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Fitzebutze
Lieber ßöner Hampelmann, deine Detta sieht dich an! Ich bin dhoß, und Du bist tlein; willst du Fitzebutze sein? Tomm! Tomm auf Haterns dhoßen Tuhl, Vitzlibutzki, Blitzepul! Hater sagt, man weiß es nicht, wie man deinen Namen sp'icht. Pst! Pst, sagt Hater, Fitzebott war eimal ein lieber Dott, der auf einem Tuhle saß und sebratne Menßen aß. Huh! Huh, sei dut, ich bin so tlein und will immer a'tig sein. Fitzebutze, du bist dhoß; kleine Detta spaßt ja bloß. Ja? Ja, ich bin dir wirktlich dut! Willst du einen neuen Hut? Tlinglingling: wer b'ingt das Band? Königin aus Mohrenland! Tnicks! Tnix, ich bin F'au Tönidin, hab zvei Lippen von Zutterrosin; Fitzebutze, sieh mal an, ei, wie Detta tanzen kann! Hoppß! Hopßa, hopßa, hopßassa; Tönigin von Af'ika! Flitzeputzig, Butzebein, wann soll unse Hochzeit sein? Du! Du! Mein tleiner lieber Dott! Du?! sonst geh ich von dir fo't! - Ach, du dummer Hampelmann, siehst ja Detta garnicht an! Marsch! -
Frecher Bengel
Ich bin ein kleiner Junge, ich bin ein großer Lump. Ich habe eine Zunge und keinen Strump.
Ihr braucht mir keinen schenken, dann reiß ich mir kein Loch. Ihr könnt euch ruhig denken: Jottedoch!
Ich denk von euch dasselbe. Ich kuck euch durch den Lack. Ich spuck euch aufs Gewölbe. Pack!
Freund Husch
Husch, husch, husch, ich putze meinen Busch. Der Mond ist da, der Mond ist hell; der Mond, der ist mein Spielgesell, husch.
Husch, husch, husch, ich schlüpfe aus dem Busch. Ich stecke mein Laternchen an, ich zünde uns die Sternchen an, husch.
Husch, husch, husch, ich schüttel meinen Busch. Die Kinderchen sind all zur Ruh, ich schüttel ihnen Träume zu; die haben wir vergangne Nacht, der Mond und ich, uns ausgedacht, husch.
Husch, husch, husch, ich schlüpfe in den Busch. Ich puste mein Laternchen aus, ich suche mir ein Sternchen aus, das laß ich droben Wache stehn, nun kann ich ruhig schlafen gehn, husch, husch, husch, im Busch.
Geheimnis
In die dunkle Bergsschlucht kehrt der Mond zurück. Eine Stimme singt am Wassersturz: O Geliebtes, deine höchste Wonne und dein tiefster Schmerz Sind mein Glück.
Helle Nacht
Weich küßt die Zweige der weiße Mond. Ein Flüstern wohnt im Laub, als neige, als schweige sich der Hain zur Ruh: Geliebte du -
Der Weiher ruht, und die Weide schimmert. Ihr Schatten flimmert in seiner Flut, und der Wind weint in den Bäumen: wir träumen - träumen -
Die Weiten leuchten Beruhigung. Die Niederung hebt bleich den feuchten Schleier hin zum Himmelssaum: o hin - o Traum - -
Herr und Herrin
Ein Mann: Da du so schön bist, darf ich dich beschwören, errege nicht mein leicht erregtes Blut. Da du so schön bist, kann ich dir nicht wehren, daß deine Hand zu sehr in meiner ruht. Da du so schön bist, muß ich dich begehren, denn alle Schönheit ist mir freies Gut. Da du so schön bist, will ich dich zerstören, damit es nicht ein Andrer tut... Das Weib: Da du so stark bist, darfst du mich begehren, doch meine Schönheit bleibt mein freies Gut. Da du so stark bist, kannst du mich zerstören, wenn dir die Tat nicht selbst zu wehe tut. Da du so stark bist, mußt du mir beschwören, daß du beschützen wirst mein schutzlos Blut. Da du so stark bist, will ich dir nicht wehren, daß deine Hand in meiner ruht...
