Weerth

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Biografie

Seite 3

              XVI

Es sehnt sich meine Seele
Nach einem kühlen Trunk.
Den besten, den ich wähle,
Der ist nur gut genung.
Er steht so schön im Glase
Und gibt so lichten Schein,
Wie Morgentau im Grase,
Wie Rosen auf dem Rain.

Ich fange an zu singen
Vom König Salomo,
Vom Fürst zu Flachsenfingen -
Und bin in dubio,
Ob nicht die blühnde Rebe
So jugendlich und hold
Viel besser sei als Stäbe
Von Silber und von Gold;

Ob man in jenen Welten,
Sind wir nicht fromm gewest,
Das Böse zu vergelten
Uns schrecklich dürsten läßt;
Ob oder arme Seelen
Man zu erfreuen denkt
Und die erschlafften Kehlen
Mit Geisenheimer tränkt?

Ich weiß nicht - und es kümmert
Mich wenig auch; wenn gut
Nur meine Flasche schimmert,
Da bin ich hochgemut.
Da ist zum Paradeise
Mir rings die Welt erblüht,
Da sing ich leise, leise
Ein alt verschollen Lied.

                  XVII

Und als ich einst am frühen Tag
Den großen Henkelkrug zerbrach:
Da ist der Wein geflossen
Wohl in die duftigen Sprossen.
Da tranken die Blumen groß und klein
Von meinem kühlen Klosterwein.

Da kamen Schmetterlinge bunt
Herüber aus dem Wiesengrund.
Da kamen lust'ge Fliegen,
Die täten im Kreise liegen,
Im Kreise wohl bis zum Abendschein
Bei meinem kühlen Klosterwein.

Da wurde mancher Trunk getan,
Da hub der Maienkäfer an:
"Mir ist so wohl zumute,
Als ob ich auf Lilien ruhte,
Als blühte schöner die Seele mein
Von diesem kühlen Klosterwein."

Da sprach die Bienenkönigin:
"Wie ist so lind mein hoher Sinn!
Komm her, daß ich dich drücke,
Komm her, verliebte Mücke,
Komm her, wir tanzen den Ringelreihn
Wohl um den kühlen Klosterwein!"

Da war besäuselt gar und ganz
Der jugendliche Schwalbenschwanz,
Er strich wohl durch die Moose:
"Zieht aus mir Mantel und Hose,
Ich habe getrunken zu großer Pein
Von diesem kühlen Klosterwein!"

Die Bremse war schon hoch betagt,
Sie hat kein einzig Wort gesagt,
Sie klagt' um ihre Tugend
Und die verlorene Jugend.
Sie hat sich ersäufet so stumm, allein
Tief in dem kühlen Klosterwein!

Und stille ward es rings umher,
Kein Jubeln und kein Singen mehr.
Es kam die Nacht geschritten,
Die Bremse hat ausgelitten.
Sie starb und rief in das Tal hinein:
"Leb wohl, du kühler Klosterwein!"

                 XVIII

Ich ließ das Roß zu Tale lenken,
Da traf ich zwei Gesellen fein,
Das war in einer alten Schenken
Der rote und der weiße Wein.

Sie sahn mich an aus großen Krügen,
Wie Gold und Rosen schauten sie.
Mein Herz empfand ein still Vergnügen,
Mir ward, ich wußte selbst nicht wie.

Kaum sah ich hell den Weißen funkeln,
Da half kein Bitten und kein Flehn.
Und sah ich, ach, den Roten, Dunkeln -
Da war es gleich um mich geschehn!

Wollt wandern ich am Morgen gerne:
Sah mich der Rote lockend an.
Und wollt ich ziehn beim Glanz der Sterne -
Hatt's mir der Weiße angetan!

Mir war's, zwei tolle Teufel zwackten,
Der ein am Bart mich armen Tropf,
Indes des andern Fäuste packten
Und zögen mich an meinem Zopf.

Sie zogen mich von Nacht bis Morgen,
Zwackten von Woche mich zu Mond:
Und Jahr und Tag hab ich verborgen
Bei den Gesellen schon gewohnt.

Nun oft, wenn in den Lindenbäumen
Der stille Mond spazierengeht:
Da ist's, daß mir ein seltsam Träumen
Leis schauernd durch die Seele weht.

Da träum ich wohl: die alte Schenke,
Die würde endlich still und leer -
Sie brach zusammen - und ich tränke
Wohl nimmer Oberingelheimer mehr.

                XIX

Gott grüß dich, alte Schenke,
Mit deinem runden Schild!
O gib ein gut Getränke,
Das meinen Kummer stillt.
O gib vom selben Weine,
den ich in Lust und Not
Wohl trank beim Abendscheine
Mit Freunden, die nun tot.

Da draußen stand die Erle
Und schlug ans Fenster leis;
Hier innen stieg die Perle
Im Glase silberweiß.
Und ringsumher Gesichter,
So lieb und wohlbekannt:
Der alte Friedensrichter
Saß oben an der Wand

In rotgeblümter Weste -
Ich mein, ich säh ihn noch,
Wenn er die andren Gäste
So fürchterlich belog,
Wenn er vom letzten Kriege
Erzählte wie ein Buch
Und fluchend nach 'ner Fliege
Mit beiden Fäusten schlug.

Ganz nah an seiner Seite,
Die Brille auf der Nas,
Der wunderbar gescheite
Magister loci saß.
In Heidelberg studiert' er
Philosophie und Jus,
Und sonderlich zitiert' er
Den Jobs und Tacitus.

