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Des ersten Buches zweiter Teil
Initiale
Aus unendlichen Sehnsüchten steigen endliche Taten wie schwache Fontänen, die sich zeitig und zitternd neigen. Aber, die sich uns sonst verschweigen, unsere fröhlichen Kräfte - zeigen sich in diesen tanzenden Tränen.
Zum Einschlafen zu sagen
Ich möchte jemanden einsingen, bei jemandem sitzen und sein. Ich möchte dich wiegen und kleinsingen und begleiten schlafaus und schlafein. Ich möchte der Einzige sein im Haus, der wüßte: die Nacht war kalt. Und möchte horchen herein und hinaus in dich, in die Welt, in den Wald. Die Uhren rufen sich schlagend an, und man sieht der Zeit auf den Grund. Und unten geht noch ein fremder Mann und stört einen fremden Hund. Dahinter wird Stille. Ich habe groß die Augen auf dich gelegt; und sie halten dich sanft und lassen dich los, wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.
Menschen bei Nacht
Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht. Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht, und du sollst ihn nicht suchen trotzdem. Und machst du nachts deine Stube licht, um Menschen zu schauen ins Angesicht, so mußt du bedenken: wem.
Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt, das von ihren Gesichtern träuft, und haben sie nachts sich zusammengesellt, so schaust du eine wankende Welt durcheinandergehäuft. Auf ihren Stirnen hat gelber Schein alle Gedanken verdrängt, in ihren Blicken flackert der Wein, an ihren Händen hängt die schwere Gebärde, mit der sie sich bei ihren Gesprächen verstehn; und dabei sagen sie: Ich und Ich und meinen: Irgendwen.
Der Nachbar
Fremde Geige, gehst du mir nach? In wieviel fernen Städten schon sprach deine einsame Nacht zu meiner? Spielen dich hunderte? Spielt dich einer?
Giebt es in allen großen Städten solche, die sich ohne dich schon in den Flüssen verloren hätten? Und warum trifft es immer mich?
Warum bin ich immer der Nachbar derer, die dich bange zwingen zu singen und zu sagen: Das Leben ist schwerer als die Schwere von allen Dingen.
Pont du Carrousel
Der blinde Mann, der auf der Brücke steht, grau wie ein Markstein namenloser Reiche, er ist vielleicht das Ding, das immer gleiche, um das von fern die Sternenstunde geht, und der Gestirne stiller Mittelpunkt. Denn alles um ihn irrt und rinnt und prunkt.
Er ist der unbewegliche Gerechte in viele wirre Wege hingestellt; der dunkle Eingang in die Unterwelt bei einem oberflächlichen Geschlechte.
Der Einsame
Wie einer, der auf fremden Meeren fuhr, so bin ich bei den ewig Einheimischen; die vollen Tage stehn auf ihren Tischen, mir aber ist die Ferne voll Figur.
In mein Gesicht reicht eine Welt herein, die vielleicht unbewohnt ist wie ein Mond, sie aber lassen kein Gefühl allein, und alle ihre Worte sind bewohnt.
Die Dinge, die ich weither mit mir nahm, sehn selten aus, gehalten an das Ihre -: in ihrer großen Heimat sind sie Tiere, hier halten sie den Atem an vor Scham.
Die Aschanti
(Jardin d'Acclimatation)
Keine Vision von fremden Ländern, kein Gefühl von braunen Frauen, die tanzen aus den fallenden Gewändern.
Keine wilde fremde Melodie. Keine Lieder, die vom Blute stammten, und kein Blut, das aus den Tiefen schrie.
Keine braunen Mädchen, die sich samten breiteten in Tropenmüdigkeit; keine Augen, die wie Waffen flammten,
und die Munde zum Gelächter breit. Und ein wunderliches Sich-verstehen mit der hellen Menschen Eitelkeit.
Und mir war so bange hinzusehen.
O wie sind die Tiere so viel treuer, die in Gittern auf und niedergehn, ohne Eintracht mit dem Treiben neuer fremder Dinge, die sie nicht verstehn; und sie brennen wie ein stilles Feuer leise aus und sinken in sich ein, teilnahmslos dem neuen Abenteuer und mit ihrem großen Blut allein.
Der Letzte
Ich habe kein Vaterhaus, und habe auch keines verloren; meine Mutter hat mich in die Welt hinaus geboren. Da steh ich nun in der Welt und geh in die Welt immer tiefer hinein, und habe mein Glück und habe mein Weh und habe jedes allein. Und bin doch manch eines Erbe. Mit drei Zweigen hat mein Geschlecht geblüht auf sieben Schlössern im Wald, und wurde seines Wappens müd und war schon viel zu alt; - und was sie mir ließen und was ich erwerbe zum alten Besitze, ist heimatlos. In meinen Händen, in meinem Schooß muß ich es halten, bis ich sterbe. Denn was ich fortstelle, hinein in die Welt, fällt, ist wie auf eine Welle gestellt.
Bangnis
Im welken Walde ist ein Vogelruf, der sinnlos scheint in diesem welken Walde. Und dennoch ruht der runde Vogelruf in dieser Weile, die ihn schuf, breit wie ein Himmel auf dem welken Walde. Gefügig räumt sich alles in den Schrei: Das ganze Land scheint lautlos drin zu liegen, der große Wind scheint sich hineinzuschmiegen, und die Minute, welche weiter will, ist bleich und still, als ob sie Dinge wüßte, an denen jeder sterben müßte, aus ihm herausgestiegen.