Himmelfahrt
Schwebst du nieder aus den Weiten, Nacht mit deinem Silberkranz? Hebt in deine Ewigkeiten mich des Dunkels milder Glanz?
Als ob Augen liebend winken: alle Liebe sei enthüllt! als ob Arme sehnend sinken: alle Sehnsucht sei erfüllt -
strahlt ein Stern mir aus den Weiten, alle Ängste fallen ab, seligste Versunkenheiten, strahlt und strahlt und will herab.
Und es treiben mich Gewalten ihm entgegen, und er sinkt - und ein Quellen, ein Entfalten seines Scheines nimmt und bringt
und erlöst mich in die Zeiten, da noch keine Menschen sahn, wie durch Nächte Sterne gleiten, wie den Seelen Rätsel nahn.
Hoch in der Frühe
Sieh, wie wir zu den Sternen aufsteigen! Unsern glückstrahlenden Augen leuchtet der Schnee der Gebirge, bald blitzt dort unten die Sonne durch. O! Schon röten sich Tiefen und Höhen: durch den Rauch unsrer Atemzüge, bis über das fernste Fünkchen dort oben fern hinauf Schimmert die Nacht deiner Geburt, glänzt der Tag unsrer Himmelfahrt.
Ideale Landschaft
Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn, und eine hohe Abendklarheit war, und sahst nur immer weg von mir, ins Licht, ins Licht - und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.
Immer wieder
Ehe wir uns trennen konnten, oh, wie hielt mich dein Gesicht, sahen wir noch Einmal, dicht, dicht an deinem mein Gesicht, in den Winterwald zurück, wo die Bäume sich noch sonnten, wo die Abendwolken prangten, wo ins feuergoldne Licht die verworrnen Zweige langten, und wir baten Gott um Glück.
Jesus bettelt
Schenk mir deinen goldnen Kamm; jeder Morgen soll dich mahnen, daß du mir die Haare küßtest. Schenk mir deinen seidnen Schwamm; jeden Abend will ich ahnen, wem du dich im Bade rüstest - oh, Maria!
Schenk mir Alles, was du hast; meine Seele ist nicht eitel, stolz empfang ich deinen Segen. Schenk mir deine schwerste Last: willst du nicht auf meinen Scheitel auch dein Herz, dein Herz noch legen - Magdalena?
Käuzchenspiel
Kinder, kommt, verzählt euch nicht, jeder hat zehn Zehen; wer die letzte Silbe kriegt, der muß suchen gehen. Suche, suche, warte noch, Käuzchen schreit im Turmloch, macht zwei Augen wie Feuerschein, die leuchten in die Nacht hinein, fliegt aus seinem Häuschen, sucht im Feld nach Mäuschen, husch, husch, huh, das Käuzchen, das - bist - du! -
Klarer Tag
Der Himmel leuchtet aus dem Meer; ich geh und leuchte still wie er.
Und viele Menschen gehn wie ich, sie leuchten alle still für sich.
Zuweilen scheint nur Licht zu gehn und durch die Stille hinzuwehn.
Ein Lüftchen haucht den Strand entlang: o wundervoller Müßiggang.
Leises Lied
In einem stillen Garten An eines Brunens Schacht, Wie wollt' ich gerne warten Die lange graue Nacht!
Viel helle Lilien blühen Um des Brunens Schlund; Drin schwimmen golden die Sterne, Drin badet sich der Mond.
Und wie in den Brunnen schimmern Die lieben Sterne hinein, Glänzt mir im Herzen immer Deiner lieben Augen schein.
Die Sterne doch am Himmel, Die stehen all' so fern; In deinem stillen Garten Stünd' ich jetzt so gern.
Letzte Bitte
Lege deine Hand auf meine Augen, daß mein Blut wie Meeresnächte dunkelt: fern im Nachen lauscht der Tod.
Lege deine Hand auf meine Augen, bis mein Blut wie Himmelsnächte funkelt: silbern rauscht das schwarze Boot.
Lied an meinen Sohn
Der Sturm behorcht mein Vaterhaus, mein Herz klopft in die Nacht hinaus, laut; so erwacht ich vom Gebraus des Forstes schon als Kind. Mein junger Sohn, hör zu, hör zu: in deine ferne Wiegenruh stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.