Es lärmt' und schrie so heiser
Der dünne Advokat,
Die Kön'ge und die Kaiser
In Acht und Bann er tat.
Mit seinem Ziegenhainer
Hätt er sie gern entthront,
Auch hat den Nierensteiner
Er nimmermehr geschont.

Er trank - nur einer fand sich,
Der schärfer trank als er:
Trank er der Schoppen zwanzig -
Der Küster trank noch mehr!
Mit würdevollen Mienen
Sah er ins Glas hinein,
Wie Schimmer von Rubinen
War seiner Wangen Schein,

Und seine Stimme tönte
So schauerlichen Baß,
Als ob im Keller dröhnte
Ein altes Mutterfaß,
Als ob die Orgeln brummten
In aller Christenheit -
Wir staunten und verstummten
Für eine lange Zeit.

Und jedem Herzen bangte,
Bis daß der Musikant
Die braune Geige langte
Hernieder von der Wand.
Er strich die glatten Saiten,
Er strich sie hell und rein;
Wir täten ihn begleiten
Mit einem Chorus fein.

So war es einst! - Gekommen
Ist nun der Winter kalt,
Hat Blum' und Blut genommen
Aus Wiesen, Berg und Wald.
Verschwunden und vergessen
Sind, ach, für immerdar,
Die fröhlich hier gesessen
Manch langes liebes Jahr;

Die einst in Lust geschwommen
Und großer Freudigkeit,
Wenn da ins Land gekommen
Die Krammetsvögelzeit;
Die im gewölbten Saale
Erhuben Klang und Sang,
Wenn man zum ersten Male
Den neuen Weißen trank;

Die sich zusammenfanden
An Sankt Martini Tag,
Wenn man in allen Landen
Die Gans zu essen pflag;
Die nie nach Hause kamen,
Als wenn sie still entzückt
Und auch in Gottes Namen
Einen Rausch darauf gedrückt.

Was mag es doch bedeuten,
Mein Herz ist so voll Gram?
Die Abendglocken läuten
Da draußen wundersam.
Ich sah den Mond erscheinen,
Der durch die Wolken bricht,
Und weiß nicht, soll ich weinen,
Oder wein ich lieber nicht?

Drum hurtig zugegossen!
Ein überschäumend Glas:
Den seligen Genossen,
Euch Toten bring ich das!
Bis in die Gräber rauschet
Wohl dieser volle Klang:
Ihr fahrt empor und lauschet
Und winket: "Habe Dank!"


             Die Schenke

Mein Herz, des Sanges schier entwöhnet,
Schlägt jetzt von neuem wild und heiß.
Drum auf, ihr Saiten, klingt und tönet!
Ich singe einer Schenke Preis!

Dort ragt sie aus den Waldestannen
Und zeigt den Leu auf rundem Schild,
Dazu drei Krüge und drei Kannen
Und auch ein Sprüchlein fromm und mild.

Es ist der Schenken allerbeste!
Und Löwenburg wird sie genannt.
Kommt, tretet ein, seid meine Gäste,
Hier ist der beste Wein im Land!

Seht dort die Wirtin - schon von ferne
Winkt sie mit einem vollen Glas;
Ein lieblich Mahl bringt sie uns gerne
Und zapft aus einem neuen Faß!

Sie ist mir äußerst wohlgewogen,
Dieweil ich neulich klug und schlau
Ihr in das Angesicht gelogen,
Sie sei die wunderschönste Frau!

Geht ihr nun jubelnd durch die Türe,
Seht, daß der Töchter keine flieh;
Meintwegen küßt sie - ich erküre
Mir stets die liebliche Marie!

Denn Augen hat sie wie zwei Trauben
So dunkel - ist so schüchtern noch;
Den Kuß will nimmer sie erlauben -
Was tut's? Man kommt und küßt sie doch!

Wer widerstände auch der Schönen,
Wenn sie den vollen Becher bringt,
Wenn sie zu ihrer Harfe Tönen
Ein Lied mit heller Stimme singt?

Die Gäste lauschen in die Runde;
Denn alle Herzen singt sie wach!
Jetzt schweigt sie - und von Mund zu Munde
Schallt wild die letzte Strophe nach!

Doch nun, o Lied, mit frischem Tone,
Erkling aufs neu! Ihr Saiten, schwirrt!
Es kommt des Hauses Zier und Krone,
Der unvergleichlich dicke Wirt!

Er kommt! er kommt! mit prallen Lenden,
Er hat ein Bäuchlein wie ein Faß,
Sein Weib und sieben Kinder fänden,
Tät's Not, mitsamt darin Gelaß!

Sein rotes Antlitz scheint zu sagen:
"Mir war so mancher Wein gegönnt,
Daß er zusammen mit Behagen
Drei Königreich ersäufen könnt!"

Stolz ist er drauf, sein Weib zu führen
Am Sonntag in die Kirch hinein,
Doch bleibt er selber vor der Türen -
Für seinen Bauch ist sie zu klein!

Tut ihm der Tod dereinst mal winken,
Glaubt mir, er fährt gen Himmel nicht!
Er wird zurück zur Erde sinken -
Dieweil er ein zu groß Gewicht!

So kennt ihr nun die ganze Schenke,
Ihr kennt den Wirt mit Weib und Kind -
Und Pfalzwein ist ein gut Getränke,
Streicht übern Rhein der Morgenwind!


              An Köln

O Köln, du große Freudenstadt,
Was sag ich noch zu deinem Ruhme?
Wie du geblüht im grauen Altertume,
So blühst du noch - die schönste Blume,
Die je geblühet hat!

