Gedichte von Suits

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Gustav Suits,
Estland, (1883-1956)

Bissiger Mond
Das Grab der Winde
Das Land der Winde I
Das Land der Winde IV
Die jungen Schmiede
Ein junger Verseschmied
Lebensfeuer
Nur ein Traumbild ist doch alles
Singen möchte ich ein Liedchen
So kam der Abend
Unter den bebenden Espen
Verbannung

                          Lebensfeuer
           (Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Lebensfeuer glänzt wie die Sonne aus des Himmels Blau,
Lebensfeuer blitzt aus Wolken wie Donners Grau:
Und auch die finstere Nacht schon strahlend es schmücket,
Brennt es im Denken, weil es in der Arbeit entzücket,
Und in der Vergänglichkeit wird es sich löschen.

Wie das Wasser der lenzlichen Bäche schon brauset und quillt!
Wer, wer schreiten auf dem Pfade so munter und mild?
O! es glühen die feurigen Fackeln der Lüste:
Jene Jungen ja suchen des Fabellands Küste,
Bis sie auf der Pforte des Todes auch stehn.

Lebensfeuer glänzet und blitzet und schlägt,
Brennende Herzen im Kampf zur Verzehrung ja trägt.
Schöpfend es leuchtet, schimmernd es blasset,
Das Bett des Feuers auch endlich das Licht verlasset -
Der Rest ist nur ein Haufen der Asche.

Und des Lebensfeuers Asche heilig nur strahlet;
Lebensfeuer rötlich und heilig sich malet.
 

     Die jungen Schmiede
(Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Lassen wir die Hämmer sausen,
Und das Schmiedefeuer brausen!
  Ofen rasche
  Braucht die Asche -
  Drücken wir den Balg zusammen,
  Geben Luft wir für die Flammen!

Lassen wir die Hämmer sausen,
Und das Schmiedefeuer brausen!
  Glühn die hellen
  Flammenwellen:
  Schlagen wir auf Amboss heute -
  Das ist unser Glück und Freude!

Lassen wir die Hämmer sausen,
Und das Schmiedefeuer brausen!
  Prägt die heißen
  Stahl und Eisen
  Zu den Schwerten, zu den Speeren -
  So nur können wir uns wehren!


           Bissiger Mond
(Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Bissiger Mond wird zum Traum
Neben den schneeigen Fluren.
Pfad wird beschattet vom Baum.
Neben erbärmlichen Spuren
Heulen des Hundes klingt kaum.

Ist des Lebens Tür geschlossen,
Und der Tod ist her geflossen.

Bissiger Mond wird zum Traum,
Hof wird vom Silber verborgen.
Pfad wird beschattet vom Baum.
Bringt uns die Welt ihre Sorgen,
Heulen des Hundes klingt kaum.

Ist des Lebens Tür geschlossen,
Und der Tod ist her geflossen.

Bissiger Mond wird zum Traum,
Untergang bleibt uns für immer.
Pfad wird beschattet vom Baum.
Trauriger sind wir auch nimmer,
Heulen des Hundes klingt kaum.

Ist des Lebens Tür geschlossen,
Und der Tod ist hier geflossen.
 


         Das Land der Winde I
(Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Die Barthelsstürme reißen und bewegen
Die Bäume, deren Blätter gelb nun sind;
Die Erde spürt den schweren, kalten Regen.

Das Korn fliegt von der Hülse nun geschwind,
Des Jahres Ernte werfelt man. Ich fühle -
Durch alle Riegenstuben bläst der Wind.

Vermahlt wird neues Korn in jener Mühle,
Der Flügel steigt schon gegen Wolkenwand;
Getreide wird gedorrt. In dieser Kühle

Sind Tag und Nacht auch gleich. Von mir verschwand
Das Bild der Felder, die den Landmann loben.
Wie klein und schlecht ist doch dein eignes Land!

Die Jugend wird zerstört durch Winde droben;
Die Jahreswenden flochten nie zum Kranze
Den Sonnenschein und dieses Sturmes Toben.

Wie wenig schrieb ich doch in dieser Stanze!
 


                   Verbannung
   (Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Es trinkt die welke Blume von dem Tau;
Der Silberdampf steigt in des Himmels Richtung,
Vorbei ist jetzt so schnell die Zugfahrt - schau!

Und still und munter wieder ist die Lichtung;
Geh ich, den Gang zur Stadt erinnernd, fort,
Und mein Geschick wird wieder schon zur Dichtung:

Verbannung, Heim, Versteck und Zufluchtsort
Verbirgt umschlingend Schmerz und Freude jetzt;
Der Wald ist nun so sinnend, windstill dort.

Ich seh, wie barfuß eine junge Frau zuletzt
Geht jenen Pfad, trägt Wasser sie sich mühend.
Die Biene hat sich hilflos auch verletzt,

Wenn sie den Honig trug so froh und blühend.
Ich schreite in den Garten mit dem Stab;
Uns führt man zu dem selben Schatten glühend.

