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An den Mistral
Ein Tanzlied
Mistral-Wind, du Wolken-Jäger, Trübsal-Mörder, Himmels-Feger, Brausender, wie lieb ich dich! Sind wir zwei nicht Eines Schoßes Erstlingsgabe, Eines Loses Vorbestimmte ewiglich?
Hier auf glatten Felsenwegen Lauf ich tanzend dir entgegen, Tanzend, wie du pfeifst und singst: Der du ohne Schiff und Ruder Als der Freiheit freister Bruder Über wilde Meere springst.
Kaum erwacht, hört ich dein Rufen, Stürmte zu den Felsenstufen, Hin zur gelben Wand am Meer. Heil! da kamst du schon gleich hellen Diamantnen Stromesschnellen Sieghaft von den Bergen her.
Auf den ebnen Himmels-Tennen Sah ich deine Rosse rennen, Sah den Wagen, der dich trägt, Sah die Hand dir selber zücken, Wenn sie auf der Rosse Rücken Blitzesgleich die Geißel schlägt, -
Sah dich aus dem Wagen springen, Schneller dich hinabzuschwingen, Sah dich wie zum Pfeil verkürzt Senkrecht in die Tiefe stoßen, - Wie ein Goldstrahl durch die Rosen Erster Morgenröten stürzt.
Tanze nun auf tausend Rücken, Wellen-Rücken, Wellen-Tücken - Heil, wer neue Tänze schafft! Tanzen wir in tausend Weisen. Frei - sei unsre Kunst geheißen, Fröhlich - unsre Wissenschaft!
Raffen wir von jeder Blume Eine Blüte uns zum Ruhme Und zwei Blätter noch zum Kranz! Tanzen wir gleich Troubadouren Zwischen Heiligen und Huren, Zwischen Gott und Welt den Tanz!
Wer nicht tanzen kann mit Winden, Wer sich wickeln muß mit Binden, Angebunden, Krüppel-Greis, Wer da gleicht den Heuchel-Hänsen, Ehren-Tölpeln, Tugend-Gänsen, Fort aus unsrem Paradeis!
Wirbeln wir den Staub der Straßen Allen Kranken in die Nasen, Scheuchen wir die Kranken-Brut! Lösen wir die ganze Küste Von dem Odem dürrer Brüste, Von den Augen ohne Mut!
Jagen wir die Himmels-Trüber, Welten-Schwärzer, Wolken-Schieber, Hellen wir das Himmelreich! Brausen wir ... o aller freien Geister Geist, mit dir zu zweien Braust mein Glück dem Sturme gleich. -
- Und daß ewig das Gedächtnis Solchen Glücks, nimm sein Vermächtnis, Nimm den Kranz hier mit hinauf! Wirf ihn höher, ferner, weiter, Stürm empor die Himmelsleiter, Häng ihn - an den Sternen auf!
Das nächtliche Geheimniss
Gestern Nachts, als Alles schlief, Kaum der Wind mit ungewissen Seufzern durch die Gassen lief, Gab mir Ruhe nicht das Kissen, Noch der Mohn, noch, was sonst tief Schlafen macht - ein gut Gewissen.
Endlich schlug ich mir den Schlaf Aus dem Sinn und lief zum Strande. Mondhell war's und mild - ich traf Mann und Kahn auf warmem Sande, Schläfrig beide, Hirt und Schaf: - Schläfrig stiess der Kahn vom Lande.
Eine Stunde, leicht auch zwei, Oder war's ein Jahr? - da sanken Plötzlich mir Sinn und Gedanken In ein ew'ges Einerlei, Und ein Abgrund ohne Schranken That sich auf: - da war's vorbei! -
Morgen kam: auf schwarzen Tiefen Steht ein Kahn und ruht und ruht - - Was geschah? so riefs, so riefen Hundert bald - was gab es? Blut? - Nichts geschah! Wir schliefen, schliefen Alle - ach, so gut! so gut!
Der neue Columbus
Freundin! - sprach Columbus - traue keinem Genueser mehr! Immer starrt er in das Blaue - Fernstes lockt ihn allzusehr!
Fremdestes ist nun mir teuer! Genua, das sank, das schwand - Herz, bleib kalt! Hand, halt das Steuer! Vor mir Meer - und Land? - und Land? ---
Stehen fest wir auf den Füßen! Nimmer können wir zurück! Schaun hinaus: von fernher grüßen Uns Ein Tod, Ein Ruhm, Ein Glück!
Die kleine Brigg, genannt "das Engelchen"
Engelchen: so nennt man mich - Jetzt ein Schiff, dereinst ein Mädchen, Ach, noch immer sehr ein Mädchen! Denn es dreht um Liebe sich Stäts mein feines Steuerrädchen.
Engelchen: so nennt man mich - Bin geschmückt mit hundert Fähnchen, Und das schönste Kapitänchen Bläht an meinem Steuer sich, Als das hundert erste Fähnchen.
Engelchen: so nennt man mich - Ueberall hin, wo ein Flämmchen Für mich glüht, lauf ich ein Lämmchen Meinen Weg sehnsüchtiglich: Immer war ich solch ein Lämmchen.
