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XI.
Auf Gewässer, welche ruhen, Weil gebändiget vom Eise, Zieht die Jugend leichte Kreise, Wandelnd auf den Flügelschuhen.
Doch ich wandle, Freund, alleine, Freund, allein und nicht zum Ziele: Der Gestalten sind so viele, Leider aber nicht die deine.
Hefte den Kothurn der Wogen An die leichten Hermesfüße, Daß begegnend bald dich grüße, Dem du dich so lang entzogen!
Welch ein Glück, dahin zu schwinden Auf der Fläche, klar und eben, Magisch sich vorüberschweben, Fliehn sich und sich wiederfinden!
Aber ist es nicht vergebens? Weilst du nicht, was kann es frommen? Dies unstäte Gehn und Kommen Ist das wahre Bild des Lebens.
XII.
Werden je sich feinde Töne Fügen im verbundnen Klange? Ich mit meinem düstern Drange, Du in deiner Jugendschöne? Heiter schlürfst du leichte Stunden, Dem es nie vergebens tagte: Ich ersehne das Versagte Und beweine, was verschwunden.
Du, zu deines Mädchens Laren Kommst du nächtlich oft gegangen, Schmiegst dich an die zarten Wangen, Wühlst in ihren seidnen Haaren: Während ich, der im Gemüte Auf den Wink der Gunst verzichtet, Bücher vor mir aufgeschichtet, Überm Rauch der Lampe brüte.
Freund, es war ein eitles Wähnen, Daß sich unsre Geister fänden, Unsre Blicke sich verständen, Sich vermischten unsre Tränen: Laß mich denn allein, versäume Nicht um mich die goldnen Tage, Kehre wieder zum Gelage Und vergiß den Mann der Träume!
XIII. König Odo
Aus dem Kloster hallen Glocken, Tausend Lichter funkeln helle, Die den Zug der Beter locken Nach der hohen Kirchenschwelle.
König Odo kommt gefahren, Hört vom alten Turm Geläute, Und er fragt die frommen Scharen: Aber welch ein Fest ist heute?
Sie erwidern drauf und sagen: Eine Jungfrau nimmt den Schleier, König Odo springt vom Wagen, Tritt hinein und schaut die Feier.
Um den heiligen Brauch zu wehren, Ruft er aus am Hochaltare: Keine Schere soll versehren Diese langen, blonden Haare!
Über diese feuchten Blicke Möge nie ein Schleier fallen, Und kein härnes Kleid ersticke Dieser Brust gelindes Wallen.
Reißend vom Altar die Reine, Trat er nun hervor und tobte: Christus werde nie der Deine, König Odos Anverlobte!
Frevelvoll und voll von Wonne, Selig im erbotnen Tausche, Neigt sich die betörte Nonne Seinem schönen Liebesrausche.
Als die Nacht begann zu schauern Um die Stunde der Gespenster, Zitterten des Schlosses Mauern, Und es flogen auf die Fenster.
Bebend sahn empor die Gatten, Und ans goldne Lager beider Trat ein weißer Zug von Schatten, Angetan in Nonnenkleider.
Alle hielten rote Kerzen, Welche blau und düster flammten, Und die junge Braut vom Herzen Rissen sie dem Gottverdammten.
Hülfe ruft er, greift verwegen Zur geschliffnen Wehr im Grimme; Aber ihm versagt der Degen, Aber ihm versagt die Stimme.
Und das Mädchen ziehn am Haare Jene fort, das arme, bleiche, Legen dann auf eine Bahre Die lebend'ge, schöne Leiche.
Und der König folgte bange, Seiner Sinne halb nur mächtig: In der Kirche Säulengange Hielt der lange Zug bedächtig.
An des Altars hoher Schwelle Tut ein Grab sich auf mit Grauen, Ausgehöhlt, gespenstig schnelle, Von den weißvermummten Frauen.
Mit Gewalt sein Weib zu holen, Rafft sich auf im Wahn der Gatte; Aber unter seinen Sohlen Dreht sich jede Marmorplatte.
Und er sieht die schönen Glieder Eingesargt in einem Schreine, Will hinzu, doch immer wieder Schwanken unter ihm die Steine.
Und der Schaufeln Ton verstummet, Stille wird's im Gotteshause, Nur die Glocke, wenn sie brummet, Unterbricht die tiefe Pause.
