Weerth

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Biografie

Seite 2

            Die Liebe

Kein grösser freud auf erden ist
denn der bei seiner liebsten ist,
bei seiner liebsten alleine;
der mag wol reden was im gebrist
und was im in seinem herzen gelüst,
freundlich tun sie anschauwen.
Volksl. Uhland I Nr. 60

               I

Die goldne Sonne hat
Sich nun hinwegbegeben,
Und über der grauen Stadt
Die Abendwolken schweben.

Die Glocken, groß und klein,
Geben ein lieb Geläute -
Laßt nun die Arbeit sein,
Es ist genug für heute.

                   II

Ich sang und sang ein kleines Lied
Und bracht's doch nie zu Ende;
Da wurd ich traurig, still und müd,
Und faltete die Hände.

Ich weiß nicht, was ich weiter tat,
Bin lange wach geblieben,
Doch weiß ich, daß ich sorglich bat
Für alle, die sich lieben.

                  III

Es kam der Herbst gegangen,
Da schwand der Wälder Pracht;
Die letzten Lieder sangen
Zwei kleine Vögel über Nacht.

Die ziehn mit stillem Leiden
Nun immer morgenwärts;
Denn hart ist alles Scheiden -
Auch für ein kleines Vogelherz.

                 IV

Ich träumte von einer Taube
Und einem Falken scheu;
Die saßen in einer Laube
Und schwuren sich ewigliche Treu.

Es klang das Morgengeläute,
Vorüber war die Nacht.
Ich wußt nicht, was es bedeute -
Da hab ich an dich und mich gedacht.

                     V

Mit Myrten wolln wir schmücken
Deine Stirne, so rein und licht,
Und wollen dir Küsse drücken
In dein liebes Angesicht.

Und wolln die Hände falten
Und sprechen ein klein Gebet;
Und wollen dich lieb behalten,
Bis die Sonne untergeht.

                       VI

Komm, Lieb, und deinen Gram vergiß!
Laß leuchten mir deiner Augen Schein.
Ich habe dir oft gesagt: Gewiß,
Gewiß, wir werden noch glücklich sein!

              VII

Im wundervollen Lenze,
Wenn lind die Lüfte wehn,
Da rauschen Blumenkränze
Auf Hügeln und auf Höhn.

Wir bringen dir den schönen,
Aus dem die Myrte schaut;
Der soll die Stirne krönen
Einer holden jungen Braut.

                VIII

Die goldne Morgenröte fliegt
Schon über Berg und Wald.
Steh auf, wer bei Feinsliebchen liegt,
Der junge Tag kommt bald!

Doch wer ein schönes Weibchen hat,
Der eile nicht so sehr -
Ich wollt, daß ich an seiner Statt
Ein halbes Stündchen wär!

                     IX

O daß ich dich zu trösten wüßte!
Ich will ja alles und alles gestehn.
Sieh, daß ich das kleine Gretchen küßte,
Gewiß, es war ein reines Versehn.

Es war so dämmrig unter den Linden,
Ich wußte selbst nicht, wie mir geschah;
Ich hoffte nur dich, nur dich zu finden,
Und fand und küßte das Gretchen da.

Und ach, es war nur ein kleines Küssen,
Und ich sorge, daß niemand es sonst erfährt;
Und gewiß, du wirst mir vergeben müssen -
Du hast das Küssen ja selbst mir gelehrt.

                       X

Die Blume starb auf eis'gen Feldern,
Mein einsam Herz ist dumpf und schwer,
Ich bin ein Adler in öden Wäldern,
Eine arme Möwe auf wüstem Meer.

O laß den Frühling wieder tönen,
Du lieber Gott, und meinen Sinn -
O tröste ihn mit einer schönen
Ja Möwin oder Adlerin!

                  XI

Es sind wohl über der Stadt
Die Abendglocken erklungen.
Des Küsters Töchterlein hat
Sie mit weißer Hand geschwungen.

Als der erste Ton erklang,
Da sah ich hinter dem Walde,
Wie die leuchtende Sonne sank -
Und Nacht lag über der Halde.

