein Sitzend, ein blühendes, lernlustiges Häufchen zur Hand. Zwar längst nimmer den Enkel, doch Söhne und Töchter des Enkels Auf den Knien, trinkst du Fülle des Lebens in dich.
Bilder aus Bebenhausen
1. Kunst und Natur
Heute dein einsames Tal durchstreifend o trautestes Kloster Fand ich im Walde zunächst jenen verödeten Grund, Dem du die mächtigen Quader verdankst und was dir zum Schmucke Deines gegliederten Turms alles der Meister verliehn. Ganz ein Gebild des fühlenden Geistes verleugnest dudennoch Nimmer den Mutterschoß drüben am felsigen Hang. Spielend ahmst du den schlanken Kristall und die rankende Pflanze Nach und so manches Getier, das in den Klüften sich birgt.
2. Brunnen-Kapelle am Kreuzgang
Hier einst sah man die Scheiben gemalt, und Fenster an Fenster Strahlte der dämmernde Raum, welcher ein Brünnleinumschloß Daß auf der tauenden Fläche die farbigen Lichter sich wiegten, Zauberisch, wenn du wie heut, herbstliche Sonne, geglänzt. Jetzo schattest du nur gleichgültig das steinerne Schmuckwerk Ab am Boden, und längst füllt sich die Schale nicht mehr. Aber du zeigst mir tröstlich im Garten ein blühendes Leben, Das dein wonniger Strahl locket aus Moder und Schutt.
3. Ebendaselbst
Eulenspiegel am Kreuzgang, was? der verrufne Geselle Als Gurtträger? Und wem hält er sein Spiegelchen vor? Einem entrüsteten Mönch, der ganz umsonst sich ereifert; Immer nur lachet der Schalk, weist ihm die Eule und lacht.
4. Kapitelsaal
Wieder und wieder bestaun ich die Pracht der romanischen Halle, Herrliche Bogen, auf kurzstämmige Säulen gestellt. Rauh von Korn ist der Stein, doch nahm er willig die Zierde Auch zu der Großheit auf, welche die Massen beseelt. Nur ein düsteres Halblicht sendet der Tag durch die schmalen Fenster herein und streift dort ein vergessenes Grab. Rudolph dem Stifter, und ihr, Mechthildis, der frommen, vergönnte Dankbar das Kloster, im Port seiner Geweihten zu ruhn.
5. Sommer-Refektorium
Sommerlich hell empfängt dich ein Saal; man glaubt sich in einem Dom; doch ein heiterer Geist spricht im Erhabnen dich an. Ha, wie entzückt aufsteiget das Aug im Flug mit den schlanken Pfeilern! Der Palme vergleicht fast sich ihr luftiger Bau. Denn vielstrahlig umher aus dem Büschel verlaufen die Rippen Oben und knüpfen, geschweift, jenes unendliche Netz, Dessen Felder phantastisch mit grünenden Ranken der Maler Leicht ausfüllte; da lebt was nur im Walde sich nährt: Frei in der Luft ein springender Eber, der Hirsch und das Eichhorn; Habicht und Kauz und Fasan schaukeln sich auf dem Gezweig. - Wenn von der Jagd herkommend als Gast hier speiste der Pfalzgraf, Sah er beim Becher mit Lust über sich sein Paradies.
6. Gang zwischen den Schlafzellen
Hundertfach wechseln die Formen des zierlich gemodelten Estrichs Auf dem Flur des Dorments, rötlich in Würfeln gebrannt: Rebengewinde mit grüner Glasur und bläulichen Trauben Täubchen dabei, paarweis, rings in die Ecken verteilt; Auch dein gotisches Blatt, Chelidonium, dessen lebendig Wucherndes Muster noch heut draußen die Pfeiler begrünt; Auch, in heraldischer Zeichnung, erscheint vielfältig die Lilie, Blume der Jungfrau, weiß schimmernd auf rötlichem Grund. Alles mit Sinn und Geschmack, zur Bewunderung! aber auch alles Fast in Trümmern, und nur seufzend verließ ich den Ort.
7. Stimme aus dem Glockenturm
Ich von den Schwestern allein bin gut katholisch geblieben; Dies bezeugt euch mein Ton, hoff ich, mein goldener, noch. Zwar ich klinge so mit, weil ich muß, sooft man uns läutet, Aber ich denke mein Teil, wißt es, im stillen dabei.
