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Weitere Gedichte
War einmal ein Schwefelholz...
War einmal ein Schwefelholz, Das sich mit erhabnem Stolz Einen Anarchisten nannte Und ein ganzes Haus verbrannte. Dieses war schon ungewöhnlich, Doch es kannte auch persönlich Meyers Taschenlexika, Ganz speziell das Bändchen „A“, Weshalb es sich nach dem Brande An besagtes Bändchen wandte Mit den Worten: „Sag, was ist Eigentlich ein Anarchist?“
Ein männlicher Briefmark...
Ein männlicher Briefmark erlebte Was Schönes, bevor er klebte. Er war von einer Prinzessin beleckt. Da war die Liebe in ihm erweckt.
Er wollte sie wiederküssen, Da hat er verreisen müssen. So liebte er sie vergebens. Das ist die Tragik des Lebens!
Arm Kräutchen
Ein Sauerampfer auf dem Damm Stand zwischen Bahngeleisen, Machte vor jedem D-Zug stramm, Sah viele Menschen reisen
Und stand verstaubt und schluckte Qualm, Schwindsüchtig und verloren, Ein armes Kraut, ein schwacher Halm, Mit Augen, Herz und Ohren.
Sah Züge schwinden, Züge nahn. Der arme Sauerampfer Sah Eisenbahn um Eisenbahn, Sah niemals einen Dampfer.
Liedchen
Die Zeit vergeht. Das Gras verwelkt. Die Milch entsteht. Die Kuhmagd melkt.
Die Milch verdirbt. Die Wahrheit schweigt. Die Kuhmagd stirbt. Ein Geiger geigt.
Seepferdchen
Als ich noch ein Seepferdchen war, Im vorigen Leben, Wie war das wonnig, wunderbar, Unter Wasser zu schweben. In den träumenden Fluten Wogte, wie Güte, das Haar Der zierlichsten aller Seestuten, Die meine Geliebte war. Wir senkten uns still oder stiegen, Tanzten harmonisch umeinand, Ohne Arm, ohne Bein, ohne Hand, Die Wolken sich in Wolken wiegen. Sie spielte manchmal graziöses Entfliehn, Auf daß ich ihr folge, sie hasche, Und legte mir einmal im Ansichziehn Eierchen in die Tasche. Sie blickte traurig und stellte sich froh, Schnappte nach einem Wasserfloh Und ringelte sich An einem Stengelchen fest und sprach so: Ich liebe dich! Du wieherst nicht, du äpfelst nicht, Du trägst ein farbloses Panzerkleid Und hast ein bekümmertes altes Gesicht, Als wüßtest du um kommendes Leid. Seestütchen! Schnörkelchen! Ringelnaß! Wann war wohl das? Und wer bedauert wohl später meine restlichen Knochen? Es ist beinahe so, daß ich weine – Lollo hat das vertrocknete, kleine Schmerzverkrümmte Seepferd zerbrochen.
Überall
Überall ist Wunderland. Überall ist Leben. Bei meiner Tante im Strumpfenband. Wie irgendwo daneben. Überall ist Dunkelheit. Kinder werden Väter. Fünf Minuten später Stirbt sich was für einige Zeit. Überall ist Ewigkeit.
Wenn du einen Schneck behauchst, Schrumpft er ins Gehäuse, Wenn du ihn in Kognak tauchst, Sieht er weiße Mäuse.
Am Sachsenplatz: Die Nachtigall
Es sang eine Nacht... Eine Nachti... Ja Nachtigall am Sachsenplatz Heute morgen. – Hast du in Berlin Das je gehört? – Sie sang, so schien Es mir, für mich, für Ringelnatz.
Und gab mir doch Verlegenheit, Weil sie dasselbe Jauchzen sang, Das allen Dichtern früherer Zeit Durchs Herz in ihre Verse klang. In schöne Verse!
Nachtigall, Besuche bitte ab und zu Den Sachsenplatz; Dort wohne ich. – Ich weiß, daß du Nicht Verse suchst von Ringelnatz.
Und hatten doch die Schwärmer recht, Die dich besangen gut und schlecht.
