|
Resignation
Eine Phantasie
Auch ich war in Arkadien geboren, Auch mir hat die Natur An meiner Wiege Freude zugeschworen, Auch ich war in Arkadien geboren, Doch Tränen gab der kurze Lenz mir nur.
Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder, Mir hat er abgeblüht. Der stille Gott - o weinet, meine Brüder - Der stille Gott taucht meine Fackel nieder, Und die Erscheinung flieht.
Da steh ich schon auf deiner Schauerbrücke, Ehrwürdge Geistermutter - Ewigkeit. Empfange meinen Vollmachtbrief zum Glücke, Ich bring ihn unerbrochen dir zurücke, Mein Lauf ist aus. Ich weiß von keiner Seligkeit.
Vor deinem Thron erheb ich meine Klage, Verhüllte Richterin. Auf jenem Stern ging eine frohe Sage, Du thronest hier mit des Gerichtes Waage Und nennest dich Vergelterin.
Hier - spricht man - warten Schrecken auf den Bösen, Und Freuden auf den Redlichen. Des Herzens Krümmen werdest du entblößen, Der Vorsicht Rätsel werdest du mir lösen Und Rechnung halten mit dem Leidenden.
Hier öffne sich die Heimat dem Verbannten, Hier endige des Dulders Dornenbahn. Ein Götterkind, das sie mir Wahrheit nannten, Die meisten flohen, wenige nur kannten, Hielt meines Lebens raschen Zügel an.
"Ich zahle dir in einem andern Leben, Gib deine Jugend mir! Nichts kann ich dir als diese Weisung geben." Ich nahm die Weisung auf das andre Leben, Und meiner Jugend Freuden gab ich ihr.
"Gib mir das Weib, so teuer deinem Herzen, Gib deine Laura mir Jenseits der Gräber wuchern deine Schmerzen." - Ich riß sie blutend aus dem wunden Herzen Und weinte laut und gab sie ihr.
"Du siehst die Zeit nach jenen Ufern fliegen, Die blühende Natur Bleibt hinter ihr - ein welker Leichnam - liegen. Wenn Erd und Himmel trümmernd auseinanderfliegen, Daran erkenne den erfüllten Schwur."
"Die Schuldverschreibung lautet an die Toten", Hohnlächelte die Welt, "Die Lügnerin, gedungen von Despoten, Hat für die Wahrheit Schatten dir geboten, Du bist nicht mehr, wenn dieser Schein verfällt."
Frech witzelte das Schlangenheer der Spötter: "Vor einem Wahn, den nur Verjährung weiht, Erzitterst du? Was sollen deine Götter, Des kranken Weltplans schlau erdachte Retter, Die Menschenwitz des Menschen Notdurft leiht?
Ein Gaukelspiel, ohnmächtigen Gewürmen Vom Mächtigen gegönnt, Schreckfeuer, angesteckt auf hohen Türmen, Die Phantasie des Träumers zu bestürmen, Wo des Gesetzes Fackel dunkel brennt.
Was heißt die Zukunft, die uns Gräber decken? Die Ewigkeit, mit der du eitel prangst? Ehrwürdig nur, weil schlaue Hüllen sie verstecken, Der Riesenschatten unsrer eignen Schrecken Im hohlen Spiegel der Gewissensangst;
Ein Lügenbild lebendiger Gestalten, Die Mumie der Zeit, Vom Balsamgeist der Hoffnung in den kalten Behausungen des Grabes hingehalten, Das nennt dein Fieberwahn - Unsterblichkeit?
Für Hoffnungen - Verwesung straft sie Lügen - Gabst du gewisse Güter hin? Sechstausend Jahre hat der Tod geschwiegen, Kam je ein Leichnam aus der Gruft gestiegen, Der Meldung tat von der Vergelterin?" -
Ich sah die Zeit nach deinen Ufern fliegen, Die blühende Natur Blieb hinter ihr, ein welker Leichnam, liegen, Kein Toter kam aus seiner Gruft gestiegen, Und fest vertraut ich auf den Götterschwur.
All meine Freuden hab ich dir geschlachtet, Jetzt werf ich mich vor deinen Richterthron. Der Menge Spott hab ich beherzt verachtet, Nur deine Güter hab ich groß geachtet, Vergelterin, ich fodre meinen Lohn.
"Mit gleicher Liebe lieb ich meine Kinder!" Rief unsichtbar ein Genius. "Zwei Blumen", rief er, "- hört es, Menschenkinder Zwei Blumen blühen für den weisen Finder, Sie heißen Hoffnung und Genuß.
Wer dieser Blumen eine brach, begehre Die andre Schwester nicht. Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre Ist ewig wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.
Du hast gehofft, dein Lohn ist abgetragen, Dein Glaube war dein zugewognes Glück. Du konntest deine Weisen fragen, Was man von der Minute ausgeschlagen, Gibt keine Ewigkeit zurück."
Die unüberwindliche Flotte
Sie kömmt - sie kömmt, des Mittags stolze Flotte, Das Weltmeer wimmert unter ihr, Mit Kettenklang und einem neuen Gotte Und tausend Donnern naht sie dir - Ein schwimmend Heer furchtbarer Zitadellen, (Der Ozean sah ihresgleichen nie) Unüberwindlich nennt man sie, Zieht sie einher auf den erschrocknen Wellen; Den stolzen Namen weiht Der Schrecken, den sie um sich speit.
Mit majestätisch-stillem Schritte Trägt seine Last der zitternde Neptun, Weltuntergang in ihrer Mitte, Naht sie heran, und alle Stürme ruhn.