Engelchen: so nennt man mich - Glaubt ihr wohl, dass wie ein Hündchen Bell'n ich kann und dass mein Mündchen Dampf und Feuer wirft um sich? Ach, des Teufels ist mein Mündchen!
Engelchen: so nennt man mich - Sprach ein bitterböses Wörtchen Einst, dass schnell zum letzten Oertchen Mein Geliebtester entwich: Ja, er starb an diesem Wörtchen!
Engelchen: so nennt man mich - Kaum gehört, sprang ich vom Klippchen In den Grund und brach ein Rippchen, Dass die liebe Seele wich: Ja, sie wich durch dieses Rippchen!
Engelchen: so nennt man mich - Meine Seele, wie ein Kätzchen, That eins, zwei, drei, vier, fünf Sätzchen, Schwang dann in dies Schiffchen sich - Ja, sie hat geschwinde Tätzchen.
Engelchen: so nennt man mich - Jetzt ein Schiff, dereinst ein Mädchen, Ach, noch immer sehr ein Mädchen! Denn es dreht um Liebe sich Stäts mein feines Steuerrädchen.
Die kleine Hexe
So lang noch hübsch mein Leibchen, Lohnt sichs schon, fromm zu sein. Man weiss, Gott liebt die Weibchen, Die hübschen obendrein. Er wird's dem art'gen Mönchlein Gewisslich gern verzeihn, Dass er, gleich manchem Mönchlein, So gern will bei mir sein.
Kein grauer Kirchenvater! Nein, jung noch und oft roth, Oft gleich dem grausten Kater Voll Eifersucht und Noth! Ich liebe nicht die Greise, Er liebt die Alten nicht: Wie wunderlich und weise Hat Gott dies eingericht!
Die Kirche weiss zu leben, Sie prüft Herz und Gesicht. Stäts will sie mir vergeben: - Ja wer vergiebt mir nicht! Man lispelt mit dem Mündchen, Man knixt und geht hinaus Und mit dem neuen Sündchen Löscht man das alte aus.
Gelobt sei Gott auf Erden, Der hübsche Mädchen liebt Und derlei Herzbeschwerden Sich selber gern vergiebt! So lang noch hübsch mein Leibchen, Lohnt sich's schon, fromm zu sein: Als altes Wackelweibchen Mag mich der Teufel frein!
Im Süden
So häng ich denn auf krummem Aste und schaukle meine Müdigkeit. Ein Vogel lud mich her zu Gaste, ein Vogelnest ist's, drin ich raste. Wo bin ich doch ? Ach, weit ! Ach weit !
Das weiße Meer liegt eingeschlafen, und purpurn steht ein Segel drauf. Fels, Feigenbäume, Turm und Hafen, Idylle rings, Geblök von Schafen, - Unschuld des Südens, nimm mich auf !
Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben, stets Bein vor Bein macht deutsch und schwer. Ich hieß den Wind mich aufwärts heben, ich lernte mit den Vügeln schweben, - nach Süden flog ich übers Meer.
Vernunft ? Verdrießliches Geschäfte ! Das bringt uns allzubald ans Ziel ! Im Fliegen lernt ich, was mich äffte, - schon fühl ich Mut und Blut und Säfte zu neuem Leben, neuem Spiel ..
Einsam zu denken nenn ich weise, doch einsam singen - wäre dumm ! So hört ein Lied zu eurem Preise und setzt euch still um mich im Kreise, ihr schlimmen Vögelchen, herum !
So jung, so falsch, so umgetrieben scheint ganz ihr mir gemacht zum Lieben und jedem schönen Zeitvertreib ! Im Norden - ich gesteh's mit Zaudern - liebt ich ein Weibchen, alt zum Schaudern: "die Wahrheit" hieß dies alte Weib ..
Lied des Ziegenhirten
An meinen Nachbar Theokrit von Syrakusä
Da lieg ich, krank im Gedärm - Mich fressen die Wanzen. Und drüben noch Licht und Lärm: Ich hör's, sie tanzen.
Sie wollte um diese Stund' Zu mir sich schleichen: Ich warte wie ein Hund - Es kommt kein Zeichen!
Das Kreuz, als sie's versprach! Wie konnte sie lügen? Oder läuft sie jedem nach, Wie meine Ziegen?
Woher ihr seidner Rock? - Ah, meine Stolze? Es wohnt noch mancher Bock An diesem Holze?
Wie kraus und giftig macht Verliebtes Warten! So wächst bei schwüler Nacht Giftpilz im Garten.
Die Liebe zehrt an mir Gleich sieben Uebeln - Nichts mag ich essen schier, Lebt wohl, ihr Zwiebeln!
Der Mond ging schon in's Meer, Müd sind alle Sterne, Grau kommt der Tag daher - Ich stürbe gerne.
"Pia, caritatevole, amoresissima"
Auf dem campo santo
O Mädchen, das dem Lamme Das zarte Fellchen kraut, Dem Beides, Licht und Flamme, Aus beiden Augen schaut, Du lieblich Ding zum Scherzen, Du Liebling weit und nah, So fromm, so mild von Herzen, Amorosissima!
