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Die neunte Elegie
Warum, wenn es angeht, also die Frist des Daseins hinzubringen, als Lorbeer, ein wenig dunkler als alles andere Grün, mit kleinen Wellen an jedem Blattrand (wie eines Windes Lächeln) -: warum dann Menschliches müssen - und, Schicksal vermeidend, sich sehnen nach Schicksal?...
Oh, nicht, weil Glück ist, dieser voreilige Vorteil eines nahen Verlusts. Nicht aus Neugier, oder zur Übung des Herzens, das auch im Lorbeer wäre.....
Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das seltsam uns angeht. Uns, die Schwindendsten. Ein Mal jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nicht mehr. Und wir auch ein Mal. Nie wieder. Aber dieses ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal: irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar.
Und so drängen wir uns und wollen es leisten, wollens enthalten in unsern einfachen Händen, im überfüllteren Blick und im sprachlosen Herzen. Wollen es werden. - Wem es geben? Am liebsten alles behalten für immer... Ach, in den andern Bezug, wehe, was nimmt man hinüber? Nicht das Anschaun, das hier langsam erlernte, und kein hier Ereignetes. Keins. Also die Schmerzen. Also vor allem das Schwersein, also der Liebe lange Erfahrung, - also lauter Unsägliches. Aber später, unter den Sternen, was solls: die sind besser unsäglich. Bringt doch der Wanderer auch vom Hange des Bergrands nicht eine Hand voll Erde ins Tal, die Allen unsägliche, sondern ein erworbenes Wort, reines, den gelben und blaun Enzian. Sind wir vielleicht hier, um zu sagen: Haus, Brücke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, Fenster, - höchstens: Säule, Turm.... aber zu sagen, verstehs, oh zu sagen so, wie selber die Dinge niemals innig meinten zu sein. Ist nicht die heimliche List dieser verschwiegenen Erde, wenn sie die Liebenden drängt, daß sich in ihrem Gefühl jedes und jedes entzückst? Schwelle: was ists für zwei Liebende, daß sie die eigne ältere Schwelle der Tür ein wenig verbrauchen, auch sie, nach den vielen vorher und vor den Künftigen ...., leicht.
Hier ist des Säglichen Zeit, hier seine Heimat. Sprich und bekenn. Mehr als je fallen die Dinge dahin, die erlebbaren, denn, was sie verdrängend ersetzt, ist ein Tun ohne Bild. Tun unter Krusten, die willig zerspringen, sobald innen das Handeln entwächst und sich anders begrenzt. Zwischen den Hämmern besteht unser Herz, wie die Zunge zwischen den Zähnen, die doch, dennoch, die preisende bleibt.
Preise dem Engel die Welt, nicht die unsägliche, ihm kannst du nicht großtun mit herrlich Erfühltem; im Weltall, wo er fühlender fühlt, bist du ein Neuling. Drum zeig ihm das Einfache, das, von Geschlecht zu Geschlechtern gestaltet, als ein Unsriges lebt, neben der Hand und im Blick. Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest bei dem Seiler in Rom, oder beim Töpfer am Nil. Zeig ihm, wie glücklich ein Ding sein kann, wie schuldlos und unser, wie selbst das klagende Leid rein zur Gestalt sich entschließt, dient als ein Ding, oder stirbt in ein Ding -, und jenseits selig der Geige entgeht. - Und diese, von Hingang lebenden Dinge verstehn, daß du sie rühmst; vergänglich, traun sie ein Rettendes uns, den Vergänglichsten, zu. Wollen, wir sollen sie ganz im unsichtbarn Herzen verwandeln in - o unendlich - in uns! Wer wir am Ende auch seien.
Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar in uns erstehn? - Ist es dein Traum nicht, einmal unsichtbar zu sein? - Erde! unsichtbar! Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag Erde, du liebe, ich will. Oh glaub, es bedürfte nicht deiner Frühlinge mehr, mich dir zu gewinnen -, einer, ach, ein einziger ist schon dem Blute zu viel. Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her. Immer warst du im Recht, und dein heiliger Einfall ist der vertrauliche Tod.
Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft werden weniger ....... Überzähliges Dasein entspringt mir im Herzen.
Die zehnte Elegie
Daß ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht, Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln. Daß von den klar geschlagenen Hämmern des Herzens keiner versage an weichen, zweifelnden oder reißenden Saiten. Daß mich mein strömendes Antlitz glänzender mache; daß das unscheinbare Weinen blühe. O wie werdet ihr dann, Nachte, mir lieb sein, gehärmte. Daß ich euch knieender nicht, untröstliche Schwestern, hinnahm, nicht in euer gelöstes Haar mich gelöster ergab. Wir, Vergeuder der Schmerzen. Wie wir sie absehn voraus, in die traurige Dauer, ob sie nicht enden vielleicht. Sie aber sind ja unser winterwähriges Laub, unser dunkeles Sinngrün, eine der Zeiten des heimlichen Jahre -, nicht nur Zeit -, sind Stelle, Siedelung, Lager, Boden, Wohnort.
Freilich, wehe, wie fremd sind die Gassen der Leid - Stadt, wo in der falschen, aus Übertönung gemachten Stille, stark, aus der Gußform des Leeren der Ausguß prahlt: der vergoldete Lärm, das platzende Denkmal. O, wie spurlos zerträte ein Engel ihnen den Trostmarkt, den die Kirche begrenzt, ihre fertig gekaufte: reinlich und zu und enttäuscht wie ein Postamt am Sonntag. Draußen aber kräuseln sich immer die Ränder von Jahrmarkt. Schaukeln der Freiheit! Taucher und Gaukler des Eifers! Und des behübschten Glücks figürliche Schießstatt, wo es zappelt von Ziel und sich blechern benimmt, wenn ein Geschickterer trifft. Von Beifall zu Zufall taumelt er weiter; denn Buden jeglicher Neugier werben, trommeln und plärrn. Für Erwachsene aber ist noch besonders zu sehn, wie das Geld sich vermehrt, anatomisch, nicht zur Belustigung nur: der Geschlechtsteil des Gelds, alles, das Ganze, der Vorgang -, das unterrichtet und macht fruchtbar ......... .... Oh aber gleich darüber hinaus, hinter der letzten Planke, beklebt mit Plakaten des »Todlos«, jenes bitteren Biers, das den Trinkenden süß scheint, wenn sie immer dazu frische Zerstreuungen kaun...., gleich im Rücken der Planke, gleich dahinter, ists wirklich. Kinder spielen, und Liebende halten einander, - abseits, ernst, im ärmlichen Gras, und Hunde haben Natur. Weiter noch zieht es den Jüngling; vielleicht, daß er eine junge Klage liebt Hinter ihr her kommt er in Wiesen. Sie sagt: - Weit. Wir wohnen dort draußen.... Wo? Und der Jüngling folgt. Ihn rührt ihre Haltung. Die Schulter, der Hals -, vielleicht ist sie von herrlicher Herkunft. Aber er läßt sie, kehrt um, wendet sich, winkt... Was solls? Sie ist eine Klage.
