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Sommer
Die Wetterfahne
Du auf deinem höchsten Dach, Ich in nächster Nähe; Doch die wahre Liebe, ach, Schwankt in solcher Höhe, Du in deinem Herzen leer, Ich in blindem Wahne - Dreh dich hin, dreh dich her, Schöne Wetterfahne!
Unterhaltend pfeift der Wind, Saust uns um die Ohren; Von des Himmels Freuden sind Keine noch verloren! Glaubst du, daß verliebt ich bin, Weil ich dich ermahne? Dreh dich her, dreh dich hin, Schöne Wetterfahne!
Drehn wir uns auf hohem Turm Immer frisch und munter! Ach, der erste Wintersturm Schleudert dich hinunter.
Wenn dann auch verflogen wär, Was ich jetzt noch ahne... Dreh dich hin, dreh dich her, Schöne Wetterfahne!
Abschied
Glück und Segen und alles Gute Gieß dir hernieder ein schützender Stern; Könnt ich's erkaufen mit meinem Blute, Oh, wie erkauft ich es dir so gern.
Freu dich sorglos der sonnigen Tage! Klarblauer Himmel verkläret den Blick; Aber mit weicher melodischer Klage Dämpfe die Schmerzen im Mißgeschick.
Durch die Täler und über die Höhen Wandr ich indessen die steinige Bahn; Fernher winkendes Wiedersehen Spornt die ermüdeten Schritte an.
Breitet sich abends dann mir zu Füßen Reich die herrliche Lenzesflur, Drüben die dunklen Berge grüßen Und der Flüsse leuchtende Spur.
Seh ich's alles weit übergossen Von der sinkenden Sonne Glut, Oh, wie wird mir das Herz erschlossen, Dein gedenkend mit neuem Mut.
Dein gedenkend, steig ich zu Tale, Nacht umfängt mich mit düstren Wehn; Aber im Morgensonnenstrahle Weiß ich ein freudiges Wiedersehn.
Konfession
Freudig schwör ich es mit jedem Schwure Vor der Allmacht, die mich züchtigen kann: Wie viel lieber wär ich eine Hure Als an Ruhm und Glück der reichste Mann!
Welt, in mir ging dir ein Weib verloren, Abgeklärt und jeder Hemmung bar. Wer war für den Liebesmarkt geboren So wie ich dafür geboren war?
Lebt ich nicht der Liebe treu ergeben Wie es andre ihrem Handwerk sind? Liebt ich nur ein einzig Mal im Leben Irgendein bestimmtes Menschenkind?
Lieben? - Nein, das bringt kein Glück auf Erden. Lieben bringt Entwürdigung und Neid. Heiß und oft und stark geliebt zu werden, Das heißt Leben, das ist Seligkeit!
Oder sollte Schamgefühl mich hindern, Wenn sich erste Jugendkraft verliert, Jeden noch so seltnen Schmerz zu lindern, Den verwegne Phantasie gebiert?
Schamgefühl? - Ich hab es oft empfunden; Schamgefühl nach mancher edlen Tat; Schamgefühl vor Klagen und vor Wunden; Scham, wenn endlich sich Belohnung naht.
Aber Schamgefühl des Körpers wegen, Der mit Wonnen überreich begabt? Solch ein Undank hat mir fern gelegen, Seit mich einst der erste Kuß gelabt!
Und ein Leib, vom Scheitel bis zur Sohle Allerwärts als Hochgenuß begehrt... Welchem reinern, köstlichern Idole Nachzustreben, ist dies Dasein wert?
Wenn der Knie leiseste Bewegung Krafterzeugend wirkt wie Feuersglut, Und die Kraft, aus wonniger Erregung Sich zu überbieten, nicht mehr ruht;
Immer unverwüstlicher und süßer, Immer klarer im Genuß geschaut, Daß es statt vor Ohnmacht dem Genießer Nur vor seiner Riesenstärke graut...
Welt, wenn ich von solchem Zauber träume, Dann zerstiebt zu nichts, was ich getan; Dann preis ich das Dasein und ich bäume Zu den Sternen mich vor Größenwahn! ---
Unrecht wär's, wollt ich der Welt verhehlen, Was mein Innerstes so wild entflammt, Denn vom Beifall vieler braver Seelen Frag ich mich umsonst, woraus er stammt.
