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Kuttel Daddeldu und Fürst Wittgenstein
Daddeldu malte im Hafen mit Teer Und Mennig den Gaffelschoner Claire. Ein feiner Herr kam daher, Blieb vor Daddeldun stehn Und sagte: »Hier sind fünfzig Pfennig, Lieber Mann, darf man wohl mal das Schiff besehn?« Daddeldu stippte den Quast in den Mennig, Daß es spritzte, und sagte: »Fünfzig ist wenig. Aber, God demm, jedermann ist kein König.« Und der Fremde sagte verbindlich lächelnd: »Nein, Ich bin nur Fürst Wittgenstein.« Daddeldu erwiderte: »Fürst oder Lord – Scheiß Paris! Komm nur an Bord.« Wittgenstein stieg, den Teerpott in seiner zitternden Hand, Hinter Kutteln das Fallreep empor und kriegte viel Sand In die Augen, denn ein schwerer Stiefel von Kut- Tel Daddeldu stieß ihm die Brillengläser kaput, Und führte ihn oben von achtern nach vorn Und von Luv nach Lee. Und aus dem Mastkorb fiel dann das Brillengestell aus Horn, Und im Kettenkasten zerschlitzte der Cutaway. Langsam wurde der Fürst heimlich ganz still. Daddeldu erklärte das Ankerspill. Plötzlich wurde Fürst Wittgenstein unbemerkt blaß. Irgendwas war ihm zerquetscht und irgendwas naß. Darum sagte er mit verbindlichem Gruß: »Vielen Dank, aber ich muß – – –« Daddeldu spukte ihm auf die zerquetschte Hand Und sagte: »Weet a Moment, ich bringe dich noch an Land.« Als der Fürst unterwegs am Ponte San Stefano schmollte, Weil Kuttel durchaus noch in eine Osteria einkehren wollte, Sagte dieser: »Oder schämst du dich etwa vielleicht?« Da wurde Fürst Wittgenstein wieder erweicht. Als sie dann zwischen ehrlichen Sailorn und Dampferhallunken Vier Flaschen Portwein aus einem gemeinsamen Becher getrunken,
Rief Kuttel Daddeldu plötzlich mit furchtbarer Kraft: »Komm, alter Fürst, jetzt trinken wir Brüderschaft.« Und als der Fürst nur stumm auf sein Chemisette sah, Fragte Kuttel: »Oder schämst du dich etwa?« Wittgenstein winkte ab und der Kellnerin. Die schob ihm die Rechnung hin. Und während der Fürst die Zahlen mit Bleistiftstrichen Anhakte, hatte Kuttel die Rechnung beglichen.
Der Chauffeur am Steuer knirschte erbittert. Daddeldu hatte schon vieles im Wagen zersplittert, Während er dumme Kommandos in die Straßen und Gassen Brüllte. »Hart Backbord!« »Alle Mann an die Brassen!« Rasch aussteigend fragte Fürst Wittgenstein: »Bitte, wo darf ich Sie hinfahren lassen?« Aber Daddeldu sagte nur: »Nein!«Darauf erwiderte jener bedeutend nervös: »Lieber Herr Seemann, seien Sie mir nicht bös; Ich würde Sie bitten, zu mir heraufzukommen, Aber leider – –« Daddeldu sagte: »Angenommen.«
Auf der Treppe bat dann Fürst Wittgenstein Den Seemann inständig: Um Gottes willen doch ja recht leise zu sein; Und während er später eigenhändig Kaffee braute – und goß in eine der Tassen viel Wasser hinein, –
Prüfte Kuttel nebenan ganz allein, Verblüfft, mit seinen hornigen Händen Das Material von ganz fremden Gegenständen. Bis ihm zu seinem Schrecken der fünfte Zerbrach. – Da rollte er sich in den großen Teppich hinein. Dann kam mit hastigen Schritten Der Kaffee. Und Fürst Wittgenstein Sagte, indem er die Stirne rümpfte: »Nein, aber nun muß ich doch wirklich bitten – – Das widerspricht selbst der simpelsten populären Politesse.« Daddeldu lallte noch: »Halt' die Fresse!«
Kuttel Daddeldu besucht einen Enkel
»Mein lieber Heini! –Denn so heißt du ja wohl?– Über die Folgen der Weiber und des Alkohol Mußt du mal deine Mutter befragen, – Oder nein!! Besser schon gehst du Damit zum Lehrer. – Ich will dir nur Eines sagen: Gehe niemals zur See!! Verstehst du? Denn das Seemannsleben ist sauer ernst und schwer; Und wie du mich hier mit meinem weißen Bart Siehst – du dummer Bengel, so kik doch her! – Habe ich mir bis heute noch keinen Groschen erspart.
Mein lieber Heini! du bist heute konfirmiert oder eingesegnet. Ich schenke dir hiermit, weil du nun eingesegnet oder gefirmt Bist, diesen Schirm. Nicht, daß er dich jemals beschirmt. Sondern, wenn's mal recht kabelgarndick vom Himmel regnet, Sollst du ihn an der nächsten Kante in Stücke zerschlagen. Denn ein rechter Kerl muß jedes Wetter vertragen Und nur auf Gott und seinen Kaptein vertraun. Und sollte dir jemals jemand was andres sagen, Dem mußt du deine Seekiste über den Bregen haun. Weil ein Mann sich soll as ein Kerl benehmen, Und laß dich nicht vor den Landratten lumpen. Wenn wir uns auch mal im Hafen den Schlauch vollpumpen, Deswegen braucht sich von uns an Deck keiner zu schämen. Denn jedes Frauenzimmer will sich doch mal amüsieren, Und als Schiffsjunge heißt es vor allem parieren. Wenn einem draußen solch dicker Teifun Durch Nase und Arschloch pfeift, – – Dann hättest du Großvater Daddeldun Sehen sollen, wie er den Jungens die Eier schleift!
Hauptsache ist, daß man nur richtig die Lage peilt. Was die Studierten predigen, das ist alles Beschiß. Mein erster Bootsmann hat sich viermal die Syphilis Nur mit Spiegelscherben und Branntwein geheilt. – Was feixt du da, naseweiser Flegel! – Das ist alles Wort für Wort wahr Und gar nicht zum Lachen.