Was riss so früh die Kette? Wer hat dein Herz betrübt? Und liebtest du, wer hätte Dich nicht genug geliebt? - Du schweigst - doch sind die Thränen Den milden Augen nah: Du schwiegst - und starbst vor Sehnen, Amorosissima?
Prinz Vogelfrei
So hang ich denn auf krummem Aste Hoch über Meer und Hügelchen: Ein Vogel lud mich her zu Gaste Ich flog ihm nach und rast' und raste Und schlage mit den Flügelchen.
Das weisse Meer ist eingeschlafen, Es schläft mir jedes Weh und Ach. Vergessen hab' ich Ziel und Hafen, Vergessen Furcht und Lob und Strafen: Jetzt flieg ich jedem Vogel nach.
Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben! Stäts Bein vor Bein macht müd und schwer! Ich lass mich von den Winden heben, Ich liebe es, mit Flügeln schweben Und hinter jedem Vogel her.
Vernunft? - das ist ein bös Geschäfte: Vernunft und Zunge stolpern viel! Das Fliegen gab mir neue Kräfte Und lehrt' mich schönere Geschäfte, Gesang und Scherz und Liederspiel.
Einsam zu denken - das ist weise. Einsam zu singen - das ist dumm! So horcht mir denn auf meine Weise Und setzt euch still um mich im Kreise, Ihr schönen Vögelchen, herum!
Vereinsamt
Die Krähen schrein Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein. - Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!
Nun stehst du starr, Schaust rückwärts, ach! wie lange schon! Was bist Du Narr Vor Winters in die Welt entflohn?
Die Welt - ein Tor Zu tausend Wüsten stumm und kalt! Wer das verlor, Was du verlorst, macht nirgends halt.
Nun stehst du bleich, Zur Winter-Wanderschaft verflucht, Dem Rauche gleich, Der stets nach kältern Himmeln sucht.
Flieg, Vogel, schnarr Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! - Versteck, du Narr, Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrein Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein. - Weh dem, der keine Heimat hat.
Vogel - Urtheil
Als ich jüngst, mich zu erquicken, Unter dunklen Bäumen sass, Hört' ich ticken, leise ticken, Zierlich, wie nach Takt und Maass. Böse wurd' ich, zog Gesichter, Endlich aber gab ich nach, Bis ich gar, gleich einem Dichter, Selber mit im Tiktak sprach.
Wie mir so im Versemachen Silb' um Silb' ihr Hopsa sprang, Musst ich plötzlich lachen, lachen Eine Viertelstunde lang, Du ein Dichter? Du ein Dichter? Stehts mit deinem Kopf so schlecht? - "Ja, mein Herr! Sie sind ein Dichter!" - Also sprach der Vogel Specht.
Vogel Albatross
O Wunder! Fliegt er noch? Er steigt empor und seine Flügel ruhn! Was hebt und trägt ihn doch? Was ist ihm Ziel und Zug und Zügel nun?
Er flog zu höchst - nun hebt Der Himmel selbst den siegreich Fliegenden: Nun ruht er still und schwebt, Den Sieg vergessend und den Siegenden.
Gleich Stern und Ewigkeit Lebt er in Höhn jetzt, die das Leben flieht, Mitleidig selbst dem Neid -: Und hoch flog, wer ihn auch nur schweben sieht!
O Vogel Albatross! Zur Höhe treibt's mit ew'gem Triebe mich! Ich dachte dein: da floss Mir Thrän' um Thräne - ja, ich liebe dich!
Dichters Berufung Als ich jüngst, mich zu erquicken, Unter dunklen Bäumen sass, Hört’ ich ticken, leise ticken, Zierlich, wie nach Takt und Maass. Böse wurd’ ich, zog Gesichter, – Endlich aber gab ich nach, Bis ich gar, gleich einem Dichter, Selber mit im Tiktak sprach. Wie mir so im Verse-Machen Silb’ um Silb’ ihr Hopsa sprang, Musst’ ich plötzlich lachen, lachen Eine Viertelstunde lang. Du ein Dichter? Du ein Dichter? Steht’s mit deinem Kopf so schlecht? – "Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter" Achselzuckt der Vogel Specht. Wessen harr’ ich hier im Busche? Wem doch laur’ ich Räuber auf? Ist’s ein Spruch? Ein Bild? Im Husche Sitzt mein Reim ihm hintendrauf. Was nur schlüpft und hüpft, gleich sticht der Dichter sich’s zum Vers zurecht. – "Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter" Achselzuckt der Vogel Specht. Reime, mein’ ich, sind wie Pfeile? Wie das zappelt, zittert, springt, Wenn der Pfeil in edle Theile Des Lacerten-Leibchens dringt! Ach, ihr sterbt dran, arme Wichter, Oder taumelt wie bezecht! – "Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter" Achselzuckt der Vogel Specht. Schiefe Sprüchlein voller Eile, Trunkne Wörtlein, wie sich’s drängt! Bis ihr Alle, Zeil’ an Zeile, An der Tiktak-Kette hängt. Und es giebt grausam Gelichter, Das dies – freut? Sind Dichter – schlecht? – "Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter" Achselzuckt der Vogel Specht. Höhnst du, Vogel? Willst du scherzen? Steht’s mit meinem Kopf schon schlimm, Schlimmer stünd’s mit meinem Herzen? Fürchte, fürchte meinen Grimm! – Doch der Dichter – Reime flicht er Selbst im Grimm noch schlecht und recht. – "Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter" Achselzuckt der Vogel Specht.