Nur die jungen Toten, im ersten Zustand zeitlosen Gleichmuts, dem der Entwöhnung, folgen ihr liebend. Mädchen wartet sie ab und befreundet sie. Zeigt ihnen leise, was sie an sich hat. Perlen des Leids und die feinen Schleier der Duldung. - Mit Jünglingen geht sie schweigend.
Aber dort, wo sie wohnen, im Tal, der Älteren eine, der Klagen, nimmt sich des Jünglinges an, wenn er fragt; - Wir waren, sagt sie, ein Großes Geschlecht, einmal, wir Klagen. Die Väter trieben den Bergbau dort in dem großen Gebirg; bei Menschen findest du manchmal ein Stück geschliffenes Ur-Leid oder, aus altem Vulkan, schlackig versteinerten Zorn. Ja, das stammte von dort. Einst waren wir reich.-
Und sie leitet ihn leicht durch die weite Landschaft der Klagen, zeigt ihm die Säulen der Tempel oder die Trümmer jener Burgen, von wo Klage-Fürsten das Land einstens weise beherrscht. Zeigt ihm die hohen Tränenbäume und Felder blühender Wehmut, (Lebendige kennen sie nur als sanftes Blattwerk); zeigt ihm die Tiere der Trauer, weidend, - und manchmal schreckt ein Vogel und zieht, flach ihnen fliegend durchs Aufschaun, weithin das schriftliche Bild seines vereinsamten Schreis. - Abends führt sie ihn hin zu den Gräbern der Alten aus dem Klage-Geschlecht, den Sibyllen und Warn-Herrn. Naht aber Nacht, so wandeln sie leiser, und bald mondets empor, das über Alles wachende Grab-Mal. Brüderlich jenem am Nil, der erhabene Sphinx -: der verschwiegenen Kammer Antlitz. Und sie staunen dem krönlichen Haupt, das für immer, schweigend, der Menschen Gesicht auf die Waage der Sterne gelegt.
Nicht erfaßt es sein Blick, im Frühtod schwindelnd. Aber ihr Schaun, hinter dem Pschent-Rand hervor, scheucht es die Eule. Und sie, streifend im langsamen Abstrich die Wange entlang, jene der reifesten Rundung, zeichnet weich in das neue Totengehör, über ein doppelt aufgeschlagenes Blatt, den unbeschreiblichen Umriß.
Und höher, die Sterne. Neue. Die Sterne des Leidlands. Langsam nennt sie die Klage; - Hier, siehe: den Reiter, den Stab, und das vollere Sternbild nennen sie: Fruchtkranz. Dann, weiter, dem Pol zu: Wiege; Weg; Das Brennende Buch; Puppe; Fenster. Aber im südlichen Himmel, rein wie im Innern einer gesegneten Hand, das klar erglänzende »M«, das die Mütter bedeutet ...... -
Doch der Tote muß fort, und schweigend bringt ihn die ältere Klage bis an die Talschlucht, wo es schimmert im Mondschein: die Quelle der Freude. In Ehrfurcht nennt sie sie, sagt; - Bei den Menschen ist sie ein tragender Strom. -
Stehn am Fuß des Gebirgs. Und da umarmt sie ihn, weinend.
Einsam steigt er dahin, in die Berge des Ur-Leids. Und nicht einmal sein Schritt klingt aus dem tonlosen Los.
*
Aber erweckten sie uns, die unendlich Toten, ein Gleichnis, siehe, sie zeigten vielleicht auf die Kätzchen der leeren Hasel, die hängenden, oder meinten den Regen, der fallt auf dunkles Erdreich im Frühjahr. -
Und wir, die an steigendes Glück denken, empfänden die Rührung, die uns beinah bestürzt, wenn ein Glückliches fällt.
Die Sonette an Orpheus
Erster Teil
I
Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung! O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr! Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.
Tiere aus Stille drangen aus dem klaren gelösten Wald von Lager und Genist; und da ergab sich, daß sie nicht aus List und nicht aus Angst in sich so leise waren,
sondern aus Hören. Brüllen, Schrei, Geröhr schien klein in ihren Herzen. Und wo eben kaum eine Hütte war, dies zu empfangen,
ein Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen mit einem Zugang, dessen Pfosten beben, - da schufst du ihnen Tempel im Gehör.
II
Und fast ein Mädchen wars und ging hervor aus diesem einigen Glück von Sang und Leier und glänzte klar durch ihre Frühlingsschleier und machte sich ein Bett in meinem Ohr.
Und schlief in mir. Und alles war ihr Schlaf. Die Bäume, die ich je bewundert, diese fühlbare Ferne, die gefühlte Wiese und jedes Staunen, das mich selbst betraf.
Sie schlief die Welt. Singender Gott, wie hast du sie vollendet, daß sie nicht begehrte, erst wach zu sein? Sieh, sie erstand und schlief.
Wo ist ihr Tod? O, wirst du dies Motiv erfinden noch, eh sich dein Lied verzehrte? - Wo sinkt sie hin aus mir? ... Ein Mädchen fast ...
III
Ein Gott vermags. Wie aber, sag mir, soll ein Mann ihm folgen durch die schmale Leier? Sein Sinn ist Zwiespalt. An der Kreuzung zweier Herzwege steht kein Tempel für Apoll.
Gesang, wie du ihn lehrst, ist nicht Begehr, nicht Werbung um ein endlich noch Erreichtes; Gesang ist Dasein. Für den Gott ein Leichtes. Wann aber sind wir? Und wann wendet er
an unser Sein die Erde und die Sterne? Dies ists nicht, Jüngling, Daß du liebst, wenn auch die Stimme dann den Mund dir aufstößt, - lerne
vergessen, daß du aufsangst. Das verrinnt. In Wahrheit singen, ist ein andrer Hauch. Ein Hauch um nichts. Ein Wehn im Gott. Ein Wind.