Und das Dunkel weicht, die Sonne Hebt am Horizont sich steiler, Man entdeckt das Grab der Nonne, Und den König tot am Pfeiler.
XIV.
Laß tief in dir mich lesen, Verhehl auch dies mir nicht, Was für ein Zauberwesen Aus deiner Stimme spricht?
So viele Worte dringen Ans Ohr uns ohne Plan, Und während sie verklingen, Ist alles abgetan.
Doch drängt auch nur von ferne Dein Ton zu mir sich her, Behorch ich ihn so gerne, Vergeß ich ihn so schwer!
Ich bebe dann, entglimme Von allzurascher Glut: Mein Herz und deine Stimme Verstehn sich gar zu gut!
XV. Warnung
Scheint dir der Pfad, auf dem du gehst, so sicher, Und willst du noch einmal, o Jugendlicher, Uneingedenk verschuldeter Gefahren, Die Züge sehn, die dir so tödlich waren?
Darfst du so fest auf deine Seele bauen, Und wähnst du mit Besonnenheit zu schauen Der schwarzen Augen, die dir Sterne deuchten, Bedeutungsvolles, dunkeltiefes Leuchten?
Nein! Laß die Wunde lieber sich vernarben, Entschließe dich, zu meiden und zu darben, Und vor dir selbst sogar, o Herz, verhülle Den ganzen Reichtum deiner Liebesfülle!
XVI.
Ich schleich umher Betrübt und stumm, Du fragst, o frage Mich nicht, warum? Das Herz erschüttert So manche Pein, Und könnt ich je Zu düster sein?
Der Baum verdorrt, Der Duft vergeht, Die Blätter liegen So gelb im Beet, Es stürmt ein Schauer Mit Macht herein, Und könnt ich je Zu düster sein?
XVII.
Erforsche mein Geheimnis nie, Du darfst es nicht ergründen, Es sagte dir's die Sympathie, Wenn wir uns ganz verstünden.
Nicht jeder ird'sche Geist erkennt Sein eignes Los hienieden: Nicht weiter frage, was uns trennt, Genug, wir sind geschieden!
Es spornt mich ja nicht eitle Kraft Mich am Geschick zu proben: Wir alle geben Rechenschaft Für unsern Ruf von oben.
Was um mich ist, errät mich nicht, Und drängt und drückt mich nieder; Doch, such ich Trost mir im Gedicht, Dann find ich ganz mich wieder!
XVIII.
Wehe, so willst du mich wieder, Hemmende Fessel, umfangen? Auf und hinaus in die Luft! Ströme der Seele Verlangen, Ström es in brausende Lieder, Saugend ätherischen Duft!
Strebe dem Wind nur entgegen, Daß er die Wange dir kühle, Grüße den Himmel mit Lust! Werden sich bange Gefühle Im Unermeßlichen regen? Atme den Feind aus der Brust!
XIX. Schneiderburg
Ein Schneider flink mit der Ziege sein Behauste den Krempenstein, Sah oft von felsiger Schwelle Hinab zu der Donauwelle, In reißende Wirbel hinein.
So saß er oft und so sang er dabei: Wie leb ich sorgenfrei! Meine Ziege, die nährt und letzt mich, Manch Liedchen klingt und ergetzt mich, Fährt unten ein Schiffer vorbei!
Doch ach, die Ziege, sie starb und ihr Rief nach er: Wehe mir! So wirst du mich nicht mehr laben, So muß ich dich hier begraben, Im Bette der Donau hier?
Doch als er sie schleudern will hinein, Verwickelt, o Todespein! Ihr Horn sich ihm in die Kleider: Nun liegen Zieg und Schneider Tief unter dem Krempenstein!
XX.
Ein Hochzeitbitter zog der Lenz Den Wald entlang und See, Zog hin mit Sang und Klange, Mir aber ward so bange, Als läge noch der Schnee.
Und Gäste lud zu sich der Lenz, Mich aber lud er nicht, Er sah mich, ach! gefangen, Ich hing an jenen Wangen, An jenem Angesicht.
Nun bin ich frei, nun kommt der Lenz, Nun erst genieß ich ganz, Wenn ruh'ger auch und stiller, Der Bäche grünen Schiller, Der Rosen frischen Glanz.
XXI.
Wo sich gatten Jene Schatten Über Matten Um den Quell, Reich an losen Hagerosen, Kommt zu kosen, Brüder, schnell!