Der geheimnisvolle Nachen
Gestern Nachts, als Alles schlief, Kaum der Wind mit ungewissen Seufzern durch die Gassen lief, Gab mir Ruhe nicht das Kissen, Noch der Mohn, noch, was sonst tief Schlafen macht, – ein gut Gewissen. Endlich schlug ich mir den Schlaf Aus dem Sinn und lief zum Strande. Mondhell war’s und mild, – ich traf Mann und Kahn auf warmem Sande, Schläfrig beide, Hirt und Schaf: – Schläfrig stiess der Kahn vom Lande. Eine Stunde, leicht auch zwei, Oder war’s ein Jahr? – da sanken Plötzlich mir Sinn und Gedanken In ein ew’ges Einerlei, Und ein Abgrund ohne Schranken That sich auf: – da war’s vorbei! – Morgen kam: auf schwarzen Tiefen Steht ein Kahn und ruht und ruht… Was geschah? so rief’s, so riefen Hundert bald: was gab es? Blut? – – Nichts geschah! Wir schliefen, schliefen Alle – ach, so gut! so gut!
Liebeserklärung (bei der aber der Dichter in eine Grube fiel -)
Oh Wunder! Fliegt er noch? Er steigt empor, und seine Flügel ruhn? Was hebt und trägt ihn doch? Was ist ihm Ziel und Zug und Zügel nun? Gleich Stern und Ewigkeit Lebt er in Höhn jetzt, die das Leben flieht, Mitleidig selbst dem Neid –: Und hoch flog, wer ihn auch nur schweben sieht! Oh Vogel Albatross! Zur Höhe treibt’s mit ew’gem Triebe mich. Ich dachte dein: da floss Mir Thrän’ um Thräne, – ja, ich liebe dich!
Diesen ungewissen Seelen …
Diesen ungewissen Seelen Bin ich grimmig gram. All ihr Ehren ist ein Quälen, All ihr Lob ist Selbstverdruss und Scham. Dass ich nicht an ihrem Stricke Ziehe durch die Zeit, Dafür grüsst mich ihrer Blicke Giftig-süsser hoffnungsloser Neid. Möchten sie mir herzhaft fluchen Und die Nase drehn! Dieser Augen hülflos Suchen Soll bei mir auf ewig irre gehn.
Narr in Verzweiflung
Ach! Was ich schrieb auf Tisch und Wand Mit Narrenherz und Narrenhand, Das sollte Tisch und Wand mir zieren?... Doch ihr sagt: "Narrenhände schmieren, – Und Tisch und Wand soll man purgieren, Bis auch die letzte Spur verschwand!" Erlaubt! Ich lege Hand mit an –, Ich lernte Schwamm und Besen führen, Als Kritiker, als Wassermann. Doch, wenn die Arbeit abgethan, Säh’ gern ich euch, ihr Ueberweisen, Mit Weisheit Tisch und Wand besch……
Rimus remedium Oder: Wie kranke Dichter sich trösten.
Aus deinem Munde, Du speichelflüssige Hexe Zeit, Tropft langsam Stund’ auf Stunde. Umsonst, dass all mein Ekel schreit: "Fluch, Fluch dem Schlunde Der Ewigkeit!" Welt – ist von Erz: Ein glühender Stier, – der hört kein Schrein. Mit fliegenden Dolchen schreibt der Schmerz Mir in’s Gebein: "Welt hat kein Herz, Und Dummheit wär’s, ihr gram drum sein!" Giess alle Mohne, Giess, Fieber! Gift mir in’s Gehirn! Zu lang schon prüfst du mir Hand und Stirn. Was frägst du? Was? "Zu welchem – Lohne?" – – Ha! Fluch der Dirn’ Und ihrem Hohne! Nein! Komm zurück! Draussen ist’s kalt, ich höre regnen – Ich sollte dir zärtlicher begegnen? – Nimm! Hier ist Gold: wie glänzt das Stück! – Dich heissen "Glück"? Dich, Fieber, segnen? – Die Thür springt auf! Der Regen sprüht nach meinem Bette! Wind löscht das Licht, – Unheil in Hauf’! – Wer jetzt nicht hundert Reime hätte, Ich wette, wette, Der gienge drauf!
Mein Glück!