Na laß man. Du bist erst fünfzehn Jahr. Da wollen wir beide mal heute mit vollem Segel So einen Trip durch Sankt-Liederlich machen.«
Seemannsgedanken übers Ersaufen
Ich sterbe. Du stirbst. Er stirbt. Viel schlimmer ist, wenn ein volles Faß verdirbt. Aber auch wir wollen erst ausgetrunken sein. Besauft euch beizeiten. Alle Flüssigkeiten Finden sich wieder ins Meer hinein, Wo wir den Schwämmen gleich sind, Wo uns nichts gebricht, Weil wir weich sind. Und wenn man in eine Leiche sticht: Sie fühlt es nicht. Wird mich nie mehr acht Glasen wecken, Will ich gerne den Fischen wie Hackfleisch mit Rührei schmecken.
Weil das mit Sinn so geschieht, Denn die haben gewiß nicht vergessen, Wieviel Schollen wir in uns hineingefressen. Nur bei den Würmern im Sarge ist ein Unterschied. Wenn uns der Haifisch beim Wickel kriegt – Das müßte mal einer malen! Was da wohl alles so unten beisammenliegt – Zerbrochene Schiffe, Krebse und Apfelsinenschalen. Frisch ersoffen also und nicht gejammert, Aber natürlich auch nicht zu übereilt; Wer sich nicht tapfer noch an die letzte Handuhle klammert, Der ist im Leben nie um die Horn gesailt. Ein Schuft, wer mehr stirbt, als er sterben muß! Aber muß es sein, dann nicht schüchtern. Ersaufen ist auch ein Genuß, Und vielleicht wird man dann nie mehr nüchtern. Denn nur über das Fleisch und die Knochen Weiß man was, offenbar. Aber sonst hab' ich noch keinen gesprochen, Der richtig ersoffen war.
Kuttel Daddeldu im Binnenland
Schlafbrüchige Bürger von Eisenach Tapsten ans Fenster. Denn draußen gab's Krach. Da sang jemand, der eine Hängematte Und ein Geigenfutteral auf dem Rücken hatte. Und ließ auch Töne frei, die man besser Sich aufspart für Sturmfahrten im Auslandsgewässer.
Zehn Jahre zuvor und von Eisenach sehr entfernt Hatte Daddeldu bei Schwedenpunsch, Whisky, Rotwein und Kuchen In Grönland eine Gräfin Pantowsky kennengelernt, Die hatte gesagt: »Sie müssen mich mal besuchen.« Und zehn Jahre lang merkte sich Kuttel genau: Eisenach, Burgstraße 16, dicke, richtig anständige Frau.
Auch studierte bei Eisenach oder Wiesbaden herum Sein Schwager zoologisches Studium; Für den schleppte Kuttel in dem Futteral Seit Bombay ein seltnes Geschenk herum. Nun, nach dem Untergange der Lotte Bahl, Wollte er Schwager und Gräfin sozusagen Mit zwei Fliegen auf einer Klappe schlagen.
Rief also jetzt die nächtlichen thüringer Leutchen Mit englischen Fragen an. Später mit deutschen. Aber die Gräfin Pantowsky kannte keiner. Und auf einmal las Kuttel an Luvseite »Zum Rodensteiner« Und kalkulierend, daß dort was zu trinken sei, Klopfte er. Teils vergeblich und teils entzwei. Weil weder Wirts- noch Freudenhaus noch Retirade Sich öffneten, sagte Daddeldu: »Schade«. Fand aber weitersteigend und unverdrossen Das Haus Burgstraße 16. Leider verschlossen. Die Tür zum Gräflich Pantowskyschen Zwetschengarten Zersplitterte. Daddeldu hatte beschlossen zu warten.
Mittags im Pensionat Kurtius Bewarfen die Mädchen nach Unterrichtsschluß Mit Stöpsels und leeren Konservendosen Einen furchtbaren Kerl, der mit buchtigen Hosen Und einem imposanten Revers Zwischen Ästen in Höhe des Hochparterres In einer Hängematte schlief Und nicht reagierte auf das, was man rief. Als er doch endlich halbwegs erwachte, Weil von zwei Bäumen einer zur Erde krachte, Spritzten die Mädchen dem Manne Eau de Kolon ins Gesicht. Aber die Gräfin Pantowsky kannten sie nicht. Und verwirrt über die Falschheit des Binnenlands Nannte Kuttel die Vorsteherin »Alte Spinatgans!« Und taumelte schlaftrunken, römische Flüche stammelnd, zu Tal, Mit Hängematte, doch ohne das Dingsfutteral.
Alsbald, von wegen das Taumeln und Stammeln, Begannen sich Kinder um ihn zu sammeln. Und der Kinder liebende Daddeldu, Nur um die Kinder zu amüsieren, Fing an, noch stärker nach rechts und nach links auszugieren, Als ob er betrunken wäre. Und brüllte dazu: »The whole life is vive la merde!« Und wurde so polizeilich eingesperrt. An Gräfin Pantowsky glaubte dort keiner. Und der unglücklich nüchterne Daddeldu Gab den zerbrochenen Rodensteiner, Gab alles andre Gefragte eilig zu Und drehte – ohne Tabak – in der Nacht Wie ein Log zwölf Knoten ins hölzerne Lager, Oder vielmehr in die Hängematte. Weil er das schöne Geschenk für den Schwager In der Mädchenpension vergessen hatte. Gewiß war das Futteral schon erbrochen, Und das Geschenk war herausgekrochen Und hatte vielleicht schon werweißwen gestochen.
Später im D-Zug, unter der Bank hinter lauter ängstlichen Beinen, Fing Daddeldu plötzlich an, zum einzigsten Male zu weinen (Denn später weinte er niemals mehr.) – – Beide Flaschen Eau de Kolon waren leer.
