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Das Siegesfest
Priams Feste war gesunken, Troja lag in Schutt und Staub, Und die Griechen, siegestrunken, Reich beladen mit dem Raub, Saßen auf den hohen Schiffen Längs des Hellespontos Strand, Auf der frohen Fahrt begriffen Nach dem schönen Griechenland. "Stimmet an die frohen Lieder, Denn dem väterlichen Herd Sind die Schiffe zugekehrt, Und zur Heimat geht es wieder."
Und in langen Reihen, klagend, Saß der Trojerinnen Schar, Schmerzvoll an die Brüste schlagend, Bleich mit aufgelöstem Haar. In das wilde Fest der Freuden Mischten sie den Wehgesang, Weinend um das eigne Leiden In des Reiches Untergang. "Lebe wohl, geliebter Boden! Von der süßen Heimat fern, Folgen wir dem fremden Herrn, Ach wie glücklich sind die Toten!"
Und den hohen Göttern zündet Kalchas jetzt das Opfer an. Pallas, die die Städte gründet Und zertrümmert, ruft er an, Und Neptun, der um die Länder Seinen Wogengürtel schlingt, Und den Zeus, den Schreckensender, Der die Ägis grausend schwingt. "Ausgestritten, ausgerungen Ist der lange, schwere Streit, Ausgefüllt der Kreis der Zeit, Und die große Stadt bezwungen."
Atreus' Sohn, der Fürst der Scharen, Übersah der Völker Zahl, Die mit ihm gezogen waren Einst in des Skamanders Tal. Und des Kummers finstre Wolke Zog sich um des Königs Blick, Von dem hergeführten Volke Bracht er wenge nur zurück. "Drum erhebe frohe Lieder, Wer die Heimat wiedersieht, Wem noch frisch das Leben blüht, Denn nicht alle kehren wieder!"
"Alle nicht, die wiederkehren, Mögen sich des Heimzugs freun, An den häuslichen Altären Kann der Mord bereitet sein. Mancher fiel durch Freundestücke, Den die blutge Schlacht verfehlt", Sprachs Ulyß mit Warnungsblicke, Von Athenens Geist beseelt. "Glücklich, wem der Gattin Treue Rein und keusch das Haus bewahrt, Denn das Weib ist falscher Art, Und die Arge liebt das Neue!"
Und des frisch erkämpften Weibes Freut sich der Atrid und strickt Um den Reiz des schönen Leibes Seine Atme hochbeglückt. "Böses Werk muß untergehen, Rache folgt der Freveltat, Denn gerecht in Himmelshöhen Waltet des Kroniden Rat!" "Böses muß mit Bösem enden, An dem frevelnden Geschlecht Rächer Zeus das Gastesrecht, Wägend mit gerechten Händen."
"Wohl dem Glücklichen mags ziemen", Ruft Oileus' tapfrer Sohn, "Die Regierenden zu rühmen Auf dem hohen Himmelsthron! Ohne Wahl verteilt die Gaben, Ohne Billigkeit das Glück, Denn Patroklus liegt begraben, Und Thersites kommt zurück!" "Weil das Glück aus seiner Tonnen Die Geschicke blind verstreut, Freue sich und jauchze heut, Wer das Lebenslos gewonnen!"
"Ja, der Krieg verschlingt die Besten! Ewig werde dein gedacht, Bruder, bei der Griechen Festen, Der ein Turm war in der Schlacht. Da der Griechen Schiffe brannten, War in deinem Arm das Heil, Doch dem Schlauen, Vielgewandten Ward der schöne Preis zuteil!" "Friede deinen heilgen Resten! Nicht der Feind hat dich entrafft, Ajax fiel durch Ajax' Kraft, Ach, der Zorn verderbt die Besten!"
Dem Erzeuger jetzt, dem großen, Gießt Neoptolem des Weins: "Unter allen irdschen Losen, Hoher Vater, preis ich deins. Von des Lebens Gütern allen Ist der Ruhm das höchste doch, Wenn der Leib in Staub zerfallen, Lebt der große Name noch." "Tapfrer, deines Ruhmes Schimmer Wird unsterblich sein im Lied; Denn das irdsche Leben flieht, Und die Toten dauern immer."
