|
Der Gang nach dem Eisenhammer
Ein frommer Knecht war Fridolin Und in der Furcht des Herrn Ergeben der Gebieterin, Der Gräfin von Savern. Sie war so sanft, sie war so gut, Doch auch der Launen Übermut Hätt er geeifert zu erfüllen, Mit Freudigkeit, um Gottes willen.
Früh von des Tages erstem Schein, Bis spät die Vesper schlug, Lebt' er nur ihrem Dienst allein, Tat nimmer sich genug. Und sprach die Dame: "Mach dirs leicht!" Da wurd ihm gleich das Auge feucht, Und meinte seiner Pflicht zu fehlen, Durft er sich nicht im Dienste quälen.
Drum vor dem ganzen Dienertroß Die Gräfin ihn erhob, Aus ihrem schönen Munde floß Sein unerschöpftes Lob. Sie hielt ihn nicht als ihren Knecht, Es gab sein Herz ihm Kindesrecht, Ihr klares Auge mit Vergnügen Hing an den wohlgestalten Zügen.
Darob entbrennt in Roberts Brust, Des Jägers, giftger Groll, Dem längst von böser Schadenlust Die schwarze Seele schwoll. Und trat zum Grafen, rasch zur Tat Und offen des Verführers Rat, Als einst vom Jagen heim sie kamen, Streut' ihm ins Herz des Argwohns Samen.
"Wie seid Ihr glücklich, edler Graf", Hub er voll Arglist an, "Euch raubet nicht den goldnen Schlaf Des Zweifels giftger Zahn. Denn Ihr besitzt ein edles Weib, Es gürtet Scham den keuschen Leib, Die fromme Treue zu berücken, Wird nimmer dem Versucher glücken."
Da rollt der Graf die finstern Brau'n: "Was redst du mir, Gesell? Werd ich auf Weibestugend baun, Beweglich wie die Well? Leicht locket sie des Schmeichlers Mund, Mein Glaube steht auf festerm Grund, Vom Weib des Grafen von Saverne Bleibt, hoff ich, der Versucher ferne."
Der andre spricht: "So denkt Ihr recht. Nur Euren Spott verdient Der Tor, der, ein geborner Knecht, Ein solches sich erkühnt Und zu der Frau, die ihm gebeut, Erhebt der Wünsche Lüsternheit." - "Was?" fällt ihm jener ein und bebet, "Redst du von einem, der da lebet?"
"Ja doch, was aller Mund erfüllt, Das bärg sich meinem Herrn? Doch, weil Ihrs denn mit Fleiß verhüllt, So unterdrück ichs gern." - "Du bist des Todes, Bube, sprich!" Ruft jener streng und fürchterlich. "Wer hebt das Aug zu Kunigonden?" "Nun ja, ich spreche von dem Blonden.
Er ist nicht häßlich von Gestalt", Fährt er mit Arglist fort, Indems den Grafen heiß und kalt Durchrieselt bei dem Wort. "Ists möglich, Herr? Ihr saht es nie, Wie er nur Augen hat für sie? Bei Tafel Eurer selbst nicht achtet, An ihren Stuhl gefesselt schmachtet?
Seht da die Verse, die er schrieb Und seine Glut gesteht - " "Gesteht!" - "Und sie um Gegenlieb, Der freche Bube! fleht. Die gnädge Gräfin, sanft und weich, Aus Mitleid wohl verbarg sies Euch, Mich reuet jetzt, daß mirs entfahren, Denn, Herr, was habt Ihr zu befahren?"
Da ritt in seines Zornes Wut Der Graf ins nahe Holz, Wo ihm in hoher Ofen Glut Die Eisenstufe schmolz. Hier nährten früh und spat den Brand Die Knechte mit geschäftger Hand, Der Funke sprüht, die Bälge blasen, Als gält es, Felsen zu verglasen.
Des Wassers und des Feuers Kraft Verbündet sieht man hier, Das Mühlrad, von der Flut gerafft, Umwälzt sich für und für. Die Werke klappern Nacht und Tag, Im Takte pocht der Hämmer Schlag, Und bildsam von den mächtgen Streichen Muß selbst das Eisen sich erweichen.
Und zweien Knechten winket er, Bedeutet sie und sagt: "Den ersten, den ich sende her, Und der euch also fragt: ›Habt ihr befolgt des Herren Wort?‹ Den werft mir in die Hölle dort, Daß er zu Asche gleich vergehe Und ihn mein Aug nicht weiter sehe".
Des freut sich das entmenschte Paar Mit roher Henkerslust, Denn fühllos wie das Eisen war Das Herz in ihrer Brust. Und frischer mit der Bälge Hauch Erhitzen sie des Ofens Bauch Und schicken sich mit Mordverlangen, Das Todesopfer zu empfangen.
Drauf Robert zum Gesellen spricht Mit falschem Heuchelschein: "Frisch auf, Gesell, und säume nicht, Der Herr begehret dein." Der Herr, der spricht zu Fridolin: "Mußt gleich zum Eisenhammer hin, Und frage mir die Knechte dorten, Ob sie getan nach meinen Worten."
Und jener spricht: "Es soll geschehn", Und macht sich flugs bereit. Doch sinnend bleibt er plötzlich stehn: "Ob sie mir nichts gebeut?" Und vor die Gräfin stellt er sich: "Hinaus zum Hammer schickt man mich So sag, was kann ich dir verrichten? Denn dir gehören meine Pflichten."
Darauf die Dame von Savern Versetzt mit sanftem Ton: "Die heilge Messe hört ich gern, Doch liegt mir krank der Sohn. So gehe denn, mein Kind, und sprich In Andacht ein Gebet für mich, Und denkst du reuig deiner Sünden, So laß auch mich die Gnade finden."