Die Tauben von San Marco seh ich wieder: Still ist der Platz, Vormittag ruht darauf. In sanfter Kühle schick’ ich müssig Lieder Gleich Taubenschwärmen in das Blau hinauf – Und locke sie zurück, Noch einen Reim zu hängen in’s Gefieder – mein Glück! Mein Glück! Du stilles Himmels-Dach, blau-licht, von Seide, Wie schwebst du schirmend ob des bunten Bau’s, Den ich – was sag ich? – liebe, fürchte, neide… Die Seele wahrlich tränk’ ich gern ihm aus! Gäb’ ich sie je zurück? – Nein, still davon, du Augen-Wunderweide! – mein Glück! Mein Glück! Du strenger Thurm, mit welchem Löwendrange Stiegst du empor hier, siegreich, sonder Müh! Du überklingst den Platz mit tiefem Klange –: Französisch, wärst du sein accent aigu? Blieb ich gleich dir zurück, Ich wüsste, aus welch seidenweichem Zwange… – mein Glück! Mein Glück! Fort, fort, Musik! Lass erst die Schatten dunkeln Und wachsen bis zur braunen lauen Nacht! Zum Tone ist’s zu früh am Tag, noch funkeln Die Gold-Zieraten nicht in Rosen-Pracht, Noch blieb viel Tag zurück, Viel Tag für Dichten, Schleichen, Einsam-Munkeln – mein Glück! Mein Glück!
Nach neuen Meeren Dorthin – will ich; und ich traue Mir fortan und meinem Griff. Offen liegt das Meer, in’s Blaue Treibt mein Genueser Schiff. Alles glänzt mir neu und neuer, Mittag schläft auf Raum und Zeit –: Nur dein Auge – ungeheuer Blickt mich’s an, Unendlichkeit!
Sils-Maria Hier sass ich, wartend, wartend, – doch auf Nichts, Jenseits von Gut und Böse, bald des Lichts Geniessend, bald des Schattens, ganz nur Spiel, Ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. Da, plötzlich, Freundin! wurde Eins zu Zwei – – Und Zarathustra gieng an mir vorbei…
Alt Mütterlein
In Sonnenglut, in Mittagsruh Liegt stumm das Hospital; Es sitzt ein altes Mütterlein, Am Fenster bleich und fahl.
Ihr Aug' ist trüb, ihr Haar schneeweiß, Ihr Mieder rein und schlicht, Sie freut sich wohl und lächelt still, Im warmen Sonnenlicht.
Am Fenster blüht ein Rosenstock Viel Bienlein rings herum, Stört denn die stille Alte nicht Das emsige Gesumm?
Sie schaut in all' die Sonnenlust So selig stumm hinein: Noch schöner wird's im Himmel sein, Du liebes Mütterlein!
Das trunkne Lied
O Mensch! Gib acht! Was spricht, die tiefe Mitternacht? "Ich schlief, ich schlief -, Aus tiefem Traum bin ich erwacht: - Die Welt ist tief, Und tiefer als der Tag gedacht. Tief ist ihr Weh -, Lust - tiefer noch als Herzeleid: Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit -, - Will tiefe, tiefe Ewigkeit!"
Das Unvergängliche
Das Unvergängliche Ist nur dein Gleichnis! Gott, der Verfängliche, Ist Dichter-Erschleichnis ...
Welt-Rad, das rollende, Streift Ziel auf Ziel: Not - nennt's der Grollende, Der Narr nennt's Spiel ...
Welt-Spiel, das herrische, Mischt Sein und Schein: - Das Ewig-Närrische Mischt uns hinein!
Das Wort
Lebendgem Worte bin ich gut: Das springt heran so wohlgemut, das grüßt mit artigem Geschick, hat Blut in sich, kann herzhaft schnauben, kriecht dann zum Ohre selbst dem Tauben und ringelt sich und flattert jetzt und was es tut, das Wort ergötzt. Doch bleibt das Wort ein zartes Wesen, bald krank und aber bald genesen. Willst ihm sein kleines Leben lassen, mußt du es leicht und zierlich fassen, nicht plump betasten und bedrücken, es stirbt oft schon an bösen Blicken - und liegt dann da, so ungestalt, so seelenlos, so arm und kalt, sein kleiner Leichnam arg verwandelt, von Tod und Sterben mißgehandelt. Ein totes Wort - ein häßlich Ding, ein klapperdürres Kling-Kling-Kling. Pfui allen häßlichen Gewerben, an denen Wort und Wörter sterben.
Der Wanderer
Es geht ein Wand'rer durch die Nacht Mit gutem Schritt; Und krummes Tal und lange Höhn - Er nimmt sie mit. Die Nacht ist schön - Er schreitet zu und steht nicht still, Weiß nicht, wohin sein Weg noch will.
Da singt ein Vogel durch die Nacht. "Ach Vogel, was hast du gemacht! Was hemmst du meinen Sinn und Fuß Und gießest süßen Herz-Verdruß In's Ohr mir, daß ich stehen muß Und lauschen muß - Was lockst du mich mit Ton und Gruß?"
Der gute Vogel schweigt und spricht: "Nein, Wandrer, nein! Dich lock' ich nicht Mit dem Getön. Ein Weibchen lock' ich von den Höhn - Was geht's dich an? Allein ist mir die Nacht nicht schön - Was geht's dich an? Denn du sollst gehn Und nimmer, nimmer stille stehn! Was stehst du noch? Was tat mein Flötenlied dir an, Du Wandersmann?"