Einst hab ich auch im Schlaf gelacht, mein Sohn, und bin nicht aufgewacht vom Sturm; bis eine graue Nacht wie heute kam. Dumpf brandet heut im Forst der Föhn, wie damals, als ich sein Getön vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.
Horch, wie der knospige Wipfelsaum sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum; mein Sohn, in deinen Wiegentraum zornlacht der Sturm - hör zu, hör zu! Er hat sich nie vor Furcht gebeugt! horch, wie er durch die Kronen keucht: sei Du! sei Du! -
Und wenn dir einst von Sohnespflicht, mein Sohn, dein alter Vater spricht, gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht: horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut! Horch, er bestürmt mein Vaterhaus, mein Herz tönt in die Nacht hinaus, laut - -
Maifeierlied
Es war wohl einst am ersten Mai, viel Kinder tanzten in Einer Reih, arme mit reichen, und hatten die gleichen vielen Stunden zur Freude frei.
Es ist auch heute erster Mai, viel Männer schreiten in Einer Reih, dumpf schallt ihr Marschgestampf, heut hat man ohne Kampf keine Stunde zur Freude frei.
Doch kommt wohl einst ein erster Mai, da tritt alles Volk in Eine Reih, mit Einem Schlage hat's alle Tage ein paar Stunden zur Freude frei.
Manche Nacht
Wenn die Felder sich verdunkeln, fühl ich, wird mein Auge heller; schon versucht ein Stern zu funkeln, und die Grillen wispern schneller.
Jeder Laut wird bilderreicher, das Gewohnte sonderbarer, hinterm Wald der Himmel bleicher, jeder Wipfel hebt sich klarer.
Und du merkst es nicht im Schreiten, wie das Licht verhundertfältigt sich entringt den Dunkelheiten. Plötzlich stehst du überwältigt.
Mannesbangen
Du mußt nicht meinen, ich hätte Furcht vor dir. Nur wenn du mit deinen scheuen Augen Glück begehrst und mir mit solchen zuckenden Händen wie mit Dolchen durch die Haare fährst, und mein Kopf liegt an deinen Lenden: dann, du Wehrlose, beb ich vor dir...
Mein Trinklied
Noch eine Stunde, dann ist Nacht; trinkt, bis die Seele überläuft, Wein her, trinkt! Seht doch, wie rot die Sonne lacht, die dort in ihrem Blut ersäuft; Glas hoch, singt! Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben, djagloni gleia glühlala! Klingklang, seht: schon welken die Reben. Aber sie haben uns Trauben gegeben! Hei! -
Noch eine Stunde, dann ist Nacht. Im blassen Stromfall ruckt und blinzt ein Geglüh: der rote Mond ist aufgewacht, da kuckt er übern Berg und grinst: Sonne, hüh! Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben: Mund auf, lacht! Das klingt zwar sündlich, klingklang, sündlich! Aber eben: trinken und lachen kann man bloß mündlich! Hüh! -
Noch eine Stunde, dann ist Nacht; wächst übern Strom ein Brückenjoch, hoch, o hoch. Ein Reiter kommt, die Brücke kracht; saht ihr den schwarzen Reiter noch? Dreimal hoch!!! Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben, djagloni, Scherben, klirrlala! Klingklang: neues Glas! Trinkt, wir schweben über dem Leben, an dem wir kleben! Hoch! -
Nach einem Regen
Sieh, der Himmel wird blau; die Schwalben jagen sich wie Fische über den nassen Birken. Und du willst weinen? In deiner Seele werden bald die blanken Bäume und blauen Vögel ein goldnes Bild sein. Und du weinst? Mit meinen Augen seh ich in deinen zwei kleine Sonnen. Und du lächelst.
Nacht für Nacht
Still, es ist ein Tag verflossen. Deine Augen sind geschlossen. Deine Hände, schwer wie Blei, liegen dir so drückend ferne. Um dein Bette schweben Sterne, dicht an die vorbei. Still, sie weiten dir die Wände: Gib uns her die schweren Hände, sieh, der dunkle Himmel weicht - deine Augen sind geschlossen, still, du hast den Tag genossen, dir wird leicht -
Narzissen
Weißt du noch, wie weiß, wie bleich in den Maiendämmerungen, wenn ich lag, von dir umschlungen, dir zu Füßen hingerissen, um uns schwankten die Narzissen?