Klage
O wie ist alles fern und lange vergangen. Ich glaube, der Stern, von welchem ich Glanz empfange, ist seit Jahrtausenden tot. Ich glaube, im Boot, das vorüberfuhr, hörte ich etwas Banges sagen. Im Hause hat eine Uhr geschlagen... In welchem Haus?... Ich möchte aus meinem Herzen hinaus unter den großen Himmel treten. Ich möchte beten. Und einer von allen Sternen müßte wirklich noch sein. Ich glaube, ich wüßte, welcher allein gedauert hat, - welcher wie eine weiße Stadt am Ende des Strahls in den Himmeln steht...
Einsamkeit
Die Einsamkeit ist wie ein Regen. Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen; von Ebenen, die fern sind und entlegen, geht sie zum Himmel, der sie immer hat. Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.
Regnet hernieder in den Zwitterstunden, wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen und wenn die Leiber, welche nichts gefunden, enttäuscht und traurig von einander lassen; und wenn die Menschen, die einander hassen, in einem Bett zusammen schlafen müssen:
dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen...
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Erinnerung
Und du wartest, erwartest das Eine, das dein Leben unendlich vermehrt; das Mächtige, Ungemeine, das Erwachen der Steine, Tiefen, dir zugekehrt. Es dämmern im Bücherständer die Bände in Gold und Braun; und du denkst an durchfahrene Länder, an Bilder, an die Gewänder wiederverlorener Fraun.
Und da weißt du auf einmal: das war es. Du erhebst dich, und vor dir steht eines vergangenen Jahres Angst und Gestalt und Gebet.
Ende des Herbstes
Ich sehe seit einer Zeit, wie alles sich verwandelt. Etwas steht auf und handelt und tötet und tut Leid.
Von Mal zu Mal sind all die Gärten nicht dieselben; von den gilbenden zu der gelben langsamem Verfall: wie war der Weg mir weit.
Jetzt bin ich bei den leeren und schaue durch alle Alleen. Fast bis zu den fernen Meeren kann ich den ernsten schweren verwehrenden Himmel sehn.
Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.
Am Rande der Nacht
Meine Stube und diese Weite, wach über nachbetendem Land, - ist Eines. Ich bin eine Saite, über rauschende breite Resonanzen gespannt.
Die Dinge sind Geigenleiber, von murrendem Dunkel voll; drin träumt das Weinen der Weiber, drin rührt sich im Schlafe der Groll ganzer Geschlechter..... Ich soll silbern erzittern: dann wird Alles unter mir leben, und was in den Dingen irrt, wird nach dem Lichte streben, das von meinem tanzenden Tone, um welchen der Himmel wellt, durch schmale, schmachtende Spalten in die alten Abgründe ohne Ende fällt...
Gebet
Nacht, stille Nacht, in die verwoben sind ganz weiße Dinge, rote, bunte Dinge, verstreute Farben, die erhoben sind zu Einem Dunkel Einer Stille, - bringe doch mich auch in Beziehung zu dem Vielen, das du erwirbst und überredest. Spielen denn meine Sinne noch zu sehr mit Licht? Würde sich denn mein Angesicht noch immer störend von den Gegenständen abheben? Urteile nach meinen Händen: Liegen sie nicht wie Werkzeug da und Ding? Ist nicht der Ring selbst schlicht an meiner Hand, und liegt das Licht nicht ganz so, voll Vertrauen, über ihnen, - als ob sie Wege wären, die, beschienen, nicht anders sich verzweigen, als im Dunkel?...
Fortschritt
Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter, als ob es jetzt in breitern Ufern ginge. Immer verwandter werden mir die Dinge und alle Bilder immer angeschauter. Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter: Mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche ich in die windigen Himmel aus der Eiche, und in den abgebrochnen Tag der Teiche sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.
Vorgefühl
Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben. Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben, während die Dinge unten sich noch nicht rühren: die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille; die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.
Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer. Und breite mich aus und falle in mich hinein und werfe mich ab und bin ganz allein in dem großen Sturm.
Sturm
Wenn die Wolken, von Stürmen geschlagen, jagen: Himmel von hundert Tagen über einem einzigen Tag -:
Dann fühl ich dich, Hetman, von fern (der du deine Kosaken gern zu dem größesten Herrn führen wolltest). Deinen waagrechten Nacken fühl ich, Mazeppa.
Dann bin auch ich an das rasende Rennen eines rauchenden Rückens gebunden; alle Dinge sind mir verschwunden, nur die Himmel kann ich erkennen:
Überdunkelt und überschienen lieg ich flach unter ihnen, wie Ebenen liegen; meine Augen sind offen wie Teiche, und in ihnen flüchtet das gleiche Fliegen.
Abend in Skåne
Der Park ist hoch. Und wie aus einem Haus tret ich aus seiner Dämmerung heraus in Ebene und Abend. In den Wind, denselben Wind, den auch die Wolken fühlen, die hellen Flüsse und die Flügelmühlen, die langsam mahlend stehn am Himmelsrand. Jetzt bin auch ich ein Ding in seiner Hand, das kleinste unter diesen Himmeln. - Schau:
Ist das Ein Himmel?: Selig lichtes Blau, in das sich immer reinere Wolken drängen, Und drunter alle Weiß in Übergängen, und drüber jenes dünne, große Grau, warmwallend wie auf roter Untermalung, und über allem diese stille Strahlung sinkender Sonne.
Wunderlicher Bau, in sich bewegt und von sich selbst gehalten, Gestalten bildend, Riesenflügel, Falten und Hochgebirge vor den ersten Sternen und plötzlich, da: ein Tor in solche Fernen, wie sie vielleicht mir Vögel kennen...
Abend
Der Abend wechselt langsam die Gewänder, die ihm ein Rand von alten Bäumen hält; du schaust: und von dir scheiden sich die Länder, ein himmelfahrendes und eins, das fällt;
und lassen dich, zu keinem ganz gehörend, nicht ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt, nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend wie das, was Stern wird jede Nacht und steigt -
und lassen dir (unsäglich zu entwirrn) dein Leben bang und riesenhaft und reifend, so daß es, bald begrenzt und bald begreifend, abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.
