Weerth

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Biografie

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       Das Hungerlied

Verehrter Herr und König,
Weißt du die schlimme Geschicht?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.

Und am Mittwoch mußten wir darben,
Und am Donnerstag litten wir Not;
Und ach, am Freitag starben
Wir fast den Hungertod!

Drum laß am Samstag backen
Das Brot, fein säuberlich -
Sonst werden wir sonntags packen
Und fressen, o König, dich!


Es wurde dunkel auf den Gassen

Es wurde dunkel auf den Gassen,
Da schlichen sie ins letzte Haus,
Sie täten stumm die Gläser fassen
Und tranken trübes Bier daraus.
Erst als die Mitternacht gekommen,
Da hat ein Alter das Wort genommen:

"Wohl hab ich lang auf Gott vertrauet,
Denn dieser, sagt man, lenkt die Welt,
Und mit dem Pflug hab ich bebauet
Mein schönes grünumgebnes Feld.
Doch ach, was half der Felder Prangen?
Bin hungrig oft zu Bett gegangen."

"Und wir, wir führten manche Jahre
Die Spindel schon mit rascher Hand,
Wir spannen Fäden, fein und klare,
Zu warmem wollenem Gewand.
Doch ach, was auch die Hände taten -
Sind selber nie in die Wolle geraten."

Und andre sehr gemeine Leute -
Man sah's am schlechten schäb'gen Rock -
Sie sprachen: "Fast es uns gereute,
Daß wir gepflanzt den Rebenstock.
Ob lustig sprühn des Weines Funken,
Wir haben selbst nur Wasser getrunken!"


Die rheinischen Weinbauern


An Ahr und Mosel glänzten
Die Trauben gelb und rot;
Die dummen Bauern meinten,
Sie wären aus jeder Not.

Da kamen die Handelsleute
Herüber aus aller Welt:
"Wir nehmen ein Drittel der Ernte
Für unser geliehenes Geld!"

Da kamen die Herren Beamten
Aus Koblenz und aus Köln:
"Das zweite Drittel gehöret
Dem Staate an Steuern und Zölln!"

Und als die Bauern flehten
Zu Gott in höchster Pein,
Da schickt er ein Hageln und Wettern
Und brüllte: "Der Rest ist mein!"

Viel Leid geschieht jetzunder,
Viel Leid und Hohn und Spott,
Und wen der Teufel nicht peinigt,
Den peinigt der liebe Gott!


                 Arbeite

Du Mann im schlechten blauen Kittel,
Arbeite! Schaffe Salz und Brot!
Arbeite! Arbeit ist ein Mittel,
Probat für Pestilenz und Not.

Arbeite! Rühre deine Arme!
Arbeite sechzehn Stunden so!
Arbeite! Nachts ja lacht das warme,
Das Lager dir von faulem Stroh.

Arbeite! Hast ja straffe Sehnen.
Arbeite! Denk, mit schwangerem Leib
Harrt in der Hütte dein mit Tränen
Ein schönes leichenbleiches Weib.

Arbeite! Gleich der Stirn der Rinder
Ist ja die deine breit und dick.
Arbeite! Deine nackten Kinder,
Die küssen dich, kehrst du zurück.

Arbeite bis die Adern klopfen!
Arbeite bis die Rippe kracht!
Arbeite bis die Schläfen tropfen -
Du bist zur Arbeit ja gemacht!

Arbeite bis die Sinne schwinden!
Arbeite bis die Kraft versiegt!
Arbeite! - Wirst ja Ruhe finden,
Wenn dein Gebein im Grabe liegt.


Das Lied von der verunglückten Kartoffel

Zur Nacht auf ihrem Lager lag
Eine arme, kranke Kartoffel.
Sie hob sich matt empor und sprach,
Sie sprach zu dem armen Stoffel:

"O Stoffel, unglücklicher Mann,
Ich fühl's, daß ich sterben werde!
Schon kommt der Tod, der schlimme, heran
Und rafft mich von der Erde.

Zwar frag ich nach mir selber nicht,
Nicht will ich mich bedauern.
Doch wenn ich schaue dein bleich Gesicht,
Da muß ich trauern und trauern.

Dir blüht kein Wein und Weizen nicht,
Hast weder Ochs noch Rinder,
O Stoffel, bist ein armer Wicht,
Du hast nur hungrige Kinder.