Lustig quasselt
Lustig quasselt der seichte Bach. Scheinchen scheppern darüber flach. Stumm gegen die Wellen steht ein Stein, Sieht – wie mir scheint – Ernst aus und verweint.
Denn es macht traurig, unbequem zu sein.
Im Park
Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum Still und verklärt wie im Traum. Das war des Nachts elf Uhr zwei. Und dann kam ich um vier Morgens wieder vorbei, Und da träumte noch immer das Tier. Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum – Gegen den Wind an den Baum, Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips. Und da war es aus Gips.
Insel Hiddensee
Kühe weiden bis zum Rande Großer Tümpel, wo im Röhricht Kiebitz ostert. – Nackt im Sande Purzeln Menschen selig töricht.
Und des Leuchtturms Strahlen segnen Eine freundliche Gesundheit.
Andrerseits: Vor steiler Küste Stürmen Wellen an und fliehen. – Nach dem hohen Walde ziehen Butterbrote und Gelüste.
Fischerhütten, schöne Villen Grüßen sich vernünftig freundlich.
Steht ein Häuschen in der Mitte, Rund und rührend zum Verlieben. »Karusel« steht angeschrieben. Dieses Häuschen zählt zu Vitte.
Asta Nielsen – Grischa Chmara, Unsre Dänin, und der Russe –,
Auf dem Schaukelpolster wiegen Sich zwei Künstler deutsch umschlungen. – Gar kein Schutzmann kommt gesprungen. – Doch im Bernstein träumen Fliegen.
Um die Insel rudern, dampfen, Treiben, kämpfen Boote, Bötchen.
Trüber Tag
Zu Hause heulten die Frauen: Das tote Kind sah aus wie Schnee. Wir gingen, nur mein Bruder und ich, in See. Dem Wetter war nicht zu trauen. Wir fischten lauter Tränen aus dem Meer, Das Netz war leer.
Ab Kopenhagen
Kein Kaviar, kein' Kokosnuß, Kein Obst noch Weinbergschnecken – Am Tage, da ich reisen muß, Da will mir nichts mehr schmecken.
Lebe wohl, du schönes Kopenhagen! Wie ist das schlimm: Entbehrlich sein. Was kümmert dich im Grunde mein Schweres Herz und mein leerer Magen.
Der mein Gepäck zur Bahn gebracht, Der Mann kennt keine Tränen. Im Gegenteil: er grüßt und lacht Vergnügt. So sind die Dänen.
Wie stets nach dreißig Tagen Bricht eine neue Welt entzwei. Mich hat ein Mädchen hier umgarnt, Ein Wunderweib! – Vorbei! Vorbei! Nun sitz ich still im Wagen. Jedoch ich will nicht klagen. Vor Taschendieben wird gewarnt.
Lebe wohl, du schönes Kopenhagen.
Nie bist du ohne Nebendir
Eine Wiese singt. Dein Ohr klingt. Eine Telefonstange rauscht. Ob du im Bettchen liegst Oder über Frankfurt fliegst, Du bist überall gesehen und belauscht.
Gonokokken kieken, Kleine Morcheln horcheln. Poren sind nur Ohren. Alle Bläschen blicken.
Was du verschweigst, Was du den andern nicht zeigst, Was dein Mund spricht Und deine Hand tut, Es kommt alles ans Licht. Sei ohnedies gut.
Großer Vogel 1933
Die Nachtigall ward eingefangen, Sang nimmer zwischen Käfigstangen. Man drohte, kitzelte und lockte. Gall sang nicht. Bis man die Verstockte In tiefsten Keller ohne Licht Einsperrte. – Unbelauscht, allein Dort, ohne Angst vor Widerhall, Sang sie Nicht – –, Starb ganz klein Als Nachtigall.
Ernster Rat an Kinder
Wo man hobelt, fallen Späne. Leichen schwimmen in der Seine. An dem Unterleib der Kähne Sammelt sich ein zäher Dreck.
An die Strähnen von den Mähnen Von den Löwen und Hyänen Klammert sich viel Ungeziefer. Im Gefieder von den Hähnen Nisten Läuse; auch bei Schwänen. (Menschen gar nicht zu erwähnen, Denn bei ihnen geht's viel tiefer.)