Ernste Stunde
Wer jetzt weint irgendwo in der Welt, ohne Grund weint in der Welt, weint über mich.
Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht, ohne Grund lacht in der Nacht, lacht mich aus.
Wer jetzt geht irgendwo in der Welt, ohne Grund geht in der Welt, geht zu mir.
Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt, ohne Grund stirbt in der Welt: sieht mich an.
Strophen
Ist einer, der nimmt alle in die Hand, daß sie wie Sand durch seine Finger rinnen. Er wählt die schönsten aus den Königinnen und läßt sie sich in weißen Marmor hauen, still liegend in des Mantels Melodie; und legt die Könige zu ihren Frauen, gebildet aus dem gleichen Stein wie sie.
Ist einer, der nimmt alle in die Hand, daß sie wie schlechte Klingen sind und brechen. Er ist kein Fremder, denn er wohnt im Blut, das unser Leben ist und rauscht und ruht. Ich kann nicht glauben, daß er Unrecht tut; doch hör ich viele Böses von ihm sprechen.
Des zweiten Buches erster Teil
Initiale
Gieb deine Schönheit immer hin ohne Rechnen und Reden. Du schweigst. Sie sagt für dich: Ich bin. Und kommt in tausendfachem Sinn, kommt endlich über jeden.
Verkündigung
Die Worte des Engels
Du bist nicht näher an Gott als wir; wir sind ihm alle weit. Aber wunderbar sind dir die Hände benedeit. So reifen sie bei keiner Frau, so schimmernd aus dem Saum: ich bin der Tag, ich bin der Tau, du aber bist der Baum.
Ich bin jetzt matt, mein Weg war weit, vergieb mir, ich vergaß, was Er, der groß in Goldgeschmeid wie in der Sonne saß, dir künden ließ, du Sinnende, (verwirrt hat mich der Raum). Sieh: ich bin das Beginnende, du aber bist der Baum.
Ich spannte meine Schwingen aus und wurde seltsam weit; jetzt überfließt dein kleines Haus von meinem großen Kleid. Und dennoch bist du so allein wie nie und schaust mich kaum; das macht: ich bin ein Hauch im Hain, du aber bist der Baum.
Die Engel alle bangen so, lassen einander los: noch nie war das Verlangen so, so ungewiß und groß. Vielleicht, daß Etwas bald geschieht, das du im Traum begreifst. Gegrüßt sei, meine Seele sieht: du bist bereit und reifst. Du bist ein großes, hohes Tor, und aufgehn wirst du bald. Du, meines Liedes liebstes Ohr, jetzt fühle ich: mein Wort verlor sich in dir wie im Wald.
So kam ich und vollendete dir tausendeinen Traum. Gott sah mich an; er blendete...
Du aber bist der Baum.
Die heiligen drei Könige
Legende
Einst als am Saum der Wüsten sich auftat die Hand des Herrn wie eine Frucht, die sommerlich verkündet ihren Kern, da war ein Wunder: Fern erkannten und begrüßten sich drei Könige und ein Stern.
Drei Könige von Unterwegs und der Stern Überall, die zogen alle (überlegs!) so rechts ein Rex und links ein Rex zu einem stillen Stall.
Was brachten die nicht alles mit zum Stall von Bethlehem! Weithin erklirrte jeder Schritt, und der auf einem Rappen ritt, saß samten und bequem. Und der zu seiner Rechten ging, der war ein goldner Mann, und der zu seiner Linken fing mit Schwung und Schwing und Klang und Kling aus einem runden Silberding, das wiegend und in Ringen hing, ganz blau zu rauchen an. Da lachte der Stern Überall so seltsam über sie, und lief voraus und stand am Stall und sagte zu Marie:
Da bring ich eine Wanderschaft aus vieler Fremde her. Drei Könige mit magenkraft,1 von Gold und Topas schwer und dunkel, tumb und heidenhaft, - erschrick mir nicht zu sehr. Sie haben alle drei zuhaus zwölf Töchter, keinen Sohn, so bitten sie sich deinen aus als Sonne ihres Himmelblaus und Trost für ihren Thron. Doch mußt du nicht gleich glauben: bloß ein Funkelfürst und Heidenscheich sei deines Sohnes Los. Bedenk, der Weg ist groß. Sie wandern lange, Hirten gleich, inzwischen fällt ihr reifes Reich weiß Gott wem in den Schooß. Und während hier, wie Westwind warm, der Ochs ihr Ohr umschnaubt, sind sie vielleicht schon alle arm und so wie ohne Haupt. Drum mach mit deinem Lächeln licht die Wirrnis, die sie sind, und wende du dein Angesicht nach Aufgang und dein Kind; dort liegt in blauen Linien, was jeder dir verließ: Smaragda und Rubinien und die Tale von Türkis.
In der Certosa
Ein jeder aus der weißen Bruderschaft vertraut sich pflanzend seinem kleinen Garten. Auf jedem Beete steht, wer jeder sei. Und Einer harrt in heimlichen Hoffahrten, daß ihm im Mai die ungestümen Blüten offenbarten ein Bild von seiner unterdrückten Kraft.
Und seine Hände halten, wie erschlafft, sein braunes Haupt, das schwer ist von den Säften, die ungeduldig durch das Dunkel rollen, und sein Gewand, das faltig, voll und wollen, zu seinen Füßen fließt, ist stramm gestrafft um seinen Armen, die, gleich starken Schäften, die Hände tragen, welche träumen sollen.