Der Taler
Blitzt der Taler im Sonnenschein, Blitzt dem Kind in die Augen hinein, Über die Wangen rollen die Tränen. Mutter zieht gar ein ernst Gesicht: Vor dem Taler, Schatz, fürchte dich nicht; Nach dem Taler sollst du dich sehnen.
Sieh, mein Herzblatt, auf Gottes Welt Für uns Menschen gibt's nichts ohne Geld, Hätt ich dich, Herzblatt, auch nicht bekommen. Bist noch so unschuldig, noch so klein, Willst doch täglich gefüttert sein, Hast es mir selbst aus der Tasche genommen.
Darfst nicht weinen, bist all mein Glück; Gibst mir's tausendfältig zurück. Sieh, die goldene Sonne dort oben, Brennt sie dir gleich deine Guckaugen wund, Nährt und behütet den Erdenrund, Daß alle Kreaturen sie loben.
Nach der Sonne in goldiger Pracht Haben die Menschen ihr Geld gemacht; Ohne das Geld muß man elend sterben. Sonne ist Glück und Glück ist Geld; Wem es nicht schon in die Wiege fällt, Der muß es mühevoll sich erwerben.
Sieh, mein Herzblatt, den grünen Wald, Drin der Vögel Gezwitscher erschallt; Wie das so lieblich ist anzuschauen! Hast du kein Geld für das morgige Brot, Dir sind all die Vögelein tot, Und der Wald ist ein schrecklich Grauen!
Geld ist Schönheit! Mit recht viel Geld Nimmst du den Mann, der dir wohlgefällt, Keinen Häßlichen, keinen Alten. Sieh, der Reichen Hände, wie weiß! Wissen nichts von Frost und von Schweiß; Haben keine Schwielen noch Falten.
Bei uns Armen ist eins mal schön, Aber nur im Vorübergehn; Morgen schon ist zerrupft sein Gefieder. Oder die Schönheit wird ihm zu Geld; Kommt es hinauf in die große Welt, Steigt es nicht leicht mehr zu uns hernieder.
Kind, hab acht auf wahren Gewinn: Geld ist Freiheit, ist Edelsinn, Menschenwürde und Seelenfrieden. Alles kehrt sich zum goldenen Licht, Warum sollen wir Menschen es nicht? Dir, mein Kind, sei das Glück beschieden.
Der Anarchist
Reicht mir in der Todesstunde Nicht in Gnaden den Pokal! Von des Weibes heißem Munde Laßt mich trinken noch einmal!
Mögt ihr sinnlos euch berauschen, Wenn mein Blut zerrinnt im Sand. Meinen Kuß mag sie nicht tauschen. Nicht für Brot aus Henkershand.
Einen Sohn wird sie gebären, Dem mein Kreuz im Herzen steht, Der für seiner Mutter Zähren Eurer Kinder Häupter mäht.
Zur Verlobung
Das Herz so voll, der Kopf so leer, Ich finde nichts als Worte; Sie tanzen auf, sie taumeln her, Und stets am falschen Orte.
Das findt sich nicht, das reimt sich nicht; Nur wirre Klagetöne. Das gibt mir ewig kein Gedicht An dich, du schlanke Schöne.
Du siehst, ich red auch nur von mir, Statt deiner zu gedenken, Wünsch weder Glück noch Segen dir, Ich wollte dich beinah kränken.
Ich wollt... o Gott, nun geht's nicht mehr. Mein Aug' quillt mächtig über: Ich wollt, daß ich ein andrer wär Und dir ein wenig lieber.
Mein Lieschen
Mein Lieschen trägt keine Hosen Schon seit dem ersten April, Weil sie von der grenzenlosen Hitze nicht leiden will.
Das gibt mir manches zu denken, So dacht ich auch schon daran, Ihr ein Paar Hosen zu schenken Aus duftigstem Tarlatan.
Wie leicht kann sie sich beim Hupfen Erkälten, eh sie's gedacht; Und bleibt ihr auch nichts als ein Schnupfen, Man nimmt sich doch lieber in acht.
Mein Käthchen
Mein Käthchen fordert zum Lohne Von mir ein Liebesgedicht. Ich sage: Mein Käthchen verschone Mich damit, ich kann das nicht.