IV
O ihr Zärtlichen, tretet zuweilen in den Atem, der euch nicht meint, laßt ihn an eueren Wangen sich teilen, hinter euch zittert er, wieder vereint.
O ihr Seligen, o ihr Heilen, die ihr der Anfang der Herzen scheint. Bogen der Pfeile und Ziele von Pfeilen, ewiger glänzt euer Lächeln verweint.
Fürchtet euch nicht zu leiden, die Schwere, gebt sie zurück an der Erde Gewicht; schwer sind die Berge, schwer sind die Meere.
Selbst die als Kinder ihr pflanztet, die Bäume, wurden zu schwer längst; ihr trüget sie nicht. Aber die Lüfte... aber die Raume....
V
Errichtet keinen Denkstein. Laßt die Rose nur jedes Jahr zu seinen Gunsten blühn. Denn Orpheus ists. Seine Metamorphose in dem und dem. Wir sollen uns nicht mühn
um andre Namen. Ein für alle Male ists Orpheus, wenn es singt. Er kommt und geht. Ists nicht schon viel, wenn er die Rosenschale um ein paar Tage manchmal übersteht?
O wie er schwinden muß, daß ihrs begrifft! Und wenn ihm selbst auch bangte, daß er schwände. Indem sein Wort das Hiersein übertrifft,
ist er schon dort, wohin ihrs nicht begleitet. Der Leier Gitter zwangt ihm nicht die Hände. Und er gehorcht, indem er überschreitet.
VI
Ist er ein Hiesiger? Nein, aus beiden
Reichen erwuchs seine weite Natur.
Kundiger böge die Zweige der Weiden, wer die Wurzeln der Weiden erfuhr.
Geht ihr zu Bette, so laßt auf dem Tische Brot nicht und Milch nicht; die Toten ziehts -. Aber er, der Beschwörende, mische unter der Milde des Augenlids
ihre Erscheinung in alles Geschaute; und der Zauber von Erdrauch und Raute sei ihm so wahr wie der klarste Bezug.
Nichts kann das gültige Bild ihm verschlimmern; sei es aus Gräbern, sei es aus Zimmern, rühme er Fingerring, Spange und Krug.
VII
Rühmen, das ists! Ein zum Rühmen Bestellter, ging er hervor wie das Erz aus des Steins Schweigen. Sein Herz, o vergängliche Kelter eines den Menschen unendlichen Weins.
Nie versagt ihm die Stimme am Staube, wenn ihn das göttliche Beispiel ergreift. Alles wird Weinberg, alles wird Traube, in seinem fühlenden Süden gereift.
Nicht in den Grüften der Könige Moder straft ihm die Rühmung lügen, oder daß von den Göttern ein Schatten fällt.
Er ist einer der bleibenden Boten, der noch weit in die Türen der Toten Schalen mit rühmlichen Früchten hält.
VIII
Nur im Raum der Rühmung darf die Klage gehn, die Nymphe des geweinten Quells, wachend über unserm Niederschlage, daß er klar sei an demselben Fels,
der die Tore trägt und die Altäre. - Sieh, um ihre stillen Schultern früht das Gefühl, daß sie die jüngste wäre unter den Geschwistern im Gemüt.
Jubel weiß, und Sehnsucht ist geständig, - nur die Klage lernt noch; mädchenhändig zählt sie nächtelang das alte Schlimme.
Aber plötzlich, schräg und ungeübt, hält sie doch ein Sternbild unsrer Stimme in den Himmel, den ihr Hauch nicht trübt.
IX
Nur wer die Leier schon hob auch unter Schatten, darf das unendliche Lob ahnend erstatten.
Nur wer mit Toten vom Mohn aß, von dem ihren, wird nicht den leisesten Ton wieder verlieren.
Mag auch die Spieglung im Teich oft uns verschwimmen: Wisse das Bild. Erst in dem Doppelbereich werden die Stimmen ewig und mild.
X
Euch, die ihr nie mein Gefühl verließt, grüß ich, antikische Sarkophage, die das fröhliche Wasser römischer Tage als ein wandelndes Lied durchfließt.
Oder jene so offenen, wie das Aug eines frohen erwachenden Hirten, - innen voll Stille und Bienensaug - denen entzückte Falter entschwirrten;
alle, die man dem Zweifel entreißt, grüß ich, die wiedergeöffneten Munde, die schon wußten, was schweigen heißt.
Wissen wirs, Freunde, wissen wirs nicht? Beides bildet die zögernde Stunde in dem menschlichen Angesicht.
XI
Steh den Himmel. Heißt kein Sternbild »Reiter«? Denn dies ist uns seltsam eingeprägt: dieser Stolz aus Erde. Und ein Zweiter, der ihn treibt und hält und den er tragt.
Ist nicht so, gejagt und dann gebändigt, diese sehnige Natur des Seins? Weg und Wendung. Doch ein Druck verständigt. Neue Weite. Und die zwei sind eins.
Aber sind sie's? Oder meinen beide nicht den Weg, den sie zusammen tun? Namenlos schon trennt sie Tisch und Weide.
Auch die sternische Verbindung trügt. Doch uns freue eine Weile nun der Figur zu glauben. Das genügt.
XII
Heil dem Geist, der uns verbinden mag; denn wir leben wahrhaft in Figuren. Und mit kleinen Schritten gehn die Uhren neben unserm eigentlichen Tag.
Ohne unsern wahren Platz zu kennen, handeln wir aus wirklichem Bezug. Die Antennen fühlen die Antennen, und die leere Ferne trug...
Reine Spannung. O Musik der Kräfte! Ist nicht durch die läßlichen Geschäfte jede Störung von dir abgelenkt?
Selbst wenn sich der Bauer sorgt und handelt, wo die Saat in Sommer sich verwandelt, reicht er niemals hin. Die Erde schenkt.
XIII
Voller Apfel, Birne und Banane, Stachelbeere... Alles dieses spricht Tod und Leben in den Mund... Ich ahne... Lest es einem Kind vom Angesicht,
wenn es sie erschmeckt. Dies kommt von weit. Wird euch langsam namenlos im Munde? Wo sonst Worte waren, fließen Funde, aus dem Fruchtfleisch überrascht befreit.
Wagt zu sagen, was ihr Apfel nennt. Diese Süße, die sich erst verdichtet, um, im Schmecken leise aufgerichtet,
klar zu werden, wach und transparent, doppeldeutig, sonnig, erdig, hiesig -: O Erfahrung, Fühlung, Freude -, riesig!