Kuttel Daddeldu und die Kinder
Wie Daddeldu so durch die Welten schifft, Geschieht es wohl, daß er hie und da Eins oder das andre von seinen Kindern trifft, Die begrüßen dann ihren Europapa: »Gud morning! – Sdrastwuide! – Bong Jur, Daddeldü! Bon tscherno! Ok phosphor! Tsching–tschung! Bablabü!« Und Daddeldu dankt erstaunt und gerührt Und senkt die Hand in die Hosentasche Und schenkt ihnen, was er so bei sich führt, – – Whiskyflasche, Zündhölzer, Opium, türkischen Knaster, Revolverpatronen und Schweinsbeulenpflaster, Gibt jedem zwei Dollar und lächelt: »Ei, ei!« Und nochmals: »Ei, Ei!« – Und verschwindet dabei.
Aber Kindern von deutschen und dänischen Witwen Pflegt er sich intensiver zu widmen. Die weiß er dann mit den seltensten Stücken Aus allen Ländern der Welt zu beglücken. Elefantenzähne – Kamerun, Mit Kognak begoss'nes malaiisches Huhn, Aus Friedrichroda ein Straußenei, Aus Tibet einen Roman von Karl May, Einen Eskimoschlips aus Giraffenhaar, Auch ein Stückchen versteinertes Dromedar.
Und dann spielt der poltrige Daddeldu Verstecken, Stierkampf und Blindekuh, Markiert einen leprakranken Schimpansen, Lehrt seine Kinderchen Bauchtanz tanzen Und Schiffchen schnitzen und Tabak kauen. Und manchmal, in Abwesenheit älterer Frauen, Tätowiert er den strampelnden Kleinchen Anker und Kreuze auf Ärmchen und Beinchen.
Später packt er sich sechs auf den Schoß Und läßt sich nicht lange quälen, Sondern legt los: Grog saufen und dabei Märchen erzählen; Von seinem Schiffbruch bei Helgoland, Wo eine Woge ihn an den Strand Auf eine Korallenspitze trieb, Wo er dann händeringend hängenblieb. Und hatte nichts zu fressen und saufen; Nicht mal, wenn er gewollt hätte, einen Tropfen Trinkwasser, um seine Lippen zu benetzen, Und kein Geld, keine Uhr zum Versetzen. Außerdem war da gar nichts zu kaufen; Denn dort gab's nur Löwen mit Schlangenleiber, Sonst weder keine Menschen als auch keine Weiber. Und er hätte gerade so gern einmal wieder Ein kerniges Hamburger Weibstück besucht. Und da kniete Kuttel nach Osten zu nieder. Und als er zum drittenmal rückwärts geflucht, Da nahte sich plötzlich der Vogel Greif, Und Daddeldu sagte: »Ei wont ä weif.« Und der Vogel Greif trug ihn schnell Bald in dies Bordell, bald in jenes Bordell Und schenkte ihm Schlackwurst und Schnaps und so weiter – So erzählt Kuttel Daddeldu heiter, – Märchen, die er ganz selber erfunden. Und säuft. – Es verfließen die Stunden. Die Kinder weinen. Die Märchen lallen. Die Mutter ist längst untern Tisch gefallen, Und Kuttel – bemüht, sie aufzuheben – Hat sich schon zweimal dabei übergeben. Und um die Ruhe nicht länger zu stören, Verläßt er leise Mutter und Göhren.
Denkt aber noch tagelang hinter Sizilien An die traulichen Stunden in seinen Familien.
Matrosensang
Herr Steuermann, ach Steuermann, Mein Herz ist gar so schwer. »So bind ein gut Stück Eisen dran Und wirf es über Bord ins Meer.«
Ob meine schwangere Liebste weint? Eine Trän? Zwei Trän? Drei Trän? Ho! Meine krumme Mutter meint, Ich sei ein reicher Kapitän.
Ist Mutters Haus mit Stroh gedeckt, Wie sie sich freuen kann. Doch wie ein Sturm mit Branntwein schmeckt, Das geht sie einen Hundsdreck an.
Logik
Die Nacht war kalt und sternenklar, Da trieb im Meer bei Norderney Ein Suahelischnurrbarthaar. – Die nächste Schiffsuhr wies auf drei.
Mir scheint da mancherlei nicht klar, Man fragt doch, wenn man Logik hat, Was sucht ein Suahelihaar Denn nachts um drei am Kattegatt?
Rezept
Man mische 7 Pfund Palmin Mit gleichviel Milch und Terpentin. Dann füge man ein Hühnerei Und etwas Öl nebst Essig bei. Dies nun zu festem Brei gerührt, Wird dann in einen Strumpf geschnürt. Das ganze läßt man 13 Wochen In lauem Seifenwasser kochen. Dann wird es mit Gelee garniert Und im verdeckten Topf serviert. (Doch halte man zu rechter Zeit Ein offenes Töpfchen sich bereit.)
Das Terrbarium
Es war meine Erfindung: Vor allen Dingen muß man die Tiere lebendig pressen. Anfangs kostet es Überwindung, Aber schließlich wird nichts so heiß gekocht wie gegessen.
Die Presse muß mindestens sechs Quadratmeter messen.
Meine Anlage war ein technisches Wunder; Riesensäle, um die getrockneten Bestien Übersichtlich hübsch an der Wand zu befestigen.
Denn ein geplättetes Nashorn ist keine Flunder. Wegen der Dickhäuter und et cetera Brauchte ich selbstverständlich elektrische Kraft. – Doch ich speiste mit dem herausfließenden Saft Sämtliche Waisenkinder von Zentralamerika. Ganz abgesehen von der Naturwissenschaft.
Manches läßt sich nicht beim erstenmal schaffen. Oftmals zappelt und zuckt noch der Hals, Wenn der Unterkörper schon platt ist, so bei den Giraffen. Und ich besinne mich eines noch schwereren Falls.