Der zweite tönte darauf;
Da zogen viel muntere Sterne
Den dunklen Himmel herauf
Und blitzten in duftiger Ferne.

Den letzten hörte ich nicht -
Ihn holten die Abendwinde.
Ich küßte ein rosig Gesicht,
Und über uns rauschte die Linde.

                   XII

Ich liebe dich wie mein Leben,
Ich liebe dich alsosehr;
Ich möcht einen Ring dir geben
Von Golde und Steinen schwer.

Ich möcht alle Blumen pflücken
Auf schimmernden Bergeshöhn,
Deine liebe Stirne zu schmücken
Und deine Locken schön.

Ich möcht alle Vögel bringen
Aus Wiese, aus Berg und Wald:
Die sollten mir klingen und singen
Von deiner schönen Gestalt!

                XIII

Wenn der Morgenstern glänzt
Und das Morgenrot glüht:
Da weiß ich, wer singend
Ins Tal hinabzieht.
Da weiß ich, wer reitet
Zum frischgrünen Grund,
Da weiß ich, wer küßt
Einen frischroten Mund!

Du Herzallerliebste,
Du lustiges Kind,
Mach auf deine Hütte,
Laß ein mich geschwind!
Deiner Augen Gefunkel,
Deiner Locken Geroll
Macht Dumme verständig,
Verständige toll!

Für dich schlägt mein Herz!
Für dich blitzt mein Schwert!
Für dich laß ich tanzen
Mein nußbraunes Pferd!
Für dich litt ich willig
Spott, Schande und Not!
Für dich lief ich barfuß
Durch Hölle und Tod!

Drum auf deine Hütte!
Laß wallen dein Haar!
Laß leuchten dein Auge,
Dein Auge so klar!
Ich preß an die Brust dich,
Ich schwinge den Stahl -
Vielleicht daß ich küß dich
Zum letzten Mal.

                   XIV

Ich möchte wandern an die Lahn,
Wohl an die Lahn zur Stunde,
Wo auf den Wellen kreist der Schwan,
Wo auf den Dörfern singt der Hahn
Mit hoch prophet'schem Munde.

Wo lind die Luft, wo klar die Flut,
Wo träumerisch das falbe,
Das falbe Roß im Grase ruht,
Wo oft den Flug ins Freie tut
Die Taube und die Schwalbe.

Wo mittags aus dem Laubgewind
Die braunen Hirsche sehen,
Wo still die weiten Täler sind,
Wo flüsternd wohl im Abendwind
Die jungen Buchen wehen.

Wo hoch vom Berg die Rebe sieht
Mit Ranken grün und krause,
Wo wild die rote Rose glüht
Und wo die schönste Tochter blüht
In einem weißen Hause.

                    XV

Der Turm, der aus dem Dorfe ragt,
Erhebt der Glocken hell Getön;
Und neulich hat mir Franz gesagt,
Er sagte mir: ich wäre schön.
Wie das nun kommt, gern wüßt ich's bald -
Bin doch erst sechzehn Jahre alt.

Franz ist ein wilder Junge, traun!
Denn gestern in der Dämmerung,
Da sprang er übern Gartenzaun
Und küßte hurtig meinen Mund.
Und wie's geschah, ich weiß es nicht -
Franz hat ein allerliebst Gesicht.

Franz hat mir diesen Ring geschenkt
Und dieses Kreuz an rotem Band!
Er hat's mir selber umgehängt,
Und als ich sinnend vor ihm stand,
Viel seltsam Fragen macht' er da,
Und ich, ich glaub, ich sagte: Ja!

Ich weiß nicht, was ich ihm gesagt!
Genug, der Abend war so schön,
Der Turm, der aus dem Dorfe ragt,
Erhub der Glocken hell Getön;
Und ich, ich ging nach Haus und dacht,
Ich dacht an Franz die halbe Nacht.