Nicht umsonst gibt's Quarantäne.
Allen graust es, wenn ich gähne. Ewig rein bleibt nur die Träne Und das Wasser der Fontäne. Kinder, putzt euch eure Zähne!!
Aus meiner Kinderzeit
Vaterglückchen, Mutterschößchen, Kinderstübchen, trautes Heim, Knusperhexlein, Tantchen Rös'chen, Kuchen schmeckt wie Fliegenleim.
Wenn ich in die Stube speie, Lacht mein Bruder wie ein Schwein. Wenn er lacht, haut meine Schwester, Wenn sie haut, weint Mütterlein.
Wenn die weint, muß Vater fluchen. Wenn er flucht, trinkt Tante Wein. Trinkt sie Wein, schenkt sie mir Kuchen: Wenn ich Kuchen kriege, muß ich spein.
Ostern
Wenn die Schokolade keimt, Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen »Glockenklingen« sich auf »Lenzesschwingen« Endlich reimt Und der Osterhase hinten auch schon preßt, Dann kommt bald das Osterfest.
Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen Ostern naht auf Lenzesschwingen, – Dann mit jenen Dichterlingen Und mit deren jugendlichen Bräuten Draußen schwelgen mit berauschten Händen – Ach, das denk ich mir entsetzlich, Außerdem – unter Umständen – Ungesetzlich.
Aber morgens auf dem Frühstückstische Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe frische Eier. Und dann ganz hineingekniet! Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme Durch geheime Gänge und Gedärme In die Zukunft zieht Und wie dankbar wir für solchen Segen Sein müssen. Ach, ich könnte alle Hennen küssen, Die so langgezogene Kugeln legen.
Volkslied
Wenn ich zwei Vöglein wär Und auch vier Flügel hätt, Flög die eine Hälfte zu dir. Und die andere, die ging auch zu Bett, Aber hier zu Haus bei mir.
Wenn ich einen Flügel hätt Und gar kein Vöglein wär, Verkaufte ich ihn dir Und kaufte mir dafür ein Klavier.
Wenn ich kein Flügel war (Linker Flügel beim Militär) Und auch keinen Vogel hätt, Flög ich zu dir. Da's aber nicht kann sein, Bleib ich im eignen Bett Allein zu zwein.
Ich habe dich so lieb
Ich habe dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken Eine Kachel aus meinem Ofen Schenken.
Ich habe dir nichts getan. Nun ist mir traurig zu Mut. An den Hängen der Eisenbahn Leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei – verjährt – Doch nimmer vergessen. Ich reise. Alles, was lange währt, Ist leise.
Die Zeit entstellt Alle Lebewesen. Ein Hund bellt. Er kann nicht lesen. Er kann nicht schreiben. Wir können nicht bleiben.
Ich lache. Die Löcher sind die Hauptsache An einem Sieb. Ich habe dich so lieb.
Begegnung
So viele schöne Pfirsiche sind, In die niemand beißt.
Die Gier kann auch ein verschämtes Kind Sein. Was du nicht weißt. Ohne Lüge kann ich mancherlei Dir sagen, klänge dir wie Gold.
Doch zeigte ich mein Wahrstes ganz frei, Wärest du mir nicht mehr hold.
Mädchen versäume dich nicht Und hüte dich vor List! Ich aber träume dich. Wie du gar nicht bist.
Genau besehn
Wenn man das zierlichste Näschen Von seiner liebsten Braut Durch ein Vergrößerungsgläschen Näher beschaut, Dann zeigen sich haarige Berge, Daß einem graut.
Es lebe die Mode!
Für die Mode, nicht dagegen Sei der Mensch! – Denn sie erfreut, Wenn sie sich auch oft verwegen Vor dem größten Kitsch nicht scheut.
Ob sie etwas kürzer, länger, Enger oder anders macht, Bin ich immer gern ihr Sänger, Weil sie keck ins Leben lacht.
Durch das Weltall sei's gejodelt Allen Schneidern zum Gewinn: Mode lebt und Leben modelt, Und so haben beide Sinn.