Und froh der vielwillkommnen Pflicht Macht er im Flug sich auf, Hat noch des Dorfes Ende nicht Erreicht im schnellen Lauf, Da tönt ihm von dem Glockenstrang Hellschlagend des Geläutes Klang, Das alle Sünder, hochbegnadet, Zum Sakramente festlich ladet.
"Dem lieben Gotte weich nicht aus, Findst du ihn auf dem Weg!" - Er sprichts und tritt ins Gotteshaus, Kein Laut ist hier noch reg. Denn um die Ernte wars, und heiß Im Felde glüht' der Schnitter Fleiß, Kein Chorgehilfe war erschienen, Die Messe kundig zu bedienen.
Entschlossen ist er alsobald Und macht den Sakristan. "Das", spricht er, "ist kein Aufenthalt, Was fördert himmelan." Die Stola und das Zingulum Hängt er dem Priester dienend um, Bereitet hurtig die Gefäße, Geheiliget zum Dienst der Messe.
Und als er dies mit Fleiß getan, Tritt er als Ministrant Dem Priester zum Altar voran, Das Meßbuch in der Hand, Und knieet rechts und knieet links Und ist gewärtig jedes Winks, Und als des Sanktus Worte kamen, Da schellt er dreimal bei dem Namen.
Drauf als der Priester fromm sich neigt Und, zum Altar gewandt, Den Gott, den gegenwärtgen, zeigt In hocherhabner Hand, Da kündet es der Sakristan Mit hellem Glöcklein klingend an, Und alles kniet und schlägt die Brüste, Sich fromm bekreuzend vor dem Christe.
So übt er jedes pünktlich aus Mit schnell gewandtem Sinn, Was Brauch ist in dem Gotteshaus, Er hat es alles inn, Und wird nicht müde bis zum Schluß, Bis beim Vobiscum Dominus Der Priester zur Gemein sich wendet, Die heilge Handlung segnend endet.
Da stellt er jedes wiederum In Ordnung säuberlich, Erst reinigt er das Heiligtum, Und dann entfernt er sich Und eilt in des Gewissens Ruh Den Eisenhütten heiter zu, Spricht unterwegs, die Zahl zu füllen, Zwölf Paternoster noch im stillen.
Und als er rauchen sieht den Schlot Und sieht die Knechte stehn, Da ruft er: "Was der Graf gebot, Ihr Knechte, ists geschehn?" Und grinzend zerren sie den Mund Und deuten in des Ofens Schlund: "Der ist besorgt und aufgehoben, Der Graf wird seine Diener loben."
Die Antwort bringt er seinem Herrn In schnellem Lauf zurück. Als der ihn kommen sieht von fern, Kaum traut er seinem Blick. "Unglücklicher! wo kommst du her?" "Vom Eisenhammer." - "Nimmermehr! So hast du dich im Lauf verspätet?" "Herr, nur so lang, bis ich gebetet.
Denn als von Eurem Angesicht Ich heute ging, verzeiht, Da fragt ich erst, nach meiner Pflicht, Bei der, die mir gebeut. Die Messe, Herr, befahl sie mir Zu hören, gern gehorcht ich ihr Und sprach der Rosenkränze viere Für Euer Heil und für das ihre."
In tiefes Staunen sinket hier Der Graf, entsetzet sich: "Und welche Antwort wurde dir Am Eisenhammer? Sprich!" "Herr, dunkel war der Rede Sinn, Zum Ofen wies man lachend hin: ›Der ist besorgt und aufgehoben, Der Graf wird seine Diener loben.‹"
"Und Robert?" fällt der Graf ihm ein, Es überläuft ihn kalt, "Sollt er dir nicht begegnet sein? Ich sandt ihn doch zum Wald." "Herr, nicht im Wald, nicht in der Flur Fand ich von Robert eine Spur." - "Nun", ruft der Graf und steht vernichtet, "Gott selbst im Himmel hat gerichtet!"
Und gütig, wie er nie gepflegt, Nimmt er des Dieners Hand, Bringt ihn der Gattin, tiefbewegt, Die nichts davon verstand. "Dies Kind, kein Engel ist so rein, Laßts Eurer Huld empfohlen sein, Wie schlimm wir auch beraten waren, Mit dem ist Gott und seine Scharen."
Hoffnung
Es reden und träumen die Menschen viel Von bessern künftigen Tagen, Nach einem glücklichen goldenen Ziel Sieht man sie rennen und jagen. Die Welt wird alt und wird wieder jung, Doch der Mensch hofft immer Verbesserung
Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein, Sie umflattert den fröhlichen Knaben, Den Jüngling locket ihr Zauberschein, Sie wird mit dem Greis nicht begraben, Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf, Noch am Grabe pflanzt er - die Hoffnung auf.
Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn, Erzeugt im Gehirne des Toren, Im Herzen kündet es laut sich an: Zu was Besserm sind wir geboren! Und was die innere Stimme spricht, Das täuscht die hoffende Seele nicht.
Die Begegnung
Noch seh ich sie, umringt von ihren Frauen, Die herrlichste von allen stand sie da, Wie eine Sonne war sie anzuschauen, Ich stand von fern und wagte mich nicht nah, Es faßte mich mit wollustvollem Grauen, Als ich den Glanz vor mir verbreitet sah, Doch schnell, als hätten Flügel mich getragen, Ergriff es mich, die Saiten anzuschlagen.