Kein Miserere und kein Kyrie will seine junge, runde Stimme ziehn, vor keinem Fluche will sie fliehn: sie ist kein Reh. Sie ist ein Roß und bäumt sich im Gebiß, und über Hürde, Hang und Hindernis will sie ihn tragen, weit und weggewiß, ganz ohne Sattel will sie tragen ihn. Er aber sitzt, und unter den Gedanken zerbrechen fast die breiten Handgelenke, so schwer wird ihm der Sinn und immer schwerer.
Der Abend kommt, der sanfte Wiederkehrer, ein Wind beginnt, die Wege werden leerer, und Schatten sammeln sich im Talgesenke.
Und wie ein Kahn, der an der Kette schwankt, so wird der Garten ungewiß und hangt wie windgewiegt auf lauter Dämmerung. Wer löst ihn los?...
Der Frate ist so jung, und langelang ist seine Mutter tot. Er weiß von ihr: sie nannten sie La Stanca sie war ein Glas, ganz zart und klar. Man bot es einem, der es nach dem Trunk zerschlug wie einen Krug.
So ist der Vater. Und er hat sein Brot als Meister in den roten Marmorbrüchen. Und jede Wöchnerin in Pietrabianca hat Furcht, daß er des Nachts mit seinen Flüchen vorbei an ihrem Fenster kommt und droht. Sein Sohn, den er der Donna Dolorosa geweiht in einer Stunde wilder Not, sinnt im Arkadenhofe der Certosa, sinnt, wie umrauscht von rötlichen Gerüchen: denn seine Blumen blühen alle rot.
Das jüngste Gericht
Aus den Blättern eines Mönches
Sie werden Alle wie aus einem Bade aus ihren mürben Grüften auferstehn; denn alle glauben an das Wiedersehn, und furchtbar ist ihr Glauben, ohne Gnade.
Sprich leise, Gott! Es könnte einer meinen, daß die Posaune deiner Reiche rief; und ihrem Ton ist keine Tiefe tief: da steigen alle Zeiten aus den Steinen, und alle die Verschollenen erscheinen in welken Leinen, brüchigen Gebeinen und von der Schwere ihrer Schollen schief. Das wird ein wunderliches Wiederkehren in eine wunderliche Heimat sein; auch die dich niemals kannten, werden schrein und deine Größe wie ein Recht begehren: wie Brot und Wein.
Allschauender, du kennst das wilde Bild, das ich in meinem Dunkel zitternd dichte. Durch dich kommt Alles, denn du bist das Tor, - und Alles war in deinem Angesichte, eh es in unserm sich verlor. Du kennst das Bild vom riesigen Gerichte:
Ein Morgen ist es, doch aus einem Lichte, das deine reife Liebe nie erschuf, ein Rauschen ist es, nicht aus deinem Ruf, ein Zittern, nicht von göttlichem Verzichte, ein Schwanken, nicht in deinem Gleichgewichte. Ein Rascheln ist und ein Zusammenraffen in allen den geborstenen Gebäuden, ein Sichentgelten und ein Sichvergeuden, ein Sichbegatten und ein Sichbegaffen, und ein Betasten aller alten Freuden und aller Lüste welke Wiederkehr. Und über Kirchen, die wie Wunden klaffen, ziehn schwarze Vögel, die du nie erschaffen, in irren Zügen hin und her.
So ringen sie, die lange Ausgeruhten, und packen sich mit ihren nackten Zähnen und werden bange, weil sie nicht mehr bluten und suchen, wo die Augenbecher gähnen, mit kalten Fingern nach den toten Tränen. Und werden müde. Wenige Minuten nach ihrem Morgen bricht ihr Abend ein. Sie werden ernst und lassen sich allein und sind bereit, im Sturme aufzusteigen, wenn sich auf deiner Liebe heitrem Wein die dunklen Tropfen deines Zornes zeigen, um deinem Urteil nah zu sein. Und da beginnt es, nach dem großen Schrein: das übergroße fürchterliche Schweigen.
Sie sitzen alle wie vor schwarzen Türen in einem Licht, das sie, wie mit Geschwüren, mit vielen grellen Flecken übersät. Und wachsend wird der Abend alt und spät. Und Nächte fallen dann in großen Stücken auf ihre Hände und auf ihren Rücken, der wankend sich mit schwarzer Last belädt. Sie warten lange. Ihre Schultern schwanken unter dem Drucke wie ein dunkles Meer, sie sitzen, wie versunken in Gedanken, und sind doch leer. Was stützen sie die Stirnen? Ihre Gehirne denken irgendwo tief in der Erde, eingefallen, faltig: Die ganze alte Erde denkt gewaltig, und ihre großen Bäume rauschen so.
Allschauender, gedenkst du dieses bleichen Und bangen Bildes, das nicht seinesgleichen unter den Bildern deines Willens hat? Hast du nicht Angst vor dieser stummen Stadt, die, an dir hangend wie ein welkes Blatt, sich heben will zu deines Zornes Zeichen? O, greife allen Tagen in die Speichen, daß sie zu bald nicht diesem Ende nahen, - vielleicht gelingt es dir noch auszuweichen dem großen Schweigen, das wir beide sahen. Vielleicht kannst du noch einen aus uns heben, der diesem fürchterlichen Wiederleben den Sinn, die Sehnsucht und die Seele nimmt, einen, der bis in seinen Grund ergrimmt und dennoch froh, durch alle Dinge schwimmt, der Kräfte unbekümmerter Verbraucher, der sich auf allen Saiten geigt und unversehrt als unerkannter Taucher in alle Tode niedersteigt. ..... Oder, wie hoffst du diesen Tag zu tragen, der länger ist als aller Tage Längen, mit seines Schweigens schrecklichen Gesängen, wenn dann die Engel dich, wie lauter Fragen, mit ihrem schauerlichen Flügelschlagen umdrängen? Sieh, wie sie zitternd in den Schwingen hängen und dir mit hunderttausend Augen klagen, und ihres sanften Liedes Stimmen wagen sich aus den vielen wirren Übergängen nicht mehr zu heben zu den klaren Klängen. Und wenn die Greise mit den breiten Bärten, die dich berieten bei den besten Siegen, nur leise ihre weißen Häupter wiegen, und wenn die Frauen, die den Sohn dir nährten, und die von ihm Verführten, die Gefährten, und alle Jungfraun, die sich ihm gewährten: die lichten Birken deiner dunklen Gärten, - wer soll dir helfen, wenn sie alle schwiegen?