"Weil des Liedes Stimmen schweigen Von dem überwundnen Mann, So will ich für Hektorn zeugen", Hub der Sohn des Tydeus an;- "Der für seine Hausaltäre Kämpfend, ein Beschirmer fiel - Krönt den Sieger größre Ehre, Ehret ihn das schönre Ziel!" "Der für seine Hausaltäre Kämpfend sank, ein Schirm und Hort, Auch in Feindes Munde fort Lebt ihm seines Namens Ehre."
Nestor jetzt, der alte Zecher, Der drei Menschenalter sah, Reicht den laubumkränzten Becher Der betränten Hekuba: "Trink ihn aus, den Trank der Labe, Und vergiß den großen Schmerz, Wundervoll ist Bacchus' Gabe, Balsam fürs zerrißne Herz!" "Trink ihn aus, den Trank der Labe, Und vergiß den großen Schmerz, Balsam fürs zerrißne Herz, Wundervoll ist Bacchus' Gabe."
"Denn auch Niobe, dem schweren Zorn der Himmlischen ein Ziel, Kostete die Frucht der Ähren Und bezwang das Schmerzgefühl. Denn solang die Lebensquelle Schäumet an der Lippen Rand, Ist der Schmerz in Lethes Welle Tief versenkt und festgebannt!" "Denn solang die Lebensquelle An der Lippen Rande schäumt, Ist der Jammer weggeträumt, Fortgespült in Lethes Welle."
Und von ihrem Gott ergriffen, Hub sich jetzt die Seherin, Blickte von den hohen Schiffen Nach dem Rauch der Heimat hin: "Rauch ist alles irdsche Wesen, Wie des Dampfes Säule weht, Schwinden alle Erdengrößen, Nur die Götter bleiben stet." "Um das Roß des Reiters schweben, Um das Schiff die Sorgen her, Morgen können wirs nicht mehr, Darum laßt uns heute leben!"
Punschlied
Im Norden zu singen
Auf der Berge freien Höhen, In der Mittagsonne Schein, An des warmen Strahles Kräften Zeugt Natur den goldnen Wein.
Und noch niemand hats erkundet, Wie die große Mutter schafft; Unergründlich ist das Wirken, Unerforschlich ist die Kraft.
Funkelnd wie ein Sohn der Sonne, Wie des Lichtes Feuerquell, Springt er perlend aus der Tonne Purpurn und kristallenhell.
Und erfreuet alle Sinnen, Und in jede bange Brust Gießt er ein balsamisch Hoffen Und des Lebens neue Lust.
Aber matt auf unsre Zonen Fällt der Sonne schräges Licht, Nur die Blätter kann sie färben, Aber Früchte reift sie nicht.
Doch der Norden auch will leben, Und was lebt, will sich erfreun; Darum schaffen wir erfindend Ohne Weinstock uns den Wein.
Bleich nur ists, was wir bereiten Auf dem häuslichen Altar; Was Natur lebendig bildet, Glänzend ists und ewig klar.
Aber freudig aus der Schale Schöpfen wir die trübe Flut, Auch die Kunst ist Himmelsgabe, Borgt sie gleich von irdscher Glut.
Ihrem Wirken freigegeben Ist der Kräfte großes Reich; Neues bildend aus dem Alten, Stellt sie sich dem Schöpfer gleich.
Selbst das Band der Elemente Trennt ihr herrschendes Gebot, Und sie ahmt mit Herdes Flammen Nach den hohen Sonnengott.
Fernhin zu den selgen Inseln Richtet sie der Schiffe Lauf, Und des Südens goldne Früchte Schüttet sie im Norden auf.
Drum ein Sinnbild und ein Zeichen Sei uns dieser Feuersaft, Was der Mensch sich kann erlangen Mit dem Willen und der Kraft.
Berglied
Am Abgrund leitet der schwindligte Steg, Er führt zwischen Leben und Sterben, Es sperren die Riesen den einsamen Weg Und drohen dir ewig Verderben, Und willst du die schlafende Löwin10 nicht wecken, So wandle still durch die Straße der Schrecken.