Kaum gefunden, Schon umwunden, Schon verbunden, Weiß ich wie? Keiner höhne, Musensöhne, Diese schöne Sympathie!
Jubelt, bringet Dank und singet, Welle klinget, Rose blüht: Das in Wonnen Nie zerronnen, Welch besonnen, Kalt Gemüt!
Vögel neigen Aus den Zweigen, Heißen schweigen Mich zuletzt: Wer beschriebe Lenzestriebe, Wer die Liebe, Wer das Jetzt?
XXII. Winterseufzer
Der Himmel ist so hell und blau, O wäre die Erde grün! Der Wind ist scharf, o wär er lau! Es schimmert der Schnee, o wär es Tau! O wäre die Erde grün!
XXIII. Gesang der Toten
Dich Wandersmann dort oben Beneiden wir so sehr, Du gehst von Luft umwoben, Du hauchst im Äthermeer.
Wir sind zu Staub verwandelt In dumpfer Grüfte Schoß: O selig, wer noch wandelt, Wie preisen wir sein Los!
Vom Sonnenstrahl umschwärmet, Ergehst du dich im Licht, Doch was die Flächen wärmet, Die Tiefe wärmt es nicht.
Dir flimmert gleich Gestirnen Der Blumen bunter Glanz, An unsern nackten Stirnen Klebt ein verstäubter Kranz.
Wir horchen, ach! wir lauschen, Wo nie ein Schall sich regt, Dir klingt der Quell, es rauschen Die Blätter sturmbewegt.
Vom Hügel aus die Lande Vergnügt beschaust du dir, Doch unter seinem Sande, Du Guter, schlafen wir.
XXIV. Der Seelenwanderer
Scherzend rief ich solche Worte, da das Licht herabgebrannt war: Dich beklag ich, armes Kerzchen, daß zum Nichts dein Sein so bald ward!
Aber Antwort gab die Kerze, dieses hört ich voll Verwundrung: Überhebe nicht dich also, denn auch ich war einst was nun du!
Starb ich, modert ich, doch wieder wuchs ich aus dem Grab als Aglei, Kam ein Bienchen, naschte fleißig, nutzte mich im Korb zur Arbeit.
Ward ich Wachs, woraus man endlich diese Kerze nun für dich goß: Staub und Erde mußt du werden, ich verzehre mich im Lichtstoff.
XXV.
An der Erde Frei und fröhlich Kroch die Raupe, Freute kindisch, Immer kriechend, Sich umhüllter, Junger Knospen.
Aber selbstisch Eingeklostert Spinnt die Puppe: Der Entfaltung Qualenkämpfe Wühlen grausam Durch das Innre.
Doch befreiend Sieget Wärme: Schwebe rastlos, Ätherkostend, Farbefunkelnd, Du erlöster Sommervogel!
XXVI. Licht
Licht, vom Himmel flammt es nieder, Licht, empor zum Himmel flammt es; Licht, es ist der große Mittler Zwischen Gott und zwischen Menschen; Als die Welt geboren wurde, Ward das Licht vorangeboren, Und so ward des Schöpfers Klarheit Das Mysterium der Schöpfung; Licht verschießt die heil'gen Pfeile Weiter immer, lichter immer, Ahriman sogar, der dunkle, Wird zuletzt vergehn im Lichte.
XXVII.
Ihr Vögel in den Zweigen schwank, Wie seid ihr froh und frisch und frank, Und trillert Morgenchöre: Ich fühle mich im Herzen krank, Wenn ich's von unten höre.
Ein Stündchen schleich ich bloß heraus In euer ästig Sommerhaus, Und muß mich des beklagen: Ihr lebet stets in Saus und Braus, Seht's nachten hier und tagen.
Ihr sucht der Bäume grünes Dach, Der Wiese Schmelz, den Kieselbach, Ihr flieht vor Stadt und Mauer, Und laßt die Menschen sagen ach! In ihrem Vogelbauer.
XXVIII. Aufschub der Trauer
Wie dich die warme Luft umscherzt, Das schatt'ge Grün, o wie dich's kühlt! Wie leicht ist all das Weh verschmerzt, Das in der Seele wühlt!
Des Liebchens Bildnis zeige sich In jedem Quell, an dem du stehst, Ein sanftes Lied beruh'ge dich, Wenn durch den Wald du gehst.