Und nur dein Sohn erhübe sich unter denen, welche sitzen um deinen Thron. Grübe sich deine Stimme dann in sein Herz? Sagte dein einsamer Schmerz dann: Sohn! Suchtest du dann das Angesicht dessen, der das Gericht gerufen, dein Gericht und deinen Thron: Sohn! Hießest du, Vater, dann deinen Erben, leise begleitet von Magdalenen, niedersteigen zu jenen, die sich sehnen, wieder zu sterben?
Das wäre dein letzter Königserlaß, die letzte Huld und der letzte Haß. Aber dann käme Alles zu Ruh: der Himmel und das Gericht und du. Alle Gewänder des Rätsels der Welt, das sich so lange verschleiert hält, fallen mit dieser Spange. .... Doch mir ist bange....
Allschauender, sieh, wie mir bange ist, miß meine Qual! Mir ist bange, daß du schon lange vergangen bist. Als du zum erstenmal in deinem Alleserfassen das Bild dieses blassen Gerichtes sahst, dem du dich hülflos nahst, Allschauender. Bist du damals entflohn? Wohin? Vertrauender kann keiner dir kommen als ich, der ich dich nicht um Lohn verraten will wie alle die Frommen. Ich will nur, weil ich verborgen bin und müde wie du, noch müder vielleicht, und weil meine Angst vor dem großen Gericht deiner gleicht, will ich mich dicht, Gesicht bei Gesicht, an dich heften; mit einigen Kräften werden wir wehren dem großen Rade, über welches die mächtigen Wasser gehn, die rauschen und schnauben - denn: wehe, sie werden auferstehn. So ist ihr Glauben: groß und ohne Gnade.
Karl der zwölfte von Schweden reitet in der Ukraine
Könige in Legenden sind wie Berge im Abend. Blenden jeden, zu dem sie sich wenden. Die Gurte! um ihre Lenden und die lastenden Mantelenden sind Länder und Leben wert. Mit den reichgekleideten Händen geht, schlank und nackt, das Schwert.
*
Ein junger König aus Norden war in der Ukraine geschlagen. Der haßte Frühling und Frauenhaar und die Harfen und was sie sagen. Der ritt auf einem grauen Pferd, sein Auge schaute grau und hatte niemals Glanz begehrt zu Füßen einer Frau. Keine war seinem Blicke blond, keine hat küssen ihn gekonnt; und wenn er zornig war, so riß er einen Perlenmond aus wunderschönem Haar. Und wenn ihn Trauer überkam, so machte er ein Mädchen zahm und forschte, wessen Ring sie nahm und wem sie ihren bot - und: hetzte ihr den Bräutigam mit hundert Hunden tot.
Und er verließ sein graues Land, das ohne Stimme war, und ritt in einen Widerstand und kämpfte um Gefahr, bis ihn das Wunder überwand: wie träumend ging ihm seine Hand von Eisenband zu Eisenband und war kein Schwert darin; er war zum Schauen aufgewacht: es schmeichelte die schöne Schlacht um seinen Eigensinn. Er saß zu Pferde: ihm entging keine Gebärde rings. Auf Silber sprach jetzt Ring zu Ring, und Stimme war in jedem Ding, und wie in vielen Glocken hing die Seele jedes Dings. Und auch der Wind war anders groß, der in die Fahnen sprang, schlank wie ein Panther, atemlos und taumelnd vom Trompetenstoß, der lachend mit ihm rang. Und manchmal griff der Wind hinab: da ging ein Blutender, - ein Knab, welcher die Trommel schlug; er trug sie immer auf und ab und trug sie wie sein Herz ins Grab vor seinem toten Zug. Da wurde mancher Berg geballt, als war die Erde noch nicht alt und baute sich erst auf; bald stand das Eisen wie Basalt, bald schwankte wie ein Abendwald mit breiter steigender Gestalt der großbewegte Hauf. Es dampfte dumpf die Dunkelheit, was dunkelte war nicht die Zeit, - und alles wurde grau, aber schon fiel ein neues Scheit, und wieder ward die Flamme breit und festlich angefacht. Sie griffen an: in fremder Tracht ein Schwarm phantastischer Provinzen; wie alles Eisen plötzlich lacht: von einem silberlichten Prinzen erschimmerte die Abendschlacht. Die Fahnen flatterten wie Freuden, und Alle hatten königlich in ihren Gesten ein Vergeuden, - an fernen flammenden Gebäuden entzündeten die Sterne sich...
Und Nacht war. Und die Schlacht trat sachte zurück wie ein sehr müdes Meer, das viele fremde Tote brachte, und alle Toten waren schwer. Vorsichtig ging das graue Pferd (von großen Fäusten abgewehrt) durch Männer, welche fremd verstarben, und trat auf flaches, schwarzes Gras. Der auf dem grauen Pferde saß, sah unten auf den feuchten Farben viel Silber wie zerschelltes Glas. Sah Eisen welken, Helme trinken und Schwerter stehn in Panzernaht, sterbende Hände sah er winken mit einem Fetzen von Brokat... Und sah es nicht.