Ob überhaupt ich dich liebe, Das weiß ich nicht so genau. Zwar sagst du ganz richtig, das bliebe Gleichgültig; doch, Käthchen, schau:
Wenn ich die Liebe bedichte, Bedicht ich sie immer vorher, Denn wenn vorbei die Geschichte, Wird mir das Dichten zu schwer.
Morgenstimmung
Leise schleich ich wie auf Eiern Mich aus Liebchens Paradies, Wo ich hinter dichten Schleiern Meine besten Kräfte ließ.
Traurig spiegelt sich der bleiche Mond in meinem alten Frack; Ach die Wirkung bleibt die gleiche, Wie das Kind auch heißen mag.
Wilhelmine, Karoline, 's ist gesprungen wie gehupft, Nur daß hier die Unschuldsmiene, Dort dich die Routine rupft.
Der Prügelheini
Der Prügelheini, der ist mein Mann, Der ist eine Menschenplage; Der prügelt, was er mich prügeln kann, Die Nächte sowie die Tage.
Heut mittag stürzt er noch auf mich los: "Du bist mir untreu gewesen! Das steht in Buchstaben riesengroß Auf deiner Stirne zu lesen!" -
"Bei Gott, mein Heini, dir blieb ich treu! Sonst steht mir nichts auf der Stirne." - Da schwang er seinen Prügel aufs neu: "Dich schlag ich nieder, du Dirne!" -
Und als ich ihm zitternd zu Füßen sank, Ich ärmste von allen Frauen, Da warf er mich hin auf die Gartenbank Und hat mich zusammengehauen.
Die Symbolistin
Dein Auge brennt, dein Atem fliegt, Blaß bist du wie der Tod; Und frag ich dich, woran das liegt, Du wirst wie Blut so rot.
Dein Auge senkt sich grambesiegt, Die Wimper glitzert naß; Und frag ich dich, woran das liegt, Du wirst wie Marmor blaß.
Der Symbolist
Eine mondbestrahlte, blasse Hand Wand sich nachts aus seinen weißen Decken, Daß, gelähmt in stummem, starrem Schrecken, Er nur mühsam sich hinweg gewandt.
Jene blasse, mondbestrahlte Hand Kehrte manchmal wieder - und im Weichen Schrieb sie sich in geisterhaften Zeichen In sein schreckensbleiches Nachtgewand.
Neue Liebe
Du Mädchen in des Lebens vollster Pracht Hast mich zu lichtem Flammenmeer entfacht; Das züngelt blutig bis ans Sternenzelt, Von keinem Blick behütet und bewacht.
Und faßt die Flamme nicht die ganze Welt, Wie dich und den, der dich umfangen hält? Ein einz'ger Zwieklang durch den weiten Raum, Der Jubel der vereinten Schöpfung gellt.
Vergangenheit wird uns ein düstrer Traum, Am Horizont ein schwarzer Wolkensaum. Doch auch das Glück, daraus mein Lied erschallt, In seiner Göttlichkeit noch faß ich's kaum.
Bis daß mich deine irdische Gestalt, Bis daß mich deiner Sinne Glutgewalt Von jedem dumpfen Traumgewirr befreit Durch nie geträumter Freuden Wirklichkeit.
Lebensregel
Du kannst einzig mit dem Guten Dauernd gut Geschäfte machen. Schlechte schuften und verbluten, Schwindler jubeln und verkrachen.
Auf der ganzen Erde Gottes Wird die Pflicht das Glück beneiden - Doch am schönsten ist ein flottes Todesringen zwischen beiden.
Nur beherzige die Lehre Von der Wiege bis zum Grabe: Der Besiegte hat die Ehre, Den Besieger ehrt die Habe.
An Elka
Elka, länger kann ich mich nicht halten, Meine Sinne toben allzu wild; Und in allen weiblichen Gestalten Seh ich schon dein Götterbild!
Auch im Traum bist du mir schon erschienen, Dich entkleidend; oh wie ward mir da! Schwindlig ward mir hinter den Gardinen, Als ich deinen Busen sah.
Meine beiden Knie wurden brüchig, Von der Stirne triefte mir das Fett. Als das Hemd du abgetan, da schlich ich Wonneschauernd an dein Bett.
Mach, daß dieser Traum sich bald erfülle; Mach, erhabne Königin, Daß bei dir ich vor Behagen brülle, Nicht vor Wut, weil ich dir ferne bin.