Der gute Vogel schwieg und sann: "Was tat mein Flötenlied ihm an? Was steht er noch? Der arme, arme Wandersmann!"
Nur Narr! Nur Dichter!
Bei abgehellter Luft, wenn schon des Thau's Tröstung zur Erde niederquillt, unsichtbar, auch ungehört - denn zartes Schuhwerk trägt der Tröster Thau gleich allen Trostmilden - gedenkst du da, gedenkst du, heisses Herz, wie einst du durstetest, nach himmlischen Thränen und Thaugeträufel versengt und müde durstetest, dieweil auf gelben Graspfaden boshaft abendliche Sonnenblicke durch schwarze Bäume um die liefen blendende Sonnen-Gluthblicke, schadenfrohe.
"Der Wahrheit Freier - du? so höhnten sie nein! nur ein Dichter! ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes, das lügen muss, das wissentlich, willentlich lügen muss, nach Beute lüstern, bunt entlarvt, sich selbst zur Larve, sich selbst zur Beute das - der Wahrheit Freier?... Nur Narr! Nur Dichter! Nur Buntes redend, aus Narrenlarven bunt herausredend, herumsteigend auf lügnerischen Wortbrücken, auf Lügen-Regenbogen zwischen falschen Himmeln herumschweifend, herumschleichend - nur Narr! nur Dichter!
Das - das Wahrheit Freier?...
Nicht still, starr, glatt, kalt, zum Bilde geworden, zur Gottes-Säule, nicht aufgestellt vor Tempeln, eines Gottes Thürwart: nein! feindselig solchen Tugend-Standbildern, in jeder Wildniss heimischer als in Tempeln, voll Katzen-Muthwillens durch jedes Fenster springend husch! in jenden Zufall, jedem Urwalde zuschnüffelnd, dass du in Urwälder unter buntzottigen Raubthieren sündlich gesund und schön und bunt liefest, mit lüsternen Lefzen, selig-höhnisch, selig-höllisch, selig-blutgierig, raubend, schleichend, lügend liefest...
Oder dem Adler gleich, der lange, lange starr in Abgründe blickt, in seine Abgründe... - oh wie sie sich hier hinab, hinunter, hinein, in immer tiefere Tiefen ringeln! - Dann, plötzlich, geraden Flugs gezückten Zugs auf Lämmer stossen, jach hinab, heisshungrig, nach Lämmern lüstern, gram allen Lamms-Seelen, grimmig gram Allem, was blickt tugendhaft, schafmässig, krauswollig, dumm, mit Lammsmilch-Wohlwollen...
Also adlerhaft, pantherhaft sind des Dichters Sehnsüchte, sind deine Sehnsüchte unter tausend Larven, du Narr! du Dichter!...
Der du den Menschen schautest so Gott als Schaf -, den Gott zerreissen im Menschen wie das Schaf im Menschen und zerreissend lachen -
das, das ist deine Seligkeit, eines Panthers und Adlers Seligkeit, eines Dichters und Narren Seligkeit!...
Bei abgehellter Luft, wenn schon des Mondes Sichel grün zwischen Purpurröthen und neidisch hinschleicht, - dem Tage feind, mit jedem Schritte heimlich an Rosen-Hängematten hinsichelnd, bis sie sinken, nachtabwärts blass hinabsinken:
so sank ich selber einstmals, aus meinem Wahrheits-Wahnsinne, aus meinen Tages-Sehnsüchten, des Tages müde, krank vom Lichte, - sank abwärts, abendwärts, schattenwärts, von Einer Wahrheit verbrannt und durstig - gedenkst du noch, gedenkst du, heisses Herz, wie da du durstetest? - dass ich verbrannt sei von aller Wahrheit! Nur Narr! Nur Dichter!...
Unter Töchtern der Wüste
1.
"Gehe nicht davon! sagte da der Wanderer, der sich den Schatten Zarathustras nannte, bleibe bei uns, - es möchte sonst uns die alte dumpfe Trübsal wieder anfallen. Schon gab uns jener alte Zauberer von seinem Schlimmsten zum Besten, und siehe doch, der gute fromme Papst da hat Thränen in den Augen und sich ganz wieder aufs Meer der Schwermuth eingeschifft. Diese Könige da mögen wohl vor uns noch gute Miene machen: hätten sie aber keine Zeugen, ich wette, auch bei ihnen fienge das böse Spiel wieder an, - das böse Spiel der ziehenden Wolken, der feuchten Schwermuth, der verhängten Himmel, der gestohlenen Sonnen, der heulenden Herbstwinde, - das böse Spiel unsres Heulens und Nothschreiens: bleibe bei uns, Zarathustra! Hier ist viel verborgenes Elend, das reden will, viel Abend, viel Wolke, viel dumpfe Luft! Du nährtest uns mit starker Mannskost und kräftigen Sprüchen: lass es nicht zu, dass uns zum Nachtisch die weichlichen weiblichen Geister wieder anfallen! Du allein machst die Luft um die herum stark und klar! Fand ich je auf Erden so gute Luft als bei dir in deiner Höhle? Vielerlei Länder sah ich doch, meine Nase lernte vielerlei Luft prüfen und abschätzen: aber bei dir schmecken meine Nüstern ihre grösste Lust! Es sei denn -, es sei denn -, oh vergieb eine alte Erinnerung! Vergieb mir ein altes Nachtisch-Lied, das ich einst unter Töchtern der Wüste dichtete. Bei denen nämlich gab es gleich gute helle morgenländische Luft; dort war ich am fernsten vom wolkigen feuchten schwermüthigen Alt-Europa! Damals liebte ich solcherlei Morgenland-Mädchen und andres blaues Himmelreich, über dem keine Wolken und keine Gedanken hängen. Ihr glaubt es nicht, wie artig sie dasassen, wenn sie nicht tanzten, tief, aber ohne Gedanken, wie kleine Geheimnisse, wie bebänderte Räthsel, wie Nachtisch-Nüsse - bunt und fremd fürwahr! aber ohne Wolken: Räthsel, die sich rathen lassen: solchen Mädchen zu Liebe erdachte ich damals einen Nachtisch-Psalm".