Dich preis ich, Königin, allein!
Der hohe Dom ist deine Krone!
Ha! wie es rauscht an deinem Uferthrone!
Die Völker bringt dir, jeder Zone,
Der rebengrüne Rhein.

Frohlockend grüßt dich ihr Gesang;
Und rascher schlägt den Schaum der Wellen
Der Schiffer, wenn in Tönen, wunderhellen,
Herab von Kirchen und Kapellen
Erklingt der Glocken Klang;

Wenn in der Abendsonne Strahl
Die buntbemalten Fenster sprühen,
Wenn rings die alten Gotenbögen glühen
Wie Laubgewinde, die erblühen
Mit Rosen ohne Zahl.

Still schreit ich durch das graue Tor,
Dran hoch hinauf die Linden ragen;
Und prächtig steigt der Glanz aus fernen Tagen,
Der ganze Zauber deiner Sagen
Vor meinem Geist empor!

Hier ist's, wo Agrippinens Haar
Sich lockig um die Schläfen drückte,
Wo Karl Martell vom Kapitole blickte
Und wo das Schwert, das blut'ge, zückte
Durch der Normannen Schar!

Hier rief zu deiner Bürger Krieg
Das Horn in schauerlichen Klängen;
Hier sah man Panzer gegen Panzer drängen
Und deinen Overstolzen sprengen
Zum Tode und zum Sieg!

Hier schuf der Maler rüst'ge Hand
Ein Heer von schimmernden Gestalten;
Und dort sah man um Mitternacht den alten
Albertus Magnus Wache halten
Ob staub'gem Foliant!

Das war vordem! Auf ihr Gebein
Ist längst der Grabesstein gesunken.
Dein Banner weht daran; und freudetrunken
Sah ich erglühn eilf goldne Funken
Und dreier Kronen Schein!

So hat es einst auf langer Fahrt
Gewallt von deiner Hansa Masten,
Wenn Stürme wild die weißen Segel faßten
Und drauf in Golfen kam zu rasten
Die Flotte, bunt geschart.

Es sah die Welt zu ew'gem Ruhm
Stets deine Bürger es geleiten;
Drum, wie die Jahre wild verheerend schreiten,
Du stehest da, zu allen Zeiten
Ein schönes Heiligtum:

Wo Freiheit noch die Herzen schwellt
Und kühne Männer noch zu schauen;
Wo noch im Glanz von Augen, schwarz und blauen,
Die Schar der minniglichen Frauen
An echter Treue hält!

Ich singe noch; da lischt im Strom
Das Abendglühn. Um die verwehten
Kirchtürme schon die dunklen Schatten treten;
Ich eile, eh es Nacht, zu beten
In deinem hohen Dom!


 Der Wein ist nicht geraten

Was hab ich doch vernommen
Für große Traurigkeit!
Es ist ins Land gekommen
Gar eine schlimme Zeit!
Der Wein ist nicht geraten
An Mosel, Rhein und Lahn,
Und was die Winzer taten,
Das ist umsonst getan!

Es pflanzte seine Reben
Ein jeder nett und fein;
Er dachte: Gott wird geben
Den lichten Sonnenschein,
Der fern die Wolke lenket,
Daß sie sich rauschend senkt,
Auch unsrer Hügel denket
Und frischen Tau uns schenkt.

Und oft zur Morgenstunde -
Kam Mai und Juni drauf -
Die irdne Pfeif im Munde,
Stieg er den Berg hinauf;
Und froh war sein Gemüte,
Wenn von der Felsenwand
Die erste junge Blüte
Den süßen Duft gesandt,

Wenn sich zu voller Traube
Die Beeren angesetzt
Und in dem grünen Laube
Ein Schimmern war zuletzt:
Als säh man herrlich prangen
Des Goldes hellen Schein,
Als wär der Berg behangen
Rings mit Rubinenstein!

"Gott ist mir gut gewesen!"
So klang des Winzers Lied;
"Bald werd ich lustig lesen,
Was mir der Herr beschied!
Ein schöner Erntemorgen
Bricht in den Dörfern an,
Vorbei nun Gram und Sorgen,
Ich bin ein froher Mann!"

Er sprach's. Da zog mit Stürmen
Der kalte Herbst daher:
Er sah die Wolken türmen
Sich rings so regenschwer.
Verschwunden ist sein Hoffen!
Das kurze Glück ist aus!
Von hartem Schlag getroffen
Geht weinend er nach Haus!

Du wirst die Hände legen
Nicht an die Kelter dein!
Nun träuft des Weines Segen
Nicht in dein Faß hinein!
Du wirst kein Lied mehr singen!
Kein Brot und wärmend Kleid
Wirst du den Kindern bringen,
Ist alles rings verschneit!

Drum, die ihr in den Städten
Nach vollen Schüsseln langt,
Die ihr mit güldnen Ketten,
Mit Kreuz und Sternen prangt,
Die ihr den Nierensteiner
Im tiefen Keller habt
Und oft mit Ingelheimer
Die durst'gen Kehlen labt,

Die ihr im schmucken Saale
Aus grünen Römern zecht,
Des Morgens Speciale,
Am Abend Schoppen stecht,
Die ihr bei Lust und Scherzen
Verjubelt Nacht auf Nacht -
Denkt, daß mit schwerem Herzen
Manch armer Winzer wacht!