Was wird aus deinen Kindern nun,
Die fröhlich waren noch gestern,
Wenn ich bald werde im Grabe ruhn
Mit all meinen lieblichen Schwestern?

Sie starben in Ober- und Niederland,
Sie starben mit Weh und Gewinsel,
Sie starben an Englands weißem Strand
Und auf der smaragdenen Insel.

Sie starben, und ach, ich folg ihnen nach!"
So sprach die kranke Kartoffel.
Sie schwieg, und das Herz, das Herz ihr brach -
Aufschluchzte der arme Stoffel

Und weinte die Nacht mit Weib und Kind,
Und der Hunger, der wollte nicht weichen.
Dumpf brauste der kalte Novemberwind
In den prächtigen deutschen Eichen.


Lieder aus Lancashire

 Es war ein armer Schneider

Es war ein armer Schneider,
Der nähte sich krumm und dumm;
Er nähte dreißig Jahre lang
Und wußte nicht warum.

Und als am Samstag wieder
Eine Woche war herum:
Da fing er wohl zu weinen an
Und wußte nicht warum.

Und nahm die blanken Nadeln
Und nahm die Schere krumm -
Zerbrach so Scher und Nadel
Und wußte nicht warum.

Und schlang viel starke Fäden
Um seinen Hals herum -
Und hat am Balken sich erhängt
Und wußte nicht warum.

Er wußte nicht- es tönte
Der Abendglocken Gesumm.
Der Schneider starb um halber acht,
Und niemand weiß warum.


Die hundert Männer von Haswell

Die hundert Männer von Haswell,
Die starben an einem Tag;
Die starben zu einer Stunde;
Die starben auf einen Schlag.

Und als sie still begraben,
Da kamen wohl hundert Fraun;
Wohl hundert Fraun von Haswell,
Gar kläglich anzuschaun.

Sie kamen mit ihren Kindern,
Sie kamen mit Tochter und Sohn:
"Du reicher Herr von Haswell,
Nun gib uns unsern Lohn!"

Der reiche Herr von Haswell,
Der stand nicht lange an;
Er zahlte wohl den Wochenlohn
Für jeden gestorbnen Mann.

Und als der Lohn bezahlet,
Da schloß er die Kiste zu.
Die eisernen Riegel klangen,
Die Weiber weinten dazu.


  Der alte Wirt in Lancashire

Der alte Wirt in Lancashire,
Der zapft ein jämmerliches Bier.
Er zapft' es gestern, zapft es heute,
Er zapft es immer für arme Leute.

Die armen Leut in Lancashire,
Die gehen oft durch seine Tür;
Sie gehn in Schuhen, die verschlissen,
Sie kommen in Röcken, die zerrissen.

Der erste von dem armen Pack,
Das ist der bleiche, stille Jack.
Der spricht: "Und was ich auch begonnen -
Hab nimmer Seide dabei gesponnen!"

Und Tom begann: "Schon manches Jahr
Spann ich die Fäden fein und klar;
Das wollene Kleid mocht manchem frommen -
Bin selbst aber nie in die Wolle gekommen!"

Und Bill darauf: "Mit treuer Hand
Führt ich den Pflug durch britisch Land;
Die Saaten sah ich lustig prangen -
Bin selbst aber hungrig nach Bett gegangen!"

Und weiter schallt's: "Aus tiefem Schacht
Hat Ben manch Fuder Kohlen gebracht;
Doch als sein Weib ein Kind geboren -
Goddam - ist Weib und Kind erfroren!"

Und Jack und Tom und Bill und Ben -
Sie riefen allesamt: "Goddam!"
Und selbe Nacht auf weichem Flaume
Ein Reicher lag in bösem Traume.


      Der Kanonengießer

Die Hügel hingen rings voll Tau;
Da hat die Lerche gesungen.
Da hat geboren die arme Frau -
Geboren den armen Jungen.

Und als er sechzehn Jahre alt:
Da wurden die Arme strammer;
Da stand er in der Werkstatt bald
Mit Schurzfell und mit Hammer.

Da rannt er den Öfen in den Bauch
Mit schweren Eisenstangen,
Daß hell aus Schlacken und aus Rauch
Metallne Bäche sprangen!