Drum warte, bis der Winter naht, Bis alles starr und öde liegt, Und Reif und Schnee auf Flur und Saat Dich melancholisch wiegt!
XXIX.
Wie einer, der im Traume liegt, Versank ich still und laß, Mir war's, als hätt ich obgesiegt, Bezwungen Lieb und Haß.
Doch fühl ich, daß zu jeder Frist Das Herz sich quält und bangt, Und daß es nur gebrochen ist, Anstatt zur Ruh gelangt!
Du hast zerstückt mit Unbedacht Den Spiegel dir, o Tor! Nun blickt der Schmerz verhundertfacht, Vertausendfacht hervor.
XXX.
Du scheust, mit mir allein zu sein, Du bist so schroff: Gibt nicht der Liebe Lust und Pein Zum Reden Stoff?
Wo nicht, was gilt der Lieb ein Wo, Ein Wie, ein Was? Zu lieben und zu schweigen, o Wie lieb ich das!
Ich schweige, weil so kalt du scheinst, Und unerweicht, Mein Auge spricht, es spricht dereinst Mein Kuß vielleicht.
XXXI. Vision
Am Felsenvorgebirge schroff, Das von des Meeres Wellen troff, Die schäumend es umrangen, Da stand ich ein verlaßner Mann, Und manche warme Träne rann Mir über bleiche Wangen.
Doch ringsumher war Scherz und Spiel, Sie sangen, schossen nach dem Ziel, Und tanzten in die Runde: Es schenkten manchen Becher Wein Die Mädchen ihren Buhlen ein In dieser frohen Stunde.
Und als ich schaute rund umher, Ward mir das Herz im Busen schwer; Denn ach, mich kannte Keiner! Mich fragte Keiner liebentglüht: Was ist die Wange dir verblüht? Was fehlt dir, stiller Weiner?
Der Abend nahte dunkelgrau, Die Blumen füllten sich mit Tau, Der Himmel mit Gestirnen; Doch immer hüpften ihren Tanz Im Abendrot, im Sternenglanz Die Knaben und die Dirnen.
Und weil ich stund am jähen Rand, Stieß mich hinab die Felsenwand Der Menge bunt Gewimmel: Da haschten mich die Wolken auf, Und trugen mich hinauf, hinauf, In ihren schönen Himmel.
XXXII.
Den Körper, den zu bilden Natur hat aufgewendet all ihr Lieben, Den ihre Hand mit milden Begrenzungen umschrieben, Den aus dem reinsten Golde sie getrieben:
O woll ihn rein bewahren, Und laß dich nicht zum eitlen Spiel verlocken, Zum Spiele voll Gefahren, Und weiche weg erschrocken, Wenn eine Hand sich naht den goldnen Locken!
Wiewohl dein ganzes Wesen Aus leicht entzündbarn Stoffen scheint zu stammen, Zur Liebe scheint erlesen, Laß doch dich nicht entflammen, Sonst schlägt die Glut dir überm Haupt zusammen!
XXXIII. Irrender Ritter
Ritter ritt ins Weite, Durch Geheg und Au, Plötzlich ihm zur Seite Wandelt schöne Frau.
Keusch in Flor gehüllet War sie, doch es hing Flasche wohl gefüllet Ihr am Gürtelring.
Ritter sah es blinken, Lüstern machte Wein, Sagte: Laß mich trinken! Doch sie sagte: Nein!
Grimmig schaute Ritter, Der es nicht ertrug: Frau verhöhnt er bitter, Raubet schönen Krug.
Als er den geleeret, Fühlt er sich so krank; Ach, für Wein bescheret Ward ihm Liebestrank.
Nun durchschweift er Gründe, Felder, Berge wild, Klaget alte Sünde, Suchet Frauenbild.
Stimme läßt er schallen, Holt es nirgend ein: Waldes Nachtigallen Hören Ritters Pein.
XXXIV.
Wie rafft ich mich auf in der Nacht, in der Nacht, Und fühlte mich fürder gezogen, Die Gassen verließ ich, vom Wächter bewacht, Durchwandelte sacht In der Nacht, in der Nacht, Das Tor mit dem gotischen Bogen.
Der Mühlbach rauschte durch felsigen Schacht, Ich lehnte mich über die Brücke, Tief unter mir nahm ich der Wogen in Acht, Die wallten so sacht In der Nacht, in der Nacht, Doch wallte nicht Eine zurücke.