                      XVI

Maria war von lichtem Scheine,
Sie hatte ein lieb Gesicht.
Das wußten die Burschen am ganzen Rheine -
Maria wußte es nicht.
Sie setzte sich unter die alte Linde,
Sie wand einen vollen frischen Kranz,
Aus Rosen machte sie ein Gewinde
Und sprach: "Nun denk ich an meinen Franz.

Nun denk ich an die stille Stunde,
Wo zuerst er aus dem Walde trat,
Wie er mich drüben im Wiesengrunde
Um meine blaßblaue Schleife bat;
Wie er mich in die Dorfesschenke
An seinem Arm geführt zum Tanz,
Und wie wir getanzt - ach Gott, ich denke,
Ich denke nur immer an meinen Franz.

An meinen Franz! Wie im schmucken Kleide
Als Soldat er vor die Tür gesprengt,
Wie er geküßt meine Lippen beide
Und von Gold mir diesen Ring geschenkt;
Und wie er am Roß mich emporgehoben,
Das Auge voll Tränen ganz,
Wie die Waffen geklirrt und die Reiter stoben
Hinweg - und hinweg mein Franz!

Und wie ich die langen Winternächte
In Kummer verlebt und immer gedacht:
Wo er weilen möcht, ob er mein gedächte -
Bis zum Rhein man die blutige Locke gebracht.
Bis alle kamen - nur nimmer der eine!" -
Da ward sie still, ihr entsank der Kranz.
Aufrauschte die Erle im nahen Haine,
Und sie weinte um ihren toten Franz.

                      XVII

Sie sah in den Wolken das Abendrot,
Da kam ihr Herz in große Not.

Sie machte sich hurtig auf den Weg,
Wohl durch den Garten, wohl über den Steg.

Und als sie kam durch den Tannenwald:
Sie meinte, sie säh eine weiße Gestalt.

Und als sie rasch durch die Erlen schritt:
Sie meinte, stets liefe noch jemand mit.

Und als sie sprang an der Weide vorbei:
Auffuhren die Rosse mit wildem Schrei!

Und als sie vorüberjagte am Moor:
Da huschte ein schwarzer Vogel empor.

Und als sie die Lichter im Dorfe schaut':
Da bellten die Hunde so laut, so laut.

Und als sie genommen zur Kirche den Lauf:
Die Uhr hörte mitten im Schlagen auf.

Und als sie rannte zur Hütte drauf:
Da flogen die Türen von selber auf.

Und als sie fragte, welch Leid geschehn:
Da wollte kein Mensch ihr Rede stehn.

Und als sie fragt', wer erschlagen wär -
Da trug man den toten Knaben daher.

                    XVIII

Wo in den Buchen säuselt der Wind
Hoch auf den sieben Bergen hie,
Da wohnte das feine Bauernkind,
Die schöne Mimilie.

Da tanzte sie durch den lichten Wald
Und ließ die braunen Haare walln,
Und sechzehn Jahre wurde sie alt
Wohl unter Rosen und Nachtigalln.

Sie blickte keck in die Wolken hinein,
Da jauchzten die Falken mit wildem Schrei!
Sie blickte hinab in den grünen Rhein:
Und stolzer rollten die Wogen vorbei!

Und stolz auf die rheinische Dirne sah
Der Winzer im Feld und der Ferge im Kahn,
Und von Königswinter bis Honnef, da
Hat manch armen Jungen sie's angetan.

Und die Kunde drang durch das ganze Land,
Und jeder wollte die Schöne sehn.
Es ließ der Student den staub'gen Foliant
Und kam und konnte nicht widerstehn

Und vergaß den Horaz und den alten Homer
Und dachte an sie nur und nur an sie! -
Und zog durch die sieben Berge daher
Und lobte die schöne Mimilie. -

O Lust, o Liebe im frohen Mai,
Wie ist so schnell dein Zauber verblüht!
Es hallten die Berge von Wehgeschrei,
Als ach die schönste der Rosen schied.

Da hörte der Falke zu jauchzen auf,
Und die Blumen starben entblättert all,
Dumpf brauste der Rhein den alten Lauf,
Und es schwieg im Walde die Nachtigall.