Um meine Sammlung zu komplettieren, Wollte ich auch einen Menschen so präparieren. Jene Miß Hamsy, die ich dazu erkor, War eine ernste, wohlgebaute Mulattin, Leichthin sommersprossig und Zollwächters Gattin. Und der setzte ich Arak mit Blumenkohl vor, Sagte, das sei Barbarossas Lieblingsgericht, Las ihr zwei Novellen von Freiherrn v. Schlicht. Bis sie langsam das Bewußtsein verlor. Als ich sie dann im Dunkeln entkleidet hatte, Legte ich sie behutsam tastend auf die untere Platte, Kurbelte an. Doch sie erwachte dabei. Aber ich suchte sie taktvoll bescheiden zu trösten: Wieviel schlimmer es wäre, lebendig zu rösten, Und daß die Presse nicht zu umgehen sei.
Nichts stimmt trauriger als ein menschlicher Todesschrei. Aber was bedeutet solch kurzer Ton Gegen die furchtbaren Greuel der Vivisektion! Und wie Miß Hamsy dann an der Wand die vierte Halle für Säugetiere und Eidechsen zierte, Hat ihr Anblick jeden Besucher gebannt. Die Kritiken hörten nicht auf sie zu loben. Bis sich schließlich die Popolaca erhoben. Diese Indianer haben das ganze Museum niedergebrannt. Alles haben mir diese Schweine gestohlen. Aus Miß Hamsy schnitten sie Mokassinsohlen. Was ein Barbar ist, hat weder Kultur noch Geschmack. Aber einen von ihnen erwischte ich später, Kochte ihn lebend mit Kienharz und Wasserstoff-Äther. Und den Kerl verbrauche ich heute als Siegellack.
Die Ameisen
In Hamburg lebten zwei Ameisen, Die wollten nach Australien reisen. Bei Altona auf der Chaussee Da taten ihnen die Beine weh, Und da verzichteten sie weise Dann auf den letzten Teil der Reise.
Novaja Brotnein (Aus des Wunderknaben Horn)
Im Eismeer (jeder weiß das ja) Da liegt Novaja Semlja.
In Hamburg (das ist auch bekannt) Wird die Semmel »Rundstück« genannt
Im Eismeer – sagt man in Hamburg – da Liegt Novaja Rundstückja.
Gladderadatsch
Es hatte ein Igel sich geckenhaft und blasiert Am ganzen Körper von oben bis unten rasiert, Weil er abstechen wollte. Stach wirklich auch ab. Da nahte ein Fuchs. Worauf der Igel sich igelartig zusammenrollte. Aber der Fuchs verschluckte ihn flugs. Igel bat Fuchsen, ihn doch wieder auszubrechen; Er sei ein Igel und könnte empfindlich stechen. Und mittelst bauchrhetorischer Worte Sprach der Fuchs: »Sie müssen verzeihn; Ich hielt Sie für ein kindliches Schwein, Werde nun aber sofort Sie befrein. Wenn ich bitten darf – durch die Hinterpforte.« Der Igel gab keinem Laut Mehr von sich. Er war schon verdaut.
Es setzten sich sechs Schwalben
Es setzten sich sechs Schwalben Auf sechs Dückdalben Und haben 3 Minuten vereint Um den Herzog von Alba geweint Und flogen weiter und hatten zu sechst Doch richtig die ganzen Dückdalben beklext.
Überfahrt
Die Brücke brach. Da lag ich sekundenlang Mehrmals gebrochen quer über'm Schienenstrang. Wuchs ein Balg mit Lichtern aus Donner und Qualm Rasend heran. Schrein? Wegwälz? – Zermalm? – Dann – – Quietsch. Meine Knochen zerknürpsten; Die dicksten waren die mürbsten. Entzwei. Vorbei. Splitter mit Brei. Sah noch den armen motivführer erschauern. Dann erhob ich mich, heißt: ich fühlte mich licht Aufwärts schräg durch Lüfte und Mauern, Dachte vielleicht noch – vielleicht auch nicht – Mit einem komischen Rest von »Bedauern«: »Schade, daß mich Bruder Wolfgang jetzt nicht sieht!«
Das Gesellenstück
Mahagoni auf Eiche furniert. Deckel sauber scharniert. Alle Bretter gefedert, gespundet. Die Ecken fein weich gerundet. Die Seitenwände mit tiefgeschnitzten Weintrauben und Schellfischen geziert. Das war bei Weber in Osnabrück Mein Gesellenstück.
Selbst Wasmann und Peter sagten 1910: Solch einen Sarg hätten sie noch nie gesehn.
Ohne mich rühmen. Das soll einer machen. Und dabei alles selber gemacht. Die Griffe kupfergeschmiedete Drachen, Die Füße gedrechselt (((Acht, sacht, Pracht, lacht, gedacht))), Auf den Deckel in Rundschrift fein säuberlich Eingebrannt: »Sarg für Frau (Doppelpunkt Strich)«. Innwendig ein roßhaargepolstertes Bett, Rosa Pünktchen auf Gelb-Violett. Ich habe manchmal des Studiums wegen Vierundzwanzig Stunden darin gelegen. Da war ein durch schöne Bilder verdecktes Speiseregal zur linken Hand, Wo Camembert, Zwieback und Butter stand Und Trockengemüse und Eingewecktes. –
Auf den leisesten Druck mit der Zehe im Schlaf Löste sich zu Fußende ein Kinematograph Und zeigte abwechselnd »Brudermord« Und »Torpedoangriff an Steuerbord«. Alle zwei Stunden von selbst automatisch Spielte ein Grammophon ganz zart: »Ich bin der Doktor Eisenbart.« Außerdem roch es dort sehr sympathisch Nach Moschus, Kampfer und kalter Küche. Von wegen die Leichengerüche.
Und dann die Technik und das Komfort: Kalender, das Telephon rechts am Ohr, Glühbirnen und Klingeln. Ein tolles Gewirr. Auch ein kleines, versilbertes Nachtgeschirr. – Und Wasserstandglas und Thermometer. Kurz herrlich! herrlich! – Wasmann und Peter Hätten mir glattweg fünftausend Mark Und doppelt soviel gezahlt für den Sarg. Und das war damals ein Geld, wenn man's denkt.
Aber ich hänge nicht so am Golde. – Und so hab ich ihn dann meiner Tante Isolde Zum 70. Geburtstag geschenkt.
Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument
Guten Abend, schöne Unbekannte! Es ist nachts halb zehn. Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn? Wer ich bin? – Sie meinen, wie ich heiße?
Liebes Kind, ich werde Sie belügen, Denn ich schenke dir drei Pfund. Denn ich küsse niemals auf den Mund. Von uns beiden bin ich der Gescheite. Doch du darfst mich um drei weitre Pfund betrügen.
Glaube mir, liebes Kind: Wenn man einmal in Sansibar Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war, Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar Die Menschen sind.
Deine Ehre, zum Beispiel, ist nicht dasselbe Wie bei Peter dem Großen L'honneur. – Übrigens war ich – (Schenk mir das gelbe Band!) – in Altona an der Elbe Schaufensterdekorateur. –
Hast du das Tuten gehört? Das ist Wilson Line.
Wie? Ich sei angetrunken? O nein, nein! Nein! Ich bin völlig besoffen und hundsgefährlich geistesgestört.
Aber sechs Pfund sind immer ein Risiko wert. Wie du mißtrauisch neben mir gehst! Wart nur, ich erzähle dir schnurrige Sachen. Ich weiß: Du wirst lachen. Ich weiß: Daß sie dich auch traurig machen. Obwohl du sie gar nicht verstehst.
Und auch ich – Du wirst mir vertrauen, – später, in Hose und Hemd. Mädchen wie du haben mir immer vertraut.
Ich bin etwas schief ins Leben gebaut. Wo mir alles rätselvoll ist und fremd, Da wohnt meine Mutter. – Quatsch! Ich bitte dich: Sei recht laut!
Ich bin eine alte Kommode. Oft mit Tinte oder Rotwein begossen; Manchmal mit Fußtritten geschlossen. Der wird kichern, der nach meinem Tode Mein Geheimfach entdeckt. – Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!
Das ist nun kein richtiger Scherz. Ich bin auch nicht richtig froh. Ich habe auch kein richtiges Herz. Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk. Mein richtiges Herz. Das ist anderwärts, irgendwo Im Muschelkalk.
Die Blindschleiche
An einem Teiche Schlich eine Schleiche, Eine Blindschleiche sogar. Da trieb ein Etwas ans Ufer im Wind. Die Schleiche sah nicht, was es war, Denn sie war blind. — — — — — — — — — Das dunkle Etwas aber war die Kindsleiche Einer Blindschleiche.
Mutter Frühbeißens Tratsch
Wenn der über die Straßen ging: Sechs Schritte vor ihm wurden die Vögel stumm, Fielen die Pferde, kippte die Trambahn um, Stürzte die Schwalbe herab und der Schmetterling, Erbrachen sich Damen, krümmten sich Hunde. –
So roch das Schwein aus dem Munde.
Aber der kann nichts dafür. Die Frau von dem Sohn, wo Paula die Semmeln holt, neben Weyl, Deren Schwester hat auch solch ein Magengeschwür. Das kommt gar nicht aus dem Halse. Im Gegenteil.
Da hilft kein Pfeffermünz und kein Höllenstein. Kein Tabak. Alle Säuren hat der durchgekostet. Die ganze Zunge ist ihm schon hinten zerrostet.
Und stinkt immer noch wie ein Schwein. Das geht auf keine Kuhhaut, was der erduldet. So einer ist ja zu nichts zu gebrauchen. Und will doch auch einmal atmen wie wir, und hauchen.
Wenn er mir auch noch sieben Mark schuldet.
Feierabendklänge eines einhändigen Metalldrehers an seine Frau mit preisgekrönten Beinen
Ich hätte dem Hinz ein Ohr abgebissen?! Wie kann der Oswald das wissen, Dieser Speichellecker! Der war doch damals mit die Dachdecker Bei Wasmann in Akkord.
Hermine! Ehrenwort! Ich habe den Hinz nur rausgeschmissen, Weil er gesagt hat: du hättest die Konkurrenz beschummelt, Und ich habe ihm das verbeten Und nur ganz leise in den Rücken getreten.
Mir ist doch Wurscht, ob ihr zusammen poussiert Und in die Wirtshäuser lauft. Ich will nur nicht, daß ihr das Geld versauft, Wo eigentlich mir zugebührt.
Hinz und Hillbrecht haben die Dreikantfeile und den Vorschlaghammer an Meßmer verkauft Und mich haben sie ausgeschmiert. Hinz ist überhaupt gar nicht organisiert. Und der soll mich bloß nicht reizen, Und deswegen könntest du immerhin die Stube heizen. Denn wenn wir auch arm sein – – Ich habe nur eine Hand, aber wehe, wenn sie sich ballt. Vor den Feuern ist's heiß und der Heimweg ist kalt. Und wenn man nach Hause kommt, soll es dann wenigstens warm sein. Aber ihr treibt alle Schwindel und Betrug. Und der Oswald ist ebenso schlecht, Und Hinz hat an einem Ohr noch übergenug. Und ich poche auf mein ehrliches Recht Und lasse mich nicht von denen verkohlen. – Schweine sind's! – Und den Hammer und die Feile haben nicht Hillbrecht und Hinz, Den habe ich ganz alleine gestohlen!!
Es waren zwei Moleküle
Es waren zwei Moleküle. Die saßen auf einer Mühle Und sahen zu, wie das Mühlrad trieb, Und waren zufrieden und hatten sich lieb. Und keiner, keiner wußte darum, Als nur ein Mann, der Adressen schrieb.
Billardopfer
Er starb am Billard, beim letzten Stoße. Engel trugen ihn in die Höh'. Abraham fand in seinem Schoße Blaue Kreide und ein Billardqueue, Und er stieß in spielerischer Idee Nach den Sternen und Monden mit Linkseffet. Abraham bekam das Spielen satt, Weil der Himmel keine Bande hat. Warf also das Queue wütend zur Erde zurück. Das brach einer alten Frau das Genick. Die stand auf der Straße, doch nicht auf der Einwohnerliste. Die nächste Gemeinde begrub und bezahlte die Kiste. Und von dem Blitze, der bald dieses, bald jenes vernichtet, Wurde dann unter »Lokales« berichtet, Daß er eine fremde Zigeunerin draußen erschlug, Die einen gestohlenen Billardstock bei sich trug.