8. Am Kirnberg
Hinter dem Bandhaus7 lang hin dehnt sich die Wiese nach Mittag, Längs dem hügligen Saum dieser bewaldeten Höhn, Bis querüber ein mächtiger Damm sich wirft wie mit grünem Sammet gedeckt: ehdem faßte das Becken den See, Welcher die Schwelle noch netzte des Pförtleins dort in der Mauer, Wo am eisernen Ring spielte der wartende Kahn. Sah ich doch jüngst in der Kirche das Heiligenbild mit dem Kloster Hinten im Grund: tiefblau spiegelt der Weiher es ab. Und auf dem Schifflein fahren in Ruh zwei Zisterzienser Weiß die Gewänder und schwarz, Angel und Reuse zur Hand. Als wie ein Schattenspiel, so hell von Farben, so kindlich Lachte die Landschaft mich gleich und die Gruppe mich an.
9. Aus dem Leben
Mädchen am Waschtrog, du blondhaariges, zeige die Arme Nicht und die Schultern so bloß unter dem Fenster desAbts! Der zwar sieht dich zum Glück nicht mehr, doch dem artigen Forstmann Dort bei den Akten bereits störst du sein stilles Konzept.
10. Nachmittags
Drei Uhr schlägt es im Kloster. Wie klar durch die schwülige Stille Gleitet herüber zum Waldrande mit Beben der Schall, Wo er lieblich zerfließt, in der Biene Gesumm sich mischend, Das mich Ruhenden hier unter den Tannen umgibt.
11. Verzicht
Bleistift nahmen wir mit und Zeichenpapier und das Reißbrett; Aber wie schön ist der Tag! und wir verdürben ihn so? Beinah dächt ich, wir ließen es gar, wir schaun und genießen! Wenig verliert ihr, und nichts wahrlich verlieret die Kunst. Hätt ich auch endlich mein Blatt vom Gasthaus an und der Kirche Bis zur Mühle herab fertiggekritzelt - was ist's? Hinter den licht durchbrochenen Turm, wer malt mir dies süße, Schimmernde Blau, und wer rundum das warme Gebirg? - Nein! Wo ich künftig auch sei, fürwahr mit geschlossenen Augen Seh ich dies Ganze vor mir, wie es kein Bildchen uns gibt.
»Lang, lang ist's her«
An Auguste Stark, geb. Mährlen, zu ihrer Hochzeit
Es gibt ein altes Liebeslied, vom Norden kommt's, Wie ferne Glockenlaute, oder wie am Strand Eintönig sanfter Wellenschlag sich wiederholt, Dem man so gern, vergangner Zeiten denkend lauscht; Denn endlos, süßer Wehmut unersättigt, kehrt Das immer gleiche Wort zurück: Lang, lang ist's her. - Du kennst es wohl, und nie vielleicht so lieblich mehr Als jenen Tag aus deinem Munde hören wir's.
Wie kommt es doch, daß mitten hier im lauten Schwarm Entzückter Gäste, die dein Fest versammelt hat, Mir insgeheim die schlichte Weise immerdar Im Ohre flüsternd liegen muß: Lang, lang ist's her -? - Nachdenklich auch und wie der Gegenwart entrückt Auf Augenblicke seh ich deinen Vater dort, Den Freund, mit dem ich jung gewesen und bei dem Das Herz mir immer jung aufgeht, so alt es sei. Was wir erstrebt, genossen beide und verschmerzt, In tausend Bildern drängt sich's vor die Seele mir: Des Scherzes Fülle, dicht am Ernst, und Lieb und Haß, Bei vielem Irrtum vieles doch, das nicht getäuscht. -- Ihm selber aber, wie muß ihm zu Sinne sein, Die Tochter heut an eines edeln Mannes Hand Zu sehn, dein liebes Haupt, o Kind, bekränzt von Ich, Die lächelnd uns in deiner bräutlichen Gestalt Der eignen Jugend Blüte wieder schauen läßt!