Denkt, daß zu allen Tagen,
Denkt, daß bei uns von je
Man immer hörte sagen:
"Nur Wohl und Keinem Weh!"
Und laßt das Scherflein springen
So lustig an den Rhein,
Wie ich dies Lied tät singen
Frei in die Welt hinein!


                      Das Nackte

Kalt bleibt dein Sinn, kalt bleibt dein bestes Streben,
Du gleichst dem Wurme, der verlassen wühlt -
Beglückt nur, wer ein warmes Menschenleben
Mit seinen beiden Armen einst gefühlt!
An dessen Herz ein ander Herz geschlagen,
An dessen Haupt ein ander Haupt gelehnt,
Der von dem Strom der Liebe fortgetragen
Zum Meere der Erfüllung sich gesehnt.

Der Strom der Liebe wiegt auf blauen Wellen
Vorüber dich an blumenreichem Strand;
Die Rose grüßt den stürmischen Gesellen,
Ihm nickt die Rebe von der Felsenwand.
Doch weiter eilst du, bis gewalt'gen Flusses
Der Ozean vor deinen Augen blinkt,
Bis jauchzend im Orkane des Genusses
Dein Herz vernichtet in die Wogen sinkt.

Das ist die Taufe, draus ein neues Wesen
Beglückt entwandelt zu der Sonne Strahl.
Zum Liebling hat dich die Natur erlesen,
Ein ganzer Mensch warst du zum ersten Mal.
Der Augenblick, der Alles dir erschlossen,
Er ist's, er stempelt dich sofort zum Mann;
Aus der Umarmung ist dir frisch entsprossen,
Worauf die Keuschheit tausend Jahre sann!

Der das Erhabenste zu meißeln dachte,
Dem weisen Griechen, ihm gelang es nur:
Als ihm der Nacktheit süßer Zauber lachte,
Die Fülle der entschleierten Natur.
Und wie das Bild, dem Marmor losgewunden,
So strahlt der Meister auch durch alle Zeit,
Der Göttliches im Menschen nur gefunden
Und Sitte nur in reiner Sinnlichkeit.

Das oft geweint mit weinenden Madonnen,
Ein Auge, das durchflog der Dome Chor:
Es mag sich freudig auch im Glanze sonnen
Des Heitern und der Reize frischem Flor.
Was bei der Nacht geheimnisvoller Feier
Dein Gott, dein Leben und dein Liebstes war:
Laß es beseelen Meißel auch und Leier
Und sich gestalten nackt und frei und klar.

Zum Schatten wandelt es das beste Leben,
Es hat den kühnsten Adler schon gelähmt,
Wenn sich die Kraft in ihrem vollsten Streben
Erzitternd der Natürlichkeit geschämt.
Wie die Natur in ihrer ew'gen Schöne,
In edler Nacktheit schimmert nur allein,
So mögen ihre Töchter auch und Söhne
Nicht fürchten, sinnlich, wie sie sind, zu sein.


                   Freund Lenz

Aus fernen Wolken braust ein dumpfer Ton.
Die Donner sind es, so der Welt verkünden,
Daß wieder der Natur geliebter Sohn,
Der Frühling, wandelt zu der Erde Gründen.
Bei andern Völkern hat er lang geweilt,
Da war's, daß jüngst die Kunde ihn ereilt,
Wir hier im Norden trügen heiß Verlangen,
Aufs neu zu schauen seiner Blüte Prangen.

Er kommt. Und aus des Südens frohen Talen,
Wo träumend er im Lorbeerwalde lag,
Wo er zum Fest bei glutgefüllten Schalen
Des Myrtenhaines vollste Kränze brach,
Wo mit dem Zephir er die Wangen kühlte
Und buhlerisch in schwarzen Locken wühlte -
Fern aus dem Süden hat er alle Pracht
Herauf jetzt in den Norden uns gebracht.

Er setzt sich lächelnd auf die Hügel hin -
Da weht ein Duften rings durch Fels und Auen,
Zum Forste lustig Falk und Taube ziehn,
Und Knospen rötlich aus den Gärten schauen.
Der Bäche Lauf schmückt er mit lichtem Samt,
Es blitzt der Tau, hellauf die Sonne flammt -
Und nieder steigt er von den Hügelthronen
Hinab zum Tale, wo die Menschen wohnen

Mit ihrer Lust, mit ihrem bittern Leid,
Mit ihren Freuden, ach, und ihren Tränen,
Mit all dem Ringen, all dem herben Streit,
Mit all dem Hoffen, all dem stillen Sehnen.
Er ist's, der in des Armen Hütte schaut,
Der zu ihm spricht, wenn kaum der Morgen graut:
"Getrost, wie deine Freuden auch zerstieben,
Dir Armen ist der Lenz noch treu geblieben!

Hinaus! Durch meine Blumen sollst du schreiten,
Ich labe dich mit meiner Wälder Grün,
Durch Busch und Wiese will ich dich geleiten
Den Berg hinan, wo meine Rosen glühn.
Ich zeige dir, wie nieder zu den Flächen
Befreit die Ströme ihre Bahnen brechen,
Und wie der Nacht erblüht der Sterne Schein,
Zieh ich, der Lenz, in deine Seele ein!

Ich küsse deiner Kinder müde Stirnen,
Ob all ihr Glanz verloschen und verstaubt;
Ich will gleich der Lawine von den Firnen
Wälzen den Gram von ihrer Mutter Haupt.
Und Feuer menge ich mit deinem Blute,
Daß bald die Hand, die nur am Pfluge ruhte,
Zum Schwerte greift und ringend im Gefecht
Von Schmach befreit ein unterdrückt Geschlecht!"