Und der Winzer sah ernst in die Nacht hinaus,
Und es sanken dem Fergen die guten Händ,
Und zu Bonn im hochgegiebelten Haus
Saß traurig wieder manch treuer Student.

                        XIX

Über die Berge klang ein Klagelied:
Die Schwalbe war's, die von der Heimat schied.
Sie hob sich hoch empor im Abendsonnenbrand -
Zu schaun noch einmal ihrer Jugend Land.

Da war verwelkt der Auen frischer Flor,
Verdorrt die Rebe über grauem Tor,
Entlaubt der Linden lustiges Gezweig,
Verweht die Rose in des Gartens Reich.

Kalt blies der Nachtwind durch des Dorfes Raum,
Und vor dem Haus, wo an des Daches Saum
Sie einst geweilt - ach, bitter weinte da,
Die sie im Frühling lieblich lächeln sah,

Die einst sie lächeln sah, die schönste Maid -
Der Winter kam, und ach, es kam das Leid.
Und durch die Lüfte klang das Klagelied
Der Schwalbe da, die von der Heimat schied.

                   XX

Es weht schon durch die Gassen
Der kühle Abendwind,
Und ich bin ein verlassen,
Ein armes Menschenkind.
Ich sah den Mond erscheinen,
Der durch die Wolken bricht,
Und weiß nicht: soll ich weinen,
Oder wein ich lieber nicht.

Gott grüß dich, alte Schenke,
Mit deinem runden Schild;
O gib ein gut Getränke,
Das meinen Kummer stillt;
Daß balde ich versetzet
Ins Land der Träumerein,
Wo sich das Herz ergetzet
An buntem Märchenschein.

Da draußen rauscht die Erle
Und pocht ans Fenster leis,
Hier innen steigt die Perle
Im Glase silberweiß.
Das ist der Wein, der mählich
Das arme Herz beglückt
Und mich so zauberselig
Der Erde ganz entrückt.

Von hohen Linden träum ich,
Die auf den Wiesen stehn,
Die Gipfel blütensäumig
Im Mondenglanze wehn.
Sie werfen ihren Schatten
An Quellen frisch und klar,
Dort tanzt auf grünen Matten
Die leichte Elfenschar.

Es thront die Königinne
In ihres Lagers Rund,
Der zuckt die glühnde Minne
Um Wang und Rosenmund,
Der leuchtet in den Blicken
Ein blaues Sternenlicht,
Und schöne Locken nicken
Hinab in ihr Gesicht.

Die schwebenden Gestalten,
Wie sind sie schlank und zart,
In ihren Händen halten
Sie Blumen seltner Art.
Um nackte Schultern rauschen
Die luft'gen Schleier weit,
Und üpp'ge Glieder lauschen
Aus knappem Seidenkleid.

Sie drehn die kleinen Füße
Nach süßer Melodei
Und winken schnelle Grüße
Und huschen rasch vorbei;
Sie ringen und umschlingen
Sich mit den Armen hold,
Sie küssen sich und schwingen
Das volle Lockengold.

Sie singen wundertönig,
Sie singen hell und rein -
Und ich will euer König,
Ihr Elfenkinder, sein.
An blühenden Lindenbäumen,
In stiller Mondenpracht,
Da will ich lieben, träumen
Mit euch die ganze Nacht.

Ha, wenn auf zarter Lippen
Hellglühndem Purpursamt,
Den süßen Tau zu nippen,
Mein wildes Küssen flammt,
Da sinkst du Königinne
Herab von deinem Thron -
Es siegt mit seiner Minne
Der kühne Erdensohn!

Da wacht' ich auf - es gingen
Die Schenkenlichter aus,
Mit Lachen und mit Singen
Zog jeder Gast nach Haus.
Die Nacht lag auf den Gassen,
Kalt pfiff vorbei der Wind,
Und ich war ein verlassen,
Ein armes Menschenkind.

               XXI

Die Frühlingswolken wehen,
Das Tal ist frisch und grün,
Ob auf den nächsten Höhen
Wohl schon die Reben blühn?