Es schwebt eine Brücke, hoch über den Rand Der furchtbaren Tiefe gebogen, Sie ward nicht erbauet von Menschenhand, Es hätte sichs keines verwogen, Der Strom braust unter ihr spat und früh, Speit ewig hinauf und zertrümmert sie nie.
Es öffnet sich schwarz ein schauriges Tor, Du glaubst dich im Reiche der Schatten, Da tut sich ein lachend Gelände hervor, Wo der Herbst und der Frühling sich gatten, Aus des Lebens Mühen und ewiger Qual Möcht ich fliehen in dieses glückselige Tal.
Vier Ströme brausen hinab in das Feld, Ihr Quell, der ist ewig verborgen, Sie fließen nach allen vier Straßen der Welt, Nach Abend, Nord, Mittag und Morgen, Und wie die Mutter sie rauschend geboren, Fort fliehn sie und bleiben sich ewig verloren.
Zwei Zinken ragen ins Blaue der Luft, Hoch über der Menschen Geschlechter, Drauf tanzen, umschleiert mit goldenem Duft, Die Wolken, die himmlischen Töchter. Sie halten dort oben den einsamen Reihn, Da stellt sich kein Zeuge, kein irdischer, ein.
Es sitzt die Königin hoch und klar Auf unvergänglichem Throne, Die Stirn umkränzt sie sich wunderbar Mit diamantener Krone, Drauf schießt die Sonne die Pfeile von Licht, Sie vergolden sie nur und erwärmen sie nicht.
Der Alpenjäger
Willst du nicht das Lämmlein hüten? Lämmlein ist so fromm und sanft, Nährt sich von des Grases Blüten, Spielend an des Baches Ranft. "Mutter, Mutter, laß mich gehen, Jagen nach des Berges Höhen!"
Willst du nicht die Herde locken Mit des Hornes munterm Klang? Lieblich tönt der Schall der Glocken In des Waldes Lustgesang. "Mutter, Mutter, laß mich gehen, Schweifen auf den wilden Höhen!"
Willst du nicht der Blümlein warten, Die im Beete freundlich stehn? Draußen ladet dich kein Garten, Wild ists auf den wilden Höhn! "Laß die Blümlein, laß sie blühen! Mutter, Mutter, laß mich ziehen!"
Und der Knabe ging zu jagen, Und es treibt und reißt ihn fort, Rastlos fort mit blindem Wagen An des Berges finstern Ort, Vor ihm her mit Windesschnelle Flieht die zitternde Gazelle.
Auf der Felsen nackte Rippen Klettert sie mit leichtem Schwung, Durch den Riß geborstner Klippen Trägt sie der gewagte Sprung, Aber hinter ihr verwogen Folgt er mit dem Todesbogen.
Jetzo auf den schroffen Zinken Hängt sie, auf dem höchsten Grat, Wo die Felsen jäh versinken Und verschwunden ist der Pfad. Unter sich die steile Höhe, Hinter sich des Feindes Nähe.
Mit des Jammers stummen Blicken Fleht sie zu dem harten Mann, Fleht umsonst, denn loszudrücken Legt er schon den Bogen an. Plötzlich aus der Felsenspalte Tritt der Geist, der Bergesalte.
Und mit seinen Götterhänden Schützt er das gequälte Tier. "Mußt du Tod und Jammer senden", Ruft er, "bis herauf zu mir? Raum für alle hat die Erde, Was verfolgst du meine Herde?"
Der Baum, auf dem die Kinder ...
Der Baum, auf dem die Kinder Der Sterblichen verblühn, Steinalt, nichts desto minder Stets wieder jung und grün. Er kehrt auf einer Seite Die Blätter zu dem Licht, Doch kohlschwarz ist die zweite Und sieht die Sonne nicht.
Er setzet neue Ringe, Sooft er blühet, an, Das Alter aller Dinge Zeigt er den Menschen an. In seine grüne Rinden Drückt sich ein Name leicht, Der nicht mehr ist zu finden Wenn sie verdorrt und bleicht.