                   Die Natur

Natur, mit deinen strahlenden Kolossen,
Die du die Ewigkeit zur Dauer nahmst:
Nur zur Vollendung bist du erst ersprossen,
Seit du im Menschen zum Bewußtsein kamst,
Im Menschen nur, des stürmende Gedanken
Der Freiheit wunderbarstes Gut geraubt,
Der auf den Trümmern jetzt von Trug und Schranken,
Sein eigner Gott, an dich, an sich nur glaubt.

Wohl mag sein Auge keck den Himmel fragen,
Wenn Sonn an Sonne wirbelnd sich bewegt:
"Ihr andern Welten, habt ihr je getragen
Ein solches Kleinod, wie die Erde trägt?
Trugt Menschen ihr, die trotz der grausen Zweifel,
Die wild zersplittert ihre beste Kraft,
Doch stets zum Kampfe mit dem alten Teufel,
Dem Wahne, kühn zusammen sich gerafft?

Und die gesiegt!" - Wohlan, Sieg und Triumphe
Laßt schmettern eurer Krieger vollsten Chor!
Es trug der Mensch aus tausendjähr'gem Sumpfe
Die Freiheit jubelnd an das Licht empor.
Was frühe Völker ahnend vorempfunden,
Er freut sich dessen in bacchant'scher Lust;
Er hat den größten Riesen überwunden,
Vertilgt den Zweifel seiner eignen Brust!

Der einst dem Feuer seine Kniee beugte,
Der Hekatomben opfernd niederschlug,
Der einen Gott auf Sinai erzeugte -
Triumph! - der hat jetzt an sich selbst genug!
Und wie der Kranich liebt die Wolkenbahnen,
Und wie der Löwe liebt der Wüste Spur:
So liebt der Mensch die Fluren seiner Ahnen
Und weilt entzückt auf seiner Erde nur.

Ob Millionen wandeln auch im Dunkeln -
Das Jahr entrollt! - Es leuchtet sonder Wahl
Der Stern der neuen Zeit, hell wird er funkeln
Auch ihren Seelen mit gewalt'gem Strahl.
Die Priester dieser Tage fordern Knechte
Und Sklaven nicht - sie fordern laut und frei,
Daß jeder, treu dem angestammten Rechte,
Hinfort ein Mensch mit freien Menschen sei.


            Vernunft und Wahnsinn

Dem Morgen träumt nicht, was der Abend bringt,
Wenn lächelnd wohl aus rosenrotem Osten
Sein erster Strahl durch Wald und Fluren dringt,
Des Taues frische Perlensaat zu kosten,
Wenn ihr Erwachen hell die Amsel preist
Und Hirsche wandeln zu des Tales Bronnen,
Wenn um die Gletscher still der Adler kreist,
Sich in der Frühe heil'gem Licht zu sonnen.

Blau schaut die Blume aus des Feldes Garben,
Auf Moor und Weiher schwankt des Schilfes Kranz.
Es fließt der Strom in Regenbogenfarben
Zum Meere, wiegend seiner Wellen Tanz.
Und rauschend im gewalt'gen Wogenliede
Dehnt unabsehbar sich die grüne Flut -
Und Freude nur und wundervoller Friede
Auf Festland, Insel und Gewässern ruht.

Doch wie zum Mittag wandelt sich der Morgen,
Hüllt sich in Schleier auch des Tages Pracht.
Was einer frühen Stunde tief verborgen,
Es bricht herein mit Angst und Graus und Nacht.
Der Himmel tönt von rasselnden Gewittern,
Die Erde zuckt und birst zu jähem Spalt,
Und heulend über Fels und Eichensplittern
Der Sturm entfesselt seine Bahnen wallt.

Es rast die Brandung an zerfetzten Küsten,
Und Dunkel herrscht, bis aus entwölkten Höhn,
Als ob sie nichts von Sturm und Wetter wüßten,
Die Sterne ruhig strahlend niedersehn.
Und die vom Staub bis auf zum Firmamente
Gewälzt sich mit dämonischer Gewalt:
Sie schlummern dann, die starken Elemente,
Bis sie ein neuer Kampf zusammenballt.

So ewiglich, mit wechselndem Gestalten,
Sklavischen Laufes rollt und kreist das All!
Nicht schöner mag sich die Natur entfalten,
Noch wenden sich als zu gewohntem Fall.
Die Welt und Welten aneinander bannte
Mit unerbittlicher Notwendigkeit:
Nur in den Geistern ihrer Menschen brannte
Sie fort zu schrankenloser Herrlichkeit!

Seit von der Lippe greiser Patriarchen
Der Weisheit blumenreiche Rede floß,
Bis wo die Schädel stürzender Monarchen
Zerstampft der Freiheit jugendliches Roß:
Hat die Natur mit ihrer Donnerstimme
Gesungen stets den mahnenden Gesang,
Daß jeder folge seinem Gram und Grimme
Wie seines Herzens liebevollem Drang.

Die gleich der Möwe keck die See umschwanken,
Die gleich der Schwalbe ihre Heimat baun,
Die gleich der Wolke blitzen den Gedanken
Und gleich dem Falken forschend niederschaun;
Die sich mit Palmen über Hügeln wiegen,
Mit Rosen träumen auf bemooster Flur,
Die gleich dem Tiger ziehn von Krieg zu Kriegen -
Sie sollten folgen ihrem Innern nur!