Morgenwonne
Ich bin so knallvergnügt erwacht. Ich klatsche meine Hüften. Das Wasser lockt. Die Seife lacht. Es dürstet mich nach Lüften.
Ein schmuckes Laken macht einen Knicks Und gratuliert mir zum Baden. Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs Betiteln mich »Euer Gnaden«.
Aus meiner tiefsten Seele zieht Mit Nasenflügelbeben Ein ungeheurer Appetit Nach Frühstück und nach Leben.
Mißglücktes Liebesabenteuer
Das Herz sitzt über dem Popo. – Das Hirn überragt beides. Leider! Denn daraus entspringen so Viele Quellen des Leides.
Doch ginge uns plötzlich das Hirn ins Gesäß Und die Afterpracht in die Köpfe, Wir wären noch minder als hohles Gefäß, Nur gestürzte, unfertige Töpfe.
Herz, Arsch und Hirn. – Ich ziehe retur Meine kleinliche Überlegung. – Denn dieses ganze Gedicht kommt nur Aus einer enttäuschten Erregung.
An M.
Der du meine Wege mit mir gehst, Jede Laune meiner Wimper spürst, Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst – Weißt du wohl, wie heiß du oft mich rührst?
Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern. Meine Liebe wird mich überdauern Und in fremden Kleidern dir begegnen Und dich segnen.
Lebe, lache gut! Mache deine Sache gut!
Aus
Nun geh ich stumm an dem vorbei, Wo wir einst glücklich waren, Und träume vor mich hin: es sei Alles wie vor zehn Jahren.
Und du bist schön, und du bist gut Und hast so hohe Beine. Mir wird so loreley zumut, Und ich bin doch nicht Heine.
Ich klappe meine Träume zu Und suche mir eine Freude. Auf daß ich nicht so falsch wie du Mein Stückchen Herz vergeude.
Stammbuchvers
So – an ein Stammbuch hingezerrt – Hat man Verdruß. Man fühlt sich ins Klosett gesperrt, Obwohl man gar nicht muß.
Denn mancher Gast will weitergehn Und will nichts stehenlassen Und seine Klexe ungesehn Nur werfen, wo sie passen.
Das Kartenspiel
Vier Männer zogen sich zurück, Schlossen sich ein, und drei Von ihnen versuchten ihr Glück, Spielten Karten. Draußen im Garten Blühte der Mai.
Im schwülen Zimmer saßen die Männer bei ihren Karten. Ihre Weiber ließen sie Draußen weinen und warten.
Und spielten Spiel um Spiel zu dritt, Und jeder schwitzte. Der vierte Mann sah zu, kibit – Kibitzte.
Geld hin – Geld her – Geld her – Geld hin – Verlust – Gewinn – Nach Kartengemisch. Es wurde gebucht, Gereizt und geflucht. Man schlug auf den Tisch. Man witzelte seicht. Hätte Pikdame statt Karozehn Den Buben genommen, Dann wäre vielleicht Alles anders gekommen.
Und noch einmal und noch und noch, Verbissen und besessen. – Ein Lüftchen kam durchs Schlüsselloch, Roch nach verbranntem Essen.
Der König fiel. Das letzte Spiel, Das allerletzte Spiel begann. Und wieder stach die Karozehn. Der vierte Mann, Der nichts getan als zugesehn, Gewann.
Vier gähnende Männer gingen Hinaus ins Morgengraun. Draußen hingen Am Gartenzaun Vier vertrocknete Fraun.
Der Seriöse
Wo ich abends Weißwürste fresse, Da sitzt oft drei Tische weit Vor mir ein Herr von Noblesse, Sehr groß, sehr ernst und sehr breit.
Sein Haar und Bart, seine Kleidung Sind einwandfrei und gepflegt, Wie er unter steter Vermeidung Sich einwandfrei sicher bewegt.
Wie ihn die Kellner bedienen, Ist er ein Fürst oder reich. Doch bleibt das Spiel seiner Mienen Jederzeit würdig und gleich.
Wenn diese würdig seriöse Erscheinung vorübergeht, Dann ist mir, als ob mein Gekröse In Hirn und Leib sich verdreht.