Dir gegenüber steht sie da, Glückselge Insel - Herrscherin der Meere, Dir drohen diese Gallionenheere, Großherzige Britannia. Weh deinem freigebornen Volke! Da steht sie, eine wetterschwangre Wolke.
Wer hat das hohe Kleinod dir errungen, Das zu der Länder Fürstin dich gemacht? Hast du nicht selbst, von stolzen Königen gezwungen, Der Reichsgesetze weisestes erdacht, Das große Blatt, das deine Könige zu Bürgern, Zu Fürsten deine Bürger macht? Der Segel stolze Obermacht, Hast du sie nicht von Millionen Würgern Erstritten in der Wasserschlacht? Wem dankst du sie - errötet, Völker dieser Erde - Wem sonst als deinem Geist und deinem Schwerte?
Unglückliche - blick hin auf diese feuerwerfenden Kolossen, Blick hin und ahnde deines Ruhmes Fall! Bang schaut auf dich der Erdenball, Und aller freien Männer Herzen schlagen, Und alle gute schöne Seelen klagen Teilnehmend deines Ruhmes Fall.
Gott der Allmächtge sah herab, Sah deines Feindes stolze Löwenflaggen wehen, Sah drohend offen dein gewisses Grab - Soll, sprach er, soll mein Albion vergehen, Erlöschen meiner Helden Stamm, Der Unterdrückung letzter Felsendamm Zusammenstürzen, die Tyrannenwehre Vernichtet sein von dieser Hemisphäre? Nie, rief er, soll der Freiheit Paradies, Der Menschenwürde starker Schirm verschwinden! Gott der Allmächtge blies, Und die Armada flog nach allen Winden.
Die zween letztern Verse sind eine Anspielung auf die Medaille welche Elisabeth zum Andenken ihres Sie- ges schlagen ließ. Es wird auf derselben eine Flotte vorgestellt, welche im Sturm untergeht, mit der be- scheidenen Inschrift: Afflavit Deus et dissipati sunt.
Die Götter Griechenlandes
Da ihr noch die schöne Welt regiertet, An der Freude leichtem Gängelband Glücklichere Menschalter führtet, Schöne Wesen aus dem Fabelland! Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte, Wie ganz anders, anders war es da! Da man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia!
Da der Dichtkunst malerische Hülle Sich noch lieblich um die Wahrheit wand! - Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle, Und, was nie empfinden wird, empfand. An der Liebe Busen sie zu drücken, Gab man höhern Adel der Natur. Alles wies den eingeweihten Blicken, Alles eines Gottes Spur.
Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen, Seelenlos ein Feuerball sich dreht, Lenkte damals seinen goldnen Wagen Helios in stiller Majestät. Diese Höhen füllten Oreaden, Eine Dryas starb mit jenem Baum, Aus den Urnen lieblicher Najaden Sprang der Ströme Silberschaum.
Jener Lorbeer wand sich einst um Hilfe,2 Tantals Tochter3 schweigt in diesem Stein, Syrinx' Klage tönt' aus jenem Schilfe, Philomelens Schmerz in diesem Hain. Jener Bach empfing Demeters Zähre, Die sie um Persephonen geweint, Und von diesem Hügel rief Cythere, Ach, vergebens! ihrem schönen Freund.
Zu Deukalions Geschlechte stiegen Damals noch die Himmlischen herab, Pyrrhas schöne Töchter zu besiegen, Nahm Hyperion den Hirtenstab. Zwischen Menschen, Göttern und Heroen Knüpfte Amor einen schönen Bund. Sterbliche mit Göttern und Heroen Huldigten in Amathunt.
Betend an der Grazien Altären Kniete da die holde Priesterin, Sandte stille Wünsche an Cytheren Und Gelübde an die Charitin. Hoher Stolz, auch droben zu gebieten, Lehrte sie den göttergleichen Rang, Und des Reizes heilgen Gürtel hüten, Der den Donnrer selbst bezwang.
Himmlisch und unsterblich war das Feuer, Das in Pindars stolzen Hymnen floß, Niederströmte in Arions Leier, In den Stein des Phidias sich goß. Beßre Wesen, edlere Gestalten Kündigten die hohe Abkunft an. Götter, die vom Himmel niederwallten, Sahen hier ihn wieder aufgetan.
Werter war von eines Gottes Güte, Teurer jede Gabe der Natur. Unter Iris' schönem Bogen blühte Reizender die perlenvolle Flur. Prangender erschien die Morgenröte In Himerens rosigtem Gewand, Schmelzender erklang die Flöte In des Hirtengottes Hand.
Liebenswerter malte sich die Jugend, Blühender in Ganymedas4 Bild, Heldenkühner, göttlicher die Tugend Mit Tritoniens Medusenschild. Sanfter war, da Hymen es noch knüpfte, Heiliger der Herzen ewges Band. Selbst des Lebens zarter Faden schlüpfte Weicher durch der Parzen Hand.
Das Evoë muntrer Thyrsusschwinger Und der Panther prächtiges Gespann Meldeten den großen Freudebringer. Faun und Satyr taumeln ihm voran, Um ihn springen rasende Mänaden, Ihre Tänze loben seinen Wein, Und die Wangen des Bewirters laden Lustig zu dem Becher ein.
Höher war der Gabe Wert gestiegen, Die der Geber freundlich mit genoß, Näher war der Schöpfer dem Vergnügen, Das im Busen des Geschöpfes floß. Nennt der meinige sich dem Verstande? Birgt ihn etwa der Gewölke Zelt? Mühsam späh ich im Ideenlande, Fruchtlos in der Sinnenwelt.