In gleicher Schönheit flammten durch die Zeiten
Des Raumes Wunder; nur zu höherm Flug
Mocht seines Geistes ries'ge Schwingen breiten
Der Mensch, der alle Kraft im Busen trug,
Der, ob er knechtisch sich im Staube wühlte
Und zitternd sich vor Thron und Altar wand -
Doch wieder keck mit seinen Göttern spielte
Und freier nur und herrlicher erstand!

Der eignen Brust ist Freud und Leid entsprungen;
Vernunft und Wahnsinn! Schon jahrtausendlang
Hat dieses fürchterliche Paar gerungen,
Den Kampf gewälzt vom Auf- zum Niedergang.
Es weht der Staub zermalmter Nationen
In düstern Massen auf von ihrem Pfad;
Und ob sie ruhig beieinander wohnen -
Sie rasten nur zu neuer, größrer Tat!

In Ost und West ein reges Völkerleben,
Vom Meere schallt's bis zu der Wüste Saum.
Das ist ein Ringen, Schaffen nur und Streben
Auf Feldern, Gassen und der Märkte Raum.
Und kommt der Morgen sacht herangeschritten:
Da scheint's, nur Segen schmücke rings das Land,
Als schaue Liebe süß aus hundert Hütten,
Als herrsche rings nur ordnender Verstand. -

Wohl mag die Blume außen üppig winken,
In ihrem Herzen wohnt nur Angst und Qual!
Wie einst muß heute noch der Weise trinken
Des Wahnsinns giftdurchfluteten Pokal.
Mit Blute leimen sie ihr Werk zusammen,
Die satt durchtaumeln Tempel und Palast;
Die Armut röchelt Wimmern und Verdammen,
Und wild die Lust aus goldnen Schüsseln praßt!

Doch wie der Wahnsinn, folgend seinem Rechte,
Sinnlos mag rasen - so durch alle Welt
Hat die Vernunft ihr Recht, daß sie die Nächte
Des Wahnsinns funkenstiebend auch erhellt,
Daß, eine Löwin, sie die Glieder schüttelt
Und wieder naht in drohender Gestalt,
Daß sie den Wahnsinn aus den Fugen rüttelt
Und über Trümmer fort zum Siege wallt!

Vernichtet wird der Wahn zu Boden rollen,
Der mit Gewalt und schmeichelndem Geschwätz
Gebeut, daß Alle Einem folgen sollen,
Der Schranken schafft und Regeln und Gesetz,
Der seine Liebe macht zu Aller Liebe
Und seinen Haß zum Hasse Aller nur,
Der sie vergleicht, die menschlich freien Triebe,
Der Elemente sklavischen Natur! -

Der Erde goldner Morgen ist verronnen,
Anbrach der wilde, wetterschwangre Tag.
Es hat den langen, herben Streit begonnen,
Was schlummernd einst in tiefster Seele lag.
Fort mag er sich durch alle Zeiten türmen -
Es kennt der Mensch kein Ruhn und Stillestehn.
Nur aus des Wahnsinns fürchterlichsten Stürmen
Wird die Vernunft zu schönerm Siege gehn!


                  Die Industrie

Vor ihm sind tausend Jahre wie der Tag,
Der gestern schied mit feierlichem Prangen;
Denn was der Sturm der Zeiten auch zerbrach -
Ihm ist er machtlos nur vorbeigegangen,
Ihm nur, der Menschheit wundervollem Geist,
Den ewig seine eigne Schöne preist,
Der frei entwandelt jeglicher Vernichtung,
Der leuchtend zieht die eigne Bahn und Richtung!

Er wohnte an des Indus heil'ger Flut,
Er stürmte durch der Griechen grüne Felder,
Er strahlt' und blühte in ital'scher Glut
Und sang sein Lied im Dunkel deutscher Wälder.
Er schwebte durch der Meere wüsten Schwall,
Und in des Niagara Donnerfall
Erscholl sein Ruf: "Wie auch die Jahre schreiten:
Ich bin derselbe wie zu alten Zeiten!"

Wohl hat er als das Höchste sich bewährt,
Der Mensch, der kühn die Elemente bändigt,
Der rastlos fort und weiter nur begehrt,
Des Streben nie mit einem Abend endigt,
Dem der Gestirne Wandel so bekannt
Wie seiner Heimat blumenreiches Land,
Dem täglich neue Welten sich erschließen
Zu neuer Tat, zu schönerem Genießen!

Erfindrisch greift er in die Gegenwart:
Da keimt es auf zu schimmernder Gestaltung!
Was ein Jahrhundert ahnungsvoll erharrt,
Es ward, es ist in herrlicher Entfaltung! -
O Toren, die dem Leben ihr entrückt,
Euch stets an alten Wundern nur entzückt:
Die Wunder, so der Gegenwart entsprossen,
Sind groß wie die der Tage, so verflossen! -

Es ging der Mensch durch grüner Wälder Pracht,
Und prüfend wählte er die Riesenfichte;
Er wand das Eisen aus der Berge Schacht
Und trug's empor zum frohen Sonnenlichte.
Drauf, in der Schiffe flutbespültem Raum,
Fuhr er frohlockend zu dem Küstensaum
Entfernter Völker, transatlant'schem Strande
Die Kunde bringend europä'scher Lande.

Und in der Städte dampf umhülltem Schoß,
Wie rast die Flamme wild aus tausend Essen!
In reinen Formen windet es sich los,
Was ungebildet die Natur besessen. -
O wär's dem sel'gen Gotte doch erlaubt,
Aufs neu zu heben sein ambrosisch Haupt:
Hephaistos, säh den Dampf die Bahn er wallen,
Dem Menschen staunend, würd er niederfallen!