Weißt du noch, wie heiß, wie weich in den blauen Juninächten, wenn wir, müde von den Küssen, um uns flochten deine Flechten, Düfte hauchten die Narzissen?
Wieder leuchten dir zu Füßen, wenn die Dämmerungen sinken, wenn die blauen Nächte blinken, wieder duften die Narzissen. Weißt du noch, wie heiß? wie bleich?
Nun erst
Hab Dank! wir waren Mann und Weib, es ist geschehn; nun laß uns wieder aufrecht gehn, allein und klar. Wir wollen uns nicht trüb gebärden; wir können nun erst Freunde werden, ganz und wahr.
Du weißt ja gut, wie's enden kann; am Weg ins Tal, du sahst, da lag es, einsam, kahl, das alte Liebesgrab im Wald. Es war nicht Zufall, was dich führte: ich wollte prüfen, wie's dich rührte: du lachtest kalt.
Das tat mir wohl, das klang so frei aus dir heraus in mich herein. Doch unten lag im Abendschein der dunkle See. Im Wasser spielten lange Streifen; die schienen glühend sich zu greifen, der Nix die Fee.
Die Sonne sank; die Wasserglut ist nun zur Ruh. Das war nicht Ich, das warst nicht Du, was uns bezwang. Denn ob wir unser mächtig waren, das soll sich nun erst offenbaren. Hab Dank!
Orientalisches Potpourri
Gestern Nachmittag, meine braune Geliebte, die du nach Ruhm begehrst vor allen Frauen deines Volkes, saß ich in einem Treibhaus, und von allen Palmen und andern Gewächsen flogen mir neue Gedichte zu.
Hier ist eins von einem Agavenwildling:
Meine Geliebte! Grau in staubiger Wüste stand mein dorniges Blattwerk jahrlang mit durstig schwellendem Fleisch. Plötzlich schoß über Nacht ein steiler Schaft, knospengekrönt, aus dem staubgrauen Schoß in die feurige Morgenluft. Schick mir zu Mittag, Geliebte, deine tausend durstigen braunen Bienen: viertausend goldgelbe Blütenglöckchen haben sich aufgetan und triefen, triefen, triefen von Honigsaft.
Oder eins von einer verschulten Musa:
Meine Geliebte! Wen mit deinen üppig langen Blättern willst du denn umfangen, die du überreichlich treibst? Fühlst du nicht den Abend glühen? Wenn du ohne Blüte bleibst, Schönste, kannst du nie verblühen, Ärmste, nie mit Früchten prangen.
Oder von einer seltnen Wasserviole:
Meine Geliebte! Mondblau steht mein Kahn, himmeltief der See; fern beim hellen Uferschilf ziehn zwei weiße Enten ihre Bahn. Sehnsüchtig und rot spiegelt sich mein Mund: tauche auf, Geliebte, Dunkle, aus dem blauen Grund, hol mich in den Himmel!
Oder von einem gewöhnlichen Igelkaktus:
Meine Geliebte! ich bin so rund wie die Erde, mein Fleisch hat Heilkraft, und meine Blume ist zum Küssen schön. Aber hebe mich nicht aus meinem Erdreich: mein Fleisch hat Stacheln, und leicht entroll ich deiner Hand. Willst du mich küssen, bitte, knie nieder!
Solche Gedichte, meine braune Geliebte, könnt ich dir noch viertausend und einige dichten an Einem Nachmittag; und die würden meine vielen verehrten neuen deutschen und neuesten jüdischdeutschen lyrischen Brüder sicher furchtbar rühmen -
Aber du bist mir zu lieb dazu...
Predigt ans Großstadtvolk
Ja, die Großstadt macht klein. Ich sehe mit erstickter Sehnsucht durch tausend Menschendünste zur Sonne auf; und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen seines Kiefern- und Eichen-Forstes wie ein Zaubermeister ausnimmt, ist zwischen diesen prahlenden Mauern nur ein verbauertes altes Männchen. O laßt euch rühren, ihr Tausende! Einst sah ich euch in sternklarer Winternacht zwischen den trüben Reihen der Gaslaternen wie einen ungeheuren Heerwurm den Ausweg aus eurer Drangsal suchen; dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen von Freiheit, Gleichheit und dergleichen. Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen: sie wurzeln fest und lassen sich züchten, und jeder bäumt sich anders zum Licht. Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste, euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen, ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern - so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch! vorwärts! rückt aus! -
Rückblick
In diesem Jahr verlor ich einen Freund. Hier unterm Nußbaum sprachen wir uns aus. Das Laub wird gelb; es wartet auf den Wind. Ist das der Schluß?