XIV
Wir gehen um mit Blume, Weinblatt, Frucht. Sie sprechen nicht die Sprache nur des Jahres. Aus Dunkel steigt ein buntes Offenbares und hat vielleicht den Glanz der Eifersucht
der Toten an sich, die die Erde stärken. Was wissen wir von ihrem Teil an dem? Es ist seit lange ihre Art, den Lehm mit ihrem freien Marke zu durchmärken.
Nun fragt sich nur: tun sie es gern?... Drängt diese Frucht, ein Werk von schweren Sklaven, geballt zu uns empor, zu ihren Herrn?
Sind sie die Herrn, die bei den Wurzeln schlafen, und gönnen uns aus ihren Überflüssen dies Zwischending aus stummer Kraft und Küssen?
XV
Wartet..., das schmeckt... Schon ists auf der Flucht ..... Wenig Musik nur, ein Stampfen, ein Summen -: Mädchen, ihr warmen, Mädchen, ihr stummen, tanzt den Geschmack der erfahrenen Frucht!
Tanzt die Orange. Wer kann sie vergessen, wie sie, ertrinkend in sich, sich wehrt wider ihr Süßsein. Ihr habt sie besessen. Sie hat sich köstlich zu euch bekehrt.
Tanzt die Orange. Die wärmere Landschaft, werft sie aus euch, daß die reife erstrahle in Lüften der Heimat! Erglühte, enthüllt
Düfte um Düfte. Schafft die Verwandtschaft mit der reinen, sich weigernden Schale, mit dem Saft, der die Glückliche füllt!
XVI
Du, mein Freund, bist einsam, weil.... Wir machen mit Worten und Fingerzeigen uns allmählich die Welt zu eigen, vielleicht ihren schwächsten, gefährlichsten Teil.
Wer zeigt mit Fingern auf einen Geruch? - Doch von den Kräften, die uns bedrohten, fühlst du viele... Du kennst die Toten, und du erschrickst vor dem Zauberspruch.
Sieh, nun heißt es zusammen ertragen Stückwerk und Teile, als sei es das Ganze. Dir helfen, wird schwer sein. Vor allem: pflanze
mich nicht in dein Herz. Ich wüchse zu schnell. Doch meines Herrn Hand will ich führen und sagen: Hier. Das ist Esau in seinem Fell.
XVII
Zu unterst der Alte, verworrn, all der Erbauten Wurzel, verborgener Born, den sie nie schauten.
Sturmhelm und Jägerhorn, Spruch von Ergrauten, Männer im Bruderzorn, Frauen wie Lauten...
Drängender Zweig an Zweig, nirgends ein freier.... Einer! O steig... o steig...
Aber sie brechen noch. Dieser erst oben doch biegt sich zur Leier.
XVIII
Hörst du das Neue, Herr, dröhnen und beben? Kommen Verkündiger, die es erheben.
Zwar ist kein Hören heil in dem Durchtobtsein, doch der Maschinenteil will jetzt gelobt sein.
Sieh, die Maschine: wie sie sich wälzt und rächt und uns entstellt und schwächt.
Hat sie aus uns auch Kraft, sie, ohne Leidenschaft, treibe und diene.
XIX
Wandelt sich rasch auch die Welt wie Wolkengestalten, alles Vollendete fällt heim zum Uralten.
Über dem Wandel und Gang, weiter und freier, währt noch dein Vor-Gesang, Gott mit der Leier.
Nicht sind die Leiden erkannt, nicht ist die Liebe gelernt, und was im Tod uns entfernt,
ist nicht entschleiert. Einzig das Lied überm Land heiligt und feiert.
XX
Dir aber, Herr, o was weih ich dir, sag, der das Ohr den Geschöpfen gelehrt? - Mein Erinnern an einen Frühlingstag, seinen Abend, in Rußland -, ein Pferd...
Herüber vom Dorf kam der Schimmel allein, an der vorderen Fessel den Pflock, um die Nacht auf den Wiesen allein zu sein; wie schlug seiner Mähne Gelock
an den Hals im Takte des Übermuts, bei dem grob gehemmten Galopp. Wie sprangen die Quellen des Rossebluts!
Der fühlte die Weiten, und ob! Der sang und der horte -, dein Sagenkreis war in ihm geschlossen. Sein Bild: ich weih's.
XXI
Frühling ist wiedergekommen. Die Erde ist wie ein Kind, das Gedichte weiß; viele, o viele.... Für die Beschwerde langen Lernens bekommt sie den Preis.
Streng war ihr Lehrer. Wir mochten das Weiße an dem Barte des alten Manns. Nun, wie das Grüne, das Blaue heiße, dürfen wir fragen: sie kanns, sie kanns!
Erde, die frei hat, du glückliche, spiele nun mit den Kindern. Wir wollen dich fangen, fröhliche Erde. Dem Frohsten gelingts.
O, was der Lehrer sie lehrte, das Viele, und was gedruckt steht in Wurzeln und langen schwierigen Stammen: sie singts, sie singts!
XXII
Wir sind die Treibenden. Aber den Schritt der Zeit, nehmt ihn als Kleinigkeit im immer Bleibenden.
Alles das Eilende wird schon vorüber sein; denn das Verweilende erst weiht uns ein.
Knaben, o werft den Mut nicht in die Schnelligkeit, nicht in den Flugversuch.
Alles ist ausgeruht: Dunkel und Helligkeit, Blume und Buch.
XXIII
O erst dann, wenn der Flug nicht mehr um seinetwillen wird in die Himmelstillen steigen, sich selber genug,
um in lichten Profilen, als das Gerät, das gelang, Liebling der Winde zu spielen, sicher, schwenkend und schlank, -
erst, wenn ein reines Wohin wachsender Apparate Knabenstolz überwiegt,
wird, überstürzt von Gewinn, jener den Fernen Genahte sein, was er einsam erfliegt.
XXIV
Sollen wir unsere uralte Freundschaft, die großen niemals werbenden Götter, weil sie der harte Stahl, den wir streng erzogen, nicht kennt, verstoßen oder sie plötzlich suchen auf einer Karte?
Diese gewaltigen Freunde, die uns die Toten nehmen, rühren nirgends an unsere Räder. Unsere Gastmähler haben wir weit -, unsere Bäder, fortgerückt, und ihre uns lang schon zu langsamen Boten
überholen wir immer. Einsamer nun auf einander ganz angewiesen, ohne einander zu kennen, führen wir nicht mehr die Pfade als schöne Mäander,
sondern als Grade. Nur noch in Dampfkesseln brennen die einstigen Feuer und heben die Hämmer, die immer größern. Wir aber nehmen an Kraft ab, wie Schwimmer.