Es drehte sich oben, unzählig entfacht, Melodischer Wandel der Sterne, Mit ihnen der Mond in beruhigter Pracht, Sie funkelten sacht In der Nacht, in der Nacht, Durch täuschend entlegene Ferne.
Ich blickte hinauf in der Nacht, in der Nacht, Ich blickte hinunter aufs neue: O wehe, wie hast du die Tage verbracht! Nun stille du sacht In der Nacht, in der Nacht, Im pochenden Herzen die Reue!
XXXV.
Sollen namenlos uns länger Tag' um Tage so verstreichen? Kommt, verliebte Müßiggänger, Trinker, kommt, die Stunden schleichen: Sammelt rings euch um den Sänger, Daß er sei bei seinesgleichen!
Was Vernünft'ge hoch verehren, Taugte Jedem, der's verstünde; Doch zu schwer sind ihre Lehren, Zu verborgen ihre Gründe: Sie, die von der Tugend zehren, Ließen übrig uns die Sünde.
Was wir fühlen, was wir denken, Halten drum wir im Geheimen, Denn wer möcht ein Korn versenken, Wenn's noch nicht vermag zu keimen? Laßt indes uns in den Schenken Liebliche Gedichte reimen!
XXXVI.
Gern gehorcht des Herzens Trieben Wer ein heitres Leben lebet: Manches ist ihm ausgeblieben, Doch er hoffet, doch er strebet, Doch er hört nicht auf zu lieben!
Denn kein Schiffer soll verzagen, Hat ihn auch die Flut betrogen: Was er will, das muß er wagen, Und er gönnt sein Schiff den Wogen, Und er weiß, sie werden tragen.
Was am höchsten oft erhoben, Lockt am kühnsten die Verwegnen, Die sich das Versagte loben, Und sie müssen ihm begegnen, Und sie müssen es erproben!
Wenn ihr suchet ohne Wanken, Was das Leben kann erfrischen, Bleiben jung euch die Gedanken; Weil sie ewig jung nur zwischen Hoffen und Erfüllen schwanken.
Mögt ihr diesen Sinn bewahren, Die ihr stille Wünsche traget, Trotz Beschwerden, trotz Gefahren: Wenn das Leben was versaget, Müßt ihr's früh genug erfahren!
Was uns Der und Jener zeiget, Laßt uns dem das Ohr verstopfen, Bis das Herz im Busen schweiget; Denn beginnt das Herz zu klopfen, Weiß es wohl, wohin sich's neiget!
XXXVII.
Ich möchte gern mich frei bewahren, Verbergen vor der ganzen Welt, Auf stillen Flüssen möcht ich fahren, Bedeckt vom schatt'gen Wolkenzelt.
Von Sommervögeln übergaukelt, Der ird'schen Schwere mich entziehn, Vom reinen Element geschaukelt, Die schuldbefleckten Menschen fliehn.
Nur selten an das Ufer streifen, Doch nie entsteigen meinem Kahn, Nach einer Rosenknospe greifen, Und wieder ziehn die feuchte Bahn.
Von ferne sehn, wie Herden weiden, Wie Blumen wachsen immer neu, Wie Winzerinnen Trauben schneiden, Wie Schnitter mähn das duft'ge Heu.
Und nichts genießen, als die Helle Des Lichts, das ewig lauter bleibt, Und einen Trunk der frischen Welle, Der nie das Blut geschwinder treibt.
Antwort
Was soll dies kindische Verzagen, Dies eitle Wünschen ohne Halt? Da du der Welt nicht kannst entsagen, Erobre dir sie mit Gewalt!
Und könntest du dich auch entfernen, Es triebe Sehnsucht dich zurück; Denn ach, die Menschen lieben lernen, Es ist das einz'ge wahre Glück!
Unwiderruflich dorrt die Blüte, Unwiderruflich wächst das Kind, Abgründe liegen im Gemüte, Die tiefer als die Hölle sind.
Du siehst sie, doch du fliehst vorüber, Im glücklichen, im ernsten Lauf, Dem frohen Tage folgt ein trüber, Doch alles wiegt zuletzt sich auf.
Und wie der Mond, im leichten Schweben, Bald rein und bald in Wolken steht, So schwinde wechselnd dir das Leben, Bis es in Wellen untergeht.
XXXVIII.