Eure Tempel lachten gleich Palästen, Euch verherrlichte das Heldenspiel An des Isthmus kronenreichen Festen, Und die Wagen donnerten zum Ziel. Schön geschlungne seelenvolle Tänze Kreisten um den prangenden Altar, Eure Schläfe schmückten Siegeskränze, Kronen euer duftend Haar.
Seiner Güter schenkte man das beste, Seiner Lämmer liebstes gab der Hirt, Und der Freudetaumel seiner Gäste Lohnte dem erhabnen Wirt. Wohin tret ich? Diese traurge Stille Kündigt sie mir meinen Schöpfer an? Finster, wie er selbst, ist seine Hülle, Mein Entsagen - was ihn feiern kann.
Damals trat kein gräßliches Gerippe Vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuß Nahm das letzte Leben von der Lippe, Still und traurig senkt' ein Genius Seine Fackel. Schöne, lichte Bilder Scherzten auch um die Notwendigkeit, Und das ernste Schicksal blickte milder Durch den Schleier sanfter Menschlichkeit.
Nach der Geister schrecklichen Gesetzen Richtete kein heiliger Barbar, Dessen Augen Tränen nie benetzen, Zarte Wesen, die ein Weib gebar. Selbst des Orkus strenge Richterwaage Hielt der Enkel einer Sterblichen, Und des Thrakers seelenvolle Klage Rührte die Erinnyen.
Seine Freuden traf der frohe Schatten In Elysiens Hainen wieder an; Treue Liebe fand den treuen Gatten Und der Wagenlenker seine Bahn; Orpheus' Spiel tönt die gewohnten Lieder, In Alcestens Arme sinkt Admet, Seinen Freund erkennt Orestes wieder, Seine Waffen Philoktet.
Aber ohne Wiederkehr verloren Bleibt, was ich auf dieser Welt verließ, Jede Wonne hab ich abgeschworen, Alle Bande, die ich selig pries. Fremde, nie verstandene Entzücken Schaudern mich aus jenen Welten an, Und für Freuden, die mich jetzt beglücken, Tausch ich neue, die ich missen kann.
Höhre Preise stärkten da den Ringer Auf der Tugend arbeitvoller Bahn: Großer Taten herrliche Vollbringer Klimmten zu den Seligen hinan; Vor dem Wiederforderer der Toten5 Neigte sich der Götter stille Schar. Durch die Fluten leuchtet dem Piloten Vom Olymp das Zwillingspaar.
Schöne Welt, wo bist du? - Kehre wieder, Holdes Blütenalter der Natur! Ach! nur in dem Feenland der Lieder Lebt noch deine goldne Spur. Ausgestorben trauert das Gefilde, Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick, Ach! von jenem lebenwarmen Bilde Blieb nur das Gerippe mir zurück.
Alle jenen Blüten sind gefallen Von des Nordes winterlichem Wehn. Einen zu bereichern, unter allen, Mußte diese Götterwelt vergehn. Traurig such ich an dem Sternenbogen, Dich, Selene, find ich dort nicht mehr; Durch die Wälder ruf ich, durch die Wogen, Ach! sie widerhallen leer!
Unbewußt der Freuden, die sie schenket, Nie entzückt von ihrer Trefflichkeit, Nie gewahr des Armes, der sie lenket, Reicher nie durch meine Dankbarkeit, Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre, Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr, Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere, Die entgötterte Natur!
Morgen wieder neu sich zu entbinden, Wühlt sie heute sich ihr eignes Grab, Und an ewig gleicher Spindel winden Sich von selbst die Monde auf und ab. Müßig kehrten zu dem Dichterlande Heim die Götter, unnütz einer Welt, Die, entwachsen ihrem Gängelbande, Sich durch eignes Schweben hält.
Freundlos, ohne Bruder, ohne Gleichen, Keiner Göttin, keiner Irdschen Sohn, Herrscht ein andrer in des Äthers Reichen Auf Saturnus' umgestürztem Thron. Selig, eh sich Wesen um ihn freuten, Selig im entvölkerten Gefild, Sieht er in dem langen Strom der Zeiten Ewig nur - sein eignes Bild.
Bürger des Olymps konnt ich erreichen, Jenem Gotte, den sein Marmor preist, Konnte einst der hohe Bildner gleichen; Was ist neben dir der höchste Geist Derer, welche Sterbliche gebaren? Nur der Würmer Erster, Edelster. Da die Götter menschlicher noch waren, Waren Menschen göttlicher.
Dessen Strahlen mich darnieder schlagen, Werk und Schöpfer des Verstandes! dir Nachzuringen, gib mir Flügel, Waagen, Dich zu wägen - oder nimm von mir, Nimm die ernste, strenge Göttin wieder, Die den Spiegel blendend vor mir hält; Ihre sanftre Schwester sende nieder, Spare jene für die andre Welt.
Die berühmte Frau
Epistel eines Ehemanns an einen andern
Beklagen soll ich dich? Mit Tränen bittrer Reue Wird Hymens Band von dir verflucht? Warum? Weil deine Ungetreue In eines andern Armen sucht, Was ihr die deinigen versagen? Freund, höre fremde Leiden an Und lerne deine leichter tragen.
Dich schmerzt, daß sich in deine Rechte Ein zweiter teilt? - Beneidenswerter Mann! Mein Weib gehört dem ganzen menschlichen Geschlechte. Vom Belt bis an der Mosel Strand, Bis an die Apenninenwand, Bis in die Vaterstadt der Moden Wird sie in allen Buden feil geboten, Muß sie auf Diligencen, Paketbooten Von jedem Schulfuchs, jedem Hasen Kunstrichterlich sich mustern lassen, Muß sie der Brille des Philisters stehn Und, wie's ein schmutzger Aristarch befohlen, Auf Blumen oder heißen Kohlen Zum Ehrentempel oder Pranger gehn. Ein Leipziger - daß Gott ihn strafen wollte! Nimmt topographisch sie wie eine Festung auf Und bietet Gegenden dem Publikum zu Kauf, Wovon ich billig doch allein nur sprechen sollte.