Was ich in jenem Augenblick empfunden Und was ich sang, vergebens sinn ich nach, Ein neu Organ hatt ich in mir gefunden, Das meines Herzens heilge Regung sprach, Die Seele wars, die, jahrelang gebunden, Durch alle Fesseln jetzt auf einmal brach Und Töne fand in ihren tiefsten Tiefen, Die ungeahnt und göttlich in ihr schliefen.
Und als die Saiten lange schon geschwiegen, Die Seele endlich mir zurücke kam, Da sah ich in den engelgleichen Zügen Die Liebe ringen mit der holden Scham, Und alle Himmel glaubt' ich zu erfliegen, Als ich das leise süße Wort vernahm - O droben nur in selger Geister Chören Werd ich des Tones Wohllaut wieder hören!
"Das treue Herz, das trostlos sich verzehrt Und still bescheiden nie gewagt zu sprechen, Ich kenne den ihm selbst verborgnen Wert, Am rohen Glück will ich das Edle rächen. Dem Armen sei das schönste Los beschert, Nur Liebe darf der Liebe Blume brechen. Der schönste Schatz gehört dem Herzen an, Das ihn erwidern und empfinden kann."
Das Glück
Selig, welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon Liebten, welchen als Kind Venus im Arme gewiegt, Welchem Phöbus die Augen, die Lippen Hermes gelöset, Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedrückt! Ein erhabenes Los, ein göttliches, ist ihm gefallen, Schon vor des Kampfes Beginn sind ihm die Schläfe bekränzt. Ihm ist, eh er es lebte, das volle Leben gerechnet, Eh er die Mühe bestand, hat er die Charis erlangt. Groß zwar nenn ich den Mann, der, sein eigner Bildner und Schöpfer, Durch der Tugend Gewalt selber die Parze bezwingt, Aber nicht erzwingt er das Glück, und was ihm die Charis Neidisch geweigert, erringt nimmer der strebende Mut. Vor Unwürdigem kann dich der Wille, der ernste, bewahren, Alles Höchste, es kommt frei von den Göttern herab. Wie die Geliebte dich liebt, so kommen die himmlischen Gaben, Oben in Jupiters Reich herrscht wie in Amors die Gunst. Neigungen haben die Götter, sie lieben der grünenden Jugend Lockigte Scheitel, es zieht Freude die Fröhlichen an. Nicht der Sehende wird von ihrer Erscheinung beseligt, Ihrer Herrlichkeit Glanz hat nur der Blinde geschaut; Gern erwählen sie sich der Einfalt kindliche Seele, In das bescheidne Gefäß schließen sie Göttliches ein. Ungehofft sind sie da und täuschen die stolze Erwartung, Keines Bannes Gewalt zwinget die Freien herab. Wem er geneigt, dem sendet der Vater der Menschen und Götter Seinen Adler herab, trägt ihn zu himmlischen Höhn, Unter die Menge greift er mit Eigenwillen, und welches Haupt ihm gefället, um das flicht er mit liebender Hand Jetzt den Lorbeer und jetzt die herrschaftgebende Binde; Krönte doch selber den Gott nur das gewogene Glück. Vor dem Glücklichen her tritt Phöbus, der pythische Sieger, Und der die Herzen bezwingt, Amor, der lächelnde Gott. Vor ihm ebnet Poseidon das Meer, sanft gleitet des Schiffes Kiel, das den Cäsar führt und sein allmächtiges Glück. Ihm zu Füßen legt sich der Leu, das brausende Delphin Steigt aus den Tiefen, und fromm beut es den Rücken ihm an. Zürne dem Glücklichen nicht, daß den leichten Sieg ihm die Götter Schenken, daß aus der Schlacht Venus den Liebling entrückt. Ihn, den die lächelnde rettet, den Göttergeliebten beneid ich, Jenen nicht, dem sie mit Nacht deckt den verdunkelten Blick. War er weniger herrlich, Achilles, weil ihm Hephästos Selbst geschmiedet den Schild und das verderbliche Schwert, Weil um den sterblichen Mann der große Olymp sich beweget? Das verherrlichet ihn, daß ihn die Götter geliebt, Daß sie sein Zürnen geehrt und, Ruhm dem Liebling zu geben, Hellas' bestes Geschlecht stürzten zum Orkus hinab. Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk, Laß sie die Glückliche sein, du schaust sie, du bist der Beglückte, Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich. Freue dich, daß die Gabe des Lieds vom Himmel herabkommt, Daß der Sänger dir singt, was ihn die Muse gelehrt, Weil der Gott ihn beseelt, so wird er dem Hörer zum Gotte, Weil er der Glückliche ist, kannst du der Selige sein. Auf dem geschäftigen Markt, da führe Themis die Wage, Und es messe der Lohn streng an der Mühe sich ab; Aber die Freude ruft nur ein Gott auf sterbliche Wangen, Wo kein Wunder geschieht, ist kein Beglückter zu sehn. Alles Menschliche muß erst werden und wachsen und reifen, Und von Gestalt zu Gestalt führt es die bildende Zeit, Aber das Glückliche siehest du nicht, das Schöne nicht werden, Fertig von Ewigkeit her steht es vollendet vor dir. Jede irdische Venus ersteht wie die erste des Himmels, Eine dunkle Geburt aus dem unendlichen Meer; Wie die erste Minerva, so tritt mit der Ägis gerüstet Aus des Donnerers Haupt jeder Gedanke des Lichts.