Sie trägt das Kind, den Eimer mir sie gab.
Und unterm Walde funkelt noch die Sonne;
Die schwang're Frau wischst ihren Schweiß jetzt ab.

Ich fühle Schade nur, und keine Wonne.
 

Singen möchte ich ein Liedchen
(Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Singen möchte ich ein Liedchen,
Dieses eine nur:
Das sich mächtig hebt wie Welle
Von des Herzens Spur.

Das so mächtig wie die Welle
Übers Land wältzt hell;
Brauset durch des Volkes Seele
Unaufhaltsam schnell;

Brauset durch des Volkes Seele,
Zündet Helden an;
Herrlich blinken Geistesschwerten
Auf der Taten Bahn.

Herrlich blinken Geistesschwerten
Unterm Firmament;
Und ein goldner Sternenhimmel
Glänzend droben brennt!

Singen möchte ich ein Liedchen,
Dieses eine nur:
Das sich mächtig hebt wie Welle
Von des Herzens Spur.

 

      Das Grab der Winde
(Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Ich singe veränderte Lieder
Im Schatten des Horizontes der Zeit.

Ich singe verändernde Lieder
In den Winden und Sperren der Zeit.

Das Spinnrad der Jahre hat sich mal gedreht.
Nur das Schimmern und Hallen vor mir nun steht.

Such nicht in meinem Liede das Gute:
Ohne Gestalt ist es jetzt noch da.

Such in den Winden meines Liedes Gute:
Es ist geflogen, vergangen da.

Durch die Winde habe ich die Stimme gemacht.
Selten ist die Blume des Lands der Winde erwacht.

Hab ich mein Lied zu nackt gelassen
Auf der Ebne, auf der Winde Bahn?

Hab ich mich zu viel wandeln lassen
Im Freistaat aller Winde Bahn?

Weiß ich's nicht, ich begieße hier den Blumenstrauß -
Unbesorgt ist der Friedhof der Tage vor meinem Haus.

 

            Unter den bebenden Espen
         (Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Ich schreite unter den bebenden Espen,
Ich schreite und grüble von der Entzückung,
Und ich bin müde vom Lesen berühmter Träume.

Die Sonne im Dunst der Lichtungen sagenrot sinken
Seh ich mit meinen armen und hektischen Augen.
Hier wehn noch die Winde des Abends
In den Wipfeln der Espen.

Über gemähten Auen die späten Hauche des Lands der Winde
Gleiten sich ab und zu noch in die Wipfel der Espen.
Über gemähten Auen in der Mattigkeit des Abends die Schnitter
Gehn heimwärts zwischen den gebogenen Birken.

Die zarte Seele ist erschüttert von den Fernen des Lands der Winde;
Ich möchte mich an diese Wesen melden, die mir ähneln.
Seid ihr begrüßt, o Espen, meine Brüder und Schwester!

Ich schreite unter den bebenden Espen,
Stumm, ernst, mit den Schritten eines Verbannten.

Nehmt mich hin in euren Beben, o Espen!
 


             Das Land der Winde IV
       (Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Ich fühle, leichter wird das ird'sche Drücken,
Am Berge geh ich träumend auf dem Eis.
Erquickend wehn die Winde an den Rücken.

Hier sind die Kränze, kühner Geisterkreis;
Mich tröstet noch das Licht von weitem Äther,
Ich ahne meine Mutter, ihren Fleiß.

Ich hab kein eignes Land, nicht jetzt, nicht später.
So bleicht die Heim, der Garten, jeder Baum,
Ich wecke vom Verloren meiner Väter.

Der Hass, der Zorn erscheint dahin nur kaum,
Wo Traurigkeit verhallt im Funkensprühen,
Der kalte Himmel wirft den Schnee und Schaum.

In diesen ew'gen Nächten seh ich glühen
Das Land, den Menschen - dieses Daseins Traum!
In der Betrachtung, einsam in den Mühen

Bring ich den Schlummer über Zeit und Raum.

 

   Ein junger Verseschmied
(Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Hin zum engen Flur wirst treten.
Weiße Mütze und ein Stab.
Terracotta die Tapeten.
Jungen Dichter hier es gab.
Schreibtisch und der Sonne Schimmer.
Eine Verse, frisch und weich.
Ein Regal. Der Blume Flimmer.
Unsres Freundes Stirn ist bleich.
Rote Lippen auf dem Munde.
Zigaretten. Schärfer Spruch.
Unbewölkt, doch ernst im Grunde.
Ahnst des Heliotrops Geruch.
Jemand wird von hier noch gehen.
Lippen, Luft und Tisch sind grau.
Jemand wird hier noch mal stehen.
Bräunlich ist der Augenbrau.
Neuer Gobelin beim Sessel.
Hinterm Baum die Kinder dort.
Blindekuhspiel. Dort der Kessel.
Lächelnd fuhr der Freund jetzt fort:
"Meine Kunst ist voller Klarheit.
Zum Gestalt wird hier ein Hauch.
Dies ist ganz der Stoff aus Wahrheit.
Doch die Form ist ärmlich auch."
 