Dein Weib - Dank den kanonischen Gesetzen! Weiß deiner Gattin Titel doch zu schätzen. Sie weiß warum? und tut sehr wohl daran. Mich kennt man nur als Ninons Mann. Du klagst, daß im Parterr' und an den Pharotischen, Erscheinst du, alle Zungen zischen? O Mann des Glücks! Wer einmal das von sich Zu rühmen hätte! - Mich, Herr Bruder, mich, Beschert mir endlich eine Molkenkur Das rare Glück - den Platz an ihrer Linken, Mich merkt kein Aug, und alle Blicke winken Auf meine stolze Hälfte nur.
Kaum ist der Morgen grau, So kracht die Treppe schon von blau und gelben Röcken, Mit Briefen, Ballen, unfrankierten Päcken, Signiert: An die berühmte Frau. Sie schläft so süß! - Doch darf ich sie nicht schonen. "Die Zeitungen, Madam, aus Jena und Berlin!" Rasch öffnet sich das Aug der holden Schläferin, Ihr erster Blick fällt - auf Rezensionen. Das schöne blaue Auge! - mir Nicht einen Blick! - durchirrt ein elendes Papier. (Laut hört man in der Kinderstube weinen) Sie legt es endlich weg und frägt nach ihren Kleinen.
Die Toilette wartet schon, Doch halbe Blicke nur beglücken ihren Spiegel. Ein mürrisch ungeduldig Drohn Gibt der erschrocknen Zofe Flügel. Von ihrem Putztisch sind die Grazien entflohn, Und an der Stelle holde Amorinen Sieht man Erinnyen den Lockenbau bedienen.
Karossen rasseln jetzt heran, Und Mietlakaien springen von den Tritten, Dem düftenden Abbé, dem Reichsbaron, dem Briten, Der - nur nichts Deutsches lesen kann, Großing und Compagnie, dem Z** Wundermann Gehör bei der Berühmten zu erbitten. Ein Ding, das demutsvoll sich in die Ecke drückt Und Ehmann heißt, wird vornehm angeblickt. Hier darf ihr - wird dein Hausfreund soviel wagen? - Der dümmste Fat, der ärmste Wicht, Wie sehr er sie bewundre, sagen; Und darfs vor meinem Angesicht! Ich steh dabei, und, will ich artig heißen, Muß ich ihn bitten mitzuspeisen. Bei Tafel, Freund, beginnt erst meine Not, Da geht es über meine Flaschen, Mit Weinen von Burgund, die mir der Arzt verbot, Muß ich die Kehlen ihrer Lober waschen. Mein schwer verdienter Bissen Brot Wird hungriger Schmarotzer Beute; O diese leidige, vermaledeite Unsterblichkeit ist meines Nierensteiners Tod! Den Wurm an alle Finger, welche drucken! Was, meinst du, sei mein Dank? Ein Achselzucken, Ein Mienenspiel, ein ungeschliffenes Beklagen; Errätst dus nicht? O ich verstehs genau! Daß diesen Brillant von einer Frau Ein solcher Pavian davongetragen.
Der Frühling kommt. Auf Wiesen und auf Feldern Streut die Natur den bunten Teppich hin, Die Blumen kleiden sich in angenehmes Grün, Die Lerche singt, es lebt in allen Wäldern. - Ihr ist der Frühling wonneleer. Die Sängerin der süßesten Gefühle, Der schöne Hain, der Zeuge unsrer Spiele, Sagt ihrem Herzen jetzt nichts mehr. Die Nachtigallen haben nicht gelesen, Die Lilien bewundern nicht. Der allgemeine Jubelruf der Wesen Begeistert sie - zu einem Sinngedicht. Doch nein! Die Jahrszeit ist so schön - zum Reisen. Wie drängend voll mags jetzt in Pyrmont sein! Auch hört man überall das Karlsbad preisen. Husch ist sie dort - in jenem ehrenvollen Reihn, Wo Griechen, untermischt mit Weisen, Zelebritäten aller Art, Vertraulich wie in Charons Kahn gepaart, An einem Tisch zusammen speisen, Wo, eingeschickt von fernen Meilen, Zerrißne Tugenden von ihren Wunden heilen, Noch andre - sie mit Würde zu bestehn! Um die Versuchung lüstern flehn - Dort, Freund - o lerne dein Verhängnis preisen! Dort wandelt meine Frau und läßt mir sieben Waisen.
O meiner Liebe erstes Flitterjahr! Wie schnell - ach wie so schnell bist du entflogen! Ein Weib, wie keines ist, und keines war, Mir von des Reizes Göttinnen erzogen, Mit hellem Geist, mit aufgetanem Sinn Und weichen leicht beweglichen Gefühlen, So sah ich sie, die Herzenfeßlerin, Gleich einem Maitag mir zur Seite spielen. Das süße Wort: Ich liebe dich! Sprach aus dem holden Augenpaare. So führt ich sie zum Traualtare, O wer war glücklicher als ich!
Ein Blütenfeld beneidenswerter Jahre Sah lachend mich aus diesem Spiegel an. Mein Himmel war mir aufgetan. Schon sah ich schöne Kinder um mich scherzen, In ihrem Kreis die Schönste sie, Die Glücklichste von allen sie, Und mein, durch Seelenharmonie, Durch ewig festen Bund der Herzen. Und nun erscheint - o mög ihn Gott verdammen! Ein großer Mann - ein schöner Geist. Der große Mann tut eine Tat! - und reißt Mein Kartenhaus von Himmelreich zusammen.