Der Kampf mit dem Drachen
Was rennt das Volk, was wälzt sich dort Die langen Gassen brausend fort? Stützt Rhodus unter Feuers Flammen, Es rottet sich im Sturm zusammen, Und einen Ritter, hoch zu Roß, Gewahr ich aus dem Menschentroß, Und hinter ihm, welch Abenteuer! Bringt man geschleppt ein Ungeheuer, Ein Drache scheint es von Gestalt, Mit weitem Krokodilesrachen, Und alles blickt verwundert bald Den Ritter an und bald den Drachen.
Und tausend Stimmen werden laut: "Das ist der Lindwurm, kommt und schaut! Der Hirt und Herden uns verschlungen, Das ist der Held, der ihn bezwungen! Viel andre zogen vor ihm aus, Zu wagen den gewaltgen Strauß, Doch keinen sah man wiederkehren, Den kühnen Ritter soll man ehren!" Und nach dem Kloster geht der Zug, Wo Sankt Johanns des Täufers Orden, Die Ritter des Spitals, im Flug Zu Rate sind versammelt worden.
Und vor den edeln Meister tritt Der Jüngling mit bescheidnem Schritt, Nachdrängt das Volk, mit wildem Rufen, Erfüllend des Geländers Stufen. Und jener nimmt das Wort und spricht: "Ich hab erfüllt die Ritterpflicht, Der Drache, der das Land verödet, Er liegt von meiner Hand getötet, Frei ist dem Wanderer der Weg, Der Hirte treibe ins Gefilde, Froh walle auf dem Felsensteg Der Pilger zu dem Gnadenbilde."
Doch strenge blickt der Fürst ihn an Und spricht: "Du hast als Held getan, Der Mut ists, der den Ritter ehret, Du hast den kühnen Geist bewähret. Doch sprich! Was ist die erste Pflicht Des Ritters, der für Christum ficht, Sich schmücket mit des Kreuzes Zeichen?" Und alle ringsherum erbleichen. Doch er, mit edelm Anstand, spricht, Indem er sich errötend neiget: "Gehorsam ist die erste Pflicht, Die ihn des Schmuckes würdig zeiget."
"Und diese Pflicht, mein Sohn", versetzt Der Meister, "hast du frech verletzt, Den Kampf, den das Gesetz versaget, Hast du mit frevlem Mut gewaget!" "Herr, richte, wenn du alles weißt" Spricht jener mit gesetztem Geist, "Denn des Gesetzes Sinn und Willen Vermeint ich treulich zu erfüllen, Nicht unbedachtsam zog ich hin, Das Ungeheuer zu bekriegen, Durch List und kluggewandten Sinn Versucht ichs, in dem Kampf zu siegen.
Fünf unsers Ordens waren schon, Die Zierden der Religion, Des kühnen Mutes Opfer worden, Da wehrtest du den Kampf dem Orden. Doch an dem Herzen nagte mir Der Unmut und die Streitbegier, Ja selbst im Traum der stillen Nächte Fand ich mich keuchend im Gefechte, Und wenn der Morgen dämmernd kam Und Kunde gab von neuen Plagen, Da faßte mich ein wilder Gram, Und ich beschloß, es frisch zu wagen.
Und zu mir selber sprach ich dann: Was schmückt den Jüngling, ehrt den Mann, Was leisteten die tapfern Helden, Von denen uns die Lieder melden? Die zu der Götter Glanz und Ruhm Erhub das blinde Heidentum? Sie reinigten von Ungeheuern Die Welt in kühnen Abenteuern, Begegneten im Kampf dem Leun Und rangen mit dem Minotauren, Die armen Opfer zu befrein, Und ließen sich das Blut nicht dauren.
Ist nur der Sarazen es wert, Daß ihn bekämpft des Christen Schwert? Bekriegt er nur die falschen Götter? Gesandt ist er der Welt zum Retter, Von jeder Not und jedem Harm Befreien muß sein starker Arm, Doch seinen Mut muß Weisheit leiten, Und List muß mit der Stärke streiten. So sprach ich oft und zog allein, Des Raubtiers Fährte zu erkunden, Da flößte mir der Geist es ein, Froh rief ich aus: Ich habs gefunden!
Und trat zu dir und sprach dies Wort: ›Mich zieht es nach der Heimat fort.‹ Du, Herr, willfahrtest meinen Bitten, Und glücklich war das Meer durchschnitten. Kaum stieg ich aus am heimschen Strand, Gleich ließ ich durch des Künstlers Hand, Getreu den wohlbemerkten Zügen, Ein Drachenbild zusammenfügen. Auf kurzen Füßen wird die Last Des langen Leibes aufgetürmet, Ein schuppigt Panzerhemd umfaßt Den Rücken, den es furchtbar schirmet.
Lang strecket sich der Hals hervor, Und gräßlich wie ein Höllentor, Als schnappt' es gierig nach der Beute, Eröffnet sich des Rachens Weite, Und aus dem schwarzen Schlunde dräun Der Zähne stacheligte Reihn, Die Zunge gleicht des Schwertes Spitze, Die kleinen Augen sprühen Blitze, In einer Schlange endigt sich Des Rückens ungeheure Länge, Rollt um sich selber fürchterlich, Daß es um Mann und Roß sich schlänge.
Und alles bild ich nach genau Und kleid es in ein scheußlich Grau, Halb Wurm erschiens, halb Molch und Drache, Gezeuget in der giftgen Lache. Und als das Bild vollendet war, Erwähl ich mir ein Doggenpaar, Gewaltig, schnell, von flinken Läufen, Gewohnt, den wilden Ur zu greifen. Die hetz ich auf den Lindwurm an, Erhitze sie zu wildem Grimme, Zu fassen ihn mit scharfem Zahn, Und lenke sie mit meiner Stimme.