Einkehr
Du stille Friedhofmauer, Scheu tret ich bei dir ein. Willst du nicht meiner Trauer Schirmende Heimat sein?
In deinem tiefen Frieden, In deinem kühlen Schoß Wird allen Ruh beschieden, Die krank und ruhelos.
Wo dunkle Stämme ragen Um dichtumkränzten Stein, Fernen vergangnen Tagen Geb ich ein Stelldichein.
Süßselige heilige Schauer Lösen mir Aug und Sinn - Du stille Friedhofmauer, Du meine Beschützerin,
Entflohn dem Weltgetriebe Tret gern ich bei dir ein; Willst du begrabener Liebe Schirmende Heimat sein?
Sommer 1898
Ich, der alte Ahasver, Habe große Eile, Zu verscheuchen wünscht ich sehr Ewig lange Weile: Lenke wieder meine Bahn, Endlos mir beschieden, Nach dem alten Kanaan Das ich lang gemieden.
Mir ist in der Ferne die Kunde geworden, Es käme gezogen ein Herrscher von Norden, Da setzt es vielleicht auch für mich einen Orden.
Rückwärts schweift mein Auge matt, Reuevoll umdustert, Nach der alten Judenstadt, Drin ich einst geschustert, Derart, daß mich heute noch Gottes Welt verachtet, Weil ich nicht den Braten roch, Eh das Lamm geschlachtet!
Wär jener gekommen, wie dieser kommt heute, Mit stolzem Gepränge und großem Geleite, Ich wäre moralisch gegangen nicht Pleite!
Jener ritt die Eselin, Dieser den Trakehner, Ehr und Glück trägt dieser hin Und sein Leben jener. Durch der Rede reiches Wort Einzig sind die beiden, Und ihr Ziehn von Ort zu Ort Nicht zu unterscheiden.
Was aber hilft tief mir im Busen die Reue! Versagt ich denn jemals dem Herrscher die Treue?! - Am Ende ereilt mich mein Unglück aufs neue!
Kam doch auch zu jener Zeit Unter Kriegerscharen In verbrämtem Purpurkleid Einer angefahren! -- Wenn der andre nun auch jetzt Beim Erlöserwerke Sich vor meine Türe setzt, Ohne daß ich's merke?!
Von ihm stand kein Wort in der Zeitung geschrieben. Ich hätt ihn ja sonst von der Bank nicht vertrieben! Und darin ist alles beim alten geblieben. -
Ja, wir Menschen stolpern blind Durch des Lebens Enge. Oft ist leer wie Schall und Wind Größtes Festgepränge. Irrt man ehrfurchtsvollen Blicks, Ehr und Macht zu suchen, Kommt der Mächt'ge hinterrücks, Einen zu verfluchen! -
Es wechseln nicht nur an der Börse die Größen! - Nichts bleibt uns, inmitten von Püffen und Stößen, Als ununterbrochen das Haupt zu entblößen.
Menschlichkeit
Der Mensch ist nackt geschaffen, ist nackt; Daraus erklärt sich seine Vertracktheit. Wird er vom Wind bei der Wolle gepackt, Dann schämt er sich seiner kläglichen Nacktheit.
Dort, wo es dem rohen Pöbel graut, Sind der Seele zarteste Saiten zu finden; Hat einer gar eine durchschimmernde Haut, Du sollst ihn nicht züchtigen, sondern ergründen.
Ist einer über und über behaart, Dann magst du ihn nach Gefallen bewitzeln. Kitzliche zu kitzeln ist Knabenart; Ein Mann liebt vielmehr den Kitzelnden zu kitzeln.
Gott und Welt
Ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut, Ich fange keine Grillen; Ich kann des Fleisches Durst so gut Wie den der Seele stillen.
Ich schwinge brünstig mich empor Zu Gott in schwacher Stunde; Und werd ich stark, heb ich den Flor Von heiliger Todeswunde.
Weit öffnet sich der Arme Paar Gleich hellen Tempelpforten; Ich knie schluchzend am Altar, Ich bete nicht in Worten.
Brigitte B.
Ein junges Mädchen kam nach Baden, Brigitte B. war sie genannt, Fand Stellung dort in einem Laden, Wo sie gut angeschrieben stand.