Nun wendet sich dein Lebensweg; du gehst von uns, Fernhin, wo dir ein trauter Herd bereitet ist, Und manches Auge sieht dir schwer von Tränen nach. - Noch steht die Sonne dieses Tags am Himmel und Noch heißt es Heute; wenn dies Heute Gestern heißt, Wie anders liegt die Welt bereits vor deinem Blick! - Und Jahr um Jahr vergeht gemach mit Eile so. Ihr Inhalt ist zur Hälfte kaum des Menschen Wahl, Die andre ruht in ewiger Mächte Liebesrat. Wenn du an des Geliebten Seite künftighin Des heutigen Fests Gedächtnis ohne uns begehst, Wenn ihr in diesen gästereichen, heitern Saal Euch einmal wieder ganz versetzt im Geist, und all Die freundlichen Gesichter hier sich neu vor euch Beleben zwischen Blumenschmuck und Gläserklang: Dann laß zur stillen Abendstunde kerzenhell Dein Zimmer sein und hell erleuchtet dein Klavier. Sing ihm das alte Liedchen, das sich nie verlernt: Lang, lang ist's her. - Was dir sein Kuß, sein Händedruck Drauf sagen wird mit Schweigen - braucht's der Worte noch? Daß unveraltet Liebe doch und Treue bleibt, Was auch der Zeiten Wandel sonst hinnehmen mag.
Charis und Penia
A: Seht doch den Schläfer dort ins Gras gestreckt! Es ist des Gauklers Sohn, der schöne Knabe, Den gestern wir so lieblich tanzen sahn. Für jetzt das seidne Jäckchen abgeworfen, Den Schatten suchend vor der Mittagssonne, Warf er sich in des Wirtes Garten, faul, Hier unter den Syringenbusch.
B: Frei, losgebunden ruht ein jedes Glied; Nur bei den Knöcheln schmiegen sich die Füße, Das rote Paar der Stiefeln, umeinander, Dem Blütenknopfe des Granatbaums gleich, Der eben aufzubrechen willens ist; Es scheinen seine Füße wie zum Tanz In jedem Augenblicke sich zu öffnen.
C: Es ist, als atmen sie im Schlafe selbst Den holden Geist des Tanzes! Ja gewiß, Er träumt Musik zu hören.
A: Aber seht, Wie rührend spricht aus diesen fremden Zügen Jetzt ohne, reine Menschlichkeit sich aus! Bajazzos rohe Stimme ist entfernt, Die Peitsche, die zum Scherze, doch empfindlich Den Kleinen traf, der sich zum Lachen zwang.
B: Ich weck ihn auf! und stürzt er auch im Traum Von seinem Seil, er fällt ins weiche Gras.
Knabe im Schlaf: No! No! per Dio santo! Mein ist die Wurst, Du Immeldonnerwetter!
Die Freunde: Ach so! Das war's! Nun, das ist lustig!
C: Er erwacht und hebt Den Kopf; verstört, beschämt schaut er uns an.
B: Komm, guter Junge, dort an unsern Tisch! So recht - nur munter! Magst du denn Wurst?
Knabe: Wurst? Si, cari Signori! Gern das ik freß.
A: O Charis! o Penia! Wie seid ihr einzig, wenn ihr euch umarmt!
Zwei dichterischen Schwestern
von ihrem Oheim
Mit einer Randzeichnung, auf welcher an der Stelle der Endsilben ein Band herunterlief, durch dessen ab- wechselnde Farben das Reimschema angedeutet war
Heut lehr ich euch die Regel der Son -- . Versucht gleich eins! Gewiß, es wird ge --, Vier Reime hübsch mit vieren zu versch --, Dann noch drei Paare, daß man vierzehn h -- .
Laßt demnach an der vielgeteilten K -- Als Glied in Glied so einen Schlußring sp --: Das muß alsdann wie pures Gold erk--; Gewisse Herrn zwar hängen Klett an K -- .
Ein solcher findet meine schönen N -- Bei diesem Muster. »Ah, Fräulein, Sie st --!« »O nein, Herr Graf, hier gilt es Silben z -- .«
»Wirklich! Doch wenn die Lauren selber d --, Was soll Petrarca?« Der mag Strümpfe str -- . Eins wie das andre ist für schöne S -- .