Und ritt dem Lärme der Feldschlacht nach, als ob er schwärme, mit seinen Wangen voller Wärme und mit den Augen von Verliebten...
Der Sohn
Mein Vater war ein verbannter König von überm Meer. Ihm kam einmal ein Gesandter: sein Mantel war ein Panther, und sein Schwert war schwer.
Mein Vater war wie immer ohne Helm und Hermelin; es dunkelte das Zimmer wie immer arm um ihn. Es zitterten seine Hände und waren blaß und leer, - in bilderlose Wände blicklos schaute er.
Die Mutter ging im Garten und wandelte weiß im Grün, und wollte den Wind erwarten vor dem Abendglühn. Ich träumte, sie würde mich rufen, aber sie ging allein, - ließ mich vom Rande der Stufen horchen verhallenden Hufen und ins Haus hinein:
Vater! Der fremde Gesandte...? Der reitet wieder im Wind... Was wollte der? Er erkannte dein blondes Haar, mein Kind. Vater! Wie war er gekleidet! Wie der Mantel von ihm floß! Geschmiedet und geschmeidet war Schulter, Brust und Roß. Er war eine Stimme im Stahle, er war ein Mann aus Nacht, - aber er hat eine schmale Krone mitgebracht. Sie klang bei jedem Schritte an sein sehr schweres Schwert, die Perle in ihrer Mitte ist viele Leben wert. Vom zornigen Ergreifen verbogen ist der Reifen, der oft gefallen war: es ist eine Kinderkrone, - denn Könige sind ohne; - gieb sie meinem Haar! Ich will sie manchmal tragen in Nächten, blaß vor Scham. Und will dir, Vater, sagen, woher der Gesandte kam. Was dort die Dinge gelten, ob steinern steht die Stadt, oder ob man in Zelten mich erwartet hat.
Mein Vater war ein Gekränkter und kannte nur wenig Ruh. Er hörte mir mit verhängter Stirne nächtelang zu. Mir lag im Haar der Ring. Und ich sprach ganz nahe und sachte, daß die Mutter nicht erwachte, - die an dasselbe dachte, wenn sie, ganz weiß gelassen, vor abendlichen Massen durch dunkle Garten ging.
*
... So wurden wir verträumte Geiger, die leise aus den Türen treten, um auszuschauen, eh sie beten, ob nicht ein Nachbar sie belauscht. Die erst, wenn alle sich zerstreuten, hinter dem letzten Abendläuten, die Lieder spielen, hinter denen (wie Wald im Wind hinter Fontänen) der dunkle Geigenkasten rauscht. Denn dann nur sind die Stimmen gut, wenn Schweigsamkeiten sie begleiten, wenn hinter dem Gespräch der Saiten Geräusche bleiben wie von Blut; und bang und sinnlos sind die Zeiten, wenn hinter ihren Eitelkeiten nicht etwas waltet, welches ruht.
Geduld: es kreist der leise Zeiger, und was verheißen ward, wird sein: Wir sind die Flüstrer vor dem Schweiger, wir sind die Wiesen vor dem Hain; in ihnen geht noch dunkles Summen - (viel Stimmen sind und doch kein Chor) und sie bereiten auf die stummen tiefen heiligen Haine vor.
Die Zaren
Ein Gedicht-Kreis (1899 und 1906)
I
Das war in Tagen, da die Berge kamen: die Bäume bäumten sich, die noch nicht zahmen, und rauschend in die Rüstung stieg der Strom. Zwei fremde Pilger riefen einen Namen, und aufgewacht aus seinem langen Lahmen war Ilija, der Riese von Murom.
Die alten Eltern brachen in den Äckern an Steinen ab und an dem wilden Wuchs; da kam der Sohn, ganz groß, von seinen Weckern und zwang die Furchen in die Furcht des Pflugs. Er hob die Stämme, die wie Streiter standen, und lachte ihres wankenden Gewichts, und aufgestört wie schwarze Schlangen wanden die Wurzeln, welche nur das Dunkel kannten, sich in dem breiten Griff des Lichts.
Es stärkte sich im frühen Tau die Mähre, in deren Adern Kraft und Adel schlief; sie reifte unter ihres Reiters Schwere, ihr Wiehern war wie eine Stimme tief, - und beide fühlten, wie das Ungefähre sie mit verheißenden Gefahren rief.
Und reiten, reiten... vielleicht tausend Jahre. Wer zählt die Zeit, wenn einmal Einer will. (Vielleicht saß er auch tausend Jahre still.) Das Wirkliche ist wie das Wunderbare: es mißt die Welt mit eigenmächtigen Maßen; Jahrtausende sind ihm zu jung.
Weit schreiten werden, welche lange saßen in ihrer tiefen Dämmerung.
II
Noch drohen große Vögel allenthalben, und Drachen glühn und hüten überall der Wälder Wunder und der Schluchten Fall; und Knaben wachsen an, und Männer salben sich zu dem Kampfe mit der Nachtigall,
die oben in den Kronen von neun Eichen sich lagert wie ein tausendfaches Tier, Und abends geht ein Schreien ohnegleichen, ein schreiendes Bis-an-das-Ende-Reichen, und geht die ganze Nacht lang aus von ihr;
die Frühlingsnacht, die schrecklicher als alles und schwerer war und banger zu bestehn: ringsum kein Zeichen eines Überfalles und dennoch alles voller Übergehn, hinwerfend sich und Stück für Stück sich gebend, ja jenes Etwas, welches um sich griff; anrufend noch, am ganzen Leibe bebend und darin untergehend wie ein Schiff.