Wen hab ich nun? - Beweinenswerter Tausch! Erwacht aus diesem Wonnerausch, Was ist von diesem Engel mir geblieben? Ein starker Geist in einem zarten Leib, Ein Zwitter zwischen Mann und Weib, Gleich ungeschickt zum Herrschen und zum Lieben. Ein Kind mit eines Riesen Waffen, Ein Mittelding von Weisen und von Affen! Um kümmerlich dem stärkern nachzukriechen, Dem schöneren Geschlecht entflohn, Herabgestürzt von einem Thron, Des Reizes heiligen Mysterien entwichen, Aus Cythereas goldnem Buch gestrichen Für - einer Zeitung Gnadenlohn.
Die Künstler
Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige Stehst du an des Jahrhunderts Neige, In edler stolzer Männlichkeit, Mit aufgeschloßnem Sinn, mit Geistesfülle, Voll milden Ernsts, in tatenreicher Stille, Der reifste Sohn der Zeit, Frei durch Vernunft, stark durch Gesetze, Durch Sanftmut groß, und reich durch Schätze, Die lange Zeit dein Busen dir verschwieg, Herr der Natur, die deine Fesseln liebet, Die deine Kraft in tausend Kämpfen übet Und prangend unter dir aus der Verwildrung stieg!
Berauscht von dem errungnen Sieg, Verlerne nicht, die Hand zu preisen, Die an des Lebens ödem Strand Den weinenden verlaßnen Waisen, Des wilden Zufalls Beute, fand, Die frühe schon der künftgen Geisterwürde Dein junges Herz im stillen zugekehrt, Und die befleckende Begierde Von deinem zarten Busen abgewehrt, Die Gütige, die deine Jugend In hohen Pflichten spielend unterwies, Und das Geheimnis der erhabnen Tugend In leichten Rätseln dich erraten ließ, Die, reifer nur ihn wieder zu empfangen, In fremde Arme ihren Liebling gab, O falle nicht mit ausgeartetem Verlangen Zu ihren niedern Dienerinnen ab! Im Fleiß kann dich die Biene meistern, In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein, Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern, Die Kunst, o Mensch, hast du allein.
Nur durch das Morgentor des Schönen Drangst du in der Erkenntnis Land. An höhern Glanz sich zu gewöhnen, Übt sich am Reize der Verstand. Was bei dem Saitenklang der Musen Mit süßem Beben dich durchdrang, Erzog die Kraft in deinem Busen, Die sich dereinst zum Weltgeist schwang.
Was erst, nachdem Jahrtausende verflossen, Die alternde Vernunft erfand, Lag im Symbol des Schönen und des Großen Voraus geoffenbart dem kindischen Verstand. Ihr holdes Bild hieß uns die Tugend lieben, Ein zarter Sinn hat vor dem Laster sich gesträubt, Eh noch ein Solon das Gesetz geschrieben, Das matte Blüten langsam treibt. Eh vor des Denkers Geist der kühne Begriff des ewgen Raumes stand, Wer sah hinauf zur Sternenbühne, Der ihn nicht ahndend schon empfand?
Die, eine Glorie von Orionen Ums Angesicht, in hehrer Majestät, Nur angeschaut von reineren Dämonen, Verzehrend über Sternen geht, Geflohn auf ihrem Sonnenthrone, Die furchtbar herrliche Urania, Mit abgelegter Feuerkrone Steht sie - als Schönheit vor uns da. Der Anmut Gürtel umgewunden, Wird sie zum Kind, daß Kinder sie verstehn: Was wir als Schönheit hier empfunden, Wird einst als Wahrheit uns entgegengehn.
Als der Erschaffende von seinem Angesichte Den Menschen in die Sterblichkeit verwies Und eine späte Wiederkehr zum Lichte Auf schwerem Sinnenpfad ihn finden hieß, Als alle Himmlischen ihr Antlitz von ihm wandten, Schloß sie, die Menschliche, allein Mit dem verlassenen Verbannten Großmütig in die Sterblichkeit sich ein. Hier schwebt sie, mit gesenktem Fluge, Um ihren Liebling, nah am Sinnenland, Und malt mit lieblichem Betruge Elysium auf seine Kerkerwand.
Als in den weichen Armen dieser Amme Die zarte Menschheit noch geruht, 80 Da schürte heilge Mordsucht keine Flamme, Da rauchte kein unschuldig Blut. Das Herz, das sie an sanften Banden lenket, Verschmäht der Pflichten knechtisches Geleit; Ihr Lichtpfad, schöner nur geschlungen, senket Sich in die Sonnenbahn der Sittlichkeit. Die ihrem keuschen Dienste leben, Versucht kein niedrer Trieb, bleicht kein Geschick; Wie unter heilige Gewalt gegeben Empfangen sie das reine Geisterleben, Der Freiheit süßes Recht, zurück.
Glückselige, die sie - aus Millionen Die reinsten - ihrem Dienst geweiht, In deren Brust sie würdigte zu thronen, Durch deren Mund die Mächtige gebeut, Die sie auf ewig flammenden Altären Erkor, das heilge Feuer ihr zu nähren, Vor deren Aug allein sie hüllenlos erscheint, Die sie in sanftem Bund um sich vereint! Freut euch der ehrenvollen Stufe, Worauf die hohe Ordnung euch gestellt: In die erhabne Geisterwelt Wart ihr der Menschheit erste Stufe.