XXV
Dich aber will ich nun, Dich, die ich kannte wie eine Blume, von der ich den Namen nicht weiß, noch ein Mal erinnern und ihnen zeigen, Entwandte, schöne Gespielin des unüberwindlichen Schrei's.
Tänzerin erst, die plötzlich, den Körper voll Zögern, anhielt, als göß man ihr Jungsein in Erz; trauernd und lauschend-. Da, von den hohen Vermögern fiel ihr Musik in das veränderte Herz.
Nah war die Krankheit. Schon von den Schatten bemächtigt, drängte verdunkelt das Blut, doch, wie flüchtig verdächtigt, trieb es in seinen natürlichen Frühling hervor.
Wieder und wieder, von Dunkel und Sturz unterbrochen, glänzte es irdisch. Bis es nach schrecklichen Pochen trat in das trostlos offene Tor.
XXVI
Du aber, Göttlicher, du, bis zuletzt noch Ertöner, da ihn der Schwarm der verschmähten Mänaden befiel, hast ihr Geschrei übertönt mit Ordnung, du Schöner, aus den Zerstörenden stieg dein erbauendes Spiel.
Keine war da, daß sie Haupt dir und Leier zerstör. Wie sie auch rangen und rasten, und alle die scharfen Steine, die sie nach deinem Herzen warfen, wurden zu Sanftem an dir und begabt mit Gehör.
Schließlich zerschlugen sie dich, von der Rache gehetzt, wahrend dein Klang noch in Löwen und Felsen verweilte und in den Bäumen und Vögeln. Dort singst du noch jetzt.
O du verlorener Gott! Du unendliche Spur! Nur weil dich reißend zuletzt die Feindschaft verteilte, sind wir die Hörenden jetzt und ein Mund der Natur.
Zweiter Teil
I
Atmen, du unsichtbares Gedicht! Immerfort um das eigne Sein rein eingetauschter Weltraum. Gegengewicht, in dem ich mich rhythmisch ereigne.
Einzige Welle, deren allmähliches Meer ich bin; sparsamstes du von allen möglichen Meeren, - Raumgewinn.
Wieviele von diesen Stellen der Raume waren schon innen in mir. Manche Winde sind wie mein Sohn.
Erkennst du mich, Luft, du, voll noch einst meiniger Orte? Du, einmal glatte Rinde, Rundung und Blatt meiner Worte.
II
So wie dem Meister manchmal das eilig nähere Blatt den wirklichen Strich abnimmt: so nehmen oft Spiegel das heilig einzige Lächeln der Mädchen in sich,
wenn sie den Morgen erproben, allein, - oder im Glanze der dienenden Lichter. Und in das Atmen der echten Gesichter, später, fallt nur ein Widerschein.
Was haben Augen einst ins umrußte lange Verglühn der Kamine geschaut: Blicke des Lebens, für immer verlorne.
Ach, der Erde, wer kennt die Verluste? Nur, wer mit dennoch preisendem Laut sänge das Herz, das ins Ganze geborne.
III
Spiegel noch nie hat man wissend beschrieben, was ihr in euerem Wesen seid. Ihr, wie mit lauter Löchern von Sieben erfüllten Zwischenräume der Zeit.
Ihr, noch des leeren Saales Verschwender -, wenn es dämmmert, wie Wälder weit... Und der Lüster geht wie ein Sechzehn-Ender durch eure Unbetretbarkeit.
Manchmal seid ihr voll Malerei. Einige scheinen in euch gegangen -, andere schicktet ihr scheu vorbei.
Aber die Schönste wird bleiben -, bis drüben in ihre enthaltenen Wangen eindrang der klare gelöste Narziß.
IV
O dieses ist das Tier, das es nicht giebt. Sie wußtens nicht und habens jeden Falls - sein Wandeln, seine Haltung, seinen Hals, bis in des stillen Blickes Licht - geliebt.
Zwar war es nicht. Doch weil sie's liebten, ward ein reines Tier. Sie ließen immer Raum. Und in dem Raume, klar und ausgespart, erhob es leicht sein Haupt und brauchte kaum
zu sein. Sie nährten es mit keinem Korn, nur immer mit der Möglichkeit, es sei. Und die gab solche Stärke an das Tier,
daß es aus sich ein Stirnhorn trieb. Ein Horn. Zu einer Jungfrau kam es weiß herbei - und war im Silber-Spiegel und in ihr.
V
Blumenmuskel, der der Anemone Wiesenmorgen nach und nach erschließt, bis in ihren Schooß das polyphone Licht der lauten Himmel sich ergießt,
in den stillen Blütenstern gespannter Muskel des unendlichen Empfangs, manchmal so von Fülle übermannter, daß der Ruhewink des Untergangs
kaum vermag die weitzurückgeschnellten Blatterränder dir zurückzugeben: du, Entschluß und Kraft von wieviel Welten!
Wir, Gewaltsamen, wir währen länger. Aber wann, in welchem aller Leben, sind wir endlich offen und Empfänger?
VI
Rose, du thronende, denen im Altertume warst du ein Kelch mit einfachem Rand. Uns aber bist du die volle zahllose Blume, der unerschöpfliche Gegenstand.
In deinem Reichtum scheinst du wie Kleidung um Kleidung um einen Leib aus nichts als Glanz; aber dein einzelnes Blatt ist zugleich die Vermeidung und die Verleugnung jedes Gewands.
Seit Jahrhunderten ruft uns dein Duft seine süßesten Namen herüber; plötzlich liegt er wie Ruhm in der Luft.
Dennoch, wir wissen ihn nicht zu nennen, raten... wir Und Erinnerung geht zu ihm über, die wir von rufbaren Stunden erbaten.
VII
Blumen, ihr schließlich den ordnenden Händen verwandte, (Händen der Mädchen von einst und jetzt), die auf dem Gartentisch oft von Kante zu Kante lagen, ermattet und sanft verletzt,
wartend des Wassers, das sie noch einmal erhole aus dem begonnenen Tod -, und nun wieder erhobene zwischen die strömenden Pole fühlender Finger, die wohlzutun
mehr noch vermögen, als ihr ahntet, ihr leichten, wenn ihr euch wiederfandet im Krug, langsam erkühlend und Warmes der Mädchen, wie Beichten,
von euch gebend, wie trübe ermüdende Sünden, die das Gepflücktsein beging, als Bezug wieder zu ihnen, die sich euch blühend verbünden.