Kanonen goß er - manches Stück!
Die brüllten auf allen Meeren;
Die brachten die Franzen ins Ungelück
Und mußten Indien verheeren.

Die warfen Kugeln, leidlich schwer,
Den Chinesen in die Rippen;
Die jauchzten Britanniens Ruhm daher
Mit eisernen Kehlen und Lippen!

Und immer goß der lust'ge Held
Die blitzenden Geschütze:
Bis ihm das Alter ein Bein gestellt,
Die Fäuste wenig nütze.

Und als sie versagten den Dienst zuletzt,
Da gab es kein Erbarmen:
Da ward er vor die Tür gesetzt
Wohl unter die Krüppel und Armen.

Er ging - die Brust so zornig weh,
Als ob sie der Donner duchgrollte
Von allen Mörsern, die er je
Hervor aus den Formen rollte.

Doch ruhig sprach er: "Nicht fern ist das,
Vermaledeite Sünder!
Da gießen wir uns zu eignem Spaß
Die Vierundzwanzigpfünder."


Sie saßen auf den Bänken

Sie saßen auf den Bänken,
Sie saßen um ihren Tisch,
Sie ließen Bier sich schenken
Und zechten fromm und frisch.
Sie kannten keine Sorgen,
Sie kannten kein Weh und Ach,
Sie kannten kein Gestern und Morgen,
Sie lebten nur diesen Tag.

Sie saßen unter der Erle -
Schön war des Sommers Zier -
Wilde, zorn'ge Kerle
Aus York und Lancashire.
Sie sangen aus rauhen Kehlen,
Sie saßen bis zur Nacht,
Sie ließen sich erzählen
"Von der schlesischen Weberschlacht."

Und als sie alles wußten,
Tränen vergossen sie fast,
Auffuhren die robusten
Gesellen in toller Hast.
Sie ballten die Fäuste und schwangen
Die Hüte im Sturme da;
Wälder und Wiesen klangen:
"Glück auf, Silesia!"


Herüber zog eine schwarze Nacht

Herüber zog eine schwarze Nacht.
Die Föhren rauschten im Sturme;
Es hat das Wetter wild zerkracht
Die Kirche mit ihrem Turme.

Zerschmettert das Kreuz, zerdrückt der Altar,
Zermalmt das Gebein in den Särgen -
Die gotischen Bögen wälzen sich
Donnernd hinab von den Bergen.

Zum Dorfe stürzt sich Turm und Chor
Als wie zu einem Grabe -
Da fährt entsetzt vom Lager empor
Und spricht zur Mutter der Knabe:

"Ach Mutter, mir träumte ein Traum so schwer,
Das hat den Schlaf mir verdorben.
Ach Mutter, mir träumte, soeben wär
Der liebe Herrgott gestorben."


Das ist das Haus am schwarzen Moor

Das ist das Haus am schwarzen Moor!
Wer dort im letzten Winter fror,
Der friert dort nicht in diesem Jahr -
Er sank schon längst auf die Totenbahr.

Das ist das Haus am schwarzen Moor,
Das Haus, wo der alte Jan erfror.
Zur Tür gewandt das weiße Gesicht,
Starb er und wußt es selber nicht.

Er starb. - Da kam, wie ein scheues Reh,
Der Tag und hüpfte über den Schnee.
"Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!" -
Der Jan keine Antwort geben kann.

Da erhuben die Glocken ihr hell Geläut,
Sie sangen und klangen und riefen so weit:
"Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!" -
Der Jan keine Antwort geben kann.

Da kamen die Kinder aus der Stadt:
"Wir wissen, wie lieb er uns alle hat;
Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!" -
Der Jan keine Antwort geben kann.

Tag, Glocken und Kinder er nicht verstund.
Da nahte die sonnige Mittagsstund,
Da nahte ein armes Weib: "Mein Jan,
Willst essen und trinken nicht, alter Mann?

Sieh, was ich brachte dir aus der Stadt;
Sollst froh nun werden und warm und satt!" -
Die Alte sah lange auf ihren Jan,
Da fing sie bitter zu weinen an.

Da weinte sie an dem schwarzen Moor,
Am Moor, wo der alte Jan erfror;
Da weinte sie ihr brennend Weh
Hinunter in den kalten Schnee.


          Der arme Tom

Es sprach der Tod zum armen Tom:
"Armer Tom, komm, o komm,
Komm hinab ins kühle Grab,
Komm, Tom, komm hinab!