Eh ihr das Gleichmaß in die Welt gebracht, Dem alle Wesen freudig dienen - Ein unermeßner Bau, im schwarzen Flor der Nacht Nächst um ihn her mit mattem Strahle nur beschienen, Ein streitendes Gestaltenheer, Die seinen Sinn in Sklavenbanden hielten Und ungesellig, rauh wie er, Mit tausend Kräften auf ihn zielten, - So stand die Schöpfung vor dem Wilden. Durch der Begierde blinde Fessel nur An die Erscheinungen gebunden, Entfloh ihm, ungenossen, unempfunden, Die schöne Seele der Natur.
Und wie sie fliehend jetzt vorüber fuhr, Ergriffet ihr die nachbarlichen Schatten Mit zartem Sinn, mit stiller Hand, Und lerntet in harmonschem Band Gesellig sie zusammengatten. Leichtschwebend fühlte sich der Blick Vom schlanken Wuchs der Zeder aufgezogen; Gefällig strahlte der Kristall der Wogen Die hüpfende Gestalt zurück. Wie konntet ihr des schönen Winks verfehlen, Womit euch die Natur hilfreich entgegen kam? Die Kunst, den Schatten ihr nachahmend abzustehlen, Wies euch das Bild, das auf der Woge schwamm. Von ihrem Wesen abgeschieden, Ihr eignes liebliches Phantom, Warf sie sich in den Silberstrom, Sich ihrem Räuber anzubieten. Die schöne Bildkraft ward in eurem Busen wach. Zu edel schon, nicht müßig zu empfangen, Schuft ihr im Sand - im Ton den holden Schatten nach, Im Umriß ward sein Dasein aufgefangen. Lebendig regte sich des Wirkens süße Lust - Die erste Schöpfung trat aus eurer Brust.
Von der Betrachtung angehalten, Von eurem Späheraug umstrickt, Verrieten die vertraulichen Gestalten Den Talisman, wodurch sie euch entzückt. Die wunderwirkenden Gesetze, Des Reizes ausgeforschte Schätze Verknüpfte der erfindende Verstand In leichtem Bund in Werken eurer Hand. Der Obeliske stieg, die Pyramide, Die Herme stand, die Säule sprang empor, Des Waldes Melodie floß aus dem Haberrohr, Und Siegestaten lebten in dem Liede.
Die Auswahl einer Blumenflur, Mit weiser Wahl in einen Strauß gebunden, So trat die erste Kunst aus der Natur; Jetzt wurden Sträuße schon in einen Kranz gewunden, Und eine zweite höhre Kunst erstand Aus Schöpfungen der Menschenhand. Das Kind der Schönheit, sich allein genug, Vollendet schon aus eurer Hand gegangen, Verliert die Krone, die es trug, Sobald es Wirklichkeit empfangen. Die Säule muß, dem Gleichmaß untertan, An ihre Schwestern nachbarlich sich schließen, Der Held im Heldenheer zerfließen, Des Mäoniden Harfe stimmt voran.
Bald drängten sich die staunenden Barbaren Zu diesen neuen Schöpfungen heran. Seht, riefen die erfreuten Scharen, Seht an, das hat der Mensch getan! In lustigen, geselligeren Paaren Riß sie des Sängers Leier nach, Der von Titanen sang und Riesenschlachten, Und Löwentötern, die, so lang der Sänger sprach, Aus seinen Hörern Helden machten. Zum erstenmal genießt der Geist, Erquickt von ruhigeren Freuden, Die aus der Ferne nur ihn weiden, Die seine Gier nicht in sein Wesen reißt, Die im Genusse nicht verscheiden.
Jetzt wand sich von dem Sinnenschlafe Die freie schöne Seele los, Durch euch entfesselt, sprang der Sklave Der Sorge in der Freude Schoß. Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke, Und Menschheit trat auf die entwölkte Stirn, Und der erhabne Fremdling, der Gedanke Sprang aus dem staunenden Gehirn. Jetzt stand der Mensch, und wies den Sternen Das königliche Angesicht, Schon dankte in erhabnen Fernen Sein sprechend Aug dem Sonnenlicht. Das Lächeln blühte auf der Wange, Der Stimme seelenvolles Spiel Entfaltete sich zum Gesange, Im feuchten Auge schwamm Gefühl, Und Scherz mit Huld in anmutsvollem Bunde Entquollen dem beseelten Munde.
Begraben in des Wurmes Triebe, Umschlungen von des Sinnes Lust, Erkanntet ihr in seiner Brust Den edlen Keim der Geisterliebe. Daß von des Sinnes niederm Triebe Der Liebe beßrer Keim sich schied, Dankt er dem ersten Hirtenlied. Geadelt zur Gedankenwürde, Floß die verschämtere Begierde Melodisch aus des Sängers Mund. Sanft glühten die betauten Wangen, Das überlebende Verlangen Verkündigte der Seelen Bund.
Der Weisen Weisestes, der Milden Milde, Der Starken Kraft, der Edeln Grazie, Vermähltet ihr in einem Bilde Und stelltet es in eine Glorie. Der Mensch erbebte vor dem Unbekannten, Er liebte seinen Widerschein; Und herrliche Heroen brannten, Dem großen Wesen gleich zu sein. Den ersten Klang vom Urbild alles Schönen, Ihr ließet ihn in der Natur ertönen.