Und wo des Bauches weiches Vlies Den scharfen Bissen Blöße ließ, Da reiz ich sie, den Wurm zu packen, Die spitzen Zähne einzuhacken. Ich selbst, bewaffnet mit Geschoß, Besteige mein arabisch Roß, Von adeliger Zucht entstammet, Und als ich seinen Zorn entflammet, Rasch auf den Drachen spreng ichs los Und stachl es mit den scharfen Sporen Und werfe zielend mein Geschoß, Als wollt ich die Gestalt durchbohren.
Ob auch das Roß sich grauend bäumt Und knirscht und in den Zügel schäumt, Und meine Doggen ängstlich stöhnen, Nicht rast ich, bis sie sich gewöhnen. So üb ichs aus mit Emsigkeit, Bis dreimal sich der Mond erneut, Und als sie jedes recht begriffen, Führ ich sie her auf schnellen Schiffen. Der dritte Morgen ist es nun, Daß mirs gelungen, hier zu landen, Den Gliedern gönnt ich kaum zu ruhn, Bis ich das große Werk bestanden.
Denn heiß erregte mir das Herz Des Landes frisch erneuter Schmerz, Zerissen fand man jüngst die Hirten, Die nach dem Sumpfe sich verirrten, Und ich beschließe rasch die Tat, Nur von dem Herzen nehm ich Rat. Flugs unterricht ich meine Knappen, Besteige den versuchten Rappen, Und von dem edeln Doggenpaar Begleitet, auf geheimen Wegen, Wo meiner Tat kein Zeuge war, Reit ich dem Feinde frisch entgegen.
Das Kirchlein kennst du, Herr, das hoch Auf eines Felsenberges Joch, Der weit die Insel überschauet, Des Meisters kühner Geist erbauet. Verächtlich scheint es, arm und klein, Doch ein Mirakel schließt es ein, Die Mutter mit dem Jesusknaben, Den die drei Könige begaben. Auf dreimal dreißig Stufen steigt Der Pilgrim nach der steilen Höhe, Doch hat er schwindelnd sie erreicht, Erquickt ihn seines Heilands Nähe.
Tief in den Fels, auf dem es hängt, Ist eine Grotte eingesprengt, Vom Tau des nahen Moors befeuchtet, Wohin des Himmels Strahl nicht leuchtet, Hier hausete der Wurm und lag, Den Raub erspähend, Nacht und Tag. So hielt er wie der Höllendrache Am Fuß des Gotteshauses Wache, Und kam der Pilgrim hergewallt Und lenkte in die Unglücksstraße, Hervorbrach aus dem Hinterhalt Der Feind und trug ihn fort zum Fraße.
Den Felsen stieg ich jetzt hinan, Eh ich den schweren Strauß begann, Hin kniet ich vor dem Christuskinde Und reinigte mein Herz von Sünde, Drauf gürt ich mir im Heiligtum Den blanken Schmuck der Waffen um, Bewehre mit dem Spieß die Rechte, Und nieder steig ich zum Gefechte. Zurücke bleibt der Knappen Troß, Ich gebe scheidend die Befehle Und schwinge mich behend aufs Roß, Und Gott empfehl ich meine Seele.
Kaum seh ich mich im ebnen Plan, Flugs schlagen meine Doggen an, Und bang beginnt das Roß zu keuchen Und bäumet sich und will nicht weichen, Denn nahe liegt, zum Knäul geballt, Des Feindes scheußliche Gestalt Und sonnet sich auf warmem Grunde. Aufjagen ihn die flinken Hunde, Doch wenden sie sich pfeilgeschwind, Als es den Rachen gähnend teilet Und von sich haucht den giftgen Wind Und winselnd wie der Schakal heulet.
Doch schnell erfrisch ich ihren Mut, Sie fassen ihren Feind mit Wut, Indem ich nach des Tieres Lende Aus starker Faust den Speer versende, Doch machtlos wie ein dünner Stab Prallt er vom Schuppenpanzer ab, Und eh ich meinen Wurf erneuet, Da bäumet sich mein Roß und scheuet An seinem Basiliskenblick Und seines Atems giftgen Wehen, Und mit Entsetzen springts zurück, Und jetzo wars um mich geschehen -
Da schwing ich mich behend vom Roß, Schnell ist des Schwertes Schneide bloß, Doch alle Streiche sind verloren, Den Felsenharnisch zu durchbohren, Und wütend mit des Schweifes Kraft Hat es zur Erde mich gerafft, Schon seh ich seinen Rachen gähnen, Es haut nach mir mit grimmen Zähnen, Als meine Hunde wutentbrannt An seinen Bauch mit grimmgen Bissen Sich warfen, daß es heulend stand, Von ungeheurem Schmerz zerrissen.
Und eh es ihren Bissen sich Entwindet, rasch erheb ich mich, Erspähe mir des Feindes Blöße Und stoße tief ihm ins Gekröse Nachbohrend bis ans Heft den Stahl, Schwarzquellend springt des Blutes Strahl, Hin sinkt es und begräbt im Falle Mich mit des Leibes Riesenballe, Daß schnell die Sinne mir vergehn. Und als ich neugestärkt erwache, Seh ich die Knappen um mich stehn, Und tot im Blute liegt der Drache." -
Des Beifalls lang gehemmte Lust Befreit jetzt aller Hörer Brust, Sowie der Ritter dies gesprochen, Und zehnfach am Gewölb gebrochen Wälzt der vermischten Stimmen Schall Sich brausend fort im Widerhall, Laut fodern selbst des Ordens Söhne, Daß man die Heldenstirne kröne, Und dankbar im Triumphgepräng Will ihn das Volk dem Volke zeigen, Da faltet seine Stirne streng Der Meister und gebietet Schweigen.