Schon lange ist's, gar lange,
Da hab ich sie gepflanzt,
Dort wo am Bergeshange
Bei Nacht die Elfe tanzt.

Ich bat um ihren Segen,
Ich flehte: "Lichter Geist,
O möchtest du doch pflegen
Die junge Saat zumeist.

Du lockst die Morgenwolke,
Daß sie sich rauschend senkt,
Daß sie dem Blumenvolke
Den sanften Regen schenkt.

Denn deine Kinder sind sie,
Die Blüten rot und weiß,
Du schlingest zum Gewind sie
Mit Knospe, Blatt und Reis.

O sieh auch meine Reben
Mit holdem Auge an,
Daß mir im Herbste beben
Viel goldne Trauben dran."

So sprach ich, und erfüllet
Ist, was ich einst gedacht,
Mein Sehnen ist gestillet:
Denn lieblich über Nacht,

Als sich ein Meer ergossen
Von Blüten rot und weiß,
Erhuben alle Sprossen
Ein junges Blütenreis,

Und duftend ziehn die Ranken
Zum Himmel ihre Bahn,
Sie winden an den schlanken
Burgtürmen sich hinan.

Mich deucht: nach stillem Grüßen
All ihr Verlangen geht,
Den Rosenstrauch zu küssen,
Der hoch im Erker steht.

                 XXII

Das ist der Mai, der Junker Mai,
Er kommt in grünem Kleide;
Die Vöglein singen juchhei, juchhei,
Aus ist's mit unserm Leide.

Das ist der Mai, der Junker Mai,
Er kommt mit Veilchen und Rosen;
Nun laßt uns singen juchhei, juchhei,
Und laßt uns küssen und kosen.

Nun laßt uns küssen manch schönen Mund
Hinauf und hinab am Rheine,
Und laßt uns drehen im Wiesengrund
Zum Tanze die lustigen Beine.

                        XXIII

Dich lieb ich, und ach, kann es ändern nicht,
Ich liebe dich um dein schön Gesicht,
Ich liebe dich um deine zarten Brüste
Und weil ich dich dreimal küßte, küßte!

Ich ging zum Dome, da sah ich bald
Deine braunen Haare, deine edle Gestalt,
Du trugst unterm Kinn drei blaue Schleifen
Und ein faltiges Kleid mit roten Streifen.

                     XXIV

Sie zog ihre weißen Strümpfe an,
Sie steckte den Fuß in den kleinen Schuh,
Und als sie das Röcklein angetan,
Da band sie's mit blauen Bändern zu.

Und schaute dann in den Spiegel voll Hast
Und schaute von dieser und jener Seit
Und hätte sich, ach, verwundert fast
Ob ihrer eigenen Lieblichkeit.

Denn schwarz war ihr Haar wie die schwarze Nacht
Und licht ihre Stirn wie der lichte Tag
Und röter der Mund wie Rubinenpracht -
Und der Schelm ihr in beiden Wangen saß.

Und wie zwei Hügel wölbten sich,
Wohl schöner als bei Elfen und Feen,
Zwei Brüstelein also wonniglich
Wie je ein Menschenkind gesehn.

Und die Augen blitzten! Und also schlank
Flog sie bald im Tanze herum.
Vor Liebe wurden die Jungen krank,
Und die alten Leute wurden dumm.

Und der reiche Mann vergaß sein Geld
Und der arme Mann seinen Kummer ganz,
Und der Bauer vergaß sein Pflug und Feld
Und der Pfaff sein Kreuz und Rosenkranz.

Aus den Nestern schauten die Schwalben klug,
Und es stieg der lange Storch vom Dach,
Und der hölzerne Sankt Peter schlug
Vom Gesims herunter und zerbrach.

Und die Säufer hielten im Trunke ein,
Und die Schwarzwälder Uhren blieben stehn.
Und also tanzte ihr flinkes Bein,
Daß die Sonne fast mochte nicht untergehn.

                           XXV

Schön warst du, wandelnd auf grünem Plan.
Die Nachtigall sang, und die Rosen sahn
Erstaunt ihre liebliche Schwester an -
Und schön warst du, wandelnd auf grünem Plan.