Hier unterm Nußbaum gab mir eine Frau in diesem Jahr errötend ihre Hand. Still weht ein Blatt und treibt ins welke Gras. Ist das der Schluß?
In diesem Jahr... Vor meine Füße fällt ein dumpfer Schlag zu Boden und zerplatzt, und aus der Kapsel rollt die rauhe Frucht. Das ist der Schluß!
Staatsereignis
Hurrra, zum ersten Mal: Mutter, der Peter, hurra, jetzt geht er! Kuck, ganz alleinechen setzt er die Beinechen, ganz wie zur Reichstagswahl, wie Onkel Wackelpfahl! Aua, Geschrei: bautz, vorbei!
Stiller Gang
Der Abend graut; Herbstfeuer brennen. Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei. Kaum ist mein Weg noch zu erkennen. Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen. Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei. Vorbei.
Stromüber
Der Abend war so dunkelschwer, und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn; die Andern lachten um uns her, als fühlten sie den Frühling nahn.
Der weite Strom lag stumm und fahl, am Ufer floß ein schwankend Licht, die Weiden standen starr und kahl. Ich aber sah dir ins Gesicht
und fühlte deinen Atem flehn und deine Augen nach mir schrein und - eine Andre vor mir stehn und heiß aufschluchzen: Ich bin dein!
Das Licht erglänzte nah und mild; im grauen Wasser, schwarz, verschwand der starren Weiden zitternd Bild. Und knirschend stieß der Kahn ans Land.
Träume, träume, du mein süßes Leben
Träume, träume, du mein süßes Leben, Von dem Himmel, der die Blumen bringt. Blüten schimmern da, die leben Von dem Lied, das deine Mutter singt.
Träume, träume, Knospe meiner Sorgen, Von dem Tage, da die Blume sproß; Von dem hellen Blütenmorgen, Da dein Seelchen sich der Welt erschloß.
Träume, träume, Blüte meiner Liebe, Von der stillen, von der heilgen Nacht, Da die Blume seiner Liebe Diese Welt zum Himmel mir gemacht.
Und du kamest in mein Haus
Und du kamest in mein Haus, kamst mit deinen schwarzen Blicken; sah ich ferne Palmen nicken und du gavst mir deinen Strauß.
Gabst die zitternden Narzissen, die wir in der Wildnis pflückten. Deine schwarzen Locken schmückten meines Divans rote Kissen.
Kehre wieder in mein Haus, laß die wilden Blumen blühen, unsre junge Lippen glühen, Gib mir, gib mir deinen Strauß!
Unsre Stunde
Es dunkelt schon. Komm, geh nach Haus. Komm! das Kastanien-Blattgewühl streckt sich wie Krallen nach uns aus. Es ist zu einsam hier, zu schwül für uns.
Denn sieh: die Linien deiner Hand laufen den meinen viel zu gleich. Du schienst mir plötzlich so verwandt, so vorbekannt; vielleicht aus einem andern Reich.
Ich hatt 'ne Schwester, die ist tot. Sei nicht so stumm, als wärst du taub! Die Abendwolke dampft so rot durchs junge Laub, als ob sie uns Blutschande droht.
Horch! ja, so wild und unverwandt, wie jetzt die Nachtigall da schlug, zittert dein Herz in meiner Hand. Wir wissen es; das ist genug für uns.
Unterm jungen Birnbaum
Unterm jungen Birnbaum standest du. An die ersten kleinen grünen Früchte rührtest du entzückt mit zartem Finger; letzte Blüten wehten um dich nieder.
Unterm jungen Birnbaun stand auch ich. Meine harten Hände rührten nicht an die kleinen grünen ersten Früchte; letzte Blüten wehten um mich nieder.
Unterwegs
Vor meinem Lager liegt der helle Mondschein auf der Diele. Mir war, als fiele auf die Schwelle das Frühlicht schon; mein Auge zweifelt noch.