Denn, wenn er mit seinen Blicken Mich streifte – das fühle ich klar –, Ich würde zusammenknicken Und nimmer sein, was ich war.
Doch ohne seitwärts zu schauen, Schreitet er durchs Lokal. Seine gerunzelten Brauen – Wie alles an ihm – sind aus Stahl.
Und seine Schritte lenken Sich dahin, wohin man nicht sieht. Ich wage nicht auszudenken, Was er dort etwa vollzieht.
Ach, ich bin klein, ich bin böse. Mein Herz ist auch nicht ganz rein. Ach dürfte ich solche seriöse Persönlichkeit einmal sein!
Angstgebet in Wohnungsnot 1923
Ach, lieber Gott, gib, daß sie nicht Uns aus der Wohnung jagen. Was soll ich ihr denn noch sagen – Meiner Frau – in ihr verheultes Gesicht!?
Ich ringe meine Hände. Weil ich keinen Ausweg fände, Wenn's eines Tags so wirklich wär: Bett, Kleider, Bücher, mein Sekretär – Daß das auf der Straße stände.
Sollt ich's versetzen, verkaufen? Ist all doch nötigstes Gerät. Wir würden, einmal, die Not versaufen, Und dann: wer weiß, was ich tät.
Ich hänge so an dem Bilde, Das noch von meiner Großmama stammt. Gott, gieße doch etwas Milde Über das steinerne Wohnungsamt.
Wie meine Frau die Nacht durchweint, Das barmt durch all meine Träume. Gott, laß uns die lieben zwei Räume Mit der Sonne, die vormittags hineinscheint.
August 1930
Topf an Topf Um leere Taschen. Nichts in den Töpfen zum Fressen.
Kopf an Kopf Um volle Flaschen Und Tanzmusik zum Vergessen.
Wenn man sich einen gemeinen Soldat, Ein Kind und einen Tiger besieht, Wie ich das heute tat: Die wissen nicht, was um sie geschieht... Gott bewahre!
Die Zebras, Dromedare, Sie rissen sich Und bissen sich Um jeden Happen Brot.
Nichts stimmt, was mir begegnet. Und es ist kalt und regnet. Damit das Übermaß von Not Mich nicht zum letzten Schritte reizt, Hat meine Wirtin eingeheizt.
Auskehr Zum Schmutz- und Schundgesetz 1926
Schundige, verbrauchte Besen wollen Nur aus schmutzig-dunkelm Hintergrund: Mummgedachte dummgemachte Menschen sollen Ihnen helfen gegen Schmutz und Schund.
Wollen also scheinbar Straßen reinigen, Nicht vor eigner Tür, nein! O nein! Herrschen wollen sie und peinigen, Denn man sah in ihren Stiel hinein.
Und da fand man in den Stielen Knuten Aus der mittelalterlichsten Zeit. Und wir andern müssen uns nun sputen, Denn die Besen stehen kampfbereit.
Sagen wir nur: Nein! In die Ecke, Besen, Besen! In dem Dreck, wo ihr gewesen Seid, macht euern Dreck allein!
Nicht verhandeln. Denn wir wollen rein, Auch durch Schmutz und Schund, in Freiheit wandeln.
Miliz
»Sie haben sich gestern schrecklich betragen!« Wollte das Putzleder zur Trommel sagen. Aber die Trommel spannte schnell Ihr dickes Fell Und begann einen donnernden Wirbel zu schlagen, Na – und da blieb dem Putzleder vor Schrecken Das Wort im Munde stecken.
So gut wie schlecht
Menschen kenne ich: denen es gut geht, Die sich aber auch Mühe geben, Anständig nach innen und außen zu leben.
Da ihnen das gut steht Und sie repräsentable Erscheinungen Sind, hört man ihre Meinungen Mit Behagen. – Bis man erstaunt entdeckt, Daß sie keine andre Meinung vertragen. –
Hat ein Vögelchen erschreckt Sich geduckt im Busch versteckt; Putzte traurig, putzte stumm Lange noch an sich herum.
