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Abermals in Zwickau (1929)
Rings um das Zwickauer Krankenstift Torkeln im Schnee fette Raben, Die wissen nicht, was Pulver und Gift Ist, und wie gut sie es haben.
Es geht modern und freundlich zu In den sauberen Krankenstationen. Ich möchte gern einmal in Ruh Dort ein, zwei Jahre wohnen.
Wenn das verdammte Kranksein nicht wär, Das die zum Eintritt verlangen! (Dann wird man zwar wie ein Teddybär Von Ärzten und Schwestern empfangen.)
Ich denke mir: Sie sterben nie – Die außerhalb – die Raben – Und sind wohl auch nur Krähen, die Was gegen Zwickau haben.
Weil sie mit ihrem großen Blick So hell und weitaus spähen. – Ein neuer Eindruck hier in Zwick. Prost, Ärzte! und prost, Krähen!
Brief auf Hotelpapier (1929)
Wenn du nach Halle gehst, Dann geh nach Hamburg, Wenn du von gutem Leben was verstehst.
Wenn du nach Halle reist, Magst du zuvor mich fragen. Ich kann dir manches sagen, Was du vielleicht nicht weißt.
Daß du in kurzer Frist Nur Allerbestes pickst. Die Stadt ist nämlich etwas trüb gemixed. Doch kommt's auch darauf an, wer du nun bist.
Ziehst du nach Halle, grüße Giebichenstein Und Marcks und andres Nochzuunterschätzte. Und möchte alles dir gewogen sein, Was mich so freundlich hier anringelnätzte.
Vorausgesetzt: du hast ein Herz am Rost Und für Geschmack ein heiteres Gesicht. Dann, wie gesagt, quartier dich vor der Post Gleich in Stadt Hamburg ein. Halle entgeht dir nicht.
Königsberg in Preußen (Februar 1929)
In Königsberg zum zweitenmal. Ich wohnte im Hotel Central, Dort war gut hausen. Doch draußen: An Kälte zweiunddreißig Grad. Ich ächzte und ich stöhnte. Ja, Königsberg war stets ein Bad Für südwarm weich Verwöhnte. Und weil ein Streik der Autos war, Verfluchte ich den Februar, Was den durchaus nicht rührte. Doch was ich so an Menschen sah, Das war mir hell und war mir nah, So, daß ich Freundschaft spürte. Die Mädchen, die mir's angetan, Die wirkten so wie Walzen Und schmeckten doch wie Marzipan Nur kräftig und gesalzen. Und sollte es hier einen Sarg, So krumm, wie ich bin, geben, So möcht ich gern in Königsbarg Begraben sein und leben.
Asta Nielsen weiht einen Pokal (München, März 1929)
Du irrst, Asta, wenn Du denkst: Dieser Pokal sollte Dein sein. Du sollst ihn nur einweihn, Daß Du ihn mir schenkst.
Der ich gestern wieder einmal Vor Deiner Kunst glühte, Trinke nun künftig aus diesem Pokal Deinen Kuß und Deine Güte.
Denn das Herz ist durstiger als Kehle. Glas zerbricht einmal. Menschenfleisch stirbt. Deine große Barfußmädchenseele, Asta, ewig lebt sie, webt und wirbt.
Arbeit
Ist es unrecht, die Arbeit zu lieben? Warum sind sie aus dem Paradies vertrieben? Jeder weiß es.
»Im Angesicht deines Schweißes . . .« – Nein anders: »Im Schweiß deines Angesichts Sollst du dein Brot . . .« heißt es dort. – Wie? Wunderlich! – Schweiß ist doch Arbeit. – Ist die Arbeit Strafe des Höchsten Gerichts?
Geh, Exegesel, tu deine Pflicht, Ohne daß du Verbotenstes frißt, Und mit dem Verstande suche nicht, Was dein Gewissen viel besser ermißt.
Gespräch mit einem Blasierten
Nun, wie war Ihr Flug? Fragte ich irgendwen. Er meinte: »Langweilig genug – – Immer bloß Landkarten sehn – – Außerdem zog es.« Angst? »Mir gangst!« Haben Sie gekeks' . . .? »Keineswegs«, Lachte er oder log es.
Wie war das Wetter? – »Bewegt.« Hat Sie der Start aufgeregt? »Gar nicht. Ich schlief.« Flogen Sie hoch? – »Nein. tief.«
Wie war das Personal? »Wahrscheinlich ganz bieder.« Flogen Sie zum erstenmal? »Ja, und nie wieder.«
War denn die Landung vergnügt? »Nein, alles hundsmiserabel.« Danke, sagte ich, genügt! Halten Sie jetzt Ihren Schnabel.
Fluidum
Von Auge zu Auge wogen Moleküle Gefühle, Ehe das Auge sieht, Ehe sich das Gesicht Zur Miene verzieht, Ehe der Mund verlogen Oder verlegen spricht.
Wenn sie genauer erkennend sich Verachten oder hassen – – –
Müßten zwei Höfliche eigentlich Wortlos einander verlassen.
Aber wenn jene zarten Fluiden Kampfredlich oder in Frieden Im Begegnen Einander segnen – – – Ist es denn irgendwie schlimm, Wenn zwei Menschen, die sich leiden Können, ohne Wort, ohne Nimm Und ohne Gib Bald wieder vonander scheiden? »Den oder die habe ich lieb.«
Abgesehen von der Profitlüge
Die kurzen Beine der Lüge sind Auch nur etwas Relatives. Ein Segler kreuzend gegen Wind Ist immer etwas Schiefes.