Sei nur getrost und fasse Mut,
Armer Tom, bin dir gut.
Komm, ich bringe dich zur Ruh,
Komm, Tom, ich deck dich zu!

Ich deck dich zu mit Blumen fein,
Armer Tom; alle Pein
Sollst du nun vergessen, Tom,
Komm, Tom, komm, o komm,

O komm, dieweil dein Bett gemacht!" -
Durch die Nacht klang es sacht,
Klang es also wundersam:
"Komm, Tom!" - bis Tom kam.


                Mary

Von Irland kam sie mit der Flut,
Sie kam von Tipperary;
Sie hatte warmes, rasches Blut,
Die junge Dirn, die Mary.
Und als sie keck ans Ufer sprang,
Da riefen die Matrosen:
"Die Dirne Mary, Gott sei Dank,
Gleicht einer wilden Rosen!"

Und als sie schritt zum Markte frank,
Sprach ein Gesell mit Grüßen:
"Die Dirne Mary, Gott sei Dank,
Geht auf zwei weißen Füßen."
Und als sie saß zu Liverpool
Mit schwarz verwegnen Blicken,
Da wollten sich um ihren Stuhl
Die Menschen schier erdrücken.

Von Irland kam sie mit der Flut,
Sie kam von Tipperary:
"Wer kauft Orangen, frisch und gut?"
So rief die Dirn, die Mary.
Und Mohr und Perser und Mulatt
Und Juden wie Getaufte -
Das ganze Volk der Handelsstadt,
Es kam und kaufte, kaufte.

Da fuhr kein Schiff den Fluß hinauf,
Da schwamm auch keins zum Meere:
Saß ein verliebter Schiffsjung drauf
Und dacht: Oh, wenn ich wäre
Erst auf dem Markt zu Liverpool,
Da sitzt von Tipperary,
Mit den Orangen auf dem Stuhl,
Die junge Dirn, die Mary!

Gab es wohl größre Liebe je?
Die Dirn am Mersey-Strande
Hatt tausend Schätze auf der See
Und mehr noch auf dem Lande.
In jeder Zone, wo der Mast
Von einem Fahrzeug krachte,
Schwamm eine Seemannsseele fast,
Die an Orangen dachte. -

Sie aber trotzte wild und keck,
Ob auch die Lippen brannten,
Stets an des Markts geschäft'ger Eck
Den bärtigen Bekannten.
O Leid um all die frischen Küss -
Sie hatte kein Erbarmen,
Sie fluchte, schrie, und ach, sie riß
Sich los aus allen Armen!

Und mit dem Geld, das sie gewann
Für saft'ge, goldne Früchte,
Lief hurtig sie nach Hause dann
Mit zornigem Gesichte.
Sie nahm das Geld und schloß es ein;
Und erst im Januare
Gen Irland sandte flink und fein
Das blanke sie und bare.

"Das ist für meines Volkes Heil,
Das schenk ich euern Kassen!
Auf, schärft den Säbel und das Beil
Und schürt das alte Hassen!
Wild überwuchern möchte gern
Den Klee von Tipperary
Die Rose England - grüßt den Herrn
O'Connell von der Mary."


   Klagelied eines Irländers


      Nach Mrs. Blackwood

Nun sitz ich auf der Bank, Mary,
Auf der wir saßen traut
An dem schönen Morgen im Monat Mai,
Als einst du meine Braut.
Es sproßte frisch und grün das Korn,
Und die Lerche sang so weit;
Dein Mund war rosarot, Mary,
Dein Auge voll Lieblichkeit.

Die Bank ist ganz wie sonst, Mary,
Schön ist des Morgens Glühn.
Wie damals steigt die Lerche auf,
Und das Korn ist wieder grün;
Doch fühl ich nicht den Druck der Hand,
Nicht deines Atems Hauch,
Nicht tönt mir deine Stimme mehr,
So oft ich horche auch.

Zur kleinen Kirche will ich gehn,
Den Turm seh ich von hier;
In jener Kirche wurd ich einst,
Mary, getraut mit dir.
Doch übern Kirchhof müßt ich ja -
Möcht stören deine Rast,
Lieb Mary, die du tief im Grab
Dein Kind am Busen hast.