Die Dame, schon ein wenig älter, War dem Geschäfte zugetan, Der Herr ein höherer Angestellter Der königlichen Eisenbahn.
Die Dame sagt nun eines Tages, Wie man zur Nacht gegessen hat: "Nimm dies Paket, mein Kind, und trag es Zu der Baronin vor der Stadt."
Auf diesem Wege traf Brigitte Jedoch ein Individium, Das hat an sie nur eine Bitte, Wenn nicht, dann bringe er sich um.
Brigitte, völlig unerfahren, Gab sich ihm mehr aus Mitleid hin. Drauf ging er fort mit ihren Waren Und ließ sie in der Lage drin.
Sie konnt es anfangs gar nicht fassen, Dann lief sie heulend und gestand, Daß sie sich hat verführen lassen, Was die Madam begreiflich fand.
Daß aber dabei die Tournüre Für die Baronin vor der Stadt Gestohlen worden sei, das schnüre Das Herz ihr ab, sie hab sie satt.
Brigitte warf sich vor ihr nieder, Sie sei gewiß nicht mehr so dumm; Den Abend aber schlief sie wieder Bei ihrem Individium
Und als die Herrschaft dann um Pfingsten Ausflog mit dem Gesangverein, Lud sie ihn ohne die geringsten Bedenken abends zu sich ein.
Sofort ließ er sich alles zeigen, Den Schreibtisch und den Kassenschrank, Macht die Papiere sich zu eigen Und zollt ihr nicht mal mehr den Dank.
Brigitte, als sie nun gesehen, Was ihr Geliebter angericht', Entwich auf unhörbaren Zehen Dem Ehepaar aus dem Gesicht.
Vorgestern hat man sie gefangen, Es läßt sich nicht erzählen, wo; Dem Jüngling, der die Tat begangen, Dem ging es gestern ebenso.
Meiner entzückenden Kollegin Mary I.
Von vorn besehn bist du die schönste Maid, Die je mein Herz aus Liebesnot befreit; Doch wenn du halb nur dich zur Seite kehrst, Dann dünkt mich schon, daß du ein Knabe wärst. Drum bleib ich wie dem Glücksrad stets dir nah, Du - Venus Duplex Amathusia!
Marys Kochschule
Daß in deinem Engelsköpfchen So viel Teufelei rumort, Hätt ich nimmer ahnen können; Aber deine Küsse brennen, Wie kein Höllenfeuer schmort.
Deiner Seele heiße Sauce Gießt sich prasselnd auf mich aus; Mit den neusten Apparaten Werd ich Ärmster ausgebraten, Ein bejammernswerter Schmaus.
Schließlich öffnest du die Brust mir Und transchierst mein dampfend Herz, Weidest dich an seinem Pochen, Wie's zerrissen und zerstochen Und in Stücke sprang vor Schmerz.
Eroberung
Ach, sie strampelt mit den Füßen, Ach, sie läßt es nicht geschehn, Ach, noch kann ich ihren süßen Körper nur zur Hälfte sehn; Um die Hüfte weht der Schleier, Um den Schleier irrt mein Blick, Immer wilder loht mein Feuer, Ach, sie drängt mich scheu zurück!
Mädchen, ich will nichts erzwingen; Mädchen, gib mir einen Kuß; Sieh, dich tragen eigne Schwingen Durch Begierde zum Genuß. Ach, da schmiegt sie sich und lächelt: Deine Küsse sind ein Graus; Und mit beiden Händen fächelt Sie der Kerze Schimmer aus.
An eine grausame Geliebte
Hetz deine Meute weit über die Berge hin, Sie kehrt wieder von Schweiß und von Staub bedeckt. Gib ihr die Peitsche, gewaltige Jägerin, Sieh, wie sie dir winselnd die Füße leckt!
Eh der Bann zerreißt, eh die Koppel in Stücke springt, Eh die Brut dir entgegensteht, wenn dein Hifthorn klingt, Eh dein Ohr ihn vernimmt, aus der Seele den dumpfen Schrei, Eh reißen Sehnen und Adern und Herz entzwei.
Schwing deine Peitsche! Dein gellendes Halali Tönt wie des Todes wilder Triumphgesang. Das Auge, blutunterlaufen, sterbensbang, Späht nach dem Wild deiner Lust und erblickt es nie...