Ob sie aus Anstand, aus Mitleid gibt, Sich hinter der Kunst will schützen, Wenn sie nicht innerst sich selber liebt, Wird Lüge niemandem nützen.
Es gibt eine Lüge politisch und kühn, Und die ist auch noch zu rügen. Ich meine: Wir sollten uns alle bemühn, Möglichst wenig zu lügen.
Zu dir
Sie sprangen aus rasender Eisenbahn Und haben sich gar nicht weh getan.
Sie wanderten über Geleise, Und wenn ein Zug sie überfuhr, Dann knirschte nichts. Sie lachten nur. Und weiter ging die Reise.
Sie schritten durch eine steinerne Wand, Durch Stacheldrähte und Wüstenbrand, Durch Grenzverbote und Schranken Und durch ein vorgehaltnes Gewehr, Durchzogen viele Meilen Meer. –
Meine Gedanken. –
Ihr Kurs ging durch, ging nie vorbei. Und als sie dich erreichten, Da zitterten sie und erbleichten Und fühlten sich doch unsagbar frei.
Sehnsucht nach Berlin (1929)
Berlin wird immer mehr Berlin. Humorgemüt ins Große. Das wär mein Wunsch: Es anzuziehn Wie eine schöne Hose.
Und wär Berlin dann stets um mich Auf meinen Wanderwegen. Berlin, ich sehne mich in dich. Ach komm mir doch entgegen!
Großplatztauben
Auf großen Plätzen in den Städten Mästen sich Taubenschwärme. Es gehen knurrend manchmal Gedärme Vorbei, die nur ein solch Federvieh Gar zu gern und gebraten hätten.
Man erziehe rechtzeitig sein Kind Zu der Liebe zu allen Tieren. Kinder, die schön angezogen sind, Sollen mit reichgekleideten Müttern Tauben öffentlich hätscheln und füttern Und sich dabei Neckisch und lieblich photographieren Lassen. – Spatzen sind vogelfrei.
Ich habe vor markusplatzigen Tauben Etwas Angst wegen meines Hutes. Ich kann mir nicht viele Hüte erlauben. Ich wünsche den Photographen nur Gutes Und den Müttern auf der Parade – Nicht ihrem Kind – All das, wofür meine Hüte zu schade Sind.
Eine Zuschauerin im Flughafen
»Nie wieder wird's Menschen geben, Die so viel erleben, Wie wir, in unsrer gigantischen Zeit! Der Weltkrieg und die ihm folgenden Leiden – Wird keiner auch uns darum beneiden – Haben doch alles, was in der Welt Früher geschah, in den Schatten gestellt. O unsre Zeit! Und speziell unser Land!«
Der Platzleiter bückte sich, hob galant Ein Buch auf, gab's mit der linken Hand Der Dame zurück, nicht mit der rechten. (Er war im Kriege in Luftgefechten Dreimal abgeschossen und rühmlichst bekannt.)
»Danke. – Ach, wie der Gedanke erhebt: Nie wird – Nie hat eine Generation Soviel Erfindungen neu erlebt. Denken Sie nur an Edison, An Fahrrad, Auto und Grammophon, An Kino, Radio, Röntgenstrahlen, Schon Trambahn, Rohrpost und Salvarsan. All das hat unsere Zeit getan! Und was noch folgt, ist kaum auszumalen. Wir schreiten weiter von Siegen zu Siegen. Nicht Fortschritt mehr, sondern Fortflug. Wir fliegen Empor. Wir werden zu höheren Fernen Schweben, zum Mars und zu sämtlichen Sternen. Wir werden vielleicht Die alleräußerste Peripherie Des Weltalls erreichen. – – Ich danke Ihnen, das haben Sie Und Ihresgleichen Durch Ihr Genie und durch Mut erreicht.«
Die Dame schwieg, und sie fächelte Mit ihren Armen, als wollte sie fliegen.
Der Flugplatzleiter lächelte. »Bin oft nach der Sonne zu aufgestiegen«, So sagte er heiter, »Doch zog sie sich immer um jedes Stück Meiner erstrebten Annäherung weiter Und höher zum alten Abstand zurück.«
Natur
Wenn immer sie mich fragen, Ob ich ein Freund sei der Natur, Was soll ich ihnen nur Dann sagen?
Ich kann eine Bohrmaschine, Einen Hosenträger oder ein Kind So lieben wie eine Biene Oder wie Blumen oder Wind.
Ein Sofa ist entstanden, So wie ein Flußbett entstand. Wo immer Schiffe landen, Finden sie immer nur Land.
Es mag ein holder Schauer Nach einem Erlebnis in mir sein. Ich streichle eine Mauer Des Postamts. Glatte Mauer aus Stein.
Und keiner von den Steinen Nickt mir zurück. Und manche Leute weinen Vor Glück.
Schroffer Abbruch
Laß mich doch allein, Bitte, bitte! Meine Schritte Sind deinen zu klein.
Merkst du denn nicht, Was höfliche Worte sind?
Deine Blicke stellen sich blind. Was aus dir spricht, Ist nur Angst und die Sucht, Fremdes zu gewinnen.