Nicht braucht's der Morgenröte Flügel mehr,
Um sich zu betten in den letzten Zonen:
Die eigne Kunst trägt brausend uns einher
Weit durch den großen Garten der Nationen!
Entgegen eilt, was Strom und See getrennt,
Und rings in Millionen Augen brennt
Hell das Bewußtsein, daß die Nacht entschwunden,
Der Mensch den Menschen wieder hat gefunden!

So donnert laut das Ringen unsrer Zeit,
Die Industrie ist Göttin unsren Tagen!
Zwar noch erscheint's, sie halte starr gefeit
Mit Basiliskenblick der Herzen Schlagen;
Denn düster sitzt sie auf dem finstern Thron,
Und geißelnd treibt zu unerhörter Fron,
Tief auf der Stirn des Unheils grausen Stempel,
Den Armen sie zu ihrem kalten Tempel!

Und Menschen opfernd steht sie wieder da,
Des Irrtums unersättliche Begierde;
Weinend verhüllt sein Haupt der Paria,
Indes der andre strahlt in güldner Zierde:
Doch Tränen fließen jedem großen Krieg,
Es führt die Not nur zu gewisserm Sieg!
Und wer sie schmieden lernte, Schwert und Ketten,
Kann mit dem Schwert aus Ketten sich erretten!

Was er verlieh, des Menschen hehrer Geist,
Nicht Einem - Allen wird es angehören!
Und wie die letzte Kette klirrend reißt
Und wie die letzten Arme sich empören:
Verwandelt steht die dunkle Göttin da -
Beglückt, erfreut ist Alles, was ihr nah!
Der Arbeit Not, die niemand lindern wollte,
Sie war's, die selbst den Fels beiseite rollte!

Dann ist's vollbracht! Und in das große Buch,
Das tönend der Geschichte Wunder kündet,
Schreibt man: "Daß jetzt der Mensch sich selbst genug,
Da sich der Mensch am Menschen nur entzündet."
Frei rauscht der Rede lang gedämpfter Klang,
Frei auf der Erde geht des Menschen Gang!
Und die Natur mit zaubervollem Kusse
Lockt die Lebend'gen fröhlich zum Genusse!


                       Gericht

Ich sitze nieder, ein Gericht zu halten,
Und rufe mahnend: "Auf, erwacht, erwacht!
Erscheint vor mir, ihr Schädel jäh zerspalten!
Erscheint, ihr Leiber, so das Rad zerkracht!
Erscheint, die ihr gebrandmarkt in den Falten
Der düstern Stirn, erscheint in blut'ger Tracht!
Erscheint, erscheint, ihr gräßlichen Gestalten
Der Knochenstätte und der Kerkernacht!

Heran von eurer schwankenden Galeere,
Die sehn'gen Arms ihr noch die Wogen schlagt!
Heran, die ihr der Ketten Zentnerschwere
Auf einer Festung gras'gen Wällen tragt!
Heran, die Tag und Nacht ihr in der Leere
Dumpfiger Zellen nie zu schlafen wagt:
Auf daß nicht lebend euch der Zahn verzehre,
Der hungrig schon am Korridore nagt.

Und ihr, herbei, ihr bleichen Sünderinnen!
Ihr, noch vor Monden wundersam geschmückt,
Herbei, die ihr verbergt im schmutz'gen Linnen
Die Brust, dran tausend Rosen einst gedrückt!
Herbei, die ihr zu schrecklichem Beginnen
Auf euer Liebstes einst den Stahl gezückt!
Herbei, die ihr von eines Turmes Zinnen
Wahnsinnig jetzt ins Grau der Wolken blickt!

Erscheint, ihr schon Gerichteten! Ich rechte
Ein zweites Mal. Ich schrecke laut und dreist
Empor euch aus dem Grame langer Nächte;
Aufsteigt vor meinem Geist, erscheint und weist
Die Nacken mir, drauf man mit Ruten rächte
Die Missetat; ihr tief Verworfnen, reißt
Ab das Gewand, abschüttelt Lock und Flechte
Vom Aug, das glanzlos durch die Höhlen kreist!

Ist dies der Mund, dem man Bewundrung zollte,
Als er von süßen Liedern überfloß?
Ist dies die Stirn, die den Gedanken rollte,
Kühn, wie er einst olymp'schem Haupt entsproß?
Ist dies die Brust, die nur nach Taten grollte,
Durch die das Blut in wilden Sätzen schoß?
Und dies das Auge, das nur strahlen sollte,
Das eine Welt der Liebe einst erschloß?

Habt ihr so Fürchterliches denn verbrochen,
Daß ihr der Milde nimmer würdig seid?
Nur wert noch, daß euch jäh die Brust durchstochen,
Daß raffiniert man Qual an Qualen reiht?
Nicht würdig mehr, daß Herzen für euch pochen,
Daß eine Stimme bittend für euch schreit?
Nur wert noch, daß euch barsch der Stab gebrochen,
Daß euch der Henker in die Fratze speit? -

Nur Beile wußte man für euch zu wetzen,
Wenn wild der Hunger das Gedärm zerriß!
Nur Lumpen warf man hin und ekle Fetzen,
Wenn euch der Winter in die Schultern biß!
Mit Fabeln wußte nur der Pfaff zu letzen,
Wen rauh die Gicht aufs faule Lager schmiß!
Man folterte mit Not euch und Gesetzen,
Und nur der Tod, der Tod war euch gewiß!