An Frau Pauline v. Phull-Rieppur auf Ober-Mönsheim
Nacht für Nacht, mit dem Zwölf-Uhr-Schlag, auf gespenstigem Rosse, War der geharnischte Mann sonst vor dem Schlosse zu sehn; Grollend dem fremden Geschlecht, das hier statt seiner gebietet, Sucht' er die Brücke umsonst, welche zur Pforte geführt. - Wunder! seitdem du waltest im Haus, erblickt man ihn nimmer. Hätte dein liebliches Bild endlich den Alten versöhnt?
An X und Y
Geistreich seid ihr, glänzend, wahrlich, daß ich euch bewundern müßte, Wenn sich nur bei euch nicht jede Zeile selber geistreich wüßte!
An J. G. Fischer
Mit Übersendung einer alabasternen Blumenvase, als er zum Ehrenmitglied und Meister des freien deutschen Hochstifts in Frankfurt a.M. ernannt wurde
Künftig, sooft man dem »Meister« den wohlerworbenen Lorbeer Neu um die Schläfe, den zwiefältig gewundenen legt, Oder im Lenz auch, wenn er die frühesten Rosen zum Opfer Seinen Chariten weiht, denk er des Freundes dabei.
Auf die Nürtinger Schule
Herrn Rektor Köstlin
Einen Genius hast du der Welt in Schelling erzogen; Dessen berühmest du dich, wackere Schule, mit Recht. Hätte dir Schwaben nur mehr von solcherlei Samen zu senden, Nicht am Gärtner fürwahr, daß er dir blühte, gebricht's.
An Fräulein Luise v. Breitschwert
Auf ein Bilderbuch mit Illustrationen zu dem Stuttgarter Hutzelmännlein, von ihr in Schwarz ausgeschnitten
O eine kleine Welt voll Leben! Kenn ich sie? Den schwachen Umriß jener Träume, wie? So konntest du ihn fassen, halten, schärfen? - Sie müssen leibhaft sein! nun zweifl' ich selber nicht, Da sie, bestrahlt von deinem Licht, Entschiedne, holde Schatten werfen.
Freund Kerner legte sich, im Reiseschattensinn, Ein Album an, da quetscht er Dintendolken drin, Und zeichnet jeden Klecks nach seiner Phantasei Mit wen'gem aus und freut sich wie ein Kind dabei: Wird der nicht Augen machen, wenn er sieht, Wie anders dir der Spaß geriet!
Doch ach, was biet ich nun der Künstlerin dagegen, Wenn nicht etwa die Lau sich wird ins Mittel legen? Der gute Curt möcht ich mit seinem Schatze sein: Die Hälfte wenigstens, die goldne, wäre dein!
An Frau Luise Walther, geb. v. Breitschwert
zu ihrem Hochzeitstage
Wie manchen Morgen, frisch und wohlgemut, Im lichten Sommerkleid, Feldblumen auf dem Hut, Trat sie bei uns, die edle Freundin, ein, Und wie sie kam, da war es Sonnenschein!
Als ob sie weiter gar nicht wollte oder wüßte, Nur daß sie jedermann zur Freude dasein müßte, So lebte sie in klarer Gegenwart, Neidlos bei andrer Glück, die Lachende, die Feine; Doch heimlich sah ich's oft in ahnungsvollem Scheine Hoch über dieses Scheitels Reine Wie einen sel'gen Stern, der seiner Stunde harrt.
Nun ist's geschehn! und mit verklärtem Blicke Von ihres Lebens Gipfel lächelt sie; Es war geschehn, kaum weiß sie selber wie, Denn jäh erfüllen sich die himmlischen Geschicke.
Der Frau Generalin v. Varnbüler
Vorsteherin des Katharinenstifts
Nach ihrer Rückkehr von der Kaltwasser-Heilanstalt zu Herrenalb, bei Überreichung der Photographien sämtlicher Pensionärinnen gesprochen von einer derselben
Stuttgart 1853
Das edle, das geliebte Angesicht Nun wiedersehend, ach, wie fang ich's an, In Worte würdig unseren Willkomm Zu fassen, bei des Herzens Ungestüm?
Dieselbige, wie wir dich immer kannten, Kamst du zurück, dein gütig Auge sagt's, Der Liebe aber ist's, der Ehrfurcht eigen, Daß sie, nach kurzem Fernesein, befangen, Verwirrt vor ihrem Gegenstande steht, Gleich als vor einem ungewohnten Gast, Wenn uns sein stiller Blick mit Lächeln prüft.