Und ich hebe mein Haupt und sehe, sehe den fremden Mond in seiner Höhe glänzen. Und ich senke, senke mein Haupt und denke an meine Heimat.
Vergißmeinnicht
Vergißmeinnicht in einer Waffenschmiede - was haben die hier zu tun? Sollte heimlich der Friede hinterm Hause am Bache ruhn? Dumpf fallen die Hämmer in hartem Takt: Angepackt, angepackt, die Arbeit muß zu Ende! Und das Eisen glüht, und das Wasser zischt, und wenn der Schwalch die Flamme auffrischt, glänzen die schwarzen Hände. Aber manchmal blickt ein rußig Gesicht still nach dem himmelblau blühenden Strauß. Dann scheint's, eine Stimme singt hinterm Haus: Vergiß mein nicht!
Verhör
Du liegst sehr blaß in deinen weißen Kissen, und deine matten Lippen sind zerrissen; hattest du sehr viel Schmerz? - »Ich weiß nicht mehr.«
Du siehst sehr träumerisch zur Zimmerdecke, sieh nach dem Bettchen drüben in der Ecke: liebst du dein Kindchen sehr? - »Ich weiß noch nicht.«
Schriebst du zuweilen, wenn die Wehen kamen, mit deinen irren Fingern meinen Namen auf deine Bettdecke? - »Du weißt es ja.«
Kannst du noch immer, ohne hinzudenken, dein Kind und seinen Vater ruchlos kränken und mit mir selig sein? - »Weißt du das nicht?«
Vierter Klasse
Es rollt und rüttelt und dröhnt und dampft und klirrt und rasselt und stürmt und stampft; an kreisenden Feldern vorüber im Flug durch Pommerns Ebne keucht der Zug.
Ich schaue und horche und weiß es kaum; ich träume einen stolzen Traum, wie Form geworden der Menschengeist donnernd um Achse und Achse kreist...
Da schreit ein Kindchen neben mir und übertönt das Eisentier. Es klang so weh, mein Traum zerrinnt; so blaß, so mager ist das Kind.
Im Wagen schwankt die Dämmerung, und Gaslicht schwankt und Schattensprung; aus rotgewürfeltem Bettzeug sticht so spitz heraus das kleine Gesicht.
Von Kisten und Kasten eingezwängt, von Säcken und Päcken überdrängt, schaukelt die Mutter ihr Kind zur Ruh und summt ein Wiegenlied dazu.
Und rund herum, bedrückt und schwer, verworrene Worte, hin und her; Gesichter, furchig, knochig, stumpf, und Menschendünste, dick und dumpf.
Zusammengeduckt mit Hab und Gut, mit ihrem letzten bißchen Mut, aus Polen und Preußen sitzen sie da und wollen nach Amerika.
Nur wenn das Wörtchen »drüben« fällt, grünt eine ferne Hoffnungswelt; und Alle atmen tiefer dann, und Alle sehn sich nickend an.
Und durch ihr Munkeln, ihr Geschwärm, durch Rädergepolter und Eisenlärm, wie Stimmen der Erlösung, ziehn der Mutter leise Melodien.
O heiliger Stall von Bethlehem, dein Wunder ist noch heut zu sehn, wenn eine Wöchnerin beglückt ihr Kind in Armut an sich drückt!
Nun schläft's; nun hüllt sie's ein recht warm und legt's behutsam aus dem Arm, und lehnt sich müd an ihren Mann und sieht ihn bang und liebreich an.
Und er versteht den Mutterblick voll Sorge, Furcht und Mißgeschick, und mit der breiten Schwielenhand zeigt er hinaus ins finstre Land:
»Sei ruhig, Marie, du wirst schon sehn, da drüben wird alles anders gehn. Da schaff ich uns eigen Feld und Vieh, da wirst du wieder gesund, Marie.
Du brauchst nicht leben wie ein Hund, ihr werdet beide wieder gesund. Und unser Kind hat, wenn es groß, im neuen Land ein besser Los!«
Und Sorge, Furcht und Mißgeschick vergehen in dem einen Blick, mit dem sich diese Bauernseelen von ihrem Kinde stumm erzählen...