Ob wohl in Afrika oder am Delta des Nils Auch Leute so sterben als Opfer des Billardspiels??
Mein harmlos Lied
In einem Untertäßchen Voll Schnee und Rosenlikör Erwachte das kleine Prinzeßchen.
Noch ganz verschlafen und ohne Gehör Gewahrte sie mit Erröten Auf ihren niedlichen Brüsten Sechsundvierzig breite Warzenkröten, Die sich gegenseitig auf den Podex küßten. Und schrie, als sie sowas erblickte: »Pfui Keks!« Woran sie erstickte.
Und nun ist in jeder Zeitung zu lesen: Sie sei ein großer Schweinigel gewesen.
Balladette
Das war die sonst noch ziemlich fesche Marie, die ihrem Prinzipal In der Fabrik für Sterbewäsche Drei schwarze Unterhosen stahl.
Und sandte, als es ruchbar wurde, Dann das Gestohlene zurück. Und diese mindestens absurde Idee gereichte ihr zum Glück.
Der Prinzipal für Sterbewäsche, Der nicht Karrieren gern verdarb, Gab ihr so viel verdiente Dresche, Daß sie ein Kind gebar und starb.
Noctambulatio
Sie drückten sich schon beizeiten Fort aus dem Tanzlokal Und suchten zu beiden Seiten Der Straße das Gast- und Logierhaus Continental.
So dringlich: Man hätte können glauben, Er triebe sie vorwärts wie ein Rind. Und doch handelten beide im besten Glauben. Er wollte ihr nur die Unschuld rauben. Sie wollte partout von ihm ein Kind.
Da geschah es, etwa am Halleschen Tor, Daß Frieda über dem Knutschen und Schmusen Aus ihrem hitzig gekitzelten Busen Eine zertanzte, verdrückte Rose verlor.
Und ein sehr feiner Herr, dessen Eleganz Nicht so rumtoben tut, folgte den beiden. Jedoch hielt er sich vornehm bescheiden Immer in einer gewissen Distanz.
Er wollte ursprünglich zum Bierhaus Siechen. Aber nun hemmte er seinen Lauf, Zog die Handschuh aus, hob die Rose auf Und begann langsam daran zu riechen.
Er wünschte aber keinen Augenblicksgenuß; Deshalb stieg er mit der Rose in den Omnibus. Derweilen war Frieda mit ihrem Soldaten Auf einen Kinderspielplatz geraten.
Dort merkten sie nicht, wie die Nacht verstrich, Und daß ein unruhiger Mann mit einem Spaten Sie dauernd beschlich.
Als sich nach längerem Aufenthalt Das Paar in der Richtung zur Gasanstalt Mit kurzen, trippelnden Schritten verlor,
Sprang der unruhige Mann plötzlich hervor. Und fing an, eine Stelle, wo er im Sand Die Spur von Friedas Stiefelchen fand, Mit seinem Spaten herauszuheben. Worauf er behutsam mit zitternder Hand Die feuchte Form in ein Sacktuch band, Um sich dann leichenblaß heimzubegeben.
Wie um das dümmste Mädchen Sich sonderbare Fädchen Nachts durch die Straßen ziehn – Die Dichter und die Maler Und auch die Kriminaler, Die kennen ihr Berlin.
Was der Liftboy äußert
Fahrstuhl ahoi! Ich bin der Boy An Silbersteins Lift. Bin ich mal nicht dabei, Reißen die Stricke entzwei Und zermalmt oder zerquetscht, wen's gerade trifft.
Aber wenn ich bediene, Saust die Maschine Im Nu Aus dem Hochparterre bis zum dritten. Um ein Trinkgeld darf ich nicht bitten, Aber feine Herrschaften drücken ein Auge zu.
Am Zahltage sagte Herr Silberstein: Ich dürfte stolz auf den Posten sein, Wo ich immerfort stiege, Und ich bekäme nur kleines Salär, Weil ich fürs Lift so geeignet wär', Weil ich so sehr wenig wiege.
Da lernt man so allerlei, Und da ist viel Verantwortung bei. Aber ich kenne schon meine Kunden. Da hat's eine auf mich abgesehn, So eine Dicke mit rundem Busen, die will mir den Kopf verdrehn. Und da blieb der Fahrstuhl im Dachstuhl stehn. Und da meinte sie, müßte was geschehn,
Und da hat sie plötzlich entbunden. Das geht so ungefähr: Bitte sehr! Immer herein! Wer will noch mal von unten geliftet sein? So 2, 4, 8 Halt! Nicht mehr! Rrrr! Unsereins leidet am Nervenschock. Das kann auch nicht jeder. Halt!!! Meine Damen, bitte schön! Zwischenstock! Abteilung Knochen und Leder!
Die Nagelfeile
Man stirbt hier vor Langeweile, Dachte die Nagelfeile Beim Mittagessen! Und machte sich, wie von ungefähr, Über den Fingernagel her, Beim Mittagessen! Da begann eine silberne Gabel zu schreien: »Meine Dame – – Sie sind hier nicht allein!«
Die Badewanne
Die Badewanne prahlte sehr. Sie hielt sich für das Mittelmeer Und ihre eine Seitenwand Für Helgoländer Küstenland. Die andre Seite – gab sie an – Sei das Gebirge Hindostan Und ihre große Rundung sei Bestimmt die Delagoabai. Von ihrem schmalen Ende vorn, Erklärte sie, es sei Kap Horn. Den Kettenzug am Regulator Hielt sie sogar für den Äquator. Sie war – nicht wahr, das merken Sie? – Sehr schwach in der Geographie. Dies eingebildete Bassin, Es wohnte im Quartier latin.