Jemand, vor sich selbst auf der Flucht, Findet nicht Ruhe, Sich zu besinnen, Vergißt die Tat vor Getue.
Du kannst dich selbst nicht ertragen, So schwach bist du.
Blicke ein Jahr lang nur in die Höh Und höre nur Stillem zu. Mehr kann ich dir nicht sagen. Adieu!
Rückkehr zweier Thüringer aus England
Der Eine
Goodbye. I go, Anybody to irgendwo. Lebe wohl, du Land, das ich verehre!
On the pier winks no girl, no man. Oh, the Channel is larger than Many many Meere.
Only altogether was to me The only English friend. And it seems to be Und muß wohl so sein: Unser Kontinent hat einen wärmeren Sonnenschein.
Dennoch komme ich aus guter Zeit. England was light and was polite.
England is a happy land, Und es braucht uns nicht, And it doesn't understand, Was aus foreign Herzen sucht und spricht.
Wenn es wüßte! Das Schiff rollt. Es entschwindet die Küste. Ich fühle mich frei. England, goodbye!
Der Andere
Nun war ich drüben überm Kanal In London, fast eine Woche. Nun fahre ich nach Schnepfental. Für mich beginnt nun wieder einmal Eine Epoche.
Muß ich auch für das letzte Stück Einen Personenzug nehmen, Nur in der Ferne liegt das Glück, Durchaus nicht im Bequemen.
Anni ist Anni und immer ganz Ohr Für Worte, wie ich sie wähle. Nun stelle ich mir in Gedanken vor, Wie ich ihr von London erzähle.
Ich habe studiert und photographiert – Die Bilder kann ich auch zeigen. Ich wollte nur, ich wäre blasiert. Dann könnte ich unterwegs schweigen.
So aber bin ich zu mitteilsam, Fast wie ein unmündiger Knabe. Es ist beschämend und doch sehr heilsam, Daß ich schreckliches Heimweh habe.
Meine alte Schiffsuhr
In meinem Zimmer hängt eine runde, Alte, achteckige Segelschiffsuhr. Sie schlägt weder Glasen noch Stunde. Sie schlägt, wie sie will, und auch nur,
Wann sie will. Die Uhrmacher gaben Sie alle ratlos mir zurück; Sie wollten mit solchem Teufelsstück Gar nichts zu tun haben.
Und gehe sie, wie sie wolle, Ich freue mich, weil sie noch lebt. Nur schade, daß nie eine tolle Dünung sie senkt oder hebt
Oder schüttert. Nein, sie hängt sicher Geborgen. Doch in ihr kreist Ein ruhelos wunderlicher Freibeuter-Klabautergeist.
Nachts, wenn ich still vor ihr hocke, Dann höre ich mehr als Ticktack. Dann klingt was wie Nebelglocke Und ferner Hundswachenschnack.
Und manche Zeit versäume Ich vor der spukenden, unkenden Uhr, Indem ich davon träume, Wie ich mit ihr nach Westindien fuhr.
Nach der Trennung. Lichterfelde
War so oft schon dieses Scheiden. »Lebewohl!« (Auf nur vier Wochen) Schon gemeinsam schwer gesprochen, – Schwerer jedem dann von beiden.
Jedes lächelte und lachte Über das, was Üblich sprach. Jedes wußte das und dachte Hinterher ganz anders, lange nach.
Dies Berlin ist grausig tief und flach Und so breit. Es gibt dafür kein Dach. Schaurig schon, daß Menschen dort verschwinden. Aber stelle arme Fraun dir vor, die dort Schamvoll irrend einen öffentlichen Abort Suchen und nicht finden.
Lichterfelde. Blieb mein D-Zug stehn. Und ich sah im Schnellzug vis-à-vis Ein so blasses schönes Eisenbahnergesicht, Wie ich fremdfern nie Ein Gesicht so innig hab gesehn.
Du, du meine Frau, wirst mich verstehn.
Enttäuschter Badegast
Wenn ich im Badeanzug bin Und im Familienbade, Geht die Erotik fort. Wohin Weiß Gott. Wie schade!
Und Weiber jederlei Gestalt Sie lassen alle dann mich kalt, Wie die verdammte Jauche Der See, in die ich tauche, Kalt macht, speziell am Bauche.
Von der Kabine bis ans Meer Geniere ich mich immer sehr. Trotz Spucke und trotz Laufgeschwind Merkt jede Frau und jedes Kind, Daß meine Füße dreckig sind. Und niemand fragt woher.
Daß jemanden, der nicht gut schwimmt, Daß man den gar nicht mehr als Mann, Sondern als Tauchemännchen nimmt – –
So handeln Weiber, die bestimmt Wären, mich aufzuregen.
Mir schmeckt das Badewasser nie. Ich denke immer an Pipi Und kann das auch belegen.
Es liegt mir fern, hier indiskret Krampfadern aufzuwühlen, Doch jede Frau, die baden geht, Weiß nichts von meinen Gefühlen.
Leere Nacht
Es ließ ein Huhn sich braten. Ich roch es. Doch es lockte nicht. Mich grüßten zwei Soldaten. Sie hatten kein Gesicht.
Ich schritt an Licht und Scheinen Vorbei. Und schritt. Und schritt vorbei. Ich sah ein Mädchen weinen. Doch meine Brille ging entzwei.