Schweig und sei lieb
Als du, mein Held, zum ersten Male mir Im lichterfüllten Saal entgegentratest Und lächelnd, fast mit kindlichem Gezier, Um einen Walzer mich verlegen batest, Weißt du, was in des Morgens Dämmerstunden, Eh dich mein Traum von neuem mir verbunden Ich in mein Tagebuch errötend schrieb? - Schweig und sei lieb!
Und als du gestern mir mit raschen Schritten Nachjagtest - zum Befehl ward mir dein Ruf; Als Kind hätt ich ihn nie so streng gelitten, Da stets nur Trotz er mir im Herzen schuf - Ahnst du, weshalb in fieberheißem Beben, Weshalb ich rettungslos dir preisgegeben, Weshalb ich stracks wie angekettet blieb? - Schweig und sei lieb!
Von Wahnsinnsstürmen ward mein Sinn umhallt, Mein Stolz erstarb, der sonst so siegesfrohe... Begreifst du die dämonische Gewalt, Mein Held? Begreifst du, welch empörte Lohe, Daß sie nicht sengend Herz und Hirn verzehre, Mich dir mein Glück, mein Leben, meine Ehre, Mich dir mein alles hinzugeben trieb? - Schweig und sei lieb!
An Berta Maria, Typus Gräfin Potocka
Wie stapften wir einst als Kinder so stramm Barfuß durch alle Pfützen Und ließen uns den kalten Schlamm Hoch über die Knie spritzen!
Wie einst als Kinder durch Hain und Flur, So stapfen wir heut durchs Leben; Der ganze Schlamm der modernen Kultur Bleibt uns an den Beinen kleben.
Laß dir's nicht schaudern, was ist dabei! Wir scheuen nicht Ottern und Nattern, Solang nur der Kopf und die Brust noch frei Und im Sturm deine Haare flattern!
Unterm Apfelbaum
Lieschen kletterte flink hinauf Bis in die höchsten Äste, Fing in der Schürze die Äpfel auf Ihrer Mutter zum Feste.
Ich lag unten, verliebt und faul, Auf dem Rücken im Grase; Mancher Apfel fiel mir ins Maul, Mancher mir auf die Nase.
Jetzt stand Lieschen auf starkem Ast, Schelmisch sah sie hernieder; Ihres Leibes liebliche Last Wiegte sich hin und wieder.
Innig umschlungen hielten sich Splitternackt ihre Füße, Taten sich auf und befühlten sich - Winkten mir tausend Grüße.
Durch das Röckchen sandte der Tag Seine goldenen Strahlen, Was darunter geborgen lag, Farbenprächtig zu malen.
Schimmernd rings um die weiße Haut Wob sich die gedämpfte Helle; Welcher Meister hat je gebaut Prächtiger eine Kapelle.
Kindlich faltet ich da die Händ', Forderte heiß und brünstig: Was kein irdischer Name nennt, Werde dem Sünder günstig.
Sieh, und am nämlichen Abend schon, Tief in die Kissen gebettet, Wurden der kindlichen Bitte zum Lohn Leib und Seele gerettet.
Schicksal
Stürme durchtoben die bange Brust; Stürmisches Leid und stürmische Lust Sausen hindurch mit schaurigem Wehen, Schleudern mich aus des Mißgeschicks Nacht Auf zu des Glückes sonnigen Höhen. Sprachlos begaff ich die strahlende Pracht Schau ich des Weibes hehre Gestalt, Wie sie die Träume der Jugend verheißen, Und es ergreift mich, mit blinder Gewalt An die pochende Brust sie zu reißen. Sie aber zieht mich auf schwellende Kissen, Preßt mich an ihren üppigen Leib, Und überwältigt von wilden Genüssen Halt ich umklammert das schöne Weib.
Siehe da, gleich einem wogenden Meer Wälzt sich gewaltig das Unglück her. Jäh zerschmetternde Blitze flammen Nieder aus düsterem Wolkenthron; Über dem trunkenen Erdensohn Schlagen die schäumenden Fluten zusammen. --
Als die Sonne wiederum schien, Gleitet ein Nachen darüber hin. Schimmernd steigt aus der Wellen Gischt Ein Regenbogen, der bald erlischt; Von dem Verunglückten fand sich nischt.