Du denkst, die Freude festzuhalten, Du bist nur um so mehr geplagt: O laß die Tage mit dir schalten, Und tun, was ihnen wohlbehagt! Soll dir das Leben stets gefallen, Das nie auf Dauer sich verstand, So laß das Schönste wieder fallen, Und schließe nicht zu fest die Hand!
Vermöcht ich doch gelind zu träufen In deine Brust, wenn Schmerz und Wut Sie oft vergeblich überhäufen, Nur wen'ge Tropfen leichtes Blut! O suche ruhig zu verschlafen In jeder Nacht des Tages Pein; Denn wer vermöchte Gott zu strafen, Der uns verdammte, Mensch zu sein!
XXXIX. Tristan
Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, Ist dem Tode schon anheimgegeben, Wird für keinen Dienst auf Erden taugen, Und doch wird er vor dem Tode beben, Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!
Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe, Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen, Zu genügen einem solchen Triebe: Wen der Pfeil des Schönen je getroffen, Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe!
Ach, er möchte wie ein Quell versiechen, Jedem Hauch der Luft ein Gift entsaugen, Und den Tod aus jeder Blume riechen: Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, Ach, er möchte wie ein Quell versiechen!
XL.
Was ruhst du hier am Blütensaum Der sommerlichen Sprudelquelle, Und siehst entstehn und siehst vergehn den Schaum? So ruhn wir Menschen auf des Lebens Schwelle, Und was wir hoffen, was wir suchen stets, Ein leichter Hauch gebiert's, ein leichter Hauch verweht's.
Es übt sich mehr und mehr das Herz, Und stählt sich, daß von Tag zu Tage Mit größerm Mut es immer neuen Schmerz, Und immer neuen Kummer trage: Erringen quält, Errungnem droht Verlust, Und ew'ge Sehnsucht hebt die bange Jünglingsbrust.
Drum preis ich den, der nicht begehrt! Was wäre hier im leichten Staube Des Suchens oder Findens wert? Nach höhrem Ziel verweist der höhre Glaube; Hier ist es nicht, wo jedes Ding verletzt, Jenseits des Lebens ward dein Ziel hinausgesetzt!
Im Geiste strebe zu entfliehn Den Schranken dieser Menscheninnung, Und laß am Busen dir vorüberziehn Die Stimmungen der wechselnden Gesinnung; Dann trübt der Klarheit innern Spiegel nie, Durch Lieb und Sorg und Haß, die rege Phantasie.
Laß Andre denn mit ird'schem Blick Nach ihren bunten Zwecken haschen, Sobald Geschick sie oder Mißgeschick Im steten Wandel spielend überraschen: Geschäftig sind sie, doch ihr Tun ist leer, Und schnellzerstörend folgt das Schicksal hinterher.
XLI.
O schöne Zeit, in der der Mensch die Menschen lieben kann! Auf meinem Herzen liegt ein Fluch, auf meinem Geist ein Bann.
Erst litt ich manche heiße Qual, nun find ich Lieb und Glück; Doch solch ein schönes Hochgefühl, ich geb es nicht zurück!
Voll Ruhe, doch wie freudenlos durchschweif ich West und Ost: Auf namenlose Gluten folgt ein namenloser Frost.
Und drückt ein Mensch mir liebevoll und leise nur die Hand, Empfind ich gleich geheimen Schmerz und tiefen Widerstand.
Was stellt sich mir mit solchem Glanz dein holdes Wesen dar, Als wär ich noch so warm, so voll, wie meine Jugend war.
XLII.
Wie stürzte sonst mich in so viel Gefahr Ein krausgelocktes Haar, Und eines Feuerauges dunkler Blitz, Und ach, zum Lächeln stets bereit, Der Rede holder Sitz, Ein süßer Mund voll schöner Sinnlichkeit! Da wähnt ich noch, als wäre der Besitz Das einz'ge Gut auf diesem Lebensgang. Und nach ihm rang Mein junger Sinn und mein betörter Witz.
Da sah ich bald im Wandel der Gestalt Vor mir die Jugend alt, Und jede schön geschwungne Form verschwand; Und ach, wonach ich griff in Hast, Entfloh dem Unverstand, Und nie Beseßnes wurde mir zur Last: Bis ich zuletzt, nicht ohne Schmerz, empfand, Daß alles Schöne, was der Welt gehört, Sich selbst zerstört, Und nicht erträgt die rohe Menschenhand.