Ein Bogen strich die Geige. Und Stumme tranken Luft. Mich streiften nasse Zweige. Und irgend jemand sagte »Schuft«.
Bin beinah überfahren. Das Auto hat mich ausgelacht.
Wo meine Freunde wohl waren In dieser gottvergessenen Nacht?
Ein ängstlich Einsteigenden
Flieg zu, Insasse! Und lasse Lasse dich Nur äußerlich Von andern lenken.
Du mußt denken: Deine Linie geht Nach deinem Willen Und im stillen Wie ein arglos Gebet.
Selbstverständlich interessiere dich Sehr für Wetter, Höhenmesser, Richtung, Zeit etcetera. Jedoch: Weite Gedanken tragen dich Noch höher und noch besser Als es deine Maschine tut.
Fliege gut!
An einen Geschäftsfreund
Schlage nicht Freundschaften in den Wind, Die by and by ersprießlich, Außerdem aufrichtig sind!
Was siegt denn schließlich? Organischer Erwerb.
Eilgier führt zum Verderb. Jedwedes Experiment, Das Werte überspringen will Oder Werte verkennt, Entschläft mindestens auffällig still. Boheme ist ein kurzes Bequem Mit langem Schwanz Reue.
Wer Anstand und Treue Aufgibt oder unterbricht, Scheißt sich selber ins Gesicht.
Kurz, ich rufe dir herzlich zu: »Du?! – Du?!«
Schläge
Es schlägt im Busch eine Nachtigall. Es schlägt ein Knecht auf dem Sommerball Einem andern den Schädel entzwei. Es schlägt eine Turmuhr Drei.
Es sagt die Nacht, wenn sie vorbei Ist: »Guten Tag!« Es schlägt ein frischer Trommelschlag Die Schläfrigkeit zu Brei.
Es sagt der Tag, wenn er vergeht: »Gut Nacht!« Will nichts besagen. Schlägt alles –– auch letzte Stunde – vorbei. Doch wer sich drauf und dran versteht, Der hört in jeder Schlägerei Herzen schlagen.
Hymnüs'chen
Es gehört zu den fröhlichen Sachen, Sich bei den Schleimhäuten beliebt zu machen. Und demjenigen, das so hinein Kommt, müssen Schleimhäute auch dankbar sein. Im Reizen und im Befriedigtwerden Liegt alles Glück auf Erden.
Kriegen Sie aber diese Worte Bitte nicht in den falschen Hals. Denn die sind vieldeutig. Diesenfalls Red ich von Tabak jedweder Sorte. Tabak zum Rauchen, Schnupfen und Kauen. Und da ist nichts wichtiger als Guter Geschmack und gutes Verdauen.
An meinen Zigarettenrauch
Gleite ins Weite und in die Höh! Adieu, du zartes Bleu Meines Zigarettenrauches, Der du so sanft entfliehst.
Wenn du ein zierliches Nasenloch siehst, Küß dem die Haare als Gruß meines Hauches.
Ob dich ein Höhendruck Zur Erde zurückschlägt, Eine Strömung, eines Windes Ruck Dich zu Himmelsglück trägt, – Finde das, was du erwartetest.
In dem hold gewürzten Augenblick, Da du aus mir startetest, Spielte Ziehharmonikamusik Ein Lieblingslied von mir: La paloma Und auf Schwingen dieser Volksweise Steigst du auf. Glückliche Reise! Aus Nikotin ins ewige Aroma.
Das scheue Wort
Es war ein scheues Wort. Das war ausgesprochen Und hatte sich sofort Unter ein Sofa verkrochen.
Samstags, als Berta das Sofa klopfte, Flog es in das linke, verstopfte Ohr von Berta. Von da aus entkam es. Ein Windstoß nahm es, Trug es weit und dann hoch empor. Wo es sich in das halbe, bange Gedächtnis eines Piloten verlor.
Fiel dann an einem Wiesenhange Auf eine umarmte Arbeiterin nieder, Trocknete deren Augenlider. Wobei ein Literat es erwischte Und, falsch belauscht, Eitel aufgebauscht, Mittags dann seichten Fressern auftischte.
Und das arme, mißbrauchte, Zitternde scheue Wort Wanderte weiter und tauchte Wieder auf, hier und dort. Bis ein Dichter es sanft einträumte, Ihm ein stilles Palais einräumte. – –
Kam aber sehr bald ein Parodist Mit geschäftlich sicherem Blick, Tauchte das Wort mit Speichel und Mist In einen Aufguß gestohlner Musik.
So ward es publik. So wurde es volkstümlich laut. Und doch nur sein Äußeres, seine Haut, Das Klangliche und das Reimliche. Denn das Innerste, Heimliche An ihm war weder lauschend noch lesend Erreichbar, blieb öffentlich abwesend.
Der große Christoph
Wer Rigas Hafen kennt, Kennt auch das Holzmonument, Das man den großen Christoph nennt.
Der Heilige mit seinem Wanderstabe. Auf seiner Schulter sitzt der Jesusknabe. Den hat er, wie die Leute dort sagen, Durch die Düna getragen.
Die Flößer und die Schiffersleute schenken Ihm Blumen, Bänder hin und andrerlei Und bitten frömmig ihn dabei, Er möge dies und das zum Guten lenken. Es kommen viele Leute so und gehn.
