Gedichte von Talvik

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Heiti Talvik,
Estland 1904-1947

              Untergang
(Aus dem Estnischen übersetzt von Paul Kuuse)

Bald nimmt niemand in den Schoße
Sanfte Rosen von den Matten.
Überm Armenhaus und Schlosse
Aschfahl hängt des Todes Schatten.
Hören Krähen Winde rollen,
Krankheit rufen ihre Scharen.
War des Toten Bauch geschwollen -
Doch die Augen silber waren.

Scheu der Zaubrer mit Gesichte
Fluchet, schimpfet Himmelsterne.
Auf der Heid', im Aschenlichte
Kopflos läuft ein Pferd zur Ferne.
Schall der Kirchenglocken kalten
Nicht mehr zu dem Gotte laufet.
Bruder, Brötchen zu erhalten,
Seinen Bruder schon verkaufet...

Jetzt, wenn Freunde Schwerte heben,
Brüder nach den Brüdern schleichen,
Müsst dem Feind ihr Gnade geben -
Stück aus letztem Brot ihm reichen.
Denn wo kann kein Kampf sich wenden,
Messer schleift man wütend, leise -
Helfen wir mit unsren Händen
Letztem Bettler, letzter Waise.

Biegsam denken wir wie Schlangen;
Wenn zu End' sind Lebenstage,
Werd ich Nachbars Last empfangen -
Lächelnd dann ich diese trage.
So nur unser Schmutz ja kehret
Weg von unsrer Seele Speicher;
Das Gebeten dann verkläret
Und zum Gott es hebt sich reicher.