Anwandlung
Wüßtest du, Mädchen, wie das tut, Wenn dein Arm in dem seinen ruht, Wenn du an seiner Seite hin Wandelst in weltbeglückendem Sinn! Wüßtest du, wie mich der Anblick foltert, Wie mir der Wunsch in der Seele brennt: Käm doch das himmlische Firmament Über euch beide heruntergepoltert!
Wolken machen sich nichts daraus, Wandern weiter und lachen mich aus, Ob ich euch, ob ich ihnen fluche, Ob ich mich selbst zu erdrosseln suche - Schließlich nach langem qualvollem Bangen Reichst du mir flüchtig die zuckende Hand, Und das verwickelte Rosenband Hält mich verdoppelt fester umfangen.
Kennst jene Hütte du tief im Wald, Zweier Büßenden Aufenthalt? Rings unter hohen rauschenden Bäumen Wildes Kasteien und tiefes Träumen... Nun ich eben mein Bündel geschnürt, Will mich dieser Gedanke nicht lassen; Ach und mein Hirn mag es gar nicht fassen, Daß mich mein Los schon von hinnen führt.
Albumblatt
Sei er noch so dick, Einmal reißt der Strick. Freilich soll das noch nicht heißen, Daß gleich alle Stricke reißen. Nein, im Gegenteil, Mancher Strick bleibt heil.
Die Keuschheit
Schimmernd fülle sich der Teller, Schimmernd bis zum Rand hinan; Jeder spende seinen Heller Gern dem alten Leiermann. Manch ein Lied hab' ich gesungen, Das euch tief ins Herz gedrungen; Doch ein Lied wie dieses hier Hörtet ihr noch nicht von mir.
Eines Abends in der Messe Lauscht' er hinter ihrem Pult, Mit erzwungner Totenblässe Bat er sie um ihre Huld. Von Madrid bis Kopenhagen Hat er sich herumgeschlagen, Tausend Mädchen schon verführt, Kujoniert und angeschmiert.
Und sie bat, daß Gott ihr helfe, Doch sein Odem war so warm, Und dieselbe Nacht um elfe Lag sie schon in seinem Arm. Weidlich hat er sie belogen, Hat das Hemd ihr ausgezogen; Sie ward rot für ihr Geschlecht, Doch das war ihm grade recht.
Als sie nun die Schmach erlitten, Ward dem Ungeheuer klar, Daß sie engelrein von Sitten Und ihm zu gefühlvoll war. Freilich konnt es ihn beglücken, Eine frische Blume pflücken; Für sein weiteres Pläsier Fehlte die Verderbnis ihr.
Und er war wie umgewandelt, Als ihr nun die Liebe kam; Hat sie so infam behandelt, Daß sie schier verging vor Scham; Stieß sie aus den warmen Kissen, Hat sie nackt hinausgeschmissen, Warf ihr ihre Kleider nach, Schloß die Tür mit einem Krach.
Auf dem Vorplatz unter Tränen Zog sie sich die Strümpfe an, Fluchte ihres Herzens Sehnen Und verzieh dem rohen Mann; Drauf ging sie in ihre Kammer, Dort sank sie aufs Bett vor Jammer. Schlug mit beiden Fäusten sich Wund und weinte bitterlich.
Ist's nicht wirklich ein Entsetzen, Daß es solche Männer gibt, Die sich nicht mal mehr ergötzen, Wo ein andrer kindlich liebt. Weil sie ihre Liebe suchten Bei den H-, den verfluchten, Ist der Seele Klang verdumpft, Ihr Empfinden abgestumpft.
In dem nächtlich stillen Garten Sitzt die keusche Maid voll Gram, Liebelechzend zu erwarten Den Geliebten, der nicht kam. Ach, sie meint, er müsse kommen, Doch die Sterne sind verglommen Und der sanfte Mond verblich, Ohne daß ihr Kummer wich.
Und nun ward ihr immer schlimmer, Immer toller jeden Tag, Und sie lief ihm auf das Zimmer, Als er noch zu Bette lag; Sagt ihm gleich, wozu sie käme, Daß er sie zur Dienstmagd nehme. Wenn sie seiner Lust zu schlecht, Alles, alles sei ihr recht.