Schön warst du, kniend in des Domes Chor.
Du hobst aus des Schleiers düsterm Flor
Betend die weißen Hände empor -
Und schön warst du, kniend in des Domes Chor.

Schön warst du, tanzend um Mitternacht
Mit dem kleinen Fuß - hell hast du gelacht
Und hast mich bankrott und verrückt gemacht-
Und schön warst du, tanzend um Mitternacht.

Und schön bist du stets! Ja lieblich und schön!
Vor Gott und Beelzebub bist du schön!
Schön bist du, was du auch treibst und tust -
Doch am schönsten, wenn du im Arme mir ruhst.


             Der Wein

Und dem Weisen ist zu gonnen,
Wenn am Abend sinkt die Sonnen,
Daß er in sich geht und denkt,
Wo man einen Guten schenkt.
Volkslied

                     I

Der Gott, der uns die Rebe gab,
Der hat uns auch geheißen:
Zu trinken bis ans kühle Grab
Den Roten wie den Weißen.

                    II

Es liegt die Welt voll Sonnenschein,
Die grünen Wälder winken.
Wir wolln in einem guten Wein
All unser Leid vertrinken.

Der Wein erfrischt das alte Mark,
Trink nun den Wunderkühlen!
Du wirst dich wie ein Simson stark
In deinen Knochen fühlen.

                III

Du blondgelockter Kleiner,
Geh, sage deinem Herrn:
Ein Fläschlein Nierensteiner,
Den tränk ich gar zu gern.

Du bist ein schönes Kind,
Du blondgelockter Kleiner -
Geh, hole mir geschwind
Ein Fläschlein Nierensteiner!

               IV

Die Sonnenrosse lenken
Schon in das Meer hinein -
Wie wär es, wenn wir tränken
Einen guten, kühlen Wein?

Den weißlichen vom Ätna,
Den dunklen von Bordeaux;
Sprecht! Oder seid ihr etwa
Bei rheinischem Weine froh?

                 V

Ich bin noch gar so jung
Und liebe schon den Trunk.
O heiliger Sankt Peter,
Was wird aus mir erst später,
Was wird aus mir erst werden, ach,
Wohl über Jahr und Tag!

                 VI

Spräch einer jetzt: "Mein Sohn,
Wir geben dir zum Lohn
Venedig und Milano -
Treibst du den Trunk piano!"
Ich spräche: "Gottes Wunder, nein,
Bringt mir 'ne Kanne Wein!"

                   VII

Das Werthchen, das grüne Eiland,
Das liegt im Rhein, bei der Stadt,
Das kennt wohl jeder, der weiland
Zu Köln geliebet hat.

Dort saßen wir oft und lallten
Viel fromme Abendgesäng;
Die Domesglocken schallten
Herüber mit ernstem Gekläng.

Die vollen Römer blickten
Smaragdenen Augs uns an;
Die kölnischen Banner nickten
Von Türmen und Altan.

Die kölnischen Banner winken
Mit rot und weißem Schein,
Und die Leute in Köln, die trinken
Viel roten und weißen Wein.

              VIII

In lauen Sommernächten,
Wo alles wundersam,
Da war es, daß wir zechten
Bis daß der Morgen kam.
Ein Wetterleuchten zuckte
Bisweilen übern Rhein;
Das stille Mondlicht blickte
In unsre Becher hinein.

Es sang mit süßem Schalle
Im tiefen Stromestal
Die schöne Nachtigalle
Von ihrer Liebesqual.
Und um die Berge flogen
Die Nebel wunderbar:
Als käme angezogen
Eine luftige Geisterschar.

Die Lindenzweige rauschten
Um unsern Tisch herum:
Wir horchten und wir lauschten
Und wurden still und stumm.
Wohl halb im Traume blickten
Wir in den grünen Rhein;
Und bückten uns und nickten
Und schlummerten endlich ein.

                    IX

Der Wein ist mein Vergnügen!
Ich wollt, das ganze Meer
Wär Wein und ich ein Walfisch,
Der schwömme drüber her.