Dieselbe, ja du bist es, teure Mutter! Nur trägt dein Antlitz, o wie hell, die Spur Der Heiligen, die dich berührt! Umsonst Nicht fleht man ihr; sie wirft dem Wagenden Aus eisiger Nacht die tauende Rose zu.
Wir waren oft bei dir, du glaubst es kaum, Leibhaftig eben nicht; doch wenn du pflegtest Im Tannenschatten auf das Moos gebettet, Balsamische Luft zu atmen, zweimal täglich, Elise dir zur Seite mit viel andern, Da kamen wir, zu leichten Traumgestalten Verkleinert, schlüpften durch die hohen Äste Mit jenen runden Lichtern leis herab, Die deines Kleides Saum und Hand und Schultern Zudringlich küßten. Kanntest du sie nicht? - Wenn nun die ganze Schar in einen Rahmen Gefangen, eins am andern, dicht gedrängt, Sich wieder zeigte - ob du sie wohl kennst?
An Fräulein Elise v. Grävenitz
Aus Anlaß einer Maskerade, bei der sie in Gestalt einer Distel er schien, zugleich mit ihr die Maske des verwandelten Zettel, Webers, im Sommernachtstraum
Der jungen Rose fiel es ein, Auf einem Blumen-Maskenballe In jener Feengartenhalle Bescheiden eine Distel zu sein.
Getäuscht von der Metamorphose, Macht sich ein Herrchen gleich herbei Im grünen Frack und gelber Hose, Ein ganzer Esel, meiner Treu! Seht nur die wunderbaren Gesten, Wie ihm das Herz im Leibe lacht! Die Schöne denkt, den hab ich nun zum besten! Und hätte sich beinah zu grün gemacht. - Auf einmal stutzt er, schnüffelt in die Luft: Er wittert wahrlich Rosenduft. Gebt acht, nun schleicht er traurig sich beiseite, Für seinesgleichen ist das schlechte Weide. - Doch nein, er weilt entzückt, seht her! Der hat Verstand, trotz seiner langen Ohren! Und hat er morgen keinen mehr, Begreif ich's, wie er ihn verloren.
An Eduard Weigelin
bisher Professor am Katharinenstift
Bei seinem Austritt aus der Anstalt
Freund! dein heiterer Blick und deine gelassene Miene Heißt uns die Klage des Abschieds sparen; doch tief in der Brust dir Selber bewegt sich das männliche Herz. Wer möcht es ihm wehren? Denn du verlässest das Haus, das dir wie dein eigenes lieb war, Dem du die Blüte der Jahre geweiht im redlichen Tagwerk. Aber glücklich genug, der still sich dessen bewußt ist! Siehe, die Zeit kommt auch, da wir weggehn nacheinander, Ungern jeder fürwahr, doch keiner mit besserem Ruhme, Noch von treueren Wünschen der dankbaren Liebe begleitet.
An Lottchen Krehl
Zum Geburtstag im Anfang Mai's
Ich hätte wohl, dein Haar zu zieren, Ein Kränzchen, auch ein klein Gedicht; Wie aber? ich will gratulieren, Und weiß den Tag des Festes nicht!
Wenn ich es gleichwohl nun probierte, Ich meint es drum nicht minder treu: Ist's nicht der erste, dritte, vierte, So feir ich dir den ganzen Mai.
Doch ach, was ist vom Mai zu singen? Hier ist's noch winterlich bestellt; Komm, Lottchen, uns den Mai zu bringen, Dann blühen Garten, Haus und Feld!
Wanderlied
(Melodie aus Aubers »Stummen von Portici«)
Entflohn sind wir der Stadt Gedränge: Wie anders leuchtet hier der Tag! Wie klingt in unsre Lustgesänge Lerchensang hier und Wachtelschlag! Nun wandern wir und lassen gerne Herrn Griesgram zu Haus; Ein frischer Blick dringt in die Ferne Nur immer hinaus! Wir wandern bis der späte Abend taut, Wir rasten bis der Morgen wieder graut.
Man lagert sich am Schattenquelle, Wo erst das muntre Reh geruht; Aus hohler Hand trinkt sich der helle Kühle Trank wohl noch eins so gut, Nun wandern wir usw.