Aber dieser Fürchterliche Hatte keinen Trost für sie Als verdrehte Bibelsprüche Voll gesalzner Ironie; Sich an ihrer Scham zu weiden Zwang er sie, ihn anzukleiden, Macht sie dabei, ohne Not, Immer wieder purpurrot.
Als den Schlips sie ihm gebunden, Gab der Mensch ihr einen Tritt Und ein Schimpfwort ihrer wunden Seele auf den Heimweg mit. Doch als sie den Hut genommen, Spielt er plötzlich dann den Frommen, Sah sie an und sagte: Du, Heute abend Rendez-vous!
Und sie trat am selben Abend Wieder in die Wohnung ein, Einen Strauß am Busen habend, Denn sie wollte lieblich sein. Gleich riß er ihn ihr vom Kleide, Überreicht' ihn voller Freude Einer Dirne, rotgelockt, Die geschminkt im Lehnstuhl hockt.
Drauf tät er sie zärtlich bitten, Aufzulösen sich ihr Haar; Jene hat's ihr abgeschnitten, Daß sie wie ein Knabe war. Dann mußt sie das Kleid ablegen, Ging einher, zum Herzbewegen: Schuhe, Strümpfe, Höschen, Hemd, Und der Scheitel links gekämmt.
Nun erhob sich die geschminkte, Dekolletierte Schandperson, Schlecht verbergend, daß sie hinkte, Denn sie trieb es lange schon: Komm, mein Page, und enthülle Meiner Reize Zauberfülle Diesem schönen jungen Herrn; Ach, er hat mich gar zu gern!
Und sie tat es ohne Zucken, Zog ihr selbst die Strümpfe ab, Mußte all die Dünste schlucken, Die das Scheusal von sich gab. Mehrmals, bis das Werk vollendet, Hat sie stumm den Kopf gewendet. Hustete aus tiefster Brust, Wurde beinah unbewußt
Alsdann kam an ihn die Reihe, Was ihr nicht so gräßlich war; Leise wimmernd macht das treue Kind ihn aller Kleidung bar; Wollt ihm noch die Füße küssen Doch er hat sich losgerissen. Und nun gab der edle Wicht Ihr in jede Hand ein Licht.
So mußt sie sich aufrecht stellen. Wo der Vorhang offen hing, Um das Schauspiel zu erhellen, Das vor ihr in Szene ging. Durch die Bosheit angefeuert, Hat er mehrmals es erneuert, Immer tiefern Höllenschmerz Bohrend in des Kindes Herz.
Treulich tät sich ihm vereinen Das entmenschte Schauerweib, Fand am Jammerblick der Kleinen Teuflisch süßen Zeitvertreib, Heuchelt, ihr ins Herz zu schneiden, Außerordentliche Freuden, Fraß mit Schluchzen und Geschrei Einen Apfel auch dabei.
Als die Roheit sondergleichen Keinen neuen Reiz mehr bot, Ließ man sich die Kleider reichen, Stellte sich dabei halb tot. Nichts als Püffe, nichts als Tritte Spürt das Kind bei jedem Schritte. Drauf löscht er die Lichter aus, Führt die Schandperson nach Haus.
Kommt zurück nach langer Pause, Und das Mädchen ist noch da, Denn sie wagt sich nicht nach Hause, Weil sie so verändert sah; Bat ihn, daß sie bleiben könnte, Was er ihr denn auch vergönnte; Ach, sie dachte nicht daran, Was der Schreckensmensch ersann.
Nachdem er zu Bett gegangen, Winkt er sie vom Diwan her, Überreicht ihr einen langen Scharfgeladenen Revolver. Bittet kühl um den Gefallen, Ihn sich vor den Kopf zu knallen, Denn die Wirkung sei famos, Und er sei sie endlich los.
Ohne etwas zu entgegnen, Hob sie sich ihn an die Stirn, Tät noch ihren Mörder segnen Und durchschoß sich das Gehirn. Lächelnd schmaucht er die Zigarre Zum Entstehn der Totenstarre, Geht dann, seiner Schandtat froh, Nach dem Polizeibüro!
Und nun hat sie ausgelitten, Diese Maid, die treu geliebt, Dabei engelrein von Sitten, Wie es keine zweite gibt. Alle möge Gott verfluchen, Wenn sie seine Gnade suchen, Denn sie liebten nur das Fleisch; Diese starb im Herzen keusch.
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