Jene kleinsten ehrlichen Artisten
Jener kleinsten ehrlichen Artisten Denk' ich, die kein Ruhm belohnt, Die ihr Dasein ärmlich, fleißig fristen Und in denen nur die Zukunft wohnt.
In Programmen stehen sie bescheiden, Und das Publikum bleibt ihnen stumm. Dennoch geben sie ihr Bestes und beneiden Größre nicht. Und wissen nicht, warum.
Grober Dünkel drückt sie in die Ecken. Ihre Grenze ist der Rampenschein. Aber nachts vor kleinen Mädchen recken Sie sich auf in Künstlerschwärmerein.
Die ihr bleiben sollt, wo wir begonnen, Mögt ihr ruhmlos sein und unbegabt, Doch euch tröstet: Uns ist viel zerronnen, Schönes, was ihr jetzt noch in euch habt.
Ehrlichkeit ist Kunst und derart selten, Daß es wenig Wichtigeres gibt. Euer Schicksal wird euch reich vergelten, Daß ihr euer Schicksal habt geliebt.
Schiff 1931
Wir haben keinen günstigen Wind. Indem wir die Richtung verlieren, Wissen wir doch, wo wir sind. Aber wir frieren.
Und die darüber erhaben sind, Die sollten nicht allzuviel lachen. Denn sie werden nicht lachen, wenn sie blind Eines Morgens erwachen.
Das Schiff, auf dem ich heute bin, Treibt jetzt in die uferlose, In die offene See. – Fragt ihr: »Wohin?« Ich bin nur ein Matrose.
Die Überholten
Und Menschen triffst du, und dich stört ihr Reden, Weil es nichts Neues dir enthüllt. Du kennst all ihre Zellen, hast längst jeden Gedanken überholt, der sie erfüllt.
Du willst durchaus nicht, daß sie näher kommen; Du fürchtest, daß du überlegen siegst. Doch schweigend dann besinnst du dich beklommen, Wie du den Anfang so wie sie genommen, Und daß du dankbar sein mußt, weil du stiegst.
Doch wenn du dich bescheiden an sie wendest Und einfach sprichst, erfährst du, daß du störst. Und einsam klingt der Satz, den du vollendest. Weil du doch nimmer ihnen angehörst.
Es lohnt sich doch
Es lohnt sich doch, ein wenig lieb zu sein Und alles auf das Einfachste zu schrauben, Und es ist gar nicht Großmut zu verzeihn, Daß andere ganz anders als wir glauben.
Und stimmte es, daß Leidenschaft Natur Bedeutete im guten und im bösen, Ist doch ein Knoten in dem Schuhband nur Mit Ruhe und mit Liebe aufzulösen.
Ein Herz laviert nicht
Ich nenne keine Freundschaft heiß, Die niemals, wenn's ihr unbequem, Den Freund zu überraschen weiß Trotzdem.
Denn wenn sie Zeit und Mühe scheut, Ein Unverhofft zu bringen, Das einen Freund unendlich freut, Dann hat sie keine Schwingen.
Den Umfang einer Wolke mißt Kein Mensch. Weil sie nicht rastet, Noch ihre Freiheit je vergißt. – Ich glaube: Keine Wolke ist Mit Arbeit überlastet.
Die Krähe
Die Krähe lacht. Die Krähe weiß, Was hinter Vogelscheuchen steckt, Und daß sie nicht wie Huhn mit Reis Und Curry schmeckt.
Die Krähe schnupft. Die Krähe bleibt Nicht gern in einer Nähe. Dank ihrer Magensäure schreibt Sie Runen. Jede Krähe.
Sie torkelt scheue Ironie, Flieht souverän beschaulich. Und wenn sie mich sieht, zwinkert sie Mir zu, doch nie vertraulich.
Heimatlose
Ich bin fast Gestorben vor Schreck: In dem Haus, wo ich zu Gast War, im Versteck, Bewegte sich, Regte sich Plötzlich hinter einem Brett In einem Kasten neben dem Klosett, Ohne Beinchen, Stumm, fremd und nett Ein Meerschweinchen. Sah mich bange an, Sah mich lange an, Sann wohl hin und sann her, Wagte sich Dann heran Und fragte mich: »Wo ist das Meer?«
Weißt du?