Dieser alte Baum, der immer sich erneut, Auf dem die Menschen wachsen und verblühen, Und dessen Blätter auf der einen Seite Die Sonne suchen, auf der andern fliehen, In dessen Rinde sich so mancher Name schreibt, Der nur, solang sie grün ist, bleibt, Er ist - das Jahr mit seinen Tagen und Nächten.
Kennst du das Bild auf zartem Grunde ...
Kennst du das Bild auf zartem Grunde, Es gibt sich selber Licht und Glanz. Ein andres ists zu jeder Stunde, Und immer ist es frisch und ganz. Im engsten Raum ists ausgeführet, Der kleinste Rahmen faßt es ein, Doch alle Größe, die dich rühret, Kennst du durch dieses Bild allein. Und kannst du den Kristall mir nennen, Ihm gleicht an Wert kein Edelstein, Er leuchtet, ohne je zu brennen, Das ganze Weltall saugt er ein. Der Himmel selbst ist abgemalet In seinem wundervollen Ring, Und doch ist, was er von sich strahlet, Noch schöner, als was er empfing.
Dies zarte Bild, das in den kleinsten Rahmen Gefaßt, das Unermeßliche uns zeigt, Und der Kristall, in dem dies Bild sich malt, Und der noch Schönres von sich strahlt, Er ist das Aug, in das die Welt sich drückt, Dein Auge ists, wenn es mir Liebe blickt.
Wie heißt das Ding, das wenige schätzen ...
Wie heißt das Ding, das wenige schätzen, Doch zierts des größten Kaisers Hand, Es ist gemacht, um zu verletzen, Am nächsten ists dem Schwert verwandt. Kein Blut vergießts und macht doch tausend Wunden Niemand beraubts und macht doch reich, Es hat den Erdkreis überwunden, Es macht das Leben sanft und gleich. Die größten Reiche hats gegründet, Die ältsten Städte hats erbaut, Doch niemals hat es Krieg entzündet, Und Heil dem Volk, das ihm vertraut!
Dies Ding von Eisen, das nur wenge schätzen, Das Chinas Kaiser selbst in seiner Hand Zu Ehren bringt am ersten Tag des Jahrs, Dies Werkzeug, das unschuldger als das Schwert Dem frommen Fleiß den Erdkreis unterworfen - Wer träte aus den öden, wüsten Steppen Der Tartarei, wo nur der Jäger schwärmt, Der Hirte weidet, in dies blühende Land Und sähe rings die Saatgefilde grünen Und hundert volkbelebte Städte steigen, Von friedlichen Gesetzen still beglückt, Und ehrte nicht das köstliche Geräte, Das allen diesen Segen schuf- den Pflug?
Von Perlen baut sich eine Brücke ...
Von Perlen baut sich eine Brücke Hoch über einen grauen See, Sie baut sich auf im Augenblicke, Und schwindelnd steigt sie in die Höh.
Der höchsten Schiffe höchste Masten Ziehn unter ihrem Bogen hin, Sie selber trug noch keine Lasten Und scheint, wenn du ihr nahst, zu fliehn.
Sie wird erst mit dem Strom, und schwindet, Sowie des Wassers Flut versiegt. So sprich, wo sich die Brücke findet, Und wer sie künstlich hat gefügt?
Diese Brücke, die von Perlen sich erbaut, Sich glänzend hebt und in die Lüfte gründet, Die mit dem Strom erst wird und mit dem Strome schwindet Und über die kein Wandrer noch gezogen, Am Himmel siehst du sie, sie heißt - der Regenbogen.
Ich wohne in einem steinernen Haus ...
Ich wohne in einem steinernen Haus, Da liege ich verborgen und schlafe, Doch ich trete hervor, ich eile heraus, Gefodert mit eiserner Waffe. Erst bin ich unscheinbar und schwach und klein, Mich kann dein Atem bezwingen, Ein Regentropfen schon saugt mich ein, Doch mir wachsen im Siege die Schwingen, Wenn die mächtige Schwester sich zu mir gesellt, Erwachs ich zum furchtbarn Gebieter der Welt.