VIII
Wenige ihr, der einstigen Kindheit Gespielen in den zerstreuten Gärten der Stadt: wie wir uns fanden und uns zögernd gefielen und, wie das Lamm mit dem redenden Blatt,
sprachen als Schweigende. Wenn wir uns einmal freuten, keinem gehörte es. Wessen wars? Und wie zergings unter allen den gehenden Leuten und im Bangen des langen Jahrs.
Wagen umrollten uns fremd, vorübergezogen, Häuser umstanden uns stark, aber unwahr, - und keines kannte uns je. Was war wirklich im All?
Nichts. Nur die Bälle. Ihre herrlichen Bogen. Auch nicht die Kinder... Aber manchmal trat eines, ach ein vergehendes, unter den fallenden Ball. (In memoriam Egon von Rilke)
IX
Rühmt euch, ihr Richtenden, nicht der entbehrlichen Folter und daß das Eisen nicht länger an Hälsen sperrt. Keins ist gesteigert, kein Herz -, weil ein gewollter Krampf der Milde euch zarter verzerrt.
Was es durch Zeiten bekam, das schenkt das Schafott wieder zurück, wie Kinder ihr Spielzeug vom vorig alten Geburtstag. Ins reine, ins hohe, ins thorig offene Herz träte er anders, der Gott
wirklicher Milde. Er käme gewaltig und griffe strahlender um sich, wie Göttliche sind. Mehr als ein Wind für die großen gesicherten Schiffe.
Weniger nicht, als die heimliche leise Gewahrung, die uns im Innern schweigend gewinnt wie ein still spielendes Kind aus unendlicher Paarung.
X
Alles Erworbne bedroht die Maschine, solange sie sich erdreistet, im Geist, statt im Gehorchen, zu sein. Daß nicht der herrlichen Hand schöneres Zögern mehr prange, zu dem entschlossenern Bau schneidet sie steifer den Stein.
Nirgends bleibt sie zurück, daß wir ihr ein Mal entrönnen und sie in stiller Fabrik ölend sich selber gehört. Sie ist das Leben, - sie meint es am besten zu können, die mit dem gleichen Entschluß ordnet und schafft und zerstört.
Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert Stellen ist es noch Ursprung. Ein Spielen von reinen Kräften, die keiner berührt, der nicht kniet und bewundert.
Worte gehen noch zart am Unsäglichen aus... Und die Musik, immer neu, aus den bebendsten Steinen, baut im unbrauchbaren Raum ihr vergöttlichtes Haus.
XI
Manche, des Todes, entstand ruhig geordnete Regel, weiterbezwingender Mensch, seit du im Jagen beharrst; mehr doch als Falle und Netz, weiß ich dich, Streifen von Segel, den man hinuntergehängt in den höhligen Karst.
Leise ließ man dich ein, als warst du ein Zeichen, Frieden zu feiern. Doch dann: rang dich am Rande derKnecht, - und, aus den Höhlen, die Nacht warf eine Handvoll von bleichen taumelnden Tauben ins Licht... Aber auch das ist im Recht.
Fern von dem Schauenden sei jeglicher Hauch des Bedauerns, nicht nur vom Jäger allein, der, was sich zeitig erweist, wachsam und handelnd vollzieht.
Toten ist eine Gestalt unseres wandernden Trauerns... Rein ist im heiteren Geist, was an uns selber geschieht.
XII
Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert, drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt; jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert, liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.
Was sich ins Bleiben verschließt, schon ists das Erstarrte; wähnt es sich sicher im Schutz des unscheinbaren Grau's? Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte. Wehe -: abwesender Hammer holt aus!
Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung; und sie fuhrt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne, das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt.
Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung, den sie staunend durchgehn. Und die verwandelte Daphne will, seit sie lorbeern fühlt, daß du dich wandelst in Wind.
XIII
Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter dir, wie der Winter, der eben geht. Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter, daß, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.
Sei immer tot in Eurydike -, singender steige, preisender steige zurück in den reinen Bezug. Hier, unter Schwindenden, sei, im Reiche der Neige, sei ein klingendes Glas, das sich im Klang schon zerschlug.
Sei - und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung, den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung, daß du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.
Zu dem gebrauchten sowohl, wie zum dampfen und stummen Vorrat der vollen Natur, den unsäglichen Summen, zähle dich jubelnd hinzu und vernichte die Zahl.
XIV
Siehe die Blumen, diese dem Irdischen treuen, denen wir Schicksal vom Rande des Schicksals leihn, - aber wer weiß es! Wenn sie ihr Welken bereuen, ist es an uns, ihre Reue zu sein.
Alles will schweben. Da gehn wir umher wie Beschwerer, legen auf alles uns selbst, vom Gewichte entzückt; o was sind wir den Dingen für zehrende Lehrer, weil ihnen ewige Kindheit glückt.
Nähme sie einer ins innige Schlafen und schliefe tief mit den Dingen -: o wie käme er leicht, anders zum anderen Tag, aus der gemeinsamen Tiefe.
Oder er bliebe vielleicht; und sie blühten und priesen ihn, den Bekehrten, der nun den Ihrigen gleicht, allen den stillen Geschwistern im Winde der Wiesen.
XV
O Brunnen-Mund, du gebender, du Mund, der unerschöpflich Eines, Reines, spricht, - du, vor des Wassers fließendem Gesicht, marmorne Maske. Und im Hintergrund
der Aquädukte Herkunft. Weither an Gräbern vorbei, vom Hang des Apennins tragen sie dir dein Sagen zu, das dann am schwarzen Altern deines Kinns
vorüberfällt in das Gefäß davor. Dies ist das schlafend hingelegte Ohr, das Marmorohr, in das du immer sprichst.
Ein Ohr der Erde. Nur mit sich allein redet sie also. Schiebt ein Krug sich ein, so scheint es ihr, daß du sie unterbrichst.
XVI
Immer wieder von uns aufgerissen, ist der Gott die Stelle, welche heilt. Wir sind Scharfe, denn wir wollen wissen, aber er ist heiter und verteilt.
Selbst die reine, die geweihte Spende nimmt er anders nicht in seine Welt, als indem er sich dem freien Ende unbewegt entgegenstellt.
Nur der Tote trinkt aus der hier von uns gehörten Quelle, wenn der Gott ihm schweigend winkt, dem Toten.