Also sprach der Wanderer, der sich den Schatten Zarathustras nannte; und ehe Jemand ihm antwortete, hatte er schon die Harfe des alten Zauberers ergriffen, die Beine gekreuzt und blickte gelassen und weise um sich: - mit den Nüstern aber zog er langsam und fragend die Luft ein, wie Einer, der in neuen Ländern eine neue Luft kostet. Endlich hob er mit einer Art Gebrüll zu singen an.
2.
Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt...
3.
Ha! Feierlich! ein würdiger Anfang! afrikanisch feierlich! eines Löwen würdig oder eines moralischen Brüllaffen... - aber Nichts für euch, ihr allerliebsten Freundinnen, zu deren Füssen mir, einem Europäer unter Palmen, zu sitzen vergönnt ist. Sela.
Wunderbar wahrlich! Da sitze ich nun, der Wüste nahe und bereits so ferne wieder der Wüste, auch in Nichts noch verwüstet: nämlich hinabgeschluckt von dieser kleinsten Oasis - sie sperrte gerade gähnend ihr liebliches Maul auf, das wohlriechendste aller Mäulchen: da fiel ich hinein, hinab, hindurch - unter euch, ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.
Heil, Heil jenem Walfische, wenn er also es seinem Gaste wohlsein liess! - ihr versteht meine gelehrte Anspielung?... Heil seinem Bauche, wenn es also ein so lieblicher Oasis-Bauch war, gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe. Dafür komme ich aus Europa, das zweifelsüchtiger ist als alle Eheweibchen. Möge Gott es bessern!
Amen! Da sitze ich nun, in dieser kleinen Oasis, einer Dattel gleich, braun, durchsüsst, goldschwürig, lüstern nach einem runden Mädchen-Maule, mehr aber noch nach mädchenhaften eiskalten schneeweissen schneidigen Beisszähnen: nach denen nämlich lechzt das Herz allen heissen Datteln. Sela.
Den genannten Südfrüchten ähnlich, allzuähnlich liege ich hier, von kleinen Flügelkäfern umtänzelt und umspielt, insgleichen von noch kleineren thörichteren boshafteren Wünschen und Einfällen, - umlagert von euch, ihr stummen, ihr ahnungsvollen Mädchen-Katzen Dudu und Suleika - umsphinxt, dass ich Ein Wort viel Gefühle stopfe ( - vergebe mir Gott diese Sprachsünde!...) - sitze hier, die beste Luft schnüffelnd, Paradieses-Luft wahrlich, lichte leichte Luft, goldgestreifte, so gute Luft nur je vom Monde herabfiel, sei es aus Zufall oder geschah es aus Übermuthe? wie die alten Dichter erzählen. Ich Zweifler aber ziehe es in Zweifel, dafür komme ich aus Europa, das zweifelsüchtiger ist als alle Eheweibchen. Möge Gott es bessern! Amen.
Diese schönste Luft athmend, mit Nüstern geschwellt gleich Bechern, ohne Zukunft, ohne Erinnerungen, so sitze ich hier, ihr allerliebsten Freundinnen, und sehe der Palme zu, wie sie, einer Tänzerin gleich, sich biegt und schmiegt und in der Hüfte wiegt - man thut es mit, sieht man lange zu... einer Tänzerin gleich, die, wie mir scheinen will, zu lange schon, gefährlich lange immer, immer nur auf Einem Beinchen stand? - da vergass sie darob, wie mir scheinen will, das andre Beinchen? Vergebens wenigstens suchte ich das vermisste Zwillings-Kleinod - nämlich das andre Beinchen - in der heiligen Nähe ihres allerliebsten, allerzierlichsten Fächer- und Flatter- und Flitter-Röckchens. Ja, wenn ihr mir, ihr schönen Freundinnen, ganz glauben wollt, sie hat es verloren...