Unter allen Schlangen ist eine ...
Unter allen Schlangen ist eine, Auf Erden nicht gezeugt, Mit der an Schnelle keine, An Wut sich keine vergleicht.
Sie stürzt mit furchtbarer Stimme Auf ihren Raub sich los, Vertilgt in einem Grimme Den Reiter und sein Roß.
Sie liebt die höchsten Spitzen, Nicht Schloß, nicht Riegel kann Vor ihrem Anfall schützen, Der Harnisch - lockt sie an.
Sie bricht wie dünne Halmen Den stärksten Baum entzwei, Sie kann das Erz zermalmen, Wie dicht und fest es sei.
Und dieses Ungeheuer Hat zweimal nur gedroht Es stirbt im eignen Feuer, Wie's tötet, ist es tot!
Diese Schlange, der an Schnelle keine gleicht, Die aus der Höhe schießt, die stärksten Eichen Wie dünnes Rohr zerbricht, durch Schloß und Riegel dringt, Vor der kein Harnisch kann beschützen, Die sich in eignem Feuer selbst verzehrt, - Es ist der Blitz, der aus der Wolke fährt.
Es führt dich meilenweit von dannen ...
Es führt dich meilenweit von dannen Und bleibt doch stets an seinem Ort, Es hat nicht Flügel auszuspannen Und trägt dich durch die Lüfte fort. Es ist die allerschnellste Fähre, Die jemals einen Wandrer trug, Und durch das größte aller Meere Trägt es dich mit Gedankenflug, Ihm ist ein Augenblick genug!
Dies leichte Schiff, das mit Gedankenschnelle Mich durch die Lüfte ruhig trägt, Sich selbst nicht von dem Ort bewegt, Das Sehrohr ists, das in die Ferne Den Blick beflügelt bis ins Land der Sterne.
Auf einer großen Weide gehen ...
Auf einer großen Weide gehen Viel tausend Schafe silberweiß, Wie wir sie heute wandeln sehen, Sah sie der allerältste Greis.
Sie altern nie und trinken Leben Aus einem unerschöpften Born, Ein Hirt ist ihnen zugegeben Mit schön gebognem Silberhorn.
Er treibt sie aus zu goldnen Toren, Er überzählt sie jede Nacht, Und hat der Lämmer keins verloren, Sooft er auch den Weg vollbracht.
Ein treuer Hund hilft sie ihm leiten, Ein muntrer Widder geht voran. Die Herde, kannst du sie mir deuten? Und auch den Hirten zeig mir an
Es steht ein groß geräumig Haus ...
Es steht ein groß geräumig Haus Auf unsichtbaren Säulen, Es mißts und gehts kein Wandrer aus, Und keiner darf drin weilen. Nach einem unbegriffnen Plan Ist es mit Kunst gezimmert, Es steckt sich selbst die Lampe an, Die es mit Pracht durchschimmert. Es hat ein Dach, kristallenrein, Von einem einzgen Edelstein, Doch noch kein Auge schaute Den Meister, der es baute.
Zwei Eimer sieht man ab und auf ...
Zwei Eimer sieht man ab und auf In einem Brunnen steigen, Und schwebt der eine voll herauf, Muß sich der andre neigen. Sie wandern rastlos hin und her, Abwechselnd voll und wieder leer, Und bringst du diesen an den Mund, Hängt jener in dem tiefsten Grund, Nie können sie mit ihren Gaben In gleichem Augenblick dich laben.
Ein Vogel ist es, und an Schnelle ...
Ein Vogel ist es, und an Schnelle Buhlt es mit eines Adlers Flug, Ein Fisch ists und zerteilt die Welle, Die noch kein größres Untier trug, Ein Elefant ists, welcher Türme Auf seinem schweren Rücken trägt, Der Spinnen kriechendem Gewürme Gleicht es, wenn es die Füße regt, Und hat es fest sich eingebissen Mit seinem spitzgen Eisenzahn, So stehts gleichwie auf festen Füßen Und trotzt dem wütenden Orkan.
Ein Gebäude steht da von uralten Zeiten ...