Und spricht: "Den Drachen, der dies Land Verheert, schlugst du mit tapfrer Hand, Ein Gott bist du dem Volke worden, Ein Feind kommst du zurück dem Orden, Und einen schlimmern Wurm gebar Dein Herz, als dieser Drache war. Die Schlange, die das Herz vergiftet, Die Zwietracht und Verderben stiftet, Das ist der widerspenstge Geist, Der gegen Zucht sich frech empöret, Der Ordnung heilig Band zerreißt, Denn der ists, der die Welt zerstöret.
Mut zeiget auch der Mameluck, Gehorsam ist des Christen Schmuck; Denn wo der Herr in seiner Größe Gewandelt hat in Knechtes Blöße, Da stifteten, auf heilgem Grund, Die Väter dieses Ordens Bund, Der Pflichten schwerste zu erfüllen: Zu bändigen den eignen Willen! Dich hat der eitle Ruhm bewegt, Drum wende dich aus meinen Blicken, Denn wer des Herren Joch nicht trägt, Darf sich mit seinem Kreuz nicht schmücken."
Da bricht die Menge tobend aus, Gewaltger Sturm bewegt das Haus, Um Gnade flehen alle Brüder, Doch schweigend blickt der Jüngling nieder, Still legt er von sich das Gewand Und küßt des Meisters strenge Hand Und geht. Der folgt ihm mit dem Blicke, Dann ruft er liebend ihn zurücke Und spricht: "Umarme mich, mein Sohn! Dir ist der härtre Kampf gelungen. Nimm dieses Kreuz: es ist der Lohn Der Demut, die sich selbst bezwungen."
Die Bürgschaft
Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Möros, den Dolch im Gewande; Ihn schlugen die Häscher in Bande. "Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!" Entgegnet ihm finster der Wüterich. "Die Stadt vom Tyrannen befreien!" "Das sollst du am Kreuze bereuen."
"Ich bin", spricht jener, "zu sterben bereit Und bitte nicht um mein Leben, Doch willst du Gnade mir geben, Ich flehe dich um drei Tage Zeit, Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit, Ich lasse den Freund dir als Bürgen, Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen."
Da lächelt der König mit arger List Und spricht nach kurzem Bedenken: "Drei Tage will ich dir schenken. Doch wisse! Wenn sie verstrichen, die Frist, Eh du zurück mir gegeben bist, So muß er statt deiner erblassen, Doch dir ist die Strafe erlassen."
Und er kommt zum Freunde: "Der König gebeut, Daß ich am Kreuz mit dem Leben Bezahle das frevelnde Streben, Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit, Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit, So bleib du dem König zum Pfande, Bis ich komme, zu lösen die Bande."
Und schweigend umarmt ihn der treue Freund Und liefert sich aus dem Tyrannen, Der andere ziehet von dannen. Und ehe das dritte Morgenrot scheint, Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint, Eilt heim mit sorgender Seele, Damit er die Frist nicht verfehle.
Da gießt unendlicher Regen herab, Von den Bergen stürzen die Quellen, Und die Bäche, die Ströme schwellen. Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab, Da reißet die Brücke der Strudel hinab, Und donnernd sprengen die Wogen Des Gewölbes krachenden Bogen.
Und trostlos irrt er an Ufers Rand, Wie weit er auch spähet und blicket Und die Stimme, die rufende, schicket, Da stößet kein Nachen vom sichern Strand, Der ihn setze an das gewünschte Land, Kein Schiffer lenket die Fähre, Und der wilde Strom wird zum Meere.
Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht, Die Hände zum Zeus erhoben: "O hemme des Stromes Toben! Es eilen die Stunden, im Mittag steht Die Sonne, und wenn sie niedergeht Und ich kann die Stadt nicht erreichen, So muß der Freund mir erbleichen."
Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut Und Welle auf Welle zerrinnet, Und Stunde an Stunde entrinnet. Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut Und wirft sich hinein in die brausende Flut Und teilt mit gewaltigen Armen Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.
Und gewinnt das Ufer und eilet fort Und danket dem rettenden Gotte, Da stürzet die raubende Rotte Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort, Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord Und hemmet des Wanderers Eile Mit drohend geschwungener Keule.
"Was wollt ihr?" ruft er, für Schrecken bleich, "Ich habe nichts als mein Leben, Das muß ich dem Könige geben!" Und entreißt die Keule dem nächsten gleich: "Um des Freundes willen erbarmet euch!" Und drei mit gewaltigen Streichen Erlegt er, die andern entweichen.
Und die Sonne versendet glühenden Brand, Und von der unendlichen Mühe Ermattet sinken die Kniee. "O hast du mich gnädig aus Räubershand, Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land, Und soll hier verschmachtend verderben, Und der Freund mir, der liebende, sterben!"
Und horch! da sprudelt es silberhell, Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen, Und stille hält er, zu lauschen, Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell, Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell, Und freudig bückt er sich nieder Und erfrischet die brennenden Glieder.
Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün Und malt auf den glänzenden Matten Der Bäume gigantische Schatten; Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn, Will eilenden Laufes vorüberfliehn, Da hört er die Worte sie sagen: "Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen."
Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß, Ihn jagen der Sorge Qualen, Da schimmern in Abendrots Strahlen Von ferne die Zinnen von Syrakus, Und entgegen kommt ihm Philostratus, Des Hauses redlicher Hüter, Der erkennet entsetzt den Gebieter:
"Zurück! du rettest den Freund nicht mehr, So rette das eigene Leben! Den Tod erleidet er eben. Von Stunde zu Stunde gewartet' er Mit hoffender Seele der Wiederkehr, Ihm konnte den mutigen Glauben Der Hohn des Tyrannen nicht rauben."
"Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht Ein Retter willkommen erscheinen, So soll mich der Tod ihm vereinen. Des rühme der blutge Tyrann sich nicht, Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht, Er schlachte der Opfer zweie Und glaube an Liebe und Treue."
Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor Und sieht das Kreuz schon erhöhet, Das die Menge gaffend umstehet, An dem Seile schon zieht man den Freund empor, Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor: "Mich, Henker!" ruft er, "erwürget! Da bin ich, für den er gebürget!"
Und Erstaunen ergreifet das Volk umher, In den Armen liegen sich beide Und weinen für Schmerzen und Freude. Da sieht man kein Auge tränenleer, Und zum Könige bringt man die Wundermär, Der fühlt ein menschliches Rühren, Läßt schnell vor den Thron sie führen.
Und blicket sie lange verwundert an. Drauf spricht er: "Es ist euch gelungen, Ihr habt das Herz mir bezwungen, Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn, So nehmet auch mich zum Genossen an, Ich sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der Dritte."
Das Eleusische Fest
Windet zum Kranze die goldenen Ähren, Flechtet auch blaue Cyanen hinein! Freude soll jedes Auge verklären, Denn die Königin ziehet ein, Die Bezähmerin wilder Sitten, Die den Menschen zum Menschen gesellt Und in friedliche feste Hütten Wandelte das bewegliche Zelt.
Scheu in des Gebirges Klüften Barg der Troglodyte sich, Der Nomade ließ die Triften Wüste liegen, wo er strich, Mit dem Wurfspieß, mit dem Bogen Schritt der Jäger durch das Land, Weh dem Fremdling, den die Wogen Warfen an den Unglücksstrand!
Und auf ihrem Pfad begrüßte, Irrend nach des Kindes Spur, Ceres die verlaßne Küste, Ach, da grünte keine Flur! Daß sie hier vertraulich weile, Ist kein Obdach ihr gewährt, Keines Tempels heitre Säule Zeuget, daß man Götter ehrt.
Keine Frucht der süßen Ähren Lädt zum reinen Mahl sie ein, Nur auf gräßlichen Altären Dorret menschliches Gebein. Ja, so weit sie wandernd kreiste, Fand sie Elend überall, Und in ihrem großen Geiste Jammert sie des Menschen Fall.
"Find ich so den Menschen wieder, Dem wir unser Bild geliehn, Dessen schöngestalte Glieder Droben im Olympus blühn? Gaben wir ihm zum Besitze Nicht der Erde Götterschoß, Und auf seinem Königsitze Schweift er elend, heimatlos?
Fühlt kein Gott mit ihm Erbarmen, Keiner aus der Selgen Chor Hebet ihn mit Wunderarmen Aus der tiefen Schmach empor? In des Himmels selgen Höhen Rühret sie nicht fremder Schmerz, Doch der Menschheit Angst und Wehen Fühlet mein gequältes Herz.
Daß der Mensch zum Menschen werde, Stift et einen ewgen Bund Gläubig mit der frommen Erde, Seinem mütterlichen Grund, Ehre das Gesetz der Zeiten Und der Monde heilgen Gang, Welche still gemessen schreiten Im melodischen Gesang."
Und den Nebel teilt sie leise, Der den Blicken sie verhüllt, Plötzlich in der Wilden Kreise Steht sie da, ein Götterbild. Schwelgend bei dem Siegesmahle Findet sie die rohe Schar, Und die blutgefüllte Schale Bringt man ihr zum Opfer dar.
Aber schaudernd, mit Entsetzen Wendet sie sich weg und spricht: "Blutge Tigermahle netzen Eines Gottes Lippen nicht. Reine Opfer will er haben, Früchte, die der Herbst beschert, Mit des Feldes frommen Gaben Wird der Heilige verehrt."
Und sie nimmt die Wucht des Speeres Aus des Jägers rauher Hand, Mit dem Schaft des Mordgewehres Furchet sie den leichten Sand, Nimmt von ihres Kranzes Spitze Einen Kern, mit Kraft gefüllt, Senkt ihn in die zarte Ritze, Und der Trieb des Keimes schwillt.
Und mit grünen Halmen schmücket Sich der Boden alsobald, Und so weit das Auge blicket, Wogt es wie ein goldner Wald. Lächelnd segnet sie die Erde, Flicht der ersten Garbe Bund, Wählt den Feldstein sich zum Herde, Und es spricht der Göttin Mund:
"Vater Zeus, der über alle Götter herrscht in Äthers Höhn! Daß dies Opfer dir gefalle, Laß ein Zeichen jetzt geschehn! Und dem unglückselgen Volke, Das dich, Hoher, noch nicht nennt, Nimm hinweg des Auges Wolke, Daß es seinen Gott erkennt!"
Und es hört der Schwester Flehen Zeus auf seinem hohen Sitz, Donnernd aus den blauen Höhen Wirft er den gezackten Blitz. Prasselnd fängt es an zu lohen, Hebt sich wirbelnd vom Altar, Und darüber schwebt in hohen Kreisen sein geschwinder Aar.
Und gerührt zu der Herrscherin Füßen Stürzt sich der Menge freudig Gewühl, Und die rohen Seelen zerfließen In der Menschlichkeit erstem Gefühl, Werfen von sich die blutige Wehre, Öffnen den düstergebundenen Sinn Und empfangen die göttliche Lehre Aus dem Munde der Königin.