Verlassen bin ich - neue Freunde,
Der Arme findet sie so schwer;
Doch oh, die wen'gen, die er findet,
Er liebt sie desto mehr!
Und du warst ja mein Alles, Mary,
Mein Stolz und meine Lust,
Und Alles, ach, verlor ich, Mary,
Als sterben du gemußt.

Mit deinem treuen, guten Herzen,
Wie hofftest du so lang,
Als mit dem alten Gottvertrauen
Mein Arm ermattet sank!
Trost sprachst du mir in meine Seele
Und sahst mich bittend an -
Und Dank sei, Mary, dir für Alles,
Was du mir Liebes getan!

Dank dir für dein geduldig Lächeln,
Als du, vom Hunger geplagt,
Deine Qual verbargst um meinetwillen
Und nicht ein Wort gesagt!
Und Dank dir für dein letztes Grüßen,
Als ach, dein Herze brach,
Und oh, es freut mich, daß du weilest,
Wo nichts nun kränken dich mag.

Ade! Von dannen muß ich ziehen,
Muß lassen der Heimat Strand;
Doch werd ich auch dein gedenken, Mary,
In dem fernen, neuen Land.
Man sagt, dort gibt es Brot genug,
Und die Sonne geht nimmer zur Ruh -
Doch nimmer vergeß ich, Alt-Irland, dich,
Wär's auch dreimal schöner als du!

In jenen alten, großen Wäldern
Will ich sitzen, ein einsamer Mann;
Und zurück nach dem Ort, wo Mary ruht,
Wird reisen mein Herze dann,
Bis ich meine, ich sähe die kleine Bank,
Wo zusammen wir saßen traut
An dem schönen Morgen im Monat Mai,
Als einst du meine Braut.


       Deutscher und Ire


In England war die Nacht kalt;
Zwei junge Gesellen, wohlgestalt,
Ein Deutscher und Ire, sich trafen
Und sanken auf eine Streu, zu schlafen.

Der eine schaute den andern an,
Und jeder dachte: "Mein Schlafkumpan,
Der ist nicht zu Haus an diesem Strande,
Der ist geboren in anderem Lande."

Und murmelten drauf zur selben Zeit:
"Und ach, das ist ein Jammer und Leid;
Es scheint, ihm blühten noch wenig Rosen -
Schau seinen Rock und die schlechten Hosen."

Und riefen endlich wohl lachend zugleich:
"Und du kommst auch nimmer auf grünen Zweig!"
Und da grüßten sie sich, daß hell es geklungen
In deutscher wohl und in irischer Zungen.

Und ob auch keiner den andern verstand -
Treuherzig reichten sie sich die Hand
Und wurden Genossen in Freud und Leide -
Denn arme Teufel waren sie beide.


         Gebet eines Irländers

Sankt Patrick, großer Schutzpatron,
Du sitzt auf dem warmen Himmelsthron;
O sieh mich an mit freundlichem Sinn,
Dieweil ich ein armer Paddy bin!

Sankt Patrick, sieh, die Nacht kommt bald,
Von England weht es herüber so kalt;
O blicke auf meinen schäbigen Frack
Und auf meinen löchrigen Bettelsack!

Sankt Patrick, tu, was dir gefällt!
So groß und so schön ist ja alle Welt.
O laß mich werden, was du willt,
Nur bleiben nicht solch ein Menschenbild!

O laß mich werden ein Blümlein blau,
Dann mag ich trinken den kühlen Tau!
O laß mich werden ein braunes Reh,
Dann kann ich fressen den grünen Klee!

O laß mich werden ein stolzer Bär,
Dann geh ich im warmen Rock daher!
O laß mich werden ein schöner Schwan,
Dann wohn ich auf Strom und Ozean!

O mach aus mir einen Panther wild,
Einen Leu, daß hoch meine Mähne schwillt,
Einen Tiger, auf daß ich manch reichen Tyrann
Mit rasselnden Tatzen zerreißen kann! -

Doch, Patrick, ach, taub bleibt dein Ohr;
Der Paddy bleib ich wohl nach wie vor.
's bleibt alles wie sonst, und die Nacht ist kalt,
Und der Dan O'Connell wird dick und alt.


Handwerksburschen-Lieder

      Der Abschied

Meine alte, gute Mutter,
Die nähte die halbe Nacht;
Sie hat mir aus feinem Linnen
Ein feines Hemd gemacht.