Ein Gebäude steht da von uralten Zeiten, Es ist kein Tempel, es ist kein Haus, Ein Reiter kann hundert Tage reiten, Er umwandert es nicht, er reitets nicht aus.
Jahrhunderte sind vorübergeflogen, Es trotzte der Zeit und der Stürme Heer, Frei steht es unter dem himmlischen Bogen, Es reicht in die Wolken, es netzt sich im Meer.
Nicht eitle Prahlsucht hat es getürmet, Es dienet zum Heil, es rettet und schirmet, Seinesgleichen ist nicht auf Erden bekannt, Und doch ists ein Werk von Menschenhand.
Das alte fest gegründete Gebäude, Das Stürmen und Jahrhunderten getrotzt, Das sich unendlich, unabsehlich leitet Und Tausende beschirmt, die große Mauer ists, Die China von der Tartarwüste scheidet.
Wir stammen, unsrer sechs Geschwister ...
Wir stammen, unsrer sechs Geschwister, Von einem wundersamen Paar, Die Mutter ewig ernst und düster, Der Vater fröhlich immerdar.
Von beiden erbten wir die Tugend, Von ihr die Milde, von ihm den Glanz; So drehn wir uns in ewger Jugend Um dich herum im Zirkeltanz.
Gern meiden wir die schwarzen Höhlen Und lieben uns den heitern Tag, Wir sind es, die die Welt beseelen Mit unsers Lebens Zauberschlag.
Wir sind des Frühlings lustge Boten Und führen seinen muntern Reihn, Drum fliehen wir das Haus der Toten, Denn um uns her muß Leben sein.
uns mag kein Glücklicher entbehren, Wir sind dabei, wo man sich freut, Und läßt der Kaiser sich verehren, Wir leihen ihm die Herrlichkeit.
Die sechs Geschwister, die freundlichen Wesen, Die mit des Vaters feuriger Gewalt Der Mutter sanften Sinn vermählen, Die alle Welt mit Lust beseelen, Die gern der Freude dienen und der Pracht Und sich nicht zeigen in dem Haus der Klagen Die Farben sinds, des Lichtes Kinder und der Nacht.
Ich drehe mich auf einer Scheibe ...
Ich drehe mich auf einer Scheibe, Ich wandle ohne Rast und Ruh, Klein ist das Feld, das ich umschreibe, Du deckst es mit zwei Händen zu. Doch brauch ich viele tausend Meilen, Bis ich das kleine Feld durchzogen, Flieg ich gleich fort mit Sturmes Eilen Und schneller als der Pfeil vom Bogen.
Was schneller läuft als wie der Pfeil vom Bogen Und, dreht sichs auch auf kleiner Scheibe nur, Doch viele tausend Meilen hat durchflogen, Eh es den kleinen Raum durchzogen - Der Schatten ist es an der Sonnenuhr.
Für einen Unbekannten
Ein edles Herz und die Musen verbrüdern die entlegensten Geister. Stuttgart, d.20.Jul.1781 Dieses erlaubt mir mich Ihrer wertesten Freundschaft zu empfehlen.
In das Stammbuch Charlotte von Lengefeld
Ein blühend Kind, von Grazien und Scherzen Umhüpft - so, Lotte, spielt um dich die Welt, Doch so, wie sie sich malt in deinem Herzen, In deiner Seele schönen Spiegel fällt, So ist sie doch nicht. Die Eroberungen, Die jeder deiner Blicke siegreich zählt, Die deine sanfte Seele dir erzwungen, Die Statuen, die - dein Gefühl beseelt, Die Herzen, die dein eignes dir errungen, Die Wunder, die du selbst getan, Die Reize, die dein Dasein ihm gegeben, Die rechnest du für Schätze diesem Leben, Für Tugenden uns Erdenbürgern an. Dem holden Zauber nie entweihter Jugend, Der Engelgüte mächtgem Talisman, Der Majestät der Unschuld und der Tugend, Den will ich sehn - der diesen trotzen kann. Froh taumelst du im süßen Überzählen Der Glücklichen, die du gemacht, der Seelen, Die du gewonnen hast, dahin. Sei glücklich in dem lieblichen Betruge, Nie stürze von des Traumes stolzem Fluge Ein trauriges Erwachen dich herab. Den Blumen gleich, die deine Beete schmücken, So pflanze sie - nur den entfernten Blicken, Betrachte sie! - doch pflücke sie nicht ab! Geschaffen, nur die Augen zu vergnügen, Welk werden sie zu deinen Füßen liegen. Je näher dir - je näher ihrem Grab!