Ihr Unglücksel'gen, die man frech geschändet,
Die im Spitale klagend ihr verreckt,
Die ihr im Rausch der Jugend schon geendet -
Getrost! Kein Teufel euch im Grabe schreckt.
Getrost schlaft weiter! Eh das Jahr sich wendet,
Ein neu Geschlecht die jungen Glieder reckt,
Das euern Kindern ernst sein Wort verpfändet,
Das siegreich nur das Schwert zur Scheide steckt!

Aufküßt ein ander Glühn an allen Orten
Die Herzen alle, die so lang erstarrt.
Ob Saat und Saaten elend auch verdorrten -
Ein neuer Frühling unsrer Erde harrt!
Und andre Fahnen schimmern, andre Borten;
Der Zorn, der mut'ge Renner, stampft und scharrt,
Und vor der Zukunft weit erschloßnen Pforten
Lärmt kampfgerüstet schon die Gegenwart."


                Erst achtzehn Jahr

Ein letztes Glühn! Da zog an brit'scher Küste
Dämmernd herauf die schönste Winternacht;
Im Mondenstrahle floß die Wasserwüste,
Und auf den Hügeln lag des Schnees Pracht.
Leer das Gestad. Es schwieg der Dampfer Sausen;
Matros und Krieger war'n des Tages matt; -
Doch durch die Stille sandte dumpf ihr Brausen
London, der Themse dunkle Riesenstadt.

Ihr galt es gleich, mocht auch der Schlummer drücken
Manch müdes Auge zu ersehnter Ruh;
Es wälzte donnernd über Park und Brücken
Derselbe Lärm sich nur dem Morgen zu.
Zaubrisch und still da draußen das Gefild!
Hier nur das Volk, in buntem Strome, wild
Zusammenflutend, schaffend, ringend, suchend,
Schwelgend und darbend, betend bald und fluchend!

Und Schimmern rings, von Dach und Tor und Fenster;
Dort buhlt die Luft in seidenem Gewand!
Hier überm Golde höhnische Gespenster
Und dort geballt die magre Bettlerhand!
Ein Seufzer hier, ein Kuß dort! Von Terrassen
Und Treppen: Jubel, Flüstern und Gestöhn -
Das ist der Tanz, in dem auf Londons Gassen
Sich rastlos zwei Millionen Menschen drehn!

Er brauste fort. Da hob auch Sie vom Lager
Sich sacht empor; es fiel der Sterne Licht
Auf die Gestalt, so tief gebeugt, so hager,
Und auf ihr bleiches, starres Angesicht.
Sie sann - nur einen Augenblick; sie preßte
Das kranke Kind an ihre nackte Brust;
Das arme Weib schritt rasch durch die Paläste;
Ach, das Wohin - sie hat es nicht gewußt!

"Der Mutter Brot! Und Kleider diesem Kinde!"
So rief sie. "Oh, wie toll das Herz mir schlägt!
Gern trüg ich dich, mein Sohn, so warm und linde,
Wie wohl die Mutter ihre Kinder trägt.
Noch ist es Zeit! Bist du erst großgezogen
Und siehst am Strand der Schiffe bunte Schar:
Da eilst du treulos durch die blauen Wogen,
Ein wilder Seemann, wie dein Vater war!

Dein Vater? Still! - Das war ein sel'ger Morgen,
Als weinend ich an seiner Brust erwacht!
Es kam der Mai, der Juni drauf, verborgen
Hielt ich, was früh mich schon so bleich gemacht.
Erst als im Herbst das gelbe Laub der Bäume
Leis rauschend in die grüne Themse fiel:
Da ward erfüllt der schönste meiner Träume -
Und achtzehn Jahr, da steh ich schon am Ziel!

Erst achtzehn Jahr! Und schon so fahl mein Leben!
Erst achtzehn Jahr! Und arm und elend schon!
Doch halt! - Froh will ich meine Stirne heben,
Dem Vaterlande gab ich diesen Sohn!
Ha! Reizt denn niemand mein so junger Leib?
Sagt, die ihr klirrt mit Kreuzen und mit Ketten,
Seid ihr nicht reich genug, um nur ein Weib,
Ein britisch Weib vom Hungertod zu retten?"

Sie schwieg. Dem Gott, der niemals sie erhörte,
Sie sandte kein Gebet ihm himmelwärts.
Trüb ward ihr Blick. - Das siedend sich empörte,
Ihr Blut, zu Eis gerann's - ausschlug ihr Herz!
Die Lippe bebend jetzt von einem Fluche! -
Ein Lächeln dann - sie sank - rings tiefe Ruh -
Und die Natur mit schnee'gem Leichentuche
Deckte das reinste ihrer Kinder zu! -

Geschloßnen Augs, erstarrt der Knabe lag
Fest an der Mutter marmorkalten Brüsten,
Als weit ein Leuchten durch den Nebel brach
Und Sonnenstrahlen Strom und Hügel küßten;
Fern von Westminster feierlich Geläut -
So tönt es an der Kön'ge Sarkophagen;
Es klang so weit - es war, als müßt es heut
Rings nur der Welt den Tod der Armen klagen! -

Die Glocke klang - doch nicht für dich gerührt,
Armselig Weib! Getrost! Laß sie erdröhnen
Den toten Kön'gen nur. Dir ja gebührt,
Du früh Verblichne, wohl ein ander Tönen.
Dir tönt der Schrei, den jüngst die Not gepreßt
Aus tausend Herzen, der in Ost und West
Die Völker ruft in einen Bund zusammen -
Und deine Mörder werden sie verdammen!