Uns wird nur das Lärmen angeboten. Und das Lamm erbittet seine Schelle aus dem stilleren Instinkt.
XVII
Wo, in welchen immer selig bewässerten Garten, an welchen Bäumen, aus welchen zärtlich entblätterten Blüten-Kelchen reifen die fremdartigen Früchte der Tröstung? Diese köstlichen, deren du eine vielleicht in der zertretenen Wiese
deiner Armut findest. Von einem zum anderen Male wunderst du dich über die Größe der Frucht, über ihr Heilsein, über die Sanftheit der Schale, und daß sie der Leichtsinn des Vogels dir nicht vorwegnahm und nicht die Eifersucht
unten des Wurms. Giebt es denn Bäume, von Engeln beflogen, und von verborgenen langsamen Gärtnern so seltsam gezogen, daß sie uns tragen, ohne uns zu gehören?
Haben wir niemals vermocht, wir Schatten und Schemen, durch unser voreilig reifes und wieder welkes Benehmen jener gelassenen Sommer Gleichmut zu stören?
XVIII
Tänzerin: o du Verlegung alles Vergehens in Gang: wie brachtest du's dar. Und der Wirbel am Schluß, dieser Baum aus Bewegung, nahm er nicht ganz in Besitz das erschwungene Jahr?
Blühte nicht, daß ihn dein Schwingen von vorhin umschwärme, plötzlich sein Wipfel von Stille? Und über ihr, war sie nicht Sonne, war sie nicht Sommer, die Wärme, diese unzählige Wärme aus dir?
Aber er trug auch, er trug, dein Baum der Ekstase. Sind sie nicht seine ruhigen Früchte: der Krug, reifend gestreift, und die gereiftere Vase?
Und in den Bildern: ist nicht die Zeichnung geblieben, die deiner Braue dunkler Zug rasch an die Wendung der eigenen Wendung geschrieben?
XIX
Irgendwo wohnt das Gold in der verwöhnenden Bank und mit Tausenden tut es vertraulich. Doch jener Blinde, der Bettler, ist selbst dem kupfernen Zehner wie ein verlorener Ort, wie das staubige Eck unterm Schrank.
In den Geschäften entlang ist das Geld wie zuhause und verkleidet sich scheinbar in Seide, Nelken und Pelz. Er, der Schweigende, steht in der Atempause alles des wach oder schlafend atmenden Gelds.
O wie mag sie sich schließen bei Nacht, diese immer offene Hand. Morgen holt sie das Schicksal wieder, und täglich hält es sie hin: hell, elend, unendlich zerstörbar.
Daß doch einer, ein Schauender, endlich ihren langen Bestand staunend begriffe und rühmte. Nur dem Aufsingenden säglich. Nur dem Göttlichen hörbar.
XX
Zwischen den Sternen, wie weit; und doch, um wievieles noch weiter, was man am Hiesigen lernt. Einer, zum Beispiel, ein Kind... und ein Nächster, ein Zweiter -, o wie unfaßlich entfernt.
Schicksal, es mißt uns vielleicht mit des Seienden Spanne, daß es uns fremd erscheint; denk, wieviel Spannen allein vom Mädchen zum Manne, wenn es ihn meidet und meint.
Alles ist weit -, und nirgends schließt sich der Kreis. Sieh in der Schüssel, auf heiter bereitetem Tische, seltsam der Fische Gesicht.
Fische sind stumm..., meinte man einmal. Wer weiß? Aber ist nicht am Ende ein Ort, wo man das, was der Fische Sprache wäre, ohne sie spricht?
XXI
Singe die Gärten, mein Herz, die du nicht kennst; wie in Glas eingegossene Gärten, klar, unerreichbar. Wasser und Rosen von Ispahan oder Schiras, singe sie selig, preise sie, keinem vergleichbar.
Zeige, mein Herz, daß du sie niemals entbehrst. Daß sie dich meinen, ihre reifenden Feigen. Daß du mit ihren, zwischen den blühenden Zweigen wie zum Gesicht gesteigerten Lüften verkehrst.
Meide den Irrtum, daß es Entbehrungen gebe für den geschehnen Entschluß, diesen: zu sein! Seidener Faden, kamst du hinein ins Gewebe.
Welchem der Bilder du auch im Innern geeint bist (sei es selbst ein Moment aus dem Leben der Pein), fühl, daß der ganze, der rühmliche Teppich gemeint ist.
XXII
O trotz Schicksal: die herrlichen Überflüsse unseres Daseins, in Parken übergeschäumt, - oder als steinerne Männer neben die Schlüsse hoher Portale, unter Balkone gebäumt!
O die eherne Glocke, die ihre Keule täglich wider den stumpfen Alltag hebt. Oder die eine, in Karnak, die Säule, die Säule, die fast ewige Tempel überlebt.
Heute stürzen die Überschüsse, dieselben, nur noch als Eile vorbei, aus dem waagrechten gelben
Tag in die blendend mit Licht übertriebene Nacht. Aber das Rasen zergeht und läßt keine Spuren. Kurven des Flugs durch die Luft und die, die sie fuhren, keine vielleicht ist umsonst. Doch nur wie gedacht.
XXIII
Rufe mich zu jener deiner Stunden, die dir unaufhörlich widersteht: flehend nah wie das Gesicht von Hunden, aber immer wieder weggedreht,
wenn du meinst, sie endlich zu erfassen. So Entzognes ist am meisten dein. Wir sind frei. Wir wurden dort entlassen, wo wir meinten, erst begrüßt zu sein.
Bang verlangen wir nach einem Halte, wir zu Jungen manchmal für das Alte und zu alt für das, was niemals war.
Wir, gerecht nur, wo wir dennoch preisen, weil wir, ach, der Ast sind und das Eisen und das Süße reifender Gefahr.
XXIV
O diese Lust, immer neu, aus gelockertem Lehm! Niemand beinah hat den frühesten Wagern geholfen. Städte entstanden trotzdem an beseligten Golfen, Wasser und Öl füllten die Krüge trotzdem.
Götter, wir planen sie erst in erkühnten Entwürfen, die uns das mürrische Schicksal wieder zerstört. Aber sie sind die Unsterblichen. Sehet, wir dürfen jenen erhorchen, der uns am Ende erhört.
Wir, ein Geschlecht durch Jahrtausende: Mütter und Väter, immer erfüllter von dem künftigen Kind, daß es uns einst, übersteigend, erschüttere, später.