Weimar d. 3. April 1788.
Abwandlung Einer jungen Freundin ins Stammbuch.
Ein blühend Kind, von Grazien und Scherzen Umhüpft, so, Freundin, spielt um dich die Welt; Doch so, wie sie sich malt in deinem Herzen, In deiner Seele schönen Spiegel fällt, So ist sie nicht. Die stillen Huldigungen, Die deines Herzens Adel dir errungen, Die Wunder, die du selbst gethan, Die Reize, die dein Dasein ihm gegeben, Die rechnest du für Reize diesem Leben, Für schöne Menschlichkeit uns an. Dem holden Zauber nie entweihter Jugend, Dem Talisman der Unschuld und der Tugend, Den will ich sehn, der diesem trotzen kann. Froh taumelst du im süßen Überzählen Der Blumen, die um deine Pfade blühn, Der Glücklichen, die du gemacht, der Seelen, Die du gewonnen hast, dahin. Sei glücklich in dem lieblichen Betruge, Nie stürze von des Traumes stolzem Fluge Ein trauriges Erwachen dich herab. Den Blumen gleich, die deine Beete schmücken, So pflanze sie - nur den entfernten Blicken! Betrachte sie, doch pflücke sie nicht ab. Geschaffen, nur die Augen zu vergnügen, Welk werden sie zu deinen Füßen liegen. Je näher dir, je näher ihrem Grab!
Für Johannes Groß
Alles unser Wissen ist ein Darlehn der Welt und der Vorwelt. Der tätige Mensch trägt es an die Mitwelt und Nachwelt ab; der untätige stirbt mit einer unbe- zahlten Schuld. Jeder, der etwas Gutes wirkt, hat für die Ewigkeit gearbeitet. Jena, den 22. Sept. 90
Für Franz Paul von Herbert
Geh und predige das neue Evangelium allen Kreatu- ren. Wer da glaubt, der wird selig, wer aber nicht glaubt, der - läßt es bleiben.
Jena, den 31. März 1791
Für Georg Friedrich Creuzer
Die Natur gab uns nur Dasein; Leben gibt uns die Kunst und Vollendung die Weisheit.
Erfurt, den 18. September 1791.
Für Friederike Brun
Keine Gottheit erschiene mehr? Sie erscheint mir in jedem, Der in der edeln Gestalt mir das Unsterbliche zeigt.
Jena, den 9. Juli 95.
An Amalie von Imhoff
Unter der Tanzenden Reihn eine Trauernde wandelt Kassandra, Mit dem Lorbeer Apolls kränzt sie die göttliche Stirn. Auch die Trauer ist schön, wenn sie göttlich ist, und mit der Freude Möge, lieblich gesellt, wandeln der heilige Ernst.
An Karl Theodor von Dalberg
mit dem "Wilhelm Tell"
Wenn rohe Kräfte feindlich sich entzweien Und blinde Wut die Kriegesflamme schürt, Wenn sich im Kampfe tobender Parteien Die Stimme der Gerechtigkeit verliert, Wenn alle Laster schamlos sich befreien, Wenn freche Willkür an das Heilge rührt, Den Anker löst, an dem die Staaten hängen, Das ist kein Stoff zu freudigen Gesängen!
Doch wenn ein Volk, das fromm die Herden weidet, Sich selbst genug, nicht fremden Guts begehrt, Den Zwang abwirft, den es unwürdig leidet, Doch selbst im Zorn die Menschlichkeit noch ehrt, Im Glücke selbst, im Siege sich bescheidet, - Das ist unsterblich und des Liedes wert. Und solch ein Bild darf ich dir freudig zeigen: Du kennsts, denn alles Große ist dein eigen.
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