Und von ihren Thronen steigen Alle Himmlischen herab, Themis selber führt den Reigen, Und mit dem gerechten Stab Mißt sie jedem seine Rechte, Setzet selbst der Grenze Stein, Und des Styx verborgne Mächte Ladet sie zu Zeugen ein.
Und es kommt der Gott der Esse, Zeus' erfindungsreicher Sohn, Bildner künstlicher Gefäße, Hochgelehrt in Erzt und Ton. Und er lehrt die Kunst der Zange Und der Blasebälge Zug, Unter seines Hammers Zwange Bildet sich zuerst der Pflug.
Und Minerva, hoch vor allen Ragend mit gewichtgem Speer, Läßt die Stimme mächtig schallen Und gebeut dem Götterheer. Feste Mauren will sie gründen, Jedem Schutz und Schirm zu sein, Die zerstreute Welt zu binden In vertraulichem Verein.
Und sie lenkt die Herrscherschritte Durch des Feldes weiten Plan, Und an ihres Fußes Tritte Heftet sich der Grenzgott an, Messend führet sie die Kette Um des Hügels grünen Saum, Auch des wilden Stromes Bette Schließt sie in den heilgen Raum.
Alle Nymphen, Oreaden, Die der schnellen Artemis Folgen auf des Berges Pfaden, Schwingend ihren Jägerspieß, Alle kommen, alle legen Hände an, der Jubel schallt, Und von ihrer Äxte Schlägen Krachend stürzt der Fichtenwald.
Auch aus seiner grünen Welle Steigt der schilfbekränzte Gott, Wälzt den schweren Floß zur Stelle Auf der Göttin Machtgebot, Und die leichtgeschürzten Stunden Fliegen ans Geschäft, gewandt, Und die rauhen Stämme runden Zierlich sich in ihrer Hand.
Auch den Meergott sieht man eilen, Rasch mit des Tridentes Stoß Bricht er die granitnen Säulen Aus dem Erdgerippe los, Schwingt sie in gewaltgen Händen Hoch wie einen leichten Ball, Und mit Hermes, dem behenden, Türmet er der Mauren Wall.
Aber aus den goldnen Saiten Lockt Apoll die Harmonie Und das holde Maß der Zeiten Und die Macht der Melodie. Mit neunstimmigem Gesange Fallen die Kamönen ein, Leise nach des Liedes Klange Füget sich der Stein zum Stein.
Und der Tore weite Flügel Setzet mit erfahrner Hand Cybele und fügt die Riegel Und der Schlösser festes Band. Schnell durch rasche Götterhände Ist der Wunderbau vollbracht, Und der Tempel heitre Wände Glänzen schon in Festespracht.
Und mit einem Kranz von Myrten Naht die Götterkönigin, Und sie führt den schönsten Hirten Zu der schönsten Hirtin hin. Venus mit dem holden Knaben Schmücket selbst das erste Paar, Alle Götter bringen Gaben Segnend den Vermählten dar.
Und die neuen Bürger ziehen, Von der Götter selgem Chor Eingeführt, mit Harmonien In das gastlich offne Tor, Und das Priesteramt verwaltet Ceres am Altar des Zeus, Segnend ihre Hand gefaltet Spricht sie zu des Volkes Kreis:
"Freiheit liebt das Tier der Wüste, Frei im Äther herrscht der Gott, Ihrer Brust gewaltge Lüste Zähmet das Naturgebot; Doch der Mensch, in ihrer Mitte, Soll sich an den Menschen reihn, Und allein durch seine Sitte Kann er frei und mächtig sein."
Windet zum Kranze die goldenen Ähren, Flechtet auch blaue Cyanen hinein! Freude soll jedes Auge verklären, Denn die Königin ziehet ein, Die uns die süße Heimat gegeben, Die den Menschen zum Menschen gesellt, Unser Gesang soll sie festlich erheben, Die beglückende Mutter der Welt.
Poesie des Lebens
An ***
"Wer möchte sich an Schattenbildern weiden, Die mit erborgtem Schein das Wesen überkleiden, Mit trügrischem Besitz die Hoffnung hintergehn? Entblößt muß ich die Wahrheit sehn. Soll gleich mit meinem Wahn mein ganzer Himmel schwinden, Soll gleich den freien Geist, den der erhabne Flug Ins grenzenlose Reich der Möglichkeiten trug, Die Gegenwart mit strengen Fesseln binden, Er lernt sich selber überwinden, Ihn wird das heilige Gebot Der Pflicht, das furchtbare der Not Nur desto unterwürfger finden. Wer schon der Wahrheit milde Herrschaft scheut, Wie trägt er die Notwendigkeit?" -
So rufst du aus und blickst, mein strenger Freund, Aus der Erfahrung sicherm Porte Verwerfend hin auf alles, was nur scheint. Erschreckt von deinem ernsten Worte Entflieht der Liebesgötter Schar, Der Musen Spiel verstummt, es ruhn der Horen Tänze, Still traurend nehmen ihre Kränze Die Schwestergöttinnen vom schön gelockten Haar, Apoll zerbricht die goldne Leier, Und Hermes seinen Wunderstab, Des Traumes rosenfarbner Schleier Fällt von des Lebens bleichem Antlitz ab, Die Welt scheint, was sie ist, ein Grab. Von seinen Augen nimmt die zauberische Binde Cytherens Sohn, die Liebe sieht, Sie sieht in ihrem Götterkinde Den Sterblichen, erschrickt und flieht, Der Schönheit Jugendbild veraltet, Auf deinen Lippen selbst erkaltet Der Liebe Kuß, und in der Freude Schwung Ergreift dich die Versteinerung.
|