Die Berge, Felsen, Inseln,
Die säuselten sich voll
Des kühlen Tranks und würden
All miteinander toll,

Und fingen an zu tanzen
In ihrer großen Kraft:
Der Nordpol und der Südpol,
Die tränken Bruderschaft.

In langen Zügen schlürfte
Die Sonne aus der Flut,
Verlöre die Balance
Und jagte fort in Wut,

Ergriffe bei den Schultern
Den alten Uranus,
Zu einem Riesenwalzer
Erhöben sie den Fuß.

Kometen, Monde, Sterne,
Die flögen hinterdrein -
Das würd am andern Tage
Ein Katzenjammer sein!

                    X

Sei still, du sollst nicht traurig sein!
Ich laß die Saiten klingen,
Ich will von Brandeliedelein
Und Parzival dir singen.

Ich will dir bis um Mitternacht
In bunt phantast'schen Bildern
Entfernter Länder Lust und Pracht
Und grüne Meere schildern.

Ich führe dich durchs Hügelland
Hinaus zum blauen Strome,
Wo Burgen ragen übern Strand
Und steingehaune Dome.

Zur Alpe, wo der Adler kreist,
Dem Tannenforst entstiegen,
Zur Stadt, die man Venedig heißt,
Wo prächt'ge Gondeln liegen.

Ich zeige dir im Mondenstrahl
Die Inseln der Hellenen;
Ich will dich mit ins Blumental
Zu frommen Völkern nehmen.

Du sollst dich wiegen auf der Flut
Mit einem schönen Schwane,
Du sollst dich sonnen in der Glut
Erzitternder Vulkane.

Ich will im düstern Lorbeerwald
Das Grab der Dichter sprengen,
Daß die Provence widerhallt
Von tönenden Gesängen.

Du sollst die ew'ge Roma sehn,
Mit Tempeln wild zerrissen;
Du sollst hoch in den Pyrenän
Ein spanisch Mädchen küssen!

Und willst du dennoch traurig sein?
Wohlan, du deutsch Gemüte,
So nimm doch diesen Becher Wein
Und diese Rosenblüte!

                    XI

O Friederich! O Friederich!
Ich war erstaunlich liederlich.
Im rötlichen Wein ist alles verschlemmt,
Der Rock, die Hose, der Hut und das Hemd.

Doch fröhlich bin ich und wunderkühn,
Da nun am Strande die Rosen blühn.
Ich springe hinab in den grünen Strom
Und schwimme vorüber an Burg und Dom.

Ein schmucker Delphin kommt eben daher,
Er trägt mich hinunter ins stille Meer.
Gen Westen ist unser Zug gewandt:
Gott grüße dich, schönes Engelland!

Gott grüße dich, Spanien und Portugal!
Ich fliege dahin auf der Wogen Schwall.
Die Nixe singt und der Haifisch springt,
Ein Möwenlied in den Lüften erklingt.

Dort steigen die grünen Inseln herauf,
Dort nehmen mich freundliche Völker auf.
Und König werd ich zur selbigen Stund,
Dieweil ich am meisten vertrinken kunnt.

Nun seufz ich nicht länger - ich säufe nur,
Mein Minister ist ein Mundschenke nur,
Mein Geheimrat singt wie die Nachtigall -
Und wild wächst der Wein im Gebirg und im Tal.

Wie mag es da drüben in Deutschland sein?
Ach Bruder, grüße die Deutschen fein.
Ach grüße mir jeden, der mich kennt,
Und jeden schönen deutschen Student.

                   XII

Auf meiner Lippe brennend Rot
Blüht nun die fürchterlichste Not,
Da blüht wie auf verdorrter Flur
Das bittre Kraut des Durstes nur.

Zwar hab ich frühe schon und spät
Versucht, was mich kurieren tät:
Liebfrauenmilch genoß ich schon
Als neugeborner junger Sohn.