Das waren Überstarke, die da blieben, von diesem Riesigen nicht aufgerieben, das aus den Kehlen wie aus Kratern brach; sie dauerten, und alternd nach und nach begriffen sie die Bangnis der Aprile, und ihre ruhigen Hände hielten viele und führten sie durch Furcht und Ungemach zu Tagen, da sie froher und gesünder die Mauern bauten um die Städtegründer, die über allem gut und kundig saßen.
Und schließlich kamen auf den ersten Straßen aus Höhlen und verhaßten Hinterhalten die Tiere, die für unerbittlich galten. Sie stiegen still aus ihren Übermaßen (beschämte und veraltete Gewalten) und legten sich gehorsam vor die Alten.
III
Seine Diener füttern mit mehr und mehr ein Rudel von jenen wilden Gerüchten, die auch noch Er sind, alles noch Er.
Seine Günstlinge flüchten vor ihm her.
Und seine Frauen flüstern und stiften Bünde. Und er hört sie ganz innen in ihren Gemächern mit Dienerinnen, die sich scheu umsehn, sprechen von Giften.
Alle Wände sind hohl von Schränken und Fächern, Mörder ducken unter den Dächern und spielen Mönche mit viel Geschick. Und er hat nichts als einen Blick dann und wann; als den leisen Schritt auf den Treppen die kreisen; nichts als das Eisen an seinem Stock.
Nichts als den dürftigen Büßerrock (durch den die Kälte aus den Fliesen an ihm hinaufkriecht wie mit Krallen) nichts, was er zu rufen wagt, nichts als die Angst vor allen diesen, nichts als die tägliche Angst vor Allen, die ihn jagt durch diese gejagten Gesichter, an dunklen ungefragten vielleicht schuldigen Händen entlang.
Manchmal packt er Einen im Gang grade noch an des Mantels Falten, und er zerrt ihn zornig her; aber im Fenster weiß er nicht mehr: wer ist Haltender? Wer ist gehalten? Wer bin ich und wer ist der?
IV
Es ist die Stunde, da das Reich sich eitel in seines Glanzes vielen Spiegeln sieht. Der blasse Zar, des Stammes letztes Glied, träumt auf dem Thron, davor das Fest geschieht, und leise zittert sein beschämter Scheitel und seine Hand, die vor den Purpurlehnen mit einem unbestimmten Sehnen ins wirre Ungewisse flieht.
Und um sein Schweigen neigen sich Bojaren in blanken Panzern und in Pantherfellen, wie viele fremde fürstliche Gefahren, die ihn mit stummer Ungeduld umstellen. Tief in den Saal schlägt ihre Ehrfurcht Wellen.
Und sie gedenken eines andern Zaren, der oft mit Worten, die aus Wahnsinn waren, ihnen die Stirnen an die Steine stieß. Und denken also weiter: jener ließ nicht so viel Raum, wenn er zu Throne saß, auf dem verwelkten Samt des Kissens leer.
Er war der Dinge dunkles Maß, und die Bojaren wußten lang nicht mehr, daß rot der Sitz des Sessels sei, so schwer lag sein Gewand und wurde golden breit.
Und weiter denken sie: das Kaiserkleid schläft auf den Schultern dieses Knaben ein. Obgleich im ganzen Saal die Fackeln flacken, sind bleich die Perlen, die in sieben Reihn, wie weiße Kinder, knien um seinen Nacken, und die Rubine an den Ärmelzacken, die einst Pokale waren, klar von Wein, sind schwarz wie Schlacken -
Und ihr Denken schwillt.
Es drängt sich heftig an den blassen Kaiser, auf dessen Haupt die Krone immer leiser und dem der Wille immer fremder wird; er lächelt. Lauter prüfen ihn die Preiser, ihr Neigen nähert sich, sie schmeicheln heiser. - und eine Klinge hat im Traum geklirrt.
V
Der blasse Zar wird nicht am Schwerte sterben, die fremde Sehnsucht macht ihn sakrosankt; er wird die feierlichen Reiche erben, an denen seine sanfte Seele krankt.
Schon jetzt, hintretend an ein Kremlfenster, sieht er ein Moskau, weißer, unbegrenzter, in seine endlich fertige Nacht gewebt; so wie es ist im ersten Frühlingswirken, wenn in den Gassen der Geruch aus Birken von lauter Morgenglocken bebt.
Die großen Glocken, die so herrisch lauten, sind seine Väter, jene ersten Zaren, die sich noch vor den Tagen der Tataren aus Sagen, Abenteuern und Gefahren, aus Zorn und Demut zögernd auferbauten.
Und er begreift auf einmal, wer sie waren, und daß sie oft um ihres Dunkels Sinn in seine eignen Tiefen niedertauchten und ihn, den Leisesten von den Erlauchten, in ihren Taten groß und fromm verbrauchten schon lang vor seinem Anbeginn.
Und eine Dankbarkeit kommt über ihn, daß sie ihn so verschwenderisch vergeben an aller Dinge Durst und Drang. Er war die Kraft zu ihrem Überschwang, der goldne Grund, vor dem ihr breites Leben geheimnisvoll zu dunkeln schien.
In allen ihren Werken schaut er sich, wie eingelegtes Silber in Zieraten, und es giebt keine Tat in ihren Taten, die nicht auch war in seinen stillen Staaten, in denen alles Handelns Rot verblich.
VI
Noch immer schauen in den Silberplatten wie tiefe Frauenaugen die Saphire, Goldranken schlingen sich wie schlanke Tiere, die sich im Glanze ihrer Brünste gatten, und sanfte Perlen warten in dem Schatten wilder Gebilde, daß ein Schimmer ihre stillen Gesichter finde und verliere. Und das ist Mantel, Strahlenkranz und Land, und ein Bewegen geht von Rand zu Rand, wie Korn im Wind und wie ein Fluß im Tale, so glänzt es wechselnd durch die Rahmenwand.