Der Christoph trägt um seine Lenden Ein Hemd, vier Hemden, manchmal zehn, So je nachdem, was sie ihm spenden Und andermal auch wieder stehlen.
Er trägt und gibt das Gerngewollte. Und Christus schweigt; er ist ja noch so klein, Und beide lächeln ob der simplen Seelen. Und wenn sie wirklich etwas wurmen sollte, Dann kann das nur ein Holzwurm sein.
Spielball
Es weint ein Kind. Ein Luftballon mit dünnem Zopf Und kleiner als des Kindes Kopf Entflieht im Wind.
Und reist und steigt verwegen. Ein Nebel wallt. Ein Fehlschuß knallt. Dann fällt ein sanfter Regen.
Rundrote Riesenbeere Rollt müde und verschrumpft In einem Wipfelmeere, Hat austriumpht.
Witziger Kräherich Bringt seinem Bräutchen Ein hohles Häutchen, Die aber ärgert sich.
Ein ehemaliger Matrose fliegt
Ich bin einst in Seemannsjahren Oft elbauf, elbab gefahren. Auf der Seite, wo wir dann Stadt Altona Sichteten, stand ich an Deck und sah.
Sah ein Haus. Vom Schornsteinruß geschminkt Kiekt es lustig nach der Elbe hin. Und ich wußte: Meta wohnt darin. Wenn ich dort vorbeigefahren bin, Hat sie mir und hab ich ihr gewinkt, Ein Signal »Ich liebe dich«. Und ich sah sie, und sie sah auch mich. Heute flog ich über das vertraute Altona. Hab nicht das Haus entdeckt. Doch ich hab die Hand hinausgestreckt, Hab gewinkt, wie ich es einst getan. Und ich wußte: Meta schaute, Winkte auf nach meinem Wolkenkahn Oder, wie sie's nennen, »Aeroplan«.
Wenn man sich auch sonst von nah, Teufel eins, viel lieber sah, Dacht ich doch verliebt und bang Oben dort im Wolkenhang:
Wenn ich jetzt hinunterstürze, Fängt mich Meta in der Schürze Auf.
Neidisches über einen Klo-Mann
Anfangs hat er kläglich gestöhnt, Denn er war zuvor in der Küche Kartoffelschäler, und andre Gerüche Von daher gewöhnt.
Er ist ebenso dumm wie faul. Er öffnet die Türen zu den Aborten Und nach kurzen, blödsinnigen Worten Über das Wetter, hält er das Maul.
Nie ist er freundlich. Dennoch verehren Ihn manche sehr; Besonders die, die ihm hinterher Handtücher stehlen und Nagelscheren.
Ich weiß nicht, warum ich mich vor ihm geniere. Er läßt mir niemals zum Waschen Zeit, Und durch seinen Geiz in bezug auf Papiere Geriet ich schon oft in Verlegenheit.
Im Grunde ärgert's ihn, wenn man seine Geräte benutzt. Obwohl er niemals, auch nicht mal zum Scheine, Daran etwas putzt.
»Gedenket des Alten Denn er muß alles reine halten!« Schreibt er mit Seife, Frechheit und Ruhe Jeden Morgen groß an den Spiegel. Und dabei hat dieser Schweinigel So ein vornehm nervöses Getue, Das jeden zwingt, ihm viel Trinkgeld zu geben, Und er zählt immer gleich nach, wieviel. – –
Ja, so ein bequemes, geldbringendes Leben Zu führen, das wäre wohl jedermanns Ziel.
Seehund zum Robbenjäger
»Ich bin ein armer Hund. Ich habe keine Brieftasche. Im Gegenteil: Man macht aus mir welche; sehr wohlfeil. Und Wohlfeil ist Schund.
Taten wir jemals Menschen beißen?! Im Gegenteil: Jedes menschliche Kind Wird uns, wenn wir auf dem Lande sind, Mit Steinen totschmeißen.
Wie ihr Indianer und Neger Nicht glücklich für sich leben ließt, Stellt ihr uns nach und schießt Uns nieder. Für Bettvorleger!
Wo ihr Menschen Freischönes erschaut, Öffnet ihr, staunend, euren Rachen. Warum erstrebt ihr es nicht, euch vertraut Mit den Tieren zu machen?
Wilde Tiere sahen allem, was neu Und friedlich war, anfangs unsicher zu. Wer nahm den wilden Tieren die Ruh? Wer gab ihnen zur Angst die Wut?
Der Mensch verkaufte Instinkt und Scheu. Das Tier ist ehrlich und deshalb gut.«
Kauderwelcher Bettlerdank
Ich danke dir für Wasser, Wein und Speise, Und ich bin froh, daß meine Sprache fremd Hier ist. – Ein Bettler mit verlaustem Hemd Will ich nur sein. Auf meiner Weiterreise Träum ich davon, wie gut und leise Du von der Schwelle nach der Küche gingst Und – was ich weiß –– wie rührend schön du singst. Denn ich hab lange dich belauscht, bevor Ich klingelte an deinem starren Tor.
Du hast mich offnen Herzens angeblickt. Doch ich bemühe mich, mich zu verstellen. Du sollst nicht ahnen, wen und wie – – Himmlisch hast du mein Bettelherz erquickt!
So ziehen eilig sanfte Wellen Vorbei; doch sie vergehen nie.