Und frischte drauf den trocknen Schlund
Mit Wein aus Spanien und Burgund.
Ja mehr des goldnen Weins ich trank,
Als Regen auf die Felder sank,

Als Wasser einst im Meere floß,
Drin Pharao mit Mann und Roß
Zugrunde ging! Ja Wein soviel,
Als Wasser übern Rheinfall fiel! -

Doch immer, wie zu alter Zeit,
Plagt mich dasselbe Kreuz und Leid;
Es stachelt mich des Durstes Dolch,
Als bissen Schlangen mich und Molch.

Und preßtet ihr am ganzen Rhein
All Trauben in ein Faß hinein:
Ich tränk es aus auf einen Zug -
Und hätt noch immer nicht genug.

Und nähmt ihr aus dem ew'gen Rom
Die Kuppel von Sankt Petri Dom
Und fülltet sie mit rotem Wein -
Der Becher wär mir noch zu klein!

Drum hab ich lange schon gesagt:
O schrecklich, wen das Dürsten plagt!
Er ist wie ein verlaßnes Kind,
Das nirgends Ruh und Freude find't.

           XIII

Zu Feste lief ich wohl
Von hier bis nach Tirol,
Ich lief drei Meilen weiter,
Ich liefe froh und heiter
Für eine Kanne Wein
Bis in den Mond hinein.

Wär ich ein hohes Tier
Und hörte alles mir,
Und tät in meinen Reichen
Die Sonne nie erbleichen -
Gerät' am Rhein die Rebe nicht,
Ich war ein armer Wicht.

              XIV

Ich mag nicht räsonieren
Ins Dunkelblaue hinein!
Viel lieber will ich probieren
Einen kühlenden Abendwein.

Zwar vor den Herrn Gelahrten,
Da habe ich großen Respekt,
Sie haben schon manche Arten
Geschichten ausgeheckt.

Auch habe ich stets gefunden:
Den Schelling, Hegel, Kant,
Die hat man immer gebunden
In einen Schweinslederband.

Man sagt, daß dies eine Ehre
Für Menschenkinder sei -
Drum, wenn der Wein nicht wäre,
Da studiert ich Philosophei!

                     XV

Herr König, Ihr, in Gold und Samt,
Ihr seid ein hochgepreister!
Sagt, habt Ihr nicht ein kleines Amt
Als Obertrinkemeister?

Studieren tät ich manches Jahr
Am Neckar und am Rheine
Und an der Mosel und der Ahr
In rot und weißem Weine.

Beim Löwenwirte an der Lahn
Und seiner schönen Schwester
Hab ich mein Geld und Gut vertan
Und blieb dort zwölf Semester!

Bis mein Examen kam heran -
Da war Herr Hans gar fleißig:
Der Fässer größtes stach er an
Vom Jahre vierunddreißig.

Aus allen Schenken nah und fern
Erschienen vor den Toren
Der Fakultät gelahrte Herrn
Und spitzten ihre Ohren.

Und ich dozierte blitzgeschwind
Und wies vor allen Dingen,
Daß Kölner Schoppen kleiner sind
Als die zu Mainz und Bingen,

Und daß hier Simrock, der Poet,
Als Winzer auch zu schauen,
Wenn er zum Menzenberge geht,
Sein Drachenblut zu bauen. -

Mein römisch Glas, so hell und rein,
So grün und bunt gekräuselt,
Erhub ein besseres Latein
Als Cicero gesäuselt.

Da schrieb man mein Diploma gut
Auf Pergament und Leder
Und steckte auf den Doktorhut
Mir eine Pfauenfeder.

Die Bauern aus dem Binger Loch
Hab ich zum Schmaus genommen;
Doch bin ich, leider, nimmer noch
Auf grünen Zweig gekommen.

Drum König, Ihr, in Gold und Samt,
Ihr hoch und sehr gepreister,
Sagt, habt Ihr nicht ein kleines Amt
Als Obertrinkemeister?

Gebt mir, soviel ein ehrlich Mann
Mit Würde weiß zu fassen,
Und habt Ihr keine Lust - wohlan,
So mögt Ihr's bleiben lassen.

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