Es rollt und rüttelt und stampft und staucht und dröhnt und rasselt und keucht und faucht; durchs wirbelnde Dunkel in rasendem Flug stürmt weiter und weiter der eiserne Zug.
Ich horche und horche und weiß es kaum; ich träume einen gläubigen Traum, wie Glück begehrend der Menschengeist empor zu neuen Formen kreist...
Im Wagen, schweigend, schwebt die Nacht, der Schlaf schwingt seine Spindel sacht; die Bäuerin ist eingenickt, aufs Knie des Mannes hingebückt.
Der sitzt noch wach mit mir allein; wir gucken uns sacht in die Augen hinein, bis uns der Blick die Zunge lüpft, bis hin und her das Flüstern schlüpft.
Und er erklärt mir, wie es kam, daß sie verkauften ihren Kram, und wie sie der Agent gedingt, der in den Urwald nun sie bringt.
Es war kein neues Wort dabei; es war die alte Litanei von saurem Schweiß und Hungerlohn, an der nur neu des Jammers Ton.
»Und wie dann gar noch Weib und Kind mir schwach und krank geworden sind, da haben wir endlich das Schwerste gewagt, dem Dörfchen Lebewohl gesagt.
Und hat sie auch zuerst geweint, so hat sie doch zuletzt gemeint: fällt's uns auch schwer, wenn nur das Kind ein ander Los als wir gewinnt!«
So schwinden Stationen im Fluge vorbei und Glockensignale und Kellnergeschrei, und bleicher tanzen die Lichter schon: der Morgen steigt auf seinen Thron.
Und um uns her bewegt es sich und reckt und dehnt und regt es sich, und langsam werden Alle wach und blinzeln in den jungen Tag.
Ein Tag von jenen, glanzgeküßt, an denen jeder Halm uns grüßt und jeder Sonnenstrahl das Herz zum Lachen zwingt trotz Not und Schmerz.
Die Fenster auf! o Luft, o Licht! Und Alle drängen sich dicht bei dicht und zeigen hinaus, wo stromumblinkt mit Türmen und Masten Hamburg winkt.
Die Mutter aber, still im Schwarm, nimmt sanft ihr Kindchen in den Arm und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht und - da -: was stiert sie und küßt es nicht?
Was stiert und stiert sie, daß mir graut! Da löst sich ein erstickter Laut, da liegt's im Schoß ihr starr und tot der Vater stammelt: barmherziger Gott!
Im Wagen, plötzlich, wird es stumm; die Bauern blicken scheu herum. Manch Auge zuckt. Die Mutter wimmert: mein Kind, mein Kind! Manch Auge flimmert...
Es kreischt die Maschine, es stockt ihr Lauf, die Schaffner reißen die Türen auf. Ich stehe im brausenden Bahnhofsraum; da stürmt das Leben, es gilt kein Traum.
Es gilt, daß man sich ganz gesteh, wie unerschüttert von Glück und Weh, Zukunft formend der Menschengeist um seine ewige Achse kreist...
Wellentanzlied
Ich warf eine Rose ins Meer, eine blühende Rose ins grüne Meer. Und weil die Sonne schien, Sonne schien, sprang das Licht hinterher, mit hundert zitternden Zehen hinterher. Als die erste Welle kam, wollte die Rose, meine Rose, ertrinken. Als die zweite sie sanft auf ihre Schultern nahm, mußte das Licht, das Licht ihr zu Füßen sinken. Da faßte die dritte sie am Saum, und das Licht sprang hoch, zitternd hoch, wie zur Wehr; aber hundert tanzende Blütenblätter wiegten sich rot, rot, rot um mich her, und es tanzte mein Boot, und mein Schatten auf dem Schaum, und das grüne Meer, das Meer - -
Wirrsal
Weine nicht, mein treues Weib! Jene Andre, die mich auch liebt, die beglückt wohl meinen Leib, aber Du hast meine ganze Seele.
Und du bist ihr nicht verhaßt. Mußt du sie nicht mit mir lieben, die so innig zu mir paßt wie mein ganzer Leib zu meiner Seele?
Sie beglückt doch diesen Leib, den sie liebt und der sie auch liebt, wie er Dich beglückt, mein Weib! Und dann hat sie meine ganze Seele...
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