Meine wunderschöne Schwester,
Die hat einen freien Sinn;
Die stickte mit stolzer Seide
Meinen stolzen Namen darin.

Und morgens, um halber viere,
Da hat der Hahn gekräht;
Nun schnüre seinen Ranzen,
Wer auf die Reise geht!

Und morgens, um halber fünfe,
Da hab ich meinen Vater geweckt;
Der hat drei rostige Kronen
In meinen Sack gesteckt.

Wir standen unter der Linde,
Da ward mein Herz so schwer;
Meine treue Mutter meinte,
Sie sähe mich nimmermehr.

Mein Vater ward so stille,
Meine Schwester schluchzte darauf -
Da ging in den Weizenfeldern
Die goldene Sonne auf.

Und vor den Toren klang es:
"Ade, du dumpfige Stadt!
Nun freue sich, wer ein freies,
Ein lustiges Leben hat!"


     Auf hohem Berge

Ich stand auf hohem Berge
Und blickte ins Tal hinab:
Dort wohnen die kleinen Menschen,
Die lange geliebet ich hab!

Dort ragt die graue Kirche,
Die ist schon alt genug;
Dort schrieb mich einst der Küster
Ins große Kirchenbuch.

Und drüben steht die Kapelle,
Dort sang ich den ersten Choral;
Der Kantor spielte die Geige
Und schlug mich mannigmal.

Doch wo die Linden rauschen,
Da glänzt ein schneeweißes Haus;
Dort schauen die Monatsrosen
Hoch oben zum Fenster hinaus. -

O blühet fort, ihr Rosen,
Ohn Not und Ungemach,
Bis daß ich euch wiederschaue
Wohl über Jahr und Tag;

Bis daß ich wieder wandle
Die heimlichen Gassen hin,
Bis daß ich wieder küsse
Meine lustige Nachbarin.


    Im grünen Walde

Sie lagen im grünen Walde,
Sie lagen im grünen Gras,
Da sangen sie alsobalde
Diskant, Tenor und Baß.

Der Schneider sang Diskante,
Der Schuster, der blies Tenor,
Der Schreiner gar galante,
Der brüllte den Baß hervor.

Zuerst begann der Schneider
Und tanzte mit leichtem Schritt:
"Ich mache die windigen Kleider
Nach Wiener und Hamburger Schnitt."

"Und ich", erhub mit Grüßen
Der Schuster und lachte dazu,
"Ich mache manch zierlichen Füßen
Den reizenden, zierlichen Schuh."

Und kräftig brüllte der Schreiner,
Daß das Reh im Walde sich barg:
"Geschickter wie ich ist keiner,
Ich mache so Wiege als Sarg."

Und Schreiner und Schuster und Schneider,
Sie sangen zusammen im Takt:
"Ohn windige Schneider, leider,
Da ginge schier alles nackt!

Und wäre kein Schuster lebendig,
Da liefe man üblen Trab;
Und ohne den Schreiner, anständig
Käm keiner hinab ins Grab." -

So sangen sie wohl im Walde,
Es blitzte das grüne Gras.
Es klangen an Strom und Halde
Diskant, Tenor und Baß.


Drei schöne Handwerksburschen

Drei schöne Handwerksburschen,
Die schwammen wohl über den Rhein;
Sie traten bei einem Meister
Zur kleinen Türe hinein.

Der erste sprach mit dem Meister,
Der zweite grüßte die Frau,
Der dritte küßte die Tochter
Mit Augen so lieb und blau.

Und als sie den Wein getrunken
Und auch gegessen den Fisch,
Da saßen mit krummen Beinen
Zusammen sie auf dem Tisch.

Und schlugen wie Nachtigallen
Und stachen mit Nadeln drein
Und nähten die Hosenlätze
Bis gegen den Sternenschein.

Wie lieblich blitzten die Sterne
Zu Köln, in der alten Stadt!
Ein jeder der drei Gesellen
Seine Nadel zerbrochen hat.

Der erste sprach mit dem Meister,
Der zweite grüßte die Frau,
Der dritte küßte die Tochter
Mit Augen so lieb und blau.

Und schwammen zurücke wieder
Wohl über den rauschenden Strom -
Die großen Glocken klangen
Herab von dem großen Dom.