Wir, wir unendlich Gewagten, was haben wir Zeit! Und nur der schweigsame Tod, der weiß, was wir sind und was er immer gewinnt, wenn er uns leiht.
XXV
Schon, horch, hörst du der ersten Harken Arbeit; wieder den menschlichen Takt in der verhaltenen Stille der starken Vorfrühlingserde. Unabgeschmackt
scheint dir das Kommende. Jenes so oft dir schon Gekommene scheint dir zu kommen wieder wie Neues. Immer erhofft, nahmst du es niemals. Es hat dich genommen.
Selbst die Blätter durchwinterter Eichen scheinen im Abend ein künftiges Braun. Manchmal geben sich Lüfte ein Zeichen.
Schwarz sind die Sträucher. Doch Haufen von Dünger lagern als satteres Schwarz in den Aun. Jede Stunde, die hingeht, wird jünger.
XXVI
Wie ergreift uns der Vogelschrei... Irgend ein einmal erschaffenes Schreien. Aber die Kinder schon, spielend im Freien, schreien an wirklichen Schreien vorbei.
Schreien den Zufall. In Zwischenräume dieses, des Weltraums, (in welchen der heile Vogelschrei eingeht, wie Menschen in Träume - ) treiben sie ihre, des Kreischens, Keile.
Wehe, wo sind wir? Immer noch freier, wie die losgerissenen Drachen jagen wir halbhoch, mit Rändern von Lachen,
windig zerfetzten. - Ordne die Schreier, singender Gott! daß sie rauschend erwachen, tragend als Strömung das Haupt und die Leier.
XXVII
Giebt es wirklich die Zeit, die zerstörende? Wann, auf dem ruhenden Berg, zerbricht sie die Burg? Dieses Herz, das unendlich den Göttern gehörende, wann vergewaltigts der Demiurg?
Sind wir wirklich so ängstlich Zerbrechliche, wie das Schicksal uns wahr machen will? Ist die Kindheit, die tiefe, versprechliche, in den Wurzeln - später - still?
Ach, das Gespenst des Vergänglichen, durch den arglos Empfänglichen geht es, als wär es ein Rauch.
Als die, die wir sind, als die Treibenden, gelten wir doch bei bleibenden Kräften als göttlicher Brauch.
XXVIII
O komm und geh. Du, fast noch Kind, ergänze für einen Augenblick die Tanzfigur zum reinen Sternbild einer jener Tänze, darin wir die dumpf ordnende Natur
vergänglich übertreffen. Denn sie regte sich völlig hörend nur, da Orpheus sang. Du warst noch die von damals her Bewegte und leicht befremdet, wenn ein Baum sich lang
besann, mit dir nach dem Gehör zu gehn. Du wußtest noch die Stelle, wo die Leier sich tönend hob -; die unerhörte Mitte.
Für sie versuchtest du die schönen Schritte und hofftest, einmal zu der heilen Feier des Freundes Gang und Antlitz hinzudrehn.
XXIX
Stiller Freund der vielen Fernen, fühle, wie dein Atem noch den Raum vermehrt. Im Gebälk der finstern Glockenstühle laß dich läuten. Das, was an dir zehrt,
wird ein Starkes über dieser Nahrung. Geh in der Verwandlung aus und ein. Was ist deine leidendste Erfahrung? Ist dir Trinken bitter, werde Wein.
Sei in dieser Nacht aus Übermaß Zauberkraft am Kreuzweg deiner Sinne, ihrer seltsamen Begegnung Sinn.
Und wenn dich das Irdische vergaß, zu der stillen Erde sag: Ich rinne. Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.
Anmerkungen des Dichters
zu den Sonetten an Orpheus
Zum ersten Teil
X. Sonett: In der zweiten Strophe ist gedacht der Gräber in dem berühmten alten Friedhof der Allyscamps bei Arles, von dem auch im Malte Laurids Brigge die Rede ist.
XVI. Sonett: Dieses Sonett ist an einen Hund gerichtet. - Unter »meines Herrn Hand« ist die Beziehung zu Orpheus hergestellt, der hier als »Herr« des Dichters gilt. Der Dichter will diese Hand fuhren, daß sie auch, um seiner unendlichen Teilnehmung und Hingabe willen, den Hund segne, der, fast wie Esau, sein Fell auch nur umgetan hat, um in seinem Herzen einer, ihm nicht zukommenden Erbschaft: des ganzen Menschlichen mit Not und Glück, teilhaft zu werden.
XXI. Sonett: Das kleine Frühlings-Lied erscheint mir gleichsam als »Auslegung« einer merkwürdig tanzenden Musik, die ich einmal von den Klosterkindern in der kleinen Nonnenkirche zu Ronda (in Süd-Spanien) zu einer Morgenmesse habe singen hören. Die Kinder, immer im Tanztakt, sangen einen mir unbekannten Text zu Triangel und Tamburin.
XXV. Sonett: An Wera.
Zum zweiten Teil
IV. Sonett: Das Einhorn hat alte, im Mittelalter immerfort gefeierte Bedeutungen der Jungfraulichkeit: daher ist behauptet, es, das Nicht-Seiende für den Profanen, sei, sobald es erschiene, in dem »SilberSpiegel« den ihm die Jungfrau vorhält (siehe: Tapisserien des XV. Jahrhunderts) und »in ihr«, als in einem zweiten ebenso reinen, ebenso heimlichen Spiegel.
VI. Sonett: Die antike Rose war eine einfache »Eglantine«, rot und gelb; in den Farben, die in der Flamme vorkommen. Sie blüht hier, im Wallis, in einzelnen Gärten.
VIII. Sonett: Vierte Zeile: Das Lamm (auf Bildern), das nur mittels des Spruchbandes spricht.
XI. Sonett: Bezugnehmend auf die Art, wie man, nach altem Jagdgebrauch, in gewissen Gegenden des Karsts, die eigentümlich bleichen Grotten-Tauben, durch vorsichtig in ihre Hohlen eingehängte Tücher, indem man diese plötzlich auf eine besondere Weise schwenkt, aus ihren unterirdischen Aufenthalten scheucht, um sie, bei ihrem erschreckten Ausflug, zu erlegen.
XXIII. Sonett: An den Leser.
XXV Sonett: Gegenstück zu dem Frühlings-Liedchen der Kinder im Ersten Teil der Sonette.
XXVIII. Sonett: An Wera.
XXIX. Sonett: An einen Freund Weras. R.M.R.
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