So ward ich ruhiger und kalt zuletzt, Und gerne möcht ich jetzt Die Welt, wie außer ihr, von ferne schaun: Erlitten hat das bange Herz Begier und Furcht und Graun, Erlitten hat es seinen Teil von Schmerz, Und in das Leben setzt es kein Vertraun; Ihm werde die gewaltige Natur Zum Mittel nur, Aus eigner Kraft sich eine Welt zu baun.
B. Gelegenheitsgedichte
Kloster Königsfelden
1816
In der Kapelle Wölbung trat ich ein, Verödet feiernd nun ins Ketzers Land; Kein Priester opfert mehr hier Brot und Wein, Kein weißer Knabe geht ihm fromm zur Hand.
Schlicht ist die Wand und ohne Schmuck und Gold, Doch stellt in Bildern sie den tapfern Chor, Den gegen Sempach führte Leopold, Und der des Heldentods sich freute, vor.
Bei Jedem seht ihr Wappen, Nam und Schild, Und knieend flehn sie hier um Gottes Huld; In ihrer Mitte hangt des Führers Bild: Du stolzes Herz, du hast gebüßt die Schuld!
Du hast erfahren, was ein Volk vermag, Das für den eignen Herd die Fahne trägt: So sterbe Jeder bis auf diesen Tag, Wer einen freien Mann in Ketten schlägt!
Und hier, wo sonst sich ein Altar erhub, Erlag ein andrer mächtiger Tyrann: Im falschen Busen seines Ohms begrub Den vatermörderischen Dolch Johann.
Im Tode brach hier Alberts harter Sinn, Der seinem Volk Freiheit verhielt und Recht; Allein der Ungarn stolze Königin Verdarb die Mörder und ihr ganz Geschlecht.
Selbst Greis und Säugling unterlag der Wut; Es schwur die Königin, als wär's in Tau, Zu baden sich in ihrer Feinde Blut: Hebt sich so wild der Busen einer Frau?
Dies Kloster bauend, wo der Vater starb, Belud Altäre sie mit fremdem Raub, Wo im Gebet sie um den Himmel warb; Doch solchen Taten ist der Himmel taub!
Christnacht
1819
Der Engel der Verkündigung
Seraphim'sche Heere, Schwingt das Goldgefieder Gott dem Herrn zur Ehre, Schwebt vom Himmelsthrone Durchs Gewölk hernieder, Süße Wiegenlieder Singt dem Menschensohne!
Ein Hirte
Was seh ich? Umgaukelt mich Schwindel und Traum? Ein leuchtender Saum Durchwebt den azurenen, ewigen Raum, Es schreitet die Sterne des Himmels entlang, Mit leisem Gesang, Der seligen Scharen musikischer Gang.
Chor der Hirten
Die Engel schweben singend Und spielend durch die Lüfte, Und spenden süße Düfte, Die Liljenstäbe schwingend.
Chor der Seraphim
Wohlauf, ihr Hirtenknaben, Es gilt dem Herrn zu dienen, Es ist ein Stern erschienen, Ob aller Welt erhaben.
Chor der Hirten
Wie aus des Himmels Toren Sie tief herab sich neigen!
Chor der Seraphim
Laßt Eigentriebe schweigen, Die Liebe ward geboren!
Der Engel der Verkündigung
Fromme Glut entfache Jedes Herz gelind, Eilt nach jenem Dache, Betet an das Kind!
Jener heißerflehte Hort der Menschen lebt, Der euch im Gebete Lange vorgeschwebt.
Traun! Die Macht des Bösen Sinkt nun fort und fort, Jener wird erlösen Durch das Eine Wort.
Chor der Hirten
Preis dem Geborenen Bringen wir dar, Preis der erkorenen Gläubigen Schar.
Engel mit Liljen Stehn im Azur, Fromme Vigilien Singt die Natur:
Der den kristallenen Himmel vergaß, Bringt zu Gefallenen Ewiges Maß!
Der Engel der Verkündigung
Schon les ich in den Weiten Des künft'gen Tages bang, Ich höre Völker schreiten, Sie atmen Untergang.
Es naht der müden Erde Ein frischer Morgen sich, Auf dieses Kindes "Werde" Erblüht sie jugendlich.
Chor der Seraphim
Vergeßt der Schmerzen jeden, Vergeßt den tiefen Fall, Und lebt mit uns im Eden, Und lebt mit uns im All!
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