   Um die Kirschenblüte

Und um die Kirschenblüte,
Da haben wir logiert,
Wohl um die Kirschenblüte
In Frankfurt einst logiert.

Es sprach der Herbergsvater:
"Habt schlechte Röcke an!"
"Du laus'ger Herbergsvater,
Das geht dich gar nichts an!

Gib uns von deinem Weine,
Gib uns von deinem Bier;
Gib uns zu Bier und Weine
Auch ein gebraten Tier!"

Da kräht der Hahn im Spunde -
Das ist ein guter Fluß!
Es schmeckt in unsrem Munde
Als wie Urinius.

Da bracht er einen Hasen
In Petersilienkraut:
Vor diesem toten Hasen
Hat es uns sehr gegraut.

Und als wir war'n im Bette
Mit unsrem Nachtgebet:
Da stachen uns im Bette
Die Wanzen früh und spät.

Dies ist geschehn zu Frankfurt,
Wohl in der schönen Stadt,
Das weiß, wer dort gelebet
Und dort gelitten hat.


Herr Joseph und Frau Potiphar

       Eine biblische Romanze

            Lieblich zu lesen

Als dazumal Herr Potiphar
Im schönen Land Ägypten
Noch königlicher Kämmrer war:
Da bot man den betrübten,
Den Joseph, ihm als Sklave an
Und kam nach vielem Schwatzen
Drin überein, der fremde Mann
Sei wert ein Zwanzig Batzen.

Und Potiphar war schlau genung,
Ihn balde zu erstehen,
Denn schön war Joseph, rasch und jung
Und freundlich anzusehen.
"Du sollst", so sprach der Kämmerling,
"In meinem Haus regieren
Ob Brot und Fleisch und ander Ding
Und mir die Wirtschaft führen."

Und übel war's nicht, was er tat.
Es folgte aller Wegen
Dem jungen Joseph früh und spat
Nur Gottes eitler Segen.
Er war beliebt bei seinem Herrn
Wie bei der gnäd'gen Frauen,
Und wie man sagt, sie mochte gern
Den Judenjungen schauen.

Er war so frisch, er war so rot,
Er hatte schlanke Glieder.
Sie schlug, wenn guten Tag er bot,
Auch stets die Augen nieder;
Und träumrisch sah man oft sie gehn
Am schönen Nilesstrande,
Allwo die Pyramiden stehn -
Kirchtürme jener Lande.

Wenn drauf der kühle Nachttau fiel
Auf Palmen und auf Tannen
Und Vogel Strauß und Krokodil
Ihr Abendlied begannen:
Da setzte sich die Königin,
Geschmückt mit goldnen Franzen,
An ein idyllisch Plätzchen hin
Und dichtete Romanzen.

Von Liebe sang sie, das ist wahr,
Von Rosen und von Küssen,
Von schwarzen Augen, lock'gem Haar,
In glühenden Ergüssen.
Den Redakteur des Wochenblatts
Ließ morgens sie zitieren,
Der mußte den poet'schen Schatz
In Eile publizieren.

Doch wie's der Liebe wundersam
Im Leben pflegt zu gehen,
Der Joseph wollte ihren Gram
Noch immer nicht verstehen.
Von Liebe lag sein Herz so fern
Wie Rom von Flachsenfingen,
Auch wollte er den gnäd'gen Herrn
Nicht gern in Schande bringen.

Da tobte die Ägypterin,
Sie rang die weißen Hände.
Schwarz flutete ihr Haupthaar hin,
Und los um Brust und Lende
Flog wild ihr purpurnes Gewand -
So trat sie liebedürstend
Herein, wo unser Joseph stand,
Den Sonntagsrock sich bürstend.

Das Auge Glut, die Lippe Brand,
Die Wangen wie im Fieber,
Wie eine Bombe hergesandt
Aus größestem Kaliber.
Im Wonnerausch zu Füßen sank
Sie Jakobs edlem Sohne,
Und ächzend ihre Stimme klang:
"Bei Gott, du bist nicht ohne!

Sei mir gegrüßt! Ich liebe dich,
Du bräunlicher Hebräer.
O sieh mich an, sieh her und sprich:
Kann Dichter oder Seher
Ein schöner Weib im Traume sehn,
Als du zu deinen Füßen
Sich winden siehst mit brünst'gem Flehn
Um deinen Kuß, den süßen?