Und eine Welle, die du selbst entsandtest Und die ich selber nie erkennen lerne, Bringt dir vielleicht aus einer fremden Ferne Den Dank zurück, den du an mir nicht fandest.
Der Unfall
Es sprach das Gehirn erschüttert Zur Nase: »Du blutest stark!« Es sagte der Hut verbittert: »Ich bin total zerknittert Und war aus Seide gefüttert Und kostete dreißig Mark!«
Es sagte das Auge verschwommen: »Ich fühle mich wieder frei. Das Ganze wird uns gut bekommen; Das Herz ist nicht entzwei!«
Das Herz sagte: »Sowas kommt vor. Vor allem aber lebt unser Humor, Und deshalb werde ich nun In eurem Namen Gott innig danken, Wie das die Erschreckten und Kranken – Leider fast nur die – tun!«
Morsche Fäden
Zu einem Trödler Kam ein Greis mit einer sauern Gurke, Sprach: »Ich bin ein Gnadenbrötler Bei einem Bauern. Der ist ein Schurke.
Diese Gurke bringe ich aus Not. Kleine Knöpfe möchte ich dafür. Denn man kann sich nicht mit Gnadenbrot Knöpfe kaufen für die Hosentür.«
Und der Trödlersmann verschmähte Nicht die Gurke noch des Greises Wort, Denn der kam ihm sehr bedürftig vor, Sondern bückte sich und nähte Hundert goldne Knöpfe ihm sofort Eigenhändig an das Hosentor.
Und der Greis sprach: »Danke« und verneigte Sich und ging mit offnem Hosenlatz Selig durch die Straßen, und er zeigte Allen Menschen seinen goldnen Schatz.
Bis ihn schließlich ein gewisses Schicksal in ein Irrenhaus berief, Ob Erregung öffentlichen Ärgernisses. Bis er Knöpfe schluckte und entschlief.
Köln – Brüssel – London
Ach, mir war seltsam. Nach dem Start erwog ich, Ob's komisch sei, wenn man sentimental Denkt. Ach, zum ersten Male überflog ich – Ein ehemaliger Seemann – den Kanal.
Im Sonnenwetter, das wir anfangs hatten, Sah ich zur Erde. Lautlos eilend schlich Tief unter uns, doch mit uns, unser Schatten. Und ich ward traurig, als er plötzlich wich.
Und Brüssel dann. Ein kurzer Aufenthalt. Ich hab als Sieger dort einmal gelitten, Im Krieg. Ich habe dort nichts abzubitten. Und doch: es überlief mich kalt.
Und weiter ging's, durch wechselvolle Höhen, Nunmehr durch Grau und schwere Hagelböen. Doch mich betrank's. Wie lange war es her, Daß ich zur See ging?! – Segelschiff und Meer!
Und als nun fern, dann näher der Kanal Auftauchte, ich die Küste überschwebte, War's, daß ich nun zum zweiten Erstenmal Stolz, ehrlich staunend Globetrot erlebte.
Die Ufer unsres Kontinents entschwanden. Zwei Dampfer sah ich, die mit ihren Wellen Scheinbar ganz still, wie starrgefroren standen. Dann brach die Sonne durch und wies mit hellen,
Vergnügten Fingern auf das Inselland Und auf zwei Flieger. Diese zogen An uns vorbei, als wir den Kuchenrand Von Englands Küste überflogen.
Land unter uns. Bis sich vom Flugplatz Croydon Blinkauf, blinkab ein Winkefeuer zeigte. Als dann sich unser Kahn zur Landung neigte, Wie brannte ich auf lang entbehrte Freuden.
7. August 1929
Ein Zeppelin fliegt übers Meer. Aber es gibt schon heute Ganz gut gescheite Leute, Die interessiert das gar nicht sehr.
Der Weltenraumverkehr floriert Seit Urzeit, niemals minder. Wo gut? Wo schlecht? – Das interessiert Die Greise wie die Kinder.
Was man im Leben sich erwarb, War Gnade oder Beute. Da ich Geburtstag feiere, starb Die Kathi Kobus heute.
Es hat an solchen Tagen – — — — — — — Was wollte ich denn eigentlich sagen? – Es hat ein Jedes was erträumt. Es hat ein Jedes was versäumt.
Gruß ins Blaue
Sehr verehrte, auserlesene, Einmal nahe mir gewesene, Nunmehr tote Damen und Herrn!
Ich hätte all Ihnen gar zu gern Noch etwas vor dem Tode gesagt.
Hab ich versäumt oder nicht gewagt, Zu sagen, wonach kein Toter fragt, Liegt nun jede Aufdringlichkeit fern.
Dorthin, wo Sie jetzt weilen, reicht keine Lüge. Sie wissen auch, wie ich es meine, Wenn ich aus reuevollem Bedürfnis Jetzt mit einem Whiskygeschlürfnis X-wärts proste. Ich weiß, wer es wagen Darf, eine Flunder noch breit zu schlagen.
Wer hat gewonnen?
Weil du berühmt bist und mir Wahrheit sagst, Zerschlag ich dir ein Stück von deinen Zähnen. Nun du mich meidest und sogar verklagst, Bitt ich dich um Verzeihung unter Tränen.
Du lächelst siegreich, läßt mich also leiden. – – Ich werde reich und gut. Du wirst senil. Ich frech. – Und wir versöhnen uns und meiden Und plagen uns im wechselschroffen Spiel.