Hu! Hu! Hu! Hu! Hu!... Es ist dahin, auf ewig dahin, das andre Beinchen! Oh schade um dies liebliche andre Beinchen! Wo - mag es wohl weilen und verlassen trauern, dieses einsame Beinchen? In Furcht vielleicht vor einem grimmen gelben blondgelockten Löwen-Unthiere? oder gar schon abgenagt, abgeknabbert - erbärmlich wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.
Oh weint mir nicht, weiche Herzen! Weint mir nicht, ihr Dattel-Herzen! Milch-Busen! Ihr Süssholz-Herz- Beutelchen! Sei ein Mann, Suleika! Muth! Muth! Weine nicht mehr, bleiche Dudu! - Oder sollte vielleicht etwas Stärkendes, Herz-Stärkendes hier am Platze sein? ein gesalbter Spruch? ein feierlicher Zuspruch?...
Ha! Herauf, Würde! Blase, blase wieder, Blasebalg der Tugend! Ha! Noch Ein Mal brüllen, moralisch brüllen, als moralischer Löwe vor den Töchtern der Wüste brüllen! - Denn Tugend-Geheul, ihr allerliebsten Mädchen, ist mehr als Alles Europäer-Inbrunst, Europäer-Heisshunger! Und da stehe ich schon, als Europäer, ich kann nicht anders, Gott helfe mir! Amen!
Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt! Stein knirscht an Stein, die Wüste schlingt und würgt. Der ungeheure Tod blickt glühend braun und kaut, - sein Leben ist sein Kaun...
Vergiss nicht, Mensch, den Wollust ausgeloht: du - bist der Stein, die Wüste, bist der Tod...
Letzter Wille
So sterben wie ich ihn einst sterben sah -, den Freund, der Blitze und Blicke göttlich in meine dunkle Jugend warf. Muthwillig und tief, in der Schlacht der Tänzer -, untern Kriegern der Heiterste, unter Siegern der Schwerste, auf seinem Schicksal ein Schicksal stehend, hart, nachdenklich, vordenklich -:
erzitternd darob, dass er siegte, jauchzend darüber, dass er sterbend siegte -:
befehlend, indem er starb - und er befahl, dass man vernichte...
So sterben, wie ich ihn einst sterben sah: siegend, vernichtend...
Zwischen Raubvögeln
Wer hier hinabwill, wie schnell schluckt den die Tiefe! - Aber du, Zarathustra, liebst den Abgrund noch, thust der Tanne es gleich? -
Die schlägt Wurzeln, wo der Fels selbst schaudernd zur Tiefe blickt, - die zögert an Abgründen, wo Alles rings hinunter will: zwischen der Ungeduld wilden Gerölls, stürzenden Bachs geduldig duldend, hart, schweigsam, einsam...
Einsam! Wer wagte es auch, hier Gast zu sein, dir Gast zu sein?...
Ein Raubvogel vielleicht: der hängt sich wohl dem standhaften Dulder schadenfroh in's Haar, mit irrem Gelächter, einem Raubvogel-Gelächter...
Wozu so standhaft? - höhnt er grausam: man muss Flügel haben, wenn man den Abgrund liebt... man muss nicht hängen bleiben, wie du, Gehängter! -
Oh Zarathustra, grausamster Nimrod! Jüngst Jäger noch Gottes, das Fangnetz aller Tugend, der Pfeil des Bösen! Jetzt - von dir selber erjagt, deine eigene Beute, in dich selbst eingebohrt...
Jetzt - einsam mit dir, zwiesam im eignen Wissen, zwischen hundert Spiegeln vor dir selber falsch, zwischen hundert Erinnerungen ungewiss, an jeder Wunde müd, an jedem Froste kalt, in eignen Stricken gewürgt, Selbstkenner!
Selbsthenker!
Was bandest du dich mit dem Strick deiner Weisheit? Was locktest du dich ins Paradies der alten Schlange? Was schlichst du dich ein in dich - in dich?...
Ein Kranker nun, der an Schlangengift krank ist; ein Gefangner nun, der das härteste Loos zog: im eignen Schachte gebückt arbeitend, in dich selber eingehöhlt, dich selber angrabend, unbehülflich, steif, ein Leichnam -, von hundert Lasten überthürmt, von dir überlastet, ein Wissender! Ein Selbsterkenner! der weise Zarathustra!...
Du suchtest die schwerste Last da fandest du dich -, du wirfst dich nicht ab von dir...
Lauernd, kauernd, Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht! Du verwächst mir noch mit deinem Grabe, verwachsener Geist!...
Und jüngst noch so stolz, auf allen Stelzen deines Stolzes! Jüngst noch der Einsiedler ohne Gott, der Zweisiedler mit dem Teufel, der scharlachne Prinz jedes Übermuths!...
Jetzt - zwischen zwei Nichtse eingekrümmt, ein Fragezeichen, ein müdes Räthsel - ein Räthsel für Raubvögel...
sie werden dich schon "lösen", sie hungern schon nach deiner "Lösung", sie flattern schon um dich, ihr Räthsel, um dich, Gehenkter!... Oh Zarathustra!... Selbstkenner!... Selbsthenker!...
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