Sieh meine Schultern weiß und rund
Von dunklem Haar umflossen;
Sieh wie die Ros auf meinen Mund
All ihren Glanz ergossen,
Wie diese Brust sich wallend hebt,
Von Tränen sanft befeuchtet,
Wie dir mein Herz entgegenbebt,
Wie dir mein Auge leuchtet!

Mein Lied erklingt so sehnsuchtschwer
Wie Murmeln einer Quelle;
Ich eile flüchtiger daher
Als Panther und Gazelle.
Und wilder meine Küsse glühn
Als Sonn- und Wettergluten,
Wenn zischend sie herniedersprühn
Und durch die Wolken fluten.

Ich wiege dich an meiner Brust
Zu wundersamen Träumen;
Ich lasse dir zu höchster Lust
Den vollen Becher schäumen;
Und rollt dein Blut und pocht dein Herz
In immer wildern Schlägen:
Sanft will ich dann den süßen Schmerz
Mit neuen Küssen pflegen!"

So sprach Madame Potiphar
Und konnt ihn nicht erweichen.
Der Stockphilister Joseph war
Ein Esel sondergleichen.
Er schritt wohl auf die Hausvogtei
Und hat sich sehr verwundert:
Wie alsosehr verderbet sei
Sein lasterhaft Jahrhundert.


Die deutschen Verbannten in Brüssel

Und in den Kaffeehäusern von Brüssel,
Da saßen sie und weinten
Und hingen die Paletots an die Wände
Und tranken Mokka mit Zucker und Kognak
Und seufzten und jammerten sehr - wenn
Dein sie gedachten, germanische Heimat!

Verbannte waren's. Der Zorn des
Sechsunddreißigeinigen deutschen
Bundestag-Gottes verstieß sie -
Stieß sie hinaus, die Geächteten,
Lieblos hinaus in des Auslands
Weiche, sammetgepolsterte Sessel.

Sinnend schaut ich sie oft; und entsetzt dann
Hört ich, wie laut sie zu klagen
Erhoben: "O weh uns! Nimmer
Essen wir jetzt mehr deinen
Pumpernickel, Westfalen! und
Posen, deine Kapusta!

Nicht mehr rauschen die Fichten uns deiner
Seligen Steppen, o Uckermark! Nicht mehr
Fühlen den Biß wir deiner
Kasernen-Wanzen, o Preußen! Und nicht mehr
Sinken entzückt wir an deine
Gänsebrüste, ambrosisches Pommern!

Nicht mehr tönet der Männer der
Bernsteinküst liberales Gejammer
Erfreulich ins Ohr uns! - Nicht mehr
Werden wir Dome erbaun und
Betrinken mit euch uns, ihr
Heiligen Kölner!

Ferne die Heimat! Ferne ja alles, was
Reiz noch dem Leben verlieh und das Dasein
Köstlich machte - und traurig
Sitzen wir, ach, wir großen, blonden
Teutonen nun unter den kleinen
Bräunlichen Belgiern!

Müssen Burgunder trinken und
Leid'gen Champagner und Austern
Essen, Ostender, Fasanen und tête de
Veau en tortue und was sonst noch
Bietet die Fremde an kaum wohl
Genießbaren Sachen!

Müssen statt lieblich deutscher
Vergißmeinnicht-Kinder des Auslands
Schwarzumlockte brennende
Rosen jetzt küssen und
Tanzen Cancan am Sabbat, wo sonst wir
Brünstig gebetet in Odins ragenden Tempeln.

Müssen allein jetzt wandern den dorn'gen
Lebensweg, nicht länger bewacht von
Väterlichen Gendarmen, die gern uns
Stets daheim geschützt vor der Pest
Moderner Ideen und
Hochverrätrischer Tollheit!

Ach! Verlassen sind wir; und ihr nur
Nehmet noch Anteil an uns, ihr teuren
Vaterländ'schen Spione und du, o
Repräsentant der preuß'schen Nation, du
Hehrer, gewaltiger Graf, du
Henckel von Donnersmarck!!" -

Also sangen sie wohl in Brüssel, die
Deutschen Verbannten; - ich hört sie
Klagen im Café des Arts und
Im Café Suisse und im Café der Tausend
Säulen - und Wehmut
Drang durch die liebende Brust mir.