Nur ein Traumbild ist doch alles
(Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Im Exil mein Pfad geht balde
Zu dem Walde,
Der entblättert ist, und tot.
Zweige werden schon undichter,
Werden lichter
In dem glühnden Abendrot.

Oben breitet sich die Ferne,
Scheinen Sterne;
Unten nur das Fäulnis liegt.
Schön ists hier, den Wald zu lauschen:
Fichten rauschen,
Überm Wandrer Wipfel wiegt.

Irdisches wird bald verhallen,
Sagt das Schallen.
Kern der Erd erscheint wie Schaum,
Wie das Feuer, himmlisch flammend;
Wolken rammend
Ragt's zur ew'gen Zeit und Raum.

Zum Gefecht ward zwar das Leben,
Streit und Streben,
Sich dem Pein ergebendem -
Alles wird doch nur zum Traume,
Kleinem Schaume,
Der im Weltall schwebendem.

Alles, was hier lebet, strebet,
Oben schwebet.
Mordlust und Verheeren all
Würgt die Sonne wirbelnd, fließend,
Schimmernd, schließend;
Sich im Weltall dreht der Ball.

Wechseln können Herrn und schlechte,
Große Mächte
Auf dem wirren Erdenrund;
Hier der kurze Mensch so handelt:
Einfach wandelt
In des Todes schwarzen Mund.

Erdensame ist verderblich,
Gierig, sterblich,
Während er noch wechselt sich:
Ach, wie geht die Sonne unter,
Still und munter,
Blendet hier und dorten mich!

Schnell die Blätter von den Reisern
Fallen eisern,
Flieht der Abendrot geschwind!
Kurz verweilen Wolken droben;
Weggeschoben
Sind sie dann von neuem Wind.

Trübe wird der Bäume Schatten,
Und die Matten
Mit den Kiefern küssen noch.
Viertelmondes Funkensprühen,
Seine Glühen
Blass mich hier begrüssen noch.


Silber sind des Mondes Lichter,
Die Gesichter,
Traum und Schlummer tragenden.
Widerhallen von dem Haine
Kommt alleine
Von den Winden, klagenden.

Ists ein Schritt, ein Flügelsausen?
Nur das Brausen
Schallt aus dieser Dämmerung.
Rauschen, das am Herzen zerret -
Flüsternd sperret
Des Verbrechens bangen Sprung.

Sind die Jammer, die mich kneten
Ein Gebeten,
Das ich sagte, sorgenvoll:
"Wächter, hüte alle Grenzen!
Ohne Glänzen
Seh ich dich, verborgen voll.

Richter, flamme, morde immer,
Wenn da nimmer
Jemand dich noch schändete;
Wenn des Opfers Rauche, Dämpfe,
Tränen, Kämpfe,
Tod dich niemals blendete!"

Augen zu des Abends Lichte
Jetzt ich richte -
Es ist meines Andachts Stund'.
Geh ich heim - durch Wipfels Gittern
Lichtes Zittern
Dringt hervor vom Himmelsgrund.

Schau ich zu den fernen Himmeln,
Die dort flimmern,
Und erheb das Geist von hier.
Seele von des Sternes Scheine
Sucht die Haine,
Wo die Sehnsucht ist, und Gier.

Eisig bläst der Wind mir künftig:
Ganz vernünftig -
Ich erweck vom Traume doch!
Gegen eines Bösen Flammen
Bleibt zusammen,
Deren Herz ist schuldlos noch!

In die Stadt, die kampfbereite,
Stolze, weite,
Mich ein Weg durchs Schwarze holt.
Dort sind die, die Lüste jagen;
Auch ein Wagen,
Der da wütend ruft und johlt.

Wenn der Kneipe Licht jetzt streut sich -
Tanzt und freut sich
Dort des Glückes Jäger auch.
Wo das Heilige entflohen,
Laster drohen - - -
Bringe hin der Asche Rauch!
 

              So kam der Abend
    (Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

So kam der Abend: das Dach war über mir,
Die Lampe glühte spät, um des Buches
Unlesbare Blätter zu drehen.

Der Schatten an der Wand war schwer zu greifen,
Wie die Garnen des Gedankens großen Dichters.
Und keinen Geschmack von irgendetwas, irgendjemand.

Doch bist du immer da.

Wer eilte in der Dämmrung über jenen Hof,
Wer hat die Klinke draußen, dort gespürt,
Wer rief dich?

Ich öffnete das Fenster. Niemand dort.
Kein Schritt bewegte da den Sand -
Der Wind vielleicht erschütterte die Klinke.

Und doch! Doch kommt die Stunde,
Wo ich auch meinen Namen schon vergesse,
Und werfe keinen Schatten an die Wand.