Lampe und Spiegel
»Sie faule, verbummelte Schlampe,« Sagte der Spiegel zur Lampe. »Sie altes, schmieriges Scherbenstück,« Gab die Lampe dem Spiegel zurück. Der Spiegel in seiner Erbitterung Bekam einen ganz gewaltigen Sprung. Der zornigen Lampe verging die Puste. Sie fauchte, rauchte, schwelte und ruste. Das Stubenmädchen ließ beide in Ruhe, Und doch: Ihr schob man die Schuld in die Schuhe.
Der Globus
»Wo sitzt«, so frug der Globus leise Und naseweis die weise, weiße, Unübersehbar weite Wand, »Wo sitzt bei uns wohl der Verstand?«
Die Wand besann sich eine Weile. Sprach dann: »Bei dir – im Hinterteile!« Nun dreht seitdem der Globus leise Sich um und um herum im Kreise – Als wie am Bratenspieß ein Huhn, Und wie auch wir das schließlich tun – Dreht stetig sich und sucht derweil Sein Hinterteil, sein Hinterteil.
Flie und Ele
Fliegend entfernten sich die Fliegen. Doch ließen sie auf Ei und Kaviar Zwei, drei, vier Fliegenexkremente liegen. Die aß der Mensch und ward es nicht gewahr. Ein Elefant bemerkte diesen Fall Und rollte einen schweren, goldnen Ball Nicht ohne leises Lächeln durch den Stall.
Der Briefmark
Ein männlicher Briefmark erlebte Was Schönes, bevor er klebte. Er war von einer Prinzessin beleckt. Da war die Liebe in ihm erweckt. Er wollte sie wiederküssen, Da hat er verreisen müssen. So liebte er sie vergebens. Das ist die Tragik des Lebens ...
Zwei Schweinekarbonaden
Es waren zwei Schweinekarbonaden, Die kehrten zurück in den Fleischerladen Und sagten, so ganz von oben hin: »Menèh tékel ûpharsin.«
Der Bandwurm
Es stand sehr schlimm um des Bandwurms Befinden. Ihn juckte immer etwas hinten. Dann konstatierte der Doktor Schmidt, Nachdem er den Leib ihm aufgeschnitten, Daß dieser Wurm an Würmern litt, Die wiederum an Würmern litten –
Fliege und Wanze
Die Fliege hat zur Wanze gesprochen: »Leih' mir doch eine Maß Blut, Ich habe den Bürgermeister gestochen. – –
Aber der roch nicht gut. Und ich habe sein Blut, ohne was zu sagen, In die Nase von seiner Frau übertragen, Und gab auch der Tochter und dem Sohn Eine kleine Portion. Und nun riecht die ganze Familie Nach Quecksilber und Petersilie, Und ist voller Pickel und Flecke, Und es ist ein Vergnügen, von der Decke Aus zuzugucken, wie sie sich jucken.«
Die Wanze tat etwas fremd Und brummte: »Ach, Bagatelle!« Und kroch dabei einem Kutscher ins Hemd. Dort war derzeit ihre Quelle.
Die Schnupftabaksdose
Es war eine Schnupftabakdose, Die hatte Friedrich der Große Sich selbst geschnitzelt aus Nußbaumholz. Und darauf war sie natürlich stolz.
Da kam ein Holzwurm gekrochen. Der hatte Nußbaum gerochen. Die Dose erzählte ihm lang und breit Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.
Sie nannte den alten Fritz generös. Da aber wurde der Holzwurm nervös Und sagte, indem er zu bohren begann: »Was geht mich Friedrich der Große an!«
Schaudervoll, es zog die reine
Schaudervoll: Es zog die reine, Weiße, ehrbar keusche Clara Aus dem Sittlichkeitsvereine Eines Abends nach Ferrara. Schaudervoll: Dort, irgendwo, Floß der Po. Schaudervoll, doch es geschah In Ferrara, daß die Clara Aus dem Sittlichkeitsvereine Nachts den Po doppelt sah.
Schicksal der Schlaube
Anno 1307 Ante Christum natum War eine Schlaube in einem Zahn steckengeblieben, Da nahte sich eine Floskel aus Batum Und sagte: »Erlaube, Daß ich dir helfe.« – – »Ganz nach Belieben,« Sagte die Schlaube.
Da war das Liebeswerk schon getan. Da wurde die Floskel blässer und blässer. Die Schlaube indessen sprang in ein fließend Gewässer, Trieb fort in der Richtung von Quelle nach Mündung; Überall roch es nach ham and eggs.
Und die kleine Schlaube starb unterwegs An Ekel, Scharlach oder Gebärmutterentzündung.
Die Geburtenzahl
Die Geburtenzahl Ging herunter, Traf den Pfarrer im Tal Nachts noch munter.
Heidel da diedel dumm Wie war das schön im Tal! Aufwärts steigt wiederum Bald die Geburtenzahl. * * *
Und dann lächelt alles froh Im statistischen Büro.
Stoffwechsel
»Wie glüht er im Glase! Wie flammt er so hold! Geschliffnem Topase vergleich ich sein Gold.« Ich aber meinte den Urin Und dachte mich in Groß-Berlin. Und dachte eine junge Braut, Ganz eingehüllt in Bückingshaut. Da brachte mir der Pikkolo Den Grog. Ich schnupperte und floh.
Miß Longwieles Stoßgähnen (Ein Chanson)
Uah! Ich wollte, ich hätte An Stelle meiner Beine zwei Stuhlbeine aus Holz oder Blei –. Dann wünschte niemand sich das Zeugs ins Bette.
Mein Unterrücks – müßte ein – – Müßte eine Plakatsäule sein. Ach nein. Wie dumm! Dann stünden sie ja erst recht herum.
Mein Busen – (schöner Gedanke) Wäre eine Planke, Mit Stacheldraht Und frisch geteert. Dann käme der nächste Soldat, Sagte: »Danke. Ganze Abteilung kehrt!«
Und an meiner Nase hinge Ewig ein Hühnerei, Und bei jedem Niesen ginge Das Ei entzwei. Wären die Augen aus Stein, Schwarz die Zähne und ohne Schmelz – –
Einmal arm möcht' ich sein, Einsam, verachtet, bedauert. – Reich mir den Pelz. Anspannen! Mich schauert.