Der Leidenschaften wilden Drang Des Glückes regellose Spiele, Der Pflichten und Instinkte Zwang Stellt ihr mit prüfendem Gefühle, Mit strengem Richtscheit nach dem Ziele. Was die Natur auf ihrem großen Gange In weiten Fernen auseinander zieht, Wird auf dem Schauplatz, im Gesange Der Ordnung leicht gefaßtes Glied. Vom Eumenidenchor geschrecket, Zieht sich der Mord, auch nie entdecket, Das Los des Todes aus dem Lied. Lang, eh die Weisen ihren Ausspruch wagen, Löst eine Ilias des Schicksals Rätselfragen Der jugendlichen Vorwelt auf; Still wandelte von Thespis' Wagen Die Vorsicht in den Weltenlauf
Doch in den großen Weltenlauf Ward euer Ebenmaß zu früh getragen. Als des Geschickes dunkle Hand, Was sie vor eurem Auge schnürte, Vor eurem Aug nicht auseinanderband, Das Leben in die Tiefe schwand, Eh es den schönen Kreis vollführte - Da führtet ihr aus kühner Eigenmacht Den Bogen weiter durch der Zukunft Nacht; Da stürztet ihr euch ohne Beben In des Avernus schwarzen Ozean Und trafet das entflohne Leben Jenseits der Urne wieder an: Da zeigte sich mit umgestürztem Lichte, An Kastor angelehnt, ein blühend Polluxbild: Der Schatten in des Mondes Angesichte, Eh sich der schöne Silberkreis erfüllt.
Doch höher stets, zu immer höhern Höhen Schwang sich der schallende Genie. Schon sieht man Schöpfungen aus Schöpfungen erstehen, Aus Harmonien Harmonie. Was hier allein das trunkne Aug entzückt, Dient unterwürfig dort der höhern Schöne; Der Reiz, der diese Nymphe schmückt, Schmilzt sanft in eine göttliche Athene: Die Kraft, die in des Ringers Muskel schwillt Muß in des Gottes Schönheit lieblich schweigen; Das Staunen seiner Zeit, das stolze Jovisbild, Im Tempel zu Olympia sich neigen.
Die Welt, verwandelt durch den Fleiß, Das Menschenherz, bewegt von neuen Trieben, Die sich in heißen Kämpfen üben, Erweitern euren Schöpfungskreis. Der fortgeschrittne Mensch trägt auf erhobnen Schwingen Dankbar die Kunst mit sich empor, Und neue Schönheitswelten springen Aus der bereicherten Natur hervor. Des Wissens Schranken gehen auf, Der Geist, in euren leichten Siegen Geübt, mit schnell gezeitigtem Vergnügen Ein künstlich All von Reizen zu durcheilen, Stellt der Natur entlegenere Säulen, Ereilet sie auf ihrem dunkeln Lauf. Jetzt wägt er sie mit menschlichen Gewichten, Mißt sie mit Maßen, die sie ihm geliehn; Verständlicher in seiner Schönheit Pflichten, Muß sie an seinem Aug vorüberziehn. In selbstgefällger jugendlicher Freude Leiht er den Sphären seine Harmonie, Und preiset er das Weltgebäude, So prangt es durch die Symmetrie.
In allem, was ihn jetzt umlebet, Spricht ihn das holde Gleichmaß an. Der Schönheit goldner Gürtel webet Sich mild in seine Lebensbahn; Die selige Vollendung schwebet In euren Werken siegend ihm voran. Wohin die laute Freude eilet, Wohin der stille Kummer flieht, Wo die Betrachtung denkend weilet, Wo er des Elends Tränen sieht, Wo tausend Schrecken auf ihn zielen, Folgt ihm ein Harmonienbach, Sieht er die Huldgöttinnen spielen Und ringt in still verfeinerten Gefühlen Der lieblichen Begleitung nach. Sanft, wie des Reizes Linien sich winden, Wie die Erscheinungen um ihn In weichem Umriß ineinander schwinden, Flieht seines Lebens leichter Hauch dahin. Sein Geist zerrinnt im Harmonienmeere, Das seine Sinne wollustreich umfließt, Und der hinschmelzende Gedanke schließt Sich still an die allgegenwärtige Cythere. Mit dem Geschick in hoher Einigkeit, Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen, Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut, Mit freundlich dargebotnem Busen Vom sanften Bogen der Notwendigkeit.
Vertraute Lieblinge der selgen Harmonie, Erfreuende Begleiter durch das Leben, Das Edelste, das Teuerste, was sie, Die Leben gab, zum Leben uns gegeben! Daß der entjochte Mensch jetzt seine Pflichten denkt, Die Fessel liebet, die ihn lenkt, Kein Zufall mehr mit ehrnem Zepter ihm gebeut, Dies dankt euch - eure Ewigkeit, Und ein erhabner Lohn in eurem Herzen. Daß um den Kelch, worin uns Freiheit rinnt, Der Freude Götter lustig scherzen, Der holde Traum sich lieblich spinnt, Dafür seid liebevoll umfangen!
Dem prangenden, dem heitern Geist, Der die Notwendigkeit mit Grazie umzogen, Der seinen Äther, seinen Sternenbogen Mit Anmut uns bedienen heißt, Der, wo er schreckt, noch durch Erhabenheit entzücket, Und zum Verheeren selbst sich schmücket, Dem großen Künstler ahmt ihr nach. Wie auf dem spiegelhellen Bach Die bunten Ufer tanzend schweben, Das Abendrot, das Blütenfeld, So schimmert auf dem dürftgen Leben Der Dichtung muntre Schattenwelt. Ihr führet uns im Brautgewande Die fürchterliche Unbekannte, Die unerweichte Parze vor. Wie eure Urnen die Gebeine, Deckt ihr mit holdem Zauberscheine Der Sorgen schauervollen Chor. Jahrtausende hab ich durcheilet, Der Vorwelt unabsehlich Reich: Wie lacht die Menschheit, wo ihr weilet, Wie traurig liegt sie hinter euch!