Zitronenfalter im April
Grausame Frühlingssonne, Du weckst mich vor der Zeit, Dem nur in Maienwonne Die zarte Kost gedeiht! Ist nicht ein liebes Mädchen hier, Das auf der Rosenlippe mir Ein Tröpfchen Honig beut, So muß ich jämmerlich vergehn Und wird der Mai mich nimmer sehn In meinem gelben Kleid.
Auf einem Kirchturm
Ein Glockentonmeer wallet Zu Füßen uns und hallet Weit über Stadt und Land. So laut die Wellen schlagen, Wir fühlen mit Behagen Uns hoch zu Schiff getragen Und blicken schwindelnd von dem Rand.
Zum Neujahr
Mit einem Taschenkalender
An tausend Wünsche, federleicht, Wird sich kein Gott noch Engel kehren, Ja, wenn es so viel Flüche wären, Dem Teufel wären sie zu seicht. Doch wenn ein Freund in Lieb und Treu Dem andern den Kalender segnet, So steht ein guter Geist dabei. Du denkst an mich, was Liebes dir begegnet, Ob dir's auch ohne das beschieden sei.
An meinen Vetter
Juni 1837
Lieber Vetter! Er ist eine Von den freundlichen Naturen, Die ich Sommerwesten nenne. Denn sie haben wirklich etwas Sonniges in ihrem Wesen. Es sind weltliche Beamte, Rechnungsräte, Revisoren, Oder Kameralverwalter, Auch wohl manchmal Herrn vom Handel, Aber meist vom ältern Schlage, Keinesweges Petitmaitres, Haben manchmal hübsche Bäuche, Und ihr Vaterland ist Schwaben.
Neulich auf der Reise traf ich Auch mit einer Sommerweste In der Post zu Besigheim Eben zu Mittag zusammen. Und wir speisten eine Suppe, Darin rote Krebse schwammen, Rindfleisch mit französ'schem Senfe, Dazu liebliche Radieschen, Dann Gemüse, und so weiter: Schwatzten von der neusten Zeitung, Und daß es an manchen Orten Gestern stark gewittert habe. Drüber zieht der wackre Herr ein Silbern Büchslein aus der Tasche, Sich die Zähne auszustochern; Endlich stopft er sich zum schwarzen Kaffee seine Meerschaumpfeife, Dampft und diskurriert und schaut in- mittelst einmal nach den Pferden. Und ich sah ihm so von hinten Nach und dachte: Ach, daß diese Lieben, hellen Sommerwesten, Die bequemen, angenehmen, Endlich doch auch sterben müssen!
An denselben [An meinen Vetter]
als er sich leidenschaftlich mit Verfertigung von Sonnenuhren beschäftigte
Mai 1840
Hör Er nur einmal, Herr Vetter, Was mir diese Nacht geträumet! Sonntag war es, nach Mittage, Und ich sah vom Fenster Seines Alten gelben Gartenhäuschens, Wie die Bürgersleute ruhig Vor der Stadt spazierengingen. Und ich wandte mich und sah Ihn, Der im Anfang nicht zugegen, Ernsthaft vor dem Spiegel stehen, In der Stellung eines Mannes, Der sich zu balbieren trachtet. Doch indem ich näher trete Muß ich voll Erstaunen sehen, Wie Er sich mit schwarzer Farbe Auf Sein rundes Vollmondantlitz Einen saubern Halbkreis malte; Von der linken Schläfe abwärts, Zwischen Mund und Kinn hindurch, und So hinauf die rechte Backe. Jetzo mit geübtem Pinsel Zeichnet' Er entlang dem Zirkel Schöngeformte römsche Ziffern, Kunstgerecht, von eins bis zwölfe. Und ich dachte: ach, mein lieber Vetter ist ein Narr geworden! - Denn Er sah mich an mit Augen, Die mich nicht zu kennen schienen. Überdem stellt' Er sich förmlich An das Fenster in die Sonne, Und der Schatten Seiner Nase Sollte nun die Stunde weisen. Ach, die Leute auf der Straße Wollten fast sich Kröpfe lachen!
Was nun dieser Traum bedeute? Ich will Ihn just nicht erschrecken: Aber laß Er Sein verdammtes Sonnenuhrenmachen bleiben!
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