Vier Treppen hoch bei Dämmerung
Du mußt die Leute in die Fresse knacken. Dann, wenn sie aufmerksam geworden sind, – Vielleicht nach einer Eisenstange packen, – Mußt du zu ihnen wie zu einem Kind Ganz schamlos fromm und ärmlich einfach reden Von Dingen, die du eben noch nicht wußtest. Und bittst sie um Verzeihung – einzeln jeden –, Daß du sie in die Fresse schlagen mußtest. Und wenn du siegst: so sollst du traurig gehen, Mit einem Witz. Und sie nie wieder sehen.
Mein Riechtwieich
Gutes Bettchen du! Ich gehe jetzt in dich. Gute Nacht! Wünsche angenehme Ruh. – Und auf einmal ist's wieder früh, Bin ich wieder aufgewacht, Habe dich naß gemacht – Herzeleid – Pupo – Pipü.
Bett, ich falle in dich, du mein Bett. Ich will nichts mehr wissen. Sticke mich tot mit Gänsekissen. Ich pfeife auf Schweinskotelett Und Schutzmann und Feuer im Haus; Mir ist alles egal. Eigentlich müßte ich noch einmal – Aber ich zwing's heute nicht. Bitte – lie Bett – puste das Licht –
Altes Bettchen, hallo!! Wir brechen in dich hinein; Ja schau nur: Zu zwei'n! Nun knurre, knarre nicht so. Heute geht's stürmisch zu. Anna, komm doch! Ich friere. Huhu! Möge uns Gott verzeihn. Aber das wissen nur Anna und ich und du.
Bettchen, wo fährst du denn hin?? Nun gut, fahr immer zu. Im Kreise und auf die Reise. Nach Afrika. Wir besuchen ein Gnu. Gut Nacht, Anna, ich bin – Müde bin ich Känguruh.
Frühlingsanfang auf der Bank vorm Anhalter Bahnhof
Vierter Klasse wär' es noch mehr billig. Aber da käme ich später an. Und dann ist die Stellung vielleicht schon vergeben, Und die Frau Bauratswitwe sagt dann Wieder: Ich sei arbeitsunwillig. Und wovon soll ich dann am Freitag leben? Am liebsten möchte ich gar nicht fahren. Da könnten wir all das Fahrgeld sparen, Und lieber versaufen. Und da können wir noch die beiden Weinflaschen verkaufen. Da wird man wieder mal richtig vergnügt. Und hauen uns nachts auf die Bretter am Halleschen Tor, Wo manchmal der Bolzenmax liegt. Jetzt kommen schon die Krokusse vor, Da ist es schon nicht mehr so kalt. Und morgen werden wir sehn, wo wir bleiben. Da werden sie uns auseinandertreiben Wie die Pferdeäppel auf'm Asphalt. Ob es wohl wahr ist, wenn man noch lebt – daß man Seine Knochen an die Akademie verkaufen kann?
Lied aus einem Berliner Droschkenfenster
Auf dem Asphalt das Blut und das verspritzte Gehirn Verlaufen in zierlichen Fädchen. Ein Fädchen kann sein aus Seide oder Zwirn. Damit nähen und sticken die Mädchen.
Sie nähen einen Saum, und sie sticken ein »B« In ein seifensteifes Unterhöschen. Im Kielwasser eines Dampfers auf See Ersäuft ein vertrocknetes Röschen.
Mein Onkel im Rostocker Rathaus erschrickt Über eine sich lösende Tapete. Der hat einmal eine Sternschnuppe erblickt, Die sah aus wie eine Rakete.
Wenn der Gaul sich auf dem Spittelmarkt mal hinlegen will, Na, dann soll man das dem Vieh auch nicht verwehren. Nee, dann trink' ich meinen Gilka. Und belausche dabei still, Wie die Wanzen sich im Polstersamt vermehren.
Jene brasilianischen Schmetterlinge
Wie schön ihr angezogen seid! Simpelfarbig ist unsere Menschenhaut Und hat noch Hitzpickel am Gesicht. Aber ich denke das ohne Neid. Ihr renommiert wahrscheinlich auch nicht Mit euren sonnenmetallischen Flügeln. Sie sind euer einziges Kleid. Ihr braucht es niemals zu bügeln. Und wenn ich es täte, dann ginge Es sicher entzwei. Und euer Leben, ihr Schmetterlinge, Huscht sowieso wie ein Sternschnupp vorbei. Drum seid ihr Ochsen, wenn ihr's nicht genießt. Dauernd saufen, naschen, geschlechtlich paktieren! Derart keine Zehntelsekunde verlieren! Bis euch der deutsche Professor aufspießt. — — — — — — — — — — Die europäischen Fernen Kennenzulernen, Was euch das Leben nie bot, Was ihr damals auch nie gewollt noch begriffen hättet, – Nun wär's euch. – – Zwischen Gläser gebettet Leuchtet ihr so geduldig tot. Broschen seid ihr und Fächer. Ich habe aus euch einen Aschenbecher; Aber er tut mir so leid. Ich streue die Asche lieber daneben. Denn euch brachte das schöne Kleid Um euer junges, brasilianisches Leben.
Vorm Brunnen in Wimpfen
Du bist kein du, Wasser. – Hättest nicht Ruh, Mich auszuhören.
Ihr fließet immerzu Und immer weiter und möglichst weit.
Wie euch der Brunnen aus eisernen Röhren In den heißen Althäuserplatz speit, Erdengeläutert und ausgekühlt; Da ihr alte und neue Zeit Und den Himmel abkonterfeit, –
Siehet mein durstiges Staunen In euch doch immerzu andre. Immer wieder mit über den Rand gespült, Fängt es aus eurem Raunen Nur eines auf: Wandre!
Von euch möcht' ich trinken. Ihr würdet lau, wenn ihr stehenbliebt, Ihr würdet trüb. Ihr würdet verweilend Faulen und stinken.
Was kümmert's euch, ob ein Mensch euch liebt. Dauernd zerteilt euch selber enteilend, Seid ihr getrieben ein treibendes Ganzem, rein Bleibendes.
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