Doch immer ruhiger und mehr besonnen Legt sich der Kampf. Die Wahrheit steht. Es fragt Jeder von uns und jeder neu verzagt: »Wer hat gewonnen?!«
Kuttel Daddeldu
Avant-propos
ch kann mein Buch doch nennen, wie ich will Und orthographisch nach Belieben schreiben! Wer mich nicht lesen mag, der laß es bleiben. Ich darf den Sau, das Klops, das Krokodil Und jeden andern Gegenstand bedichten, Darf ich doch ungestört daheim Auch mein Bedürfnis, wie mir's paßt, verrichten. Was könnte mich zu Geist und reinem Reim, Was zu Geschmack und zu Humor verpflichten? – Bescheidenheit? – captatio – oho! Und wer mich haßt, – – sie mögen mich nur hassen! Ich darf mich gründlich an den Hintern fassen Sowie an den avant-propos.
Vom Seemann Kuttel Daddeldu
Eine Bark lief ein in Le Haver, Von Sidnee kommend, nachts elf Uhr drei. Es roch nach Himbeeressig am Kai, Und nach Hundekadaver.
Kuttel Daddeldu ging an Land. Die Rü Albani war ihm bekannt. Er kannte nahezu alle Hafenplätze.
Weil vor dem ersten Hause ein Mädchen stand, Holte er sich im ersten Haus von dem Mädchen die Krätze.
Weil er das aber natürlich nicht gleich empfand, Ging er weiter, – kreuzte topplastig auf wilder Fahrt. Achtzehn Monate Heuer hatte er sich zusammengespart.
In Nr. 6 traktierte er Eiwie und Kätchen, In 8 besoff ihn ein neues, straff lederbusiges Weib. Nebenan bei Pierre sind allein sieben gediegene Mädchen, Ohne die mit dem Zelluloid-Unterleib.
Daddeldu, the old Seelerbeu Kuttel, Verschenkte den Albatrosknochen, Das Haifischrückgrat, die Schals, Den Elefanten und die Saragossabuttel. Das hatte er eigentlich alles der Mary versprochen, Der anderen Mary; das war seine feste Braut.
Daddeldu – Hallo! Daddeldu, Daddeldu wurde fröhlich und laut.
Er wollte mit höchster Verzerrung seines Gesichts Partu einen Niggersong singen Und »Blu beus blu«. Aber es entrang sich ihm nichts.
Daddeldu war nicht auf die Wache zu bringen. Daddeldu Duddel Kuttelmuttel, Katteldu Erwachte erstaunt und singend morgens um vier Zwischen Nasenbluten und Pomm de Schwall auf der Pier.
Daddeldu bedrohte zwecks Vorschuß den Steuermann, Schwitzte den Spiritus aus. Und wusch sich dann. Daddeldu ging nachmittags wieder an Land, Wo er ein Renntiergeweih, eine Schlangenhaut, Zwei Fächerpalmen und Eskimoschuhe erstand. Das brachte er aus Australien seiner Braut.
Daddeldus Lied an die feste Braut
Lat man goot sin, lütte seute Marie. Mi no ssavi! Ich habe deine Photographie In der Meditteriniensi Weit draußen auf dem Meere Damals verloren, Als ich bei den Azoren Mit der Bulldog beinah versoffen wäre. –
Bulldog aheu!
Swiethart! Manilahaariges Kitty-Anny-Pipi – Oder wie du heißt – Bulldog aheu! Bei Jesus Chreist Ich war – seit Konstantinopel – dir immer treu.
Scheek hends! Ehrlich und offen: Ich bin gar nicht besoffen.
Giff öß e Whisky, du, ach du! Jesus Christ! Skool! bleddi Sanofebitsch – Ohne Spott: Ich glaube, dich hat der liebe Gott An einem Sonntag zusammengespleist. Weißt du, was du bist: Weißt? Hör mich einmal ernsthaft auf mich. Du – du bist – mein zweites Ich. Du mußt mir mal deinen Namen ausbuchstabieren, Hein soll mir das auf den Arm tätowieren.
Mary, mach mal deinem Daddeldu Die Hosentür zu.
Ich habe noch immer die graue Salbe von dir, Das ist ganz egal; das ist auch ein Souvenir. Wer mir die Salbe nimmt – Ich bin der gutmütigste Kerl, glaub es mir; Ich habe noch keinem Catfisch ein Haar gekrümmt – Wenn ich zurück bin aus Schangei, Wie Gott will hoffen, – Wer mir die Salbe nimmt, Dem hau ik die Kiemen entzwei.
Bulldog aheu! Ich bin nicht besoffen. Wirklich nicht! Wirklich nicht! Wer mir die Salbe krümmt, Dem renn ich die Klüsen dicht. – Komm her, Deesy, wir schlagen die Bulldog entzwei. Wenn ich aus Kiatschu, Kiatschau – Porko dio Madonna! Mary, du alte Sau, Wer dir die Salbe stiehlt aus Schangei, Der wird einmal Kapitän Daddeldus Frau.
Seemannstreue
Nafikare necesse est. Meine längste Braut war Alwine. Ihrer blauen Augen Gelatine Ist schon längst zerlaufen und verwest. – Alwine sang so schön das Lied: »Ein Jäger aus Kurpfalz«.