Wenn ein Neunauge mit einem Tausendfuß Kinder zeugt, wie mögen die gehen? Wie mögen die sehen? Ich weiß es nicht. Weißt du's?
Weißt du wohl, daß eines Flugzeugs Schatten, Wenn er über Häuser, Bäume, Matten, Menschen, Tiere, Wasser geht, Nichts und niemand widersteht?
Jeder weiß, warum in schönen Zweigen Schöne Spinne schöne Netze webt. Aber weißt du, was das Schweigen Eines andern Menschen Sinnt und nacherlebt und vorerlebt?
Kunstgewerbe
Ein blauer Hund mit gelben Ohren Wurde in einem Atelier geboren. Weil er naturfremd originell Wie jene Mutter war, die ihn gebar, Vermehrte er sich populär sehr schnell Und brachte Geld, und viel sogar.
Ein andres Suchweib, gleichfalls von Beruf Originell, erdachte sich und schuf Aus Ton ein Mäus'chen, witzig, zart und schlicht, Sehr künstlerisch; das reüssierte nicht. Bis wahre Künstler es entdeckten Und kauften von sechs Exemplaren vier. Worauf die andern zwei entsetzlich heckten. Nun seh ich überall dies Mäusetier. Es glotzt, es kotzt mich an aus Gips, Aus Bronze, Ton. Ein Mäuseplagenippes.
Ich bitte dich: Wenn ich dereinst mal sterbe, Tu meine Asche nicht in Kunstgewerbe.
Ich werde nicht enden zu sagen
Ich werde nicht enden zu sagen: Meine Gedichte sind schlecht. Ich werde Gedanken tragen Als Knecht. Ich werde sie niemals meistern Und doch nicht ruhn. Soll mich der Wunsch begeistern: Es besser zu tun.
Ehrgeiz
Ich habe meinen Soldaten aus Blei Als Kind Verdienstkreuzchen eingeritzt. Mir selber ging alle Ehre vorbei, Bis auf zwei Orden, die jeder besitzt.
Und ich pfeife durchaus nicht auf Ehre. Im Gegenteil. Mein Ideal wäre, Daß man nach meinem Tod (grano salis) Ein Gäßchen nach mir benennt, ein ganz schmales Und krummes Gäßchen, mit niedrigen Türchen, Mit steilen Treppchen und feilen Hürchen, Mit Schatten und schiefen Fensterluken.
Dort würde ich spuken.
Nichts geschieht
Wenn wir sterben müssen, Unsere Seele sich den Behörden entzieht, Werden sich Liebende küssen; Weil das Lebende trumpft. Aber wenn nichts geschieht, Bleibt das Leben nicht einmal stehn, sondern schrumpft.
Was heute mir ins Ohr klingt, Ist nur, was Klage vorbringt. Und was ich mit Augen seh An schweigender Not, das tut weh. Aller Frohsinn in uns ist verreist.
Und nichts geschieht. – Und der Zeiger kreist.
Schenken
Schenke groß oder klein, aber immer gediegen, Wenn die Bedachten die Gaben wiegen, Sei dein Gewissen rein. Schenke herzlich und frei, Schenke dabei was in dir wohnt. An Meinung, Geschmack und Humor, Sodass die eigene Freude zuvor Dich reichlich belohnt. Schenke mit Geist ohne List, Sei eingedenk, dass dein Geschenk Du selber bist.
Umzug nach Berlin 1930
Nach Berlin, nach Berlin, Nach Berlin umzuziehn, Aus der dümmsten Stadt der Welt – Wie das lockt!! – Ich, verdumpft, Ich, verstockt und verstumpft, Habe endlich mich auf den Kopf gestellt.
Ach wie schön ist's im Frein Und im Hellen zu sein! Und wär's nur ein luftiges Zelt. Aber gar nach Berlin, Nach Berlin umzuziehn, Aus der dümmsten Stadt der Welt!
Mir ist wohl, mir ist weh – So als ging ich in See – Denn ich lasse auch Freunde zurück. Doch ihr Freunde folgt nach Aus kleinpopliger Schmach In den Großkampf um sauberes Glück.
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