In ihrer Sonne dunkeln drei Ovale: das große giebt dem Mutterantlitz Raum, und rechts und links hebt eine mandelschmale Jungfrauenhand sich aus dem Silbersaum. Die beiden Hände, seltsam still und braun, verkünden, daß im köstlichen Ikone die Königliche wie im Kloster wohne, die überfließen wird von jenem Sohne, von jenem Tropfen, drinnen wolkenohne die niegehofften Himmel blaun.
Die Hände zeugen noch dafür; aber das Antlitz ist wie eine Tür in warme Dämmerungen aufgegangen, in die das Lächeln von den Gnadenwangen mit seinem Lichte irrend, sich verlor. Da neigt sich tief der Zar davor und spricht:
Fühltest Du nicht, wie sehr wir in Dich drangen mit allem Fühlen, Fürchten und Verlangen: wir warten auf Dein liebes Angesicht, das uns vergangen ist; wohin vergangen?:
Den großen Heiligen vergeht es nicht.
Er bebte tief in seinem steifen Kleid, das strahlend stand. Er wußte nicht, wie weit er schon von allem war, und ihrem Segnen wie selig nah in seiner Einsamkeit.
Noch sinnt und sinnt der blasse Gossudar. Und sein Gesicht, das unterm kranken Haar schon lange tief und wie im Fortgehn war, verging, wie jenes in dem Goldovale, in seinem großen goldenen Talar. (Um ihrem Angesichte zu begegnen.)
Zwei Goldgewänder schimmerten im Saale und wurden in dem Glanz der Ampeln klar.
Der Sänger singt vor einem Fürstenkind
Dem Andenken von Paula Becker-Modersohn
Du blasses Kind, an jedem Abend soll der Sänger dunkel stehn bei deinen Dingen und soll dir Sagen, die im Blute klingen, über die Brücke seiner Stimme bringen und eine Harfe, seiner Hände voll.
Nicht aus der Zeit ist, was er dir erzählt, gehoben ist es wie aus Wandgeweben; solche Gestalten hat es nie gegeben, - und Niegewesenes nennt er das Leben. Und heute hat er diesen Sang erwählt:
Du blondes Kind von Fürsten und aus Frauen, die einsam warteten im weißen Saal, - fast alle waren bang, dich aufzubauen, um aus den Bildern einst auf dich zu schauen: auf deine Augen mit den ernsten Brauen, auf deine Hände, hell und schmal.
Du hast von ihnen Perlen und Türkisen, von diesen Frauen, die in Bildern stehn als stünden sie allein in Abendwiesen, - du hast von ihnen Perlen und Türkisen und Ringe mit verdunkelten Devisen und Seiden, welche welke Düfte wehn.
Du trägst die Gemmen ihrer Gürtelbänder ans hohe Fenster in den Glanz der Stunden, und in die Seide sanfter Brautgewänder sind deine kleinen Bücher eingebunden, und drinnen hast du, mächtig über Länder, ganz groß geschrieben und mit reichen, runden Buchstaben deinen Namen vorgefunden.
Und alles ist, als wär es schon geschehn.
Sie haben so, als ob du nicht mehr kämst, an alle Becher ihren Mund gesetzt, zu allen Freuden ihr Gefühl gehetzt und keinem Leide leidlos zugesehn; so daß du jetzt stehst und dich schämst. ... Du blasses Kind, dein Leben ist auch eines, - der Sänger kommt dir sagen, daß du bist. Und daß du mehr bist als ein Traum des Haines, mehr als die Seligkeit des Sonnenscheines, den mancher graue Tag vergißt. Dein Leben ist so unaussprechlich Deines, weil es von vielen überladen ist.
Empfindest du, wie die Vergangenheiten leicht werden, wenn du eine Weile lebst, wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten, jedes Gefühl mit Bildern dir begleiten, - und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeiten für eine Geste, die du schön erhebst. -
Das ist der Sinn von allem, was einst war, daß es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere, daß es zu unserm Wesen wiederkehre, in uns verwoben, tief und wunderbar:
So waren diese Frauen elfenbeinern, von vielen Rosen rötlich angeschienen, so dunkelten die müden Königsmienen, so wurden fahle Fürstenmunde steinern und unbewegt von Waisen und von Weinern, so klangen Knaben an wie Violinen und starben für der Frauen schweres Haar; so gingen Jungfraun der Madonna dienen, denen die Welt verworren war. So wurden Lauten laut und Mandolinen, in die ein Unbekannter größer griff, - in warmen Samt verlief der Dolche Schliff, - Schicksale bauten sich aus Glück und Glauben, Abschiede schluchzten auf in Abendlauben, - und über hundert schwarzen Eisenhauben schwankte die Feldschlacht wie ein Schiff. So wurden Städte langsam groß und fielen in sich zurück wie Wellen eines Meeres, so drängte sich zu hochbelohnten Zielen die rasche Vogelkraft des Eisenspeeres, so schmückten Kinder sich zu Gartenspielen, - und so geschah Unwichtiges und Schweres, nur, um für dieses tägliche Erleben dir tausend große Gleichnisse zu geben, an denen du gewaltig wachsen kannst.
Vergangenheiten sind dir eingepflanzt, um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.
Du blasses Kind, du machst den Sänger reich mit deinem Schicksal, das sich singen läßt: so spiegelt sich ein großes Gartenfest mit vielen Lichtern im erstaunten Teich. Im dunklen Dichter wiederholt sich still ein jedes Ding: ein Stern, ein Haus, ein Wald. Und viele Dinge, die er feiern will, umstehen deine rührende Gestalt.
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