Wie Passatwind stand ihr der Humor. – Sonntags morgens wurde sie bestattet In der Heide, wo kein Bäumchen schattet, Und auch ihre Unschuld einst verlor.
Donnerstags grub ich sie wieder aus. Da kamen mir schon ihre Ohrlappen So sonderbar vor.
Freitags grub ich sie dann wieder ein. Niemand sah das in der stillen Heide. – Montags wieder aus. Von ihrem Kleide, Das man ihr ins Grab gegeben hatte, Schnitt ich einer Handbreit gelber Seide, Und die trägt mein Bruder als Krawatte. –
Gruslig war's: Bei dunklem oder feuchten Wetter fing Alwine an zu leuchten. Trotzdem parallel zu ihr verweilen Wollt ich ewiglich und immerdar. Bis sie schließlich an den weichen Teilen Schon ganz anders und ganz flüssig war.
Aus. Ein. Aus; so grub ich viele Wochen. Doch es hat zuletzt zu schlecht gerochen. Und die Nase wurde blauer Saft, Wodrin lange Fadenwürmer krochen. – Nichts für ungut: das war ekelhaft. – Und zuletzt sind mir die schlüpfrigen Knochen Ausgeglitten und in lauter Stücke zerbrochen.
Und so nahm ich Abschied von die Stücke. Ging mit einem Schoner nach Iquique, Ohne jemals wieder ihr Gebein Auszugraben. Oder anzufassen.
Denn man soll die Toten schlafen lassen.
Abendgebet einer erkälteten Negerin
Ich suche Sternengefunkel. All mein Karbunkel Brennt Sonne dunkel. Sonne drohet mit Stich.
Warum brennt mich die Sonne im Zorn? Warum brennt sie gerade mich? Warum nicht Korn?
Ich folge weißen Mannes Spur. Der Mann war weiß und roch so gut. Mir ist in meiner Muschelschnur So negligé zu Mut.
Kam in mein Wigwam Weit übers Meer, Seit er zurückschwamm, Das Wigwam Blieb leer.
Drüben am Walde Kängt ein Guruh – – Warte nur balde Kängurst auch du.
Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu
Die Springburn hatte festgemacht Am Petersenkai. Kuttel Daddeldu jumpte an Land, Durch den Freihafen und die stille heilige Nacht Und an dem Zollwächter vorbei. Er schwenkte einen Bananensack in der Hand. Damit wollte er dem Zollmann den Schädel spalten, Wenn er es wagte, ihn anzuhalten. Da flohen die zwei voreinander mit drohenden Reden. Aber auf einmal trafen sich wieder beide im König von Schweden. Daddeldus Braut liebte die Männer vom Meere, Denn sie stammte aus Bayern. Und jetzt war sie bei einer Abortfrau in der Lehre, Und bei ihr wollte Kuttel Daddeldu Weihnachten feiern.
Im König von Schweden war Kuttel bekannt als Krakehler. Deswegen begrüßte der Wirt ihn freundlich: »Hallo old sailer!« Daddeldu liebte solch freie, herzhafte Reden, Deswegen beschenkte er gleich den König von Schweden. Er schenkte ihm Feigen und sechs Stück Kolibri Und sagte: »Da nimm, du Affe!« Daddeldu sagte nie »Sie«. Er hatte auch Wanzen und eine Masse Chinesischer Tassen für seine Braut mitgebracht
Aber nun sangen die Gäste »Stille Nacht, Heilige Nacht«, Und da schenkte er jedem Gast eine Tasse Und behielt für die Braut nur noch drei. Aber als er sich später mal darauf setzte, Gingen auch diese versehentlich noch entzwei, Ohne daß sich Daddeldu selber verletzte.
Und ein Mädchen nannte ihn Trunkenbold Und schrie: er habe sie an die Beine geneckt. Aber Daddeldu zahlte alles in englischen Pfund in Gold. Und das Mädchen steckte ihm Christbaumkonfekt Still in die Taschen und lächelte hold Und goß noch Genever zu dem Gilka mit Rum in den Sekt. Daddeldu dacht an die wartende Braut. Aber es hatte nicht sein gesollt, Denn nun sangen sie wieder so schön und so laut. Und Daddeldu hatte die Wanzen noch nicht verzollt, Deshalb zahlte er alles in englischen Pfund in Gold.
Und das war alles wie Traum. Plötzlich brannte der Weihnachtsbaum. Plötzlich brannte das Sofa und die Tapete, Kam eine Marmorplatte geschwirrt, Rannte der große Spiegel gegen den kleinen Wirt. Und die See ging hoch und der Wind wehte.
Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase (Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße. Und eine höhnische Stimme hinter ihm schrie: »Sie Daddel Sie!« Und links und rechts schwirrten die Kolibri.
Die Weihnachtskerzen im Pavillon an der Mattentwiete erloschen. Die alte Abortfrau begab sich zur Ruh. Draußen stand Daddeldu Und suchte für alle Fälle nach einem Groschen. Da trat aus der Tür seine Braut Und weinte laut: Warum er so spät aus Honolulu käme? Ob er sich gar nicht mehr schäme? Und klappte die Tür wieder zu. An der Tür stand: »Für Damen«.
Es dämmerte langsam. Die ersten Kunden kamen, Und stolperten über den schlafenden Daddeldu.
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