Die einst mit flüchtigem Gefieder Voll Kraft aus euren Schöpferhänden stieg, In eurem Arm fand sie sich wieder, Als durch der Zeiten stillen Sieg Des Lebens Blüte von der Wange, Die Stärke von den Gliedern wich Und traurig, mit entnervtem Gange, Der Greis an seinem Stabe schlich. Da reichtet ihr aus frischer Quelle Dem Lechzenden die Lebenswelle. Zweimal verjüngte sich die Zeit, Zweimal von Samen, die ihr ausgestreut.
Vertrieben von Barbarenheeren, Entrisset ihr den letzten Opferbrand Des Orients entheiligten Altären Und brachtet ihn dem Abendland. Da stieg der schöne Flüchtling aus dem Osten, Der junge Tag, im Westen neu empor, Und auf Hesperiens Gefilden sproßten Verjüngte Blüten Joniens hervor. Die schönere Natur warf in die Seelen Sanft spiegelnd einen schönen Widerschein, Und prangend zog in die geschmückten Seelen Des Lichtes große Göttin ein. Da sah man Millionen Ketten fallen, Und über Sklaven sprach jetzt Menschenrecht, Wie Brüder friedlich miteinander wallen, So mild erwuchs das jüngere Geschlecht. Mit innrer hoher Freudenfülle Genießt ihr das gegebne Glück Und tretet in der Demut Hülle Mit schweigendem Verdienst zurück.
Wenn auf des Denkens freigegebnen Bahnen Der Forscher jetzt mit kühnem Glücke schweift Und, trunken von siegrufenden Päanen, Mit rascher Hand schon nach der Krone greift; Wenn er mit niederm Söldnerslohne Den edeln Führer zu entlassen glaubt, Und neben dem geträumten Throne Der Kunst den ersten Sklavenplatz erlaubt: Verzeiht ihm - der Vollendung Krone Schwebt glänzend über eurem Haupt. Mit euch, des Frühlings erster Pflanze, Begann die seelenbildende Natur, Mit euch, dem freudgen Erntekranze, Schließt die vollendende Natur.
Die von dem Ton, dem Stein bescheiden aufgestiegen, Die schöpferische Kunst, umschließt mit stillen Siegen Des Geistes unermeßnes Reich; Was in des Wissens Land Entdecker nur ersiegen, Entdecken sie, ersiegen sie für euch. Der Schätze, die der Denker aufgehäufet, Wird er in euren Armen erst sich freun, Wenn seine Wissenschaft, der Schönheit zugereifet, Zum Kunstwerk wird geadelt sein - Wenn er auf einen Hügel mit euch steiget, Und seinem Auge sich, in mildem Abendschein, Das malerische Tal - auf einmal zeiget.
Je reicher ihr den schnellen Blick vergnüget, Je höhre, schönre Ordnungen der Geist In einem Zauberbund durchflieget, In einem schwelgenden Genuß umkreist; Je weiter sich Gedanken und Gefühle Dem üppigeren Harmonienspiele, Dem reichern Strom der Schönheit aufgetan - Je schönre Glieder aus dem Weltenplan, Die jetzt verstümmelt seine Schöpfung schänden, Sieht er die hohen Formen dann vollenden, Je schönre Rätsel treten aus der Nacht, Je reicher wird die Welt, die er umschließet, Je breiter strömt das Meer, mit dem er fließet, Je schwächer wird des Schicksals blinde Macht, Je höher streben seine Triebe, Je kleiner wird er selbst, je größer seine Liebe.
So führt ihn, in verborgnem Lauf, Durch immer reinre Formen, reinre Töne, Durch immer höhre Höhn und immer schönre Schöne Der Dichtung Blumenleiter still hinauf Zuletzt, am reifen Ziel der Zeiten, Noch eine glückliche Begeisterung, Des jüngsten Menschenalters Dichterschwung, Und - in der Wahrheit Arme wird er gleiten.
Sie selbst, die sanfte Cypria, Umleuchtet von der Feuerkrone Steht dann vor ihrem mündgen Sohne Entschleiert - als Urania; So schneller nur von ihm erhaschet, Je schöner er von ihr geflohn! So süß, so selig überraschet Stand einst Ulyssens edler Sohn, - Da seiner Jugend himmlischer Gefährte Zu Jovis Tochter sich verklärte.
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, Bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben! Der Dichtung heilige Magie Dient einem weisen Weltenplane, Still lenke sie zum Ozeane Der großen Harmonie!
Von ihrer Zeit verstoßen, flüchte Die ernste Wahrheit zum Gedichte Und finde Schutz in der Kamönen Chor. In ihres Glanzes höchster Fülle, Furchtbarer in des Reizes Hülle, Erstehe sie in dem Gesange Und räche sich mit Siegesklange An des Verfolgers feigem Ohr.
Der freisten Mutter freie Söhne, Schwingt euch mit festem Angesicht Zum Strahlensitz der höchsten Schöne, Um andre Kronen buhlet nicht. Die Schwester, die euch hier verschwunden, Holt ihr im Schoß der Mutter ein; Was schöne Seelen schön empfunden, Muß trefflich und vollkommen sein. Erhebet euch mit kühnem Flügel Hoch über euren Zeitenlauf; Fern dämmre schon in euerm Spiegel Das kommende Jahrhundert auf Auf tausendfach verschlungnen Wegen Der reichen Mannigfaltigkeit Kommt dann umarmend euch entgegen Am Thron der hohen Einigkeit. Wie sich in sieben milden Strahlen Der weiße Schimmer lieblich bricht, Wie sieben Regenbogenstrahlen Zerrinnen in das weiße Licht: So spielt in tausendfacher Klarheit Bezaubernd um den trunknen Blick, So fließt in einer; Bund der Wahrheit, In einen Strom des Lichts zurück!
|